
Münster – ein Reiseführer in leichter Sprache
Der neue Reiseführer – ein Schritt zur Inklusion
Vortrag von Doris Rüter, Behindertenbeauftragte der Stadt Münster
während der Veranstaltung:
Münster – ein Reiseführer in leichter Sprache am 9. Dezember im Gesundheitshaus in Münster
Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Reismann,
liebe Lisa, liebe Gisela, liebe Kirsten, liebe Zugvogel-Mitglieder,
sehr geehrter Herr Ströbl,
sehr geehrte Damen und Herren,
als ich gefragt wurde, ob ich heute einen Vortrag halten kann, habe ich mich sehr gefreut.
Und dafür gibt es drei Gründe:
1. Ich finde den neuen Reiseführer Münster ganz toll. Dazu sage ich später noch mehr.
2. Ich arbeite schon lange mit dem Verein Zugvogel zusammen. Wir helfen uns oft. Das ist gut, denn zusammen kann man natürlich viel mehr schaffen. Und gute Zusammenarbeit macht Spaß.
3.Ich kann heute etwas Neues ausprobieren. Gisela und Kirsten haben mir gesagt: Doris, du sollst so sprechen, dass dich alle verstehen. Also, ich soll einen Vortrag in leichter Sprache halten. Es macht mir Spaß, das zu versuchen. Aber - ich bin auch ein bisschen aufgeregt. Aber hier sitzen viele Menschen, die ich kenne. Das finde ich schön. Und das ist leichter, als vor lauter fremden Leuten etwas Neues zu versuchen.
Der Vortrag heißt:
Der neue Reiseführer – ein kleiner Schritt zur Inklusion
Inklusion – das ist ein Fremdwort. Fremdwörter sind schwer zu verstehen. Wenn man in leichter Sprache spricht, soll man keine Fremdwörter gebrauchen.
Deshalb will ich erstmal das Wort erklären:
Was heißt Inklusion?
Das Wort "Inklusion" ist ein "sperriges" Wort, hat unser Oberbürgermeister gestern in einer Rede gesagt. Das heißt, das Wort ist für alle Menschen schwer zu verstehen. Wenn man es zum ersten Mal hört, braucht man eine Erklärung. Aber das Wort wird immer öfter genutzt, um zu sagen, welches Ziel die Arbeit für und mit behinderten Menschen hat. Was man also schaffen will. Und deshalb habe ich mich auch entschieden, das Wort zu benutzen.
Das Wort Inklusion stammt von einem lateinischen Wort ab. Das lateinische Wort heißt: includere. Das heißt: Einschließen. Einschließen ist ein Wort, das mehreres bedeuten kann.
Gemeint ist hier: dazugehören.
Inklusion heißt, dass alle Menschen dazugehören sollen. Zu ihrer Familie, zu ihren Nachbarn, zu ihren Arbeitskollegen.
Das ist nicht immer so. Manchmal finden nichtbehinderte Menschen, dass behinderte Menschen nicht zu ihnen passen. Oder sie wollen, dass die behinderten Menschen ganz viel Hilfe bekommen. Und glauben, das geht am besten, wenn die behinderten Menschen an einem besonderen Ort sind. Zum Beispiel in einem Heim. Dort sollen sie alles bekommen, was sie brauchen. Von Fachleuten, die dafür ausgebildet sind, also zum Beispiel von Pflegern und Sozialarbeitern.
Es ist gut, wenn behinderte Menschen die Hilfe bekommen, die sie brauchen. Das ist sehr wichtig. Es ist aber viel schöner, wenn sie die Hilfe dort bekommen, wo sie wohnen. Oder wo sie arbeiten. Also mitten in der Gesellschaft. Und nicht weit weg von anderen.
Das ist mit Inklusion gemeint: Alle gehören dazu und jeder bekommt die Hilfe dort, wo er lebt.
Wenn das von allen und immer so gemacht wird, dann braucht kein Mensch mehr "integriert" zu werden.
