In Berlin unterwegs ...

29. April 2006

 

Unsere Erkundung der Hauptstadt fing an der Lebensader der Stadt an - wir bestiegen ein Schiff und fuhren die Spree entlang. Die recht kurze Strecke verlief durch das Herz der Stadt. Das Foto zeigt eben den Augenblick, als wir am Kanzleramt waren und uns dem Reichstag näherten.

Die Fahrt stand leider nicht unter einem uns gnädigen Stern. Der Regen zog einen graublauen Schleier vor den Fenstern und ... wir waren einfach noch zu sehr mit den Erlebnissen in der Botschaft befasst und tauschten uns darüber aus, statt unsere Aufmerksamkeit dem Lautsprecher zu schenken. Hinzu kam, dass wir auf dem Schiff unser Mittagessen absolvieren sollten ... Viel zu viel Konkurrenz für die stille Präsenz der an uns vorbeiziehenden Architektur.

Bevor ich das Schiff verließ, besorgte ich noch eine ausfürliche Broschüre mit Fotos und Beschreibung aller Sehenswürdigkeiten an der Spree. (Am Abend habe ich die Tour in Ruhe ... im Bett absolviert.)

 

Nach einer Spree-Stunde gingen wir an Land und zersteuten uns in die Freiheit des Tages. Die Stadt hat so viel zu bieten ...

Inge machte sich mit ihren Mädchen auf den Weg in die Geschichte der Berliner Mauer. Sie besichtigten das Museum am Checkpoint Charlie - dem ehemaligen Grenzübergang zwischen dem amerikanischen Sektor und Ostberlin.

Diese Gegend habe ich einst aus dem Fenster meiner Freunde in Ostberlin betrachtet, die in einem der Hochhäuser in der Leipziger Straße wohnten - dicht neben der Mauer. Damals wusste ich noch nichts über Checkpoint Charlie - meine Aufmerksamkeit zog eher das direkte Nachbar-Hochhaus mit dem berühmten Namen Springerverlag an - ich wähnte mich der Weltgeschichte nahe.

Die Mauer. Weltberühmt trotz kurzer Lebensdauer (siehe chinesische Mauer ...). Sie war mir sehr vertraut als die graue Wand, die das Ende meiner Welt markierte. Das Dahinter kannte ich lange nicht, und ich hatte - als polnische Germanistik-Studentin - keinerlei Probleme mit der 'deutschen Frage'. Ich genoß die Aufenthalte in Ostberlin, das mich jederzeit ohne jeglichen bürokratischen Aufwand gastlich aufnahm, ob ich nun bei Freunden weilte oder in einer Fabrik in Köpenick jobbte. Das machte ca. 4 Monate im Jahr aus - voller Freiheitsrausch einer jungen Erwachsenen. Als ich später nach Münster geheiratet habe und nunmehr aus dem Westen nach Berlin reiste, lernte ich erst den beklemmenden Geist der Mauergrenze kennen. Die graue Wand blieb harmlos. Es war der Raum zwischen den zwei Mauerreihen und ... den Wänden aus schäbiger Holzpappe, welche die erste und zweite Welt am Bahnhof Friedrichstraße dicht voneinander trennten, der meinen Atem stocken ließ. Eine unsichtbare Wand aus dichtgewebtem Angstbeton. Angst ließ dieses Bauwerk errichten, Angst kam mit jedem Grenzgänger hinein - und blieb wohl da, denn wir verließen den Bereich immer erleichtert ...

Die heutigen Mauerreste - lebendig bunt und dem Verfall fröhnend - verdienen eine museale Dokumentation. Im Bereich der Politologie und der Wand-Kunst. In meinen Augen brauchen sie den Raum zwischen den heute lebenden Menschen nicht mehr zu beanspruchen. Das in die Straßendecke eingemauerte Band als Erinnerung an den einstigen Verlauf reicht vollkommen aus.

Ich bin ohnehin überzeugt, dass der zukünftige Frieden in der Welt davon abhängt, wie viel Aufmerksamkeit der heutigen Generationen den friedlichen Aspekten persönlichen Lebens gewidmet wird. Über Geschichte zu richten, war allzu oft nur Vorbereitung neuer Konflikte. Amen ...

 

Und nun geht's weiter mit dem Bericht. Unser Konzert hier bleibt noch im Moll-Bereich - die Heiterkeit wollte an diesem Tag nicht mehr mitmischen. Was blieb war also ernst. Mehrere von uns steuerten eine viel gepriesene Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie am Potsdamer Platz an. Ich wollte sie auch sehen.

Die Fahrt mit der U-Bahn absolvierte ich unter Scharen aggressionsgeladener Jugendlicher, dessen Motive mir nicht klar waren (ihnen bestimmt auch nicht), aber ihr Auftritt bezog sich auf den gegenwärtigen Fussballwahnsinn. (Am Abend hörte ich, dass es ein 'wichtiges Spiel' in Berlin gegeben habe.) Leider stiegen viele an meinem Reiseziel mit aus. Auf dem Weg zur Nationalgalerie wollte ich mir das Sony-Center ansehen. Daraus wurde nichts, denn ... unzählige Sicherheitsleute blockierten den Zugang zum Innenhof, aus dem bereits viel Radau zu hören war.

