Von
Mensch zu Mensch

Unter diesem Obertitel hatten wir in der letzten SPERRE das
Verhältnis zwischen dem Amt und dem Hartz IV-Bürger aufs
Korn genommen. Das Thema hat einigen Wirbel bereitet. Ein
Redaktionsmitarbeiter ist ausgeschieden, weil die Aussagen
aus seiner Sicht zu wenig kritisch waren. Insbesondere für
Menschen, die seelisch nicht so robust wären, hätte der
Druck (das Fordern) seitens des Amtes verheerende Folgen.
Das
Thema begleitet uns aber weiter, teilweise in recht
drastischer Form. Im Oktober griff ein Tatort-Krimi von
Margarethe von Trotta das Thema auf, ein Antragsteller
hatte einen Hartz IV-Sachbearbeiter umgebracht. Das ist
kein Hirngespinst der Regisseurin, das hat es in der
Realität auch schon gegeben, es wird nur nicht gern darüber
berichtet. Im September hat eine offenbar verwirrte Frau im
Hartz IV-Amt in Aachen zwei Mitarbeiter als Geiseln
genommen. Im Netz diskutierte das Erwerbslosenforum über
die Aachener Tat, prompt ermittelt die Staatsanwaltschaft
wegen Aufruf zur Gewalt.
Uns erreichten verschiedene Hinweise auf weitere Aspekte
dieses Themas.
Seit August 2006 steht es so im Hartz IV-Gesetz: Für alle
Antragsteller, die noch nicht im Leistungsbezug stehen,
soll sofort ein Angebot an Arbeit oder an Maßnahmen gemacht
werden. Dazu findet ein ausgiebiges Beratungsgespräch mit
einem Arbeitsvermittler statt. Münsters Hartz IV-Behörde
konnte nach eigener Aussage mit Hilfe der in Aussicht
gestellten Angebote die Hälfte der Antragsteller dazu
bewegen, dann doch lieber den Hartz IV-Antrag
zurückzunehmen. Damit entfallen auch ein Vermittlungs- und
ein wie auch immer gearteter Betreuungsauftrag der Behörde.
Ob die Bedürftigen dann Schulden auflaufen lassen, ob sie
eine unzumutbare Arbeit für einen Hungerlohn annehmen oder
auf welche Weise sie ihren Lebensunterhalt nun bestreiten,
das weiß die Behörde nicht. Dafür ist sie nach dem Willen
der Politik nicht zuständig.
Noch eine weitere Neuerung hatte diese Hartz IV-Änderung
gebracht: Der Gesetzgeber verpflichtet alle Hartz
IV-Behörden, einen Ermittlungsdienst in Sachen
Sozialmissbrauch einzurichten. Die meisten hatten auch
schon vorher Sozialdetektive, beispielsweise die Behörde in
Münster. Aber das reicht wohl nicht, die Bundespolitiker
müssen es noch mal ausdrücklich ins Gesetz schreiben, dass
man eine Masse von Sozialbetrügern vermuten müsse. (Nur mal
so zum Größenvergleich: Die in Deutschland hinterzogenen
Steuern betragen etwa soviel wie die gesamten Kosten von
Hartz IV. )
Den Vogel schießen nun die Briten ab, sie setzen nun
Lügendetektoren gegen ihre Armen ein.
Lügendetektor
bei Sozialhilfe - Empfängern
Trotz massiver Kritik startete in Großbritannien nun ein
Pilotversuch, in dem Sozialhilfeempfänger Tests mit
Lügendetektoren unterzogen werden. 173 Missbrauchsfälle in
drei Monaten deckte ein erster Versuch auf, von zahlreichen
Bewerbern wurde darüber hinaus berichtet, dass sie
Hilfsanträge zurückzogen, nachdem ihnen der
Lügendetektortest angekündigt wurde.
Wer ohnehin am unteren Ende der sozialen Skala steht, kann
nun noch effektiver und umfassender entwürdigt werden -
Kritiker halten neben der Unzuverlässigkeit der Technik
allein schon das Vorhaben für menschenunwürdig. Verfechter
der Technologie bejubeln die angeblich 250.000 Pfund, die
in einem Pilotversuch binnen dreier Monate eingespart
werden konnten.
Dass
viele Bedürftige nach der Ankündigung, dem Test unterzogen
zu werden, ihre Anträge zurückzuziehen, hat dabei offenbar
Methode.
„Manche
Leute sagen freiwillig, 'OK, das mach ich nicht mit. Ich
ziehe meinen Antrag zurück', nachdem ihnen der Test
angekündigt wurde. Danach suchen wir. Das sind die Fälle,
die wir im Grunde identifizieren wollen." so die Leiterin
der Sozialbehörde im Testgebiet Harrow Council, Griselda
Colvin.
Die zugrundeliegende Menschenverachtung scheint die
Befürworter der Technik ebenso wenig zu stören wie der
Hinweis aus Gewerkschaftskreisen, dass die
Lügendetektortechnik allenfalls zufällige Ergebnisse
liefere. In fünf weiteren Bezirken soll die Technik nun
weiter getestet werden, bis zu 400 könnten im nächsten Jahr
folgen.
Quelle:
http://www.gulli.com/news/l-gendetektor
-bei-sozialhilfe-2007-10-01/
„Wer
nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“ (Franz
Müntefering)
Hartz IV baut nach britischem Beispiel auch in Deutschland
den Sozialstaat um oder besser gesagt ab. Zu welchen
menschenverachtenden Verhalten die Stimmungsmache gegen
Hartz IV-Bezieher immer wieder führt, belegen drastische
Beispiele.