Integration ist auch ein Fremdwort. Aber ich glaube, das verstehen auch die meisten Menschen mit Lernschwierigkeiten. Denn es wird ja ganz oft davon gesprochen. Es heißt, man strengt sich an, damit auch behinderte Menschen wieder dazugehören. Also zum Beispiel aus einem Heim ausziehen und in einer eigenen Wohnung leben können. Mit nichtbehinderten Menschen als Nachbarn.
Das ist ja auch ganz gut. Aber Inklusion ist viel besser, weil behinderte Menschen dann von Anfang an dazu gehören. Sie müssen gar nicht erst woanders leben oder arbeiten.
Es lohnt sich also, für die Inklusion zu arbeiten. Für eine Gesellschaft, in der behinderte Menschen und nichtbehinderte Menschen gut zusammenleben.
Was muss getan werden, um Inklusion zu erreichen?
Wir Menschen sind alle ganz unterschiedlich. Es gibt Frauen und Männer. Es gibt Kinder, Erwachsene und alte Menschen. Kleine und große Menschen. Dicke und dünne. Menschen, die in Deutschland geboren sind und Menschen, die aus einem anderen Land nach Deutschland gekommen sind. Behinderte und nichtbehinderte Menschen.
Wenn in unserer Stadt etwas geplant wird, muss an alle Menschen gedacht werden.
Dazu möchte ich ein Beispiel sagen. Weil wir heute den neuen Reiseführer von Zugvogel kennenlernen, habe ich mir das Beispiel Reisen ausgesucht.
Münster ist eine sehr schöne Stadt. Es ist schön, wenn viele Menschen nach Münster reisen. Nichtbehinderte Menschen und behinderte Menschen. Damit sie Münster besuchen können, muss an vieles gedacht werden.
Wir brauchen Hotels mit Zimmern für Rollstuhlfahrer.
Wir brauchen Busse, in die man auch mit dem Rollstuhl hineinfahren kann.
Es muss in der Stadt viele Bänke geben. Draußen, aber auch in Gebäuden, zum Beispiel in Museen. Das ist wichtig, damit ältere und gehbehinderte Menschen sich ausruhen können. Und Bänke sind ja auch für alle gut. Im Museum bin ich auch immer froh, wenn ich mich mal hinsetzen kann.
Es muss Ampeln geben, bei denen blinde Menschen hören können, wenn es grün wird.
Schilder in der Stadt und in Museen sollen möglichst groß geschrieben sein. Sonst können viele Menschen sie nicht lesen.
Gehörlose Menschen brauchen Gebärdensprachdolmetscher. Die Dolmetscher übersetzen zum Beispiel bei einer Führung durch ein Museum in Gebärdensprache.
Schwerhörige Menschen brauchen auch Hilfen. Sonst verstehen sie nicht, was der Führer bei einer Stadtführung sagt. Es gibt technische Geräte, mit denen man hier helfen kann.
Menschen mit Lernbehinderungen brauchen Erklärungen in leichter Sprache und mit vielen Bildern.
Die Liste ist noch nicht vollständig. Es sind nur einige Beispiele.
Wenn all das beachtet wird, können auch behinderte Menschen gut nach Münster reisen. Genauso wie nichtbehinderte Menschen. Sie gehören dann ganz selbstverständlich zur Gruppe der Touristen. Touristen nennt man die Menschen, die eine fremde Stadt besuchen.
Wir wissen alle: Es gibt noch viel zu tun, damit das wirklich so wird. Aber "Schritt für Schritt" kommen wir weiter.
Und einen kleinen Schritt auf diesem Weg hat Zugvogel getan. Zusammen mit "Mensch zuerst – dem Netzwerk People First Deutschland e.V."
Sie haben einen Reiseführer in leichter Sprache erstellt. Er ist für Menschen mit Lernschwierigkeiten gedacht. Aber auch für alle anderen, die nicht gut schwierige Texte lesen können. Zum Beispiel für Kinder, die mal mit ihren Eltern durch Münster gehen möchten und die Lust haben, den Eltern den Weg zu zeigen. Meistens ist es ja anders, die Eltern zeigen den Weg und die Kinder gehen hinterher. Umgekehrt macht es bestimmt auch mal viel Spaß! Deswegen schenke ich auch zu Weihnachten einen Reiseführer den Kindern von Freunden von mir. Damit sie ihre Eltern mit einer Stadtführung überraschen können.
