© by Jutta Jordans

 

Heimkehr

So hatte der Prinz sich das nicht vorgestellt. Sicher, die Königstochter war hübsch, sonst wäre er ja damals gar nicht auf die Idee mit dem Kuss gekommen. Auch das Schloss war geräumig und das Prinzendasein hatte seine Vorteile. Aber er vermisste seine Freiheit. Es fehlte ihm, nachts mit seinen Freunden im Mondlicht zu singen, den kühlen Nachtwind auf der Haut. Sein Schlafgemach kam ihm stickig und viel zu warm vor. Auch die Prinzessin war nicht mehr so interessiert an ihm wie zu Anfang und hatte sich wieder ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Ballspiel, zugewandt. Heinrich, sein ehemals bester Freund, hatte sich auch verändert. Seit er nicht mehr das Gefühl hatte, seinen Herrn und Prinzen retten zu müssen, hatte er angefangen zu saufen und alle anderen Interessen verloren. Der Prinz konnte sich nicht erinnern, je im Leben so einsam gewesen zu sein.
Leise verließ er eines Nachts das Schloss und schlich zu dem alten Brunnen. Dort rief er nach der Hexe, die ihn einst in einen Frosch verwandelt hatte. Als sie durch das feuchte Gras auf ihn zukam, sprach er drängend auf sie ein: "Bitte, Hexe, kannst Du mich nicht wieder in einen Frosch verwandeln? Diesmal für immer? Ich vermisse das Leben im Brunnen und den Gesang mit meinen Freunden, nachts im Mondschein." Die Hexe schüttelte den Kopf, dass das Wasser aus ihren langen schwarzen Haaren spritzte. "Nein, junger Freund. Den Zauber konnte ich nur einmal wirken. Tut mir leid. Du wolltest ja unbedingt vom Teller der Königstochter essen und in ihrem Bett schlafen und dich von ihr küssen lassen. Das hast du jetzt davon." Sie drehte sich um und verschwand in die Dunkelheit. Der Prinz aber barg das Gesicht in den Händen und weinte. Plötzlich hörte er ein lautes Fauchen, wie von einer sehr großen Katze. Erschreckt sah er hoch und erblickte zu seinem Erstaunen eine kleine Maus, die ihn neugierig ansah. "Warum weinst Du?" fragte die Maus. "Weil ich ein Prinz bin, der lieber ein Frosch sein würde, aber die Hexe mich nicht verwandeln will", sagte der Prinz. "Du kannst alles sein, was Du willst. Dafür brauchst Du die Hexe nicht." sprach die Maus, machte einen Buckel, ließ ihre kleinen Knopfaugen grün aufglühen und sprang fauchend in der Dunkelheit davon. Da erkannte der Prinz, wie einfach die Lösung für sein Problem war, warf seine Kleider ab und sprang in den Brunnen.
Seit jener Nacht sieht man häufig im Mondschein einen nackten jungen Mann auf dem Rande des Brunnens hocken. Er bläst die Backen auf und quakt mit den Fröschen im Chor. Manchmal kaut er gedankenverloren auf einer Fliege.

© Jutta Jordans

 

 

