{"id":232,"date":"2010-10-04T14:20:56","date_gmt":"2010-10-04T14:20:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.muenster.org\/msz\/?p=232"},"modified":"2010-10-06T19:51:16","modified_gmt":"2010-10-06T19:51:16","slug":"vom-deftigen-brei-zum-kostlichen-sonntagsstuten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.muenster.org\/msz\/?p=232","title":{"rendered":"Vom deftigen Brei zum k\u00f6stlichen Sonntagsstuten"},"content":{"rendered":"<h1>Vom deftigen Brei zum k\u00f6stlichen Sonntagsstuten<\/h1>\n<p>B\u00e4rbel Elstrodt<\/p>\n<div id=\"attachment_222\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.muenster.org\/msz\/wp-content\/uploads\/2010\/09\/Backen-Elstrodt-quadr.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-222\" class=\"size-medium wp-image-222 \" title=\"Backen \" src=\"https:\/\/www.muenster.org\/msz\/wp-content\/uploads\/2010\/09\/Backen-Elstrodt-quadr-300x288.jpg\" alt=\"Seit dem Mittelalter wird in Deutschland Brot gebacken\" width=\"300\" height=\"288\" srcset=\"https:\/\/www.muenster.org\/msz\/wp-content\/uploads\/2010\/09\/Backen-Elstrodt-quadr-300x288.jpg 300w, https:\/\/www.muenster.org\/msz\/wp-content\/uploads\/2010\/09\/Backen-Elstrodt-quadr-1024x984.jpg 1024w, https:\/\/www.muenster.org\/msz\/wp-content\/uploads\/2010\/09\/Backen-Elstrodt-quadr.jpg 1707w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-222\" class=\"wp-caption-text\">Holzschnitt aus einer Ausgabe der Werke Vergils, 1502 hrsg.von Sebastian Brant<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">\u00dcber  \u201ehalbwilde Breifresser\u201c in Westfalen erregte sich im 16. Jahrhundert der  holl\u00e4ndische Gelehrte Justus Lipsius. W\u00e4hrend in anderen L\u00e4ndern  l\u00e4ngst\u00a0\u00a0 Brot zu den Mahlzeiten gereicht wurde, standen bei den  einfachen Leuten in Westfalen noch deftiger Brei und nahrhafte Gr\u00fctze  auf dem Tisch.<!--more--> Ein solches Getreidegericht schmeckte dem Gelehrten  sicher nicht, denn Salz und Zucker wurden, wenn sie \u00fcberhaupt vorhanden  waren,\u00a0 nur sparsam verwendet. Aber Brei geh\u00f6rte noch bis ins 18.  Jahrhundert hinein zur t\u00e4glichen Grundnahrung vieler Menschen, erst dann  verdr\u00e4ngten ihn Kartoffeln und Brot allm\u00e4hlich vom Speiseplan.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><!--more-->Brei und  Gr\u00fctze waren mit dem t\u00e4glichen Leben derart verbunden, dass sie sogar  Eingang in alte Spruchweisheiten fanden: \u201eWan\u2019t Bri ri\u00e4gent, failt em de  Li\u00e4pel.\u201c (Wenn es Brei regnet, fehlt ihm der L\u00f6ffel, d.h. er hat immer  Pech.) \u201eMe sal d\u00e4n Bri nich sau heet i\u00e4ten, as he upgesch\u00f6ppt w\u00e4t.\u201c (Man  soll den Brei nicht so hei\u00df essen, wie er aufgetragen wird, d.h. man  soll eine Sache erst \u00fcberdenken, ehe man reagiert.) \u201eEen ollen Apteker  un Haferg\u00fc\u00f6rt sint f\u00f6r viele Dinge n\u00fctte.