Die Suzuki - Violinmethode

und allgemeine Gedanken zum Violinunterricht

von Hans-Martin Schwindt



Muttersprachenmethode und allgemeine Entwicklung

Der Begriff der Muttersprachenmethode ist der eigentliche Kernpunkt der Philosophie Suzukis. Er weist auf eine allgemeine lerntheoretische Entwicklung hin. Suzuki hat die Vorstellungen, wie Menschen ihre Muttersprache lernen, in einfache Regeln für seinen Violinunterricht übertragen. Die Gesetzmäßigkeiten des Muttersprachenerwerbs sind:

  1. Hören
  2. Versuch der Nachahmung
  3. Korrektur und liebevolle Bestätigung durch die Eltern.

Im weiteren Prozess wiederholen und vermischen sich immer wieder alle drei Punkte und schrauben somit die Entwicklung des Lernprozesses auf immer weitere und höhere Ebenen. Das geht soweit, daß Kinder auf der ganzen Welt fähig sind, feinste Dialekte und Lauteigentümlichkeiten einer Sprache zu imitieren. Das Kind weiß nichts von den Schriftzeichen seiner Sprache, geschweige denn von Grammatik oder Orthographie. Es kann aber bereits schon sehr frei verfügen über das, was es gehört und nachahmen kann. Dieses Lernen durch Nachahmen ist das wichtigste 'Lerngesetz' bevor das Kind in die Schule kommt. Auf den Geigenunterricht übertragen, heißt das:

  1. Viel Hören der Musikstücke
  2. Im Einzelunterricht werden die Stücke, die schon im Kopf sind, erarbeitet, d.h. welche Fingerfolge ist notwendig, welcher Bogenstrich, etc.
  3. Aufmunternde und positiv verstärkende Anregung beim Üben zu Hause.

Die Eltern haben also zu Beginn der Suzuki-Methode einen großen Anteil (Punkt 1 und 3). Sie müssen eine hohe Sensibilität aufbringen, um den Lerneifer ihrer Kinder immer wieder zu fördern. Extreme Haltungen, wie zu viel Druck oder Ehrgeiz aber auch Gleichgültigkeit und gleichermaßen zu starke Kritik sind einer positiven Entwicklung nicht förderlich. Dagegen hilft immer wieder: Lob! Loben beflügelt und macht uns die Kinder zu Freunden und willigen Mitarbeitern. Die Freude am Musizieren zu wecken ist Weg und Ziel zugleich! Von daher auch die vielen kleinen und großen Auftritte, bei denen die Kinder ihr Können zeigen dürfen - und kleine Kinder tun das auch sehr gerne. Dafür bekommen sie von der Öffentlichkeit eine ganz wichtige Bestätigung für ihr Tun.

Ab einem gewissen Alter aber erwacht ein anderes Interesse, nämlich sich neue Dinge anzueignen. Durch den Leselernprozess in der Schule eignet sich das Kind in zunehmender Weise seine ihn umgebende Welt aktiver an. Dies ist dann ungefähr der Zeitpunkt, um in die Notation einzuführen. Mit Hilfe der neuen Lesetechnik beginnt für das Kind die Erarbeitung neuer Stücke durch das Lesen. Mit Kindern, die schon vor dem Schulbeginn lesen wollen, arbeite ich mit einer sogenannten 'Vornotation'. In ihr sind einige Elemente der richtigen Notenschrift enthalten: Notenlänge durch verschieden große Kästchen oder Kreise; Notenhöhe: entsprechend dem Melodieverlauf werden die Kästchen frei auf das Blatt gemalt; in die Kästchen werden die Saite und der zu spielende Finger geschrieben.

Nach einiger Zeit erfolgt dann die Übertragung in die richtige Notenschrift. Ab diesem Zeitpunkt werden die Stücke der Suzuki-Schule nicht mehr nur über das Gehör erarbeitet, sondern auch über das Lesen. Leider vernachlässigen einige Kinder dann, wenn sie Noten lesen können, das Auswendigspielen der Stücke und vertrauen zu wenig dem einmal gelernten Mechanismus: 'Was im Kopf ist, kann leichter durch die Hände und das Instrument ausgedrückt werden.' Dieser Kernpunkt der Suzuki-Methode sollte weiterhin bestehen bleiben und intensiv gepflegt werden. Die Kinder erleichtern sich das Lernen auch weiterhin.

