© by Iris Raya Ko

 

Nachttränen

Die drei jungen Mädchen rannten gehetzt die lange Straße entlang. Eine, zog die jüngere Schwester hinter sich her und schimpfte lautstark.

"Jetzt beeile dich, Vivi! Deinetwegen will ich nicht ausgerechnet am ersten Tag zu spät kommen!" Vorwurfsvoll sah sie das 12jährige Mädchen an. Der Wind fuhr ihr durch die halblangen, dunklen Haare und sie strich sie nervös aus dem Gesicht. Jane, die andere Schwester lief unbeeindruckt weiter.

"Ich habe aber keine Lust in diese blöde Schule zu gehen!" Zornig stampfte Vivian mit ihren kleinen Füßen auf. "Jedes Jahr an eine neue Schule. Immer muss ich mir neue Freunde suchen!"

In ihren Augen standen die Tränen und Luna konnte sie gut verstehen. Sie hatte selber eine dunkle Vorahnung, dass in dieser Stadt alles anders wird. Irgendwas würde hier geschehen, doch sie wusste nicht, ob es gut oder schlecht war. Und sie wusste, dass sie sich nicht dagegen wehren konnte. Ihr Vater arbeitete bei der Bundeswehr und wurde regelmäßig versetzt. So blieb den Geschwistern gar nichts anderes übrig. Sie mussten sich jedes Mal an eine neue Schulklasse gewöhnen.

"Ich verstehe dich ja, doch ich kann es auch nicht ändern. Vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm." Besänftigend strich sie ihrer Schwester über den blonden Kopf, doch dann mussten sie trotzdem weiter. Energisch zog sie Vivi erneut hinter sich her.

"Jedes mal das selbe Theater", flüsterte sie Jane zu, als sie endlich, und fünf Minuten zu spät, das graue, mit roten Steinen versetzte, Schulgebäude betraten. Jane sah sie nur an und grinste. Ihre Augen waren gerötet und Luna konnte ahnen warum. Aber im Augenblick hatte sie keine Zeit, darüber nachzudenken.

Sie fanden das Zimmer des neuen Schuldirektors ziemlich schnell. Luna klopfte an die dunkelbraune Holztür und trat ein. Sie erklärte ihm die Verspätung, bat gleichzeitig um Entschuldigung. Niemand machte ihr einen Vorwurf. Man konnte ja auch nicht gleich alle Straßen kennen, wenn man in eine neue Stadt gezogen war.

Der ältere Mann begrüßte sie recht freundlich und ließ gleichzeitig eine Lehrerin kommen, welche die Mädchen in ihre neuen Klassen bringen sollte. Danach waren sie schon wieder entlassen.

Nachdenklich sah der Direktor den Mädchen hinter her. Vor sich, auf dem überfüllten Schreibtisch hatte er die Schulakten der Geschwister liegen und diese vorher sorgfältig gelesen.

"Stimmt irgend etwas nicht, Herr Klause?" Seine Sekretärin war ins Zimmer getreten und sah ihn an.

"Ich habe ein ungutes Gefühl, bei den beiden Großen. In ihren Unterlagen steht, dass sie Unruhestifter sind und solche Kinder habe ich schon genug an meiner Schule. Außerdem gefiel mir der Gesichtsausdruck der langhaarigen Blonden nicht. Sie hatte so einen abwesenden Blick. Wollen wir doch mal stark hoffen, dass die Mädchen keine Drogen nehmen!"

"Tut mir leid. Ich habe sie mir nicht so genau angesehen. Sind Jane und Luna eigentlich Zwillinge, oder warum gehen alle beide in eine Klasse?"

"Soviel in den Akten steht, wurde Luna im Alter von 10 Jahren von den Meinerts adoptiert. Sie muss eine Nichte von Frau Meinert gewesen sein, die übrigens vor drei Jahren gestorben ist." Herr Klause klappte nun die Unterlagen endgültig zu.

"Die armen Kinder. Aber das erklärt vielleicht, warum sie schwierig sein könnten?"

"Warten wir es ab!" Der Direktor lächelte seiner Sekretärin freundlich zu und deutete ihr an, dass die Arbeit weiter ging. Schnell verließ sie dessen Büro.

Vivian wurde als erste in die neue Klasse gebracht und sah sich noch einmal hilfesuchend nach ihren älteren Schwestern um. Beide nickten ihr aufmunternd zu.

"Sie wird es schaffen", flüsterte Jane, Luna zu. Doch darüber machte Luna sich gar keine Gedanken, weil die nächste Vorahnung in ihr aufstieg, wie ein Pfeil. Und sie war sich eindeutig sicher, dass es nichts Gutes bedeutete.

"Hoffen wir es." Dann folgten sie der Lehrerin, die sie in ihre Klasse brachte. Vor der Tür holten beide tief Luft und traten erst dann ein. Dieses blöde Spiel war ihnen bekannt. Sie standen heute zum 12. Male vor einer neuen Schulklasse und langsam waren sie es gewohnt. Neue Freundschaften zu suchen, lohnte sich nicht, denn in spätestens einem Jahr würden sie erneut umziehen.

Ihre Klassenlehrerin, Frau Geiger, empfing die Mädchen. Sie war schon unterrichtet worden, dass sie zwei neue Schülerinnen bekommen sollte. Freundlich forderte sie die Mädchen auf, sich vorzustellen, doch mehr als ihren Namen, sagten beide nicht. Etwas enttäuscht, wies ihnen die Lehrerin eine Schulbank zu, an der sie sich setzen sollten. Zur großen Freude von Jane, stand diese in der letzten Reihe.

"Besser konnte es gar nicht klappen", gab sie Luna zu verstehen, doch diese lehnte sich bequem zurück und antwortete nicht. Sie musste erst einmal alle Eindrücke verarbeiten und musterte eingehend ihre neuen Mitschüler. Aus Erfahrung wusste sie, dass nicht in jeder Klasse, die Neuen willkommen waren und sie fragte sich, wie es wohl in dieser Schule sein wird. Einige sahen sich auch nach Luna und Jane um.

Jedes Mal, wenn Luna Blickkontakt hatte, sah sie fest in dessen Augen. Luna wollte herausfinden, was der- oder diejenige wohl gerade dachten und sie stellte fest, dass alle Durchschnittstypen waren. Niemand war besonders auffällig gekleidet, keiner machte Theater. Alle waren ruhig und hörten zu, was Frau Geiger zu erzählen hatte.

Anscheinend haben wir es hier nur mit Strebern zu tun, dachte Luna und verdrehte in Gedanken die Augen. Sogar ihre Schwester sah angestrengt an die Tafel und tat so, als würde sie versuchen zu verstehen, was dort geschah. Aber Luna kannte Jane länger und besser, als jeder andere und wusste, dass diese gerade mal wieder träumte. Und zwar auf jeden Fall von der Pause, zwischen den einzelnen Schulstunden.

Auch Vivian betrachtete zuerst eingehend ihre neuen Mitschüler. Sie hatte die gleichen Erfahrungen, wie ihre Schwestern. Als sie sich der Klasse vorstellen sollte, hatte sie gleichzeitig um eine Schulbank gebeten, an der sie allein sitzen konnte. Vivian mochte es nicht, neben jemandem zu sitzen, der sie vielleicht auch noch anquatschte und dumme Fragen stellte. Dieser ungewöhnliche Wunsch wurde ihr erfüllt, was jedoch ein unwilliges Raunen der gesamten Klasse einbrachte, weil sich deswegen extra jemand umsetzen musste. Vivi war das gleichgültig. Sie wollte nur allein sein. Und auch sie freute sich auf die erste Pause. Sie hatte mit Jane und Luna abgemacht hatte, dass sie sich auf der Toilette trafen.

Ihre Klassenkameraden sahen ihr neugierig nach, als Vivian, sofort nach dem Klingeln zur Pause aufstand und den Raum verließ. Normalerweise blieben die Neuen immer still auf ihrem Platz sitzen und rührten sich kaum, bis man sie ansprach. Doch Vivi hatte keine Lust, irgend jemanden kennen zu lernen. Sie wollte nur zu ihren großen Schwestern.

Jane und Luna waren auch schon da. Vivi konnte sich nicht erklären, wie sie das geschafft hatten. Als sie herein kam, sah sie gerade, wie Jane eine kleine Flasche aus ihrer dicken Jacke holte und daraus trank. Luna sah sie dabei böse an. Wild leuchteten ihre braunen Augen.

"Du kannst es einfach nicht lassen! Du kannst nicht mal ein paar Stunden ohne aushalten!"

"Natürlich kann ich das, aber dazu habe ich keine Lust!" Jane nahm noch einen großen Schluck und sah sie an. In ihren Augen funkelte die blanke Provokation.

"Hört auf zu streiten! Das könnt ihr zu Hause machen", ging Vivian dazwischen.

"Na Kleine? Wie war es?" Luna beugte sich schnell zu ihr runter und hielt sie am Arm fest. Sie wusste wie empfindlich Vivi auf Streit reagierte. Sie hatte schon daheim genug darunter zu leiden.

"Es ging. Meine Lehrerin ist, glaube ich, ganz nett. Und bei euch?"

"Auch ganz gut. Aber jetzt verschwinde wieder in deine Klasse, sonst vermissen die dich noch." Sie gab ihr einen kleinen Schubs, und das Mädchen verschwand gehorsam. Vivian ahnte, dass die Schwestern noch miteinander reden mussten.

Luna wartete auch, bis von Vivi nichts mehr zu sehen war, dann wand sie sich wieder Jane zu. "Du riskierst irgendwann einmal, dass du erwischt wirst, ja? Hör auf zu saufen, verdammt noch mal! Mach das wo anders, aber nicht in der Schule! Wenn die dich hier erwischen und dein Vater erfährt davon, kannst du dir ausmalen, was dir dann blüht! Haben wir uns verstanden?" Ganz nah war sie an Jane heran gekommen.

Diese wich immer wieder ihrem Blick aus, doch Luna hielt sie an den langen Haaren fest. "Ob du mich verstanden hast", fragte sie noch einmal. Ihr Ton war drohend und Jane blieb nichts anderes übrig, als zu nicken.

"Was ist hier denn los? Wenn ihr nicht pinkeln müsst, dann haut ab!"

Als die Stimme hinter ihnen erklang, ließ Luna ihre Schwester los und drehte sich um. Vor ihr standen zwei Mädchen im gleichem Alter. Die eine blas und mit dunklen Schatten unter den Augen. Die andere groß, kräftig und mit einer Schachtel Zigaretten in der Hand. Offensichtlich wollten sie auf dem Klo rauchen und fühlten sich durch Luna und Jane gestört.

Jedoch Luna war gerade richtig in Fahrt gekommen. "Habt ihr beiden ein Problem, oder was?" Die Hände in die Seiten gestützt ging sie auf die Mädchen zu. Warnend hielt sie den Blick auf sie gerichtet und die beiden blickten sich unsicher an, denn damit hatten sie nicht gerechnet.

"Ist schon Okay", antwortete die Blasse. Eilig drehten sie sich weg und verließen die Toilette. Man konnte Luna deutlich anmerken, dass diese sich nicht so einfach einschüchtern ließ.

"Du bist auch nicht viel besser", bemerkte Jane hinter Luna. "Willst dich gleich am ersten Schultag prügeln! Was sollen denn die Lehrer von dir denken, Ludmilla?" Lachend sah sie ihre Schwester an, denn immer, wenn sie deren vollen Namen aussprach, wussten beide, dass wieder Frieden unter ihnen herrscht.

"Lass uns wieder zurückgehen. Die werden sich so und so schon wundern, was wir die ganze Zeit hier treiben." Luna gab das Thema Alkohol auf. Ihre Schwester trank seit einem Jahr regelmäßig und das konnte sie ihr schlecht verübeln, denn auch sie wusste, dass es manchmal nicht ohne Betäubung ging.

Sie wurden nicht gefragt, wo sie während der kurzen Pause gewesen waren. Sonst hätten sie erzählt, dass sie Vivian besucht hätten und das könnte ihnen ja niemand verbieten. Doch niemand interessierte sich für die ungleichen Schwestern.

Der Unterricht war langweilig. Gute Noten bekamen weder Jane, noch Luna, noch Vivi. Durch den häufigen Schulwechsel, waren sie meistens froh, wenn sie den Anschluss und die Versetzung in die nächste Klasse schafften. Dementsprechend gaben sie sich auch kaum Mühe.

Endlich klingelte es zweimal hinter einander, was die Hofpause ankündigte und alle Schüler mussten das Gebäude verlassen.

Luna beobachtete, wie Jane nach der Flasche in ihrer Jacke tastete. Hastig gab sie der Schwester einen kleinen Stoß und sah sie eindringlich, warnend an, was bedeuten sollte: übertreibe es nicht.

Zusammen betraten sie den großen Schulhof. Es war sehr kalt geworden. Man spürte deutlich, dass der Dezember gekommen war und sämtliche Schüler, zogen die Jacke eng um den Körper und stopften die Hände in die Taschen.

Jane und Luna sahen sich suchend nach ihrer Schwester um. Vivian stand, ebenfalls suchend, auf der anderen Seite des Hofes. Dann rannte sie auf die beiden zu und ließ sich in Lunas Arme fallen.

"Ich habe gleich gewusst, dass diese Schule Scheiße ist", schluchzte sie und ließ ihren Tränen freien Lauf.

"Was ist denn passiert?" Luna suchte in ihrer Jacke nach einem sauberen Taschentuch, fand natürlich keines und sah sich hilfesuchend nach Jane um.

"Die haben blöde Bemerkungen über meine Kleidung gemacht. Nur weil meine Jeans keine Marke tragen!"

"Nun fängt das schon wieder an!" Genervt sah Jane sich nach allen Seiten um.

"Du musst dir da nichts daraus machen, Kleine." Luna tröstete Vivi weiter. "Nach der Schule gehen wir im Kaufhaus vorbei und schauen, was wir für dich finden. Einverstanden?"

"Du hast doch überhaupt kein Geld, eh!" Jane starrte sie fassungslos an.

"Na und? Lass das doch meine Sorge sein."

"Jetzt schaut euch doch mal diese blöden Weiber an!"

Die Stimme kam von hinten und die Geschwister drehten sich gleichzeitig um. Vor ihnen standen fast 20 Jugendliche und Luna registrierte schnell, dass die beiden Mädchen vom Klo mit dabei waren. Offensichtlich waren sie auch die Anführerrinnen.

"Gibt es irgendwas bestimmtes", fragte Luna lächelnd, gab aber jedoch Vivian ein Zeichen, dass sie abhauen soll. Schnell hatte sich ein großer Kreis um die Mädchen gebildet, aus dem die kleine Schwester gerade noch entkommen konnte.

"Jetzt provoziere die nicht auch noch", zischte Jane ihr zu. "Denk daran, dass das unser erster Schultag ist und ich habe keine Lust, gleich die ganze Schule gegen mich zu haben!"

"Ihr habt so wunderschöne, klangvolle Namen." Die Anführerrinnen waren aus dem Kreis getreten und die vier Mädchen standen sich nun gegenüber.

"Was wollt ihr von uns?" Jane zitterte innerlich und versuchte sich zusammenzureißen, damit niemand ihre Angst sah.

"Du bist bestimmt Jane. Wo hast du denn deinen Tarzan gelassen?" Die Menge lachte laut auf und die Anführerrinnen fühlten sich wohl dabei. "Und du bist also Luna. Luna, der Mond. Aber wollt ihr wissen, welcher Name im Klassenbuch steht?" Das Mädchen drehte sich zu ihren Leuten. "In Wirklichkeit heißt sie Ludmilla. Ist das nicht ein origineller Name?"

Die restlichen Schüler brüllten vor Lachen. Schnell griff Jane nach Lunas Arm, weil sie jeden Moment einen Wutausbruch befürchtete. Mit ihrem Namen verstand Luna überhaupt keinen Spaß.

"Und darf man auch eure Namen erfahren?" Bevor ihre Schwester etwas unüberlegtes tat, kam Jane ihr lieber zuvor.

"Das geht dich ein Scheißdreck an, du miese, kleine Schlampe!"

"Sei vorsichtig, bei dem, was du sagst!"

Jane und das andere Mädchen standen keine 10 Zentimeter auseinander.

"An eurer Stelle würde ich nicht so die große Schnauze haben! Wir haben hier das Sagen, nur damit ihr Bescheid wisst!" Auch die Anführerrinnen wichen keinen Schritt zurück. Die Spannung knisterte und die Zuschauer wurden still. Jeder wartete darauf, was kommen wird.

"Und ihr meint, dass ihr uns damit einschüchtern könnt, ja?" Luna gab sich ernsthaft Mühe, ruhig zu bleiben. Es war wirklich nicht gut, gleich am ersten Tag, unangenehm aufzufallen. Doch bei so viel Frechheit, fiel ihr das schwer.

Vivian, die das Ganze von weitem beobachtete, bebte vor Angst. Nicht aus Angst, dass man ihren Schwestern etwas tun könnte, sondern davor, dass den anderen was passierte. Sie wusste, dass Luna immer ein Messer bei sich trug. Kein gewöhnliches Klappmesser, sondern eins mit fester, langer Klinge. Damit konnte man jemanden abschlachten, wenn man wollte.

Im gleichen Augenblick explodierte die Spannung. Jemand hatte Luna von hinten einen Stoß versetzt und kaum 5 Sekunden später lag ein Mädchen auf dem Boden und Luna hockte über ihr. Mit der rechten Hand hielt sie das Messer an den Hals der anderen. Jemand in der Menge schrie entsetzt auf.

"Überlege dir gut, ob du dich noch einmal mit uns anlegen willst!" Lunas Stimme klang heiser vor Wut. Sie schaffte es nicht, das Messer wieder wegzunehmen und drückte es statt dessen immer tiefer in die Haut.

Was alle anderen nicht wussten, war, dass Luna die Schneide verkehrt herum hielt, denn sie wollte das Mädchen nicht ernsthaft verletzen. Jedenfalls noch nicht.

"Luna höre auf! Bitte!" Jane kam zu ihr und nahm deren rechte Hand weg von dem Mädchen. "Sei vorsichtig, die Aufsicht kommt! Steck das Messer weg!"

Die Zuschauer lichteten sich, denn von beiden Seiten kamen die Aufsichtslehrer auf sie zu. Die ehemalige Anführerin sah sich unsicher um, doch ihre Freundin hatte sich längst aus dem Staub gemacht.

"Was geht hier vor", fragte der erste Lehrer, der bei ihnen ankam. Abwartend sah er alle drei Mädchen an, doch diese schwiegen und sahen zu Boden.

"Die eine hat ein Messer", schrie einer von den Zuschauern, die sich schnell wieder gebildet hatten.

Jetzt sah sich der Lehrer nach seinen Kollegen um, doch die waren schon bei ihm.

"Wer von euch hat das Messer", fragte er nun mit überlegener Stimme. "Melanie du?"

"Die da!" Sie zeigte mit dem Finger auf Luna.

"Na gut. Ihr beiden kommt mit zum Direktor und Melanie kann gehen!"

Das Mädchen warf den Schwestern noch einen schadenfrohen Blick zu und verschwand.

Jane und Luna blieb nichts anderes übrig, als mit dem Lehrer mitzugehen. Unterwegs fingen sie noch einen sorgenvollen Blick von Vivian auf schon standen sie erneut im Büro des Direktors.

Im Vorraum mussten sie warten, bis der Lehrer die Geschichte erzählt hat. Danach mussten sie einzeln vortreten.

"Du trägst ein Messer Ludmilla?"

"Ich heiße Luna."

"Es ist mir egal, wie du heißt. Meine Frage war, ob du ein Messer bei dir hast!"

Luna antwortete ihm nicht darauf. Sie wollte ihm das Messer nicht geben, denn dies war ihr einzig wertvoller Besitz.

Der Direktor schlug mit der Faust auf den Tisch.

"Hör mal Mädchen! Ich kann auch anders. Antworte gefälligst", brüllte er sie an. Herr Klause war Choleriker und konnte sich nur schlecht beherrschen.

"Räume deine Taschen aus!" Der Aufsichtslehrer griff nun ein, bevor sein Chef noch lauter werden konnte.

Da Luna sich aber immer noch nicht rührte, nahm er ihr die Jacke ab, durchsuchte die Taschen und legte alles, fein säuberlich, auf den Tisch: Zigaretten, Feuerzeuge, Wohnungsschlüssel, Kopfschmerztabletten, einen Kugelschreiber und ganz zuletzt: das Messer.

"Da haben wir es ja." Der Direktor hatte sich inzwischen wieder beruhigt. Eingehend betrachtete er die lange Klinge, fand kein Blut daran und steckte es in eine Schreibtischschublade.

"Ich dulde in meiner Schule keine Waffen!" War sein Kommentar dazu. Anschließend nahm er die Tabletten in die Hand und studierte sorgfältig die Rückseite der Packung.

"Was ist das und wofür brauchst du die?"

"Ganz normale Kopfschmerztabletten", antwortete Luna mit erstickter Stimme.

"Bist du dir sicher? Keine Drogen oder Aufputschmittel?"

Luna schüttelte verneinend mit dem Kopf.

"Ich behalte sie trotzdem. Die Zigaretten auch! Den anderen Kram kannst du wieder einpacken. Dann schickst du mir deine Schwester herein!"

Mit hasserfülltem Blick stand Luna auf. Sie hatte nichts mehr zu sagen.

Draußen beugte sie sich rasch zu ihrer Schwester. "Hast du deine Flasche gut versteckt? Die filzen deine Jacke!"

Jane lächelte sie an und deutete unauffällig auf ihren Hosenbund, denn so was ähnliches hatte sie sich schon gedacht. Auch Luna glaubte nicht, dass man in Janes Unterwäsche suchen würde. Trotzdem setzte sie sich niedergeschlagen auf die kleine Bank im Vorraum. Das Messer hatte sie einst von ihrem Großvater geschenkt bekommen. Jetzt war es für immer verloren, denn sie glaubte nicht, dass ausgerechnet ihr Onkel sich darum kümmern würde, dass sie es jemals wieder bekam. Doch dann sah sie einen kleinen Lichtblick. Vielleicht rückte es der Direktor wieder heraus, wenn sie erneut umziehen müssten und die Schule verließen. Möglich war das schon.

Fünf Minuten später, standen Jane wieder vor ihr. Das Lächeln war aus ihrem Gesicht verschwunden.

"Wir können gehen", knurrte sie und hatte den Türgriff schon in der Hand. Hastig kam Luna ihr nach.

"Was ist jetzt los. Hat er die Flasche doch gefunden?" Sie konnte nicht verstehen, warum Jane auf einmal so schlechte Laune hatte.

"Zum Glück nicht!" Urplötzlich blieb diese stehen und beinahe wären die beiden Mädchen zusammengeprallt. "Aber dieser Idiot will meinen Vater über dein Messer informieren und du kannst dir bestimmt vorstellen, was dann bei uns los ist!" Von einer Sekunde zur anderen, stand Luna das Entsetzen im Gesicht. Ihre Augen weiteten sich vor Schreck. Ihre Haut verlor jeden Farbton.

"Warum will er das tun?" Nur mühsam und stotternd bekam sie diesen Satz heraus.

"Ganz einfach! Weil er der Meinung ist, dass so ein Messer nicht in die Hände eines 14jährige Mädchens gehört! Jedenfalls hat er sich so ähnlich ausgedrückt! Und er spart sich die Mühe, einen Brief zu schreiben. Er will ihn direkt anrufen! Damit du morgen keine Waffen mit zum Unterricht mitbringst!"

"Verdammte Scheiße!" Luna war an einer Wand stehen geblieben, rutschte langsam an dieser herunter und ging in die Hocke. Die Hände schlug sie vors Gesicht.

"Mensch Luna! Wie oft habe ich dir gesagt, du sollst das blöde Ding zu Hause lassen? Ich wusste, dass es uns nur Ärger bringt!" Jane kauerte sich ebenfalls nieder und sah die Schwester voller Vorwurf an. Jedoch hatte diese sich schon wieder gefangen.

"Na und? Die hätten auch deine Flasche finden können und davor habe ich dich auch schon hundertmal gewarnt! Hast du etwa auf mich gehört? Außerdem bekomme ich ja die Strafe. Ich möchte wissen, warum du so hysterisch reagierst!" Ohne ein weiteres Wort stand sie auf und ging den Flur entlang. Sie mussten in ihre Klasse zurück, denn die Pause war längst vorbei.

Als sie ihren Klassenraum betraten, herrschte Schweigen. Verstohlen wurden sie von ihren Mitschülern gemustert, denn inzwischen wussten alle darüber Bescheid, was in der Pause geschehen war.

Auch der Mathematiklehrer war informiert und so fragte niemand, warum sie zu spät kamen.

Weder Luna, noch Jane konnten sich auf den Unterricht konzentrieren. Luna hielt sich mit verkrampften Fingern an der Tischplatte fest. Sie konnte gar nicht richtig darüber nachdenken, was passieren würde, wenn ihr Onkel heute abend heim kam.

Mitten in der Stunde schob Jane ihr einen Zettel rüber. "Mach dir keine Gedanken! Der Direx kann ihn gar nicht bei der Bundeswehr anrufen! Mit Sicherheit wird er ihm einen Brief schreiben und den können wir abfangen! Sorry, dass ich dich angeschnauzt habe! Wir reden nachher darüber!"

Etwas erleichtert, entspannte sich Luna. Ihre Schwester hatte recht. Wenn sie Glück hatte, würde ihr Onkel nicht erreichbar sein. Doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass es nicht so sein würde. Sie stand nicht auf der Sonnenseite und sie hatte selten Glück.

Der erste Tag in der neuen Schule war geschafft. Vor dem großen Schultor traf Vivian wieder auf ihre Schwestern. Die letzten Stunden waren für sie zur Qual geworden, da sie nicht wusste, wie die Sache ausgegangen war. Sehnsüchtig wartete sie darauf, dass Luna es ihr erzählen würde, doch schon von weitem erkannte sie an den Gesichtern der Schwestern, dass nichts in Ordnung war. Keine sagte ein Wort zu ihr, sondern deuteten ihr nur an, dass sie sofort heimgehen würden. Also wurde aus dem ersehnten Kaufhausbesuch nichts. Bedrückt lief sie hinter den großen Mädchen her.

Auch in der Wohnung blieb Luna still. Mit unruhigen Bewegungen räumte sie die Zimmer auf und schaltete nicht einmal, wie sonst, das Radio ein. Ebenso schweigend ging Jane ihr zur Hand und Vivian wurde angewiesen, ihre Hausaufgaben zu erledigen.

"Warum sagen wir Vivi nichts?" Jane unterbrach mitten im Fegen und betrachtete nachdenklich die Tür zum Kinderzimmer.

"Weil ich nicht will, dass sie jetzt schon Angst bekommt. Ich will nicht, dass sie sich unnötig aufregt und dann passiert überhaupt nichts. Außerdem könnte dein Vater dann erst recht spüren, dass etwas nicht in Ordnung ist." Zornig und mit aller Kraft, wischte sie ein paar Krümel von der Tischplatte.

"Aber meinst du nicht, dass Vivian, allein an unserem Verhalten merkt, das etwas nicht stimmt? Sie ist keine 5 Jahre mehr!"

"Es ist mir verdammt noch mal egal, wie alt sie ist!" Aggressiv fuhr Luna auf. Ihre Nerven lagen blank und sie wollte doch nur in Ruhe gelassen werden.

"Mein Gott, bist du heute wieder empfindlich", konterte Jane.

"Du sollst die Schnauze halten!" Unkontrolliert gab sie ihrer Stiefschwester eine schmerzhafte Ohrfeige.

Jane hielt sich die brennende Wange und sah aus, als wollte sie jeden Moment anfangen, zu weinen.

"Könntet ihr beiden bitte aufhören?" Hinter ihnen stand Vivian, ebenfalls mit weinerlichem Gesicht. "Ihr braucht mir nichts zu erklären. Ich kann mir auch so denken, was los ist! Die Geschichte mit dem Mädchen hat ein Nachspiel und die wollen Vater darüber informieren. Habe ich recht?"

Verblüfft sahen sich die älteren Mädchen an. Der Anblick Vivians, beruhigte Lunas aufbrausendes Gemüt. Sie liebte das kleine Mädchen über alles und ihr gegenüber wurde sie selten laut oder aggressiv.

"Du hast recht, Vivi." Jane zwinkerte erst ihr zu, dann Luna. "Alles klar, Ludmilla?" Die schmerzhafte Ohrfeige war vergessen.

"Ich geh ne Zigarette rauchen", murmelte diese, zog sich ihre Jacke über und verließ die Wohnung. Obwohl Herr Meinert ebenfalls rauchte, würde er es sofort bemerken, wenn jemand anderes tagsüber geraucht hätte. Luna ging deswegen in den Keller.

"Die ist ganz schön fertig", flüsterte Vivian, nachdem die Wohnungstür zugeschlagen war.

"Das kannst du annehmen! Der Direktor hat ihr das Messer abgenommen und nun ist sie am Boden zerstört!" Jane erzählte der Kleinen die komplette Geschichte und auch Vivian bekam angstvolle Augen. Sie wusste, wie jähzornig ihr Vater in solchen Sachen war.

Kurz bevor Herr Meinert heimkommen würde, war auch Luna wieder da. Eine ganze Stunde war sie durch die Straßen gelaufen, um ruhiger zu werden. Bei klirrender Kälte und eisigem Wind. Vivian hatte sich schon Sorgen gemacht, doch Jane winkte nur ab.

"Jede Ratte findet zurück!", war ihre Meinung dazu.

Als sich dann der Schlüssel im Schloss drehte, veränderten sich Jane und Luna schlagartig. Während sie tagsüber cool taten, unantastbar, unüberwindbar, so wurden sie jetzt zu kleinen, hilflosen Marionetten.

Die blindlings gehorchten, und die der Vater herum scheuchen konnte, wie er wollte.

Herr Meinert war ein Mann von großer, kräftiger Statur. Die stramm sitzende Uniform verlieh ihm ein herrschsüchtiges Aussehen und herrschsüchtig war er auch. Was ihm bei der Bundeswehr auf die Nerven ging, ließ er abends an seinen Töchtern aus. Außerdem war er brutal und das ganz besonders seit dem frühen Tod seiner Ehefrau Marie. Man konnte ihm nichts mehr recht machen.

Schon daran, wie ihr Onkel in die Wohnung gestürmt kam, erkannte Luna, dass der Direktor ihn doch erreicht haben musste. Augenblicklich fingen ihre Hände an zu zittern. Bleich wurde sie im Gesicht und ihre schwarzen Haare verstärkten diesen Zustand zusätzlich. Nervös sah sie sich nach Jane um, doch auch die stand unbeweglich da und verkrampfte sich.

Ihre Zimmertür flog auf. Der Vater hatte sich gar nicht erst die Mühe gemacht, die Klinke zu benutzen, sondern öffnete sie mit einem Fußtritt. Das Holz des Türrahmens splitterte.

"Mitkommen, du Bastard", schrie er, sah aber niemanden an.

Luna gehorchte. Mit Bastard war immer sie gemeint, weil sie ja nicht seine leibliche Tochter war. Halb ohnmächtig vor Angst, ging sie vor ihm her, ins Wohnzimmer. Mit einem Tritt ihres Onkels, war sie schneller drinnen, als ihr lieb war.

Im Kinderzimmer fielen sich Vivian und Jane in die Arme. Gegenseitig hielten sie sich fest und flüsterten sich Worte des Mutes zu. Doch angestrengt lauschten sie auf die Geräusche aus dem Nachbarzimmer.

Herr Meinert fragte gar nicht erst nach dem Grund des Vorfalls in der Schule. Für ihn stand längst fest, dass seine Stieftochter die Schuld trug. Mit einem weiteren Tritt beförderte er Luna unsanft auf den alten abgenutzten Teppich. Das Mädchen gab keinen Ton von sich, obwohl er sie genau in die Nieren getreten hatte. Sie hatte gelernt, mit den Schmerzen umzugehen, ohne zu schreien.

"Du räudige Ratte hast also nichts besseres zu tun, als gleich am ersten Schultag dafür zu sorgen, dass euer Direktor mich anruft!" Er sprach den Satz nicht, er schrie ihn. "Hast du etwa vergessen, dass du nichts anderes bist, als ein verächtlicher Bastard, der froh sein kann, dass wir ihn aufgenommen haben?"

Mit einer Hand zog er das wehrlose Mädchen an den Haaren hoch. Als sie fast stand, mit eingeknickten Kniekehlen, spuckte er ihr ins Gesicht.

"Hast du es vergessen", schrie er noch mal.

Luna schüttelte schwach mit dem Kopf.

Dann ließ er sie los. Lunas Knie gaben nach und sie landete erneut auf dem Fußboden. Schwach drang das Geräusch des Gürtels an ihr Ohr, der aus der Hose gezogen wurde. Instinktiv verbarg sie ihr Gesicht schützend hinter den Händen. Ihr zarter Körper zuckte nur, als der erste Schlag traf. Wieder in die Nieren.

Die Zähne vergruben sich im Fleisch ihres rechten Daumens, damit kein Schrei aus ihrem Mund drang.

Luna wusste später nicht mehr, wie lange es dauerte, bis ihr Onkel von ihr abließ. Sie blieb einfach liegen, weil sie glaubte keine Kraft zum Aufstehen zu finden.

"Verschwinde! Und komme mir heute ja nicht noch einmal unter die Augen!" Herr Meinert packte sie am Kragen ihres Sweatshirts und schmiss sie, wie Abfall, aus dem Wohnzimmer. Die Badezimmertür gegenüber, stoppte Luna. Deren Klinke bohrte sich schmerzhaft in ihre Rippen. Dann knallte die Tür des Wohnzimmers zu und Luna fiel in sich zusammen.

Keine Sekunde später, waren auch schon Jane und Vivian bei ihr. Gemeinsam halfen sie ihr, aufzustehen. Führten sie sanft und vorsichtig zu Lunas Bett. Behutsam deckten sie das schwache Mädchen zu und gingen wieder. Jane wusste genau, dass Luna danach nur ihre Ruhe haben und allein sein wollte.

Luna hielt die Augen geschlossen. Sie wollte nicht weinen, sie kämpfte gegen die Tränen an. Ausgestreckt lag sie auf ihrem Bett. Versuchte so vorsichtig, wie nur möglich, zu atmen, um die Schmerzen nicht zu spüren.

Luna, knapp 15 Jahre. Ihrem zerbrechlichen, dünnen Körper traute man nicht zu, dass auch sie zuschlagen konnte, wie ein Mann. Sich verteidigen zu müssen, lernte das Mädchen schon von Kindesbeinen an. Ihre Eltern stammten aus der untersten sozialen Schicht. Alkohol, Streit und Prügel stand an der Tagesordnung. Jedoch die Nachbarn alarmierten eines Tages die Polizei, weil Lunas Mutter, mitten am Tage, sturzbetrunken auf der Straße lag. Als die Polizisten dann die Wohnung aufbrachen, um die zwei Kinder herauszuholen, bot sich ihnen ein Bild des Grauens. Verwahrloster, konnte eine Wohnung gar nicht sein.

Lunas Bruder, Walter, damals 2 Jahre alt, kam mit akuter Unterernährung ins Krankenhaus und starb dort auch eine Woche später. Ihr Zustand war deutlich besser gewesen, da sie regelmäßig zur Schule ging und an der Schulspeisung teilnahm. Das war auch der einzige Grund gewesen, warum sie dort auftauchte.

Nach ihrer Alkoholvergiftung wurde die Mutter in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen, aus der sie wahrscheinlich nie wieder heraus kommt. Lunas Vater musste sich für den Tod seines Sohnes verantworten und bekam nach einer langwierigen Gerichtsverhandlung, 6 Jahre Haft. Manchmal dachte Luna mit Schrecken daran, dass diese Zeit bald um sein würde und sie hatte Angst, dass er sie dann wieder von hier wegholen wird. Denn trotz der ständigen Prügel ihres Onkels, fühlte sie sich bei ihm am Besten aufgehoben.

Janes Mutter veranlasste ein halbes Jahr später, Luna war inzwischen in einem Kinderheim untergebracht, dass sie ihre Nichte adoptieren konnte. Niemand sprach dagegen und das Jugendamt war froh, denn die Kinderheime waren hoffnungslos überfüllt. Dass Marie Meinert zwei Jahre später, den Kampf gegen den Krebs verlor, konnte keiner ahnen.

Vivian und Jane saßen mit bedrücktem Gesicht am Abendbrotstisch. Ihnen gegenüber der Vater, welcher nun offensichtlich wieder gute Laune hatte. Fröhlich fragte er seine Töchter, wie es ihnen am ersten Schultag ergangen war. Als hätte es diesen Vorfall mit dem Messer nie gegeben.

Vivian plapperte munter drauf los, aber nur, um ihren Vater bei Laune zu halten. Jane schwieg und sah ihren Vater nicht einmal an.

Sie hasste ihn. Sie hasste ihn, seit dem Tod ihrer Mutter. Als sie zum ersten Male, mit ihm ins Wohnzimmer musste. Als sie zum ersten Male erlebte, wie grenzenlos brutal ihr Vater war. Bis dahin hatte sie geglaubt, er würde das nur bei Luna machen und nicht bei seinen eigenen Kindern.

Ihr Inneres zerbrach, nachdem der Gürtel dunkle Streifen hinterließ. Sie merkte, dass es nicht die Schmerzen waren, die ihr weh taten. Aber das sie von jemandem verursacht wurden, den sie, bis dahin vertraut hatte, verkraftete sie nicht.

Beim ersten Mal, schrie sie aus Leibeskräften, damit ihr Vater aufhören würde. Doch sie machte ihn dadurch noch wütender. Ehe sie das begriffen hatte, lag sie nur noch als wimmerndes, klägliches Bündel am Boden.

Nachdem Jane zum vierten oder fünften Mal Prügel bezogen hatte, sie schrie schon nicht mehr, lernte sie die Wirkung von Alkohol kennen. Sie fing an, sich regelrecht damit zu betäuben, was ihr meistens noch mehr Ärger einbrachte. Später hatte sie gelernt, unauffällig zu trinken. Im Alter von knapp 13 Jahren. Jetzt griff sie bei fast jeder Gelegenheit zur Flasche. Jane fühlte sich dadurch sicherer und konnte ihre Angst vorm täglichem Leben, leichter überspielen.

Diese gemeinsamen Erlebnisse schweißten Luna und Jane zu echten Freunden zusammen. Es sah zwar nicht immer so aus und sie waren selten einer Meinung, doch tief im Inneren wussten beide, dass nichts auf der Welt, sie je trennen vermag. Grundsätzlich waren sie völlig verschiedene Menschen. Nach außen hin gaben sich beide als cool und überlegen. Während Jane ihre Angst und ihre Unsicherheit mit Alkohol überflutete, spielte Luna den Macho. Mit rasanter Geschwindigkeit konnte sie von einem Extrem ins andere umschlagen. Menschen, die sie kannten, beschrieben das Mädchen, als jähzornig, aggressiv und gewalttätig. Immer bereit, sofort zuzuschlagen. Ständig in Angriffstellung. Wenn man diesen Menschen erzählen würde, dass Luna manchmal nachts, unter ihrer Bettdecke lag, wie ein Häufchen Elend, und weinte, sie würden es nicht glauben. Dann schon eher Jane, die ganz plötzlich in Tränen ausbrechen konnte, wenn sie nicht genug Alkohol hatte. In dieser Beziehung war sie die Schwächere, denn Luna würde es nie passieren, in aller Öffentlichkeit zu heulen. Deswegen tat sie es nachts und sie ahnte nicht, dass beide Schwestern das wussten.

Jane bekam einen leichten Tritt unter dem Tisch und sah auf. Vivian warf ihr einen verzweifelten Blick zu.

Verdammt, sie hatte die Frage des Vaters überhört. Unsicher blickte sie ihren Vater an, dann wieder Vivian. Diese formte mit ihre Lippen, lautlos das Wort Schule und Jane antwortete automatisch. "Gut."

Sie hatte Glück, denn Herr Meinert war mit dieser Antwort zufrieden. Gähnend stand er auf und nahm sich eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank. An der Tür drehte er sich noch einmal zu seinen Töchtern.

"Ich will keinen Mucks mehr hören! Marsch mit euch in die Betten!" Er machte Anstalten, den Raum zu verlassen, drehte sich jedoch abermals um. "Ich habe eine Frau angestellt, die für euch kocht, einkaufen geht und die Wäsche macht. So bleibt ihr sauber und habt jeden Tag eine warme Mahlzeit. Putzen könnt ihr ja wohl selber! Ich hoffe, ihr seid das auch wert! Also verhaltet euch anständig, ihr gegenüber!" Endlich verließ er die Küche.

Jane atmete hörbar auf. Deine Fürsorge kannst du stecken lassen, dachte sie. Von wegen, verhaltet euch anständig. Du Scheißkerl hast nur Angst, dass wir erzählen könnten, was du eben mit Luna gemacht hast!

Verzweifelt schloss sie die Augen. Grenzenlose Wut stieg in ihr auf. Mit der Wut kamen auch die Tränen.

Vivian sah es ihrer großen Schwester an, was diese bewegte und berührte Jane vorsichtig.

"Geh du zu Luna. Ich räume den Tisch ab und mache die Küche sauber."

Dankbar lächelte Jane sie an, sah sich kurz um, ob es viel Arbeit gab, was jedoch nicht der Fall war, und verließ dann die Küche.

Vivian bekam nur sehr selten das ganze Ausmaß der Wutausbrüche ihres Vaters zu spüren. Als sie das erste mal dran war, ihr war eine Flasche Bier aus der Hand geglitten und auf dem frisch gewischten Fußboden zerknallt, fing Vivian an zu schreien, noch bevor sie uns Wohnzimmer musste. Kurzer Hand warf Luna sich zwischen den Onkel und Vivian. Ihre rechte Hand behielt sie in der Hosentasche und umklammerte fest den Griff ihres Messers. Sie war zu allem bereit. Verblüfft hörte Vivian auf, zu schreien und der Onkel sah sie verächtlich an. Mit bebender Stimme erklärte Luna ihm, dass sie zur Polizei gehen würde, wenn er Vivian auch nur einmal anfassen täte. Sie zitterte am ganzen Körper und war schweißgebadet, doch auf ihre kleine Schwester ließ sie nichts kommen. Außerdem stellte sich Jane neben sie, mit ebenso entschlossenem Gesichtsausdruck.

Herr Meinert ließ seine jüngste Tochter los, gab ihr noch eine schallende Ohrfeige, doch ehe Luna darauf reagieren konnte, hatte er sie schon geschnappt und stieß sie brutal gegen die nächste Wand. Luna badete dann seine gesamte Wut aus, weil sie die Frechheit besessen hatte, sich gegen ihn zu stellen.

Doch es hatte geholfen. Vivian stand für alle Zeit unter dem Schutz ihrer großen Schwestern. Sie kassierte nur ab und zu einen Schlag ins Gesicht, oder einen Tritt. Trotzdem war sie unendlich dankbar, dass Luna ihr den Rest erspart hatte.

In der Öffentlichkeit galt Vivian als ruhiges, liebes und freundliches Mädchen. Nach außen hin lachte sie viel und tat auch sonst alles, um den Schein zu wahren, dass sie eine glücklich Familien sind. Ständig versuchte sie den Vater bei Laune zu halten, was ihr mit vielen Tricks auch immer öfter gelang.

Jane saß auf ihrem Bett. In der Hand eine Flasche Wodka. Sie wusste, dass der Vater nicht noch einmal ins Zimmer kommt. Sie wusste aber auch, wenn er sie erwischen würde, riskierte sie ihr Leben.

Luna lag ihr schräg gegenüber, die Augen offen. Die beiden Mädchen brauchten sich nichts zu sagen, sie verstanden sich mit Blicken. Und ohne das ein Wort gefallen war, reichte Jane ihre Wodkaflasche an Luna weiter. Denn auch diese wusste, dass der Alkohol die Schmerzen ertränkte. Allerdings schluckte Luna zusätzlich zwei Schmerztabletten, um eine schnellere Wirkung zu erzielen.

"Schau mal nach, ob wir morgen Sport haben", sagte Luna, zwischen zwei Schluck Wodka. Nach und nach verblasste das Stechen in ihrem Rücken und sie wurde wieder ganz die Alte.

Jane kramte in ihre Schultasche und starrte eine ganze Weile auf den Zettel, auf dem der Stundenplan geschrieben war.

"Ne Doppelstunde!" Wütend zerknüllte sie das Papier.

"Auch das noch! Blöder Mist!" Luna kniff die Lippen zu einem harten Strich. "Gibst du mir Rückendeckung?"

Jane nickte zustimmend. Rückendeckung bedeutete, dass Jane beim Umziehen, vor der Sportstunde, genau so stand, dass keine von den anderen Mädchen, einen Blick auf Lunas nackte und zugleich zerschundene Haut werfen konnte.

"Zeig mir mal deinen Rücken", forderte Jane sie auf und nahm ihr die Flasche weg.

Luna wehrte ab. "Danke! Lass sein!" Sie hielt einen Augenblick inne und blickte versonnen aus dem Fenster, obwohl es gar nichts zu sehen gab, denn inzwischen war es draußen stockdunkel.

"Manchmal frage ich mich, wie lange das noch so weiter geht."

"Ich schätze mal, bis wir 18 sind und hier ausziehen können", warf Jane lachend ein.

"Und Vivi? Die können wir doch nicht hier lassen?"

"Die nehmen wir mit! Was denn sonst?"

"Ich glaube eher, dass eine von uns irgendwann zusammenbricht und sich jemandem anvertraut. Das darf auf keinen Fall passieren!" Luna sah immer noch aus dem Fenster, während sie sprach.

"Manchmal bin ich drauf und dran", gab Jane kleinlaut zu. Auch sie kuschelte sich unter ihre Bettdecke.

Die Mädchen warteten auf Vivian, die jeden Moment ins Zimmer kommen musste.

"Mach das bloß nicht!" Luna sah ihre Schwester ernsthaft an.

"Glaubst du wirklich, dass wir dies noch drei lange Jahre durchhalten?" Janes Stimme klang weinerlich, doch Luna achtete nicht darauf.

"Wenn du so weiter säufst, bekommst du vorher bestimmt das Nachbarbett von meiner Mutter!" Sie lachte auf.

Ein kurzes, raues Lachen, aus dem man hören konnte, dass keine Freude dabei war.

"Ach ja?" Der Blick, den Jane Luna zuwarf, hätte tödlich sein können. "Ich experimentiere wenigstens nicht mit irgendwelchen Pillen. Und schon gar nicht zusammen mit Alkohol!"

Der Streit war ausgebrochen. Aber auch jetzt, wo sie sich in den Haaren hatten, flüsterten sie nur, damit Herr Meinert nichts mitbekam.

"Und ich gehe nicht völlig benebelt in die Schule!"

"Tust du doch!"

"Nein!"

"Doch!"

"Wann denn?"

"Kannst du dich erinnern? Vor zwei Wochen bist du in der Schule zusammengebrochen, weil du schon vor dem Frühstück so einen Tablettencocktail geschluckt hast! Ich gebe ja zu, dass du es an diesem Morgen gebraucht hast, aber du musst wenigstens zugeben, dass du dich zum ersten Mal überschätzt hast!" Mit einem provozierenden Lächeln setzte Jane sich auf.

"Du kannst mich mal!" Luna war mit einem Satz auf Janes Bett. Vergessen war der schmerzende Rücken. Die Wut schoss in ihr hoch. War nicht zu bremsen, nicht zu stoppen. Sie wollte sich nur dieses elende Weibsstück packen, das vor 5 Minuten noch ihre Schwester gewesen war und die sich erst vor einer Stunde, liebevoll um Luna gekümmert hatte.

"Ludmilla!" In der Tür stand Vivian und sah entsetzt auf Lunas Hände, welche sich um Janes Hals geschlungen hatten. Keinen Augenblick später, befand sich Luna wieder in der Realität. Unsicher blickte sie auf ihre Hände, dann auf Jane, dann auf Vivian.

"Sorry", murmelte sie verlegen und ging in ihr eigenes Bett zurück. Leicht bedrückt, sah sie ihre Schwestern noch einmal an.

"Mit dir zusammenzuleben ist ja lebensgefährlich", beklagte sich Jane. "Dir darf man aber auch gar nichts sagen! Hauptsache, du kannst jeden beleidigen!"

"Es reicht Jane!" Im Augenblick war Vivian die Klügste, Stärkste und Überlegenste von allen. Wenn ich nicht da wäre, würden die beiden sich gegenseitig umbringen, dachte sie und musste dabei schmunzeln. Ich muss auf die beiden mehr aufpassen, als die auf mich.

Vivian wusste nicht, worum dieser Streit gegangen war, doch sie erfasste instinktiv, dass es besser sei, dass weder Luna noch Jane ein weiteres Wort sprach. Freundlich wünschte sie den Schwestern Gute Nacht und löschte das Licht. Zurück blieb die Dunkelheit und jeder musste mit seinen eigenen Gedanken fertig werden.

Mitten in der Nacht wurde Jane wach, weil es eiskalt im Zimmer wurde. Ohne sich großartig zu bewegen, öffnete sie die Augen und sah sich um. Luna saß auf dem Fensterbrett und rauchte. Die Zigarette hielt sie so, dass der Qualm nicht ins Zimmer drang.

"He Luna", flüsterte Jane leise. "Kannst du nicht schlafen?"

Zur Antwort bekam sie ein undeutliches Knurren und vorsichtig stieg sie aus dem Bett.

"Was ist los", fragte sie noch einmal.

Im Licht, von der Straßenlaterne gegenüber, sah sie ganz kurz, Lunas verweintes Gesicht, bevor diese den Kopf wegdrehte. Unbeholfen reichte Jane ihr die Hand.

"Es wird schon alles gut werden", sagte sie, mehr zu sich selber, als zu Luna. Doch diese hielt den Kopf immer noch so, dass Jane ihr Gesicht nicht sehen konnte. Luna wollte nicht, dass jemand ihre Tränen sah. Sie wollte nicht, dass Jane glaubte, dass sie verletzlich sei, obwohl ihre Schwester das längst wusste.

Nach einer kleinen Ewigkeit, warf Luna die Zigarette auf die Straße und stieg vom Fenster.

"Geh wieder ins Bett", ordnete sie an. "Mir geht es gut!"

Schnell schlüpfte Jane wieder unter ihre Decke. Es war mittlerweile so kalt geworden, dass sie dachte, ihre Füße sterben ab. Dennoch hielt sie kurz inne und sah Luna an, die immer noch keine Anstalten machte, ebenfalls weiter zu schlafen. Der Wecker zeugte auf Viertel vor Drei.

"Willst du bei mir mit schlafen?" Die Frage stand im Raum und es blieb still. Nur Vivian drehte sich kurz, unruhig hin und her.

Ohne Antwort kam Luna zu ihr ins Bett. Erst als sie unter der warmen Decke eingekuschelt war, sagte sie:

"Meinetwegen, wenn du darauf bestehst."

Eine Minute später schlief Jane tief und fest. Ihre Schwester war immer noch wach.

Luna war nicht zufällig wach geworden, in dieser Nacht. Quälende Alpträume hatten sie erschreckt und dann musste sie mit Entsetzen feststellen, dass sie ihr Bett nass gemacht hatte. So leise wie möglich, hatte sie sich frische Unterwäsche und neue Schlafsachen angezogen. Doch die Matratze bekam sie mitten in der Nacht nicht mehr trocken.

Es war ihr auch nicht zum 1. Mal passiert. Schon mehrere Nächte hatte sie sitzend, entweder am Fußende ihres Bettes, oder auf einem der drei Stühle, verbracht. Gemerkt hatten das ihre Schwestern zum Glück nie.

Die Tränen am Fenster, weinte sie vor Wut. Vor Wut auf sich selber, weil sie anscheinend nachts unfähig war, ihre Blase zu kontrollieren. In Janes Bett, dachte Luna noch lange darüber nach, doch kurz vor 5 Uhr, fiel auch sie in einen unruhigen Schlaf.

Am Morgen danach, sah sie grauenvoll aus. Verquollene Lider, dunkle Schatten unter den Augen, fleckige Haut. Da half auch kein eiskaltes Wasser mehr. Sie musste wohl oder übel in diesem Zustand in die Schule gehen.

Herr Meinert sah sie beim Frühstück nur kurz an. Meinte nichts dazu. Ehe er sich für die Arbeit fertig machte, teilte er seinen Mädchen mit, dass Frau Müller heute mittag in der Wohnung sein würde, wenn sie von der Schule heim kämen.

