{"id":120,"date":"2022-02-28T23:45:02","date_gmt":"2022-02-28T22:45:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/?page_id=120"},"modified":"2024-05-21T09:51:53","modified_gmt":"2024-05-21T07:51:53","slug":"ns-hintergrund","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/ns-hintergrund\/","title":{"rendered":"NS-Hintergrund"},"content":{"rendered":"\n<p>Neben dem kolonialen Hintergrund der Stra\u00dfennamen wecken auch die<strong>&nbsp;<\/strong>Umst\u00e4nde der Benennung Zweifel an der Angemessenheit dieser Ehrungen.&nbsp;<strong>Beide Stra\u00dfen wurden am 2. M\u00e4rz 1939 benannt<\/strong>, das hei\u00dft zur Zeit des Nationalsozialismus. Der Antrag erfolgte jeweils durch den NSDAP-Oberb\u00fcrgermeister der Stadt M\u00fcnster, Albert Anton Hillebrand (im Amt von 1933 bis 1945), am 1. November 1938. Genehmigt wurden die Antr\u00e4ge am 19. November 1938 durch den Polizeipr\u00e4sidenten.<a href=\"applewebdata:\/\/3F44253E-7BA3-49EC-9C93-892523155021#_edn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"481\" src=\"https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Stadtplan_1939-1024x481.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-326\" srcset=\"https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Stadtplan_1939-1024x481.png 1024w, https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Stadtplan_1939-300x141.png 300w, https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Stadtplan_1939-768x361.png 768w, https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Stadtplan_1939-500x235.png 500w, https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Stadtplan_1939.png 1280w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Stadtplan von M\u00fcnster, 1939; Vervielf\u00e4ltigung mit Genehmigung des Vermessungs- und Katasteramtes der Stadt M\u00fcnster vom 9.3.2022, Kontrollnummer: 6222-22-01106<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Auch wenn die&nbsp;<strong>Motivation zur Stra\u00dfenbenennung&nbsp;<\/strong>nicht aus den verf\u00fcgbaren Quellen hervorgeht, steht es au\u00dfer Frage, dass diese im Zusammenhang mit der NS-Ideologie stand.&nbsp;Die Benennung selbst erfolgte dabei zwar aufgrund der Initiative kommunaler Entscheidungstr\u00e4ger, es ist aber davon auszugehen, dass dies<strong> unter staatlicher und ideologischer Aufsicht insbesondere der NSDAP<\/strong> geschah.<a href=\"applewebdata:\/\/3F44253E-7BA3-49EC-9C93-892523155021#_edn2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>&nbsp;Die Erinnerung an die Kolonien bzw. ihren Verlust im Zuge des Ersten Weltkriegs wurde schon w\u00e4hrend der 1920er-Jahre durch die sogenannte Kolonialbewegung, vor allem aber in der Zeit des Nationalsozialismus aufrechterhalten. Reichsweit gab es in der NS-Zeit eine ganze Reihe von Benennungen nach Kolonialrepr\u00e4sentanten. Mit der Benennung der beiden Stra\u00dfen in M\u00fcnster sollte gewiss ein symbolpolitisches Zeichen gesetzt werden, mit dem nicht zuletzt die Bev\u00f6lkerung auf den kommenden Krieg und koloniale Eroberungen, dieses Mal im Osten Europas, eingestimmt werden konnte.&nbsp;<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"392\" src=\"https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/png_20220306_215122_0000-1024x392.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-324\" srcset=\"https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/png_20220306_215122_0000-1024x392.png 1024w, https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/png_20220306_215122_0000-300x115.png 300w, https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/png_20220306_215122_0000-768x294.png 768w, https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/png_20220306_215122_0000-1536x589.png 1536w, https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/png_20220306_215122_0000-500x192.png 500w, https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/png_20220306_215122_0000.png 1748w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Einwohnerbuch der Provinzialhauptstadt M\u00fcnster von 1939; Foto: Universit\u00e4ts- und Landesbibliothek M\u00fcnster, Sign. Z QU 853-62<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Mit Stra\u00dfenbenennungen aus der NS-Zeit setzt sich auch ein\u00a0<strong>von der Bezirksvertretung Mitte im Dezember 2020 in Auftrag gegebener Bericht\u00a0<\/strong>auseinander.<a href=\"applewebdata:\/\/3F44253E-7BA3-49EC-9C93-892523155021#_edn3\"><sup>[3]<\/sup><\/a>\u00a0Dieser sollte klarstellen, \u201eob und inwieweit diese Namen die Funktion hatten, die NS-Ideologie, nationalsozialistische Erinnerungsabsichten oder die Ziele der NS-Politik zu ver\u00f6ffentlichen\u201c. Vor dem Hintergrund, dass Stra\u00dfenbenennungen stets Ausdruck der zur jeweiligen Zeit herrschenden Machtverh\u00e4ltnisse seien, h\u00e4lt der Bericht fest, dass \u201ealle im Zeitraum zwischen 1933 und 1945 vergebenen Stra\u00dfennamen<strong> in ,nationalsozialistische(n) Erinnerungsabsichten\u02bb<\/strong>\u00a0vergeben worden\u201c sind. Weiter hei\u00dft es im Bericht: \u201eder Nationalsozialismus [nutzte] \u00e4ltere, besonders innerhalb eines nationalistischen und konservativen Milieus vorhandene Erinnerungsbest\u00e4nde und entwickelte diese teils zu eigenen Geschichtsdeutungen weiter [&#8230;] die verl\u00e4ngerten Traditionslinien [schufen] eine Verbindung zu breiteren Teilen der deutschen Gesellschaft und konnten zu deren Integration in den neuen NS-Staat beitragen.