{"id":2190,"date":"2025-09-18T14:44:57","date_gmt":"2025-09-18T12:44:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.muenster.org\/projektmarischa\/?p=2190"},"modified":"2025-09-18T14:44:58","modified_gmt":"2025-09-18T12:44:58","slug":"stellungnahme-zu-oeffentlichen-auftritten-und-positionen-von-nadja-habibi-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.muenster.org\/projektmarischa\/2025\/09\/18\/stellungnahme-zu-oeffentlichen-auftritten-und-positionen-von-nadja-habibi-3\/","title":{"rendered":"Stellungnahme zu \u00f6ffentlichen Auftritten und Positionen von Nadja Habibi"},"content":{"rendered":"<p>Neben unserer t\u00e4glichen Arbeit mit den Adressierten, macht es eine fachlich fundierte Soziale Arbeit n\u00f6tig, sich auch mit den politischen und feministischen Diskursen rund um das Thema zu befassen. Leider werden diese oftmals moralisierend, wenig sachlich und ohne umfangreiches Hintergrundwissen gef\u00fchrt. Dabei treten unterschiedliche Akteur*innen in Erscheinung, die sich h\u00e4ufig selbst als Expert*innen framen, jedoch eine moralische Panik sch\u00fcren, welche die ohnehin oft eingeschr\u00e4nkte gesellschaftliche Wahrnehmung auf das Thema weiter verzerren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In M\u00fcnster haben sich in den letzten Monaten Auftritte dieser Art geh\u00e4uft, weshalb wir uns als einzige hiesige Interessensvertretung von Sexarbeitenden dazu gezwungen sehen, einige Inhalte daraus kritisch einzuordnen. Explizit befassen wir uns dabei mit Nadja Habibis Vortr\u00e4gen. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin, Sozialarbeiterin und Aktivistin im linken, marxistischen Spektrum. Ihre Vortr\u00e4ge hielt sie sowohl bei der \u201eLangen Nacht der Bildung\u201c des Instituts f\u00fcr Politikwissenschaft sowie bei der Ring-Vorlesung \u201eRecht kritisch denken\u201c der Rechtswissenschaftlichen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t M\u00fcnster.<\/p>\n<p><strong>1. Ausschluss statt Solidarit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Den Vortrag auf der \u201eLangen Nacht der Bildung\u201c einleitend, bekundet Nadja Habibi volle Solidarit\u00e4t mit Sexarbeitenden, vertritt jedoch eine klar abolitionistische Haltung, die auf deren Abschaffung abzielt. Damit verengt sich die angepriesene Solidarit\u00e4t sogleich drastisch, w\u00e4hrend gleichzeitig eklatante Widerspr\u00fcche offenbart werden. Die Tatsache, dass sich eine anwesende Sexarbeiterin aufgrund der Atmosph\u00e4re und der Inhalte nicht traute, auf einige Aussagen zu reagieren und sich besch\u00e4mt f\u00fchlte, verdeutlicht, dass solche Zuschreibungen Stigmata, Ausschluss und damit das Gegenteil von Solidarit\u00e4t erzeugen. R\u00e4ume, in denen Sexarbeitende aus Furcht vor Diskriminierung schweigen, stehen damit im Widerspruch zu emanzipatorischen Anspr\u00fcchen und wahrer Solidarit\u00e4t. Daneben hat ein solcher Ausschluss auch Effekte auf die Gesellschaft: er verunm\u00f6glicht ein kollektives Verstehen und Lernen hinsichtlich struktureller Bedingungen sowie ein Empowerment mit Blick auf patriarchale und kapitalistische Strukturen. Etwas, in dem wir uns alle befinden; etwas, mit dem wir alle einen Umgang suchen. Wer also Solidarit\u00e4t anpreist, muss sie auch leben \u2013 selbst dann, wenn unterschiedliche \u00dcberzeugungen aufeinandertreffen.