Dann waren Luna, Jane und Vivian allein. Erstaunt sah Luna ihre Schwestern an. Jane erklärte es ihr.

"Die Frau kommt vormittags. Macht die Wäsche, geht einkaufen und kocht Mittagessen. Anschließend sind wir sie wieder los!"

"Warum tut er das?", fragte Luna nachdenklich. "Die Frau könnte doch alles mitbekommen und dann ist es mit ihm aus!"

"Vielleicht will er sich ändern und das ist sein erster Schritt", entgegnete Vivian vorsichtig.

"Das glaube ich kaum. Da hätte er sich gestern abend anders aufführen müssen!" Unruhig spielte Luna mit ihren Haarsträhnen. Eine weitere böse Vorahnung machte sich in ihrem Kopf breit und sie konnte sie nicht abschütteln. Mit Entsetzen dachte Luna an ihr feuchtes Laken und die restlichen Klamotten unter ihrem Bett. Doch dafür war es nun zu spät. Sie musste sich damit abfinden, dass Frau Müller die Sachen finden wird und sich ihren eigenen Teil denkt. Hauptsache, die erzählt dem Onkel nichts, überlegte Luna, während sie die Wohnungstür hinter sich zuzog.

Unterwegs war sie immer noch mit diesen Gedanken beschäftigt. Sie bemerkte nicht, dass Vivian maulte, sie hätte keine Lust zur Schule zu gehen.

"Jetzt stelle dich nicht so an und reiß dich endlich mal zusammen", schnauzte Jane sie dafür an. Auch ihre Laune war an diesem Morgen unerträglich. "Es ist doch Scheiß egal, was für Klamotten du anhast. Tragen wir etwa Markenjeans?"

Stur blickte Jane gerade aus und blieb augenblicklich stehen. Sie waren nur noch 50 Meter von der Schule entfernt.

"Verdammte Scheiße! Was hat das denn zu bedeuten?" Ihre Stimme überschlug sich, weil irgendwie konnte sie erraten, was die kleine Gruppe zu bedeuten hatte, welche vor der Schule stand und offensichtlich auf Luna und Jane warteten.

Mit aufgerissenen Augen drehte sie sich zu Luna um. Auch diese hatte endlich bemerkt, was los ist und war stehen geblieben. Ihre Unterlippe zitterte nervös, doch das war das einzige Anzeichen dafür.

Nicht schon wieder, dachte Vivian und wartete darauf, dass Luna sie wegschickt.

Nichts geschah. Beide Gruppen blieben ruhig stehen. Jeder wartete darauf, dass der andere den Anfang macht. Nach Minuten absoluter Stille, sogar andere Schüler waren stehen geblieben und sahen zu, löste sich ein älterer Junge aus der Gruppe. Er kam auf die Schwestern zu.

Jane und Luna wechselten einen Blick. Beide hatten verstanden. Dieser Junge war nicht aus ihrer Schule und er konnte anschließend nicht zum Direktor rennen und sich beschweren. Anscheinend war er der Freund von einer der beiden Anführerrinnen.

Mit schnellen Schritten war er bei den Mädchen angekommen. Seine Anhänger folgten ihm langsam. Vivian verdrückte sich unauffällig. Jane lächelte ihn falsch an. Lunas Miene blieb eiskalt und hart.

"Wer von euch beiden Tussis hat gestern meiner Freundin ein Messer an die Kehle gesetzt?" Seine Stimme sollte bedrohlich klingen, aber er war irritiert. Melanie ist kräftig gebaut, dachte er. Keine von diesen dünnen, schmächtigen Mädchen, würde es schaffen, sie flach zu legen.

"Warum willst du das wissen?" Luna hatte ihren bissigen, schneidenden Ton drauf, der das Blut zum gefrieren brachte. Mit kalten Augen sah sie ihm direkt ins Gesicht, ohne eine Spur von Angst. Nur Jane sah das gefährliche Aufblitzen und wusste, dass sich ihre Schwester gleich zum Killer verwandeln wird, wenn der Typ auch nur eine falsche Bewegung macht.

"Das hat dich nicht zu interessieren", gab er zurück.

Hinter ihm kam eine der Mädchen zum Vorschein und stellte sich triumphierend neben ihren Freund. "Die da!" Sie zeigte auf Luna.

Ihr Geliebter kam auf Luna zu, deren Mundwinkel sich zu einem spöttischen Lächeln erhoben. Endlich standen sie sich gegenüber. Luna konnte seinen faulen Atem riechen, ließ sich aber nichts anmerken. Jane hielt die Luft an und betete, dass Jane nicht zuerst zuschlagen würde. Jeder wartete auf den ersten Schlag.

"Du hast sie in Ruhe zu lassen", kam es aus seinem Mund. "Du hast ihr gefälligst aus dem Weg zu gehen und du wirst sie auch nie wieder anfassen! Hast du mich verstanden? Bastard!" Bei seinem letzten Wort, wollte er sich umdrehen und gehen. Er glaubte, das Mädchen genug eingeschüchtert zu haben, doch deren Gesichtsausdruck verriet ihm nichts.

Vivian, die in Hörweite abgewartet hatte, hob verzweifelt die Hände. Auch Jane dachte, warum ausgerechnet dieses Wort? Es gab so viele Schimpfwörter. Warum musste er ausgerechnet Bastard nehmen?

Und dann ging es los. Ohne ein weiteres Wort, stürzte sich Luna auf ihn und jagte ihre kleine, harte Faust in seinen Magen. Verdattert, unfähig diese Reaktion zu begreifen, sah der Typ sie an und konnte nicht dagegenhalten. Wie der Blitz drehte Luna sich herum und gab ihm einen Tritt. Erneut in den Magen, so dass er rücklings auf die Straße fiel und anfing, zu würgen.

Noch konnte keiner Luna aufhalten. Selbst Jane stand einfach nur da und es dauerte eine ganze Weile, bis sie verstand, was sich vor ihren Augen abspielte. Ihre Schwester war drauf und dran, diesen Kerl ins Jenseits zu befördern. Denn jetzt trat sie nur noch auf ihn ein.

"Du hast überhaupt keine Ahnung, was ein Bastard ist, du verdammter Idiot", schrie sie immer wieder, das blutende Bündel Mensch an. Sie erkannte sich in ihm selbst wieder, wenn sie auf dem Boden im Wohnzimmer lag. Und das machte Luna noch aggressiver, noch zorniger, als je zuvor. Dass sie selber blutete, merkte sie nicht. Trotz ihres schnellen, brutalen Angriffs, war es dem Typ gelungen, ihr, einen Faustschlag zu versetzen. Dieser Schlag traf auch noch richtig und hinterließ eine aufgeplatzte Augenbraue. Luna spürte keine Schmerzen. Nur Hass. Grenzenlosen Hass.

"Luna!" Dieser langgezogene Schrei durchbrach alles. Luna, die zum nächsten Tritt ausgeholt hatte, hörte mitten drinnen auf. Ihr war, als käme dieser Schrei aus einer anderen Welt und verwirrt sah sie sich um. Sie blickte in entsetzte, fassungslose Gesichter. Mitschüler, die nicht begreifen konnten, was Luna da eben getan hatte.

Mit einem Satz, war Jane bei ihrer Schwester. Ein Taschentuch schon in der Hand, mit dem sie an deren Gesicht herum tupfte, damit nicht noch mehr Blut auf die Kleidung tropfte. Sie sagte nichts zu ihr. Keinen Vorwurf.

Luna schob sie grob zur Seite. Sie beugte sich zu Melanies Freund und half ihm auf die Beine. Doch bevor sie ihn losließ, funkelten ihre Augen, ihn noch einmal an.

"Damit ein für alle Mal klar ist! Es legt sich besser keiner mit mir an!" Ihre Stimme blieb ruhig und berechnend, dass dem Typen ein Schauer dem Rücken hinunter lief. Luna ließ ihn los und ging weg. In die andere Richtung. Weg von der Schule.

"Wo willst du hin?" Hastig rannte Jane ihrer Schwester nach, gefolgt von Vivian. Luna schaute nicht zurück. Sie musste erst einmal weg, von diesem Schauplatz. Vergessen können. Über etwas anderes nachdenken. Hoffen, dass sie, das eben erlebte, nur geträumt hatte.

Aber sie hatte nicht geträumt. Jane holte sie ein und zwang sie stehen zu bleiben.

"Wo willst du hin", fragte sie noch einmal, nun völlig außer Atem.

Ratlos hob Luna die Schultern und sah sie apathisch an.

"Du kannst doch jetzt nicht einfach abhauen!" Jane schüttelte sie, damit Luna endlich wieder zur Besinnung kam.

"Und warum nicht?"

"Ganz einfach, weil wir zur Schule müssen!" Jane war außer sich, bei so viel Desinteresse. "Was meinst du, was geschieht, wenn Vater erfährt, dass wir die Schule geschwänzt haben?" Sie verstummte plötzlich und tastete nervös ihre Taschen ab. Ihre Hände fanden nicht das, was sie gesucht hatten.

"Wir können uns ja die erste Stunde frei nehmen und anschließend behaupten, wir hätten es verschlafen! Das kann jedem mal passieren!" Kleinlaut gab Jane nach.

Luna saß sie an und erfasste mit einem Blick, warum sie nachgab. Ihre Schwester brauchte was zu trinken! Die ganze Sache hatte sie so stark mitgenommen, dass sie es bestimmt nicht schaffte, den Unterricht ohne Alkohol zu überstehen. Sie sah sich nach Vivian um, die still in zwei Meter Entfernung stand und wartete.

"Hättest du was dagegen", fragte sie diese und winkte sie zu sich. Vivian schüttelte den Kopf. Ihr war das völlig egal. Sie wollte so und so nicht gerne in diese Schule.

"Du musst deine Wunde versorgen lassen", sagte Vivian nur und deutete auf Lunas linkes Auge. Jane nickte zustimmend und hoffnungsvoll.

"Okay, dann gehen wir jetzt zum Arzt!" Luna marschierte sofort los, blieb aber gleich wieder stehen. "Weiß jemand von euch, wo einer ist?"

"Neben dem Supermarkt! Wir können draußen auf dich warten." Eifrig stand Jane neben ihr. Vivian an der Hand.

Luna grinste sie nur an. Sie kannte ihre Schwester.

"Lass dich nicht erwischen!", antwortete sie und gemeinsam liefen sie los.

Der Arzt stellte tausend Fragen, nachdem er die Wunde genäht und versorgt hatte. Er wollte nicht glauben, dass Luna sich nur gestoßen hatte. Eigentlich erkannte er auf den ersten Blick, dass dieses Mädchen eine Schlägerei hinter sich hatte.

Mit abweisendem Gesichtsausdruck, fing Luna noch einmal von vorne an. Dass sie in der Küche ausgerutscht war und sich den Kopf an der Tischkante aufgeschlagen hatte. Aber immer noch glaubten ihr Arzt und Helferin kein Wort, bis Luna verbissen schwieg. Sie beantwortete keine Fragen mehr und der Arzt musste sich wohl oder übel damit zufrieden geben.

Zu Lunas größten Freude aber, gab er ihr, starke Schmerztabletten mit. Da brachte sie es sogar fertig, sich artig dafür zu bedanken. Schnell war sie raus aus er Praxis und die Arzthelferin schüttelte verwundert den Kopf.

Schräg gegenüber der Praxis, warteten Jane und Vivian auf sie. An der entspannten Haltung, konnte Luna erkennen, dass Jane bekommen hatte, was sie brauchte. Zielstrebig ging sie zu den Schwestern hin.

"Wie war's?" Vivian hielt eine Tafel Schokolade in der Hand und kaute genüsslich darauf um.

"Alles in Ordnung." Luna winkte abwertend ab. Sie wollte nicht darüber reden. "Wo hast du sie?" Mit diesem Satz sah sie Jane an, welche selig vor sich hin summte.

"Was meinst du", fragte diese unschuldig zurück.

"Hör auf, doof rum zu quatschen!" Lunas Ton wurde warnend. "Denkst du, ich weiß nicht, dass du dir was zu Trinken besorgt hast?"

"Rege dich wieder ab, Luna!" Jane war aufgestanden und blickte herausfordernd ihre Schwester an. Mit der Hand deutete sie auf die Schultasche. Jetzt war sie wieder selbstsicher. Nichts konnte ihr passieren.

"Na los, gehen wir", kommandierte Luna sofort. "Ich habe keinen Bock, hier ewig zu stehen!" Die beiden anderen Mädchen gehorchten. Jane mit missmutigem Gesicht. Immer musste Luna das Kommando an sich reißen, überlegte sie. Wann habe ich endlich mal was zu sagen?

Gleich in die erste Toreinfahrt, bog Luna ein und blieb dahinter stehen.

"Gib die Flasche her", forderte sie Jane auf, die sie darauf mit offenem Mund anstarrte. Doch Luna achtete gar nicht darauf, sondern holte die Tabletten aus ihrer Jacke, las kurz den Beipackzettel und drückte dann zwei Pillen aus der Folie.

"Du bist ja noch bescheuerter, als ich!" Das war Janes Kommentar dazu, sie reichte ihr aber dennoch die Flasche Wodka.

Luna betrachtete auch diese intensiv. "Teure Marke. Du hast nen guten Geschmack!" Sie steckte sich die Tabletten in den Mund und spülte sie mit einem großen Schluck aus der Flasche herunter.

"Eins steht fest", antwortete Luna, ohne auf das vermeintliche Lob einzugehen. "Du bekommst eher als ich, das Nachbarbett deiner Mutter!" Sie spielte absichtlich auf den gestrigen Abend an.

"Was verstehst du schon davon", konterte Luna, unerwartet ruhig. "Ich fange wenigstens nicht mitten im Unterricht an, zu zittern, wie so manch andere!"

"Ist ja logisch! Weil sich Tabletten besser verstecken lassen und man kann sie auch während der Stunden heimlich nehmen!"

"Können wir jetzt gehen?" Vivian reichte es. Sie hatte keine Lust, sich die Gemeinheiten anzuhören, die sich ihre Schwestern, gegenseitig an den Kopf warfen. "Die zweite Stunde fängt in 20 Minuten an."

So schnell, wie der Streit begonnen hatte, war er auch beendet. Die großen Mädchen sahen sich an, lächelten kurz und Jane packte ihren Wodka ein. Vivian sah ihnen kopfschüttelnd zu. Sie wusste, warum die beiden so viel Alkohol tranken und sie würde sich hüten, auch nur ein Wort dagegen zu sagen. Aber sie fand es trotzdem nicht gut, denn auch Vivian kannte die Gefahren des Alkohols und wie schnell man davon abhängig werden konnte. In den Augen der kleinen Schwester, waren beide schon abhängig davon.

Doch weder Jane, noch Luna wollten sich das selbst eingestehen. Gerade bei Luna, konnte Vivian es überhaupt nicht verstehen, da doch gerade sie am eigenen Leib erfahren hatte, wo dieser Weg hinführen konnte. Trotzdem sagte sie nichts und lief hinter ihren Schwestern her.

Kurz vor der Schule gab es eine erneute Diskussion, weil Luna wollte, dass Jane die Flasche außerhalb des Schulgebäudes versteckte. Jane wollte sich aber nicht davon trennen. Obwohl Vivian es nicht mochte, musste sie sich schon wieder einmischen.

"Überlege doch mal", sagte sie zu Jane gewandt. "Gestern haben sie Luna das Messer abgenommen. Kann es dann nicht sein, dass man eure Sachen heute noch einmal kontrolliert? Willst du heute abend unbedingt an der Reihe sein?"

Jane versteckte die Flasche in einem dichten Gebüsch. Dennoch war sie verärgert. Immer bekam Luna recht. Nie hielt Vivian zu ihr. Aber sie wusste, dass es besser war, wenn die Lehrer bei ihr nichts finden würden.

"Ich verdrück mich jetzt", sagte Vivian anschließend. "Also, wir haben es verschlafen, wenn mich jemand fragt?"

Ihre beiden Schwestern nickten gleichzeitig. Sie winkten Vivian nach, bis diese im Schulgebäude verschwunden war.

"Was werden die mit dem Kerl gemacht haben? Ob die Lehrer schon Bescheid wissen?" Jane klammerte sich an Luna und wünschte sich ihre Flasche zurück.

"Keine Ahnung. Wir werden es vermutlich gleich erfahren, wenn wir in die Klasse kommen." Luna war bleich im Gesicht und sah ihre Schwester nicht an. Jane bemerkte das nicht.

Als sie in der Pause ihre Klasse betraten, sprach niemand ein Wort. Ein wenig ängstlich blickten die Mitschüler sie an. In der Klasse hatte sich natürlich schon herum gesprochen, was vor Schulbeginn passiert war. Luna vermutete, dass Melanie auch in dieser Klasse enge Freunde hatte. Die Schwestern sprachen ebenfalls kein Wort, sondern setzten sich stur auf ihre Plätze. Sie mussten einfach abwarten, um zu erfahren, ob die Lehrer von diesem kleinen Zwischenfall wussten.

Es geschah gar nichts. Sie wurden nicht einmal verhört, warum sie erst zur 2. Stunde erschienen sind.

Die Stunde verging ohne Zwischenfall. Die Mädchen wurden nichts gefragt und sie meldeten sich auch nicht. Es war fast so, als ob sie gar nicht anwesend waren.

Dann kamen die gefürchteten Sportstunden. Noch wussten sie nicht, wie der Umkleideraum beschaffen war und ob ihr eingespielter Plan auch funktionierte.

"Du könntest sagen, dir wäre schlecht. Dann brauchst du vielleicht nicht mitmachen."

Luna reagierte nicht. Wie aufgezogen lief sie neben ihrer Schwester zur Turnhalle und gab keine Antwort.

Irritiert blieb Jane stehen und hielt sie fest.

"Mein Gott! Was ist denn mit dir los?" Sie blickte in ein kalkweißes Gesicht und in zwei abwesende Augen. "Luna bitte! Du machst mir Angst!"

"Mit geht es wirklich nicht gut", bekam sie dann flüsternd zur Antwort. Jane merkte, dass Luna sich gleich übergeben musste. Hastig zog sie die Schwester hinter sich her, in Richtung Toilette.

Gerade noch rechtzeitige, schaffte Jane es, sie zu einem der Becken zu bugsieren. Dann kotzte sich Luna die Seele aus dem Leib.

"Verdammte Scheiße", brüllte Jane sie an und trat wie von Sinnen gegen die Kabinentür. "Du sollst den Scheiß lassen, mit deinen blöden Pillen!"

Luna wollte ihr darauf eine passende Antwort geben, doch da überkam sie schon der nächste Brechreiz.

"Fick dich selber", kam dann anschließend, nur sehr leise, über Lunas Lippen. Jane tat so, als hätte sie nicht verstanden.

"Ich geh und sag der Lehrerin Bescheid. Bin gleich wieder zurück!" Schon war sie verschwunden, nicht ohne noch einmal gegen die Tür zu donnern. Ihre Schwester fand keine Zeit, darüber nachzudenken. Sie beugte sich schon wieder über die Porzellanschüssel.

Wenig später kam Jane auch wieder, gefolgt von der Sportlehrerin.

"Luna, was ist los", fragte diese sehr besorgt. "Ich habe gehört, dir geht es schlecht?"

Luna saß auf dem Toilettenbecken. Den Mund hatte sie sich schon abgewischt, ihr Magen hatte aufgehört zu rebellieren und doch war sie immer noch käseweiß im Gesicht.

"Geht schon wieder. Ich glaub, ich hab ne Magenverstimmung. Bestimmt irgendwas schlechtes gegessen."

Ihre Stimme klang kläglich und Jane überlegte, ob sie das mit Absicht tat, oder nicht. So hilflos und elend kannte sie ihre Schwester kaum.

"Möchtest du zum Arzt, oder nach Hause gehen? Was ist denn mit deinem Auge geschehen?" Erst jetzt bemerkte Frau Kehlten die vernähte Wunde.

"Ausgerutscht", kam Jane der Schwester zuvor.

Die Lehrerin sah sie merkwürdig an.

"Nein. Ich will nicht nach Hause!" Langsam stand Luna auf. "Mir geht es wirklich schon viel besser! Danke!" Sie sah die Frau nicht an. Ging an ihr vorbei zum Waschbecken. Mit eiskaltem Wasser, wusch sie sich Hände und Gesicht. Danach sah sie schon viel menschlicher aus. Ihre Haut bekam wieder Farbe.

"Wenn du willst, brauchst kein Sport mitmachen." Frau Kehlten kam ihr nach und war immer noch besorgt.

"Danke." Auf Lunas Gesicht erschien ein zartes Lächeln. Hinter dem Rücken der Lehrerin grinste Jane breit.

Wieder mal mit Verspätung, die anderen Mädchen flüsterten schon ganz aufgeregt, kamen die Schwestern in die Turnhalle. Luna setzte sich abseits und döste zwei Stunden lang vor sich hin, während die anderen, unter Ächzen und Stöhnen, ihre Sportübungen absolvierten. Jane warf ihrer Schwester mehrere böse Blicke zu, weil sie sich abmühen musste und Luna nicht.

In der großen Hofpause passierte auch nichts. Man ging den Meinert Mädchen aus dem Weg. Melanie und ihr Gefolge waren nirgendwo zu sehen. Die Aufsichtslehrer passten sorgfältig auf, damit kein neuer Streit entstand. Sie waren angewiesen wurden, besonders Luna im Auge zu behalten.

Die großen Mädchen erzählten der kleinen Schwester nicht, was vor dem Sport gesehen war. Luna hatte darauf bestanden und wollte nicht, dass Vivian sich unnötig aufregte.

"Ich bin gespannt, wie diese Frau Müller so ist!" Aufgeregt sprang Vivian um ihre Schwestern herum. Sie befanden sich auf dem Heimweg. Der Unterricht lag hinter ihnen, ohne ein weiteres Ereignis.

"Ich bin wahnsinnig froh darüber, dass eine Fremde in der Wohnung ist!" Jane wurde sarkastisch. "Vater hätte sie uns wenigstens vorher vorstellen können, anstatt uns mit vollendeten Tatsachen zu konfrontieren!"

"Oh ja. Dein Vater fragt dich bestimmt vorher um Erlaubnis." Giftig sah Luna ihre Schwester an. Sie konnte das Gequatsche nicht ertragen. "Sei lieber froh, dass jemand für uns wäscht und kocht, sonst müssen wir diese Arbeit auch weiterhin erledigen! Aber wahrscheinlich wird diese Frau so und so bald kündigen. Spätestens dann, wenn sie uns zum 1. Mal in Aktion erlebt hat!"

"Wir sollen uns anständig benehmen, hat Vater gesagt. Wir dürfen sie nicht vergraulen!" In der Hoffnung, dass ihre Schwestern dies nicht vergaßen, mischte Vivian sich ein. Dafür erntete sie einen weiteren giftigen Blick von Luna und sie verhielt sich lieber wieder still.

"Trotzdem verstehe ich nicht, wie Vater jemanden einstellen konnte!" Jane war von diesem Thema nicht abzubringen. "Irgendwann wird die doch merken, dass bei uns was nicht stimmt."

"Bis dahin sind wir längst wieder umgezogen! Und jetzt Beeilung! Wir wollen die gute Frau doch nicht gleich heute warten lassen!" Für Luna war dieses Thema beendet. Aber sie wusste, dass Jane recht hatte und sie dachte mit Unbehagen an die feuchte Wäsche unter ihrem Bett.

Frau Müller empfing die Mädchen mit einem köstlichen Mittagessen, was die Schwestern schon vor der Wohnungstür riechen konnten. Doch zuerst stellte sich die gute Seele vor. Frau Müller war eine korpulente Frau um die 50 Jahre. Ihre dauergewellten Haare, waren schon leicht ergraut. Um die Augen hatte sie Lachfalten.

Augenblicklich wurden Jane und Vivian an ihre Mutter erinnert. Sie begrüßten sie freundlich und fasten sofort Vertrauen. Luna blieb skeptisch im Hintergrund. Sie hatte keine guten Erfahrungen mit ihrer Mutter gemacht, überhaupt mit keinem Erwachsenen. Sie hatte auch nicht vor, sich von jemandem bemuttern zu lassen, der sie ja doch wieder verließ.

Zufällig hatte Frau Müller auch noch das Lieblingsessen von Vivian gekocht: Spaghetti. Begeistert saß Vivian als erste am Tisch.

"Ihr dürft mich auch Margot nennen", sagte sie lächelnd, während sie die Teller auffüllte. "Eure Namen kenne ich ja schon, aber wer von euch beiden ist Luna?"

"Die da", antwortete Jane mit vollem Mund, weil Luna keine Anstalten machte, etwas zu sagen. Jane hatte gleich gespürt, dass ihre Schwester nicht so begeistert war, wie sie selbst.

Auch Margot Müller spürte das sofortige Misstrauen des Mädchens. "Gut, dann weiß ich ja Bescheid", sagte sie nur und setzte sich zu den Kindern an den Tisch. Eigentlich hatte sie die Namen gewusst, denn bei ihrem Einstellungsgespräch mit Herrn Meinert, hatte er ihr die Mädchen gut beschrieben und Fotos gezeigt. Bei diesem Gespräch ahnte sie schon, dass sich der Vater und Luna nicht gerade nahe standen.

Daher entschuldigte sie das Benehmen von ihr und beschloss in Gedanken, diesem Mädchen besonders viel Liebe und Geduld entgegenzubringen. Frau Müller arbeitete schon fast 30 Jahre als Haushaltshilfe und Kindermädchen. Luna war nicht das erste schwierige Kind, was ihr unterkam.

"Sie haben ja aufgeräumt", stellte Jane fest, nachdem sie sich in der Wohnung umgesehen hatte. "Das gehört doch gar nicht zu ihren Aufgaben."

"Ich hatte genug Zeit und sollte ich da untätig herum sitzen?" Abwehrend winkte Margot ab und stellte die leeren Teller in die Spüle. Mit geschickten Handgriffen fing sie an, abzuwaschen und lächelte die Mädchen an.

So viel Freundlichkeit konnte Luna nicht ertragen. Wortlos stand sie auf und verließ die Küche. Traurig blickte Vivian ihr nach. Sie hoffte, dass Luna sich mit dem Kindermädchen vertragen wird, denn sie mochte Margot wirklich und hatte sie schon längst in ihr kleines Herz geschlossen.

Auch Jane sah auf die zugeklinkte Küchentür, zuckte dann ergeben mit den Schultern und griff nach einem Tuch, um abzutrocknen.

"Sie wird sich bestimmt noch an mich gewöhnen", sprach Margot, als hätte sie die Gedanken der beiden Mädchen erraten.

"Wir wollen es hoffen, aber ich glaube nicht daran", flüsterte Jane. "Sie kennen Ludmilla nicht."

Lunas Weg führte zuerst zu ihrem Bett. Die Matratze hatte ein frisches Laken, die Bettwäsche war gewechselt. Unter ihrem Bett fand sie nicht einmal Staub. Na prima, dachte sie wütend. Das darf mir nicht noch einmal passieren! Gereizt feuerte sie ihre Schultasche auf den nächsten Stuhl, der dadurch polternd umfiel. Sie verpasste ihm noch einen zusätzlichen Tritt und ließ ihn dann liegen. Angezogen und mit Schuhen legte Luna sich aufs Bett. Sie wollte den Schlaf nachholen, den sie in der vergangenen Nacht nicht finden konnte. Tatsächlich war sie 10 Minuten später eingeschlafen.

Vivian und Jane, die danach ins Zimmer kamen, ließen sie in Ruhe. Weckten sie auch nicht, als Frau Müller rein kam, um sich zu verabschieden. Die Haushaltshilfe hatte schnell registriert, wem das Bett gehörte, was sie am Morgen neu beziehen musste. Eigentlich hatte sie auf das jüngste Mädchen getippt, dem dieser nächtlicher Unfall passiert war. Da aber Luna auf dem Bett lag und seelenruhig schlief, wurde sie eines Besseren belehrt. Dieses Mädchen hat offensichtlich Probleme, dachte sie noch, zog sich dann an und verließ die Wohnung.

Jane weckte Luna, kurz bevor Herr Meinert heim kam. Verwundert und verschlafen sah Luna sich um.

"Ist er schon da", fragte sie fast ängstlich.

Jane warf einen Blick auf die Uhr. "In 10 Minuten. Sieh zu, dass du dich umziehst. Du hast noch Blut an deinem Hemd!"

Erschrocken sah Luna an sich herunter. Tatsächlich war an ihrem Kragen ein brauner, hässlicher Blutfleck zu sehen. Mist, dachte sie. Den hat die Putze bestimmt auch gesehen.

"Mach dich endlich fertig", sagte Jane noch einmal und verschwand. Das Abendessen sollte fertig sein, wenn der Vater kam. Und wegen so einem unwichtigen Grund wollte sie keinen Stress mit ihm.

Herr Meinert hatte ausgesprochen gute Laune. Jane und Luna wechselten erstaunte Blicke. Vivian war glücklich darüber.

"Frau Müller hat mich angerufen und mir mitgeteilt, dass alles besten geklappt hätte. Die Frau schwärmte ja richtig von euch. Ich bin stolz auf euch", klärte der Mann seine Kinder auf. Liebevoll strich er seiner

Jüngsten über den Kopf. Jane verstand die Welt nicht mehr, doch durch dieses Lob, schloss auch sie Frau Müller ganz fest in ihr Herz.

Luna allerdings wäre beinahe das Herz in die Hose gerutscht, als der Onkel von Frau Müller anfing.

Panikartig hatte sie geglaubt, dass er von dem beschmutzten Bett erfahren hatte. Niemand sah ihr an, wie erleichtert sie dann war. Sie schämte sich furchtbar wegen diesen Unfalls und wagte nicht auszudenken, was gewesen wäre, wenn es alle erfahren hätten.

"Was ist denn mit dem Bastard passiert?" Herr Meinert sah aber nicht Luna an, sondern Jane.

Anscheinend war wieder die Phase angebrochen, in der er mit seiner Stieftochter nur über eine 3. Person redete. Luna war das mittlerweile so egal geworden, dass sie darauf nicht mehr reagierte.

"Luna hatte einen Unfall. Sie ist ausgerutscht." Zaghaft sah Jane ihren Vater an, dann ihre Schwester.

Vivian hörte vor Schreck auf zu kauen. Bitte keinen Streit, betete sie stumm. Auch ihre Augen wanderten zwischen dem Vater und Luna. Sie wusste, dass er ganz schnell seine gute Laune verlieren und ins Gegenteil umschlagen konnte.

"Selbst Schuld!" Herr Meinert dachte gar nicht daran, böse zu sein. Er blickte noch einmal prüfend in Lunas Gesicht und aß dann friedlich weiter. Er bemerkte nicht, dass alle erleichtert aufatmeten. Die Anspannung verlor sich im Raum.

Dann passierte es doch noch. Kurz vor Ende des Abendessens warf Vivian aus Versehen ihr Glas um. Ehe jemand reagieren konnte, verpasste der Vater ihr eine kräftige Ohrfeige. Augenblicklich fing Vivian an zu weinen und Luna war aufgesprungen. Die Wut war ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Ihre Hände zitterten unkontrolliert.

"Sag ihr, die soll sich wieder setzen, sonst ist sie die Nächste!" Wieder sah er nur Jane an. Luna fing einen flehenden, beschwörenden Blick ihrer Schwester auf. Aber sie konnte sich nicht so einfach wieder setzen. Alles in ihr sträubte sich dagegen. Sie glaubte schreien zu müssen, brachte jedoch keinen Ton über ihre Lippen. Es herrschte Totenstille und ohne ein weiteres Wort verließ sie die Küche.

"Du wartest gefälligst, bis alle fertig sind", schrie Herr Meinert und hatte sogar vergessen, in der 3. Person zu reden. Luna achtete nicht auf ihn und ging ins Kinderzimmer. Mit zwei Sätzen war der Onkel auch schon hinter ihr und packte sie. Luna bekam keine Ohrfeige. Sie bekam die ganze Faust. Genau auf die genähte Wunde, welche gleich wieder aufplatzte. Blut lief ihr die Wange herunter und fassungslos erstarrte sie. So brutal hatte er noch nie ins Gesicht geschlagen, weil das andere sehen könnten.

"Schlag mich doch tot. Dann bist du mich wenigsten los!" Luna sah ihn eiskalt an, während sie sprach. Sie war jetzt auf alles gefasst.

Doch Herr Meinert zerbrach diesen Stolz, diese letzte kleine Gegenwehr, indem er weit ausholte und zum zweiten Mal mit der Faust zuschlug. Luna verlor das Gleichgewicht, taumelte gegen den Kleiderschrank. Sank dann in sich zusammen, um sich so klein wie möglich zu machen. Nahm auch endlich die Hände schützend vors Gesicht.

"Du willst, dass ich dich totschlage?" Der Mann trat mit seinen derben Bundeswehrstiefeln auf sie ein.

Diesmal benutzte er nicht einmal den Gürtel. "Den Gefallen tu ich dir noch lange nicht!"

Was Luna nicht sah, dafür aber Jane, die heimlich aus der Küche lugte, Herr Meinert grinste über das ganze Gesicht, während der weiter auf das wehrlose Mädchen eintrat. Schnell schloss Jane die Augen. Sie wollte dieses grauenvolle Bild nicht sehen und energisch schob sie Vivian zurück an den Tisch, die ebenfalls gucken wollte. Stumm und ohnmächtig vor Angst, warteten sie, bis der Vater wieder kam.

"Macht die Küche sauber und dann ab ins Bett!" Der Vater hatte immer noch dieses Grinsen im Gesicht, als er zurück kam. Er beendete sein Abendessen nicht. Er hatte sich anderweitig befriedigt.

Endlich waren sie allein. Stumm sahen sich die Schwestern an und machten, was ihnen der Vater befohlen hatte. Am liebsten wären sie sofort zu Luna gerannt, um nach ihr zu sehen. Doch das Risiko, ertappt zu werden, trauten sie sich nicht einzugehen. Vivian ließ ein weiteres Glas fallen, aber der Vater schien es nicht gehört zu haben und Jane räumte schnell die Scherben weg.

Vor der Tür zum Kinderzimmer blieb Jane erst kurz stehen. Sie wusste nicht, was sie erwartet und sie hatte Angst davor.

Luna hockte immer noch vor dem Kleiderschrank, die Augen apathisch auf die gegenüberliegende Wand gerichtet. Blut sickerte aus der Wunde, lief in kleinen Bächlein herunter und tropfte auf den Pullover. Luna schien das nicht zu bemerken.

Jane gab Vivian leise zu verstehen, dass diese ein feuchtes Tuch holen sollte. Dann beugte sie sich zu ihrer Schwester.

"He. Alles klar?" Sie bekam fürchterliche Panik, weil Luna auf gar nichts reagierte. "Bitte Luna, sag was!"

Vivian kam zurück, mit dem feuchten Tuch. Sofort nahm Jane es ihr ab und wollte das Blut entfernen.

Doch Luna hielt ihren Arm fest.

"Fass mich nicht an!" Sie sprach den Satz leise, aber gefährlich.

"Du blutest aber! Wir müssen die Blutung stoppen!" Hilflos sah Jane sich nach Vivian um, doch diese war über die Reaktion von Luna genauso schockiert.

"Ich hab gesagt, du sollst mich nicht anfassen!" Ein kurzes, gefährliches Aufblitzen in den Augen. Aber deutlich genug, dass Jane verstand. Unbeholfen setzte diese sich auf ihr Bett. Sie wusste nicht, wie sie helfen sollte.

"Bitte Luna, sag was!" Da Vivian wusste, dass Luna ihr gegenüber fast nie böse wurde, probierte sie es ebenfalls, die Schwester zur Vernunft zu bringen.

"Lasst mich doch endlich in Ruhe!" Luna knurrte wie ein bissiger Hund. Vivian wich erschrocken vor ihr zurück. Das war nicht ihre Schwester, die sich immer um sie gekümmert hatte und die sie verteidigte, wo es nur ging.

"Komm, wir gehen uns waschen." Jane stand auf. Sie wusste mit Lunas Verhalten nichts anzufangen. Sie konnte sich einfach keinen Reim drauf machen.

"Was ist mit ihr?" Ängstlich sah Vivian zu Jane, die gerade unter die Dusche gehen wollte.

"Ich hab keine Ahnung. So komisch war sie noch nie!" Innerlich fragte Jane sich, ob Luna vielleicht auch das Grinsen im Gesicht ihres Vaters, während er zutrat, gesehen hatte. Aber darüber wollte sie mit Vivian nicht reden.

"Vielleicht ist ja auch gleich alles vorbei und sie ist wieder ganz normal." Versuchte sie die kleine Schwester zu trösten. Dann drehte sie die Wasserhähne voll auf und entging damit weiteren Fragen.

Nachdem beide geduscht hatten, gingen sie ins Zimmer zurück. Luna hatte die Zeit genutzt und sich ins Bett gelegt. Als die Schwestern rein kamen, stellte sie sich schlafend.

Vivian sah immer wieder angstvoll in ihre Richtung, doch Jane deutete ihr an, dass sie still sein sollte. Sie brauchte schon wieder was zu trinken. Hastig trank sie direkt aus der Flasche und versteckte diese dann sorgfältig. Man konnte nie wissen, was dem Vater als nächstes einfiel. Doch als sie dann hörte, wie er zu Bett ging, gönnte sie sich einen weiteren großen Schluck. Sie wartete auf den Nebel, der sie schützend umhüllte und sie schlafen ließ. Ihre Schwestern schlummerten beide schon tief und fest. Jane warf einen letzten sorgenvollen Blick in Richtung Luna, konnte aber in der Dunkelheit nichts erkennen.

Weder Vivian noch Jane wurden wach, als Luna aufstand und mitten in der Nacht das Bettlaken unters Bett stopfte. Sie hörten auch nicht, das verzweifelte Schluchzen, weil Luna halbnackt, nur in Unterwäsche bekleidet, auf ihrem Kopfkissen saß, ihre feuchte Matratze anstarrte und sich immer wieder fragte, warum.

Am Morgen sprachen sie kein Wort miteinander. Jeder machte sich still und leise für die Schule fertig, wobei Luna sich bemühte, dass niemand ihrem Bett zu nahe kam. Genauso unauffällig nahm sie mehrere Schmerztabletten, denn in ihrer Hüfte machten sich quälende, stechende Schmerzen breit. Doch niemand sah ihr das an. Ihre Gefühle verbargen sie unter einer erstarrten Maske. Sie sagte nichts. Sie lächelte nicht. Und sie sah niemanden an.

Beim Frühstück blieb es ebenso totenstill. Herr Meinert schien das nicht zu bemerken. Er sprach ebenfalls kein Wort.

Erst direkt vor der Schule, versuchte Jane es erneut, die Schwester aus ihrer Erstarrung zu holen. Vivian war schon voraus gegangen.

"Jetzt hör mir mal zu, Luna!" Jane stellte sich vor sie, so, dass Luna keinen Schritt weiter gehen konnte.

"Ich glaube dir ja, dass du Schmerzen hast und du schockiert bist! Aber hör endlich auf, dich in Schweigen zu hüllen und uns anzusehen, als wären wir daran Schuld! Du hast dich doch mit ihm angelegt! Nicht ich!"

Gefühllos schob Luna sie beiseite. Sie hatte ihre Schwester nicht ein einziges Mal angeschaut. Aber Jane ließ sich nicht so leicht abfertigen. Energisch packte sie Luna von hinten an der Schulter und wollte sie hindern, weiterzugehen. Ehe sie sich versah, schlug Luna zu. Mit der Faust. Verwundert und ungläubig sah Jane ihr nach und hielt sich das Kinn.

"Du bist genau wie er! Du bist keinen Dreck mehr wert", schrie sie dann endlich, als Luna gute 20 Meter entfernt war. Diese drehte sich nicht um, hob aber den ausgestreckten Mittelfinger in die Höhe, so das Jane ihn genau sehen konnte.

Keine von beiden bemerkte, dass sie von ihren Gegnerinnen beobachtet wurden. Denen war nicht entgangen, dass die Schwestern Streit miteinander hatten. Melanie strahlte übers ganze Gesicht.

Am meisten nahm die Geschichte Vivian mit. Sie konnte sich nicht konzentrieren, bekam Magenkrämpfe und ihr wurde abwechselnd heiß und kalt. Die Lehrerin kam besorgt an ihren Platz.

"Vivian bist du krank? Du siehst ja ganz blass aus!"

Vivian nickte schüchtern. Es gefiel ihr nicht, im Mittelpunkt zu stehen, denn alle Mitschüler sahen sie an.

"Du gehst jetzt runter in die 1. Etage. Dort ist der Schularzt und von dem lässt du dich untersuchen."

Frau Dohlen half dem Mädchen aufzustehen und brachte sie zur Tür. "Danach meldest du dich wieder bei mir. Einverstanden?"

Stumm verließ Vivian die Klasse. Sie war erleichtert, dass sie aus dem stickigen Raum heraus kam. Langsam ging sie die Treppe herunter und klopfte an der Tür des Arztes.

Es war nur ein sehr kleines Behandlungszimmer, aber für eine Schule reichte es. So viele Notfälle hatte Dr. Thomas nun auch wieder nicht. Ein wenig scheu sah Vivian sich um, dann den Arzt an.

"Na junge Dame? Haben wir ein Problem?"

Sie schilderte dem Arzt, warum sie zu ihm gekommen war. Der Mann untersuchte sie gründlich, konnte aber nichts genaues finden. Zum Schluss gab er ihr ein paar Tropfen für den Magen.

"Du gehst jetzt am besten heim und legst dich ins Bett. Ist jemand da, der sich um dich kümmern kann?"

Vivian dachte an Frau Müller und nickte.

"Okay." Dr. Thomas nickte ebenfalls. "Sag deiner Mutter, sie soll mich anrufen, wenn du angekommen bist."

Das Mädchen berichtigte diesen Irrtum nicht. Sie ging zu ihrer Klasse zurück, gab Frau Dohlen die Unterrichtsbefreiung und verließ dann die Schule. Mit keiner Silbe dachte sie daran, ihren Schwestern Bescheid zu geben, damit diese wussten, wo sie war. Vivian freute sich nur auf Margot.

Die Haushaltshilfe war mächtig erschrocken, als die jüngste Tochter früher, als erwartet, heim kam.

"Was ist denn nur geschehen, mein Mädchen?" Auch sie war sehr besorgt und ließ sich dann alles sehr genau erzählen.

"Ich koche dir einen heißen Tee und du legst dich hin", sagte sie anschließend. "Heute mittag geht es dir bestimmt schon besser." Sie brachte das Kind ins Zimmer und deckte sie fürsorglich zu. Vivian war ihr unendlich dankbar.

Während Frau Müller mit der Schule telefonierte, sah Vivian sich im Zimmer um. Margot schien gerade aufzuräumen. Eimer und Besen standen in der Ecke. Das Bett von Luna war vollständig abgezogen und lag auf dem Boden. Verwundert fragte Vivian sich, warum sie nicht alle Betten neu bezog, wenn sie schon mal dabei war, doch dann fiel ihr ein, dass sie erst am letzten Wochenende die Bettwäsche gewechselt hatten.

Margot kam mit dem Tee und bemerkte den erstaunten Blick auf das leere Bett. Aha, dachte sie sich. Offensichtlich wissen die Geschwister nichts davon.

"Hier trink erst einmal deinen Tee!" Sie reichte dem Mädchen die Tasse.

Gehorsam schluckte Vivian das heiße Getränk. Sie fühlte sich schon viel besser, als in der Schule, mochte das aber nicht zugeben. Es tat so gut, mal wieder verwöhnt zu werden. Dann sah sie zu, wie Frau Müller weiter aufräumte.

"Warum wechselst du die Wäsche von Lunas Bett?" Vivian musste diese Frage stellen, denn sie quälte sich schon die ganze Zeit damit herum. Fand selber keine Antwort darauf. "Wir haben doch erst vor drei Tagen gewechselt!"

Margot sah die Kleine ernsthaft an und überlegte, was sie antworten sollte. Dann entschied sie sich für die Wahrheit und setzte sich zu ihr.

"Deine Schwester hat ins Bett gemacht. Deswegen muss ich es neu beziehen. Sicherlich will sie nicht, dass es jeder erfährt, also behalte es bitte für dich."

"Oh mein Gott!" Vivian schlug die Hände vors Gesicht. Sie konnte gar nicht glauben, dass dies ausgerechnet Luna passiert war. Und wieder wurde sie an die Schwester erinnert, wo sie doch diese schrecklichen Gedanken gerade erst los geworden war.

Das Mädchen sieht ja richtig hysterisch aus, dachte Margot. Sie hatte Vivian genau beobachtet. Schnell nahm sie die Kleine in ihre Arme.

"Ist doch nicht so schlimm!", versuchte sie zu beruhigen. "Das kann doch jedem mal passieren."

"Wirst du es Vater erzählen", flüsterte Vivian atemlos.

"Aber nicht doch. Dazu habe ich gar keinen Grund." Die Haushaltshilfe sah, wie das Mädchen aufatmete.

Warum nur, fragte sie sich. Eigentlich wollte sie noch wegen dem Blutfleck fragen, den sie auf dem Boden gesehen hatte. Ließ es aber lieber nach dieser Reaktion. Sie wollte Vivian nicht noch mehr beunruhigen. Vielleicht lag es ja auch daran, dass sie krank war.

"Du kannst mich mal!" Luna drehte sich weg und ließ die völlig verzweifelte Jane einfach stehen. Diese hatte eben den gesamten Schulhof nach Vivian abgesucht. Erfolglos. Jane konnte sich nicht erklären, wo die kleine Schwester abgeblieben war und kam deshalb zu Luna. Auch ohne Erfolg.

Was soll ich denn nur machen? Jane fühlte sich ohne ihre Schwestern so hilflos, wie ein ausgesetztes Baby. Suchend schaute sie sich um, konnte aber keinen der beiden entdecken. Sie kannte auch sonst niemanden an dieser Schule. Man ging den Schwestern immer noch aus dem Weg, aber man redete über sie.

Daran ist auch nur Luna schuld, dass keiner was mit uns zu tun haben will, überlegte Jane. Wütend darüber, stampfte sie auf.

Mit gemischten Gefühlen, beobachtete sie wenig später, wie sich eine ihrer Feindinnen und Luna begegneten. Jane hielt den Atem an, doch es blieb erstaunlicherweise friedlich. Fast der gesamte Schulhof, ließ die beiden Mädchen nicht aus den Augen. Die Aufsicht war in Alarmbereitschaft. Sie würden eingreifen, sobald eine der Damen anfing zu streiten.

Luna und Sandra waren sich zufällig begegnet. Sie sahen sich an und mussten Widerwillen lachen. Standen dann voreinander und warteten ab.

"Du kämpfst gut!" Sandra brach als erste das bedrohliche Schweigen.

"Danke." Luna blieb cool, war aber innerlich total verwirrt über dieses unerwartete Kompliment.

"Lass uns Frieden schließen. Ich glaub das bringt nichts, wenn wir uns gegenseitig bekämpfen", redete Sandra weiter, weil Luna ruhig blieb.

"Meinetwegen."

Das Gespräch brach ab, da beide Mädchen wussten, das alle angespannt warteten, das etwas passieren würde. Sie wollten auch beide nicht, dass jeder über diesen Waffenstillstand Bescheid wusste. Stumm trat Sandra einen Schritt zur Seite und sie trennten sich wieder. Die Lehrer entspannten sich.

Was keiner bemerkte, war, beide Mädchen gingen auf getrennten Weg zur Toilette. Dort trafen sie sich auch wieder. Schickten die kleineren Mädchen, die sich dort aufhielten, heraus und waren zum ersten Mal allein untereinander.

"Ich bin Sandra." Sie streckte ihr die Hand entgegen.

"Ich weiß. Meinen Namen kennst du ja schon!" Luna ließ sich nicht beirren. Noch wusste sie nicht, was sie davon halten sollte. Sie nahm auch die Hand nicht an.

"Komm, ich meine es ernst." Sandra bot ihr eine Zigarette an. "Was du gestern mit Melanies Freund gemacht hast, reichte aus, um mich davon zu überzeugen, dass ich gegen dich nicht ankomme!"

"Wie geht es ihm?" Nach drei Zügen von der Zigarette, warf sie die angerauchte Kippe ins Klo.

"Zwei angebrochene Rippen. Nicht weiter schlimm. Er ist ein Schlappschwanz! Große Schnauze und nichts dahinter!"

Luna musste bei dieser Antwort lächeln. Im Grunde genommen hatte Sandra auch nur die große Schnauze. Das sagte sie ihr aber nicht.

"Geht er zu den Bullen?"

Sandra lachte laut auf. "Dafür hat er selber viel zu viel Dreck am Stecken. Da kann er sich gleich selber anzeigen!"

Gott sei Dank, dachte Luna. Das hätte mir gerade noch gefehlt.

"Was ist mit deiner Schwester", unterbrach Sandra ihre Gedanken.

"Was soll mit der sein?"

"Ich hab gesehen, wie ihr euch heute Morgen gestritten habt. Du hast ihr einen guten Schlag versetzt. Und auch eben hast du sie stehen lassen!"

"Manchmal nervt Jane gewaltig! Anders begreift die das nicht!" Luna wollte nicht darüber reden. Zu ihrem Glück läutete die Schulklingel.

Bevor sie sich trennten, fragte Sandra sie noch, ob Luna Lust hätte, nach der Schule mit in die Stadt zu kommen. Luna nickte fast unmerklich und ging dann.

Als sie sich an ihre Schulbank setzte, roch es bedenklich nach Alkohol. Jane schien sich in der Pause mächtig was reingeschüttet haben, doch heute verlor Luna kein Wort darüber. Sie ist alt genug, waren ihre Gedanken. Jane muss wissen, was sie tut.

Sie redeten nicht miteinander. So schnell konnte Jane auch nicht verzeihen. Aber sie litt darunter. Sie hoffte inständig, dass sich bald alles wieder zum Guten wendet.

In der nächsten Pause packte Luna ihre Schulsachen zusammen, obwohl sie noch drei Stunden Unterricht hatte. Völlig entgeistert sah Jane ihr dabei zu.

"Das kannst du nicht machen! Wenn er das erfährt, bist du reif", versuchte sie die Schwester zurückzuhalten.

Auch der Physiklehrer beobachtete das Mädchen.

"Fräulein Meinert? Könnten sie mir vielleicht erklären, was sie vor haben?"

Luna war fertig mit Packen und sah auf. "Ich gehe! Das sehen sie doch!"

Provozierend langsam ging sie Schritt für Schritt zu Tür.

"Und warum? Wenn man fragen darf?" Die restliche Klasse spürte, dass der Lehrer bei jedem Wort wütender wurde. Gespannt verfolgten sie diesen Dialog.

"Ich wüsste nicht, was sie das angeht!" Seelenruhig sah Luna ihn an und war schon an der Tür. Der Lehrer wollte sie festhalten und griff nach ihr. Doch ehe er richtig zupacken konnte, reagierte Luna. Bekam dessen Arm rechtzeitig zu fassen und hielt ihn fest umklammert. Er konnte ihr nichts mehr tun.

Lange Sekunden standen sie so da. Sahen sich dabei fest in die Augen. Das kurze Auflodern ihrer Aggressivität verschwand wieder. Die Mitschüler, eingenommen Jane, hielten die Luft an und konnten nicht glauben, was sie da sahen. Ein Mädchen, was sich mit dem Lehrer anlegte.

Endlich lockerte Luna ihre Finger. Ließ den Mann los. Drehte sich weg und verließ den Raum. Völlig konfus starrte der Lehrer ihr nach.

Die Klasse atmete auf. Keine Schlägerei. Nur Jane konnte nicht aufatmen. Von dieser Auseinandersetzung würde ihr Vater bestimmt erfahren und dann war bei ihnen zu Hause die Hölle los.

Jane erschrak. Der Physiklehrer war an ihre Bank gekommen.

"Kannst du deine Schwester aufhalten?"

"Ich glaube nicht. Sie haben es ja gesehen."

"Dann richte ihr aus, das wird ein Nachspiel haben!" Wütend ging er wieder zu seinem Lehrertisch. Er wollte mit dem Unterricht beginnen. Es hatte schon längst geklingelt, nur hatte das keiner mitbekommen.

Vor der Schule traf Luna erneut auf Sandra.

"Haben wir heut die gleichen Gedanken, oder ist das Absicht", fragte Luna misstrauisch.

"Wenn du auch gerade die Schule schwänzt, haben wir die gleichen Gedanken", gab Sandra zurück. "Also, was machen wir? Einen Kaffee trinken?"