Jetzt, wo es den neuen Reiseführer Münster in leichter Sprache gibt, können auch Menschen mit Lernschwierigkeiten nach Münster reisen und sich hier gut zurechtfinden. Und etwas über die Stadt erfahren.
Ich freue mich, dass es jetzt in Münster einen solchen Reiseführer gibt. Er zeigt, dass wir in Münster versuchen, an alle Touristen zu denken. Nicht nur an Rollstuhlfahrer und gehbehinderte Menschen – für die gibt es schon lange einen Stadtplan. Den hat die Stadt Münster gemacht. Und den finden behinderte Menschen auch wirklich gut.
Aber ein Reiseführer in leichter Sprache fehlte bisher noch.
Ich finde es auch sehr gut, wie der Reiseführer gemacht wurde. Behinderte und nichtbehinderte Menschen haben zusammengearbeitet.
Das ist auch nötig, wenn wir Inklusion erreichen wollen. Und außerdem: Behinderte Menschen sind Expertinnen und Experten in eigener Sache – das heißt, sie wissen selbst am besten, was sie brauchen.
Beim Reiseführer war es wichtig, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten sagen, ob sie die Wegbeschreibungen verstehen. Ich weiß von Gisela und Kirsten, dass "Mensch zuerst" – das Netzwerk People First Deutschland – noch manches verbessert hat. Und gute Ideen hatte, wie man noch einfacher schreiben kann. Das war eine tolle Unterstützung, Herr Ströbl.
Und auch behinderte Menschen aus Münster haben viel mitgeholfen. Sie sind zum Beispiel mitgegangen, als die Wege ausprobiert wurden. Und haben gesagt, was in Münster überhaupt interessant ist. Auch das war eine tolle Unterstützung. Und hier sage ich danke an alle, die mitgeholfen haben.
Jetzt kann man sich natürlich auch fragen: Ist es denn gut, einen "Extra-Reiseführer" für Menschen mit Lernschwierigkeiten zu haben? Erreichen wir damit "Inklusion"?
Das ist eine ganz wichtige Frage. Natürlich ist es am besten, wenn eine Broschüre für alle Menschen gut ist. Für behinderte und nichtbehinderte Menschen. Aber, manchmal brauchen behinderte Menschen zusätzliche Informationen. Wenn es wenige Informationen sind, kann man sie auch in die Broschüre für alle schreiben. So haben wir es zum Beispiel in unserem Heft "Touristikangebote in Münster" gemacht. Dort gibt es eine Seite mit Informationen für behinderte Menschen.
Wenn es aber viele zusätzliche Tipps sind, dann ist eine eigene Broschüre gut, in der all diese Tipps stehen. Zum Beispiel unser Stadtplan für behinderte Menschen. Oder auch der Reiseführer in leichter Sprache.
Das wirklich Tolle ist, dass diese Informationen dann nicht nur für behinderte Menschen gut sind. Sondern auch für andere. Der Reiseführer in leichter Sprache ist zum Beispiel auch für Touristen gut, die wenig deutsch können.
Gestern war ich mit dem Fahrrad unterwegs und hatte eine Tasche mit Stadtplänen für behinderte Menschen dabei. Die Tasche war so voll, dass einige herausgefallen sind. Eine junge Frau hat mir geholfen, sie aufzuheben. Sie schaute sich an, was sie da vom Boden aufhebt. Und fragte dann: "Darf ich einen behalten? Er ist ja auch gut, wenn ich mit dem Kinderwagen unterwegs bin."
Das zeigt, dass sehr viele Menschen etwas davon haben, wenn etwas für behinderte Menschen gemacht wird.