<\/p>\n<p><strong>2. Das Viktimisierungsnarrativ<\/strong><\/p>\n<p>Dass diese R\u00e4ume bei Habibis Vortr\u00e4gen Grenzen haben, zeigt sich auch in dem reproduzierten Narrativ, dass Menschen in der Sexarbeit vor allem als entrechtete Opfer portr\u00e4tiert. So scheint Solidarit\u00e4t lediglich denen vorbehalten, die \u201eleiden\u201c, die aussteigen wollen, die sich als stilisiertes Opfer des Patriarchats eignen. Das eine solche Perspektive Menschen entm\u00fcndigt, indem sie ihnen Selbstbestimmung und Handlungsf\u00e4higkeit abspricht, wird geflissentlich ignoriert. Echte Solidarit\u00e4t erfordert jedoch die Anerkennung aller Sexarbeitenden als selbstbestimmte, verantwortliche und auch politische Subjekte, selbst wenn sie unter prek\u00e4ren Bedingungen leben und arbeiten.<\/p>\n<p><strong>3. Kapitalismuskritik braucht B\u00fcndnisse \u2013 nicht Ausschl\u00fcsse<\/strong><\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu skizziert Habibi politisierte, aktivistische Sexarbeitende als ein Problem: Sie w\u00fcrden durch das Anbieten sexueller Dienstleistungen ein misogynes Frauenbild reproduzieren. Das zeigt, wo bestimmter Feminismus an seine Grenzen st\u00f6\u00dft \u2013 etwa dort, wo Menschen widerst\u00e4ndig sind und f\u00fcr ihre Rechte eintreten uns insbesondere dann, wenn es nicht der eigenen \u00dcberzeugung entspricht. Wir nennen das einen falsch verstandenen und sexarbeitsfeindlichen Feminismus.<\/p>\n<p>Habibi beruft sich dabei immer wieder auf marxistische Theorie, bleibt aber eine konkrete Klassenanalyse schuldig. Sie spricht meist in privilegierten, akademischen Kontexten und das ist auch okay, denn auch sie muss innerhalb kapitalistischer Bedingungen ihren Lebensunterhalt sichern (genauso wie Sexarbeitende \u00fcbrigens auch). Dennoch verkennt sie damit die politische Organisierung von Sexarbeitenden als Teil der Arbeiter*innenklasse, die f\u00fcr bessere Bedingungen k\u00e4mpfen und damit zentraler Aspekt jedes ernst gemeinten marxistischen Anspruchs sein sollten. Der Vorwurf der \u201eprivilegierten Sexarbeiterin\u201c greift hier nicht (das tut er \u00fcbrigens nie): Strukturell erfordert politisches Engagement bestimmte Ressourcen, \u00fcber die nicht alle verf\u00fcgen, z.B. Geld, Zeit und Mut. Trotzdem hilft dieses Engagement auch jenen, die sich selbst nicht \u00e4u\u00dfern (k\u00f6nnen oder wollen).<\/p>\n<p><strong>4. Der liberale Feminismus als Feindbild<\/strong><\/p>\n<p>Dass liberale Beratungsstellen Sexarbeit als Arbeit anerkennen, nutzt Habibi f\u00fcr die populistische Schlussfolgerung, dass Vergewaltigungen dieser Logik folgend Kontexten von Zwangsarbeit entsprechen w\u00fcrden. Diese grobe und gef\u00e4hrliche Vereinfachung verwischt die Grenzen zwischen Gewalt und konsensualer Entscheidungen und spricht \u00dcberlebenden sexualisierter Gewalt ihre Erfahrungen ab. Weiter behauptet Habibi, dass einige Stimmen des liberalen Spektrums Menschenhandel \u201eArbeitsmigration\u201c nennen w\u00fcrden. Dabei unterscheiden wir seit jeher ganz strikt zwischen konsensueller Sexarbeit und sexuellen Zwangslagen. Beides sind unterschiedliche Gegenst\u00e4nde, die auch differenziert betrachtet werden m\u00fcssen. Dabei stellt es keinen Widerspruch dar, gleichzeitig f\u00fcr die Rechte von Sexarbeitenden und gegen Menschenhandel zu sein. Werden diese Themen miteinander vermischt, drohen beiden, Sexarbeitenden sowie Opfern von Menschenhandel horrende Folgen.