 |
Im Frühsommer 2001 besuchten Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Wolbeck
die ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager in Auschwitz. Am Ende des mehrtägigen
Aufenthaltes schrieben sie in das Gästebuch des Museums: Ihr habt ihnen eine Nummer
eingebrannt. Können wir ihnen ihren Namen zurückgeben? Eine der zentralen Fragen
des Gedenkens und Erinnerns an die verfolgten und ermordeten Opfer des Nationalsozialismus
lautet, wie man des einzelnen Opfers in seiner Individualität und Personalität
gedenken kann. Es gilt mehr denn je, die Personen, die dem Terrorregime des Nationalsozialismus zum
Opfer gefallen sind, im Nachhinein der technokratischen Buchführung der Täter zu entreißen
und aus der distanziert-objektiven Anonymität der Opferstatistiken herauszulösen. Die Namen der
Opfer sind heute nur zum Teil bekannt, die Kenntnisse über ihre Schicksale wenn überhaupt
auf die schlichten Lebensdaten beschränkt, trotz intensiver, aber noch nicht ausreichender
Erforschung der Geschichte der verschiedenen Opfergruppen vor Ort und in der Region seit den 1980er Jahren.
Dem Gedenkbuchprojekt liegt die Intention zugrunde, der Opfer in ihrer Individualität
und Personalität zu gedenken. Im aktiven Gedenken steht die Person im Vordergrund:
- jene Person, derer gedacht wird, indem ihre individuelle Lebensgeschichte nachgezeichnet wird,
die immer mehr war als ausschließlich Opfergeschichte,
- und jene Person, die das Gedenkblatt verfasst, die sich um die Lebensgeschichte
eines Opfers bemüht und sich der Spannung zwischen Subjektivität und
Objektivität des Gedenkansatzes bewusst ist.
Neben dem lebensgeschichtlichen Zugang fördert der lokale und regionale Bezug die
intensive Auseinandersetzung mit dem Schicksal eines Opfers. Die Annäherung an die
konkrete Lebenswelt des Opfers und der persönliche Erfahrungshorizont des
Paten prägen gleichermaßen das eigene Gedenkinteresse.
|