"Auf jeden Fall besser, als hier rum zu stehen!" Luna lief los und Sandra kam mit.

Sie fanden schnell ein gemütliches Café und auch zwei gute Plätze, von denen aus, sie alles überblicken konnten.

"Du traust mir nicht", stellte Sandra nach einer Weile fest. Die Mädchen hatten sich vorher intensiv gemustert.

"Ich traue niemandem", antwortete Luna kurz.

Der bestellte Kaffee wurde serviert. Neugierig sah die Bedienung die beiden Mädchen an und ging wieder.

"Die Verletzung sieht ganz schön schlimm aus." Sandra deutete auf Lunas Stirn. "An deiner Stelle würde ich sie nähen lassen."

"Hab ich schon. Half auch nicht viel." Mit der linken Hand angelte Luna nach ihren Zigaretten. Bekam sie nicht richtig zu fassen und die Schachtel fiel zu Boden. Schnell wollte sie die Kippen aufheben, stoppte jedoch mitten in dieser Bewegung. Das Stechen in ihrer Hüfte war wieder da, schärfer als je zuvor. Luna fühlte sich, als hätte man ihr ein Messer hinein gestoßen. Die Schmerzen nahmen ihr die Luft zum Atmen und sie verzog das Gesicht. Langsam und vorsichtig richtete sie sich auf. Die Zigaretten blieben auf der Erde.

"Was hast du?" Dem anderen Mädchen war dies natürlich nicht entgangen. Sie hob für Luna die Schachtel auf und legte diese vor ihr hin.

"Gar nichts!" Die Worte sollten schneidend klingen, kamen jedoch sehr gequält aus ihrem Mund. Wenig später verwandelte sich das Stechen in ein sanftes Pochen. Luna konnte sich erholen.

"Du kannst einem ja richtig Angst machen!" Sandra wusste immer noch nicht, was da vor sich ging. Aber sie wurde ganz stark an etwas erinnert, was sie selbst ab und zu erlebte. Sie wollte diesen Verdacht abschütteln, schaffte es nicht. Ihre Augen wanderten über Lunas Körper, als suchten sie einen Beweis.

Und sie fanden ihn: der Ärmel des Pullovers war ein wenig in die Höhe gerutscht. Man konnte den Ansatz, eines schönen großen blauen Fleckes sehen.

Nein, das darf nicht wahr sein. Hastig sah sie in eine andere Richtung. Sie betete, dass sie sich irrte.

Luna trank schlürfend ihren Kaffee und schien nicht zu bemerken, dass Sandra unruhig auf ihrem Platz hin und her rutschte.

"Komm mit. Ich will dir was zeigen", sagte Sandra, als beide ihre Tassen leer hatten. Sie musste es wissen. Vorher würde sie wahrscheinlich nicht mehr ruhig schlafen können.

Luna sah sie erstaunt an, aber Sandra bezahlte schon. Dann verließen sie das Lokal.

"Was hast du vor?" Luna konnte kaum mit ihr Schritt halten. Irgendwie spielte ihr Körper heute gar nicht mit.

Sandra blieb kurz stehen und sah sich nach ihr um. Sie bemerkte, dass Luna leicht hinkte, was man jedoch nur unter genauerer Betrachtung feststellen konnte. Geduldig lief sie etwas langsamer.

Die Mädchen kamen an ein altes verlassenes Fabrikgelände. Der begrenzende Zaun hatte ein kleines Loch, durch das Sandra sich zwängte. Luna folgte ihr. Erstaunt und neugierig.

Die Fabrikhallen lagen im Halbdunklen, doch Sandra schien sich hier gut auszukennen. Sie ging ohne zu zögern weiter. An zwei vergessenen Maschinen vorbei und an unheimlich vielen Pappkartons. Hinter einem dieser Kartonstapel blieben sie stehen.

Verwirrt sah Luna sich um. Auf dem schmutzigen Boden befanden sich alte Matratzen und Decken. Überall lag Müll herum.

"Na und", fragte sie und verlor langsam die Geduld, weil das anscheinend alles war, was sie zu sehen bekam. Und das, bei diesem elend langen Weg.

"Hier schlafe ich manchmal." Sandras Stimme war ganz leise und traurig.

"Was geht mich das an", fragte Luna schroff zurück. Sie hatte keine Lust, sensibel zu spielen.

"Ich meine nur", Sie kam nicht weiter. Wusste nicht, wie sie anfangen sollte. "Wenn du mal Stress mit deinem Vater hast, kannst du gerne hier her kommen."

"Und aus welchem Grund?" Langsam näherte sich Luna den Matratzen und stieß mit dem Fuß dagegen. "Ich hab daheim mein Bett!"

"Klar, hab ich auch! Aber wenn ich Stress mit meinem Alten habe, dann komme ich lieber hier hin!"

"Du bist verrückt!"

"Nein! Ich will nur überleben!"

"Und warum bietest du mir das gleiche an?" Sie weiß was, schoss Luna durch den Kopf. Aber das kann nicht sein? Sie hatte es doch noch nie jemandem erzählt.

"Weil du genau so scheiße dran bist, wie ich!" Sandra hatte ihr Selbstbewusstsein wieder. Aufrecht stand sie vor Luna und sprach mit lauter, klarer Stimme.

"Woher willst du das wissen? Ich habe ein sehr schöne zu Hause und ich bin überhaupt nicht scheiße dran!" Lunas Stimme zitterte.

"Ach ja?" Sandra machte einen Schritt auf sie zu. "Dein Vater liebt dich also über alles?"

Luna sah sich gehetzt nach allen Seiten um. "Du redest über Sachen, von denen du nichts verstehst!"

Sie wollte sich weg drehen und gehen. Dieses Thema wurde ihr einfach zu gefährlich. Worauf wollte Sandra nur raus?

"Einen Moment noch!" Sandra hielt sie zurück. Langsam öffnete sie ihre Jacke, legte diese vorsichtig auf die Erde und zog dann plötzlich ihren dicken Rollkragenpullover aus. "Ich verstehe also nichts davon?"

Luna blickte sie an. Sandra hätte ihr Spiegelbild sein können, denn auch ihr misshandelter Körper wies zahlreiche blaue Flecke auf. Am Hals waren breite Würgemale zu sehen und Luna verwandelte sich in eine Statue. Sie konnte sich nicht bewegen. Den Blick nicht abwenden. Nichts mehr sagen.

Die Mädchen standen sich Ewigkeiten gegenüber. Bis es Sandra zu kalt wurde und sie sich schweigend wieder anzog.

Als sie das Bild dann nicht mehr vor Augen hatte, konnte auch Luna sich aus ihrer Erstarrung lösen. Sie rannte weg. Konnte nicht anders reagieren, als zu fliehen.

Traurig setzte sich Sandra auf die Matratzen und sah ihr nach. Sie wusste, dass man darüber nicht reden kann. Dass man Zeit braucht, sich zu überwinden, es jemandem zu erzählen. Luna war der zweite Mensch, der es von ihr wusste. Und Sandra würde die erste bei Luna sein. Da war sie sich ganz sicher.

Luna rannte wie ein gehetztes Tier die Straßen entlang. Sah sich immer wieder um, hoffte, dass Sandra ihr folgen würde und hasste sie gleichzeitig abgrundtief. Wie konnte sie so etwas nur tun? Wie kam sie dazu, Luna damit zu konfrontieren? Aber ihr war auch leichter ums Herz. Sie wusste jetzt, dass sie nicht die Einzige ist, mit diesem Problem. Wut und Hass kamen in Luna hoch. Unaufhaltsam. Sie merkte nicht einmal, dass sie sich wieder der Schule näherte. Die Augen blind vor Tränen, doch in ihr, das aggressive Tier.

Wer gibt eigentlich den Erwachsenen das Recht, so mit ihren Kindern umzugehen, dachte sie, die Hände zu Fäusten geballt. Wäre ihr jetzt ein Mann entgegengekommen, sie hätte nicht gewusst was passiert wäre.

"Luna bitte hör auf! Beruhige dich! Es ist doch alles gut."

Eine bekannte Stimme, holte sie aus ihrem Zorn. Luna hatte nicht gemerkt, dass sie an der Schulmauer stehen geblieben war, sich daran anlehnte und immer wieder mit dem Hinterkopf dagegen schlug.

Benommen sah sie sich um. Jane stand vor ihr. Hielt Lunas Kopf fest und streichelte ihn beruhigend. Um ihnen herum standen Schüler aus tieferen Klassen, die sie teils neugierig, teils ängstlich ansahen.

"Komm, es wird alles wieder gut. Ich bringe dich nach Hause!" Jane führte sie behutsam weg, damit Luna sich nicht noch mehr blamierte. Sie wusste, dass sich die Schwester jederzeit in ein Tier verwandeln und auf sie losgehen konnte. Das musste nicht unbedingt vor der Schule stattfinden. Jane wusste auch, dass Luna nur so reagierte, wenn sie mehr als wütend war. Irgendwas musste sie schrecklich aufgeregt haben, doch Jane traute sich nicht, danach zu fragen.

Frau Müller sah den Mädchen sofort an, dass was passiert war, als sie nach Hause kamen. Aber sie wollte nicht sofort fragen, sondern deckte erst den Mittagstisch. Luna kam gar nicht erst in die Küche, sondern verschwand sofort in ihrem Zimmer. Margot ignorierte den leeren Platz, aber die beiden Mädchen, die beobachtete sie genau. Ihr entging nicht, dass Vivian immer wieder fragend zu Jane sah. Und diese tat so, als würde sie es gar nicht bemerken.

Was ist nur los mit den Kindern, fragte sie sich. Vivian, die eben noch wie ein Wasserfall geplappert hatte, war jetzt ganz still und machte sich so klein, wie nur möglich. Jane war unruhig, nervös und hektisch. Ich muss versuchen mit einer der Großen zu reden, überlegte Frau Müller. Am besten versuche ich es mit Luna.

"Ich habe beim Einkaufen die Milch vergessen", flunkerte sie die beiden am Tisch an. "Könntet ihr mir nach dem Essen noch welche holen?"

Vivian nickte freudestrahlend. Jane murmelte nur ein undeutliches: "Von mir aus."

Direkt nach dem Essen versorgte Margot sie mit Geld und schickte sie los. Sie wusste, dass es nicht lange dauern würde und ging sofort zu dem anderen Mädchen, als sich die Wohnungstür hinter Vivian schloss.

Luna saß auf einem Stuhl, den Kopf auf den Tisch gelegt. Sie sah nicht auf, als sich die Zimmertür öffnete.

"Können wir uns beide unterhalten", fragte die Haushaltshilfe, denn Luna reagierte auch nach einer Minute noch nicht.

"Ich wüsste nicht worüber! Außerdem haben sie in diesem Raum nichts zu suchen!" Endlich hob Luna den Kopf. Margot sah auf den ersten Blick, dass sie geweint hatte.

"Vielleicht kann ich dir bei deinen Problemen helfen?" Sie blieb freundlich und gelassen, trotz dieser schroffen Abweisung.

"Ich habe gesagt, sie haben in diesem Raum nichts verloren!" Luna stand auf. Aus ihren Augen funkelte Hass.

"Ich räume hier schließlich auf." Unbeirrt blieb Margot stehen.

"Das gehört nicht zu ihren Aufgaben!"

"Möchtest du dich mit mir unterhalten, oder soll ich mit deinem Vater darüber reden?" Sie warf einen Blick zum Bett, damit Luna sie auch genau verstand. Dadurch bekam sie nicht mit, dass sich deren Miene versteinerte, als sie den Vater erwähnte.

"Es tut mir leid", sagte Luna letztendlich. Sie hatte rasend schnell nachgedacht, wie sie aus dieser Sache wieder raus kam. Ihr Onkel durfte auf keinen Fall erfahren, dass sie nachts zum Baby wurde. Dann hätte er ja noch mehr Gründe, sie zu bestrafen.

Die Frau winkte sie zu sich und beide setzte sich auf das frisch bezogene Bett. "Hast du vielleicht Probleme, die du nicht mit deinem Vater besprechen kannst, sondern lieber mit einer Frau? Liebeskummer?"

Liebeskummer, dachte Luna verächtlich. Es wäre so schön, wenn sie nur Liebeskummer hätte. Dabei traute sie sich nicht einmal in die Nähe eines Jungen. Wie sollte sie ihm denn erklären, dass er sie nicht anfassen durfte?

"Ich weiß auch nicht, wie das passiert", sagte sie dann, ohne auf die vorherige Frage einzugehen. "Nachts werde ich wach und dann ist mein Bett nass. Ich kann nichts dafür."

Frau Müller wollte tröstend den Arm um sie legen, ließ es aber bleiben, weil Luna schon vorher weg zuckte.

"Werden sie es meinem Onkel sagen?"

"Wieso deinem Onkel?" Margot sah sie an und verstand nicht.

"Hat er ihnen das nicht erzählt? Er ist nicht mein Vater. Ich bin adoptiert."

"Jetzt verstehe ich." Ihr fiel ein, dass ihr schon beim ersten Gespräch mit Herrn Meinert aufgefallen war, dass er Luna nicht mochte. Dann war das eventuell der Grund dafür, dass das Mädchen so reagierte und nachts ins Bett machte.

"Ich werde niemandem davon erzählen", versprach sie ihr. "Und irgend etwas wird mir einfallen, wie ich dir dabei helfen kann. Wir werden schon was finden!" Sie stand auf und ging zur Tür. "Möchtest du jetzt was essen?" Margot Müller war wieder ganz die gute Seele. Nur sah sie nicht die echten Probleme der Kinder.

Sie konnte sie auch nicht sehen, weil sie gar nicht wusste, dass es so was gab. Schließlich kannte sie Herrn Meinert persönlich. In ihren Augen war er ein korrekter Mann und ein guter Vater.

"Jetzt sag schon! Es ist doch was passiert! Hat Luna sich schon wieder geprügelt?"

Vivian und Jane waren auf dem Heimweg vom Supermarkt. Jane war eigentlich ganz gut zufrieden, denn sie hatte es mal wieder geschafft, unbemerkt eine Flasche mitgehen zu lassen. Nur die Fragerei der kleinen Schwester, ging ihr auf die Nerven.

"Lass mich damit in Ruhe! Wo hast du eigentlich heute Morgen gesteckt? Ich hab den ganzen Schulhof nach dir abgesucht!"

"Mir ist schlecht geworden. Die Lehrerin hat mich heim geschickt." Vivian war stehen geblieben, die Arme stemmte sie in die Hüfte. "Warum behandelte ihr mich jedes mal, wenn was los war, wie ein Kleinkind?"

"Na und? Sei doch froh, dass du überall raus gehalten wirst! Dich packt der Alte ja auch nicht an!" Jane war ebenfalls stehen geblieben. "Aber ich glaube kaum, dass du noch lange unter Lunas Schutz stehst! Langsam, aber sicher, dreht das Mädchen durch!"

Erschrocken riss Vivian die Augen auf und starrte Jane an. "Wie kommst du darauf?"

"Weil sie heute einfach die letzten Stunden geschwänzt hat. Als ich dann Unterrichtsschluss hatte und aus der Schule kam, stand sie draußen an der Mauer und schlug mit dem eigenen Kopf dagegen. Das ist doch nicht normal, oder kannst du das verstehen?"

Vivian schüttelte den Kopf. "Hat sie wieder diese Tabletten genommen?"

"Ich nehm´s mal an. Sonst hätte sie sich bestimmt nicht so aufgeführt!"

"Es gibt noch was anderes über Luna." Vivian hatte lange nachgedacht, ob sie es Jane erzählen sollte. Doch nachdem sie diese Geschichte gehört hatte, entschied sie sich dafür.

"Was denn", fragte Jane, wieder gereizt. Sie wollte endlich nach Hause.

"Luna hat heut Nacht ins Bett gemacht!" Sie liefen wieder nebeneinander und Vivian erzählte ihr alles, was an diesem Morgen geschehen war.

"Wir müssen dringend was ändern", entschied Jane anschließend. "Wenn das so weiter geht, landet Luna wirklich noch im Nachbarbett ihrer Mutter! Und kein Wort zu Margot! Verstanden? Diese Frau darf nichts, aber absolut gar nichts, darüber erfahren! Wir kümmern uns selber darum!"

Hand in Hand liefen sie heim.

Der restliche Nachmittag verlief ruhig und ohne weitere Komplikationen. Die Mädchen redeten nicht miteinander. Sie schlichen durch die Wohnung, wie gefangene Tiere. Jane und Luna sahen sich nicht einmal an. Nur Vivians Augen wanderten immer wieder zu Luna. Sie musste sich noch nie große Sorgen um ihre Cousine machen, aber diesmal war die Lage ernst. Vivian betete, dass Luna sich auch weiterhin um sie kümmerte. Angst machte sich in ihr breit. Was sollte sie nur ohne Luna machen? Was ist, wenn sie einmal mit ins Wohnzimmer musste und Luna sich dann nicht dazwischen stellt?

Luna dachte ähnlich. Sie betete zu Gott, auch wenn sie schon längst nicht mehr an ihn glaubte, dass der Onkel sie heute abend in Ruhe ließ. Diesmal würde sie zusammenbrechen und das war das Schlimmste, was ihr passieren konnte.

Als dann Herr Meinert kam, waren alle drei nur noch schwache Nervenbündel. Sie mussten sich zwingen, ebenfalls freundlich, - Guten Abend - zu wünschen, aber der Vater merkte nichts. Zur allgemeinen Verwunderung, hatte er wieder gute Laune. Die Mädchen hielten das für ein gutes Ohmen.

Das Abendessen klappte ausgezeichnet. Kein Glas fiel um. Niemand fing Streit an. Man hätte glauben können, dass kein Mensch zu Hause war.

Gleich nach dem Essen, verzog sich Herr Meinert ins Schlafzimmer. Jane und Vivian flüchteten ebenfalls, bevor doch noch etwas passierte. Luna räumte freiwillig und allein die Küche auf. Jane hatte dafür nur ein verwundertes Kopfschütteln übrig.

Doch Luna wollte absichtlich allein sein. Sie brauchte ihre Tabletten. Dringend, denn ihre Hüfte bestand nur noch aus Schmerz. Es hatte sie schon übermenschliche Kraft gekostet, am Tisch still zu sitzen. Wenn ihr Onkel bemerkt hätte, dass ihr alles weh tat, wäre garantiert eine Bemerkung von ihm gekommen. Luna wäre wütend geworden und schon gäbe es wieder Prügel.

Sie nahm sich ein Glas Wasser und holte die Pillen aus der Hosentasche. Nachdenklich betrachtete sie die verbliebenen 4 Stück. Die reichen nie, die ganze Nacht. Vielleicht mit Alkohol, aber dazu müsste sie Jane fragen.

Alle Pillen wanderten in Lunas Mund. Den bitteren Geschmack spülte sie mit dem Wasser weg. Das Warten auf die Wirkung begann.

"Luna bitte nicht!" Unbemerkt war Vivian noch einmal in die Küche gekommen. Still und leise war sie in der Tür stehen geblieben und hatte der Schwester zugeschaut. In ihren Augen bildeten sich Tränen, während sie erst Luna ansah und dann die leere Folie.

Luna steckte diese schnell weg. "Verschwinde!" Sie ging drei Schritte auf die Schwester zu, packte sie an den Armen und schüttelte sie derb. "Du hast nichts gesehen! Raus jetzt!"

Bevor Vivian noch etwas sagen konnte, wurde sie unsanft aus der Tür geschoben und fand sich im dunklen Korridor wieder. Beschämt wischte sie sich die Tränen ab und ging wieder ins Kinderzimmer. Gegenüber Jane, verlor sie kein Wort darüber. In ihrem Kopf herrschte absolutes Chaos und sie musste erst einmal in Ruhe nachdenken.

Luna kam wenig später, ganz normal, ebenfalls ins Zimmer. Sagte kein Wort, zog sich die Schlafsachen an und lachte plötzlich.

"Was ist?" Jane hatte sie die ganze Zeit beobachtet und wurde bei diesem Lächeln misstrauisch.

"Vivi hat übermorgen Geburtstag!"

"Ich weiß. Sie wird 13."

Die großen Mädchen blickten die kleine Schwester an. Vivian erschrak. Sie hatte ihren Geburtstag völlig vergessen. Durch den Umzug, die neue Schule und das ständige Theater mit Luna, hatte sie nicht mehr daran gedacht und sie konnte sich auch nicht mehr darauf freuen.

"Vergiss deinen Geburtstag", sagte Jane überraschend. Sie starrte Vivian an, als käme diese vom Mond. "An deiner Stelle würde ich mich nicht freuen!"

"Tu ich ja auch gar nicht", antwortete Vivian kläglich.

Bei Luna machte es Klick. Einen Tag nach Janes 13. Geburtstag, lernte diese ihren Vater genauer kennen. Jane spielte darauf an.

"So ein Quatsch!" Luna sah sie böse an. "Ich war erst 12, als ich das 1. Mal dran war! Das hat doch nichts mit dem Alter zu tun! Außerdem hat er es ja schon bei ihr versucht!" Sie ging zu Vivian hin und sah sie liebevoll an. "Ich werde schon auf dich aufpassen! Glaube mir! Du wirst einen schönen Geburtstag haben!"

Vivian verstand gar nichts mehr. Luna war wieder ganz wie früher. Vor zehn Minuten noch, hatte sie Vivian brutal vor die Küchentür gesetzt und jetzt versprach sie ihr Schutz vor dem Vater. Was sollte sie denn noch glauben?

"Ich will gar keinen Geburtstag feiern!" Dabei sah sie die Schwestern nicht an. "Ich will meine Ruhe!" Sie zog sich die Bettdecke bis zum Hals und schloss demonstrativ die Augen.

"Madame schlägt ganz nach dir! Wir bekommen eine zweite launische Ludmilla!" Jane konnte sich diese Bemerkung nicht verkneifen.

"Ach verpiss dich!" Aufgebracht drehte Luna sich nach Jane um. Sie wollte eigentlich noch was hinzufügen, ließ es jedoch bleiben, weil die Schwester eine Flasche in der Hand hielt. Und auf diese war sie scharf.

"Gibst du mir nen Schluck ab", fragte sie, statt einer weiteren Beleidigung.

Wortlos gab Jane ihr die Flasche. Die süße Wolke der Benommenheit hüllte sie schon ein und sie achtete nicht auf Lunas erste Worte.

Luna setzte im Stehen die Flasche an und trank. Vivian hatte die Augen wieder geöffnet und sah ihr zu.

Wie ein Alkoholiker, dachte sie. Und dann fiel ihr die Szene in der Küche ein. Die leere Tablettenschachtel.

"Nimm sie ihr weg, Jane", rief sie hysterisch der Schwester zu. "Die hat Tabletten genommen! Bestimmt ne halbe Packung!"

Mit einem Sprung war Jane bei Luna und riss ihr die Flasche vom Mund weg. Luna, die Vivian gar nicht verstanden hatte, sah sie verwundert an. "Spinnst du jetzt?"

Doch Jane ging zu Lunas Hosen, die über einem Stuhl hingen, suchte in den Taschen und fand die leere Folie. Sie hatte gewusst, dass Luna sie nicht einfach in den Müll werfen würde. Das wäre zu gefährlich.

"Du spinnst", gab Jane ihr zur Antwort und warf ihr nachdrucksvoll die leere Packung zu. Packte sich ihre Flasche, verschloss diese und nahm sie sogar mit ins Bett. Luna sollte keine Gelegenheit bekommen, doch diese war viel zu überrascht, um überhaupt zu reagieren. Außerdem reichte ihr das, was sie trinken konnte. Sie spürte schon die wohlige Wärme in sich aufsteigen. Luna lächelte noch einmal kurz und ging dann ebenfalls ins Bett.

Am Morgen war Vivian schon wieder krank. Dünn und blass lag sie unter ihrer Decke.

"Stell dich nicht so an und steh auf", fuhr Luna sie an. Es passte ihr überhaupt nicht, dass Vivian zu Hause bleiben wollte. Dann wäre sie viele lange Stunden mit Margot allein. Und wer wusste schon, was das Mädchen so alles ausplauderte.

"Sie hat hohes Fieber", entgegnete Jane, nachdem sie Vivians Stirn befühlt hatte. "Es ist vielleicht wirklich besser, wenn sie daheim bleibt." Unsicher sah sie die Schwester an.

"Und wenn sie quatscht?"

"Wird sie nicht."

"Dann frag deinen Vater. Der muss so und so, letzten Endes entscheiden."

Jane musste nicht zu ihrem Vater gehen, denn der kam schon zur Tür herein.

"Was ist hier los", brüllte er aufbrausend. "Wieso liegst du noch im Bett?" Er versetzte seiner Nichte einen Stoß, die dann gegen den Kleiderschrank stolperte und stellte sich vor Vivians Bett.

"Sie hat Fieber", antwortete Jane vorsichtig an Vivians Stelle. Sie hoffte, dass der Vater nicht schon am frühen Morgen ausrastete.

Doch dieser veränderte sich ganz plötzlich. Besorgt und prüfend legte auch er die Hand auf die Stirn seiner jüngsten Tochter.

"Du darfst zu Hause bleiben", meinte er anschließend. "Frau Müller wird sich um dich kümmern. Ich rufe sie gleich an!" Behutsam deckte er Vivian richtig zu und verließ das Kinderzimmer. Alle drei Mädchen sahen ihm nach und konnten es kaum glauben.

"Wunder gibt es immer wieder", flüsterte Luna und durchbrach damit als erste das Schweigen.

"Hoffentlich hält das eine Weile an." Jane war sich nicht ganz sicher, was sie davon halten sollte. "Wir sollen uns auch besser beeilen, sonst schlägt seine Laune gleich wieder um!"

Jane und Luna machten sich hastig für die Schule fertig, während Vivian beruhigt die Augen schloss. Doch Luna kam noch einmal an ihr Bett.

"Hör mir zu, Vivi!" Sie sprach ernst, damit Vivian auch verstand, dass es sehr wichtig war. "Egal was Frau Müller dich fragt. Wenn es unsere Familienangelegenheiten betrifft, antwortest du nicht! Wir sind eine glückliche Familie! Hast du das verstanden?"

Vivian nickte nur schwach. Sie wusste schon lange, was sie erzählen durfte, und was nicht. Schließlich lebte sie nicht er seit einer Woche in dieser Familie. Und sie wusste auch, dass es den beiden Mädchen sehr wichtig war, dass kein Wort über die Brutalität des Vaters, nach draußen gelangte. Vivian hatte das bis zum heutigen Tag beachtet und würde das auch weiterhin tun.

"Hoffentlich fragt Frau Müller nicht so viel. Ich glaube nicht, dass Vivi stark genug ist." Die Mädchen befanden sich auf dem Schulweg. Luna machte sich immer noch Sorgen um die jüngere Schwester.

"Wieso glaubst du immer, dass Vivi diejenige sein wird?" Aufgebracht und gereizt sah Jane sie an. "Vielleicht bin ich es ja? Oder du?"

"Wie kommst du auf mich?" Luna war schon wieder kurz vorm explodieren. Ihre Schwester erkannte zwar den warnenden Unterton, ignorierte ihn jedoch.

"Weil du am meisten abkriegst! Weil du jetzt schon, so fertig bist, dass es auffällt!"

"Deine ewige Sauferei fällt auch auf!"

Feindselig blickten sie sich an. Dann liefen sie mehrere Meter schweigend nebeneinander, bis Jane auf einmal stehen blieb.

"Wir sind beide total bescheuert! Ständig streiten wir uns über dieses Thema. Wir sollten lieber zusammenhalten." Jane betrachtete ihre Stiefschwester und dachte kurz nach. "Wir müssen uns gegenseitig helfen. Dann schaffen wir die kommenden Jahre auch noch!"

"Klar doch! Wir machen uns gegenseitig Mut", bemerkte Luna sarkastisch. "Und wenn er sich dann eine von uns krallt, ist die andere doch nur froh, dass sie es nicht ist!"

"Du siehst aber auch alles schwarz!" Den Tränen nahe, lief Jane weiter. Es war einfach sinnlos, darüber zu reden.

"Natürlich sehe ich das so!" Aufgeregt kam Luna ihr nach. "Oder kannst du mir sagen, was ich an diesem beschissenen Leben positiv sehen soll? Aber...," Sie brach ab und blieb erneut stehen. Inzwischen waren sie an der Schule angelangt.

"Was hast du?" Janes Blick folgen Lunas Augen. Sie konnte aber nur Sandra entdecken, die lässig an der Mauer lehnte.

"Bitte nicht", flüsterte Luna zu sich selber.

Ihre Schwester verstand nun gar nichts mehr. "Was ist denn los", fragte sie erneut, weil Luna wie erstarrt da stand und sich nicht rührte. "Hast du neuerdings Angst vor dieser blöden Ziege? Gestern habt ihr euch doch noch ganz nett unterhalten?"

"Ach lass mich damit in Ruhe! Ich will nur keinen Streit heute!" Ohne einen weiteren Blick, ging sie geradewegs durch das gegenüberliegende Schultor.

Jane blickte Sandra an, die überhaupt nicht reagierte und konnte sich keinen Reim darauf machen. So vernünftig, keinen Streit anzufangen und ihm aus dem Weg zu gehen, war Luna nicht. Eilig ging Jane ihr nach.

Luna war todmüde und konnte die Augen nicht mehr offen halten. Sie hatte fast die ganze Nacht wachgelegen, aus Angst, schon wieder ins Bett zu machen. Zweimal war sie zur Toilette gegangen und konnte erst die letzten drei Stunden ruhig schlafen.

Jetzt hatte sie die Arme auf den Tisch verschränkt und lag mit dem Kopf darauf. Die Augen geschlossen, jedoch nicht lange. Durch einen unsanften Stoß in die Seite, setzte sie sich schnell wieder aufrecht.

"Der hat dich was gefragt", flüsterte Jane ihr zu.

Im gleichen Moment stand der Lehrer auch schon an ihrer Bank.

"Haben wir gut geschlafen, Fräulein Meinert?" Falsch lächelnd und betont ironisch, sah er Luna an. Diese brauchte einige Sekunden, bis sie wieder richtig wach war.

"Sehr gut", antwortete sie schließlich.

Nun drehten sich auch die restlichen Schüler nach den beiden um. Nach der Sensation gestern, mit dem Physiklehrer, wollte keiner, sich die heutige entgehen lassen.

"Was glaubst du eigentlich, wo du bist! Auf einer Ferienreise?"

"Wäre doch nicht schlecht. Oder?" Luna blieb ruhig und gelassen. Lässig lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zurück. Der Lehrer wollte einen Kampf? Den sollte er kriegen!

"Aufstehen", brüllte dieser und wartete.

"Wozu? Was sie mir zu sagen haben, können sie auch, während ich sitze!"

Bei dieser Frechheit blieb dem Mann die Sprache weg. Kein Schüler durfte sich so etwas bei ihm erlauben und es hatte auch noch keiner gewagt.

Janes Hand legte sich, unter dem Tisch, beschwörend auf Lunas Beine. Luna konnte spüren, dass sie zitterte und was die Schwester damit ausdrücken wollte.

Dann hatte sich der Lehrer wieder gefangen.

"Das hat ein Nachspiel!" Langsam ging er zu seinem Lehrertisch. Es sah aus, wie ein Rückzug, doch er drehte sich noch einmal zur letzten Bank um.

"Du wirst dich in der Pause beim Direktor einfinden! An deiner Stelle würde ich auch dort erscheinen!"

Anschließend machte er mit seinem Unterricht weiter.

"Fuck", flüsterte Jane. "Dass du aber auch nie deine Schnauze halten kannst!"

"Na und?"

"Bleibe doch einfach mal friedlich! Wieso musst du dich mit jedem Lehrer gleich anlegen, wenn er was von dir will?"

"Weil ich meine Ruhe haben will!"

"Dadurch bekommst du sie bestimmt!"

"Ach leck mich", kam es von Luna, wie immer in ihrer reizenden Art. Sie hatte keinen Bock, jetzt darüber zu diskutieren. Sie war immer noch müde, blieb aber dennoch aufrecht sitzen und legte sich nicht mehr auf die Bank.

Die Pause kam schneller, als ihr lieb war. Ein Gespräch mit dem Direktor, behagte ihr nicht, ließ sich aber nichts anmerken. Hocherhobenen Kopfes verließ sie, zusammen mit dem Lehrer, den Klassenraum. Luna lächelte sogar siegessicher und allein Jane wusste, dass das nur ein Schauspiel war.

"Du bleibst hier sitzen, bis ich dich rufe!"

Luna musste sich mal wieder auf einen der Stühle setzen, die vor dem Büro des Direktors standen. Ihr Lehrer wollte Herrn Klause erst einmal alles von seiner Seite aus berichten. Sie hatte zu warten und durfte mit Sicherheit nichts dazu sagen. Wenige Minuten später, wurde sie gerufen.

"Setz dich", sagte Herr Klause, ohne Begrüßung. Wie ein Tiger im Käfig, lief er unruhig ein paar Schritte hin und her.

"Welche Schau willst du hier eigentlich abziehen? An deinem ersten Tag in unserer Schule prügelst du dich. Gestern hast du ohne Erlaubnis die Schule verlassen. Und heute weigerst du dich, am Unterricht teilzunehmen! Von der Sache mit deinem Physiklehrer will ich noch gar nicht anfangen!"

Weiß er das auch schon, dachte Luna, die konzentriert ihre Hände betrachtete.

"So kann das nicht weiter gehen, Mädchen!" Der Lehrer hielt es für notwendig, auch was dazu zu sagen.

"Du musst lernen sich unterzuordnen. Anders funktioniert das nicht im Leben. Mit Prügeleien und einem großen Mund kommt man nicht weit!"

Von beiden Seiten redeten sie auf Luna ein, die nur hin und wieder nickte. Den Quatsch mit den Prügeleien könnten die mal meinem Onkel erzählen, dachte sie innerlich. Vielleicht versteht der es ja. Zum Schluss sagte sie zu allem ja und amen und durfte gehen. Diesmal hatte sie noch Glück gehabt. Eine Strafe bekam sie nicht und auch keine Mitteilung ans Elternhaus.

Herr Klause sah nachdenklich seine Sekretärin an, nachdem Luna gegangen war.

"Was halten sie davon", fragte er sie.

Die Sekretärin hatte die ganze Zeit schweigend zugehört und sich ihr eigenes Bild gemacht.

"Das Mädchen ist sehr rücksichtslos. Vielleicht hat sie ja Probleme, die sie anders nicht verarbeiten kann? Eventuell hat sie Komplexe, weil sie adoptiert wurden ist?" Die Frau hörte kurz auf und überlegte.

"Ich finde, wir sollten beim nächsten Vorfall einen Schulpsychologen hinzuziehen. Die können mit so einem Verhalten, eher etwas anfangen."

Luna wollte den Vorraum des Büros verlassen. Sie hatte natürlich gelauscht und jedes Wort der Sekretärin verstanden. Schulpsychologe, dass ich nicht lache, dachte Luna verächtlich und riss wütend die Tür auf. Um ein Haar hätte sie Sandra umgerissen, die ebenfalls zum Direktor musste.

"Mein Gott, dich müssen die da drinnen ja ganz schön bearbeitet haben. So wütend, wie du hier raus gestürmt kommst. Hoffentlich haben die bei mir bessere Laune." Sandra tat so, als wäre zwischen ihnen nie was gewesen.

"Ach die können mich alle mal", fauchte Luna lautstark. Durch Sandras Erscheinen verbesserte sich ihre Laune keinesfalls. Doch dann besann sie sich.

"Wollen wir abhauen? Ich hab keinen Bock auf Schule!"

Sandra dachte nach und lächelte schließlich. "Okay. Eigentlich müsste ich ja da rein, aber wen interessiert´s? Theater mit meinem Alten kriege ich so und so."

Die Mädchen verließen schleunigst das Gebäude. Ihre Schultaschen ließen sie, wo sie waren. Die wollten sie erst zu Unterrichtsschluss abholen.

In ein Café gingen sie diesmal nicht. Keine der beiden besaß Geld und so zogen sie sich in Sandras Lagerhalle zurück.

Erst saßen sie schweigend auf den Matratzen. Jede überlegte, was sie erzählen konnte. Ihr einzig, gemeinsames Problem, wollten sie vermeiden. Bis Luna ihre Zigaretten heraus holte.

"Warte mal! Ich hab was besseres!" Vorsichtig begann Sandra in ihrer Jacke zu suchen und holte schließlich eine dicke, tütenähnliche Zigarette hervor.

"Was ist das?" Luna konnte sich zwar schon denken, um was es sich hier handelte, wollte es aber genauer wissen.

"Ein Joint", bekam sie zur Antwort, als wäre das, das selbstverständlichste von der Welt. Es schien auch völlig selbstverständlich zu sein, dass zwei Mädchen in einer verlassenen Lagerhalle saßen, die Schule schwänzten und Haschisch rauchten. Doch darüber dachten sie nicht nach.

"Hast du schon mal probiert?" Sandra spürte, dass Luna damit noch keine Erfahrungen hatte. Diese schüttelte auch verneinend den Kopf.

"Ist völlig cool. Du wirst ein bisschen high und vergisst deine Sorgen. Alles easy!" Den brennenden Joint in der Hand haltend, versuchte sie Luna zu überzeugen. Dann reichte sie ihn weiter und Luna griff ohne zu zögern zu. Schlimmer als Alkohol und Tabletten kann es nicht werden, hatte sie sich überlegt.

Tatsächlich stellte sich bei ihr, wenig später, eine beruhigende Wirkung ein. Es wurde ihr sogar gleichgültig, wenn sie an heute abend und den Onkel dachte. Alles schien auf einmal so banal.

"Wie bist du gestern drauf gekommen, dass es mir genauso geht, wie dir?" Luna hatte vergessen, dass sie nicht darüber reden wollte. Sie merkte nicht einmal, dass sie es gerade zugab.

Sandra betrachtet lange Lunas Gesicht, bevor sie anfing zu reden.

"Weiß nicht. Du kamst mir eigentlich sofort vertraut vor, als wir uns auf der Toilette begegnet sind. Du reagierst genau wie ich. Man darf dir nicht zu nahe kommen und man darf dich erst recht nicht anfassen. Und dann gestern mit deinen Zigaretten. Du konntest sie einfach nicht aufheben, obwohl es doch nur eine einfache Bewegung war. Ich konnte förmlich in deinem Gesicht lesen, was du dabei dachtest. Außerdem hast du verdammt viele blaue Flecke und die konnten nicht alle von unserer Schlägerei stammen!"

"Das beweist alles noch gar nichts", unterbrach Luna sie aufbrausend.

"Weiß ich! Aber in diesem Thema bin ich Insider. Du brauchst jetzt nicht zu denken, dass es dir jeder ansieht. Nur solche wie wir können dann eins und eins zusammenzählen. Außenstehende würden nie drauf kommen, dass dein Vater dich schlägt. Und wenn, dann verschließen sie die Augen und wollen davon nichts wissen!"

"Hast du es schon mal jemandem erzählt?" Luna hatte aufmerksam zugehört beruhigte sich auch bei den letzten Sätzen.

"In einer anderen Schule hatte ich mal ne sehr gute Freundin, der habe ich es gesagt. Die ist dann sofort zu einem Erwachsenen gerannt und erzählte es dem. Zwei Tage später wusste es die halbe Schule und ich wurde von Dutzenden Lehrern befragt. Erst habe ich alles abgestritten, doch irgendwann bin ich schwach geworden und gab es zu. Danach wurden meine Eltern aufgesucht, die aber vorher Wind bekommen haben. Jedenfalls herrschte bei uns eitel Sonnenschein, als das Jugendamt auftauchte. Meine Alten spielten besorgte Eltern und stritten natürlich alles ab. Mich hatten sie vorher so eingeschüchtert, dass ich glatt alles machte, was die sagten. Ich hab dann meine Geschichte widerrufen und behauptet, ich hätte gelogen, um meine Eltern zu ärgern. Zwei Wochen später sind wir dann umgezogen und ich kam an diese Schule. Du siehst also, es lohnt sich nicht, sich Erwachsenen anzuvertrauen."

"Aber du hast es mir erzählt", entgegnete Luna.

"Jane aber nur, weil ich mir bei dir ganz sicher sein kann, dass du die Schnauze hältst. Es wäre ein wenig blöd, wenn wir uns gegenseitig verraten."

"Haben deine Eltern dich sehr bestraft, als die von Jugendamt wieder weg waren?" Luna konnte sich sehr gut vorstellen, wie ihr Onkel darauf reagieren würde.

"Was denkst du denn? Mein Alter griff zum Staubsaugerrohr und meine Mutter hielt mich fest, damit ich mich nicht wehren konnte."

"Hast du denn noch Geschwister?" Jetzt, wo sie einmal beim Thema waren, konnten beide Mädchen auch darüber sprechen. Es tat gut zu wissen, dass man einen Verbündeten hatte, der ähnliches erlebte.

"Ich bin ein Einzelkind und leider auch kein Wunschkind." Der Joint war zu Ende und Sandra drückte ihn auf dem Steinfußboden aus.

"Das geht ja noch. Ich bin von dem Schwein adoptiert und freiwillig bei ihm eingezogen!"

"Du bist gar nicht seine richtige Tochter?"

"Nein. Er ist mein Onkel. Seine Frau war die Schwester meiner Mutter."

"Und Jane und Vivi? Sind sie deine Cousinen?" Sandra konnte kaum glauben, was sie da hörte.

Luna nickte und sah weg. "Jane und ich, wir machen uns gegenseitig fertig und streiten uns nur noch. Aber abends zittern wir gemeinsam und beten, dass er uns in Ruhe lässt, oder die anderen dran nimmt!"

"Wie bitte?" Sandra sah sie erstaunt an. "Ich dachte, es betrifft nur dich?"

"War am Anfang auch so, außerdem war ich es gewohnt. Meine leiblichen Eltern waren auch nicht viel besser. Doch nach dem Tod meiner Tante Marie, ging er auch auf Jane los. Nur Vivi lässt er in Ruhe. Das hab ich ihm beigebracht!"

"Verfluchte Scheiße", entfuhr es Sandra. Dann waren sie still. Traurig dachten beide über ihr Leben nach und sahen jede in eine andere Richtung. Erst mal musste man, das eben gehörte verarbeiten und dazu brauchte man Zeit.

"Was ist mit deinen richtigen Eltern passiert?" Nach einer ganzen Weile durchbrach Sandra die Stille.

"Meine Mutter ist in der Klapsmühle, mein Vater im Knast. Beide waren Alkoholiker und haben uns Kinder völlig vernachlässigt."

"Du hast noch mehr Geschwister", brach es aus Sandra heraus.

Luna musst erst Kraft sammeln, bevor sie antwortete. Das Haschisch machte sie irgendwie schwach und verletzlich.

"Ich hatte noch einen jüngeren Bruder. Er ist gestorben, an Unterernährung. War gerade mal zwei Jahre alt." Luna blickte traurig weg.

Hilflos legte Sandra den Arm um sie. Sie war den Tränen nahe, konnte sich aber gerade noch beherrschen. Vorsichtig streichelte sie Luna und half ihr damit mehr, als mit tausend Worten.

"Ich hätte das gestern nie geschafft", sagte Luna plötzlich.

"Was?"

"Na mich so einfach auszuziehen, vor einer Fremden!"

"Da ist doch nichts weiter dabei. Wir sind doch Leidensgenossinnen!"

"Trotzdem!"

"Ach jetzt stell dich nicht so an! Komm, zeig es mir! Kein Mensch wird davon erfahren."

Zögerlich fing Luna an, die Jacke zu öffnen. Es kostete sie Schritt für Schritt Überwindung, doch Sandra ließ ihr die Zeit und drängelte nicht weiter. Am Ende stand sie mit nacktem Oberkörper vor ihr.

Es herrschte Totenstille. Luna traute sich nicht, sich einfach umzudrehen und auch ihren Rücken zu zeigen, denn der sah wesentlich schlimmer aus, als ihre Brust.

"Jesus Maria", flüsterte Sandra und schlug das Kreuzzeichen, obwohl auch sie nicht daran glaubte. "So ein Schwein! Wie macht er das?"

Sie war langsam um Luna herum gegangen und betrachtete den Rücken. Hastig zog Luna sich wieder an, denn es war empfindlich kalt in der Fabrikhalle.

"Bundeswehrstiefel, falls dir das was sagt. Mit eingebauter Stahlkappe und den Rest erledigt er mit dem Gürtel." Luna ließ sich wieder auf die Matratzen fallen. Sie war froh, dass sie es geschafft hatte und, dass es vorbei war. Nun war sie erleichtert. "Ich hab aber auch schon schlimmer ausgesehen."

"Du meinst, er tritt einfach so auf dich ein?"

"Sobald er mich überwältigt hat und ich am Boden liege. Sich wehren ist sinnlos. Dann mache ich ihn noch wütender."

Einträchtig saßen die Mädchen wieder nebeneinander. Sie hatten sich das Schlimmste aus ihrem Leben offenbart und waren nun beide zu schockiert, um weiter darüber zu reden. Nach einer halben Stunde Schweigen, stand Luna auf.

"Lass uns zur Schule zurück gehen. Lange halte ich die Kälte nicht mehr aus und außerdem habe ich eh gleich Schluss."

Gemeinsam machten sie sich auf den Rückweg. Unterwegs schwiegen sie wieder beide.

Sie schafften es pünktlich zu Unterrichtsschluss. Jane kam gerade durch das Schultor, mit beiden Schultaschen. Zur gleichen Zeit entdeckte auch diese Luna und kam geradewegs auf sie zu.

"Du hast sie ja wohl nicht mehr alle", begann sie, ohne Sandra wahrzunehmen. "Ich sterbe fast vor Angst, was die mit dir anstellen und dann werde ich plötzlich gefragt, wo du steckst! Du kannst dich auf was gefasst machen. Diesmal hast du es wirklich auf die Spitze getrieben. Vater haben sie schon angerufen!"

"Na und?" Luna wollte sich vor Sandra nicht anmerken lassen, dass sie jetzt doch Panik bekam. Außerdem brauchte Jane nicht wissen, dass Sandra informiert war.

"Was hast du gemacht?" Jane war die roten Augen der beiden Mädchen nicht entgangen. "Bist du nun völlig abgedreht?"

"Ach halt deine Schnauze! Du bist nicht meine Mutter. Können wir jetzt gehen?" Gereizt und aufgebracht durch die Bevormundung ihre Schwester marschierte Luna los. Sie und Sandra hatten sich durch ein Augenzwinkern verabschiedet.

Die Schwestern sprachen wieder kein Wort miteinander und sahen sich auch nicht an. Jane war sauer, weil Luna plötzlich mit Sandra befreundet war und sie die Außenseiterin wurde. Das nahm sie ihrer Schwester wirklich sehr übel.

Vivian ging es schon wieder besser. Dank Margots Fürsorge war das Fieber gesunken, doch das Mädchen musste dennoch im Bett bleiben.

Auf dem Küchentisch lag ein Brief. Er war an Luna gerichtet und die sah auf den ersten Blick, von wem er kam. Mit nervösen Bewegungen griff sie nach ihm und steckte ihn ungeöffnet ein. In ihrem Kopf schlugen die Gedanken Purzelbäume, doch das sah man ihr nicht an.

Frau Müller ignorierte das merkwürdige Verhalten beider Mädchen. Sie wusste aus Erfahrung, dass junge Damen in diesem Alter, ganz besonders zickig und launisch sein konnten. Deshalb dachte sie sich nichts dabei.

"Geht in euer Zimmer und macht Hausaufgaben", sagte sie nach dem Mittagessen und hoffte, dass die Mädchen auf andere Gedanken kamen.

"Passt dir irgendwas nicht, Jane?" Luna hatte es satt, dass die Schwester im Zimmer umherschlich, sie immer wieder musterte, aber kein Wort mit ihr redete.

Vivian verkroch sich in ihrem Bett. Sie wollte gar nicht wissen, was nun schon wieder los war. Außerdem hielten es die Schwestern so und so nicht für nötig, die Kleinste aufzuklären.

"Ja mir passt nicht, dass du die Schule schwänzt und mit diese Schlampe durch die Gegend ziehst!" Jane sprach nicht, sie brüllte. So laut, dass man es wahrscheinlich noch im Nachbarhaus hören konnte. Auch Margot kam ins Zimmer gestürzt. Wachsam blickte sie die großen Mädchen an und ihr Blick blieb bei Luna hängen.

"Du hast die Schule geschwänzt, Luna?"

Sie hätte das besser lassen sollen, denn Lunas Geduld platzte.

"Was geht sie das an", fauchte sie, wie eine wildgewordene Tigerin. Ihre Augen waren schmal vor Wut. An irgendwas musste sie sich abreagieren, doch vor Margot konnte sie schlecht auf Jane losgehen. Mit aller Kraft trat sie gegen den Schreibtisch, der krachend umfiel. Sämtliche Schulsachen verteilten sich auf dem Boden.

"Jetzt beruhige dich doch Mädchen", sagte Margot, ohne auf Lunas patzige Antwort einzugehen. "Wir können doch über alles reden!"

"Wir reden hier über gar nichts! Und schon gar nicht mit ihnen. Sie haben in dieser Familie nichts verloren!" Luna keuchte vor Anstrengung.

"Ludmilla!" Vivian hatte sich in ihrem Bett aufgerichtet und sah sie bittend an. Ihre Stimme klang leise und zart, aber auch das konnte Luna nicht mehr aufhalten.

"Ach ja? Ihr beiden freut euch also über diese scheinheilige Ersatzoma!" Sie sah beide Schwestern an. "Die will doch hier nur spionieren. Glaubt ja nicht, dass ihre Freundlichkeit ernst gemeint ist!" Eigentlich wollte Luna noch viel mehr hinzufügen, doch sie fand nicht die passenden Worte.

"Ach verpisst euch", sagte sie, eine Tonlage ruhiger, verließ das Kinderzimmer und riegelte sich im Bad ein.

Drei fassungslose Menschen sahen ihr nach.

"Nimm ihr das bitte nicht übel", bat Vivian vom Bett aus.

Margot warf einen fragenden Blick zu Jane, die ebenfalls nickte.

"Luna hat das nicht ernst gemeint. Manchmal rastet sie eben aus. Weißt du, sie hatte ne schwere Kindheit und musste viel durchmachen. Deswegen kriegt sie ab und zu ihren Koller!"

"Könnte das was mit dem Brief zu tun haben", fragte Margot unsicher. Sie erholte sich nur langsam von Lunas Ausbruch. Schließlich war sie nicht mehr die Jüngste.

"Welchen Brief?" Jane hatte ihn nicht gesehen.

"Ein Brief aus dem Gefängnis. Ist das vielleicht ihr Vater?"

"Oh mein Gott", entfuhr es Vivian und sah ungläubig zu ihrer Schwester.

"Ja ihr Vater. Die haben damals Lunas Bruder verhungern lassen. Deswegen sitzt er. Aber frage Luna besser nicht danach. Da ist sie unheimlich empfindlich."

Frau Müller beschloss, die Sache noch einmal zu vergessen. Anscheinend war das Mädchen schlimmer dran, als sie bis jetzt geglaubt hatte. Wer konnte ihr da übel nehmen, dass ab und zu mal die Sicherungen durchbrannten?

Lunas Nerven lagen blank. Sie wusste nicht, was schlimmer war. Die Angst davor, wenn ihr Onkel heim kam und sie bestrafte, oder die Angst vor dem Brief. Sie hatte noch niemals Post von ihm erhalten. Was war, wenn er schrieb, dass er demnächst entlassen wird. Was sollte sie tun, wenn er sie besuchen wollte, oder sie wieder mit ihm zusammen leben musste?

(Das Mädchen wusste nicht, dass ihren Eltern das Sorgerecht für immer entzogen wurde.)

Ihr Vater würde bestimmt nicht sehr freundlich sein, denn Luna hatte damals vor Gericht gegen ihn ausgesagt. Sie war die beste Zeugin gewesen und durch sie wurde er auch bestraft.

Lunas Hände zitterten, als sie den Briefumschlag öffnete. Sie zerriss fast den Bogen Papier. Die halblangen Haare hingen ihr wirr ins Gesicht. Schweiß glänzte auf der Stirn. Ihre Füße schlugen unkontrolliert gegen die Duschkabine. Die Schrift des Vaters verschwamm vor ihren Augen. Sie musste sich anstrengen, die wenigen Zeile zu entziffern.

Kraftlos ließ sie den Brief am Ende fallen. Es war nun endgültig. Er wurde entlassen. Lunas Vater bekam bald seinen ersten Freigang und er fragte an, ob er sie besuchen dürfte. Selbstverständlich nur mit Erlaubnis des Schwagers.