So verhungerte ein junger Mann in Speyer, weil er aus
seiner seelischen Krankheit heraus nicht in der Lage war,
seinen Hartz IV-Antrag richtig abzugeben. Die Behörde hat
ihm nicht geholfen. Bis zum Beginn von Hartz IV bekam er
Sozialhilfe. Das war zwar nicht mehr Geld, aber das
Sozialamt war auch für seine soziale Betreuung
verantwortlich. Die Hartz IV-Behörde kümmerte das Soziale
nicht mehr, „Eigenverantwortung“ heißt es im
Gesetz. Wer das nicht schafft, der ist eben selbst schuld
für seinen Untergang. Speyers Hartz IV-Behörde bekam
entsprechend Rückendeckung von ihrer Dienstaufsicht, der
Landesregierung in Mainz. Regierungschef dort ist der
unrasierte Mann, der die Arbeitslosen auffordert, sich
ordentlich zu rasieren, dann bekämen sie auch Arbeit.
Quelle:
www.stern.de/politik/panorama/:Kommentar
-Der-Hungertod-Hartz-IV/587395.html
Oder die Geschichte einer todkranken Frau, der die Hartz
IV-Zahlung eingestellt wird:
Eine Frau kämpft ums Überleben
Jeder
Tag ist für Brigitte Lühr ein Kampf ums Überleben. Nicht
nur weil die
42-Jährige Unterleibskrebs im
Endstadium hat, sondern vor allem weil sie
seit mehr
als sechs Wochen fast völlig mittellos dasteht. Die
Stadtwerke
wollen ihr den Strom abstellen, sie muss
aus ihrer Wohnung heraus und sie
ist nicht mehr
krankenversichert. Ende Juli hat die zuständige
Arbeitsagentur die Hartz IV-Zahlungen eingestellt. Doch
statt die arbeitsunfähige Frau an das Sozialamt
weiterzuleiten, versuchte man offenbar ihre
Anmeldung in einem Hospiz
auszunutzen.
„Hartz IV-Empfänger sollten auch helfen Kosten zu
senken - und ich würde
keine Kosten verursachen,
wenn ich in ein Hospiz gehen würde, das zahlt die
Krankenkasse...“ berichtet Brigitte Lühr. Doch
noch ist die 42-jährige nicht
bereit sich zum
Sterben zurückzuziehen. Noch muss sie sich um ihre
11-jährige Tochter kümmern, die aufgrund der
finanziellen Situation schon
jetzt in einer
Pflegefamilie lebt.
Quelle:
http://www.rtl.de/news/rtl_aktuell_artikel.php?article=14&pos=8,
Video
dazu:
http://www.rtl.de/news/rtl_aktuell_videoplayer.php?article=13177
War
die DDR gar nicht so schlecht?
Mit dieser Frage setzt sich die Hamburger Hartz IV-Behörde
auseinander. Sie forscht sehr persönliche Dinge und
Ansichten ihrer Klienten aus, wo ein Nutzen für die
berufliche Eingliederung nicht offensichtlich ist.
Im
Auftrag der Arbeitsgemeinschaft (Arge) team.arbeit.hamburg
erstellt die Gesellschaft für Innovationsforschung und
Beratung (GIB) systematisch Psychogramme, in denen
Arbeitslose auch nach sehr persönlichen Neigungen und
Fähigkeiten gefragt werden.
Das Amt will dabei nicht nur wissen, ob die Hartz
IV-Empfänger ihren Speiseplan gern mit „exotischen
Gerichten (z. B. aus Indien, Japan und Mexiko)“
aufpeppen. Von Interesse sind offenbar auch ihre Antworten
auf die Frage, ob „das Leben in der DDR gar nicht so
schlecht war“, ob „gern Filme angeschaut
werden, in denen viel Gewalt vorkommt“ oder ob man es
schön fände, wenn „eine Liebe ein ganzes Leben
hält“. Schließlich taucht gar die Frage auf, ob
„Dinge wie Tarot, Kristalle oder Mandalas“ dem
Arbeitslosen helfen können, „in schwierigen
Lebenssituationen die richtige Entscheidung zu
treffen“ und ob „christliche Wertvorstellungen
keine Rolle spielen“.
Die
Hamburger Behörde für Wirtschaft und Arbeit verspricht sich
von der Aktion „ein umfangreiches Profil der Kunden
zu erhalten“, um „passgenauere Instrumente für
den Förderbedarf“ zu entwickeln, so ein Mitarbeiter
der Grundsatzabteilung.
Quelle:
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,501955,00.html
Was
macht Hartz IV mit dem Fallmanager?
Ein
längerer Artikel in der Zeitschrift Wildcat befasst sich
damit, wie Fallmanager zu mehr Härte gegen ihre
„Kunden“ und gegen sich selbst kommen, auch
wenn sie früher mit einem solidarischen, linken Anspruch
ihre Arbeit aufgenommen hatten. Neben einer allgemeinen
Beschreibung druckt Wildcat zwei Einzelinterviews ab, aus
denen deutlich wird, wie interner Drucks und schlechte
Personalausstattung die Fallmanager dazu bringen, auch über
die Anforderungen des Forderns im Hartz IV-Gesetz
hinauszugehen.
Weitere Infos: http://www.wildcat-www.de/wildcat/79/w79_sozialkunde.htm
-avo-