<\/p>\n<p>Diesem Vorwurf stellen wir also uns entschieden entgegen. Unsere langj\u00e4hrige Vernetzung mit anderen akzeptierenden Beratungsstellen zeigt das Gegenteil: wir und andere Beratungsstellen arbeiten eng mit Organisationen gegen Menschenhandel zusammen und setzen uns gemeinsam differenziert und engagiert f\u00fcr Betroffene ein. Solche Aussagen sind also nicht nur ein Schlag gegen engagierte Kolleg*innen in der Sozialen Arbeit, sondern n\u00e4hren auch das Narrativ einer \u201eProstitutionslobby\u201c, in dem liberalen Stimmen eine N\u00e4he zu krimineller Machenschaft unterstellt wird, wodurch nicht nur und vor allem Sexarbeitende, sondern auch Sozialarbeitende in diesem Feld Stigmatisierung erleben, auch bekannt als Stellvertretenden- oder Courtesy-Stigma. Diesem leistet Habibi mit solchen Ausf\u00fchrungen genauso einen B\u00e4rendienst, wie den vielen Stimmen des radikalen Spektrums, die oft in evangelikalen und fundamentalistischen Bewegungen verstrickt sind. Eine detaillierte <a href=\"https:\/\/www.bufas.net\/stellungnahme-zum-buch-von-nadja-habibi-sexarbeit-versus-prostitution-feministische-debatten-und-implikationen-fuer-die-soziale-arbeit\/\">Stellungnahme<\/a> zu Habibis weiteren Positionen gegen\u00fcber der liberalen Sozialen Arbeit im Feld, findet sich \u00fcbrigens bei unserem bdw. B\u00fcndnis von Fachberatungsstellen f\u00fcr Sexarbeiter*innen.<\/p>\n<p><strong>5. Wann hat ein Verbot jemals zu mehr Rechten verholfen?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Der Versuch, Sexarbeit durch gesetzliche Verbote zu unterbinden, steht auch Habibi nah, weil sie generell nicht mit Sexarbeit einverstanden ist. Nur l\u00f6st die Verbotspolitik die patriarchalen Strukturen, Diskriminierung oder Ausbeutung keineswegs auf, sondern verlagert lediglich ihre Sichtbarkeit in einen gef\u00e4hrlichen Untergrund. Sexarbeitende werden dadurch nicht gest\u00e4rkt, sondern in Prekarit\u00e4t gedr\u00e4ngt und das, was als ihr Schutz verkauft wird, wird zu ihrem gr\u00f6\u00dften Risiko. Ihre Existenz w\u00fcrde gef\u00e4hrdet, ohne die dahinterliegenden patriarchalen und kapitalistischen Strukturen tats\u00e4chlich in Frage zu stellen oder gar zu bek\u00e4mpfen. Wir d\u00fcrfen nicht in die Falle tappen, aufgrund einer moralischen Panik und dem Wunsch, das System zu st\u00fcrzen, diejenigen ans Messer zu liefern, die damit angeblich gesch\u00fctzt werden sollen. Hilfreich w\u00e4re also gewesen, wenn Habibi in ihren Vortr\u00e4gen nicht nur die Folgen einer Liberalisierung nachgezeichnet h\u00e4tte, sondern auch die der Abschaffung bzw. Kund*innenkriminalisierung, wie sie z.B. in Schweden herrscht. Eine solch selektive Wahl an Inhalten ist vor allem f\u00fcr uninformierte G\u00e4ste problematisch, denen damit eine bestimmte L\u00f6sung verkauft wird, ohne alle Fakten zu liefern, die f\u00fcr eine Meinungsbildung unabdingbar sind.<\/p>\n<p>Wir teilen mit Habibi die Kritik an patriarchalen Machtverh\u00e4ltnissen, an kapitalistischer Verwertung und an Gewalt gegen Betreffende. Doch w\u00e4hrend sie diese Kritik durch Ausschluss und Verbotspolitik sowie durch eine Diskreditierung von Sozialarbeitenden zu l\u00f6sen versucht, setzen wir auf\u00a0<em>Solidarit\u00e4t, Anerkennung und Teilhabe<\/em>.<\/p>\n<h4 class=\"\u201cwp-block-heading\u201c\"><strong>Unsere Forderungen<\/strong><\/h4>\n<p><strong><u>Anerkennung, Respekt und Machtreflektion<\/u><\/strong><\/p>\n<p>Gerade weil wir sexistische Gewalt bek\u00e4mpfen wollen, m\u00fcssen Sexarbeitende als handelnde Subjekte anerkannt werden, anstatt ihnen selbst Gewalt anzutun \u2013 etwa durch das Ignorieren ihrer Stimmen, das Aberkennen ihrer Selbstbestimmung oder das Schlie\u00dfen der R\u00e4ume, in denen sie sich artikulieren k\u00f6nnen. Sexarbeitende geben ihr Recht auf Unversehrtheit nicht mit der Aufnahme der T\u00e4tigkeit ab. Diese Forderung richtet sich dabei nicht nur an die Nutzenden sexueller Dienstleistungen, sondern eben auch an Wissenschaffende, Sozialarbeitende und Menschen, die auf Vortr\u00e4gen \u00fcber Sexarbeitende reden. Wir pl\u00e4dieren daher f\u00fcr eine differenzierte, respektvolle und machtreflektierte Auseinandersetzung \u2013 eine, die die Stimmen von Sexarbeitenden nicht ignoriert, sondern sie in ihrer Vielfalt und ihren Entscheidungen anerkennt.