Aufbau und Zerstörung
menschlicher Existenzen

Man
könnte meinen, den Sozialbehörden und der Sozialarbeit,
würde es jeweils um eine Unterstützung von Menschen in Not
gehen. Doch die Zielrichtung ist oft gegensätzlich, wie an
einer Thematik aus der Sicht eines Sozialpädagogen
erläutert wird:
Eine Betreuung ist erforderlich, wenn die Betroffenen die
Angebote der verschiedenen Beratungsstellen nicht mit
Erfolg in Anspruch nehmen können. Das kann verschiedene
Gründe haben: Die Unfähigkeit, die eigene Problematik
realistisch zu erfassen und verständlich darzustellen,
mangelndes Vertrauen bis hin zu Ängsten, latente
Aggressionen und die Komplexität der Probleme, die einem
„über den Kopf wachsen“. Zudem können
Missverständnisse zum Abbruch einer Beratung führen oder
dazu, dass diese gar nicht erst zustande kommt.
Nur eine umfassende Betreuung kann erfolgreich sein. Bei
der Vermittlung einer Wohnung oder Arbeit sind auch
Schulden- oder Suchtprobleme anzugehen und umgekehrt. Oft
geht es darum, beim Aufbau einer Existenz zu helfen bzw.
beim Wiederaufbau, wenn diese infolge eines
Arbeitsplatzverlustes oder einer Trennung von einem
Lebenspartner zusammengebrochen ist. Ursachen können auch
Alkohol- oder Drogenmissbrauch, Überschuldung oder eine
langjährige Haftstrafe sein.
Viele sind nur unzureichend darauf vorbereitet, sich in
dieser Gesellschaft zu behaupten. Nicht nur Ausländer, auch
Deutsche scheitern häufig an der Unfähigkeit, Differenzen
mit den verschiedenen Ämtern und Behörden zu regulieren,
sowie mit anderen Institutionen wie den Stadtwerken,
Krankenkassen, Sparkassen, Versicherungen usw.
Oft herrscht die Neigung vor, persönliche
Auseinandersetzungen mit den Sachbearbeitern zu führen,
anstatt Sachverhalte nüchtern abzuklären, oder man geht nur
unzureichend vorbereitet zu Terminen und vergisst dann,
einen Teil der Argumente vorzutragen, oder man hält sich
über Gebühr mit Nebensächlichkeiten auf und erwähnt die
wichtigen Punkte nur am Rande, was zu falschen Bescheiden
führen kann. Ohne entsprechende Kenntnisse kann man auch
nicht wissen, welche Aspekte entscheidend sind — im
juristischen Sinn.
Häufig sind elementare Fähigkeiten und Praktiken nur
unzureichend entwickelt: z. B. Formulare zu verstehen und
auszufüllen oder Akten, Unterlagen und Kopien eigener
Schreiben geordnet aufzubewahren, so dass dann wichtige
Daten fehlen. Nur wenige führen einen Terminkalender. Die
übrigen können dann zeitliche Zusammenhänge nicht
rekonstruieren. Es sind auch nicht alle in der Lage, ein
Schreiben richtig aufzusetzen, zumindest handschriftlich;
denn nicht jeder hat eine Schreibmaschine oder einen
Computer oder kann diese bedienen.
Einige scheuen davor zurück, mit Sachbearbeitern zu
telefonieren und können dann kaum mit Institutionen
kommunizieren, die nicht am Ort sind. Dabei stecken gerade
viele einfachen Leute in den kompliziertesten
Lebensumständen, was einen erhöhten Klärungsbedarf bedingt.
Anderseits üben die ungelösten Probleme oft einen
unerträglichen Druck aus, der Suchtprobleme zumindest
fördert.
Diese Schwierigkeiten haben nicht nur junge Erwachsene, die
noch unerfahren sind, sondern auch ältere nach einer
Trennung oder dem Tod eines Lebenspartners, dem man bis
dahin die Bewältigung dieser Aufgaben überlassen hat.
All die genannten Praktiken sind zu lernen und einzuüben,
damit eine selbständige Existenz in dieser Gesellschaft
möglich wird. Selbst dann ist das Leben noch schwierig;
denn auch der Normalbürger hat es nicht leicht, sich gegen
fragwürdige Entscheidungen der Behörden durchzusetzen.
Umso schwerer fällt das Menschen mit einem Handicap. Gerade
diese laufen Gefahr, dass Sachbearbeiter — nicht alle
— ihre missliche Situationen ausnutzen zum
vermeintlich Vorteil der Institutionen, welche sie
vertreten. So tragen Sachbearbeiter mitunter dazu bei,
menschliche Existenzen zu zerstören, auch wenn sie glauben,
das Gegenteil zu tun.
Da muss man sich nicht wundern, dass ganze Heerscharen von
Gescheiterten die Umgebungen der Bahnhöfe, die Kioske oder
öffentlichen Parkanlagen bevölkern, Menschen, die sich
aufgegeben haben und die nicht nur an ihren eigenen
Unzulänglichkeiten zu Grunde gegangen sind.
Zunehmende Verwahrlosung verursacht auch entsprechende
Folgekosten. Für diesen gesellschaftlichen Schaden und das
daraus resultierende persönliche Leid können auch
Sachbearbeiter mitverantwortlich sein. ‚Aufbauen um
jeden Preis statt versehentlich zu zerstören“ sollte
somit das Motto für die Zukunft sein.