©
by Klaus Woestmann
Schnee
von gestern
Als
er aufwachte, war er verwirrt. Benötigte Zeit, um sich zu orientieren. Nicht,
das er sich hier nicht auskennen würde. Es war schließlich seine Wohnung.
Trotzdem war er fremd. Außerdem hatte er Kopfschmerzen. Aus den Augenwinkeln
nahm er den Raum in Augenschein und versuchte sich dabei nicht zu bewegen.
So ging es. Seine Pupillen wanderten neugierig umher. Es war nicht schön,
was er zu sehen bekam:
Da war die abgehängte Styroporkassettendecke mit den angedeuteten Zierleisten,
die sich zwischen zwei Fingern zerbröseln ließen und der verschlissene, halb
abgerissene Vorhang vor dem Wandregal mit seinen Klamotten. Der Blick wanderte
zum Fenster. Draußen nieselte es. Es war grau und still. Ein triefend tief
hängender Himmel über grauen Putzfassaden, von denen die Feuchtigkeit auf
graue Betonplatten tröpfelte. Das Geräusch war so unangenehm, wie das eines
defekten Wasserhahnes.
Der Ofen würde nicht ziehen. Es würde kühl und klamm bleiben, weil es nicht
kalt genug war. Die Briketts würden verglimmen ohne Glut zu entfachen. Er
würde nervös vor dem Fernseher herumrutschen und versuchen das Konzert der
Symphoniker aus Wien auf der Fernbedienung zu übergehen. So viel Eleganz und
Frack und Wärme würde unerträglich sein. Ein Neujahr, wie viele andere auch.
Er kramte in seinem Gedächtnis nach den guten Vorsätzen der Silvesternacht,
die ihm endlos lange her schien. War schon wieder ein Jahr vergangen oder
waren es schon zwei? Da war noch das Dröhnen. Es muss also am Vorabend gewesen
sein. Wahrscheinlich hatte er sich vorgenommen das Rauchen aufzugeben. Ein
kurzer Blick auf den überquellenden Aschenbecher genügte, um ihm übel werden
zu lassen. Ein guter Vorsatz. Er würde ihn sofort beherzigen. Vielleicht hatte
er sich geschworen vernünftig zu werden. Oder sogar erwachsen, wie ihm alle
rieten. Aber daran war nicht zu denken. Alt genug wäre er ja, aber wo sollte
das hinführen? Er starrte an die Kassettendecke und zählte die Spinnennetze.
Es waren einige. Zum Glück war keines in Betrieb, weil er fürchtete sich vor
Spinnen. Tatsächlich waren es auch keine Spinnennetze sondern Staubnester.
Er dachte an den vergangenen Abend. Sie hatten versucht die Christbaumtanne
in die Luft zu schießen. Sie sollte raketengleich über den Dächern aufsteigen
und dann hell erleuchtet über der Stadt schweben. Den ganzen Abend waren sie
damit beschäftigt gewesen den Abflug vorzubereiten. Sie hatten sich vorgestellt,
wie der Weihnachtsbaum in einer leichten ballistischen Kurve in das Feuerwerksgewitter
steigen würde. Heraus aus dem stickigen Hinterhof in den weiten Himmel über
der Stadt. Sie hatten den Baum herausgeputzt und zusätzliches Lametta aufgelegt.
So schön hatte die Tanne selbst Weihnachten nicht ausgesehen. Dann hatten
sie das Silvesterfeuerwerk befestigt. Fast alle aus dem Hinterhaus waren dabei
gewesen. Sie hatten gekichert, gebastelt und getrunken.
Er fasste sich an den Kopf, der unter der Berührung zu bersten schien. Natürlich
hatte die Tanne nicht abgehoben. Sie war umgestürzt und vor einem Feuerschweif
rotierend durch den Hinterhof gerast. Vor Schreck waren alle in die höhlenartigen
Hauseingänge geflüchtet. Am Müllcontainer war die Tanne krachend und funkelnd
explodiert. Der Unrat hatte Feuer gefangen und das Plastik des Containers
hatte sich in der Hitze zusammen gezogen. Der ganze Hinterhof hatte geleuchtet
und sie waren zusammen gelaufen, um wie gebannt in die Flammen zu starren.
Der Alte aus dem ersten hatte als erster das Wort ergriffen und "Frohes
neues Jahr" gebrummt. Alle hatten genickt. Dann hatten sie das Hinterhofinferno
gelöscht. Ein Eingreifen der Feuerwehr war nicht erforderlich gewesen. Als
nur noch Qualm aus dem Plastikklumpen stieg, hatten sie zu kichern begonnen.
Ihm graute vor diesem Kichern. Es war die Bestätigung dafür, das sich nichts
ändern würde. Niemals würde sich etwas ändern und niemals sollte sich etwas
ändern. Es sollte alles beim Alten bleiben. Keiner würde den Hinterhof verlassen
und nichts und niemand sollte über dem Grau der Stadt erstrahlen. Ihm hatte
in dieser Neujahrsnacht zu frösteln begonnen. Sie hatten noch einige Zeit
bei dem Alten zusammen gesessen. Dann war jeder in seine Wohnung gewankt.
Er war auf die Matratze und in einen unruhigen Schlaf gefallen.
Er hörte das Pochen an der Tür. Es war der Blues. "Verpiss Dich
Blues. Es ist schon schlimm genug" , hörte er sich rufen. Mit einem leisen
Murren stieg der Blues in seiner blauen Dunstwolke die ächzenden Stiegen hinauf,
um einen anderen Nachbarn aufzusuchen. Der Blues sprach nicht viel. Er war
eben der Blues. An manchen Abenden war es ganz angenehm, wenn sich der Blues
dazu gesellte, schweigend eine Wermutflasche und zwei Gläser aus der Tasche
zog und wortlos einschenkte. Sie kippten den Alkohol herunter und er spürte
einen Hauch von Wärme im Bauch. Was davon blieb war ein schwerer Kopf, das
leichte Zittern der Hände und ein ekelhafter Geschmack auf der Zunge.
Er zog die Decke über den Kopf und murmelte noch einmal ganz leise: "Verpiss
Dich" . Dann begann er zu träumen: Von einem prasselnden Kamin, in dem
die Scheite krachten und Funken stiebend zusammenbrachen, einem breiten, weißen
Sofa auf dem er sich in einer weichen Rheumadecke zusammenrollte, dem Geklapper
von Geschirr und von dem leisen Gezänk von Kindern in der Ferne. Es roch nach
frischem Kaffee und Gebäck. Er seufzte und versank in einen tiefen, traumlosen
Schlaf.
© Klaus
Woestmann