Es ist mir so wichtig, das zu sagen, weil wir in den "Zeiten knapper Kassen" leben. Das heißt, es muss in Deutschland gespart werden. Die Politiker überlegen genau, wofür Geld ausgegeben werden kann. Wenn etwas für viele Menschen wichtig und gut ist, ist es meistens leichter, dafür das nötige Geld zu bekommen.
Für den Reiseführer in leichter Sprache hat die Aktion Mensch Geld gegeben. Weil sie es gut fanden, dass ein solcher Reiseführer gemacht wird. Es ist nämlich der erste Reiseführer in leichter Sprache in Deutschland.
Ich hoffe, dass diese gute Idee in vielen anderen Städten nachgemacht wird. Es gibt in vielen Städten in Nordrhein-Westfalen Behindertenbeauftragte. Das sind Menschen wie ich. Also Menschen, die bei der Stadtverwaltung arbeiten. Sie arbeiten dafür, dass in der Stadt auch an behinderte Menschen gedacht wird. Die Behindertenbeauftragten aus vielen Städten in Nordrhein-Westfalen z.B. Duisburg, Essen, Dortmund, Bielefeld, arbeiten in einer Gruppe zusammen. Das ist der Arbeitskreis der Behindertenbeauftragten Nordrhein-Westfalen. Insgesamt arbeiten dort 50 Städte und Kreise mit. Vielleicht haben Sie in der Einladung schon gesehen, dass ich auch für diesen Arbeitskreis spreche.
Ich möchte auch im Namen dieses Arbeitskreises einen Glückwunsch zum neuen Reiseführer sagen. Bei unserem letzten Treffen im Arbeitskreis habe ich von dem Reiseführer erzählt. Das war Ende Oktober im Rathaus in Aachen. Ich hatte auch einen Reiseführer zum Anschauen dabei. Alle Kolleginnen und Kollegen fanden es eine ganz tolle Idee! Und viele hatten Lust, es nachzumachen.
Wenn sie denn genug Geld dafür zusammenbekommen. Das ist ja nicht immer einfach.
Also ich sage es noch einmal: Der Reiseführer Münster in leichter Sprache ist richtig gut geworden. Er ist ein gutes Beispiel. Er macht Werbung für Münster. Für Münster als schöne Stadt, die einen Besuch wert ist. Aber auch für Münster als Stadt, in der es viele Menschen gibt, die zusammen arbeiten, damit "Inklusion" Schritt für Schritt möglich wird. Zugvogel gehört dazu. Es ist eine Gruppe von vielen aktiven Leuten – behindert und nichtbehindert. Ich kenne sie seit vielen Jahren. Und sie haben schon viele gute Ideen gehabt und umgesetzt. Herzlichen Dank dafür!
Zum Schluss noch ein Satz zum Netzwerk "Mensch zuerst".
Herr Ströbl, ich finde es gut, dass Ihr Netzwerk jetzt einen neuen Namen hat. Das zeigt, dass Sie sich wirklich bemühen, selbst leichte Sprache umzusetzen. Manchmal ist das ja gar nicht so einfach. Vielleicht haben Sie ja auch eine gute Idee, wie man das Fremdwort Inklusion einfacher ausdrücken kann. Ich glaube, da würden sich viele Menschen in Deutschland freuen.
Liebes Zugvogel-Team, nochmals ganz herzlichen Glückwunsch zum Reiseführer Münster in leichter Sprache. Ich hoffe, dass viele Menschen, die nicht gut schwierige Texte lesen können, auf diesen Reiseführer stoßen – und dann Lust haben, Münster zu besuchen.
Und: Ich bin heute schon gespannt, welches Projekt Zugvogel als nächstes plant. Denn nach soviel Erfolg mit dem Reiseführer kann es ja nur heißen: Wir machen weiter, Schritt für Schritt auf dem Weg zur Inklusion. Und da, wo ich dabei helfen kann, will ich es gerne auch in Zukunft tun.
So, nun habe ich wirklich genug geredet. Ich hoffe, alle konnten mich gut verstehen. Danke, dass Sie so aufmerksam zugehört haben. Ich wünsche Ihnen jetzt noch viel Spaß beim Feiern des neuen Münster-Reiseführers!
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