In einem Anfall von Wahnsinn, trampelte Luna auf dem Brief herum. Als das nichts half, zerriss sie ihn in tausend Stücke. Zum Schluss war das ganze Badezimmer mit Konfetti übersät.

"Lass mich in ruhe, du elendes Schwein", schrie sie die kleinen Papierfetzen an. Sie brach zusammen. Ihre Beine verloren die Kraft und sackten unter ihr weg. Luna wollte sich noch irgendwo festhalten, griff in den Spiegel und zog ihn mit sich herunter. In einem Meer von Papier und Spiegelscherben schlug sie auf den Fliesen auf und blieb liegen.

"Luna mach verdammt noch mal die Tür auf!" Aufgeschreckt durch den Lärm, trommelten Jane und Frau Müller an der Tür zum Badezimmer.

Langsam kam Jane zur Besinnung und richtete sich auf. Benommen sah sie sich um. Ihre Hand blutete, sie spürte aber keine Schmerzen. Nur in Bruchstücken kam die Erinnerung.

"Du sollst die Tür aufmachen", ertönte es wiederholt vom Flur.

Vorsichtig, um sich nicht noch mehr zu verletzen, stand Luna auf. Dann entriegelte sie die Tür. Jane fiel ihr augenblicklich um den Hals.

"Bitte Luna, ich habe das doch alles gar nicht so gemeint!" Sie heulte vor Verzweiflung. "Du darfst dir doch nichts antun!"

Frau Müller trennte die Schwester voneinander. Luna verstand nicht, was mit Jane los war. Ungläubig zuckte sie mit den Schultern.

"Was ist passiert", fragte Margot und sah auf den übersäten Fußboden. "Hast du dir weh getan?"

Sie griff nach der blutenden Hand und führte beide Mädchen aus dem Raum. In der Küche hielt sie Lunas Arm unter den Wasserhahn. Es waren nur kleine Schnittwunden. Nichts ernsthaftes, worüber man sich Sorgen machen musste. Trotzdem wickelte sie ein frisches Küchentuch darum.

"Was hast du gemacht?" Da Luna immer noch nicht antwortete, fragte Margot ein zweites Mal nach.

"Wolltest du dich umbringen?" Jane hatte noch Tränen in den Augen. Die Angst stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben.

"So ein Schwachsinn!" Endlich hatte Luna ihre Gefühle und Gedanken unter Kontrolle. "Mir wurde schwarz vor Augen. Mehr weiß ich nicht!"

"Und was ist mit dem Brief?" Der Schwester waren die vielen Papierschnitzel nicht entgangen.

Sofort veränderte sich Luna. Sie machte sich vollkommen steif. Nur ihre Augen huschten suchend durch die Küche, als könnten sie die Antwort finden.

Margot Müller sah, dass Jane die Schwester an etwas sehr unangenehmes erinnerte. Sie wollte zwar selber sehr gerne wissen, was Lunas Vater geschrieben hatte, denn offensichtlich war das der Auslöser für deren Zusammenbruch. Doch sie wollte nicht neugierig sein und damit Luna neue Munition liefern. Immerhin hatte diese ja schon behauptet, sie würde spionieren.

"Du brauchst nicht sagen, was in dem Brief stand", holte sie das Mädchen aus der Verlegenheit. "Geht in euer Zimmer! Ich räume das Bad auf."

"Das kann ich selber! Dafür werden sie nicht bezahlt!" Herausfordernd sah Luna die Haushaltshilfe an und zerstörte damit jeglichen Frieden.

"Dann tu es auch", antwortete Margot und drückte ihr Schaufel und Besen in die Hand. Nahm dann ihre Jacke, wünschte auf Wiedersehen und ging nach Hause.

"Was hast du gegen Margot? Sie hat dir doch wirklich nichts getan?"

Jane war ihrer Schwester gefolgt und sah nun zu, wie sie die Scherben zusammenfegte.

"Sie stört", brummte Luna.

"Das stimmt doch gar nicht. Sie hilft uns, wo sie kann! Und du hast nichts besseres zu tun, als sie anzuschnauzen!"

"Quatsch mich nicht mit diesem Scheiß voll!"

"Aber denk doch mal an Vivi. Wer hätte sich denn heute um sie gekümmert? Immerhin ist das Fieber gesunken, dank Margot." Jane ließ nicht locker.

"Weist du, was dann gewesen wäre? Vivi wäre ganz normal zur Schule gegangen und hätte sich nicht wie ein Weichei in ihr Bett verzogen, um sich bemuttern zu lassen! Wir brauchen keine Mutter!" Mit Karacho feuerte Luna die Kehrschaufel auf den Boden. Die Scherben verteilten sich wieder.

Jane sah sie verständnislos an. "Du vielleicht nicht! Aber wir!"

Ohne einen weiteren Kommentar, drehte sie sich weg.

Vivian weinte, als Jane zurück ins Zimmer kam. Sie hatte jedes Wort verstanden und war nun restlos von Luna enttäuscht. Wo war nur die Schwester geblieben, die sie seit einigen Jahren kannte und liebte?

"Es ist gut, Vivi. Es ist alles in Ordnung mit ihr. Luna hat sich nichts antun wollen", versuchte Jane sie zu beruhigen.

"Gar nichts ist in Ordnung! Sie hasst Margot. Sie hasst dich! Und mich auch! Sie macht alles kaputt! Warum hat sie sich so verändert?"

"Wenn ich das wüsste!" Jane wühlte suchend in ihrer Schultasche. Fand die Flasche und trank den letzten kleinen Schluck in einem Zug aus. Zufrieden wischte sie sich über die Lippen. Das hatte sie jetzt gebraucht.

"Es wird so und so bald alles auffliegen", sagte sie dann und setzte sich zu der kleinen Schwester. "Ich hab gehört, dass Luna demnächst zu einem Psychologen muss, weil sie ständig negativ auffällt."

"Und dann?" Atemlos hatte Vivian zugehört.

"Keine Ahnung. Wenn sie redet und alles raus kommt, werden sie Vater bestrafen und wir wandern ins Kinderheim. Aber das wird ihr sicherlich nichts ausmachen, denn in einem Heim kennt sie sich ja bestens aus."

Jane spielte darauf an, dass Luna alle Antworten verweigerte, wenn man sie nach ihrer Zeit im Kinderheim fragte.

"Habt ihr nichts besseres zu tun, als über mich zu quatschen?" Zur gleichen Zeit kam Luna ins Zimmer und sah misstrauisch die, nebeneinander sitzenden, Schwestern an. Die aufgerissenen, angstvollen Augen, die Vivian auf sie richtete, entgingen ihr.

"Wir reden gar nicht über dich!"

"Ach nein? Worüber dann?"

"Über unsere Zukunft. Und über unsere Vergangenheit! Wie es gewesen wäre, wenn du hier nie aufgetaucht wärst! Vielleicht würde es uns jetzt besser gehen!"

Luna lachte darauf laut und überreizt auf. "Ihr glücklichen", bemerkte sie sarkastisch. "Dann würdest du nämlich die Nummer 1 bei deinem Vater sein und nicht ich! Und unsere Kleinste hier, wäre ebenfalls dran!"

Bei dem Gedanken daran, schloss Vivian verunsichert die Augen. Doch dann sammelte sie sich wieder.

"Hört auf! Es hat keinen Sinn, darüber zu diskutieren, was wäre wenn! Es ist nun mal so und wir müssen uns damit abfinden!" Sie stand auf und ging zu Luna hin. "Du wirst uns doch nicht verraten, oder?"

"Wieso das denn?"

"Na wenn dich der Arzt ausfragt, wirst du doch nichts erzählen. Ich will nichts ins Heim!"

"Was redest du eigentlich?" Luna packte sie fest an den Armen und sah sie verständnislos an.

"Ich hab heute gehört, wie sich die Lehrer über dich unterhalten haben. Du sollst von einem Psychologen untersucht werden, weil du dich nie an die Regeln hältst. Entschuldigung, aber ich hatte noch nicht die Gelegenheit, dir das zu erzählen." Jane stellte sich zu ihr und befreite erst einmal Vivian aus Lunas harten Griff. Stumm musterten sich die Mädchen. Luna dachte nach.

"Das ist doch Unsinn", stellte sie fest. "Die kriegen kein Wort aus mir heraus! Oder denkt ihr, ich habe Lust, noch einmal in so ein beschissenes Kinderheim zu gehen?"

"Na dann ist ja alles gut!" Jane glaubte ihr zwar nicht, wollte aber verhindern, dass Luna erneut explodierte. "Wenn du dich in Zukunft etwas friedlicher verhältst, wird das auch kein Thema sein."

Keine der Mädchen hörte, wie die Wohnungstür aufging und der Vater, früher als gewohnt, heim kam. Sie bemerkten ihn erst, als er ins Kinderzimmer stürmte und Vivian leise aufschrie.

"Was ist mit dem Spiegel passiert", brüllte er, ohne Begrüßung und sah seine Töchter an.

"Das ist mir passiert", flüsterte Vivian zaghaft. Sie bemerkten nicht, dass der Vater von dem Spiegel noch gar nichts wissen konnte.

"Schön gemacht, mein Mädchen", antwortet Herr Meinert ruhig, wurde aber sofort wieder wütend. "Aber damit kannst du der ihren Arsch auch nicht retten! Ich weiß nämlich alles! Frau Müller hat mich angerufen! Außerdem mal wieder die Schule und ich habe die Schnauze voll, von dem Bastard!"

Er packte Luna am Hals und zog sie zu sich ran. "Man hat mir einiges über dich verlogenes Miststück erzählt!" Er spuckte ihr beim Reden ins Gesicht, doch sie wagte nicht, es abzuwenden. Anschließend ließ er sie los und ging zur Tür.

"Mitkommen", bellte er, ohne sich umzudrehen.

"Scheiße", flüsterte Luna.

Der Mann hörte es dennoch und packte sie erneut. "Halt deine verfluchte Fresse! In meinem Haus hast du gar nichts zu melden! Bastard!" Er zerrte sie hinter sich her. Die Wohnzimmertür schlug zu.

Jane stürzte zu Vivian. Nahm sie tröstend in die Arme und beide verkrochen sich unter der Bettdecke. Sie wollten nichts hören, nichts sehen. Sie wollten am liebsten gar nicht existieren.

Zwei Stunden später war Luna immer noch nicht zurück. Trotzdem bereiteten Vivian und Jane das Abendessen vor. Ängstlich lauschten sie, aber aus dem Wohnzimmer kamen keine Geräusche mehr.

"Ich habe wahnsinnige Angst" wisperte Vivian.

"Sei still bitte", antwortete die Schwester. Sie war nur darauf bedacht, keinen Lärm zu machen, damit ihr nichts entging.

Dann kam der Vater in die Küche. Ohne Luna. Vergnügt pfiff er ein Lied vor sich hin. Jane war perplex. Wie konnte dieser Mensch nur so beschwingt sein, nachdem er gerade seine Stieftochter verprügelt hatte?

Doch was Jane mehr interessierte, wo war Luna? Sie wagte nicht, danach zu fragen. Still und vorsichtig stellte sie die letzten Sachen auf den Tisch, an dem der Vater schon saß und wartete. Auch Vivian nahm leise ihren Platz ein, sah niemanden an und kaute Ewigkeiten auf einem Stück Brot.

"Bist du wieder gesund, mein Kind", fragte der Vater und sah sie besorgt an. Diese nickte nur und Herr Meinert war zufrieden.

"Macht euch keine Sorgen", meinte er und wechselte das Thema. "Was haltet ihr davon, wenn wir heute abend gemeinsam fernsehen? Es kommt ein toller Spielfilm." Er strich Vivian über den Kopf und merkte nicht, dass diese weg zuckte. Jane nickte zustimmend. Was war denn los? Woher kam diese unverhoffte Freundlichkeit?

"Ihr braucht die Küche heut nicht aufzuräumen. Das kann Frau Müller morgen machen!"

Völlig überspannt folgten die Mädchen ihm ins Wohnzimmer. Drinnen sahen sie sich verstohlen um, doch von Luna war nichts zu sehen.

"Wo ist Luna?" Vivian konnte nicht an sich halten. Jane sah sie nur warnend an.

"Die ist weg. Mach euch um den Bastard keine Gedanken?" Der Vater setzte sich in seinen Fernsehsessel und schaltete alle Sender durch, bis er fand, was er suchte.

Die Mädchen nahmen eng nebeneinander auf dem Sofa Platz, doch Jane konnte sich auf das Programm nicht konzentrieren. Ihre Augen suchten im Zimmer nach einem Anhaltspunkt. Sie fanden nichts. Rein gar nichts, deutete darauf hin, dass Luna hier gewesen war. Was ist geschehen, während die Schwestern sich im Bett verkrochen hatten?

"Jane, was geht hier vor?" Vivian war zu ihr ins Bett gekrochen. Sie empfand nichts, als bodenlose Angst.

Die Schwester starrte Lunas leere Bett n. "Ich brauche was zu trinken", sagte sie nur teilnahmslos.

"Ich könnte zum Kühlschrank schleichen und ein Bier klauen. Vater ist im Bett."

Eine Schwester, die jetzt die Nerven verlor und anfing zu zittern, konnte Vivian beim besten Willen nicht gebrauchen. Eine Minute später, drückte sie ihr die Flasche in die Hand.

"Danke", murmelte diese nur.

Vivian sah nun endgültig ein, dass es keinen Sinn machte, mit Jane zu reden. Dennoch blieb sie in deren Bett und schlief dort auch ein.

In der Nacht wachte sie schreiend auf. Vivian hatte geträumt, dass Luna im Stadtpark gefunden wurde. Tot. Wach wurde sie aber erst, als Polizisten sie befragten, was sie darüber wusste.

"Pst. Du hast nur geträumt!" Jane deckte die kleine Schwester wieder zu.

"Ich hab geträumt, Luna wäre tot", erklärte sie mit erstickter Stimme. "Ist sie wieder da?"

"Nein. Aber schlafe jetzt weiter!" Dass Jane selber nicht schlafen konnte, verriet sie ihr nicht. In Janes Armen, schlief Vivian auch tatsächlich wieder ein.

Am Morgen sah Jane auch dementsprechend aus. Ihr ging es dreckig. Das Frühstück erbrach sie wieder im Klo.

Vivian schlich wie ein todkrankes Tier durch die Räume. Sie sprach nicht, antwortete nicht.

Herr Meinert ignorierte das Verhalten seiner Kinder. Es kam ihm nicht in den Sinn, dass dies irgendwas mit ihm zu tun haben könnte. Gut aufgelegt und zufrieden ging er zur Arbeit.

"Was sagen wir in der Schule, wo Luna ist?" Jetzt, wo sie allein waren, brach Vivian ihr Schweigen.

"Er hat mir einen Brief für die Lehrer mitgegeben."

"Mach ihn auf", forderte Vivian.

"Das darf ich nicht!"

"Und wenn was drin steht, wo Luna ist?"

Das half. Eifrig holte Jane den Brief wieder hervor. Ohne zu zögern öffnete sie ihn. Den Zettel wollte sie anschließend in einen neuen Umschlag stecken.

"Das Schwein hat geschrieben, dass Luna ins Krankenhaus musste!" Zitternd gab sie den Brief an Vivian weiter.

"Und wenn das stimmt?"

"Glaub' ich nicht. Er hat die Wohnung nicht verlassen. Außerdem müsste er dort erklären, woher Luna die Verletzungen hat. Dann könnte er sich auch gleich selber anzeigen!" Sie packte den Zettel wieder ordnungsgemäß ein. Sie mussten sich beeilen.

"Der Kellerschlüssel ist weg", stellte Vivian fest, als sie die Wohnung verlassen wollten. Wie gebannt starrten beide Mädchen auf das leere Schlüsselbrett.

"Ob das was mit Luna zu tun hat?", wisperte Vivian.

"Na bestimmt! Warum sollte er sonst so plötzlich die Kellerschlüssel einstecken?" Jane riss Vivian einfach mit. Laut knallte die Tür ins Schloss und wie vom Blitz getroffen, rannten beide Mädchen die Treppe runter.

Sie kamen nicht weit. Schon der Vorraum zu Keller wurde ihnen von einer dicken Feuerschutztür aus Eisen versperrt. Und dazu fehlte ihnen der besagte Schlüssel. Angestrengt lauschten sie, die Ohren fest auf das kalte Metall gelegt. Kein einziger Ton drang durch diese Tür.

Ziemlich niedergeschlagen verließen sie das Mehrfamilienhaus und liefen zur Schule. Sie redeten nicht, sie dachten nach. Es fiel ihnen absolut keine Erklärung ein, wo Luna sein konnte.

Sandra wartete schon seit einer halben Stunde auf Luna. Sie stand vor der Schule und blickte immer wieder nervös in die Richtung, aus der sie kommen musste. Endlich erkannte sie die kleine Vivian und sie ging schnell auf die Mädchen zu.

"Wo ist eure Schwester?", fragte sie erstaunt und blickte suchend die Straße hinauf.

"Was geht dich das an?", bekam sie zur Antwort von Jane, die sie misstrauisch musterte.

"Bitte. Ich muss dringend mit ihr reden!" So schnell gab Sandra nicht auf. Sie hatte eine, ihrer schlimmsten Nächte hinter sich. Die Schule hatte zu ihr nach Hause geschrieben, dass sie ständig unentschuldigt fehlte. Der Vater war, wie immer, betrunken heim gekommen, hatte den Brief gefunden und sich dann seine Tochter vorgenommen. Sandras Schreie müsste man eigentlich in der ganzen Stadt gehört haben, doch nicht einmal die engsten Nachbarn reagierten darauf.

Nachdem der Vater im Sessel eingepennt war, hatte sich Sandra aus der Wohnung geschlichen. Sie wollte nie wieder heimkommen und jetzt suchte sie Luna, damit sie ihr das sagen konnte. Vielleicht ließ sich Luna ja überreden, ebenfalls abzuhauen. Ein Leben auf der Straße schien immer noch besser zu sein, als in diesem verhassten Elternhaus.

"Was hast du schon mit ihr zu reden?", antwortete Jane schroff. "Du willst sie doch nur wieder überreden, die Schule zu schwänzen. Noch mehr Ärger kann Luna nicht gebrauchen."

"Luna liegt im Krankenhaus", fügte Vivian hinzu, damit Sandra endlich Ruhe gab. Sie wollte den aufkommenden Streit verhindern.

Sandra gab sich auch damit zufrieden. Drehte sich weg und ging. Ihr Plan war, in den Krankenhäusern nachzufragen. Es gab nur zwei in ihrer Stadt.

"Siehst du! Ich hab doch gesagt, die schwänzt die Schule!" Jane und Vivian sahen dem Mädchen nach.

Dann hörten sie die Schulklingel und sie mussten sich sputen, damit sie nicht zu spät kamen.

In der großen Hofpause tauchte Sandra wieder auf. Es machte ihr nicht einmal was aus, dass die Lehrer sie sahen. Ärgerlich stellte sie die Schwestern zur Rede, die eng aneinander und völlig verschüchtert zusammenstanden.

"Was soll der Scheiß mit dem Krankenhaus?", fauchte sie. "Ich hab überall nachgefragt, aber in keinem ist Luna eingeliefert worden?"

Sie bekam keine Antwort.

Vivian starrte sie wie hypnotisiert an. Damit hatte sie nicht gerechnet, dass dieses Mädchen in den Kliniken fragen würde.

"Also kommt! Sagt schon! Wo ist sie?" Sandra änderte ihre Tonlage und noch freundlicher fügte sie hinzu: "Es ist wirklich wichtig!"

Jetzt begriff Jane, was ihr an Sandra so bekannt vor kam. Dieser Ausdruck in den Augen. Sandra sah genauso gequält und verzweifelt aus, wie Luna, wenn diese eine Auseinandersetzung mit dem Vater hinter sich hatte. Das Mädchen vor ihr schien die gleichen Probleme zu haben und Jane verstand nun auch, warum sich Luna und Sandra angefreundet hatten.

"Sie ist weg! Wir wissen auch nicht wohin", sagte sie so leise, dass kein, in der Nähe stehender Schüler, oder Lehrer, es hören konnte.

"Freiwillig?" Sandra senkte ihre Stimme ebenso.

"Keine Ahnung. Vater hat sie weggebracht."

Es blieb kurz still. Sandra überlegte.

"Okay. Ich komm nach der Schule noch einmal vorbei. Vielleicht ist mir ja bis dahin was eingefallen." Sie verließ den Schulhof. Stolz lief sie an dem aufsichtshabenden Lehrer vorbei, der zu spät begriff, dass Sandra sich unerlaubt entfernte. Da war sie längst nicht mehr zu sehen.

Sandra hatte keinen blassen Schimmer, wo sie Luna suchen sollte. Wenn diese nicht freiwillig abgehauen war, dann wurde sie mit Sicherheit von ihrem Vater versteckt gehalten. Das bedeutet, dass Herr Meinert es übertrieben haben musste und Luna nicht in der Öffentlichkeit gesehen werden durfte. Sandra kannte das, aus Erfahrung. Selber musste sie schon oft genug, tagelang ihr Zimmer hüten und konnte nicht zur Schule gehen, bis alles verheilt und nichts mehr zu sehen war.

Aber warum hielt Herr Meinert seine Stieftochter auch vor Jane und Vivian versteckt? Die beiden wussten doch Bescheid? Das Mädchen überlegte hin und her. Es fiel ihr keine Erklärung dafür ein.

Endlich war sie an dem verlassenen Fabrikgelände angekommen. Da sie in der letzten Nacht nicht zum schlafen gekommen war, wollte sie das jetzt nachholen. Doch sie fand keinen Schlaf. Immer wieder kreisten ihre Gedanken um die Freundin und ließen Sandra nicht zur Ruhe kommen.

"Warum hast du ihr das erzählt?" Vivian war außer sich. "Wenn die nun quatscht und dadurch alles auffliegt? Dann bist du dran Schuld!" Sie war den Tränen nahe.

"Jetzt beherrsche dich!" Die Schwester wurde wütend, weil Vivian anscheinend nichts anderes konnte, als zu jammern und sich zu beklagen.

"Ich weiß jetzt, warum Jane und Sandra sich auf einmal verstehen", fügte sie freundlicher hinzu, weil die Kleine nun erst recht anfing zu heulen.

"Ach ja? Und warum?", schluchzte Vivian weiter.

"Sie..." Jane konnte nicht weiter reden, weil ein Lehrer auf sie zukam. Erschrocken hielt sie sich den Mund zu.

"Guten Morgen, ihr beiden", begrüßte er sie recht freundlich. Vivian wollte weglaufen, doch er hielt sie an der Jacke fest. "Hier geblieben, mein Mädchen! Ihr sollt mitkommen! Man will sich mit euch unterhalten!"

Ohne weitere Worte ging er zum Eingang und die Schwestern mussten ihm folgen. Natürlich fand das nicht ohne höhnische Rufe und Gelächter einiger Mitschüler statt. Die Meinert Mädchen waren bekannt, wie bunte Hunde.

Jane und Vivian traten Hand in Hand ins Lehrerzimmer ein. Schüchtern blieben sie an der Tür stehen. Jane bekam das große Zittern, doch die Schwester packte noch fester zu, damit es niemandem auffiel.

Außer ihnen befanden sich noch weitere Menschen im Raum. Sie konnten nicht erkennen, ob alle zur Schule gehörten, denn sie kannten noch nicht jeden Lehrer. Aber den Direktor, Herrn Klause, den erkannte Jane sofort.

Dieser hatte dieses Zusammentreffen auch veranlasst. Ihm war nämlich aufgefallen, dass in den Schulakten von Luna und Jane, ständig die Rede von Krankenhausaufenthalten war. Demnach musste Luna erst vor einem Monat die Zeit im Krankenhaus verbringen. Ironischerweise nur für drei Tage. Dabei war Herr Klause stutzig gemacht, denn irgendwas konnte da nicht stimmen. Wieso musste ein so junges Mädchen ständig ins Krankenhaus? Kurzer Hand griff er zum Telefon und rief die städtischen Kliniken an.

Dort gab es jedoch keine Luna Meinert. Auch nicht in den benachbarten Krankenhäusern.

Nach einer Beratung mit seiner Sekretärin, hatten sie beschlossen, die Schwestern zu befragen, wie diese Geschichte genauer war. Entweder schwänzte Luna erneut die Schule und das Entschuldigungsschreiben war gefälscht, oder hier war gewaltig was faul.

"Wo ist eure Schwester Ludmilla?", fragte er nun, ohne erklärende Einleitung. Er sah, wie beide Mädchen deutlich zusammenzuckten. Auch die anderen Erwachsenen ließen sie nicht aus den Augen.

Es gab keine Antwort.

Herr Klause hielt das Schreiben in die Höhe. "Wer hat das geschrieben?"

"Unser Vater", gab Jane scheu zu. Sie hielt sich immer noch an Vivian fest.

"Und wieso kann es dann sein", fuhr der Mann fort. "Dass ich eure Schwester in keinem der beiden Krankenhäuser finden konnte?"

Vivian erschrak mörderlich. Noch einer, der diese Behauptung überprüfte. Nun war gar nichts mehr zu retten. Die kommende Nacht werde ich bestimmt schon im Kinderheim verbringen, dachte sie und sah zu Jane auf.

Doch diese schaffte es zum ersten mal, scharf nachzudenken. Sie wollte retten, was es noch zu retten gab. Egal, wer dafür herhalten musste. Sie versuchte sich in Luna hineinzuversetzen, die immer cool blieb und wenn die Situation noch so brenzlig war. Es klappte. Innerhalb von Sekunden hatte sie eine passende Lösung gefunden.

"Ich hab gleich zu Luna gesagt, dass das nicht klappen kann!", begann sie theatralisch. Vivian erkannte Jane nicht wieder.

"Luna hatte die Idee mit dem Krankenhaus und dann fälschte sie den Brief. Sie hat nicht daran gedacht, dass sie das überprüfen können!" Jane seufzte ergeben und griff wieder nach Vivians Hand. Ihre hatte sie zwischendurch zum gestikulieren gebraucht.

"Und wo steckt sie jetzt?"

"Das hat sie uns nicht gesagt. Bestimmt zieht sie mit irgendwelchen Freunden durch die Gegend."

Der Direktor dachte an Sandra Strauß und gab sich damit zufrieden. Diese war ja ebenfalls nicht zur Schule gekommen und gestern wurde ihm zugetragen, dass sich seine "Lieblingsschülerinnen" miteinander vertragen hatten und nun offenbar eng befreundet waren. Als man ihm das erzählte, schloss er entsetzt die Augen. Ein Mädchen von dieser Sorte, konnte man noch im Zaum halten, aber beide zusammen, brachten die halbe Schule in Aufruhr, wenn sie das wollten.

"Von dieser Fälschung wird euer Vater erfahren! Das kannst du ihr schon mal ausrichten! Und wenn sie mal wieder Lust auf Schule hat, dann soll sie sich sofort bei mir melden! Sie kann mit einem Disziplinarverfahren rechnen! Ihr könnt gehen!"

Der Mann konnte seine gesamte Wut gerade noch unterdrücken. Diese beiden Schülerinnen konnten ja nichts für ihre Stiefschwester. Aber das man ihn so einfach belogen hatte, das brachte ihn in Rage. Er sagte nichts mehr zu seinen Kollegen, sondern stürmte aus dem Lehrerzimmer, in sein Büro. Dort reagierte er sich an einem unschuldigen Bleistift ab, den er in mehrere Teile zerbrach.

"Das hast du verdammt gut gemacht", flüsterte Vivian, als sie wieder auf dem Gang standen. Es hatte schon längst geklingelt, sie kamen mal wieder zu spät in ihre Klassen, doch diesmal machte es ihnen nichts aus. Sie waren noch mal davon gekommen.

"Ja. Luna hätte es nicht besser gemacht!" Jane lächelte zufrieden. Vivian stimmte in ein herzhaftes Lachen ein, bis die Schwester stehen blieb und sie ansah.

"Ach übrigens, Herzlichen Glückwunsch!" Jane umarmte sie fest und gab ihr einen dicken Kuss. Niemand hatte daran gedacht, dass die Kleine heute ihren 13. Geburtstag feierte. Durch die ganze Sache mit Lunas Verschwinden, hatte Vivian es selber vergessen. Geschenke erwartete sie so und so nicht. Herr Meinert gab seinen Töchtern kein Taschengeld, weil er der Meinung war, dass sie es nur für unnützes Zeug ausgeben würden. Lediglich er, kaufte für das Geburtstagskind eine Kleinigkeit. Doch auch damit rechnete Vivian nicht mehr. Beim Frühstück hatte der Vater nicht einmal gratuliert.

Frau Müller empfing die Mädchen mit einem Geburtstagskuchen. Sie hatte Vivians Geburtstag nicht vergessen und überreichte ihr auch gleich ein kleines Geschenk.

Hastig riss das Mädchen die Verpackung auf. Dann kam sie aus dem Staunen nicht wieder raus. Eine zierliche goldene Halskette lag vor ihr. Der erste, echte Schmuck, den sie bekommen hatte. Ihre Augen glänzten vor Freude und sie fiel Margot, überwältigt um den Hals. Alles andere, was ihr Herz bedrückte, schien vergessen.

Jane hielt sich lieber im Hintergrund auf. Hoffentlich ist Margot auch noch an meinem Geburtstag da, dachte sie. Bei dem Blick auf Vivians goldumrandeten Hals, stieg doch ein wenig Neid in ihr auf.

Zum Nachtisch gab es dann den Geburtstagskuchen, der mit Schokolade und viel Marzipan gefüllt war.

"Wo ist eigentlich Luna?" Die Haushaltshilfe hatte schon lange darauf gewartet, diese Frage stellen zu können. Sie wollte Vivians Freude nicht trüben, aber jetzt, wo wieder Ruhe eingekehrt war, brannte sie darauf, es zu erfahren.

Aufgeschreckt sahen sich die Mädchen an, doch auch diesmal schaltete Jane schnell.

"Sie muss nachsitzen, weil sie gestern geschwänzt hat. Geschieht ihr auch ganz recht!"

Vivian fiel ein Stein vom Herzen, dass Luna so schnell antworten konnte. Sie selber wollte Margot nicht belügen, schon gar nicht, nach diesem tollen Geschenk.

"Was meint ihr, wann sie heim kommt?" Frau Müller gab aber keine Ruhe.

"Kann ne Zeitlang dauern!" Jane ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. "Luna muss alles nachholen, was wir gestern durchgenommen haben und das war nicht wenig."

Das reichte aus, um die Frau zu überzeugen. Wie immer gingen die Schwestern nach dem Essen in ihr Zimmer, um die Hausaufgaben zu erledigen. Nur diesmal warteten sie ungeduldig darauf, dass Margot nach Hause geht. Zu ihrem Glück tat sie das auch, eine Stunde später. Die Mädchen wollten noch einmal versuchen, in den Keller zu gelangen.

Ihr Glück hielt aber nicht an. Die Vorraumtür war immer noch abgeschlossen und blieb ihnen ein Hindernis.

"Wir könnten jemand im Haus fragen, ob er uns aufmacht." Vivian klammerte sich an jede Lösung.

"Das bringt nichts. Wenn wir keinen Schlüssel für diese Tür haben, kommen wir auch nicht in unseren Keller. Und wie wollen wir dann erklären, warum wir hier rein wollen?"

"Dann rede ich eben mit Vater. Er muss mir heute zuhören und uns sagen, wo Luna ist!"

Bedrückt stiegen sie die Treppe wieder hinauf.

"Du sagst am besten gar nichts", fuhr Jane die Kleine aufgebracht an. Sie waren nun in der Wohnung und kein Nachbar konnte zufällig mithören. "Wenn, dann erledige ich das!"

Jedoch Vivian ließ sich dadurch nicht einschüchtern. "Und wenn er dich dann auch verprügelt und dich irgendwo hinbringt? Dann stehe ich hier ganz alleine!"

Jane dachte darüber nach. Die Schwester hatte nicht ganz unrecht, obwohl es sehr unwahrscheinlich war, dass er es auch mit ihr machen würde. Das plötzliche Verschwinden von zwei Töchtern, fiel ja wohl auf jeden Fall auf.

"Wir reden gemeinsam mit ihm", lenkte Jane schließlich ein. "Wir müssen Vater verständlich machen, dass die Lehrer in der Schule uns kein Wort glauben und alles prüfen wollen."

Die Mädchen setzten sich wieder an ihre Hausaufgaben, doch Jane stand eine Minute später erneut auf.

"Ich muss noch was besorgen", sagte sie zu Vivian, die sie fragend ansah.

Die kleine Schwester verstand auch. Jane musste sich vorher Mut antrinken. Ohne Alkohol würde sie es vermutlich nicht schaffen, ganz normal mit dem Vater zu reden.

"Pass auf dich auf", antwortete Vivian und meinte damit, sie soll sich beim Klauen nicht erwischen lassen.

Jane zeigte ihr den aufrechten Daumen, was bedeuten sollte, es wird schon nichts schief gehen.

Zurück blieb ein 13 jähriges Geburtstagskind, was sich seufzend wieder über ihre Aufgaben beugte und sehnsüchtig auf Janes Rückkehr wartete. Sollte der Vater heute erneut früher heim kommen und nur Vivian vorfinden, war ihr ganzer Plan zunichte.

Herr Meinert kam zur gewohnten Zeit und mit strahlender Fröhlichkeit nach Hause. Er hob das Geburtstagskind hoch, drückte es, küsste es und gratulierte ihr überschwänglich. Anschließend überreichte er Vivian sein Geschenk. Diese war völlig überrascht. Vor ihr stand ein ganz neues Fahrrad.

Nur für sie allein. So etwas besaßen weder Jane, noch Luna.

Jane wurde dabei auch ganz blass vor Neid, ließ sich aber nichts anmerken und gönnte der Schwester die Freude. Es hatte ja auch sein Gutes. Wenn der Vater gut aufgelegt war, konnte man am besten mit ihm reden. Sie ließ auch Vivian noch ein paar Minuten Zeit, doch dann musste sie anfangen. Ehe der Mut sie ganz verließ.

"Können wir mit dir reden, Vater?" Ihre Stimme klang leise und brüchig.

Herr Meinert sah auf. "Aber natürlich. Gehen wir ins Wohnzimmer!" Seine Laune trübte sich nicht ein bisschen.

"Wie wäre es mit der Küche?", erwiderte Jane zaghaft. Sie ging nur sehr ungern, freiwillig ins Wohnzimmer. In diesem Raum war sie befangen, weil sie dort ständig an Prügel denken musste. Auch wenn sie in dieser Wohnung noch nicht an der Reihe gewesen war, die Möbel, gegen die sie schon mehrfach brutal gestoßen wurde, waren die gleichen geblieben.

"Von mir aus." Herr Meinert ging voran, Jane hinter her und Vivian ließ ihr Fahrrad nur ungern zurück.

"Was gibt es?", fragte der Vater und setzte sich. Seine Tochter blieb stehen. Sie durfte ihm nicht zu nahe kommen, damit er den Alkohol nicht roch.

"Es gibt Probleme in der Schule. Wegen deiner Entschuldigung für Luna. Unser Direktor hat in den Krankenhäusern nachgefragt und sie nicht gefunden. Deshalb wurden wir zur Rede gestellt."

"Und was habt ihr gesagt?", unterbrach Herr Meinert sie, ganz aufgeregt.

Jane holte erst tief Luft, bevor sie weiter redete. "Ich hab denen erzählt, Luna hätte den Brief gefälscht und würde die Schule schwänzen. Der Direktor wird dir das noch mitteilen. Luna bestrafen sie dafür."

"Bitte, sag uns, wo sie ist!" Vivian war aufgesprungen und setzte sich auf seinen Schoß. Wenn er jetzt explodieren sollte, musste er sie erst zur Seite schieben, bevor er auf Jane losgehen konnte. In welche Gefahr sich Vivian eigentlich begab, vergaß sie.

"Vater, ich kann nicht ständig lügen!" Hoffnungsvoll sah Jane ihn an. "Wenn die mich morgen wieder ausfragen, das halte ich nicht durch!"

"Schluss! Luna bleibt, wo sie ist!", brüllte Herr Meinert los. Unsanft schob er seine Tochter von sich runter und verließ die Küche. Die Türen knallten.

"Verdammter Scheißkerl!", flüsterte Jane ihm nach, natürlich so, dass er es nicht hören konnte.

"Komm, wir machen das Abendessen fertig", sagte sie dann zu Vivian. Innerlich hoffte sie, dass der Vater trotzdem darüber nachdenkt.

Für Vivian war der Tag gelaufen. In ihren Augen schwammen Tränen, die sie krampfhaft versuchte, zurück zu halten.

Herr Meinert dachte tatsächlich nach. Stumm hielt er ein Bild seiner verstorbenen Frau in der Hand und redete in Gedanken mit ihr. Er wusste, dass er vieles falsch machte, in der Erziehung seiner Töchter. Er war überfordert, mit drei heranwachsenden Damen. Er konnte sich einfach nicht in seine Mädchen hineinversetzen.

Was soll ich machen Marie, fragte er und sah das Foto an. Die Sache mit Luna tut mir furchtbar leid. Es ist einfach über mich gekommen. Ich konnte nicht mehr aufhören und dabei wollte ich ihr doch gar nicht weh tun. Das Mädchen wird mich nie wieder angucken. Wahrscheinlich wird sie sofort zur Polizei rennen und mich anzeigen. Was soll ich denn nur machen? Am besten, ich rede noch einmal mit Jane. Eventuell kann sie das verhindern. Ich muss meinen Töchtern zeigen, dass ich doch ein guter Vater bin.

Herr Meinert unterhielt sich oft, auf diese Art und Weise, mit seiner Frau. Er hatte so viele Gedanken und Gefühle, die er sonst niemandem mitteilen konnte. Aber auch dadurch schaffte er es nicht, seine Angst abzubauen. Und er hatte riesengroße Angst. Davor, dass man ihm, als alleinstehender Vater die Kinder wegnahm. Er konnte das nur überwinden, wenn er zuschlug. Aus diesem Grund schüchterte er sie so stark ein, dass sie gar nicht wagten, irgend jemandem was zu erzählen. Dass er dadurch alles noch viel schlimmer machte, war dem Vater nicht bewusst. Sein eigener Vater hatte ihn auch verprügelt, wenn er etwas anstellte und ihm hatte es ja auch nicht geschadet.

Er holte Jane zu sich ins Wohnzimmer, die ihm nur widerstrebend folgte. Sie glaubte fest daran, dass sie es war, die er sich heute vornahm. Abwartend stellte sie sich hin und schloss die Augen. Von ihr aus konnte es losgehen.

"Ich möchte mich mit dir unterhalten, Jane!" Herr Meinert blieb sitzen.

Erschrocken riss Jane die Augen auf. Der Vater winkte sie zu sich und sie nahm ebenfalls Platz.

"Es geht um Luna", fuhr er fort, sah seine Tochter aber nicht an. "Ich habe ihr sehr, sehr weh getan. Glaub mir, ich wollte es nicht. Ich liebe euch doch. Ich will euch doch nicht verlieren. Du musst mir einfach glauben!" Plötzlich fing er an zu weinen. Viele Tränen liefen ihm das Gesicht runter und Jane war bestürzt.

Dieser Mann konnte auch weinen? War er der selbe, den sie beobachtet hatte, wie er auf ein wehrloses Mädchen eintrat und dabei lachte? Der erst glücklich wurde, wenn eins seiner Kinder wimmernd und zerschunden am Boden lag? Jane traute dieser urplötzlichen Verwandlung nicht.

"Die Sache mit dem Spiegel, war keine Absicht", begann Jane. Sie musste irgendwas sagen, ehe er merkte, dass sie ihm kein Wort glaubte. Außerdem sollte er die Wahrheit über den gestrigen Nachmittag erfahren, damit er sich anschließend schämte, weil er grundlos ausgerastet war.

"Luna hat Post von ihrem Vater bekommen. Den hat sie im Badezimmer gelesen und ist zusammengebrochen. Dabei hat sie den Spiegel mit runter gerissen."

Der Vater sah erschrocken aus. Jane hatte erreicht, was sie wollte. Er dachte nach.

"Was stand drin?", fragte er vorsichtig. Jane konnte die Besorgnis in seiner Stimme hören.

"Sie hat ihn zerrissen, bevor es passierte und anschließend komplett vernichtet. Mit mir hat sie kein Wort darüber geredet und später kamst du." Da ihr keine Gefahr zu drohen schien, ließ Jane auch deutlich einen Vorwurf heraus hängen.

"Es tut mir entsetzlich leid", jammerte der Vater erneut. "Kannst du mit ihr reden? Sie darf mich deswegen nicht anzeigen. Wenn ihr mir weggenommen werdet, was wird dann aus mir?"

Aha, daher weht der Wind, dachte Jane. Unser alter Herr hat Angst, dass wir in anzeigen. Sie war ihm jetzt weitaus überlegen und kostete dieses Gefühl gründlich aus.

"Das würde ich ja gerne tun", antwortete sie ihm. "Aber ich weiß nicht, wo sie ist!"

Herr Meinert griff in seine Hosentaschen und holte den Kellerschlüssel raus. Den warf er Jane zu.
"Bitte überrede sie, dass sie keine Anzeige erstattet", bat er seine Tochter. "Du kannst sie rauf holen. Ich verspreche, dass ich ihr nie wieder was tue!"

Den letzten Satz verstand Jane gar nicht mehr. Sie war schon zur Tür raus, um Luna zu befreien. Mit wachsendem Entsetzen, malte sie sich aus, wie ihre Schwester wohl zugerichtet war. Auf jeden Fall musste es schlimmer sein, als normal, sonst hätte er sie nicht versteckt.

Mit zitternden Händen steckte sie den Schlüssel ins Schloss zu ihrem Keller. Dann tastete sie nach dem Lichtschalter, denn es herrschte tiefschwarze Finsternis.

"Luna?", rief sie vorsichtig. Endlich ging das Licht an und gehetzt sah sie sich um.

In der Ecke, in einer Plastikplane eingehüllt, saß etwas, was Jane aber nicht unbedingt als ihre Schwester definieren konnte. Aber es war Luna.

Dass Jane nicht schrie, war ein Wunder. Langsam tasteten sich ihre Augen über den misshandelten Körper.

Lunas schwarze Haare, waren von Blut verklebt. Das rechte Auge dick zu geschwollen, das linke, starrte sie an. Die Nase war, ironischer Weise, heil geblieben. Darunter ein Mund, der mit dicken Klebestreifen zusammengehalten wurde. Daher hatte Jane auch keine Antwort bekommen.

Der restlich Körper war mit Plastik verdeckt. Jane mochte den Rest auch nicht unbedingt kennen lernen.

Und es stank fürchterlich. Es roch nach Urin und Angstschweiß.

Jane versuchte so wenig wie möglich zu atmen, als sie näher an Luna heran trat.

"Beiße die Zähne zusammen! Ich nehme dir den Klebestreifen ab", flüsterte sie ihr zu. Sie wünschte sich, das wäre ihr erspart geblieben. Mit einem Ruck zog sie die Folie ab. Es muss mörderlich weh getan haben, doch die Schwester verzog keine Miene.

"Könntest du mir auch die Hände befreien?"

Erst jetzt sah Jane, dass Luna an einem Abflussrohr gebunden war. Eifrig wollte sie die dünnen Seile lösen, aber sie brauchte Ewigkeiten, bis sie die Knoten offen hatte. Luna knurrte ganz ungeduldig.

Nachdem sie die Hände endlich frei hatte, entledigte Luna sich von der Plane. Ihre Beine knickten ein, als sie versuchte aufzustehen. Krampfhaft zog sie sich an dem Rohr hoch und sah Jane grimmig an.

"Hättest dich ruhig ein bisschen beeilen können!", schnauzte sie die Schwester an. Hilflos blickte sie an sich herunter. Die Jeans hatte einen großen Fleck, vorne und hinten. Doch dafür konnte man ihr keinen Vorwurf machen. Fast 24 Stunden war sie im Keller eingesperrt gewesen. Da verlangte die Blase ihr Recht.

"Du kannst doch nichts dafür", sagte Jane, die spürte, dass sich Luna deswegen schämte. "Er hat mir den Schlüssel gerade erst gegeben. Ich soll dich rauf holen. Er hat versprochen, dass er dich nie wieder anfasst!" Sie erzählte Luna von der letzten halben Stunde.

"Ich bringe ihn um, sobald er vor mir steht!" Luna hatte sich diesen Plan während ihrer Gefangenschaft ausgemalt. Sie ließ sich davon auch nicht durch ein angebliches Versprechen abhalten. Daran, ihn anzuzeigen und ihren Stiefvater dadurch loszuwerden, dachte sie gar nicht. Sie fühlte nur grenzenlose Wut.

"Das kannst du nicht machen", beschwichtigte Jane sie. "Er hat sich vollkommen geändert seit gestern!"

"Das hat er dir erzählt, ja?"

"Vater hat es ernst gemeint. Du kannst ihm glauben!"

"Soll ich dir mal was sagen?" Luna kam langsam auf Jane zu. Sie hinkte stark. Irgendwas war mit ihrem rechten Knöchel nicht in Ordnung.

"Dieses Schwein hat mich so total verprügelt, wie noch nie! Dann schleppt er mich in einen Keller, in dem gerade mal 10 Grad herrschen und fesselt mich! Einen ganzen Tag im dunklen, ohne Essen und nicht einmal auf die Toilette konnte ich gehen!" Das Mädchen hatte sich in Rage geredet, obwohl ihr bei jedem Wort die Rippen schmerzten.

"Da habe ich kein Recht, ihn kalt zu machen?", fügte sie mit Nachdruck hinzu. Kraftlos setzte sie sich auf eine alte Holzkiste.

"Dann machst du doch alles noch viel schlimmer!" Jane widersprach ihr nur sehr vorsichtig. Das Mädchen vor ihr, hatte sich in eine Bestie verwandelt. "Denk doch bitte auch an Vivi. Willst du wirklich, dass sie in ein Kinderheim kommt?"

"Ich hab all die ganzen Jahre nur an euch gedacht!" Eiskalt ließ Luna die Schwester abblitzen. "Ihr seid mir beide so was von Scheiß egal!"

"Das stimmt nicht, Luna! Und das weißt du auch! Ich bin mir ziemlich sicher, dass du Vivian liebst! Du bist nur zu stolz, uns deine Gefühle zu zeigen! Hinter deinem Panzer steckt ein ganz hilfloser Mensch! Du bist nämlich gar nicht so stark, wie du immer tust!"

"Eh, wo hast du denn diese klugen Sätze her? Davon verstehst du doch gar nichts!"

Mit schmalen Augen sahen sich die Mädchen an.

"Ich verstehen davon nichts?", fragte Jane zurück. Wieso müssen wir uns ständig streiten, hatte sie sich überlegt. Aber diesmal gebe ich nicht klein bei!

"Glaubst du wirklich, ich weiß nicht, dass du nachts weinst?"

"Das stimmt überhaupt nicht!" Unter normalen Umständen, wäre Luna jetzt auf sie losgegangen. Aber der lädierte Knochen und die schmerzenden Rippen zwangen sie, ganz ruhig sitzen zu bleiben. Lediglich das Gesicht drückte ihre gesamte Wut aus.

"Doch das stimmt! Und Vivi hat dich ebenfalls gehört! Du bist so fertig mit der Welt, dass du nachts ins Bett pinkelst, ohne es zu merken!"

Jane hatte sich nun ebenfalls in Rage geredet. Die spinnt doch wohl, dachte sie. Anstatt dankbar zu sein, dass sie hier raus kommt, geht die auf mich los.

Sie sah, wie Luna erstarrte, als sie ihr größtes Geheimnis aussprach.

"Ich kann dich ja verstehen", lenkte Jane etwas freundlicher ein, obwohl sie die Schwester überhaupt nicht verstand. "Luna, das ist doch wirklich nicht schlimm. Mir ist das auch schon passiert, als ich mal dran war. Du brauchst dich deswegen nicht zu schämen. Du bist einfach runter mit den Nerven."

Vorsichtig, jederzeit bereit, zurückzuspringen, falls Luna zuschlagen wollte, kam Jane näher an sie heran.

Behutsam griff sie nach ihrem Arm, da die Schwester anscheinend ruhig blieb.

"Komm bitte mit nach oben. Ich hab Abendessen gemacht. Du kannst dich waschen. Niemand wird dich in diesem Zustand sehen. Ich werde dafür sorgen. Vater hat sich wirklich bei mir entschuldigt. Er tut dir nichts mehr. Diese Zeiten sind bestimmt vorbei."

Luna fing plötzlich an zu weinen. "Hilfst du mir? Ich kann mit meinem Bein nicht auftreten." Ganz schnell versuchte sie die Tränen wegzuwischen, aber es kamen immer mehr und sie schaffte es nicht. Zum ersten Mal in ihrem Leben zeigte sie ihrer Stiefschwester offen, dass auch sie weinen konnte. Jane nahm sie in die Arme und Luna weinte sich an deren Schulter aus.

Sie zeigte ihre Gefühle nicht allzu lange, aber es war immerhin ein Fortschritt. Als sie sich wieder unter Kontrolle hatte, stand Luna auf. Gestützt von Jane, verließ sie ihr Gefängnis und gemeinsam humpelten sie die Treppe rauf.

Jane schob sie auch sofort ins Badezimmer, drehte die Dusche voll auf, legte ihr Handtücher hin und brachte frische Sachen zum Anziehen.

Regungslos blieb Luna auf dem Toilettendeckel sitzen und wartete bis sie endlich ganz allein war. Sie wollte für sich sein, beim Betrachten der restlichen Misshandlungen und zog sich auch erst aus, nachdem sie die Tür von innen verriegelt hatte.

Stück für Stück schälte sie sich aus den schmutzigen Klamotten. Sie ekelte sich vor ihrem eigenen Körper, der wirklich nicht gut roch.

Vorsichtig tastete sie ihren Brustkorb ab, der leicht angeschwollen war. Hoffentlich ist keine Rippe gebrochen, dachte Luna. Sie konnte es durch das Abtasten nicht herausfinden.

Der rechte Oberschenkel war dicker, als der linke. Ebenso verhielt es sich mit den Knöcheln.

Von den Beinen aufwärts fand sie nur sehr wenige Stellen mit heiler Haut. Überall entdeckte Luna grüne, blaue und gelbe Flecke. Die meisten waren erst gestern hinzugekommen.

Dann betrachtete sie sich im Spiegel, den die Haushaltshilfe am Morgen gekauft hatte. Erschrocken sah sie wieder weg und dann wieder hin.

"Was hat das Schwein mit meinem Gesicht gemacht?", flüsterte sie lautlos. Ihre Finger strichen vorsichtig über das dicke Auge, mit der, ohnehin kaum verheilten, Wunde vom Dienstag. Diese konnte ja auch nicht richtig verheilen, wenn immer wieder jemand drauf schlug.

Sie hockte sich in die Duschwanne und ließ das Wasser auf sich nieder prasseln. Es tat ihr mehr weh, als gut und sie wusch sich nur sehr notdürftig. Trotzdem fühlte sie sich danach sauberer und wie ein neuer Mensch.

Anschließend zog Luna die sauberen Sachen an und stellte sich erneut vor den Spiegel. Ohne das getrocknete Blut sah sie schon viel besser aus. Nur das Auge störte, doch die Schwellung würde bis Montag zurückgegangen sein. Den Rest konnte man mit Make-up überdecken.

Luna beruhigte sich ein wenig, doch sie musste noch die Begegnung mit dem Onkel überstehen. Jane hatte ihr schon zweimal durch die Tür mitgeteilt, dass das Abendbrot fertig war.

Nur sehr zögerlich verließ sie das Badezimmer. Ganz langsam, bereit, jeden Moment den Rückzug anzutreten, ging Luna auf die geschlossene Küchentür zu. Sie konnte nicht erkennen, ob sich ihr Onkel da drinnen aufhielt.

Herr Meinert saß am Tisch, nachdem das Mädchen endlich allen Mut zusammengenommen hatte und eintrat. Er lächelte sie an, als hätte es die letzten 24 Stunden nicht gegeben. Scheu lächelte Luna zurück. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte und setzte sich stumm auf ihren Platz.

"Geht mal in euer Zimmer!", sagte Herr Meinert zu seinen anderen Töchtern. "Ich will mit Luna alleine reden!"

Die Mädchen verließen eiligst die Küche, sahen sich aber noch einmal angstvoll zu den beiden um. Dann war Luna mit dem Onkel allein. Sie musste einfach abwarten, wie es weiter ging.

