© by Peter Stallknecht


ALEXANDRA UND PIERRE

Ihre seltsame Liebe begann in dem Augenblick, als er sich auf der Party eines fernen Freundes endlich zu ihr umdrehte und sie ansprach.

Er: Sagen Sie mal, wir kennen uns doch irgendwoher.

Sie: Nein, wir kennen uns ganz gewiss nicht. Aber Sie dürfen mich trotzdem ansprechen. Geben Sie mir einen Namen.

Er: Ich -

Sie: Das ist kein Name. Warten Sie, nennen Sie mich Alexandra. Ich heiße Alexandra. Und du bist Pierre.

Er: Ich habe französische Vorfahren, aber -
Sie: Fein. Das erklärt deinen Namen.

Er: -

Sie: Du interessierst dich nicht sehr für Namen, nicht wahr?

Er: Doch, doch! Namen sind schließlich an allem schuld.

Sie: Du gefällst mir, Pierre. Aber das ist natürlich Unsinn.

Er: Was ist Unsinn?

Sie: Dass Namen an allem schuld seien.

Er: Woher weißt du das?

Sie: Es gibt zum Beispiel Dinge, an denen ich schuld bin.

Er: Und du bist kein Name?

Sie: Ich glaube nicht.

Er: Dann ist es eben Unsinn. Aber ich liebe Unsinn.

Sie: Nein. Kein Mensch liebt Unsinn. Unsinn führt zu nichts, Unsinn ist gefährlich.

Er: Ich glaube sehr wohl, dass ich Unsinn liebe.

Sie: Das habe ich nicht bezweifelt. Komm, setz dich her. Wie lange kennen wir uns?

Er: Kaum eine Minute. Aber lange genug, dass ich sagen kann, dass ich nicht verhindern kann, selbst wenn ich es wollte, dass ich - sagen wir: eine Woche.

Sie: Eine Woche also. Und du hast mich jeden Abend angerufen. Schon gleich am ersten Abend nach der Party.

Er: Du hast mir deine Telefonnummer nicht gegeben.

Sie: Man sollte mindestens einen Tag warten mit dem Anrufen.

Er: Ohne Nummer ging gar nichts mehr.

Sie: Ich habe dich am dritten Abend angerufen und sie dir gesagt.

Er: Ja.

Sie: Und du hast dann zurückgerufen.

Er: Woher wusstest du meine Nummer?

Sie: Hallo Pierre, ich freue mich, dass du anrufst.

Er: Alexandra, wann sehen wir uns wieder?

Sie: Auf der nächsten Party unseres gemeinsamen Freundes.

Er: Was? Weiß der Henker, wann der die nächste Party - das kann ja ewig dauern!

Sie: Pierre!

Er: Also schon am nächsten Samstag? Ich werde da sein, ich werde ganz bestimmt da sein.

Sie: Am Samstag also. Das ist gut.

Er: -

Sie: Was ist?

Er: Schön, wenn man einen Freund hat, der jeden Samstag eine Party gibt.

Sie: Vielleicht solltest du nicht jedes Mal denselben Salat mitbringen.

Er: Den gleichen.

Sie: Nämlich gar keinen.

Er: Schon Mao sagte: Es gibt ohnehin zu viel Salat auf der Welt. Moment - das kann nicht stimmen.

Sie: Was kann nicht stimmen?

Er: Dass du weißt, ob ich immer Salat mitbringe oder nicht.

Sie: Obwohl ich heute oder vor einer Woche zum ersten Mal auf der Party war?

Er: Du sagst es.

Sie: Wenn du nicht einmal weißt, ob ich heute oder vor einer Woche zum ersten Mal auf dieser Party war, dann kannst du mich auch früher schon übersehen haben. Oder unser gemeinsamer Freund hat es mir verraten. Das mit dem Salat. Es könnte aber auch sein, dass du selbst es mir gestanden hast, das mit dem Salat. Auf der Party vor zwei Wochen, denn vielleicht kennen wir uns ja bereits seit zwei Wochen, nicht erst seit einer.

Er: Dann hätte ich dich vorhin belogen?

Sie: Du hättest zumindest nicht die Wahrheit gesagt.

Er: Ach, du verwirrst mich so fürchterlich.

Sie: Was zu beweisen war.

Er: - ?

Sie: Ich habe ja gesagt, dass es Dinge gibt, an denen ich schuld bin.

Er: Hm, ist das dein Knie?

Sie: Gut, Themenwechsel.

Er: Jetzt bin ich mal an etwas schuld.

Sie: Ja, das ist mein Knie.

Er: Und das?