\u201c (Ein alter Apotheker und  Hafergr\u00fctze sind f\u00fcr viele Dinge n\u00fctzlich, d.h. man muss nicht um jede  Kleinigkeit gleich zum Arzt laufen.) Die Polen, bekannt f\u00fcr  wohlschmeckende Gr\u00fctzegerichte, sagten gar, sie lie\u00dfen sich \u201enicht in  die Gr\u00fctze blasen\u201c, d.h. sie wollten sich ungern in etwas dreinreden  lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auf welche  Weise wurde das Getreide eigentlich zum Grundnahrungsmittel der  Menschen? In der j\u00fcngeren Steinzeit hatten J\u00e4ger und Sammler gelernt,  aus Wildgr\u00e4sern ertragreiche Getreidesorten zu z\u00fcchten. Das machte es  ihnen m\u00f6glich, als Ackerbauer sesshaft zu werden. Anfangs bauten sie,  wie arch\u00e4ologische Funde zeigen, Hirse, Gerste, Emmer und Dinkel an. Die  zerriebenen K\u00f6rner, mit Wasser vermischt, waren die Zutaten f\u00fcr das  \u00e4lteste und einfachste Breirezept.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Rohe  Getreidek\u00f6rner, in gr\u00f6\u00dferen Mengen genossen, sind schwer zu vertragen.  Die Erfahrung, dass ger\u00f6stete oder gebackene K\u00f6rner bek\u00f6mmlicher sind  und sich au\u00dferdem gut lagern lassen, f\u00fchrte die Menschen zu neuen  Erkenntnissen in der Ern\u00e4hrung und Vorratshaltung. Mit Wasser anger\u00fchrte  Getreidek\u00f6rner wurden nun nicht mehr ausschlie\u00dflich zu Brei  verarbeitet, sondern auch zu kleinen runden Fladen geformt und auf  erhitzten Steinen oder in hei\u00dfer Asche gebacken. Das Ergebnis war ein  unges\u00e4uertes Fladenbrot, das warm gegessen werden musste, weil es kalt  steinhart wurde. Aber auch die harten Fladenbrote waren f\u00fcr die  Ern\u00e4hrung wichtig: Sie lie\u00dfen sich vorz\u00fcglich lagern und waren sp\u00e4ter  (wieder eingeweicht) eine willkommene Mahlzeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das erste  \u201elockere\u201c Brot entstand sicher zuf\u00e4llig, weil ein Fladen gebacken wurde,  der vorher in G\u00e4rung \u00fcbergegangen war. Die kleinen Gasbl\u00e4schen lie\u00dfen  ihn \u201egehen\u201c und das fertige Brot war lockerer, bek\u00f6mmlicher und  schmackhafter. Die Methode der Sauerteigg\u00e4rung war entdeckt und fortan  wurde vor dem Backen eine kleine Menge des gegorenen Brotteigs zur Seite  gelegt und bei der n\u00e4chsten Teigherstellung verwendet. Eine weitere  Erfindung ver\u00e4nderte die Brotherstellung: der Backofen. Auf einem hei\u00dfen  Stein konnten nur flache Brote gebacken werden, ein geschlossener Ofen  dagegen machte es m\u00f6glich, dem Teig von allen Seiten W\u00e4rme zuzuf\u00fchren  und Brotlaibe zu formen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die \u00e4ltesten  Brotb\u00e4cker gab es wohl im vorderen Orient und in \u00c4gypten. Auch die  Griechen und R\u00f6mer verstanden viel von diesem Handwerk. In Mitteleuropa,  vornehmlich an den H\u00f6fen und in den Kl\u00f6stern, wird seit dem  Fr\u00fchmittelalter Brot gebacken. Das Allemannen-Recht aus dem 7.  Jahrhundert nennt schon den Beruf \u201eB\u00e4cker\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im Jahre 1660  gingen in M\u00fcnster 162 B\u00e4cker ihrer Arbeit nach, die B\u00e4ckergilde ist  bereits auf der Wappentafel der alten Gilden aus dem Jahre 1598 zu  finden. Die Bruderschaft der m\u00fcnsterschen B\u00e4cker war im  Verteidigungsfall f\u00fcr das J\u00fcdefelder Tor der mittelalterlichen  Stadtbefestigung verantwortlich. Schon damals wurden verschiedene  Brotsorten gebacken: Wei\u00dfbrot meist f\u00fcr die reichen, Schwarzbrot f\u00fcr die  armen Leute. \u201eJe h\u00e4rter der Fladen\u201c, so hie\u00df es, \u201edesto niedriger der  Stand.