"Entschuldigung, dass ich dir gestern so arg weh getan habe", begann der Mann. Er sah ihr dabei nicht in die Augen. Ich weiß, dass ich das nicht wieder gut machen kann. Aber bitter verzeih mir. Es wird nicht wieder vorkommen."

Herr Meinert brach ab. Hilflos sah er sich im Raum um, dann seiner Stieftochter an. "Wirst du mich anzeigen?"

Auch Luna verstand jetzt, wovor ihr Onkel Angst hatte. Ich hab ihn in der Hand, jubelte sie innerlich. Ihr Selbstbewusstsein stieg wie nie zuvor, in seiner Gegenwart.

"Nein!", antwortete sie ihm mit ruhiger Stimme.

"Was heißt nein?"

"Keine Anzeige! Unter einer Bedingung!" Kühl sah sie ihm fest in die Augen. "Du wirst mich nie wieder verprügeln! Entweder du lässt die Finger von mir, oder ich gehe das nächste mal zu den Bullen!" Innerlich zitternd, wartete sie auf die Reaktion darauf.

"Geht in Ordnung!" Der Onkel hielt ihr die Hand hin. Luna schlug ein und der Handel war damit besiegelt.

Sie konnte noch gar nicht fassen, dass alles so glatt abgelaufen war.

Friedlich gegenüber sitzend, beendeten beide ihr Abendessen.

Erwartungsvoll sahen Jane und Vivian sie an, als Luna ins Kinderzimmer kam. Beide saßen im Schlafanzug auf ihren Betten.

"Herzlichen Glückwunsch, kleine Schwester!" Luna umarmte Vivian und verhielt sich so, als wäre sie keine Stunde weg gewesen.

Die Schwester antwortete nicht. Sie wollte ganz schnell wissen, wie das Gespräch verlaufen war. Jane hatte sie schon ein wenig aufgeklärt und nun wollte sie den Rest wissen.

"Jetzt erzähle schon!" Jane war weitaus weniger geduldig.

Aber Luna ließ sich Zeit. Sie freute sich auf ihr Bett, denn sie war todmüde nach den letzten Stunden.

"Möchtest du was trinken?", versuchte Jane sie zu locken. Wie immer hatte sie damit Erfolg. Luna griff gierig nach der Flasche, die Jane hochhielt, ihr aber nicht gab.

"Erst erzählen!", befahl sie.

"Ihr seid Nervensägen!", bekam sie zur Antwort. Dann setzte Luna sich zu ihr aufs Bett, ließ aber den Wodka nicht aus den Augen.

"Es ist Frieden. Euer Vater hat mir in die Hand versprochen, dass er sich in Zukunft beherrschen wird und uns nichts mehr tut. Er hat wahnsinnige Angst, dass ich ihn anzeige, was ich unter diesen Umständen auch nicht mache. Außerdem hatte ich das so und so nicht vor." Fordernd hielt sie nun die Hand auf und Jane gab ihr die Flasche.

Die Schwestern sahen zu, wie sie gierig den Alkohol in sich rein schüttete.

"Schön!", antwortete Vivian sachlich.

"Was heißt schön? Wir können endlich in Ruhe leben!" Luna kam zu Vivian ans Bett und gab die Flasche an sie weiter. "Hier trink! Wir haben einen Grund zu feiern und außerdem hast du heute Geburtstag!"

"Bist du bescheuert?" Jane riss Vivian ganz schnell die Flasche aus der Hand und fauchte Luna an. "Sie ist gerade mal 13!"

"Na und? In welchem Alter hast du denn angefangen?"

"Das heißt noch lange nicht, dass sie es mir nachmachen muss!"

Die Schwestern funkelten sich an. Sie waren schon wieder bereit, aufeinander loszugehen.

"Hört auf! Ich wollte so und so nichts davon haben!" Vivian sah beide Schwestern böse an. Angeblich herrschte Frieden, aber sie benahmen sich wie immer. Außerdem dachte Vivian nicht im Traum daran, einen Schluck aus der Flasche zu nehmen.

Die Mädchen beruhigten sich auch wieder. Versöhnt nahmen sie auf Janes Bett Platz und teilten sich gerecht den letzten Rest Wodka.

Vivian war irgendwann eingeschlafen, doch Luna und Jane unterhielten sich noch leise.

"Glaubst du wirklich, dass er es ernst gemeint hat?" Vom Alkohol benommen, lehnte Luna sich an die Schwester.

"Ich kann es nur hoffen. Wir müssen abwarten, wie das Wochenende verläuft."

"Wir dürfen uns auch nicht mehr so oft streiten! Außerdem will ich mir in der Schule mehr Mühe geben. Solange sich kein Lehrer über mich beschwert, wird er ruhig bleiben!" Mit diesen guten Vorsätzen, begab Luna sich in ihr eigenes Bett. Sie hatte ihre Worte wirklich ernst gemeint, doch Jane glaubte ihr nicht. Sie kannte Lunas Charakter und wusste, dass diese Vorsätze höchstens eine Woche anhalten.

Luna war so fertig, dass sie schon nach wenigen Minuten eingeschlafen war. Jane lauschte den gleichmäßigen Atemzügen und schloss dann ebenfalls die Augen.

Das ganze Wochenende verlief wirklich sehr ruhig. Herr Meinert und Luna sprachen zwar nur das Notwendigste miteinander, aber es herrschte Harmonie.

Da Frau Müller am Samstag und Sonntag nicht arbeitete, kümmerte sich Jane um den Haushalt, während Vivian und Luna das Essen zubereiteten. Die Aufgaben hatte der Vater verteilt, während er im Wohnzimmer vor dem Fernseher saß. Die Mädchen kannten das auch nicht anders und erledigten die Arbeiten ohne zu murren.

Am Sonntag nachmittag unternahm der Vater sogar einen Spaziergang in den Zoo. Nur Luna wollte nicht mitgehen. Die Schwellung an ihrem Auge war noch nicht richtig zurückgegangen und sie legte lieber noch einen Eisbeutel drauf, damit sie am nächsten Tag wieder in die Schule gehen konnte. Außerdem hinkte sie noch ziemlich stark und wollte den Knöchel nicht unnötig belasten.

Der Onkel erlaubte es ihr, allein in der Wohnung zu bleiben und Luna genoss es, einmal für sich zu sein.

Freudig setzte sie sich vor den Fernseher und schaltete durch die Kanäle.

Herr Meinert schien sich um 180 Grad gewendet zu haben. Im Zoo kaufte er seinen Töchtern Eis und Kuchen. Vivian und Jane staunten, aßen und waren ganz aufgeregt vor lauter Freude. Auch der Vater lachte viel an diesem Nachmittag.

Am Abend, sie saßen alle gemeinsam im Wohnzimmer, spendierte er sogar noch jedem Mädchen 10 Mark.

Luna war fassungslos und bekam vor lauter Staunen den Mund nicht wieder zu. Von dem Eis und dem Kuchen hatte sie noch nichts erfahren.

Und zum ersten mal, seit Frau Meinert gestorben war, wurden die Kinder gefragt, was sie sich zu Weihnachten wünschten. Doch sie waren so durcheinander, wegen der starken Verwandlung des Vaters, dass keine der Mädchen antwortete.

"Willst du wirklich in diesem Zustand zur Schule gehen?"

Jane und Luna standen nebeneinander vor dem Badezimmerspiegel. Es war Montag morgen und sie machten sich für die Schule fertig. Luna versuchte gerade ihr blaues Auge hinter Make-up zu verstecken, was ihr jedoch nicht so recht gelingen wollte.

"Irgendwie kriege ich das schon hin!", murmelte Luna und schmierte eine weitere Schicht der braunen Creme auf ihre Haut. Trotzdem konnte man die Verfärbung noch deutlich erkennen.

"Ich meine damit nicht dein Gesicht!" Jane musterte die Schwester von oben nach unten. "Ich hab gesehen, dass du mit deinem rechten Fuß immer noch nicht auftreten kannst."

"Verstehst du das nicht? Nach der Geschichte vom Freitag, kann ich heute nicht schon wieder fehlen. Meinst du nicht, dass die Lehrer dann erst recht stutzig werden?"

"Und wenn du gefragt wirst, woher deine Verletzungen stammen?"

"Dann behaupte ich einfache, ich hätte mich mit jemandem geprügelt und dabei den kürzeren gezogen. Und jetzt lass mich endlich in Ruhe! Ich will fertig werden!" Hastig packte sie die Cremetube wieder weg und begutachtete sich noch einmal prüfend im Spiegel. Mit dem Kamm zog sie sich eine Strähne ins Gesicht, so dass von ihrer rechten Gesichtshälfte kaum noch was zu sehen war. Dann war sie mit ihrem Spiegelbild zufrieden und hinkte vorsichtig aus dem Raum.

Kopfschüttelnd sah Jane ihr nach und beendete dann ihre Morgenwäsche. Wenn Luna unbedingt zur Schule gehen wollte, so konnte sie das nicht verhindern.

Doch als sie sich auf dem Schulweg befanden, fing Jane erneut mit diesem Thema an.

"Und was machst du, wenn jemand sieht, wie stark dein Bein verletzt ist und dich zu zum Arzt schickt?"

Die Mädchen kamen durch Lunas Behinderung nur sehr langsam vorwärts. Jane befürchtete, schon wieder zu spät zu kommen.

"Du kannst dich unmöglich untersuchen lassen", wand Vivian nun ebenfalls ein. "Wenn der Arzt sieht, wie du unter deiner Kleidung aussiehst, schöpft der doch sofort Verdacht!"

"Mein Gott, das weiß ich auch!", aufgebracht humpelte Luna weiter und bemühte sich dabei, schneller zu werden. "Damit ihr es wisst! Ich habe nicht vor, mich von irgendeinem Arzt untersuchen zu lassen!"

"Dann denk bitte daran, dass du normal läufst, wenn du zum Direktor gehst! Ich soll dir nämlich ausrichten, dass du dich dort melden sollst, wenn du wieder in die Schule kommst! Und setz dich so hin, dass er dich nur von links sieht!" Jane gab auf, die Schwester zu überzeugen. Ihr wäre es verdammt lieber gewesen, wenn Luna sich noch nicht in aller Öffentlichkeit gezeigt hätte.

"Muss ich mich im Ernst beim Direktor melden?"

Jane nickte.

"Verdammter Mist!" Brummte Luna missgelaunt.

Endlich waren sie an der Schule angekommen. Gerade noch rechtzeitig vor dem Stundenklingeln.

Erleichtert ließ Luna sich auf ihren Stuhl fallen. Ihr rechter Knöchel schmerzte höllisch und sie war froh, dass sie ihn in den nächsten 45 Minuten nicht bewegen musste.

Jane setzte sich stumm neben die Schwester und verlor kein Wort mehr darüber, dass Luna sich eigentlich zum Direktor begeben müsste.

Jedoch wurde Luna gleich vom ersten Lehrer daran erinnert. Sie saß noch keine 10 Minuten, da musste sie schon wieder aufstehen und den Gang zum Direktor antreten. Wohl, war ihr nicht dabei.

Wie üblich musste sie vor dem Büro warten. Die Sekretärin blickte sie freundlich an, doch Luna reagierte nicht darauf. Aus Erfahrung wusste sie, dass hinter der Freundlichkeit eines Erwachsenen nichts Gutes steckte. Und genauso verhielt es sich auch.

Herr Klause empfing sie alles andere, als gut gelaunt. Luna biss die Zähne zusammen und trat ganz normal mit dem Fuß auf.

"Setz dich!"

So schnell sie konnte, setzte Luna sich auf den zugewiesenen Stuhl.

"Du beehrst uns auch mal wieder?" Der Direktor sortierte nebenbei einige Akten von rechts nach links. Dann zog er das Entschuldigungsschreiben hervor.

"Wer hat das geschrieben?", fragte er barsch.

Doch Luna wusste, was sie antworten musste, damit keine weiteren Nachforschungen angestellt werden. Jane hatte sie ausführlich darüber informiert.

"Das wissen sie doch schon!", antwortete sie ihm rotzig, frech.

"Ich will hier keine unverschämten Antworten!" Herr Klause brüllte schon wieder. "Ich will von dir die Wahrheit!"

"Ich hab das geschrieben!" Luna änderte ihren Ton keineswegs. "Weil ich keinen Bock auf Schule hatte!" Provozierend sah sie den Mann an.

Herr Klause nahm zwei der Akten in die Hand und ließ diese auf den Tisch niedersausen. Empört verzog er das Gesicht.

"Du gibst es also zu?"

Luna nickte bejahend.

"Ist dir klar, dass du mit einer Disziplinarstrafe rechnen musst? An deiner Stelle würde ich mich ein wenig mehr anstrengen! Das nächste mal fliegst du von der Schule!" Es sollte wie eine Drohung klingen, jedoch Luna kannte solche Sätze auswendig. Sie hörte diese nicht zum ersten Mal. Außerdem wusste sie, dass es gar nicht so einfach war, einen Schüler von der Schule zu verweisen.

Dementsprechend gab sie auch nichts auf die Worte des Direktors.

"Ist mir vollkommen klar!", antwortete sie. "Kann ich jetzt gehen?"

Der Mann zeigte nur stumm auf die Tür. Ein weiteres Wort und er wäre vermutlich explodiert.

Auch beim Hinausgehen, ließ Luna sich nichts anmerken, welche Schmerzen sie bei jedem Schritt spürte.

Wieder in ihrer Klasse, tauschte sie mit Jane nur einen kurzen Blick aus, damit diese verstand, dass alles wieder in Ordnung war. Befreit atmete die Schwester auf.

"Hast du Schmerztabletten dabei?" Kurz vor Ende der Stunde beugte sich Luna zu Jane. Mittlerweile hielt sie es kaum noch aus.

Die Schwester schüttelt bedauernd den Kopf. Verzweifelt schloss Luna die Augen und fragte sich, wie sie diesen Schultag überstehen sollte. Dann hatte sie eine Idee.

"Könntest du nicht zum Schularzt gehen und behaupten, du hättest Zahnschmerzen, oder Kopfschmerzen?", fragte sie in der Pause, wo sie sich ungestört unterhalten konnten.

"Bist du verrückt?", entfuhr es Jane. "Das glaubt der mir doch nie im Leben. Und wenn, schickt der mich zum Zahnarzt!"

"Versuche es wenigstens. Mir zuliebe." Lunas gequältes Gesicht überzeugte schließlich und Jane machte sich auf den Weg.

Die Pause verging und Jane kam nicht wieder. Von der nächsten Lehrerin wurde Luna gefragt, wo ihre Schwester sei und Luna erklärte es ihr. Hoffentlich kommt sie bald wieder, betete sie im Stillen.

Kurz darauf klopfte es auch schon an der Klassentür und Jane trat ein. Zum Glück erzählte sie das gleiche wie Luna. Dann setzte sie sich an ihre Bank und als sich niemand mehr für die beiden Mädchen interessierte, schob sie Luna zwei, in Folie verpackte, Tabletten zu.

Unauffällig schluckte sie diese beide gleichzeitig. Trocken und ohne nachzuspülen.

Gegen Ende der Stunde beruhigte sich ihr Knöchel tatsächlich. Aufatmend und dankbar lächelte Luna ihre Schwester an.

Irgendwie brachten sie den Schultag hinter sich. Die Wirkung der Pillen hielt an und die Geschwister kamen unbehelligt davon. Langsam, aber zufrieden gingen sie nach Hause.

Unterwegs hörte Luna ihren Namen und sie drehte sich suchend um. Sandra war keine 10 Meter hinter ihr und rannte auf sie zu. Atemlos blieb sie vor Luna stehen.

"Hi, wie geht's dir?"

Luna antwortete ihr nicht, sondern sagte zu ihren Schwestern: "Ihr könnt schon mal heim gehen! Ich komme später nach!"

Jane warf ihr zwar einen warnenden Blick zu, doch sie fügte sich.

Sandra und Luna liefen ebenfalls weiter und blieben erst in einem windgeschützten Hauseingang stehen.

"Wie siehst du denn aus?", fragte Luna schließlich und ihr Blick blieb an Sandras schmutzigen Sachen hängen.

"Wie soll ich schon aussehen? Bin abgehauen von daheim, sonst wäre ich jetzt vielleicht tot." Ausführlich erzählte sie Luna über die Nacht vom Donnerstag zum Freitag. Jeder andere würde nicht glauben, was er da hörte. Nur Luna konnte sie verstehen.

"Und wo hast du dich herum getrieben? Jane sagte, dein Vater hält dich versteckt. So schlimm siehst du doch gar nicht aus!"

"Soll ich mich mal ausziehen?", scherzte Luna zurück, doch dann begriff sie, was Sandra eben sagte. "Du hast mit Jane geredet und sie hat dir alles erzählt?"

"Nein. Erst haben die beiden behauptet, du liegst im Krankenhaus. Die habe ich dann abgesucht und dich nicht gefunden. Also bin ich zurück in die Schule und hab deine Schwestern ein bisschen unter Druck gesetzt. Da mussten sie raus mit der Sprache."

Sandra lächelte siegesbewusst. Luna erzählte nun gleichfalls vom Freitag.

"Und was machst du jetzt?", wollte sie anschließend von Sandra wissen.

"Nichts! Ich bin in meiner Fabrik. Hab noch zwei andere Typen kennen gelernt, die dort auch schlafen und tagsüber versuche ich Geld zu schnorren, damit ich mir was zu Essen kaufen kann. Wenn du willst, kannst

du mitkommen."

"Er hat sich bei mir entschuldigt. Es wird nie wieder vorkommen."

"Wie bitte?" Sandra lachte laut auf.

"Es stimmt. Mein Onkel hat sich übers Wochenende total verändert. Ich glaube ihm." Luna sah die Freundin nicht an, weil sie selber ahnte, dass die Verwandlung des Onkels nicht lange andauern würde.

"Soll ich dir mal was erzählen?", aufgebracht hielt Sandra sie fest. "Mein Vater hat sich bestimmt schon hundertmal bei mir entschuldigt und behauptet, er würde mich in Ruhe lassen! Keine zwei Tage später, hatte er mich wieder in der Mangel! Also sage mir nicht, du glaubst diesem Schwein!"

"Ich weiß es nicht!", entgegnete Luna leise. Sie fühlte sich plötzlich so kraftlos. Sie wusste genau, dass Sandra recht hatte. "Vielleicht später. Ich kann meine Schwestern doch nicht im Stich lassen."

"Na du musst es wissen! Du kannst aber auch nicht ewig auf die beiden aufpassen! Jane ist alt genug. Aber du weißt ja, wo du mich findest. Du bist jederzeit willkommen!"

Sandra ließ Jane einfach stehen und ging wieder in die Richtung, aus der sie gekommen war. Völlig verunsichert sah Luna ihr nach.

Auf dem Heimweg dachte sie über Sandras Worte nach. Natürlich hatte sie recht. Lunas Onkel würde sich niemals von heute auf Morgen ändern. Mit Sicherheit reichte der nächste geringe Anlass aus, um ihn alle Vorsätze vergessen zu lassen. Es blieb ein ewiger Kreisverkehr und Luna konnte ihm nicht entkommen.

Sandra hatte das schon begriffen und die Möglichkeit zur Flucht ergriffen.

Völlig verstört kam das Mädchen zu Hause an. Sie hatte innerlich beschlossen, auf das nächste Mal zu warten und dann erst zu entscheiden, ob sie sich Sandra anschloss.

"Hast du dich verletzt, Luna?", fragte Frau Müller besorgt, als sie in die Küche gehumpelt kam. Luna verzog nur das Gesicht und setzte sich an den Mittagstisch. Doch Margot war schon bei ihr und krempelte Lunas Hose hoch. Erschrocken blickte sie auf den dick, angeschwollenen Knöchel, der zudem auch noch in allen Farben leuchtete.

"Mädchen, wie ist das denn passiert?" Sofort sprang Margot wieder auf, holte Eis aus dem Kühlschrank und wickelte es mit einem Tuch um den Fuß.

"Ausgerutscht, was weiß ich", antwortete Luna.

"Aber..." Frau Müller sah direkt in Lunas Gesicht und entdeckte dabei das Veilchen. Ihr Gesicht erstarrte zu einer Maske.

"Hast du dich etwa geprügelt?" Mit dem Finger strich sie sämtliche Haare zur Seite und betrachtete das beschädigte Auge ganz genau.

Luna zuckte zurück. Sie wollte sich nicht anfassen lassen. Die Haushaltshilfe stand beleidigt auf.

"Das muss ich eurem Vater melden!" Energisch stellte sie einen Topf in die Spüle.

"Nein!", rief Vivian, bekam gleichzeitig einen Stoß von Jane und hielt sich erschrocken den Mund zu.

"Gar nichts werden sie ihm erzählen!", begann Luna drohend. Ihre Miene drückte den gesamten Hass aus, den sie für die Frau empfand. "Es geht sie überhaupt nichts an, was wir machen! Sie sind hier lediglich für den Haushalt eingestellt und nicht für unsere Erziehung!"

"Da hat mir euer Vater aber was anderes erzählt", unterbrach Margot sie.

Luna dachte kurz nach und lenkte scheinbar ein. "Okay. Aber sie müssen ihm nicht alles erzählen. Die Sache mit dem Spiegel hätte ich mit meinem Onkel allein klären können. Dadurch machen sie sich nicht beliebter!" Sie schüttelte das Eis von ihrem Fuß und verließ die Küche.

Unsicher sah Margot zu Vivian und Jane, doch diese schwiegen und hielten die Augen gesenkt.

"Was mache ich denn falsch?", fragte sie trotzdem. "Wieso komme ich mit eurer Schwester nicht klar?"

"Luna hat recht", begann Vivian vorsichtig. Nervös spielte sie an ihrer neuen Goldkette. "Du musst nicht gleich Vater anrufen und ihm alles sagen. Früher haben wir solche Probleme auch allein gelöst."

"Bist du der gleichen Meinung, Jane?"

"Ja. Auf diese Weise wirst du nie ihr Vertrauen bekommen. Ich geh mal nach ihr sehen." Sie stand auf und verließ ebenfalls den Raum.

"Ich werde mich bemühen", sagte anschließen Margot zu Vivian und war froh, dass diese ihr nicht auch die kalte Schulter zeigte.

"Was wollte Sandra von dir?"

"Geht dich nichts an!", knurrte Luna. Sie war dabei, eine schwierige Matheaufgabe zu lösen und brauchte dazu Ruhe.

"Sie hat das gleiche Problem wie wir. Stimmt's?" Unbeirrt redete Jane weiter und schaffte es, dass Luna aufsah.

"Von wem weist du das?"

"Ich hab's ihr angesehen. Sie ist genauso am Ende wie du! Jetzt weiß ich auch, warum ihr euch auf einmal so gut versteht."

"Du bist mal wieder superschlau!" Luna machte sich wieder an ihre Aufgabe. Sie wollte nicht über dieses Thema reden. Außerdem brauchte die Schwester nicht zu wissen, dass sie ernsthaft darüber nachdachte, gleichfalls abzuhauen.

Jane musst die Diskussion beenden, weil Vivian ins Zimmer kam. Alle drei machten einträchtig ihre Hausaufgaben.

Auch der Abend verlief harmonisch und ruhig. Herr Meinert hatte seine guten Vorsätze, trotz des anstrengenden Arbeitstages nicht vergessen. Er besah sich sogar Lunas angeschwollenen Knöchel, legte Eis drauf und verordnete absolute Ruhe. Das verwunderte die Kinder am meisten.

Lass diese Zeit wenigstens zwei Wochen andauern, betete Vivian. Dann erlebe ich mein schönstes Weihnachten. Sie stellte sich vor, wie sie gemeinsam im Wohnzimmer saßen und den Christbaum bewunderten. Vielleicht gab es sogar Geschenke, die sie auspacken konnte.

Das dünne Band des Friedens hielt tatsächlich eine ganze Woche. Die ersten Tage waren die Mädchen noch übernervös und zitterten bei jedem Anlass, bei dem der Vater früher ausgerastet wäre. Lunas Gesundheitszustand verbesserte sich von Tag zu Tag. An Stelle der Platzwunde, entstand eine dünne Narbe, die in einem Jahr bestimmt nicht mehr zu sehen war.

Das zweite Wochenende, es war der 3. Advent, verlief wie das vorige. Als ganz normale Familie saßen sie vor dem Fernseher. Die Mädchen auf dem Sofa, der Vater auf dem Sessel.

Von Sandra hörte Luna nichts in diesen Tagen. Sie hatte die letzte Begegnung mit ihr schon fast vergessen und dachte auch nicht mehr darüber nach, dass auch sie weglaufen wollte.

Als die Meinert Mädchen am Montag wieder zur Schule gingen, sahen sie so gesund aus, wie noch nie. Weder zu blass, noch übernächtigt und auch nicht übelgelaunt.

Jane und Luna hatten es sogar geschafft, sich nicht einmal am Wochenende zu streiten. Vivian war noch nie so glücklich in ihrem Leben gewesen.

Noch bevor die älteren Schwestern ihren Klassenraum betreten konnte, wurden sie von einem Lehrer aufgehalten.

"Luna Meinert?", fragte er, sah beide Mädchen an und wusste anscheinend nicht, wer es von beiden war.

"Ja?", antwortete Luna zögernd. Es gab keinen Grund, dass man schon wieder was von ihr wollte. Sie hatte nichts angestellt.

"Ich soll dich ins Sekretariat bringen!", befahl der Mann.

"Wozu?" Die Schwestern sahen sich erstaunt an. Sie konnten sich beide nicht erklären, was das bedeuten sollte.

"Frag nicht soviel! Mitkommen!" Ohne sich weiter um sie zu kümmern, lief der Lehrer voraus und ging davon aus, dass sie ihm folgen würde. Luna blieb auch nichts anderes übrig, als ihm nachzugehen.

Im Sekretariat warteten schon ein paar Erwachsene auf sie. Unter anderem auch Herr Klause.

Augenblicklich ging Luna in Abwehrstellung. So viele Leute auf einmal machten ihr Angst und das Misstrauen wuchs.

"Guten Morgen, Fräulein Meinert." Einer der Männer trat aus der kleinen Gruppe, kam auf sie zu und reichte ihr freundlich die Hand. Luna nahm sie nicht an, sondern drehte sich weg.

"Warum sollte ich herkommen?", fragte sie und sah den Direktor an.

"Mein Name ist Karstens. Ich möchte dich kennen lernen." Unbeirrt fuhr der Mann fort und achtete nicht auf diese Trotzreaktion.

"Ich nicht! Suchen sie sich jemanden anderes zum Kennenlernen!"

"Jetzt stell dich nicht so zickig an! Du wirst dich mit Herrn Karstens unterhalten!" Herr Klause ging dazwischen. Er hatte genug von Lunas rotziger Art.

Luna warf ihm darauf einen tödlichen Blick zu, aber das half ihr auch nicht.

Herr Karstens achtete nicht darauf. "Herr Klause hat uns freundlicherweise sein Büro zur Verfügung gestellt, damit wir uns unterhalten können." Mit der Hand vollführte er eine einladende Geste, während er schon die Tür öffnete.

Misstrauisch sah Luna alle anderen an und folgte ihm nur widerstrebend. Im Büro blieb sie mit dem Rücken an der Tür stehen.

"Luna, du kannst dich ruhig hinsetzen. Ich will dir nichts Böses!"

Das Mädchen reagierte nicht und blieb stehen.

"Na gut." Dessen ungeachtet redete Herr Karstens weiter. "Ich will mich erst einmal richtig vorstellen. Mein Beruf ist Kinder- und Jugendpsychologe. Man hat mich hergeholt, weil die Lehrer glauben, dass du einige Probleme hast."

"Was soll der Quatsch?" Aufgebracht fuhr Luna dazwischen. "Ich habe keine Probleme! Selbst wenn es so wäre, könnte ich die auch alleine lösen! Dazu brauche ich keinen Seelenklempner!"

Die Spannung im Raum elektrisierte sich. Wild und kampfentschlossen sah Luna den Mann an.

"Okay, okay." Ruhig blieb Herr Karstens sitzen. "Du musst mir nichts erzählen. Ich habe lediglich einige Fragen an dich. Wenn du nicht willst, brauchst du die auch nicht beantworten."

"Dann fangen sie endlich an!"

"Wie kommst du in deiner Familie zurecht? Als Adoptivkind hat man es doch bestimmt nicht immer leicht?"

"Da gibt es auch keine Probleme!"

"Und dein Stiefvater?"

"Er behandelt mich genauso wie Jane und Vivian. Da gibt es keine Unterschiede! Er hat sogar eine Haushaltshilfe eingestellt, damit wir uns mehr um die Schule kümmern können."

"Das ist schön zu hören." Herr Karstens notierte sich etwas auf einem Blatt Papier. "Aber warum kommst du dann nicht regelmäßig zur Schule?"

Er bekam keine Antwort.

"Es gibt noch was anderes, worüber wir mit dir reden wollen. Die anderen zwei Männer da draußen, kommen von der Polizei." Er beobachtete, wie das Mädchen zusammenzuckte, sich aber sofort wieder unter Kontrolle hatte. Dann drückte er auf den Verbindungsknopf zur Sekretärin und bat die Polizei hinein.

Um ein Haar hätte Luna die Tür in den Rücken bekommen, doch sie konnte gerade noch rechtzeitig zur Seite springen.

"Ich bin Kommissar Schwarz", stellte sich einer der beiden vor. Er reichte ihr nicht zur Begrüßung die Hand, sondern holte gleich sein Notizbuch hervor.

"Was weist du über Sandra Strauß?"

Unwissend zuckte Luna mit den Schultern. "Gar nichts."

Eine klare ruhige Antwort, doch der Mann glaubte ihr nicht.

"Willst du damit behaupten, dass ihr nicht miteinander befreundet seid?"

"Ich kenne sie flüchtig. Wir haben einmal miteinander gesprochen."

"Dann weist du auch nicht, dass Sandra seit einer Woche vermisst wird?"

"Nein!"

"Und du hast auch keine Ahnung, wo sie sich aufhalten könnte?"

"Absolut keine Ahnung." Luna blieb so gelassen, als wüsste sie nicht, worüber sie überhaupt sprachen.

"Also, gut." Kommissar Schwarz packte sein Notizbuch wieder weg. "Sollte dir aber noch etwas einfallen, meldest du das deinem Direktor. Der wird das dann an uns weiter geben. Du kannst jetzt in deine Klasse zurück."

Stumm verließ Luna das Büro. Solche Idioten, dachte sie. Als ob die was aus mir raus kriegen würden.

"Was halten sie von diesem Mädchen?" Herr Klause sah den Psychologen fragend an. Es war reiner Zufall gewesen, dass die Polizei und Herr Karstens gleichzeitig im Hause waren. So brauchte man Luna nur einmal ins Büro holen, um sie zu befragen.

"Na ja, ich kann nichts besonderes an ihr finden." Der Psychologe holte eine Akte aus seiner Tasche und blätterte darin. "Das Mädchen ist im pubertären Alter und angesichts ihrer Vorgeschichte, ist dieses Verhalten schon fast normal."

"Welche Vorgeschichte?", fragten die Sekretärin und der Direktor gleichzeitig.

"Luna wurde schon einmal psychologisch untersucht. Deshalb habe ich eine Kopie ihrer Akte angefordert. Das Mädchen wurde von ihren leiblichen Eltern schwer misshandelt. Ihre Mutter ist jetzt in einer Anstalt, der Vater sitzt im Gefängnis. Aus diesem Grund haben die Meinerts sie adoptiert."

"Oh mein Gott", flüsterte die Sekretärin fast lautlos und schlug entsetzt die Hände vor den Mund.

"Na klar! Die schlimmsten Roadies hatten schon immer eine schlimme Kindheit", entgegnete Herr Klause ironisch.

"Das Mädchen lag wochenlang im Krankenhaus, so schlimm wurde sie verprügelt. Außerdem haben die Eltern sie fast verhungern lassen. Lunas jüngerer Bruder ist damals an Unterernährung gestorben." Er machte eine kurze Pause und packte Lunas Akte wieder weg. "Ich will damit nicht ihr Verhalten entschuldigen, aber das erklärt vieles. Luna wird noch lange brauchen, bis sie wieder Vertrauen zu anderen Menschen findet. Soviel ich weiß, ist sie bei Herrn Meinert bestens aufgehoben. Ich habe mich über ihn erkundigt. Er ist ein ordentlicher Mann und ein liebevoller Familienvater."

Eine Zeitlang blieb es still. Dann verabschiedete sich Herr Karstens. Der Direktor und die Sekretärin wendeten sich wieder ihrer eigentlichen Arbeit zu. Doch die Geschichte über Luna ging ihnen nicht so schnell aus dem Kopf.

"Was war denn los?", flüsterte Jane ganz aufgeregt. Ungeduldig hatte sie auf Lunas Rückkehr gewartet und sich mit Schrecken alles Mögliche ausgemalt, worum es gehen könnte.

"Wegen Sandra", gab Luna ebenso leise zurück.

"Wieso?" Mit allem hatte Jane gerechnet, nur nicht damit.

"Die hat's zu Hause nicht mehr ausgehalten und ist abgehauen!"

Die Mädchen wurden vom Lehrer unterbrochen, der sie grimmig ansah, weil sie seinen Unterricht störten.

Jane beschloss, Luna in der Pause weiter auszufragen.

In der großen Pause packte Luna ihre Sachen zusammen. Alle Mitschüler befanden sich schon auf dem Hof, nur die Schwestern waren zurückgeblieben.

"Was hast du jetzt schon wieder vor?", fragte Jane ängstlich.

"Ich muss zu Sandra."

"Wozu?"

"Ich will sie warnen, dass sie von der Polizei gesucht wird!" Energisch schüttelte Luna, Janes Arm ab, der sie hindern wollte, weiter zu packen.

"Bitte geh nicht! Damit zerstörst du alles! Du weist doch gar nicht, wo sie ist." Janes Stimme klang kläglich.

"Natürlich weiß ich, wo sie ist. Sonst würde ich nicht hingehen! Sag dem Lehrer, mir wäre schlecht geworden, oder ich hätte meine Tage bekommen. Das müssen sie akzeptieren!"

Sie stand schon an der Tür.

"Und wenn Vater das raus kriegt?" In Janes Augen schwammen die Tränen. "Du machst den Frieden absichtlich kaputt!"

"Er bekommt es nicht raus! Und jetzt mach, was ich dir gesagt habe!" Luna ging und ließ eine völlig verstörte Schwester zurück. Sie war sich sicher, dass nichts schief gehen konnte.

Unbemerkt kam sie an dem Aufsichtslehrer vorbei und stand fünf Minuten später vor der Schule. Auf direktem Weg ging sie zu der verlassenen Fabrikhalle.

Unterwegs dachte sie darüber nach, was sie tun sollte, wenn Sandra gerade nicht da war. Vielleicht hatte sie sich inzwischen eine andere Unterkunft gesucht? Eine, die wärmer war. Aber das konnte sich Luna nicht vorstellen. Sandra hätte ihr mit Sicherheit Bescheid gesagt.

Doch Luna hatte Glück. Sandra schlief auf den Matratzen, zugedeckt von mehreren, schmutzig alten Decken.

Vorsichtig rüttelte Luna sie wach. Es dauerte lange, bis die Freundin zu sich kam und sie erkannte. Die Mädchen sahen sich freudig an.

"Mensch Luna! Ich hätte nie gedacht, dass du doch noch kommst!" Umständlich schälte sie sich aus den Decken und griff nach einer Flasche, die neben dem Lager stand. Das Etikett war abgerissen und Luna konnte nicht erkennen, was es war.

"Ich wollte dich nur warnen. Die Polizei war heute in der Schule und hat mich nach dir gefragt."

"Was hast du geantwortet?" Sandra blieb darauf völlig gelassen.

"Na hör mal! Schließlich kenne ich dich nur flüchtig! Woher soll ich dann wissen, wo du dich aufhältst?"

Die Mädchen lachten laut auf. Sandra reichte die Flasche weiter und Luna trank, ohne nachzufragen. Es schmeckte scheußlich und undefinierbar, aber tapfer schluckte sie die brennende Flüssigkeit hinunter.

"Du bist also nicht gekommen, um hier zu bleiben?", fragte Sandra schließlich.

Langsam schüttelte Luna mit dem Kopf. "Er hat mir seit einer Woche nichts getan. Noch nie war er so freundlich zu uns. Ich glaube ihm wirklich."

"Stimmt! Du siehst wirklich gut aus!", antwortete Sandra nach längerer Betrachtung. "Aber glaube mir. Das hält höchstens noch bis Weihnachten. Wenn dann der Alltag anfängt, bist du wieder reif! Sollte er sich ernsthaft geändert haben, hast du ganz großes Glück. Ich würde es dir gönnen."

Sandra war ein wenig enttäuscht. Es wäre so schön gewesen, wenn Luna bei ihr blieb. Zu zweit hätten sie es viel leichter gehabt.

"Ich muss jetzt wieder gehen." Luna stand auf. "In zwei Tagen komme ich noch mal vorbei. Soll ich dir irgendwas mitbringen? Brauchst du was bestimmtes?"

"Was essbares wäre nicht schlecht", antwortete Sandra, ohne zu zögern. Jetzt, wo sie wusste, dass man sie suchte, konnte sie sich nicht so oft auf die Straße trauen. Schließlich wollte sie nicht zu ihren Eltern zurückgebracht werden.

"Mal sehen, was ich machen kann", verabschiedete sich Luna und ging zum Ausgang.

Auf dem Vorplatz kamen ihr zwei Typen entgegen, die sie misstrauisch musterten. Ohne Worte lief sie an den beiden vorbei und verließ das Fabrikgelände.

Das müssen Sandras neue Freunde sein, dachte sie noch. Niedliche Jungs.

Jane und Vivian waren auf dem Heimweg. Die jüngere Schwester hatte der Älteren schon ein Loch in den Bauch gefragt, wo Luna abgeblieben sei. Jane erklärte es ihr mit wenigen Worten. Sie selber machte sich viel mehr Gedanken darüber, was sie Margot erzählen sollte, wenn diese sich ebenfalls nach Luna erkundigte.

Doch drei Straßen vor ihrem Haus stand Luna, lässig an einen Zaun gelehnt und wartete auf sie.

Ein Stein fiel Jane vom Herzen, als sie die Schwester erkannte.

"Hat es geklappt?", fragte Luna und lief neben ihr her. Es sah so aus, als wären sie schon den ganzen Schulweg zusammen gelaufen.

"Ja", knurrte Jane. Sie war sauer, weil sie schon wieder für Luna lügen musste und die Lehrer sie nach sämtlichen Einzelheiten ausgefragt hatten.

"Na siehst du! Ich hab dir auch was mitgebracht!" Luna tat so, als würde sie die schlechte Laune der Schwester gar nicht bemerken. Kurz zuvor hatte sie für Jane, in einem Laden, eine kleine Flasche mitgehen lassen. Sozusagen als Belohnung. Denn obwohl Herr Meinert sie jetzt in Ruhe ließ, tranken beide Mädchen noch genauso viel wie früher. Sie konnten einfach nicht anderes und schon gar nicht ohne.

Daheim erwartete sie wie üblich Frau Müller mit dem Mittagessen. Luna und Margot sprachen immer noch nicht miteinander, dafür plapperte Vivian unaufhörlich.

Der Tag verlief genauso, wie die in der letzten Woche. Anschließend machten die Mädchen ihre Hausaufgaben. Die Haushaltshilfe ging irgendwann heim und abends kam der Vater. Sie aßen gemeinsam Abendbrot, schauten neuerdings zusammen fern und 21 Uhr mussten die Kinder ins Bett. So sah der neue Alltag aus.

Am Dienstag in der Schule wurde Luna noch einmal nach dem Grund ihres gestrigen Verschwindens gefragt. Aber sie blieb dabei, dass sie ihre Tage bekommen hätte und deswegen so schnell wie möglich nach Hause musste.

"Ich hab dir doch gleich gesagt, die glauben uns nicht! Spätestens seit der Geschichte mit dem Entschuldigungsbrief!", sagte Jane, nachdem die Klassenlehrerin wieder gegangen war. Die Mädchen konnten ja nicht ahnen, dass Frau Geiger von diesem Brief nichts wusste, weil sie die letzten 14 Tage krank gewesen war.

Luna wollte gerade auffahren und irgendeine passende Antwort der Schwester entgegen schleudern, da trat die Sprecherin der Klasse an ihre Bank. Freundlich und hilfsbereit, wie das nun mal ihre Art war, sah Tanja die Schwestern an.

"Morgen abend findet die Weihnachtsparty in der Turnhalle statt. Ich wollte nur wissen, ob ihr beiden auch hinkommt."

Luna und Jane wechselten einen kurzen, erstaunten Blick.

"Klar kommen wir, wenn du uns sagst, wann sie anfängt." Jane lächelte Tanja hocherfreut an.

"18 Uhr geht es los. Es wäre wirklich schön, wenn ihr kommen wollt. Dann können wir uns auch ein bisschen besser kennen lernen."

Tanja erzählte ihnen natürlich nicht, dass es Frau Geiger gewesen war, die sie gebeten hatte, die Meinert Schwestern mehr in die Klassengemeinschaft einzubeziehen. Bis zu diesem Tag hatten Luna und Jane nur das Nötigste mit ihren Mitschülern gesprochen und auch die anderen ließen sie in Ruhe, seit sie wussten, wie rücksichtslos und brutal Luna sein konnte.

Tanja entfernte sich wieder von der letzten Bank und Luna sah ihre Schwester mit schmalen Augen an.

"Vielleicht sollten wir erst einmal deinen Vater fragen, ob er uns überhaupt hingehen lässt!"

Doch Jane lachte sie an. "Schon vergessen, dass Frieden ist? Warum sollte er uns nicht auf eine Schulveranstaltung gehen lassen? Außerdem wollte ich schon immer mal auf eine Party, oder warst du schon auf einer?"

"Ich hab keine Lust auf so was! Menschengedränge und laute Musik, können mich nicht gerade begeistern!"

"Ach bitte Luna." Mit flehenden Augen sah Jane die Schwester an. Die Hände hatte sie bittend zusammengelegt. "Allein lässt mich Vater bestimmt nicht hingehen. Wir müssen ihn gemeinsam fragen."

Luna antwortet nicht, weil es zur nächsten Stunde klingelte und der Lehrer rein kam. Doch während der Stunde sah Jane sie so oft bittend an, bis Luna endlich zustimmend nickte.

Auch die kleine Schwester redete auf dem Heimweg von nichts anderem. Unaufhörlich bat sie Luna und Jane, den Vater zu überzeugen, dass die drei Mädchen unbedingt hingehen mussten. Irgendwann reichte es Luna und sie blieb genervt stehen.

"Wieso wollt ihr beiden da unbedingt hin? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, was daran so toll sein wird!"

"Natürlich wird das schön!" Die Schwestern blieben ebenfalls stehen.

"Außerdem sollten wir wirklich mal ein paar Leute kennen lernen, jetzt wo Vater so lieb zu uns ist. Freunde machen einem das Leben leichter." Altklug sah Jane sie an.

"Ich will aber niemanden kennen lernen und auch keine neuen Freunde!", brauste Luna, schon wieder aggressiv, auf.

"Auch keine Jungs?" Verschmitzt lächelnd sah Vivian die älteren Mädchen an. "Andere in eurem Alter haben längst einen festen Freund!"

"Auch darauf kann ich verzichten!" Wütend über die Weisheiten der Stiefschwestern, lief Luna weiter.

Verdattert blieben Vivian und Jane allein. Denen blieb gar nichts anderes übrig, als ihr nachzulaufen.

Sogar Frau Müller wusste von der großen Weihnachtsparty, denn sie hatte die Plakate gelesen, die überall aufgehängt waren.

"Geht ihr drei da auch hin?", wollte sie wissen, während sie das Essen auf den Tisch stellte. "Das ist die schönste Feier vom ganzen Jahr."

Besorgt sah Jane zu Luna und fürchtete einen erneuten Wutausbruch. Doch es blieb ruhig in der kleinen Küche.

"Wir müssen erst unseren Vater fragen. Hoffentlich lässt er uns hingehen." Vivian schwatzte wie immer, völlig unbeschwert.

"Warum sollte er euch nicht hingehen lassen?" Erstaunt sah Margot die Mädchen an. "Ich werde einfach ein gutes Wort für euch einlegen, wenn er mich nachher anruft. Dann wird das schon klappen."

Ruckartig stand Luna auf. Ihr Stuhl kippte dabei um. Sie wollte was sagen, beherrschte sich jedoch in letzter Sekunde und stürmte dann aus der Küche. Verwundert sahen ihr alle nach.

"Hab ich schon wieder was falsch gemacht?", fragte Margot vorsichtig. "Ich wollte euch doch nur helfen."

"Sie hat keine Lust, dahin zu gehen!" Ohne sich weiter darum zu kümmern, begann Jane zu essen.

Frau Müller sagte gar nichts mehr. Die Reaktionen des Mädchens wurden ihr immer unheimlicher. Bis jetzt wusste noch niemand, dass sie vorhatte, bei der Familie Meinert zu kündigen. Sie kam zum ersten mal nicht mit den Kindern zurecht. Außerdem war ihr Ehemann schwer erkrankt und dieser brauchte nun ihre ganze Hilfe und Pflege. Die Haushaltshilfe wollte nur noch diese Woche bleiben, dann musste sich Herr Meinert eine neue suchen.

Später im Zimmer packte sich Jane die Stiefschwester. "Hör zu, Luna! Jetzt reden wir mal Klartext!" Sie hatte sich vor dem Bett aufgebaut, auf dem Luna lag. Die Hände wütend in die Hüften gestemmt und ohne darauf zu achten, dass Margot alles mithören konnte, schnauzte Jane sie an.

"Vivi und ich, wir wollen unbedingt auf diese Party und zum ersten Mal in unserem Leben, haben wir die Chance, da auch hin zu dürfen! Wenn du uns das mit Absicht verdirbst, dann Gnade dir Gott! Ich lass mir von dir nicht meine Träume zerstören! Irgendwann will ich auch mal ganz normal sein, wie alle anderen! Außerdem habe ich es satt, ständig nach deiner Pfeife zu tanzen! Und in Zukunft verhältst du dich zu Margot etwas freundlicher! Wenn deshalb alles wieder von vorne beginnt, kannst du was erleben! Dann lernst du mich mal richtig kennen!"

Luna hatte sich in ihrem Bett aufgerichtet und blickte sie mit gelassenem Gesichtsausdruck an. "Hast du sonst noch was auf dem Herzen?", fragte sie eiskalt.

"Ja, ich hasse dich!" Jane drehte sich weg, weil ihr die Tränen in die Augen stiegen. Diese Genugtuung wollte sie Luna nicht gönnen.

Sprachlos hatte Vivian dem Streit der Schwestern zugehört. Sie konnte nicht verstehen, was da vor sich ging und blickte eine nach der anderen an.

"Das habt ihr doch nicht ernst gemeint, oder?", fragte sie eine Viertelstunde später und hoffte, dass sich beide wieder beruhigt hatten. Eine Antwort erhielt sie nicht, denn beide Mädchen sahen sich nur feindselig an.

Bis zum Abend, wo Herr Meinert heim kam, sprachen sie keinen Ton miteinander. Danach taten sie so, als wäre alles in bester Ordnung.

Doch während des Abendessens geschah das Wunder.

"Morgen abend findet in der Schule eine große Weihnachtsfeier für alle Schüler statt." Luna hatte lange mit sich gehadert, ob sie diejenige sein sollte, die nachfragte. Ein Blick in Vivians traurige Augen, hatte sie schließlich umgestimmt. "Würdest du uns erlauben, da ebenfalls hinzugehen?"

Der Vater hörte auf zu kauen und sah seine Töchter nachdenklich an. "Wie lange geht diese Veranstaltung?"

"18 Uhr fängt sie an und 22 Uhr ist sie zu Ende. Lehrer sind auch dabei. Es kann nichts passieren." Jane redete weiter, weil der Vater sie zuletzt angesehen hatte.

"Meinetwegen!", brummte der Mann schließlich. "Aber ihr seid halb zehn wieder zu Hause. Vergesst nicht, dass ihr am anderen Tag wieder Schule habt!"

Die Mädchen nahmen es dankbar hin. Sie waren schon froh, überhaupt hingehen zu dürfen. Um die letzte halbe Stunde wollten sie nicht feilschen. Im Gegenteil, sie bedankten sich artig.

"Mit dir muss ich nachher noch reden!"

Luna schreckte auf. Der Onkel sah ihr direkt in die Augen. In ihrem Kopf begann es fieberhaft zu arbeiten.

Was hatte sie nun schon wieder falsch gemacht? Was wollte er von ihr?

Unruhig wartete sie darauf, dass Herr Meinert mit dem Essen fertig wird. Sie selber brachte keinen Bissen mehr herunter. Endlich war es soweit. Mit fahrigen Bewegungen stand Luna vom Tisch auf und folgte ihm ins Wohnzimmer.

"Der Anwalt deines Vaters hat mich heute aufgesucht", begann Lunas Onkel ohne Umschweife und setzte sich gemütlich in seinen Sessel.

Luna musste sich gleichfalls hinsetzen, weil ihr mit einmal die Kraft fehlte. Entsetzt blickte sie den Mann an. "Was wollte er von dir?"

"Dein Vater hat dir doch vor einigen Wochen geschrieben und angefragt, ob er dich besuchen dürfte. Das gleiche wollte auch sein Anwalt von mir wissen. Ich hab ihm gesagt, darüber müsste ich erst mit dir reden."

"Ich will ihn nicht sehen!", flüsterte Luna.

"Das kann ich verstehen. Du hast Angst vor ihm, weil er durch dich ins Gefängnis wanderte. Ich werde das seinem Anwalt mitteilen!" Herr Meinert stand auf und ging an ihr vorbei. An der Tür rief er nach Vivian und Jane, damit sie gemeinsam fernsehen konnten. Für ihn war die Sache erledigt, doch in Luna machte sich die Panik breit. Was würde geschehen, wenn ihr Vater auch ohne Erlaubnis plötzlich vor der Wohnungstür stand?

Nervös kaute sie an den Fingernägeln. Auf den Bildschirm und das Programm konnte sie sich keine Sekunde lang konzentrieren.

"Darf ich schon ins Bett gehen? Mir geht es nicht besonders", entschuldigte sie sich, stand auf und ging, ohne auf Antwort zu warten, aus dem Raum.

Jane spürte, als die Schwester an ihr vorbei lief, wie stark Luna erregt war. Sie sah ihr besorgt nach, dann den Vater an, doch dieser reagierte nicht.

Luna hatte sich die kleine Flasche Wodka, die eigentlich für Jane gedacht war, mit ins Bett genommen. Sie wollte die Erinnerungen an ihren leiblichen Vater verdrängen, doch je mehr sie trank, um so deutlicher schob sich das Gesicht des Vaters vor ihr geistiges Auge.

Luna kannte ihn nur betrunken, mit verzerrter Maske, roter Schnapsnase und ekelhafter Alkoholfahne. Wenn er nicht gerade in der Kneipe hockte, oder auf dem Sofa seinen Rausch ausschlief, dann verprügelte er seine Frau. Diese war aber meistens so benommen, dass sie gar nichts mehr mitkriegte und dann schnappte er sich seine Tochter. Manchmal sogar seinen kleinen Sohn, der ohnehin nicht ganz richtig im Kopf gewesen war. Die Mutter hatte daran schuld, weil sie auch während der Schwangerschaft mit ihm, nicht auf den Alkohol verzichtete.

Das Mädchen konnte nicht verhindern, dass auch das schlimmste Erlebnis mit ihrem Vater, wieder hochkam. Jahrelang hatte sie darüber geschwiegen und es nicht einmal vor dem Gericht erzählt.

Eines Abends hatte er seine Zechkumpanen mit heim gebracht. Ängstlich hatte sie damals, gerade 9 Jahre alt, gelauscht, wie die Männer grölten und lachten. Irgendwann hatte sie sich die Decke über den Kopf gezogen und die Ohren zugehalten. Allerdings merkte sie dadurch nicht, dass der Vater plötzlich ins Zimmer kam. Er hatte sie aus dem Bett gezerrt und mit ins Wohnzimmer geschleift. Völlig erstarrt blieb das kleine Mädchen vor den ekelhaften Männern stehen. Das Weinen hatte sie sich zu dieser Zeit schon lange abgewöhnt.

