Armut multipliziert
Armut
Im umgekrempelten Sozialen Netz immer nach
unten
AUTOR:
TYLL ZWINKMANN
Arm
ohne Arbeit – das war 1987. Aber arm mit Arbeit, das
ist heute – 2007. Die neue Armutsstudie des Instituts
für Soziologie (IfS) der Uni Münster „Von Bettlern
und Business-Menschen“ belegt mit Fakten unbequeme
Wahrheiten.
Münsters
propere Fassaden verbergen meist, was in anderen Städten
offen zum Alltagsbild gehört: Wachsende Armut – trotz
Arbeit. Ob einer arm bleibt mit Arbeit oder bereits arm ist
ohne Arbeit, erfüllt sind beide: von Resignation.
Kinderreichen Familien, gering qualifizierten Jugendlichen,
Alleinerziehenden, Älteren und Kranken droht ein Leben im
konstanten Mangel. Während es in der 1987er-Studie des IfS
noch zentral um das Thema ‚Arbeit oder
Nicht-Arbeit’ ging, gerieten den Forschern 2007 vor
allem zwei bittere Realitäten in den Fokus: die
‚working poor’ und die auf immer chancenlos
Ausgegrenzten.
„Als ‚working poor’ bezeichnen wir die
Menschen, die zwar in Arbeit sind, sich den Hintern wund
rödeln, aber dennoch kein Bein an die Erde kriegen und auf
keinen normalen Verdienst kommen“, skizziert der
IfS-Projektleiter Dr. Dieter Hoffmeister in einem Gespräch
mit der SPERRE diesen Personenkreis.
Einerseits also jene ‚working poor’, die mit
bestaunenswerter Energie um ihre und die Existenz ihrer
Angehörigen kämpfen. In diesem Überlebenskampf erweisen
sich - unter etlichen anderen - die alleinerziehenden
Frauen als besonders geschickt. Sie scheinen speziell
begabt, um mit Notbehelfsstrategien ökonomisch desolate
Situationen managen zu können.
Andererseits, so die befragten Experten, gibt es
diejenigen, die dauerhaft nicht mehr in die Gesellschaft
und in den Arbeitsmarkt integrierbar sind, deren Teilnahme
am öffentlichen Leben minimiert ist, deren Los kein
Programm à la ‚Fordern & Fördern’ je ändern
wird. Dramatisch real die Gefahr, dass deren Kinder in die
Chancenlosigkeit dieser Armutskreisläufe, in die Agonie,
die Ausgrenzung und damit in die Ausweglosigkeit
hineingeboren werden.
„Diese Ausgegrenzten“, analysiert Dr.
Hoffmeister, „stecken in einer
kleinräumig-kollektiven Armutskultur, die sich nach außen
abgrenzt und perspektivlose Inseln des Überlebens
bildet“.
Fachleute erkennen in diesen Sektoren eine galoppierende
Entsolidarisierung, einen Trend zur Vereinzelung und zu
Sozialdarwinismus, zu einer wohl eher erzwungenen
Ellenbogenmentalität.
Parteien und Gewerkschaften sind hier schon lange draußen
vor.
Dennoch gibt es vor Ort auch Netzwerke, oft von
arbeitslosen Akademikern initiiert, die sich auf
vielfältige und phantasievolle Art mit den Sorgen und Nöten
der Betroffenen befassen.
Insgesamt wächst die relative Armut in Deutschland. Die
bekannten Zahlen sind unterschiedlich. Sie reichen von
10,6% der Bevölkerung (Statistisches Bundesamt) bis 13,5%
(EU-Studie).
Dr. Hoffmeister spricht vom pluralistischen Charakter der
Armut: „Mittelschichten sind betroffen, normale
Angestellte, Häuslebauer, Leute mit biografischen Brüchen
wie Entlassung, Krankheit, Unfall, Scheidung, Kurzarbeit
oder Überschuldung.
Das kulminative Zusammentreffen verschiedener, in der Folge
auch psycho-sozialer Merkmale, ist heute für das Entstehen
von Armut kennzeichnender als allein der Faktor
Arbeitslosigkeit. Der permanente Mangel wird ertragen, die
Menschen wehren sich mehrheitlich nicht mehr, sind nicht
kämpferisch, selten politisch aktiv, richten sich irgendwie
ein, resignieren“.
Allmählich
resignieren jedoch auch die Sozialarbeiter vor Ort. Viele
sind ausgebrannt. „Sie müssten“, so Dr.
Hoffmeister über die IfS-Befragungen, „Multitalente
sein, um mit psychisch Kranken, Drogen- und
Alkoholsüchtigen, Überschuldeten, mit Langzeitarbeitlosen,
problemüberladenen Alleinerziehenden, Sprachunkundigen,
Schulschwänzern oder Gewalttätern wirksam helfend umgehen
zu können“.
Diese nicht mehr Integrierbaren, so die Armenstudie des IfS
2007, stellen das größte Problem dar, meint Dr.
Hoffmeister: „Aufgrund fehlender sozialer Kompetenzen
in diesem Milieu können Sozialarbeiter nicht mehr
erfolgsversprechend arbeiten.
Vor Ort schieben sie Frust, erleben Unzuverlässigkeit,
nicht eingehaltene Absprachen, das Nichtbeherrschen der
einfachsten Dinge des täglich Notwendigen. Diese Menschen
müssten somit an allen Fronten unterstützt werden“.
Experten fordern von der Politik genau deshalb einen
Paradigmenwechsel. Die ernüchternden Fakten müssen endlich
laut und deutlich in die öffentliche Diskussion. Die
Ausbildungssysteme - und die Zahl - der Sozialbetreuer sind
schnell und effektiv den veränderten Verhältnissen
anzupassen, und gezielt dort einzusetzen, wo Fortschritte
noch möglich sind.
Dr. Dieter Hoffmeister spricht resümierend von
„Ressourcen-Armut, von wachsenden Armutsrisiken - von
kommender Altersarmut, von Bildungs- und Teilhabe-Armut. Es
geht jedoch nicht allein um ökonomische Armut.
Für die Betroffenen wird es immer problematischer, sich vom
Rand dieses ‚umgekrempelten sozialen Netzes’
(Wolf Wagner in ‚Die nützliche Armut’) wieder
nach oben zu arbeiten. Bei anhaltend steigendem
Bruttosozialprodukt, das offensichtlich diese Form der
Armut nicht verhindert, muss es zu einer gerechten
Umverteilung kommen, sowohl von wirtschaftlichem als auch
von sozialem und kulturellem Kapital.
Gefördert werden muss der autonome, aufgeklärte und mündige
Bürger, der seine Situation erfasst und der politisch zu
handeln vermag, appelliert der Soziologe Dr. Hoffmeister
von der WWU Münster.
Erinnern sollte man sich zudem an die heute fast vergessene
Tatsache, dass Reichtum Armut bedingt, immer bedingt hat.
(TYLL
ZWINKMANN)
BUCHTIPPS
Dieter
Hoffmeister (Hg.)
Von Bettlern und Business-Menschen
Städtische Armut in Münster
LIT-Verlag – Münster – 2007 -
19.90€
Ronald
Gebauer
Arbeit gegen Armut
Über das Armutsfallentheorem
VS-Verlag – Wiesbaden – 2007 – 34.90
INTERNET-ADRESSEN
www.kunststimmen-gegen-Armut.de
www.planet-wissen.de/Armut
www.wikipedia.org/Armut
www.kinder-armut.de
www.deine-stimme-gegen-armut.de