Ende der 70er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts verschlang meine Generation die Bücher von Reshad Feild und Irina Tweedie über ihre Erfahrungen auf dem Weg der Sufis. Wir waren auf der Suche nach uns selbst und den Geheimnissen des Lebens, doch spätestens bei Tweedies Phönix aus der Asche blieb manchem der Atem weg. Für Tweedie war der Pfad der Liebe wie eine Brücke aus Haar über einem lodernden Abgrund, und diesen Abgrund vor allem zeigte sie und wir waren fasziniert und erschrocken zugleich. War diese Qual der Preis für Individuation und Bewusstseinsentwicklung? Wollten wir, um uns selbst zu finden, wirklich solche geistigen und körperlichen Anstrengungen auf uns nehmen, an den Rand des Wahnsinns gelangen, völlig aus dem normalen Leben herausgerissen werden? Für viele legte sich die Beunruhigung bald, denn es schien ohnehin stets ein Weg für nur wenige Auserwählte zu sein, die durch wundersame Zufälle einem Sufilehrer begegneten.
Jetzt hat ein ehemaliger deutscher Lehrer über seine langjährigen Erfahrungen auf einem traditionellen Sufiweg ein Buch geschrieben, das sich von früheren Erfahrungsberichten sehr unterscheidet. Es wird ein Weg beschrieben, bei dem jede/r ihr/sein individuelles Leben in der Gesellschaft weiterlebt, in starker Verbindung innerhalb und mit einer Gemeinschaft.
In diesem neuen Buch wird deutlich, dass es eine spirituelle Schulung gibt, bei der die Liebe sich wie ein Keim in Ruhe entwickeln kann und seine Entfaltung im ganz normalen Leben der Menschen geschieht. Die Sufi-Schüler finden wieder Kontakt zu ihrem tiefsten inneren Selbst, sie erinnern sich an das, was ihre Seele schon weiß, und sie lernen die Zeichen zu verstehen, die uns auf dem Lebensweg ständig begegnen. Das alles geschieht im Alltag, und der spirituelle Lehrer, der Scheich, ist dabei, ähnlich wie Sokrates, ein Geburtshelfer.
Zainab Angelika Müller
Einen weitgehend unbekannten Islam beschreibt der Münsteraner Autor Franz Langenkamp in seinem Buch „Wenn sich die Türen des Guten öffnen - Erfahrungen deutscher Sufis”, das in der Edition Avicenna München erschienen ist. Sufismus, so lernen wir von Langenkamp, ist die mystische Richtung des Islam. Die Anhänger dieser Strömung des Islam streben an, die Nähe Gottes schon im diesseitigen Leben zu erreichen. Dieses versuchen sie durch kontinuierliches Gottesgedenken und die Verfeinerung des eigenen Charakters zu erreichen. Statt Aggression und religiöser Intoleranz predigen die Anhänger des Sufismus die Liebe und den Respekt allen Menschen gegenüber.
In einer klaren und unprätentiösen Sprache beschreibt der Autor seine Erfahrungen in der Sufigemeinschaft „Tariqa Burhaniya”, der er seit 1983 angehört. Die eigenen Erlebnisse des Autors werden ergänzt durch Berichte anderer deutscher Mitglieder der Glaubensgemeinschaft. Der Leser erfährt sowohl wundersame Begebenheiten als auch Details über die tägliche Glaubenspraxis der Muslime. Verwundert nimmt man zur Kenntnis, dass der Islam nach Auffassung der Sufis keine strenge Religion ist und dass der islamische Glauben und ein bürgerliches Leben innerhalb der deutschen Gesellschaft sich nicht ausschließen.
Klaus-Dieter Bartz