Irgend jemand packte sie und zerriss das viel zu große Nachthemd. Nackt, schutzlos und total ausgeliefert, wurde sie zwischen den Kerlen hin und her geschubst. Der Vater schämte sich nicht einmal, für den zerschundenen Körper seiner Tochter. Doch in ihrem berauschten Zustand, merkten das die Männer nicht. Überall tatschten sie das hilflose Mädchen an, bis sie schließlich ohnmächtig umfiel.

Am nächsten Morgen erwachte Luna wieder in ihrem Bett. Sämtliche Erinnerungen an die vergangene Nacht, verdrängte und behandelte sie, wie einen lästigen Traum.

Jane kam ins Kinderzimmer und fand Luna tränenüberströmt vor.

"Luna, was ist denn los?" Hastig war sie am Bett und nahm die Schwester liebevoll in den Arm. "Was hat Vater zu dir gesagt?"

"Mein Vater wird entlassen und will mich sehen." Luna schluchzte, schniefte und stotterte gleichzeitig. Die Tränen hatte sie sich jedoch blitzschnell an der Bettdecke abgewischt.

"Das kann er doch gar nicht", versuchte Jane sie zu trösten.

"Warum denn nicht? Schließlich ist er mein Vater", begehrte Luna erneut auf.

"Ich hab wahnsinnige Angst vor ihm", flüsterte sie dann, so dass Jane sie kaum verstand.

"Es geht trotzdem nicht! Offensichtlich hat dich niemand darüber aufgeklärt", stellte Jane fest, setzte sich noch enger zu Luna und sah sie ernsthaft an. "Als Mama noch lebte, hat sie mir einmal von dem ganzen Fall erzählt. Das war kurz bevor du zu uns kamst und ich sollte damals wissen, wie ich mich dir gegenüber verhalten soll. Jedenfalls haben deine leiblichen Eltern keinen Anspruch mehr auf dich! Verstehst du? Die haben das Sorgerecht für dich verloren!"

Jane brach ab und es blieb ruhig im Zimmer. Nur die Geräusche, die Luna verursachte, wenn sie die Nase hochzog, durchbrachen die Stille.

"Ist das wirklich wahr? Bist du dir da ganz sicher?" Nach endlosen Minuten sah Luna die Schwester an.

"Ja!" Noch ehe Luna reagieren konnte, hatte Jane ihr die Flasche weggenommen. "Und ich entschuldige mich für alles, was ich heute mittag zu dir gesagt habe!" Lächelnd öffnete sie den Verschluss.

"Ich mich auch", gab Luna zögernd zu. "Trink ruhig! Die war so und so für dich gedacht!"

"Sag bloß, du hast für mich geklaut?" Ungläubig starrte Jane sie an.

"Nein, ein obdachloser Penner hat sie mir geschenkt!"

Wieder versöhnt, fielen sich die Schwestern um den Hals.

Durch Janes Offenheit konnte Luna beruhigt einschlafen. Trotzdem wurde sie mehrmals wach, weil sie geträumt hatte, ihr Vater wäre gekommen, um sie zu holen. Aber dann erinnerte sie sich an die Worte der Stiefschwester, drehte sich auf die andere Seite und schloss erneut die Augen.

Am nächsten Tag in der Schule hatte sie ständig das Gefühl, von den Lehrern angestarrt zu werden.

Einige sahen sofort wieder weg, wenn Luna sie anblickte, andere sahen ihr mitleidig nach.

Luna konnte nicht wissen, dass mittlerweile jeder Lehrer über ihre Kindheit und ihre leiblichen Eltern informiert war. Hätte sie es erfahren, hätte sie alles daran gesetzt, dass den Erwachsenen der mitleidige Gesichtsausdruck verging. Irgendwas wäre ihr da bestimmt eingefallen.

Aber sie wusste es nicht und so glaubte Luna, dass man sie beobachtet, weil sie von der Polizei befragt wurde. Allerdings musste sie dadurch ihren Besuch bei Sandra verschieben. Sie wäre unmöglich unbemerkt aus der Schule gelangt und eine Krankheitsgeschichte konnte sie nicht schon wieder vorschieben.

"Was ist denn heute nur los?" Auch Jane war aufgefallen, dass die Lehrer stehen blieben, wenn sie die Meinert Mädchen sahen.

"Keine Ahnung!" Unwissend hob Luna die Schultern. "Ich hab nichts angestellt!"

"Weiß ich auch. Trotzdem gaffen die uns an, als ob es so wäre!"

"Kann uns doch egal sein." Mit den Augen suchte Luna den Schulhof nach Vivian ab. Sie hatten große Pause und die kleine Schwester war noch nicht, wie sonst, zu ihnen gekommen. Doch dann entdeckte Luna sie. Zusammen mit Mädchen aus Vivians Klasse. Zufrieden wand sie sich wieder Jane zu.

An diesem Tag redete niemand von etwas anderem, als von der Weihnachtsfeier. Vivian und Jane hatten sich am Morgen noch einmal überschwänglich bei Luna bedankt, dass sie den Mut aufgebracht hatte, den Vater zu fragen, obwohl sie selber gar nicht hin wollte. Doch Luna hatte nur verächtlich abgewinkt. Sie wollte keinen Dank, sie wollte ihre Ruhe. Außerdem hatte sie sich so und so vorgenommen, während der Party auf dem Schulhof zu warten. Vielleicht konnte sie ja noch am Nachmittag, irgendwas zu Trinken auftreiben.

Der Abend kam schneller, als Luna es sich wünschte. Ihre Schwestern waren schon eifrig dabei, zu überlegen, was sie anziehen sollten. Darüber machte Luna sich keine Gedanken. Sie ging wie immer. In ihren alten Jeans und irgendeinem Sweatshirt. Dazu die dicke Winterjacke und schon war sie fertig.

Vivian wollte sich am liebsten schminken, doch die älteren Schwestern waren sich einig und sagten nein. Sie selber besaßen das Zeug auch nur, um irgendwelche verräterischen Stellen zu verstecken und nicht, um hübscher zu wirken.

"Hast du alles?", fragte Luna, kurz bevor es losging. Jane verstand, nickte und deutete auf ihre dicke Jacke. Sie war am Nachmittag noch mal losgezogen und hatte eine neue Flasche besorgt.

Die Party war schon voll im Gange, als die Mädchen das Schulgelände betraten. Ohrenbetäubende Musik drang aus der Turnhalle. Die Gesichter von Jane und Vivian hellten sich auf. Luna blieb irritiert stehen.

Noch nie war sie auf einer Party gewesen. Sie wusste überhaupt nicht, wie so was abläuft. Ihr, sonst sehr stark ausgeprägtes, Selbstbewusstsein verschwand und schüchtern sah sie sich um. Von allen Seiten her strömten Schüler auf die Halle zu. Alle hatten es eilig, hineinzukommen.

"Jetzt komm schon! Gib dir nen Ruck!" Jane war zurückgekommen und packte die Schwester an der Hand.

"Drinnen gibt es sogar Weihnachtspunsch, jedoch ohne Alkohol", fügte sie hinzu.

Doch Luna konnte sich nicht von der Stelle bewegen.

"Ich bleibe hier", sagte sie leise.

"Du kommst mit!", antwortete Jane energisch. "Oder soll ich jedem erzählen, dass die großartige Ludmilla Meinert, die keine Prügelei scheut, Angst vor einer Schulparty hat?"

"Könnten wir vielleicht erst was trinken?", zaghaft machte Luna einen Schritt in Richtung Toiletten. Ihre Schwester war nicht dagegen und gemeinsam verschwanden sie in der Mädchentoilette. Vivian hatte sich schon längst unters Volk gemischt und ihre neuen Freundinnen gefunden. Mit denen stand sie jetzt zusammen und sie lachten und alberten, wie das Mädchen in ihrem Alter nun mal tun.

Die Schwestern hatten bei dem Alkohol kräftig zugelangt und jetzt fühlte Luna sich schon viel besser und mutiger. Von der Flasche war nur noch die Hälfte übrig.

Dann beschlossen sie, sich in das Innere der umgestalteten Turnhalle zu wagen.

Erschrocken blieb Luna drinnen erneut stehen. Das grelle Licht der Diskobeleuchtung blendete und sie schloss die Augen. Aber sie hatte keine Chance, denn Jane zog sie einfach hinter sich her. Blindlings musste Luna ihr durch die Menschenmassen folgen.

In einer Ecke, wo es ein wenig ruhiger war, hielt Jane dann an. Erschöpft ließ Luna sich auf ein paar Turnmatten nieder. Die Ruhe war ihr jedoch nicht lange gegönnt, denn sie sah, wie Tanja mit zwei anderen Mädchen aus ihrer Klasse, auf sie zukam.

"Hauch die bloß nicht an!", raunte sie noch Jane zu, dann standen die Mitschülerinnen schon vor ihnen.

"Hallo! Schön, dass ihr gekommen seid", begrüßte Tanja sie, als würden sie sich schon Jahre kennen.

"Ja, wir konnten uns von den vielen Geschäftsterminen frei machen", alberte Jane. Der Alkohol war ihr schon mächtig zu Kopf gestiegen und sie dachte gar nicht daran, dass Tanja eventuell ihre Fahne riechen konnte. Diese verzog jedoch nicht einmal das Gesicht.

"Wollt ihr Weihnachtspunsch?" Die anderen Mädchen hielten die Gläser schon in der Hand. "Wir haben besonders guten." Verschwörerisch blinzelte sie mit den Augen. Auch Tanja lächelte wissend.

"Wieso?", fragte Jane ahnungslos.

"Der schmeckt besonders fein. Probiert ihn doch", forderte Tanja sie auf und reichte die Gläser weiter.

Luna konnte schon am Geruch erkennen, dass der Punsch mit jeder Menge Alkohol gestreckt worden war.

Vorsichtig kostete sie das unbekannte Getränk und wider Erwarten schmeckte es ihr.

"Auf die Freundschaft!", prostete Jane. Sie bekam den Satz nicht mehr ganz flüssig heraus, doch das störte in dieser Ecke niemanden. Hauptsache es kam kein Lehrer zu ihnen. Doch Luna konnte auf Anhieb auch keinen entdecken.

Die Party ging weiter und die fünf Mädchen bleiben beieinander. Die Schwestern fanden Tanja, Vera und Kathrin richtig nett. Normalerweise hätten sie denen gar nicht zugetraut, dass sie es wagten, auf so einer Veranstaltung Alkohol mitzubringen und ihn auch zu trinken.

Mehrere Male noch, wurden die halbvollen Punschgläser von einem Flachmann aufgefüllt, den Kathrin bei sich trug. Sie verteilte den Schnaps recht großzügig.

Dass Luna und Jane ebenfalls eine Flasche bei sich hatten, verrieten sie nicht. Trotz der aufkommenden Freundschaft blieben sie vorsichtig und morgen war auch noch ein Tag.

"Mir ist schlecht", flüsterte Jane, Luna ins Ohr. Sie schwankte schon mächtig und Luna hatte nun die Aufgabe, die Schwester unbemerkt zur Toilette zu bringen.

Luna schaffte es sogar, Jane zu einer anderen Toilette zu schaffen, die nicht in der Nähe der Turnhalle war. Dort wäre es womöglich aufgefallen und irgend jemand hätte nachgefragt, warum Jane sich erbrechen muss.

In der Zeit, wo Jane sich über das Becken beugte und den ganzen Punsch samt Alkohol wieder raus spuckte, genehmigte Luna sich noch einen Schluck aus ihrer Flasche. Sie hatte sie gerade an die Lippen gesetzt, als sie die Tür hinter sich, aufgehen hörte.

"Das darf ja wohl nicht wahr sein!" Völlig entsetzt blieb Frau Geiger stehen und sah auf Luna, die sich herum drehte. Die Flasche immer noch am Mund. Dann glitt ihr diese aus der Hand und zerbrach auf dem Fußboden.

"Verdammte Scheiße!" Jane kam aus ihrer Kabine gestürzt, wollte Luna noch irgendwas passendes sagen, unterließ es aber, als sie die Klassenlehrerin erblickte. Alle drei blieben, wie vom Donner gerührt stehen.

"Verdammte Scheiße!", wiederholte Jane sich, allerdings in einer anderen Tonart.

"Das kannst du aber laut sagen!" Endlich hatte die Lehrerin begriffen, was sich hier abspielte. "Ihr beiden kommt jetzt mit. Ich glaub, wir müssen uns unterhalten!"

Da jeder Widerstand zwecklos war, folgten ihr die Mädchen auch gehorsam. Luna zwang ihr benebeltes Gehirn zum Denken, aber ihr fiel keine Lösung ein.

Frau Geiger führte sie ins Lehrerzimmer und wie aus dem Nichts, tauchte auch der Direktor auf. Die Lehrerin schilderte ihm mit wenigen Worten die Sachlage, dann unterhielten sie sich so leise, dass die Schwestern nichts verstehen konnten.

"Woher habt ihr den Alkohol?" Herr Klause drehte sich zu den Mädchen, die wie Angeklagte nebeneinander saßen und nicht aufsahen. Jane hatte immer noch mit ihrer Übelkeit zu kämpfen, also musste Luna antworten.

"Von zu Hause."

"Willst du mir weismachen, euer Vater erlaubt euch, Alkohol zu trinken?" Rasend schnell kam der Mann auf sie zu. Luna erschrak fürchterlich und sprang augenblicklich auf. Im ersten Moment glaubte sie, er wolle zuschlagen. Wie Kampfhähne standen sie sich gegenüber.

"Was soll das?", schrie der Direktor, sichtlich irritiert. "Wer hat dir erlaubt, aufzustehen?"

"Setze dich bitte wieder hin." Mit ruhiger Stimme und sanfter Hand, drückte Frau Geiger das Mädchen wieder auf den Stuhl. Eine handgreifliche Auseinandersetzung wollte sie auf jeden Fall vermeiden.

"Es ist alles gut, Luna. Niemand will die weh tun." Die Lehrerin versuchte es nun mit der Mitleidstour. "Sag uns nur, woher du die Flasche hast. Die ist doch bestimmt nicht gekauft."

"Natürlich ist die gekauft. Auf der Straße findet man keine vollen Flaschen!" Luna beruhigte sich keineswegs und Mitleid zog bei ihr überhaupt nicht.

"Es reicht! Ich rufe Herrn Meinert an, damit er seine Mädchen abholen kann!" Der Direktor verließ das Lehrerzimmer.

"Bitte nicht", rief Jane ihm nach, ziemlich schwach und außerdem sinnlos. Dann ließen beide Mädchen niedergeschlagen die Köpfe hängen. Sie wussten, was geschehen würde, wenn der Vater sie erst einmal zu Hause hatte. Der Frieden war dann mit Sicherheit vorbei.

"Luna. Ich weiß, was du als Kind durchmachen musstest. Aber das ist doch noch lange kein Grund, selber zur Flasche zu greifen. Du siehst doch, was der Alkohol aus deinen Eltern gemacht hat." Frau Geiger wollte damit das Vertrauen des Mädchens gewinnen, erreichte jedoch genau das Gegenteil.

Luna ging wie eine Rakete hoch. "Gar nichts wissen sie über mich und meine Eltern!", brüllte sie die Lehrerin an. "Und es hat sie einen Scheißdreck zu interessieren, was aus meinen Eltern geworden ist!"

Hilflos brach sie ab und atmete tief durch. Sie musste ruhig bleiben, sonst machte sie alles noch viel schlimmer. Ratlos sah sie ihre Schwester an, doch diese saß völlig apathisch auf ihrem Stuhl und blickte auf den Boden. Eine Hilfe war sie für Luna jedenfalls nicht.

Die Klassenlehrerin wirkte durch diesen Ausbruch sichtlich verwirrt. Sie wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. So blieb sie stumm und wartete auf die Rückkehr des Direktors.

Herr Klause kam dann auch zurück. Auf seinem Gesicht spiegelte sich ein zufriedener Ausdruck.

Du elender Scheißkerl, dachte Luna, als sie seinen grinsenden Mund sah. Wenn du wüsstest, was du durch diesen Anruf alles kaputt gemacht hast, würde dir das Lachen vergehen. Irgendwann zahle ich dir das heim!

"Euer Vater wird euch gleich abholen", sagte er und blieb in der Tür stehen. Sollte eines der Mädchen versuchen zu fliehen, so wollte er das verhindern. Ihm war die Panik der Schwestern nicht entgangen.

"Er hat sich nicht gerade über meinen Anruf gefreut", fügte er hinzu. Die Angst, die er ihnen einjagte, bereitete ihm richtig Freude.

Luna und Jane mussten noch 15 Minuten warten, bis die Tür aufging und Herr Meinert davor stand. Sie hielten sich an den Händen, drückten sie und sprachen sich auf diese Weise Mut und Trost zu.

"Kann ich meine Kinder gleich mitnehmen?", fragte er, nachdem er die Lehrerin und den Direktor begrüßt hatte. Äußerlich blieb er ganz ruhig und spielte den besorgten Familienvater. Nur Luna und Jane erkannten den gefährlichen Blick in seinen Augen. Ihre Angst stieg zunehmend.

"Selbstverständlich. Packen sie die Mädchen ins Bett, damit sie ihren Rausch ausschlafen können und morgen wieder fit für die Schule sind!" Der Direktor verhielt sich ebenso freundlich, wie Herr Meinert. Nur Frau Geiger betrachtete den Mann intensiv. Schon in dem Moment, in dem er zur Tür herein trat, war Herr Meinert ihr merkwürdig. Sie konnte sich nicht erklären, woran das lag, aber auch sie spürte, das etwas gefährliches von diesem Mann ausging. Wenn das mal gut geht, dachte sie.

"Es ist eigentlich gar nicht weiter schlimm, was Luna und Jane gemacht haben", sagte sie, um die Mädchen ein wenig zu entlasten.

"Wie bitte?" Herr Meinert unterbrach sie. Auch Herr Klause sah die Lehrerin verständnislos an.

"Ich meine damit, dass Jugendliche in diesem Alter häufig die Wirkung von Alkohol probieren. Ihre Kinder sind kein Einzelfall. Außerdem war das doch das erste Mal." Unsicher sah die Klassenlehrerin die Männer an.

"Schon gut, Frau Geiger!" Mit einer Geste winkte der Vater seine Töchter zu sich heran. "Sie brauchen die beiden nicht zu verteidigen. Dazu kriegen sie gleich ausreichend Gelegenheit!"

Danach verabschiedete er sich und schob die Mädchen zur Tür hinaus. Luna konnte spüren, dass er extreme Mühe hatte, sich zu beherrschen.

Vivian wartete vor der Schule auf sie. Jemand hatte ihr Bescheid gesagt, doch niemand konnte ihr erklären, was genau passiert war. Sie konnte sich nur denken, dass es um ihre Schwestern ging. Aber als sie dann ihren Vater, zusammen mit Luna und Jane, aus der Schule kommen sah, fuhr ihr der Schreck mächtig in die Glieder. Es handelte sich also nicht, nur um eine banale Sache. Ohne ein Wort schloss sie sich an und zu viert gingen sie heim.

Hätte irgend jemand die kleine Gruppe beobachtet, wäre ihm aufgefallen, dass die Mädchen aussahen, als würde man sie zur Schlachtbank führen.

"Ich glaub, wir haben einen Fehler gemacht", begann die Klassenlehrerin vorsichtig, nachdem sie mit ihrem Chef allein im Zimmer war.

"Einen Fehler?" Der Direktor sah sie fragend an. "Wir machen einen Fehler, indem wir betrunkene Schülerinnen ihrem Vater übergeben? Welche Art der Erziehung vertreten sie eigentlich?"

"Das meine ich nicht. Irgendwas an dem Mann machte mir Angst und auch die Mädchen wirkten total eingeschüchtert, als sie ihrem Vater gegenüber standen."

"Nach diesem Vorfall würde ich auch Angst vor meinem Vater haben!"

"Hoffentlich bestraft er seine Töchter nicht all zu hart", begann Frau Geiger erneut.

"Quatsch! Meinen sie nicht, dass das Jugendamt die Familie genauestens überprüft hat, als sie damals Ludmilla adoptierten?"

Natürlich wurde die Familie Meinert vor der Adoption genau überprüft. Nur sieht man es einem Menschen nicht an, zu welchen Grausamkeiten er fähig ist. Außerdem waren sie mit dem Kind verwandt und da würde es bestimmt gut gehen.

Herr Meinert sagte nichts zu seinen Kindern. Er ließ ihnen auch keine Gelegenheit, irgendwas zu erklären. Für ihn stand nur eins fest: er musste seine Kinder bestrafen.

Vivian verzog sich klugerweise gleich ins Kinderzimmer. Der Vater ging schon im Flur auf Luna und Jane los.

Packte sie am Kragen und schob sie zum Wohnzimmer. Hätte Jane nicht rechtzeitig die Türklinke zu fassen gekriegt, wären sie wahrscheinlich gegen die geschlossene Tür gerammt worden.

Drinnen trat er Luna erst einmal in den Bauch, so das diese zu Boden ging und sich vor Schmerzen krümmte.

Nebenbei nahm der Mann sich Jane vor. Dieser war immer noch übel und nachdem sie den ersten Tritt abbekommen hatte, erbrach sie sich auf dem Teppich. Was den Vater nicht unbedingt ruhiger werden ließ.

Mit seinem Fuß drückte er Janes Kopf, das Gesicht nach unten, in das Erbrochene. Sie bekam ihn nicht mehr frei und musste in dieser Stellung ausharren. Dann nahm Herr Meinert den Gürtel in die Hand, den er schon vorher, griffbereit, über den Stuhl gehängt hatte. Voller Wucht landete er auf dem Rücken des Mädchens. Einmal, zweimal, dreimal und so weiter. Der Mann hatte sich so reingesteigert, dass er völlig vergaß, dass Luna auch noch im Raum war. Diese hatte sich inzwischen leicht erholt und kam mühsam auf die Beine. Sie sah, wie der Onkel sich an ihre Schwester abreagierte und ging augenblicklich dazwischen.

Ohne auf die Schmerzen zu achten, stürzte sie sich auf den Mann, damit er aufhören musste. Zusammen mit Luna, ging Herr Meinert zu Boden. Beide kämpften dort weiter. Luna war soweit, ihn umzubringen.

Doch der Mann war und blieb der Stärkere. Schnell hatte er das Mädchen wieder unter Kontrolle. Luna lag auf dem Rücken und er saß auf ihr. Mit seinen Knien hielt er ihre Arme fest, so konnte sie sich nicht wehren und er hatte beide Hände frei.

"Du mieser kleiner Bastard!", zischte er mit wutentbranntem Gesicht. Er zog ihren Kopf an den Haaren hoch und knallte ihn dann zurück. Lunas Blick verschleierte sich. Völlig benommen musste sie das noch einige Male über sich ergehen lassen. Jane konnte ihr nicht helfen. Sie lag immer noch in ihrem eigenen Schmutz.

Als der Mann sich dann sicher war, dass auch Luna sich nicht mehr wehrte, ging er mit dem Gürtel auf sie los. Wie immer schützte sie nur ihr Gesicht. Ansonsten ließ sie sich es, stumm und zuckend, gefallen. Sie sah ein, dass es keinen Zweck hatte, mit dem Vater zu kämpfen.

Irgendwann war Herr Meinert befriedigt und ließ von dem Mädchen ab. Ohne große Anstrengung, zog er beide Töchter hoch und schmiss sie, wie Abfall aus dem Wohnzimmer.

Sich gegenseitig stützend, schleppten sich die Schwestern in ihr Zimmer, wo sie, wie sie waren, in ihre Betten fielen und erschöpft liegen blieben.

Doch der Vater kam ihnen keine 5 Minuten später nach. Jane musste wieder aufstehen und im Wohnzimmer den Fußboden reinigen. Erst dann durfte sie sich das Gesicht abwaschen und schlafen gehen.

Luna verzichtete ganz aufs Waschen. Sie zog sich nicht einmal aus, blieb einfach liegen und schlief ein.

Doch in den frühen Morgenstunden wurde sie wieder wach. Alles fühlte sich kalt und nass an und sie musste feststellen, dass es ihr schon wieder passiert war. Hastig stand sie auf und schälte sich aus den Klamotten. Luna beförderte sie, zusammen mit dem Bettlaken, unters Bett und leise zog sie sich frische Unterwäsche an.

"Luna?", flüsterte Vivian, die im Gegensatz zu ihren Schwestern, kein einziges Auge zugetan hatte.

"Sei still und schlafe weiter!", schnauzte Luna zurück. Es passte ihr gar nicht, dass sie auch noch Augenzeugen hatte.

Doch die kleine Schwester ließ sich nicht abwimmeln. Sie stand auf und ging zu Luna hin. Sanft hielt sie das Mädchen fest, das gerade die beschmutzte Matratze umdrehen wollte.

"Du kannst bei mir schlafen", redete sie leise weiter. "Das bringt doch alles nichts! Deine Decke ist auch nass!"

Wie eine Mutter führte sie Luna zu ihrem eigenen Bett. Für die letzten paar Stunden, die sie noch schlafen konnten, würde der Platz reichen.

Willenlos ließ sich Luna von der Jüngeren zudecken und schlief in deren Armen ein.

Am Morgen bekamen die Mädchen den Vater nicht zu Gesicht. Er ließ sich nicht am Frühstückstisch blicken, sondern ging einfach so aus dem Haus. Luna und Jane hatten nichts dagegen. Sie fühlten sich immer noch wie gerädert, sprachen auch beide kein Wort. Weder miteinander, noch mit Vivian, die sich aber alle Mühe gab, die Schwestern auf andere Gedanken zu bringen. Großen Erfolg, erzielte sie nicht.

Als die Mädchen die Tür abschlossen und zur Schule mussten, kam ihr Nachbar aus seiner Wohnung. Vivian war die Einzige, die ihm freundlich Guten Morgen wünschte, doch der Gesichtsausdruck des Mannes blieb grimmig.

"Könntet ihr mir mal sagen, was ihr nachts für einen Lärm veranstaltet? Das klingt immer, als ob ihr die Wohnung umräumt und die Möbel verrückt!" Breitbeinig stellte er sich vor die Mädchen und hinderte sie, weiterzugehen.

"Na ja. So schlimm habe ich es auch nicht gemeint. Schließlich war ich noch nicht mal ins Bett gegangen", fügte er hinzu, nachdem er beobachtet hatte, dass die Mädchen wie aufgeschreckte Eichhörnchen zusammenzuckten und sich gegenseitig ansahen.

Luna hielt sich krampfhaft am Treppengeländer fest. Sie musste ihr Wut im Zaum halten, sonst hätte sie bestimmt irgendwas falsches zu dem Mann gesagt. Hätte der Nachbar sich gestern abend schon beschwert, an der Tür geklingelt oder wenigstens an die Wand geklopft, hätte der Vater bestimmt schon früher aufgehört, auf seine Töchter einzuprügeln. Sie konnte nicht fassen, dass er erst jetzt mit seiner Beschwerde ankam.

"Es tut uns leid, wenn wir sie gestört haben", entschuldigte sich Vivian. Sie hatte sich als erste von dem Schrecken erholt. "Könnten sie uns bitte vorbeilassen? Wir müssen in die Schule!"

Höflich, aber bestimmt, drängelten sich die Schwestern an ihm vorbei. Der Nachbar sah ihnen noch verwundert nach und ging dann zurück in seine Räume. Irgendwas stimmt da doch nicht, dachte er noch, vergaß aber den Gedanken schon eine Stunde später.

Jane und Luna hatten das Schulgebäude noch nicht mal richtig betreten, da kam ihnen auch schon die Klassenlehrerin entgegen.

Frau Geiger hatte sich die halbe Nacht Sorgen um die Mädchen gemacht und jetzt wollte sie unbedingt wissen, wie es den Kindern ging.

Reiß dich bloß zusammen, Jane, dachte Luna und sah die Schwester eindringlich an. Aussprechen konnte sie es nicht, denn die Lehrerin stand schon vor ihnen.

"Wie geht es euch? Alles in Ordnung?" Die Frau ignorierte die abweisenden Gesichter.

"Wie soll es uns schon gehen?", konterte Luna. "Zu Hause gab es Krach und die da hat nen Kater!" Mit dem Finger zeigte sie auf Jane.

"Seid ihr sehr hart bestraft worden?" Frau Geiger ließ nicht locker.

"Hä?" Luna sah sie an, als wüsste sie nicht, wovon die Lehrerin sprach. "Er hat uns ne Standpauke gehalten und dann mussten wir ins Bett! Es wird also nicht wieder vorkommen!"

Sie ließ die Klassenlehrerin einfach stehen und ging weiter. Die Schwester zog sie an der Hand hinter sich her. Jedoch innerlich war sie völlig fertig. Hoffentlich hatte die Lehrerin nichts gemerkt.

Und auch an diesem Tag, schaffte sie es nicht, die Schule zu verlassen und zu Sandra zu gehen. Die Lehrer ließen die Mädchen nicht mehr ohne Aufsicht, denn der Vorfall während der Weihnachtsfeier hatte sich Ruck Zuck rumgesprochen.

Beim Mittagessen ließ Frau Müller die Bombe platzen und verkündete den Schwestern, dass sie am Freitag zum letzten Mal kommen wollte. Sie war zwar nur zwei Wochen bei der Familie Meinert angestellt gewesen, doch ihrem Mann ging es Tag für Tag schlechter. Der Haushaltshilfe blieb kein anderer Ausweg.

"Es ist wegen mir. Stimmt's?" Luna hatte aufgehört zu essen und sah ihr unverhohlen ins Gesicht. Eine andere Erklärung konnte sie für diese urplötzliche Kündigung nicht finden.

"Mit dir hat das gar nichts zu tun." Margot lächelte sie liebevoll an, obwohl Luna ein wenig recht hatte. Aber das musste sie nicht unbedingt zugeben.

"Mein Mann ist schwer erkrankt und ich muss mich um ihn kümmern. Sehr wahrscheinlich lebt er nicht mehr lange."

"Das kannst du uns doch nicht antun." Vivian begann hemmungslos zu weinen. Es war so herrlich gewesen, wenn sie von der Schule kamen und jemand auf sie wartete.

"Ich muss es. Leider."

"Weiß unser Vater schon davon?" Jane hatte als einzige begriffen, was hier auf dem Spiel stand. Der Vater würde bestimmt denken, dass seine Töchter daran schuld waren, wenn Frau Müller kündigt. Das würde ihm einen Grund geben, sie hart zu bestrafen.

"Ich will es ihm am Nachmittag sagen. Euer Vater wird mit Sicherheit eine gute Nachfolgerin für mich finden."

"Bitte nicht. Sie müssen hier bleiben", flüsterte Luna mit brüchiger Stimme. Jetzt hatte auch sie verstanden und flehend sah sie Margot an.

Was diese wiederum gar nicht verstand. Sie hatte gedacht, dass gerade Luna diejenige war die sich am meisten freute, wenn sie weg ging. Warum erlebte sie das Gegenteil?

Beschwörend sprach sie auf die Mädchen ein. Erklärte ihnen, wie wichtig es ihr war, dass sie in den letzten Wochen bei ihrem Mann blieb und bat die Schwestern, es zu verstehen.

Doch diese waren viel zu sehr geschockt. Verstehen konnten sie rein gar nichts. Eine nach der Anderen stand auf und verließ schweigend die Küche.

"Was machen wir denn nun?"

Die Schwestern sprachen leise, damit Frau Müller nicht zufällig mithören konnte.

"Was weiß ich", entgegnete Luna. Wie immer, wenn sie keinen Ausweg mehr sah, baute sie eine Mauer aus Aggressivität um sich auf.

"Aber irgendwas muss uns doch einfallen. Hast du denn gar keine Idee. Luna?" Jane war dafür mit ihren Nerven am Ende. Hätte sie was zu Trinken gehabt, würde sie sich jetzt restlos zuschütten. Aber es war leider nichts mehr da und an den Kühlschrank kamen sie nicht heran.

"Nein, ich habe keine Idee!" Lautstark fuhr Luna auf. "Wir werden einfach abwarten müssen, wie das Schwein darauf reagiert! Notfalls könnt ihr ja mir die Schuld geben, aber die habe ich so und so schon."

"Ich glaube nicht, dass sie wegen dir weggeht", kam es aus Vivians Richtung, die sich schützend in ihr Bett verzogen hatte.

Die Mädchen waren so ratlos, saß sie einfach still auf ihren Betten saßen und nicht einmal die Hausaufgaben erledigten. Nachdem Frau Müller die Wohnung verlassen hatte, ging auch Jane noch einmal weg. Ihre Schwestern wussten, warum und fragten nicht weiter nach.

Gegen Abend waren sie wie junge, zittrige Welpenkinder, denen man das gemütliche Nest genommen hatte.

Unruhig schaute jede Einzelne immer wieder zur Uhr und sie zählten die Minuten, die noch verblieben, bis Herr Meinert heim kam.

Als es dann endlich soweit war, konnten sie schon daran hören, wie die Wohnungstür zuflog, dass ihr Vater nicht gut gestimmt war. Die Geschwister sahen sich ein letztes Mal verzweifelt an, dann stand er schon im Zimmer.

"Wieso will Frau Müller kündigen?" Seine Augen sprühten Funken, während er jede Tochter einzeln ansah.

Bei Luna blieb er stehen, packte sie fest am Kragen und zog sie zu sich heran. Viel Luft zu Atmen, blieb ihr nicht mehr.

"Kannst du mir das vielleicht erklären?"

"Nein", hauchte sie, denn mehr bekam sie aus ihrer zugeschnürten Kehle nicht heraus.

"Margot hat uns erzählt, dass ihr Mann todkrank ist." Flehend sah Vivian ihren Vater an. "Luna kann wirklich nichts dafür."

Mit aller Kraft schob Herr Meinert die Stieftochter von sich. Luna landete auf Janes Bett und blieb dort sitzen. Hustend und keuchend, erholte sie sich von ihrer Atemnot.

"Macht das Abendbrot fertig, aber ein bisschen flott!", brüllte der Vater in den Raum, drehte sich um und ging.

Die Mädchen sahen ihm stumm nach.

"Gott hab Dank. Das war alles." Erleichtert schloss Jane die Augen und ließ sich neben Luna aufs Bett fallen.

"Glaubst du wirklich?" Auch Vivian gesellte sich zu ihren Schwestern und sah sie hoffnungsvoll an.

Allein Luna stand auf, band sich die Haare fest zusammen und sagte dann mit leiser Stimme: "Glaube ich nicht. Das war nur die Ruhe vor dem Sturm. Er hat sich noch nicht abreagiert. Der sucht sich noch einen Grund!"

"Du siehst Gespenster!", bekam sie von Jane zur Antwort. "Für heute ist es vorbei. Schließlich kenne ich meinen Vater länger als du!"

Aber Luna schüttelte nur traurig mit dem Kopf und ging dann in die Küche, um das Abendessen zu machen. Sie allein kannte den Mann ganz genau, denn sie hatte am meisten unter ihm zu leiden.

Und Luna behielt recht. Schon während des Essens provozierte der Vater die Mädchen bis aufs Äußerste.

Ganz nebenbei erzählte er von Lunas Vater und wartete darauf, dass das Mädchen die Nerven verlor und falsch reagierte. Ebenso wiederholte er immer wieder das Wort Bastard und Luna musste sich bemühen, gelassen zu bleiben und alles zu überhören.

Herr Meinert merkte schließlich, dass er es mit Worten nicht schaffte. Er musste sich was anderes ausdenken. Luna, die neben ihm saß, spürte regelrecht, wie es in seinem kranken Gehirn arbeitete. Sie wusste, jetzt war doppelte Vorsicht geboten. Dieser Mann war zu allem fähig, wenn er es auf seine Stieftochter abgesehen hatte.

Schließlich beendete Herr Meinert das Essen und zufällig, ganz aus Versehen, fiel ihm beim Aufstehen ein Glas um.

Ehe das Mädchen richtig begriff, was geschehen war, landete ihr Kopf auf der Tischplatte. Mitten in die Pfütze, die sich langsam ausbreitete. Vor Lunas Augen explodierten tausend Sterne.

"Du Bastard", brüllte der Mann los, zog sie an den Haaren wieder hoch, um sie erneut auf den Tisch zu stoßen. Kurzzeitig verlor Luna das Bewusstsein, aber die Natur hatte kein Einsehen mit ihr und ließ sie nicht sterben, wie sie sich das in diesem Moment wünschte.

Als sie wieder richtig zu sich kam, befand sie sich schon im Wohnzimmer. Wie sie dahin gekommen war wusste sie nicht und sie hatte auch keine Zeit, darüber nachzudenken. Luna sah nur noch, wie der Gürtel auf sie zukam, drehte sich blitzschnell um, damit sie ihn nicht ins Gesicht bekam.

Doch diesmal schrie sie. Schrie ihre ganze Verzweiflung und Wut aus sich heraus und es war ihr egal, dass ihr Onkel dadurch noch brutaler auf sie einschlug. In Lunas Gedanken war ganz kurz der Nachbar aufgetaucht, der sich am Morgen beschwert hatte. Vielleicht würde der diesmal nicht bis zum nächsten Tag warten.

Ihr Pech war nur, dass sämtliche Nachbarn, deren Wohnung an der von Familie Meinert grenzte, zu dieser Stunde nicht da waren.

Auch Herr Meinert spürte, dass sich irgendwas geändert hatte und auch ihm kam zu Bewusstsein, dass sie nicht allein in dem Mietshaus lebten. Schnell ließ er den Gürtel fallen und stürzte sich auf Luna. Mit seinen groben Händen hielt er ihr den Mund zu, bis sich das Mädchen nicht mehr wehrte und ruhiger wurde. Nur zwei riesengroße, angstvolle Augen blickten den Mann an, doch dieser besaß kein Mitleid.

"Du wirst jetzt ganz still sein, sonst sperre ich dich wieder in den Keller! Aber diesmal für eine ganze Woche", flüsterte er ihr zu.

Luna konnte nur zustimmend nicken und vorsichtig lockerte der Mann seinen Griff. Trotzdem jederzeit bereit, sie wieder zum Schweigen zu bringen.

Ganz kurz registrierte Luna, wie es unter ihr feucht wurde, aber im Augenblick war ihr alles egal. Sie hörte auch mit den Schreien auf. Kroch nur wimmernd und verängstigt von ihrem Onkel weg, in die nächste Zimmerecke. Dort machte sie sich so klein, wie möglich und wartete darauf, das es weiter ging.

Herrn Meinert war nicht entgangen, dass Luna sich die Hosen nass gemacht hatte. Angeekelt sah er sie an und trat noch einmal mit dem Fuß nach ihr.

"Geh dich sauber machen, du Schlampe!" Ruhig und abreagiert drehte er sich von dem Mädchen weg.

"Pinkelt sich in die Hosen wie ein Baby! Typisch Bastard!", fügte er noch verächtlich hinzu.

Luna machte, dass sie aus dem Raum kam.

Sie flüchtete ins Badezimmer und verkroch sich in der Duschwanne. Das Wasser drehte sie nicht auf. Sie wollte nur weinen. Den Tränen ungehindert freien Lauf lassen, bis keine mehr da waren.

Die Jüngste fand sie dort schließlich. Hilflos blieb Vivian vor der Duschkabine stehen und sah auf das Häufchen Elend hinab. Sie wusste nicht, wie sie Luna trösten konnte.

"Hau ab!" Luna hatte endlich mitbekommen, dass sie nicht mehr allein im Raum war. Sie wollte niemanden sehen und auch nicht gesehen werden. Doch ihre Stimme hatte an Stärke verloren und die Aufforderung an Vivian kam nicht so hart, wie sie das wollte.

Ihre jüngere Schwester ließ sich auch nicht einschüchtern. Sie streckte die Hand nach Luna aus. "Komm steh auf! Du kannst hier nicht ewig sitzen bleiben. Wir müssten längst im Bett sein!"

"Ach lass mich", knurrte Luna. Neue Tränen stiegen in ihre Augen und wie immer sollte die keiner sehen. Zu ihrem Unglück kam auch noch Jane ins Bad und starrte sie ebenfalls neugierig an. Dann setzte sie sich neben Jane und nahm sie einfach in die Arme.

"Hat er dir so sehr weh getan?", fragte sie überflüssigerweise.

"Nein. Nicht mehr als sonst."

"Und warum weinst du dann?" Jane hatte die Bescherung an Lunas Hosen noch nicht gesehen. Aber das war nicht der Grund, warum Luna heulte.

"Ich kann machen, was ich will. Ich komme einfach nicht gegen ihn an, sonst hätte ich ihn heute wahrscheinlich umgebracht!" Mit dem Pullover wischte sie sich die Tränen ab, damit die Schwestern nicht dachten, dass sie eine Heulsuse war. "Er ist einfach zu stark für mich."

"Ist doch logisch!" Jane reichte ihr ein Taschentuch. "Er trainiert jeden Tag mit seinen Soldaten auf dem Übungsplatz. Das ist doch wohl klar, dass er Muskeln wie Stahl hat. Du wirst niemals gegen ihn ankommen. Und jetzt wasch dich erst einmal. Ich hab dir auch was Gutes besorgt, heute nachmittag. Danach schwebst du auf Wolken!"

Gemeinsam stiegen die Mädchen aus der Duschkabine. Jetzt bemerkten Jane und Vivian auch Lunas Hose, gaben aber keinen Kommentar dazu ab. Nur ihr Hass auf den Vater stieg um einige Grad höher.

Frisch geduscht und sauber kam Luna wenig später ins Kinderzimmer. Durch das dünne Nachthemd konnte man die blauen Flecke deutlich erkennen. Auch die Striemen auf dem Rücken, die Vaters Gürtel hinterlassen hatte, schimmerten durch den dünnen Stoff.

Vivian konnte das Elend nicht länger ertragen und sah schnell wieder weg. Nur Jane, die das ja von ihrem eigenen Körper her kannte, blickte sie erwartungsvoll an und deutete auf ihr Kopfkissen. Luna setzte sich zu ihr aufs Bett. Unter dem Kissen fand sie eine Packung Schmerztabletten.

"Wo hast du die her?" Erstaunt sah sie die Schwester an.

"Aus der Apotheke. Ich habe es geahnt, dass eine von uns sie heute brauchen wird."

"Geklaut?"

"Quatsch! In einer Apotheke kann man nicht klauen. Zu mindestens keine Schmerztabletten!" Belehrend sah Jane sie an. "Ich hab behauptet, meine Mutter hätte starke Kopfschmerzen und sie von dem Geld bezahlt, was Vater uns letztens geschenkt hat. Na, wie bin ich?"

Luna fiel ihr fast um den Hals und sah sie freudestrahlend an. "Du bist die liebste Schwester, die ich habe!"

Vivian zog sich beleidigt die Decke über den Kopf. Solche Komplimente hatten bis jetzt nur ihr zugestanden. Doch dann besann sie sich, weil ihr einfiel, dass Luna wieder ganz die Alte war und kam schnell wieder zum Vorschein.

"Hast du auch was zu trinken?", flüsterte Luna gerade. Zwei Tabletten hielt sie schon in der Hand.

"Muss das sein?" Jane wollte nicht, dass sie sich auf diese Weise aufputschte.

"Ja, es muss sein!" Luna fand zu ihrem alten Ton zurück. "Dann wirken die Pillen besser!"

Unsicher holte Jane eine Flasche unterm Bett hervor. Zögerte noch kurz und gab sie dann an Luna weiter.

Diese achtete nicht auf das Zögern, sondern schluckte die Tabletten, ohne nachzudenken, zusammen mit dem Alkohol hinunter. Zufrieden lehnte sie sich anschließend zurück.

Dann war Jane an der Reihe. Sie nahm zwar keine Tabletten, aber sie trank den Wodka wie Wasser.

In Vivians Augen war das fast das gleiche, wie bei Luna. Aber sie sagte nichts dazu und schloss die Augen um zu schlafen.

Als sie durch den Wecker wieder aufwachte, sah sie zuerst, dass ihre Schwestern zusammen geschlafen hatten. Ein Blick genügte, um festzustellen, dass Lunas Bett unberührt war. Die müssen sich ja ordentlich

zugeschüttet haben, dachte sie. Stand auf und öffnete das Fenster. Im Zimmer roch es deutlich nach Alkohol.

Durch die hereinströmende Kälte, kamen auch Luna und Jane zu Bewusstsein. Unsicher sahen sie sich um.

"Man, mach das Fenster zu! Mir ist kalt!" Luna rieb sich die Stirn. Sie hatte wahnsinnige Kopfschmerzen und nach Janes Aussehen zu beurteilen, ging es der Schwester auch nicht viel besser. "Oh man habe ich einen Brummschädel!"

"Das kommt vom Saufen!", erwiderte Vivian und lächelte sie überheblich an. Doch ehe Luna sauer werden konnte, war sie schon aus dem Zimmer und im Bad verschwunden.

"Lass uns aufstehen, ehe Vater rein kommt!" Gequält lächelnd kroch Jane unter ihrer Bettdecke hervor.

Die Tablettenschachtel fiel dabei runter und hastig griff Luna danach. Jane bekam das nicht mit.

Weil es im Zimmer immer kälter wurde, zogen sie sich schnell an. Das Fenster durften sie noch nicht schließen, da es immer noch stark nach Kneipe stank.

Luna trödelte so lange herum, bis Jane schon ins Badezimmer ging. Kaum war diese verschwunden, griff Luna unters Bett und holte die Flasche hervor. Sie hatten gestern noch einen kleinen Rest drinnen gelassen und den trank Luna nun in einem Zug aus. Sie wusste zwar, dass Jane deswegen mörderisches Theater veranstalten wird, aber sie brauchte das jetzt. Anschließend nahm sie noch drei der Tabletten ein. In der Hoffnung, dass sie erst nach dem Frühstück wirkten und es ihr niemand ansah.

Danach ging sie ins Bad.

Die Wirkung des Cocktails setzte auf nüchternen Magen schneller ein, als sie wollte. Während des Frühstücks wurde es Luna schon schummrig im Kopf und die Bilder verschwammen vor ihren Augen. Die Scheibe Brot, die sie gegessen hatte, lag ihr schwer im Magen. Zu Lunas Glück interessierte sich Herr Meinert nicht für seine Stieftochter.

Jedoch Jane bemerkte die Veränderung an Luna. Nachdem der Vater zur Arbeit gegangen war, ging sie, wie eine Furie auf Luna los.

"Bist du von allen guten Geistern verlassen?", schrie sie, quer über den Küchentisch hinweg. Dann sprang sie auf und rannte aus der Küche. Zurück kam sie mit der leeren Flasche in der Hand. Vorwurfsvoll knallte sie diese, vor Luna auf den Tisch, die aber nur träge aufsah.

"Zeig mir die Tabletten!" Jane konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Jetzt verstand sie alles und als Luna sich nicht rührte, packte Jane die Schwester und zog aus deren Hosentasche die Tabletten. Auf den ersten Blick sah sie, dass mehr fehlten, als Luna gestern genommen hatte. Blitzschnell versetzte sie ihr eine Ohrfeige, doch da sie auch darauf nicht reagierte, wusste Jane, dass es zu spät war. Normalerweise wäre Luna jetzt auf sie losgegangen.

"Was ist los, Jane?" Vivian, die mit offenem Mund zugesehen hatte, wand sich fragend an sie.

"Die blöde Kuh hat sich schon am frühen Morgen zugeknallt!" Janes Lautstärke verdoppelte sich. Sie wusste nicht, was sie jetzt mit der Schwester anfangen sollte. In diesem Zustand konnte sie Luna unmöglich mit in die Schule nehmen.

"Man, jetzt kriege dich wieder ein. Ist schon alles in Ordnung!" Leicht schwankend stand Luna auf und stellte sich vor Jane. "Tu doch nicht so scheinheilig. Gehst doch selber oft genug angetrunken zur Schule!"

"Ja, angetrunken, aber nicht zugeknallt! Du bist so bescheuert", fuhr Jane dazwischen.

"Du bist bescheuert! Bis wir in der Schule sind, ist längst alles vorbei!"

"Das glaubst du, ja?" Jane sah sie fassungslos an, Luna grinste nur idiotisch und Vivian wusste, dass der Streit gleich losgeht.

"Ich geh schon mal zur Schule", sagte die Jüngste und zog sich an. "Wenn mich jemand fragt, erzähle ich, dass ihr aufgehalten worden seid." Ohne weitere Worte zu verlieren, schloss sie die Wohnungstür hinter sich.

Jane nahm die Kaffeekanne und goss Luna den restlichen Kaffee ein, den der Vater übrig gelassen hatte. Seine Mädchen mussten zum Frühstück Milch trinken.

"Trink den!" Sie drückte der Schwester die Tasse in die Hand. Luna hörte ausnahmsweise einmal auf sie und schluckte gehorsam den kalten Kaffee.

"Gehen wir?", fragte sie anschließend. Ihr Blick war zwar immer noch verschwommen, aber sie stand schon etwas sicherer auf den Beinen. Jane hoffte, dass das in der Schule vorbei war.

Schweigend verließen sie das Haus und machten sich auf den Weg. Die frische Luft tat Luna gut und ihr Verstand wurde zunehmend klarer. Jane glaubte, es sei alles wieder normal, doch da hatte sie sich geirrt.

Sie hatten fast die Schule erreicht, da blieb Luna plötzlich stehen. Mit ernstem Gesicht sah sie die Schwester an.

"Ich komm nicht mit. Ich haue ab!"

"Wie bitte?" Jane, die ein paar Schritte voraus war, kam zurück und packte sie an der Jacke.

"Du hast schon richtig verstanden! Ich haue ab!" Luna wollte sich freimachen, doch Jane ließ nicht locker.

"Wo willst du denn hin?", flüsterte sie atemlos.

"Weiß noch nicht. Vielleicht zu Sandra."

"Kannst du dir nicht denken, was du uns damit antust?" Janes Hände packten sie noch fester. "Vater wird mich ausquetschen, wie eine Zitrone. Und vor Vivian wird er dann auch nicht mehr halt machen!"

"Na und? Was geht mich das noch an?"

"Du kannst doch nicht so gleichgültig sein!" Jane rüttelte die Schwester, als könnte sie diese so zur Besinnung bringen. "Denk doch mal an Vivian und mich!" Langsam, aber sicher, wurde sie hysterisch.

"Warum? Bist du ein einziges Mal dazwischen gegangen, wenn dein Vater es auf mich abgesehen hatte? Oder Vivian? Oh nein! Ihr beiden habt euch verkrochen und wart froh, dass er sich an mir abreagierte. Ihr seid doch elende Feiglinge! Aber jetzt lass ich mich nicht mehr verprügeln. Lieber lebe ich auf der Straße, als noch einmal in eure Wohnung zurückzukehren!"

Luna war laut geworden. Einige Passanten auf der gegenüberliegenden Straßenseite, waren stehen geblieben und schauten zu den beiden Mädchen. Weder Luna, noch Jane registrierten das. Sie waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

"Und was ist mit Weihnachten?"

"Das verbringe ich auch auf der Straße!"

"Und wir im Heim, wenn dadurch alles raus kommt!"

"Jetzt hör mir mal gut zu!" Eiskalt blitzten Lunas Augen die Schwester an. "Ich habe nie an mich selber gedacht. Und jetzt tu ich das einmal, da machst du mir Vorwürfe! Vielleicht hast du ja auch Glück und der Alte ändert sich, wenn ich nicht mehr da bin! Sieh es mal von dieser Seite aus!" Luna packte die Handgelenke von Jane und drückte so stark zu, dass die Schwester ihre Krallen öffnen musste. Dann versetzte sie ihr einen Stoß und Jane stolperte drei Schritte rückwärts. Wortlos überquerte Luna die Straße und ging von ihr weg. In die entgegengesetzte Richtung.

"Ludmilla!", schrie Jane in voller Lautstärke nach. "Du darfst mich nicht verlassen! Ich brauche dich!"

Doch Luna drehte sich nicht noch einmal um und Jane starrte ihr, mit tränenüberströmtem Gesicht nach, bis sie nicht mehr zu sehen war. Jane hatte keine Kraft, ihr nachzulaufen.

Benommen, verwirrt und völlig fertig, kam Jane in der Schule an. Tonlos entschuldigte sie sich, für ihr zu spätes Erscheinen und setzte sich auf ihren Stuhl. Auf die Frage der Lehrerin, warum Luna nicht dabei war, zuckte sie nur mit den Schultern. Mehr bekam die Lehrerin auch nicht aus ihr heraus und so fuhr diese mit ihrem Unterricht fort.

Jane konnte während der ersten Stunde nur an Luna denken. Sie überlegte, was diese Kurzschlussreaktion ausgelöst haben könnte. Warum Luna plötzlich alles hinschmiss, ohne an die Stiefschwestern zu denken.