Wolga-Olga

Ich beobachte sie schon eine ganze Weile. Sie sitzt an der Theke und kippt einen Wodka nach dem anderen. Ich glaube, ich habe noch nie eine Frau so viel trinken sehen. Oder sagen wir besser, ich habe noch nie eine Frau so viel vertragen sehen. Es scheint sie überhaupt nicht zu beeindrucken. Nicht mal ihre Aussprache wird schlechter, wenn sie einen weiteren Drink bestellt. Ich habe mich an den nächstgelegenen Tisch gesetzt, um ihre Stimme hören zu können. Diese rauchige Stimme mit dem russischen Akzent macht mich ganz kribbelig. Vielleicht bin ich wie diese sexgierige Frau, die Jamie Lee Curtis in "Ein Fisch namens Wanda" gespielt hat. "Sag mir was Russisches"
Ich muss lachen und verschlucke mich fast an meinem Gin Tonic. Sie dreht sich zu mir um. Ich gebe mein bestes Julia Roberts Lächeln, während in meinem Hinterkopf eine hilfreiche aber aufdringliche Lebensratgeberstimme murmelt: "Offener Blick! Nicht die Arme verschränken, nicht ins Glas gucken!" Ich versuche, an alles zu denken und dabei gleichzeitig ganz natürlich zu wirken. Die Partnersuche-Ratgeberbücher, die ich von meiner Mutter alljährlich zu Weihnachten bekomme, damit ich endlich einen Ehemann anschleppe, steigen enorm in meiner Achtung, als sie tatsächlich aufsteht und zu mir an den Tisch kommt. Ich schiebe mit dem Fuß einen Stuhl vor, ganz lässig, während in meinem Bauch ein Rudel Frösche ein Wetthüpfen veranstaltet.
Sie ist klein, höchstens einssechzig. Und ich wette, dass sie nicht mehr als 50 kg wiegt. Neben solchen Frauen komme ich mir ungefähr so grazil vor wie ein Raupenbagger. Ich mit meinen Elfenbeinen, oder wie heißt das Tier mit dem langen Rüssel. Nein, keine negativen Gedanken jetzt, offener Blick, Kinn hoch…
Sie setzt sich und schaut mich mit einem amüsierten Lächeln an.
"Hast du eine Zigarette für mich?" Mein Gott! Diese Stimme. Die müsste zu einer viel größeren und älteren Frau gehören.
"Nein, tut mir leid, ich rauche nicht."
Das tut es wirklich. Es hat mir noch nie Leid getan, nicht zu rauchen. Aber jetzt, in diesem Augenblick, würde ich alles dafür geben, elegant ein Päckchen Gitanes aus der Tasche zu zaubern und ihr eine anzubieten. Und ihr dann Feuer geben. Natürlich nicht, ohne dabei ihr Handgelenkt zu berühren, ganz sacht nur. Demnächst kaufe ich mir ein Päckchen Kippen und ein Feuerzeug, am besten so ein Zippo, die sind am coolsten, nur, um für solche Situationen gerüstet zu sein. Aber jetzt brauche ich einen Alternativplan, und zwar schnell, sonst ist sie wieder weg. Ich kippe den Rest meines Gin Tonic in einem Zug herunter.
"Ich bestelle mir noch einen Drink, möchtest du auch etwas?", frage ich. Sie lächelt noch immer dieses wissende Lächeln und nickt.
"Wodka"
Ich nehme Blickkontakt mit der Kellnerin auf und halte unsere beiden Gläser hoch. Sie nickt und kommt kurz darauf mit den Getränken.
"Beides auf mich", sage ich, und sie tippt heftig in ihr Gastronomie-Tamagotchi. Was ist aus den guten alten Bierdeckeln geworden?
Jetzt brauche ich ein Gesprächsthema. Ein interessantes, ja, geistreiches, das ihre Sprachkenntnisse aber nicht überfordert.
"Bist du aus Russland?", frage ich und hoffe inständig, dass sie jetzt nicht aus Tschetschenien stammt oder Georgien oder so und die Frage völlig in den falschen Hals kriegt. Aber sie nickt.
"Da. Aus Saratov."
Ich oute mich als Erdkundetrottel.
"Wo liegt das?"
"Weit weg. An der Wolga." Aus ihrer Stimme spricht Sehnsucht.
"Hast du Heimweh?"
Sie schüttelt heftig den Kopf.
"Niemand in Deutschland hat Heimweh nach Saratov. Saratov hässlichste Stadt der Welt", sagt sie, aber plötzlich stehen Tränen in ihren Augen. "Babuschka hat gesagt, Olga hat so großes Glück gehabt. Olga heiratet Njemetz, heiratet deutschen Mann. Alle Frauen in Saratov träumen von reiche Njemetz, wo sie mitnimmt ins Paradies." Sie kippt ihren Wodka mit einem Schluck herunter. Ich beneide Frauen, die auch beim Weinen noch gut aussehen. Tragische Heldinnen. Ich sehe immer aus wie ein verschrecktes Kaninchen, wenn ich weinen muss.