<\/p>\n<p><strong><u>Sichere und solidarische R\u00e4ume<\/u><\/strong><\/p>\n<p>Daf\u00fcr braucht es sichere und gesch\u00fctzte R\u00e4ume; Orte, an denen politische Differenz gelebt werden kann, ohne dass das Existenzrecht der einen dem moralischen Urteil der anderen geopfert wird. Dabei sollten die K\u00e4mpfe gegen Ausbeutung, Stigma und patriarchale Gewalt nicht gegeneinander ausgespielt werden, denn nur durch B\u00fcndnisse k\u00f6nnen wir ihnen wirksam begegnen \u2013 auch und gerade in der Sexarbeit. Und zwar auch dann, wenn sie unter wirtschaftlichen Notlagen als eine m\u00f6gliche Alternative gew\u00e4hlt wird. Diese ist \u2013 wie jede andere Arbeit auch \u2013 in ein System eingebettet, das Ausbeutung und Ungleichheit produzieren kann. In solidarischen R\u00e4umen erkennen wir an, dass Menschen unter diesen Bedingungen eigene Strategien des \u00dcberlebens und der Selbsterm\u00e4chtigung entwickeln. Solidarische R\u00e4ume d\u00fcrfen nicht exklusiv und moralisierend sein, sondern brauchen Vielfalt, Offenheit und Anerkennung.<\/p>\n<p><strong><u>Fakten statt Mythen<\/u><\/strong><\/p>\n<p>Wir fordern dazu auf, nicht nur die Inhalte weiterzugeben, die der pers\u00f6nlichen Haltung entsprechen, sondern auch widersprechende Daten oder \u00dcberzeugungen einzubeziehen; gerade weil das Thema Sexarbeit hochkomplex und der Umgang damit ambivalente Gef\u00fchle hervorrufen kann. Klar ist: scheinbar einfache L\u00f6sungen bei einem so komplexen Thema, sind meistens die falschen.<\/p>\n<p><strong><u>Kein politischer Aktivismus auf dem R\u00fccken der Wissenschaft<\/u><\/strong><\/p>\n<p>Wir fordern dazu auf, in universit\u00e4ren Kontexten und auf Vortr\u00e4gen, die als wissenschaftlich verkauft werden, keinen politischen, ideologiegef\u00fchrten Aktivismus zu betreiben. Bei den Vortr\u00e4gen ging es eben nicht um ein rein politisches Event. Im Gegenteil: Bei der Ring-Vorlesung legen Studierende eine Pr\u00fcfung ab und erhalten Leistungspunkte. Das allein verpflichtet zu einem differenzierten, objektiven und wissenschaftlich sauberen Umgang. Deshalb fordern wir auch die Universit\u00e4t dazu auf, ihrer Verantwortung bei der Wahl der Referierenden nachzukommen. Eine\u00a0<a class=\"\u201c\u201c\" href=\"\u201chttps:\/\/www.socialnet.de\/rezensionen\/33475.php\u201c\" target=\"\u201c_blank\u201c\">Rezension<\/a> zur fraglichen wissenschaftlichen Tragf\u00e4higkeit der Bachelorarbeit Habibis, auf die sie sich insb. bei der Ring-Vorlesung bezog, ist bereits ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p><strong><u>Nicht \u00fcber sondern mit<\/u><\/strong><\/p>\n<p>Wer eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema herstellen will, l\u00e4dt nicht nur Personen ein, die ein bestimmtes Bild von Sexarbeit zeichnen. Mindestens also sollten unterschiedliche Perspektiven bereitgestellt werden und am besten, durch die Expertise der Betreffenden selbst. Diese stellen sie seit Jahren bereit, auch trotz des Risikos, dadurch Diskriminierung und Stigmatisierung zu erfahren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neben unserer t\u00e4glichen Arbeit mit den Adressierten, macht es eine fachlich fundierte Soziale Arbeit n\u00f6tig, sich auch mit den politischen und feministischen Diskursen rund um das Thema zu befassen. Leider werden diese oftmals moralisierend, wenig sachlich und ohne umfangreiches Hintergrundwissen gef\u00fchrt. 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