Das und ... der fester zupackende Regen haben mich schon sehr melancholisch gestimmt. Der Tag fing sooo schön an und nun ..?! An der Nationalgalerie sah ich die Warteschlange einmal ums Haus gewickelt. Kehrt gemacht. Sofort. Ich bin doch nicht wahsinnig! Mich da im Regen 1-2 Stunden hinzustellen, um genial melancholische Bilder anzuschauen ..? Komme ich da noch heile raus ...? ; -)

Ich verzichtete auf die Trauer-Spanne von Albrecht Dürer bis Salvador Dali und suchte Zuflucht in der benachbarten Kirche, wo gerade jemand an der Orgel probespielte. Mit trocken getupften Emotionen und geklarten Gedanken machte ich mich anschließend auf den Weg ... ins Konsumparadies. Das wird genau der richtige Abschluss für diesen Tag sein!

 

Der wunderschöne U-Bahnhof Wittenbergplatz lies schon mal bessere Laune aufkommen. Dann ein kleiner Katzensprung durch den Regen und ich betrat KADEWE - das Kaufhaus des Westens.

Eine Stunde Streifzug durch die Klamotten-Etagen bescherte mir die erfreuliche Entdeckung, dass 'meine Mode' wieder im Anzug sei. Delikate Farben und Formen, leichte Stoffe. Ein sommerliches Ballkleid aus Chiffon hat es mir besonders angetan - ich hätte zwar keine Verwendung für diesen Nebelfummel, aber es war faszinierend, die 'Chemie der Schönheit' zu studieren. Der Schnitt orientierte sich am einfachsten Nachthemdchen mit Spaghettiträgern. Was war das, was das Ding so schön machte? Keine Ahnung. Die Zartheit der Farbenkomposition? Des Stoffes? Ich kehrte dreimal an das Regal, wo es zusammen mit vielen anderen Kleidern hing und traf jedes Mal andere Frauen, die genau nach diesem Stück griffen. Und Kopf schüttelnd fallen ließen ... 1.899,99 €. Kein weiteres Kleid in der Nähe war nur halb so teuer. Und doch, die nächste ahnungslose Hand holt schon dieses eine von der Stange ...

Ich suchte mir anschließend Platz im Gourmet-Tempel der obersten Etagen. 15 frisch gegrillte Jacobsmuscheln - und die Soße ... hmmmm.... Von der Melancholie hat sich nichts retten können - Seligkeit pur.

 

Mein privates Programm war damit zu Ende. Aber als Chronistin hatte ich noch was vor ... Was machen denn die anderen ..?

Herr Hilgert hat dokumentiert, dass auch sie den frühen Abend genossen .... Und Kräfte tankten, denn sie hatten ja noch an diesem Abend etwas Wichtiges vor. Helga hat beizeiten Werbetrommel gerührt und die Karten reserviert ...

Ich ging ins Europa-Center, um dort unsere Leute beim Hereinkommen ins Kabarett zu verewigen. Halbe Stunde gelungert ... und nichts. Waren alle so kaputt vom Gehen, dass sie ganz früh die Theater-Sessel ansteuerten? Enttäuscht knipste ich ein Photo vom Eingang mit fremden Personen und achtete nur noch, dass ich die Kabarettisten auf dem Plakat miterfasse. Dann machte ich mich auf den Weg ins Hotel, denn ich habe ja keine Karte bestellt. Wer so politikabstinent lebt wie ich - ohne die Politiker zu kritisieren! - wird in einem politischen Kabarett kaum mitlachen können. Ab ins Bett. Der Tag war lang genug.

09-PABLO-Bär

Ein Gute-Nacht-Gruß vom Pablo-Bär. In der Hauptstadt lebt seit einigen Jahren eine stetig wachsende Bärengemeide, United Buddy Bears. Ein und dieselbe Teddyform aus Kunststoff wurde von 120 Künstlern aus aller Welt bemalt und 2002 in einer Ausstellung am Brandenburger Tor präsentiert. Wegen des immensen Zuschauer-Erfolgs gehen nun die Bären rund um den Globus. Und ihre späteren Verwandten stehen an allen Ecken und Enden der Hauptstadt. Dieser verspielte Bär wohnt eben im Europa-Center. Warum ihn der Künstler Pablo taufte, bedarf wohl keiner Erklärung ... Wer mehr über die BBB erfahren möchte, voilà

Ohne eine Plastikpuppe zu bemühen, ergänzte ich die Serie um 'meinen' Bären. Er wohnt in meinem Mal-Kalender und tauchte (nachträglich natürlich) dort als Eintrag für den 30. Mai 2006 auf, der ja gänzlich der Besichtigung der Hauptstadt gewidmet sein will. Dies wird aber erst auf der nächsten Seite ausgebreitet ...

- Alina Köttgen -

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Der Bericht über den weiteren Verlauf unseres Aufenthaltes in Berlin und Potsdam erwartet Sie auf zwei weiteren Seiten. Nichts wie hin ...