Sie trägt keinen Ehering.
"Und wo ist er jetzt, dein Njemetz?", frage ich. Sie zuckt die Achseln.
"Ich habe nie getroffen. Er hat mich aus Katalog ausgesucht und Rechnung nie bezahlt. Aber seitdem ich bin in Deutschland. Seit drei Monate. Kein Geld für Fahrkarte nach Hause."
Ich weiß, dass ich gewonnen habe. Sie wird mit mir kommen. Sie wird mir den Haushalt führen, wenn ich es möchte und mir etwas Russisches sagen, wann immer mir danach ist. Vielleicht nicht ganz das Paradies, das Babuschka sich für sie erträumt hat. Und sicher nicht das, wofür meine Mutter mir die Ratgeber gekauft hat, aber trotzdem -- ein zu Hause. Ich krame in meiner Handtasche nach einem Taschentuch und wische ihr vorsichtig die Tränen ab. Sie lässt es geschehen und greift dann sanft und vertrauensvoll nach meiner Hand.
"Du bist sehr nett zu mir."
Ich winke der Kellnerin und bezahle unsere Rechnung. Dann lege ich meinen Arm um Olga, als wir hinausgehen. Ich möchte sie so gerne mit zu mir nehmen, aber meine Füße führen mich in eine andere Richtung.
"Warte hier!", sage ich, und lasse sie an einer Parkbank hinter dem Bahnhof zurück. "Ich möchte schnell etwas besorgen." Sie sieht mir unsicher nach, aber ich hoffe, dass sie noch da ist, wenn ich wiederkomme.
Der Mann am Schalter sieht mich an, als wäre ich verrückt.
"Sie möchten eine Fahrkarte wohin?"
"Saratov in Russland"
Er tippt auf seiner Tastatur.
"Wann wollen Sie fahren?"
"Ich möchte überhaupt nicht fahren, aber eine Freundin. Und zwar so bald wie möglich."
Es dauert lange, bis der Computer eine Verbindung ausspuckt. Wahrscheinlich hält er mich für genauso verrückt wie sein Benutzer. Dann hört er gar nicht mehr auf zu drucken. Drei Seiten ist die Reiseverbindung lang, mit Aufenthalten in Orten, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Aber das ist nicht verwunderlich, schließlich hatte ich bis eben von Saratov auch noch nichts gehört. Der Preis ist mir egal. Ich zahle mit EC Karte.
Der Zug nach Berlin fährt schon in drei Stunden. Sie wird sich beeilen müssen, wenn sie noch packen will. Vor dem Bahnhof schnappe ich mir einen der "Haste mal ne Mark" Punker, die jetzt nie wissen, ob sie "Haste mal nen Euro" oder "Haste mal fünfzig Cent" sagen sollen. Ich biete ihm fünf Euro, wenn er ihr den Umschlag mit der Fahrkarte bringt. Ich schaffe es nicht, ihn ihr selbst zu geben. Wenn ich noch einmal ihre Stimme hören muss, behalte ich sie hier. Natürlich ist der Punk einverstanden. Er ist schon auf dem Weg, da pfeife ich ihn noch einmal zurück, um noch schnell mit Kugelschreiber meinen Namen und die Telefonnummer auf den Umschlag zu schreiben. Dann verstecke ich mich hinter einer Ecke.
Jetzt ist er bei ihr, drückt ihr den Umschlag in die Hand. Sie macht ihn auf und ich bilde mir ein, selbst von hier aus sehen zu können, wie ihr Mund offen stehen bleibt. Sie schaut sich um. Vorsichtig ziehe ich mich noch weiter zurück. Sie fragt den Punk etwas, doch der zuckt wie verabredet nur mit den Schultern. Guter Junge! Kriegst noch mal fünf Euro extra. Dann fällt sie ihm um den Hals und gibt ihm einen Kuss. Na gut, vielleicht auch nur zwei Euro. Er sieht etwas verdattert aus, als er sich umdreht und zurückkommt.
Olga schaut ein letztes Mal über den Platz. Dann geht auch sie. Ich hoffe, sie verpasst ihren Zug nicht.
Und ganz vielleicht klingelt in ein paar Tagen mein Telefon. Oder erst in ein paar Wochen. Und ihre tiefe raue Stimme sagt:
"Hallo! Hier ist Olga. Erinnerst du dich? Die Wolga-Olga"

© Jutta Jordans, Januar 2006

 

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