{"id":2172,"date":"2025-09-18T14:07:45","date_gmt":"2025-09-18T12:07:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.muenster.org\/projektmarischa\/?p=2172"},"modified":"2025-09-18T14:26:46","modified_gmt":"2025-09-18T12:26:46","slug":"schutz-statt-kuerzungen-soziale-arbeit-am-limit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.muenster.org\/projektmarischa\/2025\/09\/18\/schutz-statt-kuerzungen-soziale-arbeit-am-limit\/","title":{"rendered":"Schutz statt K\u00fcrzungen &#8211; Soziale Arbeit am Limit"},"content":{"rendered":"<\/p>\n<\/p>\n<p>Seit 12 Jahren beraten und begleiten wir Sexarbeitende bei ihren individuellen Anliegen, z.B. Steuerfragen, dem Zugang zum Gesundheitssystem, Armut, Wohnungslosigkeit, manchmal auch Gewalt oder Zwang. Wir k\u00e4mpfen also an vielen verschiedenen Baustellen und das meistens an unseren Kapazit\u00e4tsgrenzen: f\u00fcr die Beratungsstelle arbeiten zwei hauptamtliche Sozialarbeitende auf insgesamt 1,5 Vollzeitstellen f\u00fcr bis zu 80 Klient*innen. Und das ist nur das Hellfeld. H\u00e4tten wir mehr Kapazit\u00e4ten, w\u00fcrden wir vermutlich noch viel mehr Sexarbeitende antreffen. <strong>Doch unsere Reichweite k\u00f6nnte dem hingegen mit Blick auf die bevorstehenden Sparma\u00dfnahmen sogar eingeschr\u00e4nkt werden.<\/strong><\/p>\n<\/p>\n<p>Auch deshalb stehen wir heute hier und auch deshalb sind wir seit jeher auf das Ehrenamt angewiesen, denn ohne k\u00f6nnen unsere Angebote nicht in der Form aufrechterhalten werden: wir k\u00f6nnten nicht jede Woche auf die Stra\u00dfe oder in die Bordelle und Clubs fahren, Kondome verteilen oder Tests auf sexuell \u00fcbertragbare Erkrankungen anbieten. Wir k\u00f6nnten unsere Adressierten nicht zu Terminen in anderen Organisationen begleiten. Wir k\u00f6nnten keine Spenden akquirieren und verwalten, von denen unser Angebot nach wie vor lebt. Und als w\u00e4ren das nicht schon genug Aufgaben, wird unsere Arbeit immer auch von der Aufgabe begleitet, gegen das Stigma, die Diskriminierung und Marginalisierung von Sexarbeitenden zu arbeiten.&nbsp;<\/p>\n<\/p>\n<p>Seit Jahren wird mit Begriffen wie \u201esozialer H\u00e4ngematte\u201c, \u201eSozialbetrug\u201c und \u201eEinwanderung in die Sozialsysteme\u201c Stimmung gegen Schutzbed\u00fcrftige gemacht und damit die eigentlichen Probleme verschleiert. Gleichzeitig sind immer mehr Menschen von Armut, Ausgrenzung, Rassismus, Diskriminierung, patriarchalen Strukturen, Ausbeutung und sozialem Abstieg bedroht. Wirtschaftsschw\u00e4che, Inflation und geopolitische Unsicherheit sorgen f\u00fcr wachsende \u00c4ngste. Besonders betroffen sind dabei Menschen mit Migrations- oder Fluchterfahrung, Behinderungen, FLINTA-Personen, Arbeitslose und Menschen mit geringem Einkommen. Auf Sexarbeitende trifft vieles davon gleichzeitig zu. Sie brauchen also dringend staatliche Unterst\u00fctzung und Schutz, doch die Regierungsparteien setzen auf Schuldenpakete, Aufr\u00fcstung und Hetze gegen Randgruppen. Statt ihrer Verantwortung nachzukommen, wird von Sozialk\u00fcrzungen und Eigenverantwortung gesprochen \u2013 und damit strukturelle Probleme zu individuellen gemacht.