Sie: Das ist dein Knie. Nein, warte, gar nicht wahr. Das ist mein anderes Knie. Ich habe nämlich zwei.

Er: Tatsächlich? Moment. Oh, schau: Ich habe auch zwei.

Sie: Mindestens!

Er: Wieder was gelernt.

Sie: Es macht Spaß, den eigenen Körper zu entdecken.

Er: Nicht nur den eigenen.

Sie: Themenwechsel?

Er: Zu früh.

Sie: Genau das meine ich.

Er: Verstehe.

Sie: Gehen wir eine Woche weiter.

Er: Vermutlich immer noch zu früh.

Sie: Ja.

Er: Noch eine Woche weiter.

Sie: Hm.

Er: Noch eine Woche. Heute habe ich einen Salat mitgebracht.

Sie: Erinnerst du dich an früher?

Er: An ganz früher? Ja. Aber es ist lange her.

Sie: Wir waren Adam und Eva.

Er: Wir waren Adam und Eva.

Sie: Erzähl mir, woran du dich erinnerst.

Er: Du warst schön. Du warst so schön wie heute. - Ich hatte schlecht geschlafen, und mir tat die Seite weh. Dann sah ich dich zum ersten Mal.

Sie: Wie viele hattest du vor mir?

Er: Ich hatte immer zu viel zu tun. All die Namen, die gegeben werden mussten! Und ich war noch lange nicht fertig.

Sie: Mit Namen warst du nie gut. Aber ich habe dir dann ja geholfen.

Er: Ja, als Erstes hast du allen Viechern und Sträuchern, die ich schon benannt hatte, neue Namen verpasst.

Sie: Du fandest die neuen Namen auch besser!

Er: Das habe ich damals jedenfalls gesagt, ja.

Sie: Ich habe dir geglaubt!

Er: Die Namen waren mir sowas von egal. Konnte ich mir sowieso nicht merken. Ich habe es einfach geliebt, dich zu betrachten: Wie du da herumliefst, auf alles gedeutet hast und Namen verteilt hast.

Sie: Und du hast nur geguckt -

Er: Ja. Ein Kribbeln lief mir über die Kopfhaut.

Sie: Ach, man weiß ja: Männer können besser gucken als alles andere.

Er: Das ist ihr Job.

Sie: »Koalabär« ist objektiv ein besserer Name als »Bratzke«!

Er: Mag sein.

Sie: Und »Klaklalöm« musste auch ersetzt werden. Die armen Adler, diese stolzen Herren der Lüfte, hätten ja einen Schaden weggehabt für alle Ewigkeit.

Er: Du hast sie gerettet.

Sie: »Goldregen« statt »Papp«. »Heuschrecke« statt »Grünkrabbel«. »Wiesenschaumkraut« statt -

Er: »Alexandra« statt »Eva«.

Sie: Das kam später.

Er: Fast alles kam später.

Sie: Es war schrecklich, als Gott noch lebte.

Er: Es hatte seine Vorteile.

Sie: Der Preis war zu hoch.

Er: Man konnte immer jemanden fragen.

Sie: Er hat die Fragen im Brunnen ertränkt.

Er: Er hat uns geschaffen.

Sie: Na und?

Er: Wir sind seine Geschöpfe.

Sie: Das ist vorbei. Er kam mit dem Ertränken nicht mehr nach.

Er: Weißt du noch, was passiert ist?

Sie: Es ist viel passiert.

Er: Ich meine: Wie er gestorben ist?

Sie: Nein. Es war schrecklich.

Er: Wir waren allein.

Sie: Wir waren immer allein und werden immer allein sein.

Er: Nein, das ist nicht wahr.

Sie: Gehen wir eine Woche weiter.

Er: Ich habe mich die ganze Woche darauf gefreut, dich wieder zu sehen, Alexandra.

Sie: Ich bin froh, dass du da bist.

Er: Und deine Knie hast du auch wieder mitgebracht.

Sie: Ich gehe fast nie ohne sie.

Er: Ich möchte sie streicheln.

Sie: Tust du ja schon.

Er: Oh, tatsächlich.

Sie: Mach ruhig weiter.

Er: Ich möchte nie etwas anderes tun als deine Knie streicheln.

Sie: Das glaube ich dir nicht, Pierre.

Er: Gehen wir eine Woche weiter.

Sie: Du bist zu schnell.

Er: Das Leben ist kurz.

Sie: Wer sagt das?

Er: Weiß nicht. Irgendein - Depp.

Sie: Was Deppen sagen, interessiert mich nicht.

Er: Ich werde mein Leben heute abend damit verbringen, deine Knie zu streicheln.

Sie: Ja.
 


© Peter Stallknecht

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