 Konsequent sein! - Anmerkungen zum Unternehmen der Zukunft und zu den Gewerkschaften von Wilfried Schmickler
* Diesen Text stellte der Kölner Satiriker und Kabarettist Wilfried Schmickler erstmals in
der Sendung »Mitternachtsspitzen« des WDR vom 1. Mai vor. jW erhielt die freundliche
Genehmigung des Autors zum Abdruck.-
Der 1. Mai ist der Kampftag der Arbeit. Liebe Kolleginnen und Kollegen, nach 113 Jahren
hat es sich ausgefeiert! Wenn es nach den Plänen der rot-grünen
Sozialstaatszertrümmerer geht, dann wird der 1.Mai schon im nächsten Jahr
umfunktioniert zum Tag der deutschen Arbeitgeber. Dann wird auf allen Marktplätzen
dieses Landes demonstriert gegen die Gewerkschaftsbosse und Bonzen, die mit ihrer
arbeitnehmerfeindlichen Politik dieses Land ins Elend gestürzt haben.
Für ungebremstes Wachstum und sozialen Befreiungsschlag! Gegen Reform-blockierer
und Modernisierungsverhinderer.
Wir alle müssen uns wieder daran erinnern, wer dieses Land großgemacht hat.
Das waren doch nicht Hans Wurst und Lieschen Müller. Das waren Krupp und
Mannesmann, Siemens und Grundig, Blohm und Voss und Messerschmidt, all die braven
Männer, die mit ihrer Hände Arbeit, also, mit den Händen ihrer Arbeiter, also die großen
Gründerexistenzen, die die ganzen Existenzen gegründet haben. Besinnen wir uns
endlich auf das, was wir diesen Männern schulden: danken und dienen!
Und dann wird auch die Geschichte neu geschrieben werden. Und zwar genauso, wie es
der Arbeitgeberpräsident, dieser Hundt, diktiert. Und dann werden wir alle erfahren, daß
wir es nur der weisen Voraussicht und dem grenzenlosen Großmut des Kapitals zu
verdanken haben, daß es hierzulande überhaupt noch Menschen gibt, die arbeiten
dürfen.
Das sagt ja schon der Name: Arbeitgeber! Und Geben ist bekanntlich seliger denn
Nehmen. Und wenn diese im Grunde ihres Wesens so barmherzigen und selbstlosen
Gutmenschen mittlerweile so maßlos verbittert und über die Maßen enttäuscht sind, dann
liegt das einzig und allein an den raffgierigen Gewerkschaftshöllenfürsten, die mit ihren
überzogenen Forderungen nach mehr und mehr und noch mehr Lohn dafür gesorgt
haben, daß die Wohltäter der besitzlosen Klasse mittlerweile selber verarmt sind wie die
Kirchenmäuse und nur noch hilflos fragen können: ja was darf's denn sein? Arbeit oder
Lohn?
Da ist es doch kein Wunder, daß all die gütigen Patrone und Patriarchen diesem Land voll
Abscheu und Ekel den Rücken kehren und sich mitsamt ihrem Kapital auf den langen
Marsch in die Regionen dieser Welt machen, wo man einen gütigen Herrn und Gebieter
noch zu schätzen weiß.
Und deshalb, Kolleginnen und Kollegen! Haltet ein und kehret um, dann werden auch
eure Gönner und Arbeitgeber umkehren!
Weg mit dem Gewerkschaftsstaat, alle Macht den Aufsichtsräten!
Wenn es nach den Gewerkschaften ginge, dann müßten wir uns heute noch in finsteren
Bergwerken für einen Hungerlohn zu Tode schuften, und unsere Familien würden in
zugigen Wohnbaracken an Schwindsucht verrecken.
Denn wenn die Gewerkschaften mit ihren Streiks und anderen subversiven Aktionen nicht
immer wieder dafür gesorgt hätten, daß alle Räder stillstanden, dann wären wir heute
schon längst im Paradies auf Erden angekommen! Das einzige Mal, daß es in den letzten
hundert Jahren mal Vollbeschäftigung gegeben hat, das war zwischen 33 und 45 – und
da waren die Gewerkschaften verboten!
Und heute? 4,5 Millionen Arbeitsverweigerer, zwei Millionen Sozialhilfebetrüger und die
Gewerkschaften beharren auf der 35-Stunden-Woche. Und dabei weiß doch jeder, die
Woche hat 168 Stunden – was könnte man in dieser Zeit alles arbeiten. Und deshalb weg
mit den halsabschneiderischen Tariflöhnen und her mit dem konjunkturbelebenden
Billiglohn! Dann wird es uns bald so gut ergehen wie den glücklichen Amerikanern, die
heute schon drei Jobs pro Arbeitskraft ihr eigen nennen.
Vormittags Spargelstecher, nachmittags Prospektverteiler und abends Gebäudereiniger!
Und von wegen Kündigungsschutz! Wer keine Arbeit hat, kann auch nicht gekündigt
werden. Und wer sich im Urlaub was dazuverdient, der braucht auch kein Urlaubsgeld,
und ein dreizehntes Monatsgehalt ist auch völlig überflüssig, wenn es nur zwölf Monate
gibt!
Und wer ist eigentlich auf die hirnrissige Idee gekommen, daß Unternehmer Steuern
zahlen müssen? Wem gehört der Staat? Nun, angeblich gehört der Staat uns allen. Wem
aber gehören wir? Na denen, die uns kaufen! Den Unternehmern! Und deshalb gehört
denen auch der Staat, und also brauchen die auch keine Steuern zu bezahlen. Das wär ja
so ähnlich, als müßte ich als Wirt in meiner eigenen Kneipe das Bier bezahlen!
Also, liebe Kolleginnen und Kollegen, seien wir konsequent. Schmeißen wir den
Sozialstaat mit all seinen völlig veralteten Solidargemeinschaftsphantasien auf den Müll
der Geschichte und machen endlich den notwendigen Schritt ins egomanische
Jahrtausend. Gründen wir das Unternehmen der Zukunft: die Deutschland AG. In der
Chefetage die allmächtigen Präsidien von BDI und BDA, in der Verwaltung den
Unternehmerspeichellecker Gerhard Schröder und seine kaputtreformierten
Asozialdemokraten und auf den Billiglohnplätzen das Millionenheer der willenlosen
Billiglohnsklaven.
Und die Gewerkschaften? Die Gewerkschaften stehen draußen vor der Tür und pfeifen
aus dem letzten Loch: »Hell aus dem dunklen Vergangenen leuchtet die Zukunft empor!«
Aus: Junge Welt, 19.5.03 | |