Vielleicht lag es ja auch daran, dass sie schon am frühen Morgen Alkohol getrunken hatte? Und wenn Luna wieder zu Verstand kommt, überlegt sie es sich noch einmal und kommt heute abend pünktlich nach Hause?

An diesen Gedanken klammerte sich Jane, wie an einen Rettungsring. Sie merkte nicht, dass sie von der Klassenlehrerin beobachtet wurde. Es hatte auch kaum zur Pause geklingelt, da rief Frau Geiger das Mädchen zu sich. Zögerlich stand diese auf und ging nach vorn.

"Wollen wir uns beide mal unterhalten?", fragte die Lehrerin freundschaftlich.

"Worüber?" Jane tat ahnungslos.

"Zum Beispiel über deine Schwester."

"Was ist mit ihr?"

"Sie ist nicht zur Schule gekommen." Die Frau blieb geduldig.

"Und was kann ich dafür?"

"Nichts. Ich will von dir nur wissen, warum Luna nicht hier ist."

"Können sie sich das nicht denken?" Jane sah der Klassenlehrerin zum ersten Mal direkt ins Gesicht. "Die schwänzt! Und fragen sie mich jetzt bloß nicht, wo die sich rumtreibt!"

"Ich nehme an, dass du es nicht weißt." Den aufsässigen Ton überhörte Frau Geiger und blieb weiterhin freundlich.

"Nein, weiß ich nicht!" Jane änderte ihre Tonlage dennoch nicht.

"Okay, wenn du nicht willst, musst du mir nichts sagen." Die Lehrerin griff nach Janes Hand und hielt diese fest. "Aber wenn ihr Probleme habt, könnt ihr gerne zu mir kommen."

Mit einem Ruck entzog Jane ihr die Hand. "Das haben wir bei der Weihnachtsfeier gemerkt! Sie müssen auch gleich alles unserem Vater erzählen!" Wütend drehte sie sich vom Lehrertisch weg und ging zu ihrer eigenen Bank. Da die nächste Stunde gleich anfing, musste Frau Geiger ihre Sachen zusammenpacken und die Klasse verlassen. Jane ahnte, dass dies für heute nicht die letzte Unterhaltung über Luna war.

In der großen Pause traf sie Vivian, die unbedingt wissen wollte, wie der Streit am Morgen ausgegangen war.

"Sie hat sich einfach weg gedreht und ist gegangen?", fragte Vivian, nachdem Jane ihr alles berichtet hatte.

"Hab ich dir doch erzählt. Ich weiß auch nicht, was in Luna gefahren ist. Hoffentlich hat sie es nicht ernst gemeint."

"Zutrauen würde ich es ihr." Mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf blieb Vivian stehen. Sie flüsterte nur noch, weil schon wieder ein Lehrer in ihrer Nähe auftauchte. "Sie hat in letzter Zeit ganz schön was durchmachen müssen. Ist kein Wunder, dass sie von uns weg will."

"Verfluchter Mist!", schrie Jane auf und sah sich erschrocken um. Augenblicklich wurde sie wieder leise.

"Ich wünschte mir, ich hätte heute Morgen die Flasche ausgetrunken. Dann würde es mir jetzt besser gehen."

Von Vivian bekam sie dafür nur einen strafenden Blick und sie ließ lieber von diesem Thema ab.

Zu Janes Verwunderung wurde sie nicht noch einmal befragt, wo ihre Schwester abgeblieben war. Die Lehrer waren bei der Meinung geblieben, dass das Mädchen schwänzte und forschten nicht weiter nach.

Nur ihren Vater wollten sie schriftlich darüber informieren.

Ohne weitere Probleme überstanden Jane und Vivian den Schultag. Mit der Hoffnung, dass Luna wieder daheim sei und auf sie wartete, gingen sie nach Hause. Die Mädchen klammerten sich so stark an diese Lösung, dass sie sich nicht einmal überlegten, was sie Frau Müller sagen wollten, weil ihre Schwester nicht da war.

Und Luna war auch nicht daheim. Jane hatte in der Wohnung sofort und unauffällig, alle Zimmer betreten und nachgesehen.

Frau Müllers erste Frage galt auch Luna. Betreten sahen sich die Schwestern an. Fieberhaft überlegte Jane, wie sie antworten könnte, ohne dass Margot misstrauisch wird. Doch diesmal war es Vivian, die schnell reagierte.

"Luna muss noch irgendwas erledigen. Sie sagte, dass es bis zum Abend dauern könne!"

"Wie schade. Dann kann ich mich gar nicht von ihr verabschieden." Die Haushaltshilfe glaubte dem jüngsten Mädchen. "Aber wir werden uns ja wiedersehen. Ich habe euren Vater versprochen, dass ich, sobald der Gesundheitszustand meines Mannes es zulässt, wieder zu euch komme. Na, wie klingt das?"

Die Schwestern heuchelten Begeisterung, aber sie glaubten nicht, dass sie noch lange in dieser Stadt wohnen würden. Garantiert würde der Vater einen Weg finden, sich versetzen zu lassen, wenn Luna wieder bei ihnen zu Hause war. Oder es würde alles auffliegen und die Mädchen mussten bis zu ihrer Volljährigkeit in einem Kinderheim leben.

Aber all das ließen sich Vivian und Jane nicht anmerken. Sie waren es ja gewohnt, alles zu vertuschen, was sie bewegte und was sie dachten. Nie würde jemand hinter ihre Fassaden blicken können und die Wahrheit entdecken. Sie mussten sich nur einig sein.

Die Sache mit der Einigkeit hatte Luna ihnen oft genug eingetrichtert. Doch nun war genau sie diejenige, die dabei war, alles zu zerstören.

Als wäre nichts geschehen, aßen die Mädchen ihr Mittagessen, unterhielten sich ganz normal mit Margot und gingen anschließend in ihr Zimmer. Eine Stunde später, nachdem die Küche wieder glänzte, verabschiedete sich die Haushaltshilfe. Nahm die Kinder noch einmal fest in ihre Arme, besonders Vivian, und versprach ihnen, auf jeden Fall wiederzukommen.

Dann begann für die Mädchen die Zeit des Wartens und des Hoffen. Warten auf den Vater und hoffen, dass Luna vorher heim kam.

Als dann die Wohnungstür pünktlich aufging und ihr Vater nach Hause kam, hätte sich Jane am liebsten in ein Mauseloch verkrochen. Gehetzt blickte sie Vivian an, doch diese wusste auch keinen Rat. Schon stand Herr Meinert in der Tür. Für ihn war noch alles normal. Wie gewohnt, wollte er nur nach seinen Töchtern sehen und dann auf das Abendessen warten. Er hatte sogar gute Laune mitgebracht, doch diese änderte sich schlagartig, als er nur zwei Mädchen vorfand.

"Wo ist der Bastard?", fragte er ruhig, aber gefährlich. Seine Augen wanderten suchend durch den Raum.

Keines der Mädchen konnte antworten. Beide waren derart verstört, dass es ihnen die Sprache verschlagen hatte, obwohl sie genau wussten, dass sie es dadurch noch schlimmer machten.

Keine Minute später war auch schon die Geduld des Vaters am Ende. Unbeherrscht ging er auf Jane los und packte sie derb am Arm.

"Wenn ich nicht sofort eine Antwort bekomme, geht hier die Hölle los!"

"Luna ist..." Jane stotterte und bekam vor lauter Angst, kaum die einzelnen Silben raus. "Luna ist weggelaufen. Heute Morgen. Ich konnte sie nicht aufhalten." Bei jedem Wort wurde sie leiser und am Schluss konnte man sie kaum noch verstehen.

"Sie ist abgehauen?", brüllte der Vater sie an und packte noch fester zu. "Und du konntest sie nicht aufhalten?"

Jane schloss verzweifelt die Augen. Es war soweit. Der Zorn des Vaters war ausgebrochen und er würde ihn an ihr auslassen. Geistig flüchtete sie aus ihrem Körper. Bildete sich ein, sie würde gar nicht hier sein. Träumte von einem rauschenden Fest, auf dem sie die Hauptperson war.

Nur so schaffte sie es, alles über sich ergehen zu lassen. Fand sich irgendwann in ihrem Bett wieder. Wusste nicht, wie viel Zeit seitdem vergangen war und wollte nur noch schlafen. Sie hatte keine Ahnung, wieso sie überhaupt überlebt hatte und nun in ihrem Bett lag. Sterben war so eine einfache Lösung.

Zur gleichen Zeit saß Luna in der Fabrik, eingehüllt in zwei Decken und fror trotzdem jämmerlich. Neben ihr lag Sandra und schlief seelenruhig.

Als Luna am Morgen auftauchte, war Sandra begeistert gewesen. Trotzdem fragte Sandra nicht danach, wieso sie sich es jetzt überlegt hatte. Sie kannte den Grund. Es gab auch nur einen.

Doch inzwischen ernüchtert, dachte Luna über ihren Entschluss nach. Sie fand es schäbig von ihr, dass sie Jane und Vivian, völlig unvorbereitet zurückgelassen hatte. Wo sie doch genau wusste, was Jane für sie ausbaden musste, sobald Herr Meinert heim kam. Luna versuchte sich vorzustellen, wie es ausgegangen war. Doch sie kannte ihren Onkel und sie wusste genau, dass er sich an Jane gerächt hatte. In diesem Punkt konnte Luna sich nichts vormachen.

"Kannst nicht einschlafen, Stimmt's? Ging mir in der ersten Nacht genauso." Sandra war wach geworden und richtete sich auf.

"Mir ist kalt", antwortete Luna und sah sie nicht an.

"Dann leg dich neben mich und wir wärmen uns gegenseitig", schlug Sandra vor. Doch Luna schüttelte ablehnend den Kopf.

"Du denkst darüber nach, ob es richtig war, was du gemacht hast." Jetzt hatte Sandra begriffen, was Luna beschäftigte und warum sie nicht schlafen konnte. Sie rutschte zu ihr rüber und legte auch noch ihre Decken um Lunas Körper. "Glaube mir, für dich war es das Beste, was du machen kannst. Für deine Schwestern bestimmt nicht. Aber du musst auch mal an dein Leben denken! Du bist hier in Sicherheit, auch wenn es furchtbar kalt ist. Doch hier schlägt dich niemand. Das darfst du nicht vergessen!"

Dankbar lächelte Luna sie an. Sandra hatte recht. Sie durfte nicht über ihre Schwestern nachdenken. An erster Stelle, war es ihr Leben. Und niemand durfte es ihr kaputt machen!

"Hast recht", gab sie schließlich zu. "Komm lass uns schlafen. Eigentlich bin ich todmüde!"

Eng nebeneinander, unter vier dünnen Decken, lagen die Ausreiserinnen auf den Matratzen. Sie wärmten sich gegenseitig, doch viel half es nicht. In der Halle herrschten höchstens zwei Grad plus.

Wir müssen uns was wärmeres suchen, dachte Luna noch, bevor sie der Schlaf übermannte.

Erst am späten Morgen wurde Luna wieder wach. Sie muss geschlafen haben, wie eine Tote, sonst hätte sie mitbekommen, wie Sandra aufgestanden war und die Halle verlassen hat.

Im Kopf völlig durcheinander sah Luna sich um, doch sie konnte niemanden entdecken. Sie war allein.

Entschlossen stand sie von den Matratzen auf. Ihr Körper brauchte dringend Wärme, also musste sie sich bewegen. Wenn sie den ganzen Tag nur sinnlos auf dem Lager lag, bekam sie vermutlich noch Frostbeulen.

Wie gewohnt, wollte sie sich anziehen, doch alles was sie an Kleidung besaß, trug Luna am Körper.

Irgendwie spürte sie, dass sie sich an bestimmte Situationen noch gewöhnen musste. Luna hatte ja schließlich, ihr Leben von heute auf morgen, grundlegend geändert.

Draußen regnete es. Missmutig zog sie den Kopf ein. Eigentlich müsste es ja schneien, aber wann gab es schon mal weiße Weihnachten in ganz Deutschland?

Suchend blickten ihre Augen nach allen Seiten. Bei diesem Wetter verspürte sie keine Lust mehr, spazieren zu gehen. Kurzer Hand ging Luna zu ihrem Lager zurück und wollte dort auf Sandra warten.

Sie muss erneut eingeschlafen sein, denn als sie die Augen wieder öffnete, stand Sandra vor ihr.

"Ich hab schon geglaubt, du hast mich verlassen!", brummte Luna, leicht verstimmt.

"Ach Quatsch! Hier, probier mal an!" Sandra warf ihr eine dicke, warme Winterjacke zu. Jetzt bemerkte Luna auch, dass die Freundin ebenfalls eine neue Jacke trug. Bewundernd betrachtete sie die, vor ihr liegende.

"Wo hast du die Klamotten her? Die sind ja geil!"

"Probier sie an!"

Eifrig zog Luna die Jacke über. Augenblicklich wurde ihr wärmer.

"Hab ich mir doch gedacht, dass du in deinem dünnen Fummel frierst, wie ein Schoßhund!" Gönnerhaft lächelte Sandra und deutete auf Lunas dünnen Anorak. "Tut mir leid, die Hosen konnte ich nicht kriegen."

"Wieso? Gab es keine bei Karstadt?" Luna hatte das Etikett des großen Kaufhauses entdeckt und im gleichen Moment fiel ihr auf, dass die Jacke gar nicht neu war.

Ehe sie danach fragen konnte, kam Sandra ihr mit der Antwort zuvor. "Da lief gerade so en Liebespaar auf der Straße!" Sie grinste überlegen. "Und stell dir vor, die haben mir freiwillig ihre Jacken geschenkt."

"Das glaubst du doch wohl selber nicht! Du hast doch mit Sicherheit nachgeholfen!" Bei dem Gedanken verlor Luna die Fassung. "Hast du sie etwas bedroht?"

"Nun stell dich nicht so an!" Sandras Stimme schlug in Zorn um. "Natürlich hab ich sie bedroht! Sollen wir etwa erfrieren? Bist doch selber schon mit nem Messer auf Melanie losgegangen!"

"Okay, okay", beruhigte Luna sie und hob beschwörend die Hände. "Ich konnte mir nur nicht vorstellen, dass du einfach Leute überfällst und sie zwingst, dir ihre Jacken zu geben. Zeig mal das Messer!"

"Welches Messer? Ich hab ne Knarre!"

"Wie bitte? Du bist verrückt!"

"Ich hab dir schon mal gesagt, ich will nur überleben! Und dazu ist mir jedes Mittel recht! Was meinst du, was auf der Straße los ist."

Die Mädchen hörten auf zu streiten und lächelten sich versöhnend an. Eigentlich war Luna ja dankbar für die Jacke und es war schließlich egal, woher sie kam.

Feierlich fing Sandra an, ihre Taschen auszuräumen: Schnaps, Zigaretten, Brot, Cola.

"Du klaust wie ne Elster!", äußerte sich Luna dazu, lachte aber dabei, weil sie es nicht ernst meinte.

"Ich hab's gelernt", murmelte Sandra nur leise und öffnete den Korn. Unauffällig versuchte sie sich irgendwas Kleines in den Mund zu stecken. Doch Luna kannte diese Geste.

"Du auch?", fragte sie.

"Was?", fragte Sandra zurück und versuchte krampfhaft zu verbergen, dass sie etwas in der Hand hatte.

"Ich weiß, dass Tabletten und Alkohol zusammen, eine sehr gute Wirkung ergeben!" Jetzt war Luna diejenige, die überlegen lächelte. "Du brauchst mir nichts zu verheimlichen. Gib lieber ein paar ab!"

Auf Sandras Gesicht stand deutlich die Überraschung. Im ersten Augenblick wusste sie nicht, was sie antworten sollte. Dann warf sie Luna eine kleine Plastiktüte zu.

"Nimm nur eine! Die sind stark!"

Am Klang der Stimme, konnte Luna erkennen, dass es ihr ernst war und sie folgt dieser Anweisung. Vorsichtig nahm sie auch nur einen kleinen Schluck von dem Schnaps. Woher sollte sie wissen, auf welche Drogen ihr Freundin stand.

Wenig später wurde ihr wohlig warm. Glücklich kuschelte sie sich in die zerschlissenen Decken und schloss die Augen. Alles war auf einmal so schön, so einfach und so normal. Eng schmiegte sie sich an Sandras Rücken, die sich schon vorher hingelegt hatte. In einem Rausch von Farben, schlief Luna neben ihr ein. Das Leben war so schön.

Jane dachte das überhaupt nicht. Zum ersten Mal spürte sie, was Luna alles ausgehalten haben musste, ohne es sich anmerken zu lassen. Und dass sie selber, bis gestern, noch lange nicht so viel, wie die Schwester durchgemacht hatte.

Sie stand zum Frühstück nicht auf. Schaffte es einfach nicht, ihr Bett zu verlassen und dem Vater unter die Augen zu treten. Vivian hatte sie besorgt angesehen und war dann in die Küche gegangen. Dort erklärte sie ihm, dass Jane sich nicht wohl fühlte und deshalb nicht aufstehen konnte. In Gedanken hoffte sie, dass ihn das nicht noch wütender machte.

Doch er wurde nicht wütend. Herr Meinert sah Vivian nicht an. Das Mädchen atmete erleichtert auf und konnte nicht wissen, dass ihr Vater sich für den gestrigen Abend furchtbar schämte, weil er schon wieder grundlos ausgerastet war.

Herr Meinert wusste genau, dass Jane und Vivi keine Schuld trugen, weil Luna weggelaufen war. Schuld war nur er ganz allein und er konnte nur beten, dass Luna nicht zur Polizei lief. Er würde ihr nicht mal böse sein, wenn sie bis Weihnachten wieder freiwillig nach Hause kam. Bis dahin würde es kaum auffallen, denn zum Glück begannen schon am Dienstag die Ferien.

Doch spätestens nach Weihnachten musste er selbst zur Polizei gehen und ihr Verschwinden melden. Und dann würde er ne Menge unangenehme Fragen beantworten müssen. Nicht nur er, sondern bestimmt auch Vivian und Jane.

Den gesamten Sonnabend verzog sich Herr Meinert in seinem Wohnzimmer. Saß vor dem Fernseher und neben sich eine Kiste Bier. Seine Töchter waren nicht traurig darüber, dass sie ihren Vater nicht sahen.

Auch die Mädchen verzogen sich den ganzen Tag in ihrem Zimmer. Nur zum Mittagessen traf die Familie noch einmal aufeinander.

"Was wird sie nur machen?", fragte Vivian plötzlich, mitten in die belastende Stille, die schon den ganzen Tag im Zimmer lastete.

"Wen meinst du?" Jane sah nur kurz von ihrem Buch auf, dass sie gerade las.

"Na Luna! Wo ist sie?" Diese Frage beschäftigte Vivian schon seit gestern. Jane musste doch eine kleine Ahnung haben, wo die Schwester hingegangen war.

Doch Jane war nicht gut auf dieses Thema zu sprechen. "Lass mich mit dieser Schlampe zufrieden!"

"Machst du dir denn gar keine Sorgen um sie?"

"Nein!" Mit lautem Knall schlug Jane genervt ihr Buch zu. "Die macht sich ja auch keine Sorgen um uns! Sieh dir das an!" Sie riss ihr Hemd in die Höhe, damit Vivian den misshandelten Rücken sehen konnte.

Erschrocken verzog Vivi das Gesicht, doch dann überlegte sie genauer. "Du bist doch nur wütend auf Luna, weil sie gestern nicht hier war und du an ihrer Stelle ins Wohnzimmer musstest!" Ununterbrochen marschierte sie vor Janes Bett auf und ab.

"Wie oft warst du schon an der Reihe und wie oft sie? Gib doch einfach zu, dass Luna ständig dran war! Sogar, wenn Vater auf eine von uns wütend war, ist sie meistens dazwischen gegangen und hat alles abgekriegt! Und jetzt bist du sauer, weil sie uns verlassen hast und du ihre Stelle einnimmst? Du bist so egoistisch!"

"He, jetzt beruhige dich mal wieder!" Jane hielt ihre kleine Schwester einfach fest. Eigentlich wusste sie ja, dass Vivi recht hatte, doch das zuzugeben, fiel ihr schwer.

"Jane!" Vivian sah sie flehend an. "Wo ist sie? Nachts ist es so verdammt kalt! Wenn sie nun erfriert?"

"Luna erfriert nicht!" Jane sprach beschwörend auf Vivi ein. "Sie ist stark, dass weist du doch! Die wird schon einen Weg finden, damit sie nicht erfriert!" Vermutlich hat sie es im Augenblick wärmer, als wir."

Vivian gab sich damit zufrieden. Still und leise kroch sie unter ihre Bettdecke und betete, dass Jane recht hatte.

Die Schwester hatte es im Augenblick nicht wärmer. Ganz im Gegenteil. Sie zitterte am ganzen Leib.

Draußen war es schon dunkel und als Lichtquelle diente nur ein Kerzenstummel, der garantiert nicht bis morgen reichte. Schlafen konnten beide nicht. Das hatten sie schon den ganzen Tag getan.

"Hattest du nicht erzählt, du hättest zwei Typen kennen gelernt? Wo sind die?" Luna musste reden, sonst würde sie wahnsinnig werden, in dieser unheimlichen Stille.

Sandra, die immer noch ausgestreckt auf der Matratze lag, sah auf.

"Ich habe sie schon seit drei Tagen nicht mehr gesehen. Vermutlich sind sie geschnappt wurden, bei irgendeinem Einbruch. Die haben ständig solche Dinger gedreht, aber wenigstens hatten die immer warme Schlafsäcke!"

Sie angelte nach der Flasche Korn, in der fast nichts mehr drin war, trank einen Schluck und gab den letzten Rest an Luna weiter.

"Und warum machen wir das nicht genau so?" Luna holte aus und die leere Flasche ging irgendwo, weit hinten, klirrend zu Bruch.

"Was sollen wir machen?", kam es desinteressiert zurück.

"Wir besorgen uns warme Schlafsäcke!"

"Du willst irgendwo einbrechen?" Sandra sah sie skeptisch an. "Besitzt du irgendwelches Werkzeug?"

Ratlos hob Luna die Schultern. Daran hatte sie nicht gedacht. Doch irgendwie musste es doch zu schaffen sein, sich warme Sachen zu besorgen, ohne gleich wildfremde Leute zu überfallen.

"Dann geh ich eben allein, wenn du nicht willst!" Verstimmt stand sie auf, doch die Freundin erwischte sie gerade noch an der Hose und hielt sie fest.

"Nein warte! Ich komme mit!"

Die Mädchen zogen alles an, was sie besaßen, denn draußen war die kalte Nacht angebrochen.

Schweigend verließen sie die Fabrikhalle, nahmen aber alles mit, was ihnen gehörte. Man konnte nie wissen, wer sich sonst noch so alles herumtrieb und einen Schlafplatz suchte.

Offensichtlich wusste Sandra ganz genau, wo sie hin mussten, denn zielstrebig wandte sie sich nach rechts.

Ihre Blicke wanderten nicht suchend durch die Straßen. Sie wusste mit absoluter Sicherheit, wo das richtige Geschäft stand.

Eine ganze Weile später blieben die Freundinnen vor einem kaum beleuchteten Schaufenster stehen. Nur schwach konnte Luna erkennen, dass dieser Laden Campingartikel verkaufte.

"Das ist genau das, was wir brauchen!" Mit strahlenden Augen sah sie Sandra an.

"Ich weiß", flüsterte diese. "Der Laden gehört meinem Onkel und soweit ich informiert bin, hat er keine Alarmanlage!" Auch sie strahlte. Diese Idee hatte sie schon viel früher gehabt, nur allein traute sie sich nie. Mit Luna würde das ein Kinderspiel werden.

Ehe Luna überhaupt nachdenken konnte, wie sie da rein kommen sollten, griff sich Sandra einen größeren Stein und warf ihn in die Scheibe der Eingangstür. Danach liefen beide Mädchen erst einmal weg und warteten mehrere hundert Meter weiter ab, was sich tat.

Nichts rührte sich. Niemand schien den Krach gehört zu haben. Es bellte ja nicht einmal ein Hund. Die Straße lag immer noch so ausgestorben da, wie zehn Minuten vorher.

Trotzdem warteten Luna und Sandra noch über eine halbe Stunde, bevor sie sich dem Geschäft wieder näherten. Um sich vor dem scharfen Wind zu schützen, drängelten sie sich in einen Hauseingang. Sie sprachen nicht. Jede von ihnen versuchte mit der eigenen Nervosität fertig zu werden. Immerhin war es ihr erster Einbruch und sollten sie erwischt werden, brächte man sie garantiert zu den Eltern zurück und das wäre dann die allerschlimmste Bestrafung. Also mussten sie verdammt vorsichtig sein.

Vivian schlug die Augen auf und freute sich, dass heute der letzte Schultag in diesem Jahr war.

Wenigstens ein was positives, an das sie sich festhalten konnte. Das Wochenende war grauenvoll gewesen, Luna tauchte nicht auf und sie wussten immer noch nicht, wo sie sich überhaupt aufhielt. Der Vater hatte den ganzen Sonntag nur gebrüllt, allerdings nicht noch einmal zugeschlagen. Jane glich so und so nur noch einem schattenhaften Wesen, dass angstvoll in der Wohnung herum schlich und ständig erschrocken zusammenzuckte. Vernünftig reden konnte man mit ihr auch nicht. Sie hüllte sich in totales Schweigen.

Auch an diesem Morgen sagte sie nichts, als sie ihr Bett verließ, sich anzog und ins Badezimmer ging.

Das kann ja noch heiter werden, dachte Vivian und zog sich ebenfalls an. Bis Weihnachten muss sich dringend was ändern! Nur hatte sie keine Ahnung, wie sich das anstellen sollte.

Zum letzten mal in diesem Jahr, machten sie sich auf den Schulweg.

"Was sagst du, wenn die Lehrerin dich fragt, wo Luna ist?" Vivian hielt das Schweigen nicht länger aus, aber ein anderes Thema fiel ihr im Augenblick nicht ein.

"Sie werden nicht fragen!" Jane blieb kurz angebunden. Sie hatte Horror vor den kommenden Schulstunden. Das Hinterteil tat ihr immer noch so sehr weh, dass sie kaum sitzen konnte. Und wie sollte sie die endlosen Minuten einer Schulstunde überstehen?

"Wie kommst du da drauf?" Jetzt verstand Vivi gar nichts mehr.

"Weil er persönlich in der Schule anrufen will und Luna krank melden wird! Darum! Entschuldigungsschreiben nützen bekanntlich nicht viel!" Mit schnellen Schritten lief Jane weiter. Die kleine Schwester bemühte sich neben ihr zu bleiben, stellte jedoch keine weiteren Fragen.

In der Schule angekommen, trennten sich ihre Wege. Vivian war auch froh, ihrer Schwester zu entkommen und sich endlich mal mit jemandem normal unterhalten zu können.

Jane dagegen setzte sich, ohne nach links oder rechts zu schauen, stur auf ihren Platz. Sie fürchtete, dass man ihr alles anmerken könnte, wenn sie sich mit jemandem unterhalten würde.

Doch kaum saß sie auf ihrem Stuhl und hatte die Bücher ausgepackt, kam schon Tanja auf sie zu.

"He Jane!", begrüßte Tanja sie und lächelte freundlich. Schließlich kannte man sich seit der Weihnachtsparty schon viel besser. "Wo ist Luna geblieben?"

In Janes Kopf drehten sich die Gedanken. Was sollte sie antworten, ohne ihr Geheimnis zu gefährden?

"Sie ist krank! Liegt mit Grippe im Bett!"

"Schade!" Zum Glück wollte Tanja nichts genauer wissen. "Weißt du schon, dass wir nachher zwei Freistunden haben?"

"Ehrlich?" Ein bisschen Freude huschte über Janes Gesicht.

"Ja. Der Physiklehrer ist krank. Hast du nicht Lust, mit zu mir zu kommen? Meine Eltern sind beide arbeiten."

"Zu dir?", fragte Jane ungläubig und dachte darüber nach. Traurig schüttelte sie mit dem Kopf, als sie zum Schluss kam, dass sie lieber alleine bleiben sollte.

"Warum nicht?" Tanja ließ sich nicht so einfach abblitzen. "Willst du nach Hause gehen? Ihr wohnt doch ziemlich weit weg." Ohne nachzufragen setzte sie sich einfach auf Lunas Stuhl und sah Jane an. "Komm! Gib dir nen Ruck! Meine Eltern haben ne sehr gute Hausbar!"

Das überzeugte Jane schließlich.

"Meinetwegen, ich komme mit", sagte sie. Dann klingelte es zur ersten Stunde und die Mädchen mussten sich trennen.

Während des Unterrichts, dachte Jane über die Einladung nach. Noch nie war sie bei einer Freundin, oder Klassenkameradin zu Hause gewesen. Ihre Neugier wuchs von Minute zu Minute. Am Ende der Stunde freute sie sich doch auf die Freistunden. Sie war so in Gedanken gewesen, dass sie völlig vergessen hatte, dass ihr alles weh tat. Und wenn Tanjas Eltern wirklich eine gute Hausbar besaßen, fand Jane mit Sicherheit etwas, um die Schmerzen wegzuspülen.

Endlich war es soweit. Jane glaubte, dass Vera und Kathrin ebenfalls mit zu Tanja kommen würden, doch diese verabschiedeten sich vor der Schule von ihnen.

"Warum kommen die nicht mit?", fragte Jane und sah den Mädchen nachdenklich hinterher.

"Die wollen in die Stadt, um einzukaufen. Dafür habe ich kein Geld!"

"Ich leider auch nicht", seufzte Jane und dann setzten sie sich in Bewegung. Richtung Tanjas Elternhaus.

Tanja wohnte nur zwei Straßen weiter. Stumm bestaunte Jane das schmucke Einfamilienhaus, mit den blauen Fensterläden und dem herrlichen Vorgarten. Im Geiste sah sie dann, das graue Mietshaus, in dem sie selber wohnte und der Neid stieg in ihr auf.

"Gefällt es dir?", fragte Tanja, öffnete die Haustür und winkte ihr einladend zu. Fröhlich wippte ihr Pferdeschwanz, als sie voran ging, um Jane ihr Zimmer zu zeigen.

Drinnen verlor Jane dann endgültig die Fassung. Dieser Raum war dreimal so groß, wie ihr Kinderzimmer, was sie sich auch noch mit Luna und Vivi teilen musste. Dass sie nicht grün vor Neid wurde, war eigentlich ein Wunder.

Doch sie riss sich zusammen. Tanja konnte schließlich nichts dafür, dass ihre Eltern so ein Haus besaßen und Janes Vater nicht. Es würde sich für die Familie Meinert auch gar nicht lohnen, da sie ja ständig umziehen mussten.

"Wahnsinn", hauchte Jane und ließ sich auf den gemütlichen Sessel fallen, der zusammen mit einem Sofa, vor dem Fenster stand. Von hier aus hatte sie den besten Überblick.

"Ach das ist noch gar nichts!" Abwertend winkte Tanja ab. "Du müsstest mal Vera ihr Zimmer sehen. Die hat ne ganze Etage für sich allein. Sogar ein eigenes Badezimmer."

Es reichte, um Jane wütend zu machen. Tanja bemerkte, wie Jane die Hände zur Faust ballte und wechselte schnell das Thema.

"Was willst du trinken?", fragte sie und lächelte Jane entwaffnend an.

"Irgendeinen Saft mit Wodka, wenn du hast." Die Wut war verflogen.

"Bleib sitzen. Ich hole alles." Tanja verließ ihr Zimmer und kam kurz darauf mit mehreren Flaschen wieder. Sie stellte alles auf den kleinen Tisch, der zur Sitzgruppe gehörte und ging dann noch mal los, um Gläser zu holen.

"Merken das denn deine Eltern nicht, wenn du dich an ihrer Hausbar vergreifst?" Jane würde sich niemals trauen, einfach die Flaschen ihres Vaters zu nehmen. Sie kannte die anschließenden Konsequenzen.

"Nö!" Tanja goss für Jane großzügig Wodka in ein Glas und Apfelsaft darüber. "Die sind viel zu sehr beschäftigt und außerdem würden sie zuerst denken, dass es die Putzfrau war!"

Die Mädchen stießen klirrend mit ihren Gläsern an. Tanja hatte sich das Gleiche gemixt, wie Jane und sie fand, dass es gar nicht schlecht schmeckte.

"Hast du die Geschichte von Sandra gehört?", fragte Tanja plötzlich, als Schweigen sich zwischen ihnen ausbreitete.

Jane zuckte zusammen, hatte sich jedoch Sekunden später wieder unter Kontrolle. "Was meinst du?" Sie hatte beschlossen, die Ahnungslose zu spielen, bis sie wusste, worauf Tanja aus war.

"Na die ist doch abgehauen! Von zu Hause!" Tanja war erstaunt. "Deine Schwester wurde doch deswegen von der Polizei befragt. Das musst und doch wissen?"

"Ja klar", gab Jane zu. "Aber wir wissen nichts von ihr. Hast du ne Idee, wo sie stecken könnte?"

"Keine Ahnung. Die ist bestimmt mit irgendwelchen Ganoven zusammen und dreht krumme Dinger. Die Polizei wird sie schon finden und bestimmt landet sie dann im Heim. Das ist das dritte Mal in zwei Jahren, dass Sandra untertaucht." Tanja sah den entsetzten Ausdruck in Janes Gesicht, nicht.

"Und warum läuft Sandra immer weg. Hat da schon mal jemand drüber nachgedacht, oder weiß das einer?" Jane hatte Mühe, ganz normal zu klingen.

Tanja wurde einen Augenblick nachdenklich. "Das Gerücht geht um, dass sie Probleme mit ihren Eltern hat. Wahrscheinlich wird sie geschlagen."

"Oh mein Gott!", entfuhr es Jane. "Hat sie das erzählt?"

"Nein! Sandra erzählt nichts. Sie tut immer so, als wäre sie die Größte und Coolste. Die würde sich nie was anmerken lassen. Vielleicht stimmt das Gerücht auch gar nicht und wir machen hier die Pferde scheu!"

Jane versteckte sich hinter ihrem Glas und trank. Sie durfte jetzt nicht die Beherrschung verlieren. Also versuchte sie ihre Erregung mit Alkohol zu betäuben.

"Aber es wäre wirklich schlimm, wenn es stimmen würde! Man kann sich gegen seine eigenen Eltern doch überhaupt nicht wehren!" Tanja redete mehr mit sich selber, als mit Jane. Sie konnte sich nicht richtig vorstellen, dass Erwachsene ihre eigenen Kinder schlagen. Sie verschloss die Augen und redete sich in Gedanken ein, dass an Sandras Gerücht, kein Funken Wahrheit dran war. So etwas durfte es einfach nicht geben!

"Hast du noch einen Schluck?" Jane hielt ihr das Glas hin und versuchte von diesem gefährlichen Thema wegzukommen. Außerdem spürte sie, dass sie nicht mehr lange sitzen konnte.

"Klar!" Tanja war auch froh, das Thema wechseln zu können und goss Jane nach. "Tut mir übrigens leid, dass ihr auf der Weihnachtsfeier erwischt worden seid."

"Das war verdammt schiefgelaufen! Luna, die blöde Kuh, musste genau in dem Moment die Flasche ansetzen, als die Geiger rein kam! Wir mussten mit ins Lehrerzimmer und wurden dann von unserem Vater abgeholt. Gab natürlich ein großes Theater!"

"Kann ich mir denken", stimmte Tanja zu. "Sei ihr bestraft worden?"

"Er hat uns die Weihnachtsgeschenke gestrichen", antwortete Jane im Scherz. Doch in ihrem Inneren spielte sich noch einmal der ganze Film von Mittwoch abend ab. Aber sie durfte nicht daran denken. Sie durfte sich einfach nichts anmerken lassen!

"Na wenn es weiter nichts ist", lachte Tanja und merkte tatsächlich nichts. "Was hast du dir denn zu Weihnachten gewünscht?"

Jane bekam den nächsten Schreck. Dieses Mädchen stellte ihr aber auch eine unangenehme Frage nach der anderen. Sie hatte sich nichts gewünscht. Zu Weihnachten gab es immer nur neue Kleidung und ihr Vater würde auch dieses Jahr nichts anderes kaufen.

"Ein Fahrrad", antwortete sie dann ganz spontan. "Ich glaube aber nicht, dass ich es kriege. Wir sind drei Kinder."

"Ja, ja. So ein Teil kann ganz schön teuer sein", pflichtete ihr Tanja bei und stand auf. "Ich muss mich noch umziehen, bevor wir wieder in die Schule müssen."

Ohne sich zu genieren, zog sie sich vor Jane aus und öffnete anschließend ihren begehbaren Kleiderschrank.

Mit großen Augen starrte Jane auf den Schrank. Massenhaft Klamotten stapelten sich dort drinnen. Das alles würde vermutlich ausreichen, um eine kinderreiche Familie komplett einzukleiden. Vivian, Luna und Jane besaßen zusammen nicht ein Viertel davon.

"Gehören die Sachen alle dir?"

"Ja." Erstaunt sah Tanja sie an. Doch dann erinnerte sie sich, dass ihr schon einmal aufgefallen war, dass Luna und Jane ständig in den selben Sachen zur Schule kamen. Ihr kam eine Idee.

"Wenn du willst, kannst du dir ein paar aussuchen! Meine Mutter will nach Weihnachten so und so einige ausrangieren. Ich besitze viel zu viel!"

Sofort begann sie mehrere Pullover auszuräumen und legte sie ausgebreitet auf ihr Bett. Es waren wirklich sehr schöne Teile dabei und sehnsuchtsvoll betrachtete Jane sie.

"Such dir aus und probiere an! Es ist wirklich nichts dabei!", drängte Tanja und sah sie erwartungsvoll an. "Kannst auch was für deine Schwestern mitnehmen."

Jane blieb stumm. In Gedanken ging sie ihren eigenen Kleiderschrank durch und darin befanden sie nicht annähernd so schöne Sachen. Aber wie sollte sie einen Pullover oder eine Hose hier anprobieren? Sie konnte sich doch nicht vor Tanja ausziehen.

Doch bei den herrlichen Klamotten wurde sie schwach und sie gab sich einen Ruck. Tanja durfte nur ihren Rücken nicht sehen und das würde sie schon irgendwie schaffen. Die restlichen blauen Flecke, konnte sie notfalls Luna in die Schuhe schieben.

"Dann fangen wir mal an", flüsterte Jane und öffnete ihre alte Jeans. Blitzschnell hatte sie sich umgezogen, so dass Tanja kaum Gelegenheit hatte, ihre nackten Beine zu sehen. Doch Tanja zog sich ebenfalls um und interessierte sich gar nicht für Janes nackte Haut.

Die Klamotten passten. Jane probierte ein Teil nach dem anderen an und wurde zunehmend unvorsichtiger.

Bis Tanja plötzlich vor ihr stand und sie festhielt. Ihre Augen waren auf die Arme gerichtet, denn Jane hatte gerade ein ärmelloses Hemd an.

"Was ist das?", fragte sie naiv.

Jane sah an sich herunter und erkannte ihren Fehler. Hastig riss sie sich von Tanja los, zog das Hemd aus und ihren eigenen alten Pullover wieder über. Das gab ihr genügend Zeit nachzudenken, wie sie der Freundin eine glaubwürdige Geschichte auftischen konnte.

"Jane?", fragte Tanja noch einmal, weil ihr aufging, was sie gerade gesehen hatte.

"Von Luna!", knurrte Jane und setzte sich auf den Sessel. Ihre Hände zitterten, als sie nach dem Glas griff.

"Von Luna?" Tanja Gesicht sagte aus, dass sie nicht verstand.

"Ja, von Luna!" Gereizt stellte Jane ihr Glas auf den Tisch zurück. "Wir haben uns gestritten!"

"Und da fällt sie so über dich her?"

"Sie war betrunken und wusste nicht, was sie tat. Außerdem habe ich sie provoziert und da ist sie eben ausgerastet!"

"Aber so wie du aussiehst, muss sie sich ja völlig vergessen haben!"

"Ach lass es", wehrte Jane ab und wollte so schnell, wie möglich von diesem Thema weg. "Es sieht schlimmer aus, als es ist. Sie hat mir nicht richtig weh getan. Ich bin etwas empfindlich und bekomme schnell blaue Flecke."

Um nicht weiter reden zu müssen, griff Jane erneut nach ihrem Glas und trank es in einem Zug aus.

Tanja betrachtete sie nachdenklich, beschloss dann aber die Sache ruhen zu lassen. Still packte sie die Sachen zusammen, die Jane sich ausgesucht hatte.

Unsanft wurde Luna durch einen Tritt geweckt. Schlaftrunken glaubte sie, dass Sandra sich bewegte, doch ein zweiter Tritt sagte ihr, dass irgendwas nicht stimmte. Blitzschnell öffnete sie die Augen und richtete sich auf.

Ihr Einbruch in der vergangenen Nacht, hatte hervorragend geklappt. Außer zwei Schlafsäcke, hatten sie noch einen Campingkocher und eine kleinen Ofen, den man mit Spiritus betreiben konnte, mitgehen lassen. Zum ersten Mal in dieser Lagerhalle, konnte Luna schlafen, ohne zu frieren und sie hatte bestimmt auch über 12 Stunden gepennt.

Im ersten Augenblick dachte sie, dass die Polizei doch auf ihre Spur gekommen wäre, doch dann erkannte sie, dass der Typ über ihr, ein Messer in der Hand hielt.

Vorsichtig tastete sie mit der Hand nach Sandra, um sie zu wecken. Doch diese knurrte nur und wollte in Ruhe gelassen werden.

"Was willst du?", schnauzte Luna den Kerl an und hoffte, dass ihre Freundin wenigstens dadurch wach wurde. Angst hatte sie nur ein ganz kleines Bisschen, aber die zeigte sie nicht.

"Gib die Klamotten her!", antwortete der Typ und kam näher auf sie zu. Ehe er sich versah, war Luna aus ihrem Schlafsack raus und stand auf den Beinen.

"Erst mal heißt das Guten Morgen, wenn du mich schon weckst!" Ihre Stimme klang belustigt, aber in ihren Augen glitzerte es gefährlich. Um keinen Preis gab sie die warmen Sachen wieder her.

Der Typ trat noch einen Schritt näher auf sie zu, das Messer in der ausgestreckten Hand. Die Klinge zeigte auf Luna.

"Was willst du mit dem Spielzeug?" Sie lachte laut auf, ließ den Kerl aber nicht aus den Augen. Auf den zweiten Blick hatte sie erkannt, dass er ein Penner war. Sein schmutziges Äußeres und die alte Kleidung verrieten ihn.

"Rück die Klamotten raus!", sagte er noch einmal. Allerdings war diese Aufforderung nicht mehr so selbstbewusst, wie am Anfang.

"Wozu?" Die Sache fing an, ihr Spaß zu machen.

"Gib sie einfach her und dir passiert nichts!" Er fuchtelte erneut mit der Klinge vor Lunas Brust herum, doch sie wich keinen Schritt zurück. Mit einer einzigen Handbewegung schlug sie ihm das Messer aus der Hand und es fiel zu Boden. Dann trat sie auf ihn zu.

"Was soll mir denn passieren?" Provozierend sah sie ihn an. "Willst du mir etwa die Ohren abschneiden? Oder mich aufschlitzen?"

Sie wurde zunehmend lauter und davon wurde auch Sandra wach, die sich nun aufrichtete und den beiden zusah. Ihren Schlafsack verließ sie nicht. Sie wusste, dass Luna alles unter Kontrolle hatte.

"Du kannst mir auch eine in die Fresse hauen! Bitte schön! Aber das stört mich nicht! Komm, und schlage mich zusammen! Ich bin Schmerzen gewohnt! Du kannst mir gar nicht weh tun, du Arschloch! Verpiss dich zu deinen anderen Pennern!"

Dann war die restliche Beherrschung vorbei. Luna holte aus und schlug ihm die Faust ins Gesicht.

Erschrocken fasste der Typ sich an die Nase, doch sie blutete noch nicht. Währenddessen trat Luna zu. Wie sie es von ihrem Onkel gewohnt war. Genau auf die Stellen, die am meisten weh taten.

"Lass ihn am Leben!", kam es von Sandra, die das Schauspiel fasziniert verfolgte. "Er soll erst mal seine Taschen ausräumen!"

Der Typ war auf dem Boden in sich zusammengesunken und sah nun hoffnungsvoll das andere Mädchen an. Er hatte geglaubt, mit diesen Kindern relativ einfach fertig zu werden, doch da hatte er sich getäuscht. Ausgerechnet die Kleine, die er mit Absicht zuerst geweckt hatte, musste ihm diese Tour vermasseln.

Luna stand schon wieder über ihm und hielt fordernd die Hand auf. "Jetzt drehen wir das Spiel mal um! Pack deine Taschen aus!"

Widerwillig suchte er in seinen Taschen. Viel kam nicht zu Vorschein. Tabak, Kleingeld und ein paar uralte Handschuhe.

Luna nahm alles an sich. Sandra stand nun doch auf und stellte sich neben sie. Nachdenklich betrachtete sie die Handschuhe.

"Gib ihm alles wieder!", befahl sie Luna und wandte sich ab.

"Warum?" Irritiert sah Luna ihr nach.

"Weil er auch nur ein armes Würstchen ist, genau wie wir."

"Spinnst du jetzt?"

"Nein!" Sandra kam zurück. "Er ist im Grunde genommen noch schlimmer dran, als wir! Der hat überhaupt niemanden mehr auf der Welt. Wir haben wenigstens noch uns!"

Luna war damit der Wind aus den Segeln genommen. Zögerlich gab sie die alles zurück und auf einmal hatte sie Mitleid mit dem Typen, der sie jetzt sogar dankbar anlächelte.

"Verpiss dich!", knurrte sie trotzdem und der Kerl sah zu, dass er auf die Beine kam und abhaute. Kurz sah sie ihm nach und setzte sich auf die Matratzen.

"Nicht schlecht!" Anerkennend hob Sandra den Daumen.

"Es ging", antwortete Luna und griff nach dem Messer, dass sie ihm zuerst abgenommen hatte. Sie zeigte es der Freundin.

"Damit wollte er mich bedrohen."

"Lächerlich", gab Sandra, zu und beide Mädchen lachten laut auf. Ihnen konnte so leicht keiner was. Sie wussten sich zu wehren.

"Ich hab wunderbar geschlafen." Luna streckte sich. Für sie war die Sache beendet. Der Spaß war vorbei.

"Was machen wir heute?"

"Wie wäre es mit, Nahrung besorgen? Ich hab nen Mordshunger!"

"Gute Idee! Ich bin dabei!"

Gemeinsam begannen sie ihr Lager abzuräumen. Sollte der Typ, oder einige andere, zurückkommen, würden sie denken, dass Luna und Sandra alles mitgenommen hätten. Die Schlafsäcke, den Ofen und den Kocher, verpackten sie in einer alten Kiste und versteckten diese in einer anderen Ecke der Halle. Nur die Matratzen mussten liegen bleiben.

Ausgehungert machten sie sich auf den Weg in die Innenstadt.

"Das kann ich doch gar nicht alles mit in die Schule nehmen!"

Jane betrachtete eingehend die drei Plastiktüten, in denen Tanja sämtliche Klamotten gepackt hatte.

"Ja, du hast recht." Tanja überlegte ebenfalls. "Weist du was? Ich bringe sie dir heute nachmittag nach hause."

"Zu mir?", unterbrach sie Jane aufgeregt.

"Warum nicht?"

"Es ist wegen Luna. Sie ist wirklich sehr krank und wir dürfen zur Zeit niemanden mitbringen, damit sie ihre Ruhe hat." Eine bessere Lüge war ihr so schnell nicht eingefallen.

"Okay, dann lass sie erst einmal hier. Irgendwann wird es schon klappen." Tanja stellte die Tüten wieder in den Kleiderschrank.

Langsam wurde es für die Mädchen Zeit, wieder zur Schule zu gehen und schweigend zogen sie sich die Jacken über.

Jane beschäftige was ganz anderes. Sie hatte nicht eine Sekunde daran gedacht, wie sie ihrem Vater erklären sollte, woher sie die neuen Sachen hatte. Bestimmt würde er was dagegen haben und Jane auffordern, sie zurückzubringen. Irgendeine Lösung musste ihr dazu noch einfallen, denn behalten wollte sie die Klamotten auf jeden Fall.

Der letzte Schultag vor Weihnachten verging schnell. Kaum ein Lehrer zog seinen Unterricht streng durch. Sie veranstalteten mit den Schülern kleine Spiele und ließen so manches durchgehen. Trotzdem atmeten alle befreit auf, als die letzte Stunde zu Ende war. Jeder wollte so schnell wie möglich raus, aus dem Schulgebäude und es herrschte Gedränge unter den Schülern.

Nur Jane und Vivian freuten sich überhaupt nicht auf die Ferien. Herr Meinert hatte Urlaub und das bedeutete, er war in den ganzen zwei Wochen jeden Tag daheim. Wie sollten sie das nur aushalten? Dazu noch ohne Luna.

Bedrückt liefen die Schwestern heimwärts. Vor ihnen lag der letzte freie Nachmittag, ohne den Vater. Jane erzählte zwar von ihrem Besuch bei Tanja, aber das konnte Vivi nicht aufheitern.

In der Wohnung fiel ihnen wieder ein, dass Frau Müller auch nicht mehr da war. Zu sehr hatten sie sich an Margot gewöhnt, doch heute stand kein fertiges Mittagessen auf dem Tisch. Jane musste selber etwas zubereiten.

Die restlichen Stunden verbrachten beide mit Lesen. Der Vater sah es gern, wenn seine Töchter ein schlaues Buch in der Hand hielten. Jane und Vivian wollten, dass er bessere Laune bekam, doch Herr Meinert kam so und so mit übelster Laune heim. Da schien gar nichts zu helfen.

"Ist sie da?", fragte er kurz angebunden, als er ins Zimmer trat.

Die Mädchen schüttelten ängstlich den Kopf, doch es passierte nichts. Der Vater verließ das Zimmer sofort wieder.

Jane hasste ihre Stiefschwester immer stärker. Wie konnte Luna ihnen das nur antun? Wo doch Weihnachten vor der Tür stand? Die schlechte Laune des Vaters würde bis Heilig Abend, bis ins unerträgliche gefallen sein. Jane sah sich schon wieder am Boden liegen, über sich den Vater mit dem Gürtel, während alle anderen zu dieser Zeit, ihre Geschenke auspackten.

"Ich geh mal das Abendessen machen." Vivian flüsterte nur und legte vorsichtig ihr Buch zur Seite. Sie hatte gar nicht gelesen, sondern so ähnlich gedacht, wie Jane.

"Was hast du vor?" Jane spürte, dass die kleine Schwester viel mehr bewegte und hielt sie kurz vor der Tür fest.

"Nichts", antwortete Vivian, sah aber beschämt weg.

"Doch Vivi! Du hast über etwas wichtiges nachgedacht! Ich kenne dich!"

"Ich kann nicht mehr Jane!" Weinend brach sie in den Armen der großen Schwester zusammen. "Ich schaffe das einfach nicht mehr!"

"Was schaffst du nicht mehr?" Jane blieb ruhig und besonnen. Auf keinen Fall durfte sie die Schwester jetzt verschrecken, sonst hüllte diese sich in Schweigen und Jane würde nie erfahren, was Vivi vorhatte.

"Was hast du vor?"

"Wenn Vater uns Weihnachten nur einmal schlägt, gehe ich anschließend zur Polizei und zeige ihn an!" Sie sprach so leise, dass Jane es kaum verstand.

"Mach das nicht", bat Jane.

"Doch! In einem Kinderheim kann es nicht schrecklicher sein, als hier! Und es ist mir egal, was Luna für angebliche Schauermärchen dort erlebt hat. Ich will nicht länger hier wohnen!"

Vivian befreite sich von Janes Händen und ging aus dem Raum. Völlig entsetzt sah Jane die geschlossene Tür an. Dieses Vorhaben musste sie unter allen Umständen verhindern.

Das Abendessen verlief so schweigsam, wie noch nie. Die Mädchen trauten sich so und so nichts mehr zu sagen. Jedes Wort konnte ein Fehler sein und der Vater würde explodieren. Das war kein Zuhause mehr. Das war eine Burg der Angst, der Verzweiflung und des Schreckens.

Jane kam kurz der Gedanke, dass sie und Vivi ebenfalls weglaufen könnte. Aber was hätte das für einen Sinn? Sie hatte absolut keine Ahnung, wohin sie gehen sollten. Immerhin herrschte Winter und auf der Straße würden sie erfrieren.