\u201c Der Westf\u00e4lische Pumpernickel, heute eine Spezialit\u00e4t, wurde von  \u201efeinen\u201c Leuten einst gering gesch\u00e4tzt und verlacht. Justus Lipsius  h\u00f6hnte: \u201eWelch armes Volk, das seine Erde essen muss!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Neben dem  dunklen Brot a\u00dfen die einfachen Leute auf dem Lande auch weiterhin Brei,  wobei Haferbrei und Buchweizengr\u00fctze sehr beliebt waren. Vom  Buchweizen, einem Kn\u00f6terichgew\u00e4chs, wurden die kleinen N\u00fcsschen  geerntet, die in der Form Bucheckern \u00e4hneln. Die Westfalen verarbeiteten  Buchweizen zu Gr\u00fctze, Pfannkuchen und Panhas.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wie die  Westfalen, liebten auch die Schotten den Haferbrei. Der englische  Gelehrte Samuel Johnson verspottete sie wegen dieser Vorliebe und  schrieb, Hafer sei in England Futter f\u00fcr Pferde, in Schottland aber  Nahrung f\u00fcr M\u00e4nner. Darauf bekam er zur Antwort, England sei eben  bekannt f\u00fcr seine guten Pferde, Schottland aber f\u00fcr seine vortrefflichen  M\u00e4nner.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Zur  Herstellung von Brei und Brot wurden und werden unterschiedliche  Getreidearten angebaut, in erster Linie Weizen und Roggen, aber auch  Hafer, Gerste, Hirse und Mais. Der allgemeine Begriff \u201eKorn\u201c meint in  jedem Land das bevorzugte Brotgetreide. Je nach Region werden z.B. in  Deutschland Weizen und Roggen, in Amerika Mais als Korn bezeichnet. Da  kann es zu Missverst\u00e4ndnissen kommen, wie nach dem 2. Weltkrieg, als die  Amerikaner die Bitte um Korn mit Maismehl erf\u00fcllten, f\u00fcr welches die  Deutschen aber nicht die richtigen Backrezepte hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Brot wird  heute zu vielen Mahlzeiten gereicht. L\u00e4ngst gibt es nicht mehr nur  helles oder dunkles Brot, in Deutschland werden rund 300 Brotsorten  angeboten. Die verschiedenen Getreidearten und Mehlsorten erlauben diese  gro\u00dfe Vielfalt, obwohl das Grundrezept \u201eMehl, Wasser, Salz, Hefe oder  Sauerteig\u201c gleich geblieben ist. 85 Kilogramm Brot verzehrt jeder  Deutsche im Jahr, das sind etwa 4 Schnitten am Tag. Besonders gern isst  er Weizen- und Roggenmischbrote, Mehrkornbrote und Vollkornbrote.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Trotz der  vielen Brotsorten lieben die M\u00fcnsteraner nach wie vor ihren alten  westf\u00e4lischen Sonntagsstuten, der ihnen mit Butter, Schinken und  Pumpernickel besonders gut schmeckt. Hobbyb\u00e4cker nehmen Mehl, Milch und  Hefe, Salz. Schmalz und Zucker und bereiten den Stuten gern in der  eigenen K\u00fcche zu. Das leckere Brot l\u00e4sst sich zu einer weiteren  westf\u00e4lischen Spezialit\u00e4t verarbeiten, den Knabbeln. Dazu werden  Stutenreste in grobe St\u00fccke gebrochen und im Ofen ger\u00f6stet. Zusammen mit  Milch, aus Knabbelk\u00fcmpkes gegessen. sind sie ein leckeres Fr\u00fchst\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom deftigen Brei zum k\u00f6stlichen Sonntagsstuten B\u00e4rbel Elstrodt \u00dcber \u201ehalbwilde Breifresser\u201c in Westfalen erregte sich im 16. Jahrhundert der holl\u00e4ndische Gelehrte Justus Lipsius. 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