Die Rolle der Eltern und das Thema 'Üben'

Das offizielle europäische Logo der Suzuki-Bewegung ist ein in einem Notenschlüssel befindliches Kindergesicht und darüber eine stilisierte Shilouette einer Frauengestalt, nämlich der Mutter. Dies ist natürlich nur symbolisch gemeint, es könnte (und sollte) auch der Vater sein.

Mit dem Zeichen wird aber deutlich, daß die Eltern, ob Vater oder Mutter, eine wesentliche Rolle gerade in der Anfangszeit der Instrumentalausbildung spielen, wenn die Kinder noch so jung sind. Ich beginne jetzt den Unterricht mit dem (ca.4-jährigen) Kind erst, wenn die Mutter zwei Monate vorher allein die ersten Schritte auf der Geige gelernt hat, um zu Hause ein paar wesentliche Hilfen zu geben. Das sollte niemanden abschrecken ("ich bin doch so unmusikalisch!") sondern es erleichtert den Start des Kindes enorm. Ein vierjähriges Kindwürde sich aus einer halben Stunde Unterricht pro Woche nicht viel behalten, von daher ist es notwendig, daß ein Elternteil weiß, welcher Lernschritt zur Zeit trainiert werden soll und entsprechende Hilfen anbieten kann. Findet das Kind, wenn es älter wird, seinen eigenen Übestil, kann sich die aktiv spielende Elternrolle reduzieren. Das die Rolle der intensiv zuhörenden Mutter, die aus reinem Hören und Wissen um die Dinge des Geigenspiels dem Kind helfen kann. Auch von dieser Phase wird es einen 'Ablösungsprozess' geben, der dann irgendwann in einer möglichst großen Selbständigkeit des Kindes im Umgang mit der Geige und der Musik enden soll. Wer nicht in der beschriebenen Weise sein Kind begleiten kann, sollte den Instrumentalunterricht nicht so früh beginnen. Suzuki sprach einmal von der Mutter als seiner '6-Tage-Assistentin'. Fängt ein Kind mit dem Suzuki Geigenunterricht erst mit 5, 6, oder 7 Jahren an - auch das ist bei mir möglich! - dann kann mit dem Kind und den Eltern gemeinsam besprochen werden, inwieweit sich noch die Mutter (der Vater) noch am Übeprozess zu Hause beteiligen soll. Die Eltern haben auch in der Frage der Motivation, der Anregung und Animation zum Geigen eine wesentliche Rolle. Sie müssen sich fast täglich mit dem "Ich will aber heute nicht üben" auseinandersetzen, müssen kleine Anreize und Belohnungen schaffen.

Und wenn gar nichts mehr geht, müssen sie selber zum Instrument greifen, um damit ihrem Kind zu sagen 'Schau, wie schön ist es doch, Geige zu spielen'. Manchmal hilft auch ein sanfter Druck nach dem Motto 'Das wird jetzt einfach gemacht'. Auch das Finden einer täglichen Übezeit in jedem speziellen Haushalt ist Aufgabe der Eltern. Oft vermeide ich überhaupt das Wort 'üben' und rede von trainieren, was mehr auf ein sportliches Aneignen hindeutet, weil das nicht so negativ besetzt ist, wie das Wort üben. Oder ich zeige den Kindern diese Postkarte und wir reden über Dinge, die ein Mensch in seinem Leben lernt, z.B. Laufen, Radfahren, Anziehen... und daß das alles nicht an einem Tag gelernt werden kann, man sich aber durch ständiges Tun (= üben) verbessert.

