Westfälische Nachrichten, 28.1.04

Polit-Talk bei Gurke und Frikadelle
Von Klaus Baumeister

Münster. Es lebe das Infotainment. Nach der locker-flockigen Jubelfeier der münsterischen CDU mit ihrem Oberbürgermeister Dr. Berthold Tillmann vor zwei Wochen startete die SPD gestern Abend an gleicher Stelle einen nicht weniger unterhaltsamen Neujahrsempfang. Münsters Parteien drücken sich derzeit im Speicher Nummer 10 der Firma Bröker in Coerde die Klinke in die Hand.

Zu Hunderten aßen die geladenen Gäste, darunter viele Nicht-Sozialdemokraten, Frikadelle mit Gurke, derweil sich der münsterische Parteichef Christoph Strässer oben auf der Bühne mit dem Ehrengast des Abends, Bremens Bürgermeister Dr. Henning Scherf, unterhielt. Nur die Konzentration war bei der CDU-Show ausgeprägter als bei der SPD-Show. Ein Umstand, der wohl darauf zurückzuführen ist, dass Amtsinhaber Tillmann in Brökers Backhalle offiziell zum Oberbürgermeisterkandidat für die Kommunalwahl am 26. September gewählt wurde. Die Nominierung des Herausforderers Strässer durch die SPD steht noch aus.

So fiel dem Fraktionschef Wolfgang Heuer bei der Begrüßung die Aufgabe zu, das in diverse Unterhaltungen vertiefte Parteivolk ein wenig in Wahlkampfstimmung zu bringen. Er bezeichnete den bei der Tillmann-Nominierung vorgestellten CDU-Wahlslogan "Wir sind Münster" als "Anmaßung".

Henning Scherf wurde unterdessen seinem Ruf als "Menschenfischer" gerecht, wanderte scherzend durch die Reihen und begrüßte die Menschen mit einer Art, als sei er ein münsterischer Paohlbürger. Besonders laut musste er lachen, als er bei seinem Gang zur Bühne die Münsteranerin Ursula Schaffstein in den Arm nahm und zu ihr sagte: "Ich bin der Bürgermeister von Bremen". Die pfeilschnelle Antwort Schaffsteins: "Und ich bin die CDU-Kreisvorsitzende von Münster". Zum Hintergrund: In Bremen regiert eine Große Koalition.

Als sehr schlagfertig erwies sich Scherf bei einem kleinen Zwischenfall. Mitglieder der Arbeitslosengruppe "Wehrt Euch!" entrollten vor der Bühne das Transparent "Weg mit der Agenda 2010!" Bremens Bürgermeister bat sie, sich einmal umzudrehen, "damit ich lesen kann, wogegen Sie demonstrieren".