\u201c In diesem Sinne ist davon auszugehen, dass auch der Woermannweg und der L\u00fcderitzweg aus ideologischer Motivation heraus so benannt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine direkte <strong>Kontinuit\u00e4tslinie von der kolonialen Ausbeutung in Afrika zum nationalsozialistischen Eroberungs- und Vernichtungsfeldzug in Osteuropa <\/strong>ab 1939 l\u00e4sst sich nicht zuletzt im Hinblick auf die Aktivit\u00e4ten deutscher Handelsunternehmen erkennen. In den besetzten Gebieten Polens, insbesondere im Generalgouvernement, waren zahlreiche hanseatische Firmen, die zuvor im Afrikahandel t\u00e4tig waren, als sogenannte Kreisgro\u00dfh\u00e4ndler im Einsatz. Durch den Beginn des Krieges hatten sie die Grundlage f\u00fcr ihre Import- und Exportgesch\u00e4fte mit dem afrikanischen Kontinent verloren. Aufgrund ihrer Erfahrungen in kolonialen Kontexten wurden sie nun an der <strong>Ausbeutung der eroberten Gebiete im Osten<\/strong> beteiligt. Unter etwa 50 Firmen aus Bremen und Hamburg befand sich beispielsweise auch die Firma \u201eWoermann und Co.\u201c. In ihrem Auftreten \u00fcbertrugen die im Osten t\u00e4tigen Unternehmer ihr<strong> koloniales und rassistisches Selbstverst\u00e4ndnis<\/strong> auf die neue Umgebung. So wurde etwa in Gesch\u00e4ftsberichten geschildert, dass die \u201ePrimitivit\u00e4t Polens sehr stark an Afrika\u201c erinnere.<a href=\"applewebdata:\/\/3F44253E-7BA3-49EC-9C93-892523155021#_edn3\"><sup>[4]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zum Weiterlesen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul>\n<li>Alexander J. Schwitanski (unter Mitarbeit von Hannah K. Ruff), Pr\u00fcfung der in der Stadt M\u00fcnster, Bezirk Mitte, in der Zeit des Nationalsozialismus vergebenen Stra\u00dfennamen. Abschlussbericht, 3.11.2021.<\/li>\n\n\n\n<li>Marcus Weidner: Die Stra\u00dfenbenennungspraxis im Nationalsozialismus, in: Matthias Frese (Hrsg.): Fragw\u00fcrdige Ehrungen!? Stra\u00dfennamen als Instrument von Geschichtspolitik und Erinnerungskultur [Hrsg. vom LWL-Institut f\u00fcr westf\u00e4lische Regionalgeschichte, Landschaftsverband Westfalen-Lippe, M\u00fcnster], M\u00fcnster 2012.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>Anmerkungen:<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"applewebdata:\/\/3F44253E-7BA3-49EC-9C93-892523155021#_ednref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>&nbsp;Stadtarchiv M\u00fcnster, Amt 23, Nr. 23 alt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"applewebdata:\/\/3F44253E-7BA3-49EC-9C93-892523155021#_ednref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>&nbsp;Vgl. Marcus Weidner: Die Stra\u00dfenbenennungspraxis im Nationalsozialismus, in: Frese, Matthias (Hrsg.): Fragw\u00fcrdige Ehrungen!? Stra\u00dfennamen als Instrument von Geschichtspolitik und Erinnerungskultur [Hrsg. vom LWL-Institut f\u00fcr westf\u00e4lische Regionalgeschichte, Landschaftsverband Westfalen-Lippe, M\u00fcnster], M\u00fcnster 2012, S. 47f.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"applewebdata:\/\/3F44253E-7BA3-49EC-9C93-892523155021#_ednref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a>&nbsp;Alexander J. Schwitanski (unter Mitarbeit von Hannah K. Ruff), Pr\u00fcfung der in der Stadt M\u00fcnster, Bezirk Mitte, in der Zeit des Nationalsozialismus vergebenen Stra\u00dfennamen. Abschlussbericht, 3.11.2021.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"applewebdata:\/\/3F44253E-7BA3-49EC-9C93-892523155021#_edn3\"><sup>[4]<\/sup><\/a> \u201eZ\u00f6gerliche Aufarbeitung\u201c. Bremer und Hamburger Kaufleute profitierten in der NS-Zeit besonders stark im besetzten Osten. Und viele Firmenarchive sind bis heute unzug\u00e4nglich, Interview mit dem Historiker Felix Matheis, 21.8.2021, <a href=\"https:\/\/taz.de\/Historiker-ueber-NS-Profiteure\/!5793168&amp;s=Schellen+1\">https:\/\/taz.de\/Historiker-ueber-NS-Profiteure\/!5793168&amp;s=Schellen+1<\/a>; Karsten Linne, Afrikafirmen im \u201eOsteinsatz\u201c, in: 1999. Zeitschrift f\u00fcr Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, 16 (2001), S. 49-90.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neben dem kolonialen Hintergrund der Stra\u00dfennamen wecken auch die&nbsp;Umst\u00e4nde der Benennung Zweifel an der Angemessenheit dieser Ehrungen.&nbsp;Beide Stra\u00dfen wurden am 2. M\u00e4rz 1939 benannt, das hei\u00dft zur Zeit des Nationalsozialismus. Der Antrag erfolgte jeweils durch den NSDAP-Oberb\u00fcrgermeister der Stadt M\u00fcnster, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/ns-hintergrund\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":4,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/120"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=120"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/120\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":441,"href":"https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/120\/revisions\/441"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.muenster.org\/iuw-ms\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=120"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}