Suzuki-Methode ist Einzel- und Gruppenunterricht

Der Einzelunterricht ist für das Erlernen eines Instrumentes von großer Bedeutung, denn es festigt nicht nur den Bezug zu einem Lehrer / einer Lehrerin, sondern jeder Schüler braucht im Instrumentalunterricht eine individuelle Zuwendung um seinem eigenen Lerntempo gerecht zu werden.

Die Situation der Kinder in der Gruppe ist aus psychologischer Sicht sehr vielschichtig. Einerseits ist den Kindern das Lernen in der Gruppe vertraut (Familie, Kindergarten), andererseits will jedes Kind auch in der Gruppe seine Individualität zur Geltung bringen. Aus diesem Spannungsverhältnis ergeben sich sowohl positive, wie negative Aspekte der Gruppenarbeit für das Kind und für die Gruppe.

Ein Kind kann sich z.B. in einer Gruppe aufgehoben fühlen oder aber auch nicht angenommen werden. Steht das Kind im Einzelunterricht dem erwachsenen Lehrer alleine gegenüber, so hat es in der Gruppe Altersgenossen als 'Verbündete'. Es muß nicht immer allein antworten, vorspielen, etc., sondern wird als ein Kind unter mehreren angesprochen und das kann und sollte ihm Sicherheit geben. Auch beim Geigenspiel kann es in dieser 'Solidargemeinschaft' ruhig einmal aussetzen, während die anderen Kinder weiterspielen.

Ein weiterer positiver Aspekt in der Gruppe ist die 'kleine Öffentlichkeit' im Gegensatz zum Konzert als der 'großen Öffentlichkeit'- : ich fordere die Kinder sehr oft auf, ein Solo zu spielen. Das 'Publikum' (die übrigen Kinder) haben die Aufgabe, sehr genau zuzuhören und hinterher eine kurze Stellungnahme zum gehörten Spiel abzugeben.

Dabei entwickeln sich ganz automatisch und ohne äußeren Wettbewerb Maßstäbe und Bewertungskriterien in den Kindern. ("Die hat aber einen schönen Ton" - "Der Bogen ging ganz schief" etc.) Ich empfinde den Gruppenunterricht, so wie ich ihn praktiziere, immer in diesem Spannungsverhältnis zwischen 'positivem Gruppenzwang' einerseits, und Entfaltung der Individualität andererseits. Auch der 'Gruppen-Clown' muß lernen sich anzupassen. Für beide Polaritäten: die Unterordnung in eine Gruppe und die Entfaltung der Individualität ist die Gruppenarbeit in der Suzuki-Methode eine gute Ergänzung zum Einzelunterricht. Hier gilt für alle der Grundsatz: Man braucht nur das mitzuspielen, was jeder kann und sich zutraut. Das Besondere an der Gruppenarbeit ist, daß die bekannten Lieder in neuen Spiel-Situationen unter bestimmten Lernaspekten erarbeitet werden.

Der fortführende Gruppenunterricht beinhaltet zunehmend das Gruppenspiel nach Noten, d.h. auch die Erarbeitung neuer, mehrstimmiger Musik. Die letzte Gruppe ist dann das vierstimmige Orchesterspiel. Unsere Gruppeneinteilung noch mal auf einen Blick:

* Gruppe 1 Anfänger Stücke der Suzuki-Schule Heft 1 + Spiele

* Gruppe 2 Unter- bis Mittelstufe Stücke der Suzuki-Schule Heft 1-3+ Erarbeitung von Stücken nach Noten

* Orchester Mittel- bis Oberstufe Suzuki-Stücke nach Wahl Heft 3-6+ Erarbeitung von Orchesterliteratur

 

Was ist das Ziel (m)eines Geigenunterrichtes?

Natürlich, es gibt so viele Ziele, wie es Schüler gibt. Jeder hat gewisse Vorstellungen, wie er die Geige und die Musik in sein Leben integrieren kann und möchte. Dem möchte ich auch weitgehend Rechnung tragen, um damit jeden Schüler in seiner Art Ernst zu nehmen.