<\/p>\n<\/p>\n<p>Um dem Problem, es sei kein Geld da, beizukommen, soll insbesondere der Sozialhaushalt gek\u00fcrzt werden. Das f\u00fchrt dazu, dass Bund, L\u00e4nder und Kommunen soziale Angebote streichen m\u00fcssen, sodass diese nun in einem h\u00e4rteren Konkurrenzkampf um die \u00fcbrigen Mittel k\u00e4mpfen m\u00fcssen, au\u00dfer sie erf\u00fcllen sogenannte Pflichtaufgaben, die das Gesetz vorsieht. Diese sind aber immer schon nur ein Tropfen auf dem hei\u00dfen Stein gewesen. Es sind die sog. nicht-pflichtigen Aufgaben, die einen echten Beitrag leisten, und jetzt K\u00fcrzungen erfahren, wovon gleich mehrere die Konsequenzen tragen m\u00fcssen:<\/p>\n<\/p>\n<ol start=\u201c1\u2033 class=\u201cwp-block-list\u201c>\n<li>Sozialarbeitende, die ihre ohnehin schlecht bezahlte Arbeit mit viel Herz und Idealismus durchf\u00fchren und Gefahr laufen, eben diese oder gleich den ganzen Job zu verlieren oder unter widrigsten Umst\u00e4nden weiterzuf\u00fchren, n\u00e4mlich unterbesetzt: Es spricht B\u00e4nde, dass es Sozialarbeitende gibt, die es erst im Urlaub schaffen, ihre Mails zu beantworten. Gleichzeitig wird in der Sozialen Arbeit trotz dieser Umst\u00e4nde wenig gestreikt: und zwar, weil ihre Adressierten massiv darunter leiden w\u00fcrden. Eine solche Solidarit\u00e4t muss endlich auch den politischen Entscheidungstr\u00e4ger:innen die Augen \u00f6ffnen.\u00a0\u00a0<\/li>\n<\/p>\n<li>Einige Beratungsstellen f\u00fcr Sexarbeitende mussten bereits ein Fundraising durchf\u00fchren, um ihre Beratungsstelle nicht schlie\u00dfen zu m\u00fcssen. So halten Privatpersonen den Kopf daf\u00fcr hin, dass diese wichtige Arbeit weitergehen kann. Allerdings spenden Menschen aufgrund bestimmter moralischer Vorstellungen eher selten f\u00fcr Sexarbeitende. Das Wohlwollen von Privatpersonen ist also niemals eine sichere Bank und darf es auch nicht sein.\u00a0<\/li>\n<\/p>\n<li>Adressierte, in unserem Fall Sexarbeitende, werden noch weiter isoliert und k\u00f6nnen weniger teilhaben, z.B. an g\u00fcnstigem Wohnraum, damit sie nicht mehr im Bordell oder anderen Abh\u00e4ngigkeiten leben m\u00fcssen. Dabei haben auch sie einen Anspruch auf Schutz und Unterst\u00fctzung. Aber wer gew\u00e4hrleistet diesen, wenn es keine Fachkr\u00e4fte gibt, die sich daf\u00fcr einsetzen?<\/li>\n<\/p>\n<li>Letztlich wird die gesamte Gesellschaft verlieren; auch Menschen, die aktuell noch nicht betroffen sind: wer will in einer Welt leben, in der Geld mehr wiegt als ein Menschenleben? In der Lobbyisten Politik machen? Wer will das, was gerade in Ultrageschwindigkeit an m\u00fchselig aufgebauten sozialen Strukturen eingerissen wird, sp\u00e4ter wieder aufbauen, weil man gemerkt hat, dass Menschen zur\u00fcckgelassen werden, dass durch die aktuelle Politik der Raum f\u00fcr Rechtsextremismus gr\u00f6\u00dfer wird und wir langsam und stetig kollektiv vereinsamen \u2013 um nur einige Beispiele zu nennen.<\/li>\n<\/ol>\n<\/p>\n<p>Deshalb appellieren wir an die Entscheidungstr\u00e4ger*innen in der Politik, so zu handeln, als k\u00f6nnten sie selbst morgen schon behindert, arm, krank, alt, ausgeschlossen, wohnungslos, Sexarbeiter*in oder Sozialarbeiter*in sein. Eine solche Empathie aus Distanz ist aber nicht das einzige! Entscheidend ist au\u00dferdem, dass Betreffende in politische Prozesse einbezogen werden. Solange sie nicht mitentscheiden, werden Entscheidungen ungerecht bleiben und weiter an den Lebensrealit\u00e4ten vorbeigehen.\u00a0<\/p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 12 Jahren beraten und begleiten wir Sexarbeitende bei ihren individuellen Anliegen, z.B. Steuerfragen, dem Zugang zum Gesundheitssystem, Armut, Wohnungslosigkeit, manchmal auch Gewalt oder Zwang. Wir k\u00e4mpfen also an vielen verschiedenen Baustellen und das meistens an unseren Kapazit\u00e4tsgrenzen: f\u00fcr die Beratungsstelle arbeiten zwei hauptamtliche Sozialarbeitende auf insgesamt 1,5 Vollzeitstellen f\u00fcr bis zu 80 Klient*innen. 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