Eines möchte ich aber bei allen Schülern erreichen: daß sie 'eins werden' mit der Geige (d.h. ein gutes Körpergefühl und richtige Bewegungen erlangen); mit der Musik (d.h. die Lieder und Stücke so zu verinnerlichen, daß sie zu einem immer währenden Besitz heranreifen);mit dem Musik-Machen-Wollen (d.h. daß sie eine Bereitschaft zum Musizieren lernen, die möglichst lange im Leben anhält).

So sehe ich meine Aufgabe mehr in der Rolle des 'Musik-Animateurs' oder 'Geigen-Animateurs', als in der Rolle des Schulmeisters, versuche für die Musik und die Geige zu begeistern, als mich über das nicht geübte Stück zu ärgern. Diese Freude beim Musizieren und beim Unterrichten habe ich bei Shinichi Suzuki und anderen Suzuki-Lehrern und -Lehrerinnen erfahren und halte sie für einen wesentlichen Motor in der Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden. Um den Unterrichtsalltag, den es auch bei uns gibt, immer wieder aufzulockern, versuche ich öfter sogenannte 'highlights' zu setzen: Veranstaltungen oder Projekte, die einer langen Vorbereitungszeit bedürfen und die dann in ganz besonderen Aufführungen gipfeln.

So brachten wir abendfüllend die gesamte Zauberflöte von W.A.Mozart mit der Balletschule Schoetschel und einem Sprecher auf die Bühne, oder als Zusammenarbeit mit der Theater-AG des Schlaun - Gymnasiums (Frau Feldmeier-Thiemann) ein Märchen mit Musik 'Der Mond der Prinzessin Leonore'. Auch Konzerte 'für einen guten Zweck' waren und sind auch in Zukunft eine Aufgabe für uns, so z.B. für UNICEF oder den Kinderschutzbund. Andere Höhepunkte sind die 'Münsteraner -Suzuki - Tage', Großveranstaltungen mit ca. 80 - 100 Kindern aus ganz Deutschland und ca 12 LehreInnen von denen es schon vier gegeben hat (1994, 1995, 1997 und 1999). Bei diesen Treffen, die auch anderswo im In- und Ausland stattfinden, spielen Kinder und Jugendliche aller Altersstufen Suzuki-Stücke und (eine Besonderheit hier in Münster) neue Geigenstücke und Orchestermusik. Die Münsteraner-Suzuki-Tage werden auch in Zukunft alle zwei Jahre veranstaltet.

Hans-Martin Schwindt - geb. 1951

Nach Abitur Musikstudium mit Hauptfach Violine an der Musikakademie Detmold; (1974 Staatl.Musiklehrerprüfung)
1974-79 Studium zum Grundschullehrer an der Pädagogischen Hochschule Münster;
nach 2.Staatsexamen Violinlehrer an der 'Westfälischen Schule für Musik' Münster;
Ausbildung zum Suzuki-Lehrer bei Kerstin Wartberg am dt. Suzuki-Institut,St.Augustin;
1986 A-Lehrer Prüfung;
1988 Gründung der 'SuzukiViolinschule-Münster'

 

Eine wichtige Stütze - der Förderverein

Als wir 1993 die Idee hatten, in Münster mal einen 'Suzuki workshop' zu veranstalten, d.h. Kinder und Lehrer aus ganz Deutschland einzuladen, um zu arbeiten und ein großes Konzert zu veranstalten, kam die Frage auf, wer ist denn nun der Veranstalter? Die Lösung fanden wir in der Gründung eines Fördervereines, der nun schon vier mal die 'Münsteraner-Suzuki-Tage' ausgetragen hat. Erste Vorsitzende ist derzeit Barbara Hofmann, die zusammen mit ihrem Mann Ulrich und seiner Computeranlage, die Geschicke des Vereines fest im Griff hat. Mit den bescheidenen Mitteln, über die der Verein verfügt, können außerdem einige Anschaffungen für die 'SVM' gemacht werden, so hat er z.B. das Klavier gekauft, oder die Broschüre '10 Jahre SVM' drucken lassen. Nun hoffen wir, daß auch SIE Mitglied im Verein werden!