Aus den Augenwinkeln beobachtete Jane ihren Vater. Sah, wie er mit großen Bissen seine Brote aß und schlürfend den Tee trank. Es ekelte sie an, ihn beim Essen zuzuschauen. Jane schüttelte sich, kaum merklich, vor lauter Abscheu.

"Ist irgendwas, Jane?" Herr Meinert hatte es nicht übersehen.

"Nein", antwortete sie leise. Im gleichen Moment machte sich Angst in ihr breit. War es heute wieder so weit?

"Ich will euch mal was sagen!" Der Vater war fertig mit dem Essen. Vivian und Jane erstarrten und sahen nicht auf.

"Solange der Bastard nicht wieder hier ist, habt ihr in eurem Zimmer zu bleiben! Ich will euch nur zu den Mahlzeiten sehen! Das Haus habt ihr schon gar nicht zu verlassen! Verstanden?"

Seine Töchter nickten gleichzeitig und so war für ihn alles in Ordnung. Er wollte damit verhindern, dass ihm noch eine Tochter abhanden kam. Zufrieden, weil alles so gut klappte, stand Herr Meinert vom Tisch auf und ging ins Wohnzimmer.

"Verdammte Scheiße!", brüllte Vivian ihm nach, in voller Lautstärke.

Jane sprang erschrocken auf. Was war in die kleine Schwester gefahren? Abwechselnd sah sie zur Tür und zu Vivi. Der Vater konnte noch nicht im Wohnzimmer sein. Er musste es gehört haben.

Da stand er auch schon wieder in der Küche. "Was hast du gesagt?"

Knallrot war sein Gesicht, vor Wut.

"Verdammte Scheiße!", wiederholte Vivian, keine Spur leiser.

Jane machte den Mund auf, brachte jedoch keinen Ton heraus. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Steif wartete sie darauf, dass der Vater auf Vivi losging. Jetzt konnte ihn bestimmt nichts mehr zurückhalten.

"Warum?" Noch geschah nichts.

Vivian stellte sich aufrecht hin. "Du kannst uns nicht Tag und Nacht im Zimmer einsperren! Wir haben Ferien!"

Weiter kam sie nicht, denn Herr Meinert war schon bei ihr und packte sie. Er wollte ausholen, hielt aber noch einmal kurz inne.

"Du willst dich also beschweren?"

"Ja!" Vivian blieb todesmutig. Ihr war anscheinend alles egal.

"Das werde ich dir schon austreiben!" Grob schleifte er seine Tochter aus der Küche und im selben Moment, erwachte Jane aus ihrer Erstarrung. Sie stürzte hinterher.

Im Korridor erwischte sie ihren Vater am Arm, der schon dort richtig ausholten wollte. Vivian hielt er mit der anderen Hand so, dass sie sich nicht losreißen konnte.

Über dieses plötzliche Eingreifen von Jane, war Herr Meinert dann doch verblüfft. Aber er wurde auch mit zwei Mädchen fertig. Mit aller Macht, schüttelte er seine älteste Tochter vom Arm ab, packte sie am Hals und drückte zu, bis sie rot anlief. Dann schleuderte er ihren Kopf gegen die nächste Wand. Jane sank ohnmächtig in sich zusammen.

Ohne sich weiter um Jane zu kümmern, schleifte er Vivian ins Wohnzimmer. Dort konnte er sie in aller Ruhe bearbeiten und das tat er auch, bis sie keinen Mucks mehr von sich gab. Vivian würde es nie wieder wagen, ihm zu widersprechen!

"Halt! Stehen bleiben!"

Sandra und Luna drehten sich gleichzeitig um und sahen, wie ein Mann auf sie zukam. Der Supermarkt war gerammelt voll und sie hatten geglaubt, dass in diesem vorweihnachtlichen Gedränge, niemand auf sie achten würde. Falsch gedacht, denn der Mann war offensichtlich ein Detektiv.

"Mitkommen!" Schon stand er bei den Mädchen.

"Warum?", fragte Sandra, in ihrer rotzfrechen Art zurück.

"Kleine Taschenkontrolle!" Er grinste übers ganze Gesicht.

Luna sah sich nach allen Seiten um. Der Weg zur Ausgangstür war frei.

"Ist mir egal!", sagte sie ruhig, trat dem Detektiv gleichzeitig vors Schienbein, drehte sich um und ergriff die Flucht. Sandra reagierte ebenso schnell und folgte ihr.

Wie von Sinnen rannten sie durch mehrere Straßen, für den Fall, dass sie verfolgt wurden. Erst in einer dunklen Toreinfahrt blieben sie atemlos stehen.

"Oh mein Gott! Das ist ja gerade noch mal gut gegangen!", keuchte Sandra.

"Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn er uns erwischt hätte!"

Hinter den Mädchen raschelte etwas und sie drehten sich erschrocken um.

"Der Penner", stellte Luna fest, als sie die, am Boden kauernde, Gestalt erblickte. Sandra nickte zustimmend und ging zu ihm hin.

"He Eric! Was ist los?" Sandra sprach ihn an und Luna traute ihren Ohren kaum. Woher kannte die Freundin seinen Namen? Das war höchst merkwürdig!

Der Kerl antwortete ihr nicht, sondern sah flehend auf. Beide Mädchen erkannten, dass es ihm sehr schlecht ging. Sein zuckender Körper und das schweißnasse Gesicht, sagten alles aus.

"Mist", flüsterte Sandra.

Luna sah, wie es in ihrem Kopf arbeitete. Dann suchte Sandra in ihren Jackentaschen und holte die Tüte mit den komischen Pillen heraus. Sie gab dem Typen die letzten zwei Stück. Zusätzlich reichte sie ihm auch noch die, eben geklaute, Flasche Korn.

"Hier! Es wird nicht viel helfen, aber du kommst wenigstens wieder auf die Beine!" Fast zärtlich lächelte sie ihn an.

In Luna brach alles zusammen. Wie konnte Sandra nur jemandem helfen, der sie vor wenigen Stunden mit einem Messer bedroht hatte und sie ausrauben wollte? Und woher kannte sie ihn?

"Alles klar!" Sandra stand wieder neben ihr.

"Und nun?" Erstaunt sah Luna sie an.

"Wir nehmen ihn mit!"

"Hm?" Luna sah sich nach Eric um.

Dieser stand wieder auf den Beinen, mit einem seligen Grinsen im Gesicht. Offenbar hatte das Zeug geholfen, was er bekommen hatte.

Zu dritt liefen sie zu dem Fabrikgelände. Luna hüllte sich in eisernes Schweigen. Die Freundin musste nicht ganz dicht im Kopf sein, wenn sie so einen bei sich aufnahm, dachte sie unterwegs.

Eric ließ sich sofort auf die Matratzen fallen und schloss die Augen, während Sandra kontrollieren ging, ob ihre Sachen noch da waren.

Gelangweilt zündete Luna sich eine Zigarette an. Wenn Sandra wiederkam, wollte sie die Freundin zur Rede stellen.

"Was soll das?" Luna schlug nicht gerade den freundlichsten Ton an.

"Jetzt rege dich ab!" Sandra blieb gelassen und setzte sich neben Eric. "Ich hab ihn letztes Jahr kennen gelernt. Da sah er noch besser aus. Hatte ne Sozialwohnung in der Ghettosiedlung und ich durfte kostenlos bei ihm wohnen. Ist doch wohl klar, dass ich ihm jetzt auch helfe!"

"Und wieso sagst du mir das erst jetzt?" Luna konnte sich dennoch nicht beruhigen. "Warum hast du heute mittag nicht zu ihm gehalten?"

"Hab ich doch! Immerhin habe ich dich zurückgehalten, als du ihn totschlagen wolltest. Außerdem solltest du ihm alles wiedergeben!"

Feindselig blickten sich die Freundinnen an. Jede von ihnen wollte recht behalten und keine gab nach. Es bildeten sich die ersten Risse in ihrer jungen Freundschaft.

Wortlos griff Luna nach der Schnapsflasche, die vor dem Matratzenlager stand. Sich voll laufen lassen, das war jetzt ihr dringendster Wunsch. Vielleicht kam sie danach auf bessere Gedanken und würde sich mit der neuen Situation abfinden.

Jane rappelte sich an der Wand hoch. Ihr Kopf brummte fürchterlich und vor den Augen drehte sich alles, als sie endlich auf den Füßen stand. Mühsam tastete sie sich dann durch den dunklen Korridor zum Wohnzimmer. Sie musste Vivian unbedingt zu Hilfe kommen. Ohne anzuklopfen, wie sie das sonst immer mussten, drückte sie die Türklinke runter und trat ein. Vor Schreck weiteten sich ihre Augen und sie konnte Vivi auf den ersten Blick gar nicht entdecken. Der Raum war völlig verwüstet. Der Tisch und einige Stühle waren umgekippt. Bücher, aus der Schrankwand, lagen am Boden und auch mehrere Bierflaschen. Vivian musste sich wie wahnsinnig gewehrt haben.

Ihren Vater konnte Jane ebenfalls nicht sehen. Offenbar war er im Schlafzimmer. Dann fand sie Vivi, die in einer Ecke hockte und sich ganz klein machte.

"Vivi?"

Die Schwester sah langsam auf und Jane war mit einem Satz bei ihr. Hilflos und schützend nahm sie das kleine Mädchen in ihre Arme und fing an zu weinen.

Dieser elende Scheißtyp hatte Vivians Gesicht zerstört. Er konnte es sich leisten, weil Ferien waren. Weil seine Töchter so und so nicht, das Haus verlassen durften. Niemand würde das demolierte Auge je zu Gesicht bekommen.

"Geht in euer Zimmer! Dort könnt ihr weiter flennen!" Herr Meinert war wieder ins Wohnzimmer getreten und sah die Mädchen gelassen an. Jane half Vivian auf die Beine und schleppte sie aus dem Raum. Legte sie ins Bett und holte kalte Lappen aus dem Badezimmer um die Schwellungen zu kühlen. Mehr konnte sie für die Schwester nicht tun.

Im Hintergrund hörte sie, wie der Vater die Wohnung verließ und hinter sich zweimal zuschloss. Er war noch keine fünf Minuten weg, da klingelte das Telefon. Jane überlegte lange, ob sie rangehen durfte und nahm dann beim 8. Klingelzeichen ab.

Die Flasche war fast leer und Luna spürte immer noch keine Wirkung. Aber wenigstens hatte sie sich mit Eric abgefunden, der inzwischen friedlich schlief. Sandra und Luna redeten auch wieder miteinander.

"Hast du noch irgendwas zu Saufen?" Luna hielt ihre eiskalten Hände über den Ofen und sah die Freundin an, die gerade vom pinkeln kam und sich die Hose hochzog.

"Wenn die Flasche leer ist, dann nicht mehr!"

"Scheiße!"

"Willst nen Joint?" Sandra hielt ihr die brennende Zigarette hin, doch Luna schüttelte den Kopf.

"Nein", antwortete sie träge. "Wenn ich mir den Typ da angucke, vergeht mir die Lust aufs Kiffen!"

Langsam stand sie auf und zog den Reisverschluss ihrer Jacke hoch.

"Wo willst du hin?"

"Weiß noch nicht. Vielleicht kann ich was zu trinken auftreiben." Luna drehte Sandra und Eric den Rücken zu und ging. Irgendwas drängte sie raus aus dieser Halle, auch wenn die angebrochene Nacht eiskalt war. Sie musste hier weg.

Ziellos lief sie durch die Straßen. Nur wenige Leute waren unterwegs. Meistens Jugendliche, welche die Ferien genossen und auf irgendeine Party wollten. Jugendliche in Lunas Alter, die das ganze Leben noch vor sich hatten.

In den Taschen ihrer Jacke fand sie noch etwas Kleingeld und sie blieb vor einer Telefonzelle stehen. Lange starrte sie auf das gelbe Glashäuschen und überlegte, ob sie daheim anrufen sollte.

Wind kam auf und pfiff ihr durch die Jacke. Es wurde zunehmend kälter und so betrat Luna die Zelle. Mit steifen Fingern warf sie das Geld ein und wählte dann ihre eigene Telefonnummer. Sollte ihr Onkel an den Apparat gehen, was mit Sicherheit der Fall war, konnte sie allemal wieder auflegen. Aber sie wollte es wenigstens versuchen.

Luna ließ es lange klingeln und beim 8. Mal wurde auf der anderen Seite abgenommen.

"Hallo?", fragte jemand schüchtern und Luna stellte erleichtert fest, dass es Jane war.

"Ich bin's, Luna", flüsterte sie leise, falls ihr Onkel mithören konnte.

Auf der anderen Seite blieb es still, dann hörte sie nur noch ein verzweifeltes Schluchzen.

"Bitte Luna, komm zurück", flehte Jane unter Tränen. "Er hat Vivi verprügelt! Ihr ganzes Gesicht ist grün und blau!"

Luna hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten, während sie das hörte. Sie wollte es nicht glauben aber an Janes Stimme, erkannte sie, das es die Wahrheit war.

"Warum hast du es nicht verhindert?", fragte sie und gab sich alle Mühe, nicht ebenfalls in Tränen auszubrechen.

"Nicht verhindert?", kam es durch die Leitung, mit entrüstetem Unterton. "Weil ich vorher dran war und mein Kopf gegen eine Wand gedonnert wurde. Wie soll ich da etwas verhindern? Ich bin nicht so abgebrüht, wie du."

"Tut mir leid."

"Luna, du musst zurück kommen! Er verwandelt sich zum Tier, seit du weg bist. Bitte, bitte, bitte!" Janes Stimme ging wieder zum Schluchzen über. Luna hatte Mühe, sie überhaupt zu verstehen.

"Ich kann nicht! Du musst das verstehen", sagte sie leise und legte anschließend auf. Das war zuviel für ihre Nerven.

Grenzenlose Wut stieg in ihr auf und sie trat mit voller Wucht gegen die Glaswand. Diese zerbrach zwar nicht, aber es half ein wenig.

Jeder musste sich selber helfen, in dieser verdammten Welt! Luna konnte ihren Stiefschwestern nicht helfen.

Mit Wut im Bauch, die Hände zu Fäusten geballt, rannte sie durch die verlassenen Straßen. Sie brauchte jetzt dringend Alkohol, um zu betäuben, was sie da eben gehört hatte.

Nach hundert Metern kam Luna an einem Tabakladen vorbei. Fast wäre sie daran vorbeigelaufen, doch aus den Augenwinkeln, sah sie die aufgereihten Flaschen im Schaufenster. Abrupt blieb sie stehen, starrte durch die Glasscheibe und starrte auf die Schnapsflaschen. Hastig sah sie sich um. Niemand war zu sehen und Luna betete, dass auch sie nicht beobachtet wurde. Mit dem Ellenbogen schlug sie die kleine Scheibe ein. Sofort sprang die Alarmanlage an, doch Luna achtete nicht darauf. Blitzschnell griff sie mit der bloßen Hand durch die Scherben und schnappte sich eine Flasche Wodka. Anschließend machte sie, dass sie wegkam. Die Alarmanlage war ziemlich laut und die Anwohner reagierten bestimmt darauf.

Abgehetzt blieb sie mehrere Straßen weiter, in einem Hinterhof stehen. Sie war es nicht gewohnt, lange Strecken, in diesem Tempo zurückzulegen.

Verkrampft hielt Jane den Telefonhörer fest und starrte darauf. Luna hatte schon vor fünf Minuten aufgelegt, doch Jane konnte es immer noch nicht glauben. Sie hatte sich noch nie so verlassen gefühlt.

Die Stiefschwester hatte sie eiskalt im Stich gelassen. Das würde sie ihr niemals verzeihen.

Behutsam legte sie den Hörer wieder auf und ging zurück ins Kinderzimmer, wo Vivian auf sie wartete.

Stumm sahen sich die Mädchen an. Vivian spürte auch so, dass das kein normaler Anruf gewesen war.

"Wer war dran?", fragte sie später, weil Jane immer noch schwieg.

"Luna." Der Name kam kaum hörbar über ihre Lippen.

"Sie lebt?" Mit einem Ruck setzte Vivi sich auf. Vergessen waren die Schmerzen und hoffnungsvoll hellte sich ihr Gesicht auf.

"Keine Panik. Sie kommt nicht wieder." Jane setzte sich zu ihr ans Bett und wechselte die Umschläge.

"Ich hab ihr am Telefon von dir erzählt. Danach hat sie einfach aufgelegt."

"Einfach aufgelegt?"

"Ja. Vergiss sie am Besten! Die wirst du nicht wieder sehen!"

Sie sah, wie sich die Augen der kleinen Schwester mit Tränen füllten. Auch sie hätte jetzt gerne geweint, aber seit dem Anruf hatte sie sich vorgenommen, ab heute die Stärkere zu sein. Sie wollte endgültig Lunas Platz einnehmen.

Als Herr Meinert wieder heim kam, schliefen beide Mädchen längst. Jane und Vivian hatten sich noch lange über ihre Zukunft unterhalten und waren dann gemeinsam, in Vivis Bett, erschöpft eingeschlafen.

Nachdem sich alles wieder beruhigt hatte, lediglich ein einsamer Streifenwagen war an Luna vorbeigefahren, lief Luna zurück zur Fabrik. Müdigkeit machte sich in ihr breit und sie sehnte sich nach ihrem warmen Schlafsack. Hauptsache Eric hatte den noch nicht in Beschlag genommen, aber ihn würde sie schon raus treiben.

Doch schon von weitem erkannte sie, dass irgendwas nicht stimmte. Das Gelände der Fabrik war seltsam beleuchtet und nur zögerlich setzte Luna einen Fuß vor den anderen. Blaulicht zuckte über das geisterhafte Gebäude und dann sah sie auch schon den ersten Polizeiwagen. Schnell stellte sie sich so, dass man sie nicht sehen konnte und beobachtete, was da ablief.

Sie sah, wie Sandra ins Freie gestoßen wurde. Das Mädchen wehrte sich heftig und schrie, als würde man sie gleich umbringen. Nach ihr kam Eric zum Vorschein, der sich, zu Lunas Erstaunen, friedlich abführen ließ. Er stand bestimmt derart unter Alkohol, dass er gar nicht begriff, was ihm geschah. Beide wurden in getrennten Autos untergebracht und verschwanden aus Lunas Sichtfeld. Zehn Minuten später lag das gesamte Gelände wieder im Dunklen und Stille trat ein.

Luna blieb wie erstarrt stehen. Was sollte sie jetzt machen? Wo sollte sie hingehen? Automatisch, ohne es überhaupt zu registrieren, öffnete sie den Verschluss ihrer Wodkaflasche und trank. Ihr Kopf war leer, wie ein Vakuum und so drehte sie sich um und ging den Weg zurück, den sie gekommen war.

An irgendeinem Hauseingang setzte sie sich auf die Treppe. Die Kälte spürte sie nicht mehr. Der Alkohol wärmte sie ausreichend. Luna hörte die Klänge einer Disco, die in der Nähe zu sein schien. Das rhythmische Stampfen, der Bässe, machte sie schläfrig und so lehnte sie den Kopf gegen die Hauswand.

Sie wollte nur ein paar Minuten ausruhen und merkte nicht, wie ihre Sinne schwanden und einer Art Koma Platz machten.

Stimmen holten sie aus der Benommenheit. Zur gleichen Zeit kam, wie ein Schlag, die Kälte zurück. Ihre Zähne klapperten, als sie die verklebten Augen öffnete. Sie sah nur Beine und erst dann hob sie den Kopf, um zu erkennen, wer vor ihr stand.

"Ich hab doch gleich gesagt, dass sie es ist. Mensch Luna, was machst du hier?" Tanja und zwei weitere Jungs aus der Klasse, waren auf dem Heimweg von der Disco und hatten Luna in dem Hauseingang entdeckt. Zuerst waren sie sich nicht sicher gewesen, doch Tanja hatte gleich geahnt, dass es Luna war.

"Ich warte", brachte Luna nur mühsam hervor.

"Auf wen?", fragte Michael, aber Tanja wies ihn zurecht.

"Jetzt sei doch nicht so neugierig!" Sie spürte, dass Luna hier nicht zum Spaß saß und schlief. Außerdem sagte ihr die halbleere Wodkaflasche alles. Kurz entschlossen setzte sie sich neben Luna.

"Geht schon mal vor! Ich komme gleich nach!", forderte sie ihre Begleiter auf und diese verschwanden auch gehorsam.

"Kein Wunder, dass du Grippe hast, wenn du auf einer Steintreppe sitzt", begann Tanja vorsichtig.

"Grippe?"

"Jane sagte mir, dass du krank im Bett liegst, mit Grippe."

"Ach leck mich!" Luna ließ den Kopf hängen. Ihr wurde immer kälter und die Füße konnte sie kaum noch spüren. Dann griff sie nach der Flasche und nahm einen großen Schluck. Tanja sah ihr zu, wie sie den puren Alkohol schluckte, ohne das Gesicht zu verziehen. Das konnten nur diejenigen, die es gewohnt waren, reinen Schnaps zu trinken.

Eine Weile blieb es still. Beide dachten nach. Luna darüber, wo sie die Nacht verbringen sollte und Tanja überlegte, was passiert sein könnte. Dann ging ihr ein Licht auf.

"Willst du mitkommen? Bei Michael steigt noch ne Party und wir können dort auch pennen. Seine Eltern sind nicht zu Hause."

"Wer kommt alles?" Luna wollte sicher gehen, nicht den falschen Leuten zu begegnen.

"Nur Michael, Frank und ich. Mit dir sind es vier." Tanja lächelte, begeistert über ihre Idee. So konnte sie sicher gehen, dass man morgen früh kein erfrorenes Mädchen fand, das Luna hieß.

Sie half ihr aufzustehen, wobei Luna sich mächtig anstrengen musste. Zuviel Alkohol hatte sie heute schon geschluckt und nur ganz wenig gegessen.

Unterwegs zu dem Haus von Michael, musste Luna halt machen. Ihr drehte sich der Magen um und sie schaffte es gerade noch rechtzeitig zu einem dichten Gestrüpp. Tanja sollte ihr dabei nicht zuschauen, obwohl die Geräusche offensichtlich waren. Es dauerte auch mindestens zehn Minuten, bis sie wieder bei Tanja stand, die sie mitfühlend anblickte.

"Du siehst sterbenskrank aus", stellte sie nur fest. "Beeilen wir uns. Bei Michael ist es schön warm und außerdem gibt's dort was zu Essen!"

Bei dem Wort Essen, wollte Luna erneut alles hochkommen, aber sie bekämpfte den Würgereiz erfolgreich. Sie wollte sich nicht zwei mal hintereinander blamieren.

Endlich waren sie da. Frank und Michael warteten schon auf sie. Auf dem Tisch standen mehrere volle Flaschen, aber Luna ließ sich nur auf einen Sessel fallen. Sie konnte jetzt nichts mehr trinken.

Jedoch Tanja winkte sie mit in die Küche. Als ob sie hier daheim war, holte sie aus dem Kühlschrank alles, was essbar war und stellte es vor Luna.

"Nimm dir!", forderte sie auf, doch Luna genierte sich auf einmal.

"Michael ist mein Cousin. Ich darf hier also machen, was ich will. Du brauchst keine Hemmungen zu haben."

Die Sperre löste sich in Luna und sie griff zu. Stopfte wahllos alles in sich rein, worauf sie Appetit hatte.

Belustigt sah Tanja ihr dabei zu, bis sich Luna zum Schluss, satt und zufrieden zurücklehnte.

"Was ist los?", fragte Tanja noch einmal. "Wieso sitzt du um diese Zeit, bei dieser Kälte, vor einer Haustür und pennst?"

"Geht dich nichts an!", antwortete Luna. Wieso musste Tanja jetzt danach fragen? Sie wollte doch nur eine Nacht hier schlafen. Morgen würde ihr schon eine Lösung einfallen und zur Not konnte sie in die Fabrik zurückgehen. Zwei Razzien hintereinander würden die Bullen bestimmt nicht veranstalten und auf einmal begriff Luna, welches ungeheures Glück sie gehabt hatte. Eine innere Stimme hatte sie gezwungen, die Halle zu verlassen, weil die Stimme wusste, dass die Polizei auftauchen würde.

"Bist du von zu Hause abgehauen?" Tanja drängte sich zwischen ihre Gedanken und ließ nicht locker.

Keine Antwort.

"Luna!", forderte Tanja energischer und lauter.

Keine Antwort.

"Mein Gott, ich verpfeife dich schon nicht! Mit Sandra?"

Es reichte. Wild sprang Luna auf und stellte sich vor die Küchentür. Sie wollte sich einen Fluchtweg bereithalten. Dann sah sie Tanja an.

"Wenn du es unbedingt wissen willst, ja! Ich hab es nicht mehr ausgehalten!" Ihre Stimme versagte und jetzt wirkte Tanja sichtlich erschrocken.

"Warum nicht?", hakte sie nach.

Vor Aufregung fing Luna an zu zittern. Krampfhaft hielt sie sich an der Tür fest und fürchtete, jeden Augenblick zusammenzubrechen. Das durfte ihr nicht passieren. Sie musste sich wieder unter Kontrolle kriegen.

"Ich kann nicht mehr zu meinem Onkel zurück. Er hasst mich und ich hasse ihn! Ganz einfach!" Luna hoffte, dass Tanja sich damit zufrieden geben würde, aber sie tat es nicht.

"Was hat er dir denn getan?"

"Gar nichts!" Luna reagierte eine Spur zu schnell. Gehetzt sah sie sich um, doch der Weg zur Wohnungstür war immer noch frei. Michael und Frank saßen immer noch im Wohnzimmer, tranken Bier und hörten Musik.

"Hör mal Tanja!" Luna änderte ihre Strategie. "Du hast mir angeboten, dass ich hier schlafen kann und das ist auch alles, was ich will. Bitte hör auf, zu fragen. Ich kann dir nicht antworten!"

Tanja sah in Lunas Augen eine bodenlose Angst. Angst, etwas zu verraten, was absolut niemand wissen darf. Und sie stellte keine weiteren Fragen, sondern führte Luna in ein Gästezimmer, wo sie in Ruhe schlafen konnte.

Innerlich war ihr klar geworden, dass die Mitschülerin mehr Hilfe brauchte, als nur ein Bett für eine Nacht.

Sie beschloss in dieser Sache einen Erwachsenen zu Rate zu ziehen. Aber erst Morgen.

Luna schlief in dem weichen Bett ein, ehe Tanja das Zimmer verlassen konnte. Nachdenklich sah diese noch einmal auf die Bettdecke, unter der sich, der schmächtige Körper abzeichnete. Zuvor hatte sich Luna strikt geweigert, mehr als ihre zwei Jacken und die Schuhe auszuziehen. Sie schlief in Jeans und dicken Pullover. Waschen wollte sie sich auch erst Morgen und Tanja ließ ihr den Willen. Das alles bestätigte nur noch stärker ihren Verdacht.

"Was ist mit der?", fragte Frank, als Tanja sich endlich zu ihnen setzte.

"Keine Ahnung. Sie will nicht darüber reden." Sie nahm ihrem Cousin die Bierflasche aus der Hand und goss sich ein Glas ein.

"Und warum geht sie dann nicht nach Hause und schläft dort?"

"Weil sie von dort weggelaufen ist. Übrigens ist euer Kühlschrank leer! Sie muss seit Tagen unterwegs sein!"

"Toll!"

"Jedenfalls ist bei den Meinerts irgendwas nicht in Ordnung und ich werde das herausfinden!"

"Was willst du unternehmen?"

"Das weiß ich auch noch nicht, aber mir wird schon was einfallen!" Entschlossen verschränkte Tanja die Arme und blitzte kampflustig mit den Augen. Ihr Cousin blieb skeptisch.

"An deiner Stelle würde ich mich nicht in fremde Angelegenheiten einmischen. Das kann auch schief gehen!"

Aber Tanja blieb bei ihrem Entschluss und ließ sich nicht umstimmen.

Das erste, woran Jane dachte, als sie am Dienstag erwachte, war der Anruf von Luna. Sogleich fiel ihr auch alles andere vom gestrigen Abend ein und sie drehte sich vorsichtig, um Vivian anzuschauen.

Diese schlief noch tief und fest. Der Wecker zeigte auch erst auf halb 6 und sie hatten noch über zwei Stunden Zeit, bis sie aufstehen mussten. Doch Jane war hellwach und konnte nicht wieder einschlafen. Sie dachte noch einmal über Luna nach. Ihr wurde klar, dass sie in Zukunft ohne sie auskommen mussten. Aber sie würden es auch ohne Lunas Hilfe schaffen. Jane konnte genauso stark sein, wenn sie es wollte.

Vorsichtig und leise, um Vivi nicht zu wecken, stand Jane auf. Sie hatte immer noch leichte Kopfschmerzen, aber die konnte sie ignorieren. Im Kleiderschrank suchte sie sich was zum anziehen und dabei fielen ihr die vielen schönen Sachen von Tanja ein. Zu Schade, dass sie nicht aus dem Haus kam und sie abholen konnte.

Dann zog sie ihre ältesten Hosen und ein Hemd von Luna an. Sie hatte heute volles Programm. Der Vater wollte, dass vor Weihnachten alles gründlich sauber war und das bedeutete, dass sie den ganzen Tag zu putzen hatte. Und wenn sie schon mal so früh wach war, konnte sie genauso gut schon anfangen.

Vielleicht würde das den Vater erfreuen und er bekam gute Laune.

Da die Küche am weitesten vom Schlafzimmer entfernt war, fing sie dort an. Zuerst räumte sie die Schränke aus, um diese gründlich auszuwischen. Bis zum Frühstück hatte sie auch alle fertig und als der Vater in die Küche kam, stand der Tisch, fertig gedeckt da.

Wie Jane es gehofft hatte, war Herr Meinert sichtlich erfreut, über den Fleiß seiner Töchter. Er hatte keine Ahnung, dass Vivian auch gerade erst aufgestanden war. Diese durfte heute Lunas Make-up benutzen und die schlimmsten Stellen waren kaum noch zu sehen. Während des Frühstücks herrschte sogar eine entspannte Atmosphäre.

Im Laufe des Vormittags verließ Herr Meinert schon wieder die Wohnung. Unsicher sahen Jane und Vivi sich an, während sie die Fliesen im Bad schrubbten. Eigentlich ließ der Vater sie nie allein, wenn er Urlaub hatte. Sie machten sich ein paar Gedanken darüber, doch eine Erklärung fanden sie dafür nicht.

Dann klingelte es an der Wohnungstür. Erschrocken fuhren beide Mädchen zusammen. Wer konnte das sein? Sie erwarteten niemanden und ihr Vater hatte einen Schlüssel.

"Du bleibst im Bad!", befahl Jane der kleinen Schwester. "Mit deinem Gesicht darf dich niemand sehen!"

Dann schlich sie auf Zehenspitzen zu Tür und blickte durch den Spion. Tanja stand davor. In der Hand hielt sie den Beutel mit den Klamotten.

Jane wurde schwach. Eigentlich durften sie niemanden rein lassen, aber sie wollte die Sachen so gerne haben. Sie musste es einfach riskieren und der Vater war ja noch nicht einmal eine halbe Stunde weg.

Zaghaft öffnete sie die Wohnungstür und Tanja redete gleich drauf los.

"Hallo Jane! Gut, dass ich dich vor Weihnachten noch treffe. Meine Mutter wollte nämlich die Klamotten heute schon wegwerfen. Ich konnte sie gerade noch retten." Sie drängelte sich an Jane vorbei und stand schon im Korridor. Dass das mit den Sachen nur ein Vorwand war, ließ sie sich nicht anmerken. Sie wollte nur herausfinden, was hier los war.

"Oh, störe ich dich?", fragte Tanja, als sie den Putzlappen in Janes Händen entdeckte.

"Nein, nein." Abwehrend hob Jane die Hände und hoffte, dass Vivian sich ganz ruhig verhielt. "Komm, wir gehen in die Küche." Sie zog Tanja aus dem Korridor.

"Wie geht's Luna?", fragte Tanja, scheinbar beiläufig. "Ist sie da?"

Sie sah, wie Jane leicht zusammen zuckte.

"Mein Vater ist mit ihr beim Arzt." Jane versuchte ganz normal zu klingen.

"Ach so. Also ist dein Vater auch nicht da?"

"Nein."

"Okay! Jetzt reden wir beide mal Klartext!" Tanja setzte sich, wie selbstverständlich, an den Küchentisch und sah die Freundin ernsthaft an. "Ich habe Luna letzte Nacht auf der Straße aufgegabelt! Abgesehen davon, dass sie mächtig betrunken war, war sie auch noch verdammt hungrig und völlig durchgefroren! Also spare dir die Krankheitsstory! Außerdem hat sie mir erzählt, dass sie von euch abgehauen ist! Was ist bei euch los? Luna hat ein paar komische Andeutungen über deinen Vater gemacht? Warum lügt ihr immer, wenn es um sie geht? Raus mit der Sprache!"

"Wo ist Luna jetzt?" Jane ging gar nicht auf die vielen Fragen ein.

"Keine Ahnung. Sie hat bei mir übernachtet und heute Morgen, als ich aufgestanden bin, war sie schon wieder weg. Lange hält sie es nicht gerade, an einem Ort aus." Tanja begriff, dass sie mit Jane anders reden musste, um etwas aus ihr raus zu kriegen.

"Kann schon sein", antwortete Jane ausweichend.

"Hör mal Jane! Wenn irgend etwas zwischen Luna und deinem Vater nicht funktioniert, dann kannst du mit mir darüber reden. Eventuell kann ich dafür sorgen, dass sie wieder heim kommt."

"Es ist nichts zwischen Luna und meinem Vater!", unterbrach Jane sie heftig. "Ich kann dir nicht sagen, warum sie weggelaufen ist. Sie ist schon so oft ausgerissen!"

"Wirklich? Ist die Beziehung von Luna und deinem Vater ganz normal?" Tanja trieb es bis zum äußersten und Jane explodierte.

"Ja, verdammt noch mal!" Sie konnte nicht zulassen, dass jemand der Wahrheit so gefährlich nahe kam.

"Es ist besser, du gehst wieder! Unsere Familienangelegenheiten gehen niemandem was an!" Ihre Stimme überschlug sich, so laut war Jane geworden.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren stand Tanja auf. Genau das hatte sie erreichen wollen. Sie hatte auf keinen Fall erwartet, dass Jane ihr die gesamte Wahrheit erzählte. Dafür kannten sie sich noch zu wenig. Aber dieser Ausbruch sagte ihr, dass sie auf der richtigen Spur war.

Betroffen blieb Jane in der Küche sitzen. Tanja hatte die Wohnung ohne ihre Begleitung verlassen.

Nachdem Ruhe eingekehrt war, kam Vivi in die Küche. Ihr entsetzter Gesichtsausdruck verriet, dass sie jedes Wort verstanden hatte. Zitternd umarmten sich die Schwestern.

"Wann ist dieser Alptraum vorbei?", flüsterte Vivian.

"Sobald ich 18 bin. Das verspreche ich dir!"

"Eher nicht?"

"Nein. Wir müssen durchhalten!"

Als wäre nichts gewesen, gingen sie wieder ins Badezimmer und putzten weiter.

Luna war zu ihrem Glück, als erste aufgewacht. Schnell zog sie sich an, verzichtete auf eine Morgenwäsche und schlich sich durch das fremde Haus. Niemand hörte sie. Alle schliefen in ihren Betten, wie sie feststellte, nachdem sie in mehrere Zimmer geschaut hatte.

Aus Franks Geldbörse stahl sie sich 50 DM. Er wird es verkraften, dachte sie und ein Lächeln zauberte sich auf ihr Gesicht, als sie überlegte, was sie dafür alles kaufen konnte.

Unbemerkt verließ sie das Haus. Es war morgens 8 Uhr. Sie dachte kurz an ihre Schwestern, die jetzt ebenfalls aufstehen mussten. Doch sie war sich sicher, dass sie richtig gehandelt hatte. Für sie war es wirklich besser, auf der Straße zu leben, als bei ihrem Onkel.

Sanft rieselte der Schnee auf Luna herab. Mit den Lippen fing sie ein paar auf und kostete sie. Die Schneeflocken schmeckten nach Freiheit. Und niemand würde ihr die wieder wegnehmen!

In der Innenstadt war es noch relativ ruhig. Der Weihnachtsmarkt wurde abgebaut und der Sturm auf die Geschäfte ging erst in einer Stunde los. Bis dahin wollte Luna weit weg von hier sein. Sie wollte zur Fabrik zurück und sich dort ein neues Versteck suchen. Die Matratzen waren bestimmt noch da.

Lunas Weg führt vorher zum Bahnhof. Ab morgen nachmittag waren sämtliche Geschäfte für drei Tage geschlossen und sie wollte sich mit Nahrung eindecken. Die Geschäfte im Bahnhof hatten bestimmt schon offen.

Bepackt mit Keksen, Zigaretten und einer Flasche Wodka, verließ Luna, wenig später den Lebensmittelladen. Damit wollte sie ihr ganz privates Weihnachten feiern. Die ältere Verkäuferin hatte sie zwar misstrauisch gemustert, ihr aber dann doch den Wodka über die Ladentheke gereicht. Vielleicht lag es ja auch daran, dass Lunas Kleidung nicht mehr die sauberste war.

Doch das störte Luna nicht. Beschwingt machte sie sich auf den Heimweg zum Fabrikgelände. Dort angekommen, betrachte sie erst alles ganz genau. Sie war jetzt allein und man konnte nie wissen, wer noch alles ein verstecktes Plätzchen suchte.

Zu Lunas Enttäuschung waren die Matratzen ebenfalls verschwunden. Nichts erinnerte noch daran, dass hier zwei Mädchen gehaust hatten.

Wütend trat sie gegen eine alte Kiste, die polternd durch die Halle flog. Doch das änderte nichts, an ihrer verfahrenen Situation. Was sollte sie jetzt machen? Draußen schneite es wie verrückt, also war sie gezwungen, hier zu bleiben. Sie hatte ja den Wodka als Freund und der würde ihr bestimmt über die nächsten Stunden hinweghelfen.

Tanja war auch zu Hause angekommen. Ausnahmsweise befand sich ihre Mutter im Haus, die gerade dabei war, alles weihnachtlich zu dekorieren. Der Tannenbaum wurde bei ihnen erst Heilig Abend aufgestellt, was Tanja schrecklich spießig fand.

Still lehnte sie sich an den Türrahmen und sah ihre Mutter an.

"Na Schätzchen, wie war es gestern abend?" Frau Reinold sah sich nach ihrer Tochter um, während sie den großen Weihnachtsstern an der Decke befestigte.

"Ganz gut. Wir haben alle bei Michael übernachtet."

"Hab ich mir schon gedacht." Die Mutter lächelte verständnisvoll und fragte nicht nach, ob Frank dabei gewesen war. Sie wusste, dass Tanja in ihn verliebt war und ließ ihr dieses kleine Geheimnis.

"Du Mama? Darf ich dich mal was fragen?" Auf einmal wusste Tanja nicht, wie sie anfangen sollte. Sie hatte tausend Fragen im Kopf, wusste aber nicht, wie sie die erste am Besten formulierte.

"Was hast du auf dem Herzen, mein Kind?" Schnell stieg die Mutter von der Leiter und glaubte, es handele sich um Liebesbeziehungen.

"Wenn du jemanden kennst und du weist, oder ahnst, dass bei ihm zu Hause was ganz schreckliches passiert, wie würdest du dich dann verhalten?"

Verwirrt verzog Frau Reinold das Gesicht und hatte keine Ahnung, wovon ihrer Tochter sprach. "Geht es um Frank?"

"Nein." Tanja setzte sich und legte die Fingerspitzen auf die Schläfen, als würde ihr das beim Sprechen helfen. "Ich kenne jemanden und habe herausgefunden, dass in seinem Elternhaus einiges schief läuft. Und jetzt weiß ich nicht, wie ich mich verhalten soll!"

"Was läuft denn schief?"

Das Mädchen musste nachdenken. Damit hatte sie sich noch gar nicht auseinandergesetzt und das Schlimmste war, sie wusste es nicht.

"Ich weiß es nicht", gestand sie ehrlich.

"Aber wie kommst du dann auf diese absurde Idee?"

"Weil das Verhalten von demjenigen darauf hindeutet!"

"Von wem?" Frau Reinold hatte sich jetzt ebenfalls hingesetzt. Das Thema wurde ihr zu heikel.

"Ich kann keine Namen nennen, aber ich glaube, derjenige wird von seinem Vater misshandelt."

"Tanja!" Hektisch stand ihre Mutter auf. Rote Flecken bildeten sich auf ihrem Gesicht. "Das Wort Misshandlung ist ein schwerwiegender Vorwurf! Damit muss man sehr, sehr vorsichtig sein! Wenn die Sache nämlich nicht stimmt, kannst du am Ende wegen Verleumdung angeklagt werden!"

"Du würdest also gar nichts tun, um ihr zu helfen?", unterbrach Tanja den Redeschwall und merkte dabei nicht, dass sie das Geschlecht des Unbekannten freigab.

"Es ist also eine Freundin von dir?" Die Mutter hatte gut zugehört.

"Ja. Nein." Tanja kam nicht weiter und schwieg.

"Schatz, hör mir mal zu! Es ist Weihnachten und du solltest dich nicht mit solchen hässlichen Dingen beschäftigen. Wenn dieses Mädchen Hilfe braucht, dann wendet sie sich bestimmt an einen Erwachsenen. Du kannst so und so nichts unternehmen, also vergiss die Geschichte!"

Zärtlich sah sie ihre Tochter an und setzte dann ihre Dekoration fort.

Tanja blieb noch einen Moment und dachte nach. Sie konnte nicht verstehen, wieso die Mutter ihr dabei nicht helfen wollte. Vielleicht sollte sie den Namen verraten und alles erzählen, was sie darüber wusste? Aber dann sah sie, wie ihre Mutter fröhlich weiter machte und dabei ein Weihnachtslied summte.

Stumm verließ sie den Raum. Es hatte keinen Zweck, es noch einmal zu versuchen. Tanja konnte nur hoffen, dass ihre Mutter recht hatte.

Jane und Vivian waren fertig und auch körperlich geschafft. Weihnachten konnte kommen. Noch nie war die Wohnung so blitzsauber gewesen und sie ernteten sogar ein Lob ihres Vaters.

Und weil sie den ganzen Tag über, so fleißig waren, durften sie nach dem Abendbrot mit fernsehen. Worauf Vivi aber verzichtete, weil sie müde war und Jane musste vorher das Geschirr vom Abendessen spülen.

"Wenn du willst, kannst du schon ins Zimmer gehen. Ich schaffe das auch alleine", sagte sie zu Vivian, die ihr dabei helfen wollte. Die kleine Schwester verschwand, dankbar lächelnd.

Eifrig begann Jane die Teller ins Becken zu stellen und abzuspülen, als hinter ihr die Küchentür erneut aufging. Zuerst dachte sie, das Vivian sich es doch anders überlegt hatte und drehte sich um.

Der Vater stand plötzlich hinter ihr. Schnell überlegte sie, ob etwas falsch gelaufen war, doch dann sah sie sein trauriges Gesicht.

"Ich muss mit dir reden", sagte er und setzte sich wieder an den Tisch.

Jane ließ das schmutzige Geschirr, wo es war und setzte ich ihm gegenüber. Lange sah sie ihn an, wobei ihr, tausend Gedanken durch den Kopf gingen. Sie konnte sich einfach nicht erklären, worum es ging.

"Ich war gestern bei der Polizei und habe sie vermisst gemeldet. Heute mittag auch noch mal, aber sie haben sie noch nicht gefunden. Die Beamten meinten, am Heilig Abend wäre sie bestimmt wieder da. Die haben da so ihre Erfahrungen. Nur, ich glaube das nicht."

Jane überlegte, ob sie ihm von Lunas Anruf erzählen sollte, ließ es aber dann doch bleiben.

"Ja", antwortete sie nur, um überhaupt etwas zu sagen.

"Die Polizisten wollten sie erst gar nicht suchen. Sie sagten, es käme häufig vor, dass Kinder in diesem Alter einfach abhauen. Dann habe ich ihnen erklärt, dass sie schon seit Freitag weg ist." Herr Meinert griff plötzlich über den Tisch hinweg nach ihrer Hand und sah sie ernst an.

"Jane, wenn du irgendwas weist, wo sie sein könnte, oder mit wem, dann musst du mir das erzählen! Es ist Winter! Sie kann nicht auf der Straße übernachten!"

Sie sahen sich lange schweigend an. Es war so still, dass man hören konnte, wie Vivi ihr Bett aufschlug.

Dann nahm Jane ihren Mut zusammen. "Soviel ich weiß, ist Luna mit einem anderen Mädchen aus der Schule zusammen, die ebenfalls weggelaufen ist."

"Sandra Strauß?", unterbrach Herr Meinert sie aufgeregt.

"Ja", bestätigte Jane und fragte sich, woher der Vater Sandra kannte.

"Sandra wurde gestern abend gefunden. Ich habe mich mit ihrem Vater unterhalten, der gestern ebenfalls auf der Polizeistation saß. Übrigens ein sehr netter Mann."

Gleich und gleich gesellte sich gern, dachte Jane. Ist ja klar, dass sich die "lieben" Väter, gegenseitig nett fanden.

"Aber wenn sie Sandra haben, wo ist dann Luna? Die müssen doch zusammen gewesen sein. Und wo haben sie Sandra gefunden? Eventuell ist Luna noch dort!"

Auch der Vater hatte sich das gerade überlegt. "Ich werde morgen noch einmal zur Polizei gehen und denen das sagen, was du gerade erzählt hast. Vielleicht bekommen sie aus dem anderen Mädchen was raus. Sonst weist du nichts?"

Mit dem Kopf schüttelnd, verneinte Jane und ihr Vater verließ die Küche wieder. Sobald er draußen war, ging sie zu Vivian.

"Ob du es glaubst, oder nicht, aber er hat tatsächlich Luna als vermisst gemeldet!"

Vivian sah sie verdutzt an und bekam große Augen. "Ist nicht dein ernst."

"Doch. Er fragte mich gerade, ob ich was wüsste und ich habe ihm von Sandra erzählt. Allerdings ist die gestern wieder aufgetaucht und Luna nicht."

Schlagartig fiel ihr Tanja ein. Luna konnte gestern gar nicht bei Sandra gewesen sein, weil sie ja bei Tanja war. Ob sie das dem Vater auch erzählen sollte?

Sie entschied sich dagegen. Tanja musste da nicht unbedingt mit reingezogen werden, zumal sie dann etwas ausplaudern könnte, was niemand wissen brauchte. Außerdem war Luna nur eine Nacht bei ihr gewesen und taucht dort bestimmt nicht ein zweites Mal auf.

Beide Mädchen hörten nicht, wie der Vater sämtliche Familien mit dem Namen Strauß anrief und die fragte, ob sie eine Tochter Sandra hätte. Bis er den richtigen Vater in der Leitung hatte. Er wollte ja nur wissen, wo Sandra gefunden wurde.

Später kam er ins Zimmer, teilte seinen Töchtern mit, dass er noch mal weg müsste und befahl ihnen, ins Bett zu gehen, nachdem Jane mit der Küche fertig war.

Luna kam nicht zur Ruhe. So ganz allein, war ihr die alte Halle unheimlich. Überall knackte und raschelte es. Außerdem saß sie fast im Dunklen, weil in diesem Teil die Fenster mit Brettern vernagelt waren und die Temperatur sank immer tiefer.

Das zweite Problem störte sie wenig. Mit ausreichend Alkohol im Blut, war ihr warm genug und irgendwann störte sie auch die Dunkelheit nicht mehr. Ihr Gehirn nebelte sich ein. Die Gedanken verloren sich im Raum. Luna war weit, weit weg. Nur ihr Körper lag ausgestreckt auf dem eiskalten Steinfußboden, die Hand ließ die fast leere Flasche nicht mehr los.

Im Unterbewusstsein wusste Luna, dass sie erfrieren würde, wenn sie liegen blieb. Aber es war ihr gleichgültig und sie hatte auch keine Kraft, sich wieder aufzurichten und warm zu halten. Die einzelnen Gliedmaßen gehorchten ihr schon lange nicht mehr. Der Tod konnte nicht grausamer, als das Leben sein.

Gute acht Stunden lag sie schon so, als der grelle Lichtstrahl einer Taschenlampe über ihr bleiches Gesicht huschte.

Herr Meinert hatte gefunden, was er suchte. Seine Stieftochter. Fast wäre er achtlos an ihr vorbei gelaufen, aber im letzten Moment war ihm die Flasche aufgefallen.

"Steh auf", befahl er kalt, doch Luna konnte ihn nicht hören.

Das bemerkte der Mann auch und hockte sich zu ihr nieder. Er hatte vorgehabt, ihr auszutreiben, noch einmal abzuhauen. Als seine Finger aber ihre Haut berührten, erschrak er zu Tode. Luna war eiskalt.

Schnell tastete er ihren Hals ab und fühlte nur noch einen schwachen Puls.

Gott sein Dank, sie lebt, dachte er und hob das Mädchen vorsichtig hoch. Dabei glitt die Flasche aus der Hand und zerbrach. Den schwachen Körper eng an sich gepresst, stolperte er aus der Fabrik, zu seinem Auto.

Ohne auf Geschwindigkeitsbegrenzungen zu achten, fuhr Herr Meinert mit Luna ins nächste Krankenhaus.

"Herr Meinert?" Eine dicke Krankenschwester kam den langen Flur entlang.

"Ja?" Hastig stand er auf. Er hatte den besorgten Vater gespielt, der sein Kind, halberfroren, gefunden hatte. Doch mit keiner Silbe hatte er erwähnt, dass sie ihm weggelaufen war und er hatte auch noch nicht die Polizei darüber informiert.

"Ihre Tochter hat es geschafft. Sie ist über den Berg und auf dem Weg der Besserung. Erfrierungen hat sie nicht, dafür fast eine Alkoholvergiftung. Wenn sie möchten, können sie jetzt nach Hause gehen und morgen früh wieder kommen. Vorher wird sie nicht aufwachen."

Dann verabschiedete sie sich und ging in ihr Dienstzimmer. Mehr durfte sie zu dem Mann nicht sagen.

Auch nicht, dass das Krankenhaus die Polizei verständigt hat, weil das Mädchen schlimm zugerichtet war. Man hatte jede einzelne Wunde und jeden blauen Fleck fotografiert und dokumentiert. Doch woher die Verletzungen stammten, damit musste sich die Polizei auseinander setzen.

Diese kam noch am selben Abend. Man zeigte ihnen den entblößten Körper von Luna und die Fotografien von ihrem Rücken.

"Was sagen sie dazu?", fragte die Oberschwester, die auch schon mit Herrn Meinert gesprochen hatte.

Die zwei jungen Polizisten betrachteten eingehend die Personalien, dann die Fotos und riefen kurz in der Dienststelle an.

"Mit Sicherheit können wir nichts zu den Verletzungen sagen. Wir haben gerade erfahren, dass dieses Mädchen seit Freitag von ihrem Vater vermisst wird, der sie nun offensichtlich gefunden hat.

"Aber das sieht doch nach Kindesmisshandlung aus!", unterbrach die Schwester.

"Nicht genau. Sie ist fast erfroren und mit einer Alkoholvergiftung eingeliefert worden. Anscheinend hat der Mann sie in diesem Zustand gefunden und sofort hierher gebracht. Mit diesen Verdächtigungen muss man vorsichtig sein. Noch können wir ihm nichts vorwerfen. Wir müssen erst mit dem Mädchen selber reden!"

"Das Mädchen hat fünf Tage auf der Straße gelebt. Mitunter bleiben da solche Verletzungen nicht aus", mischte sich der zweite Beamte ein. "Ein Arzt kann feststellen, wie alt die einzelnen Verletzungen sind und danach werden wir entscheiden. Sehen sie zu, dass Fräulein Meinert nicht erwacht und auch aus dem Krankenhaus türmt. Wir setzen uns mit dem Vater in Verbindung."

Freundlich verabschiedeten sich die Männer und gingen. Die Oberschwester teilte anschließend ihren Kolleginnen mit, dass sie besonders auf Zimmer 214 achten sollen, weil Fluchtgefahr bestand.

Gleich am frühen Morgen, ging Herr Meinert zum Polizeirevier und zog die Vermisstenanzeige zurück. Er erzählte ihnen, wo er seine Tochter gefunden hat und, dass sie jetzt in einem Krankenhaus liegt.

Aber das alles wusste der Beamte vor ihm schon längst. Wäre Herr Meinert nicht zu ihnen gekommen, wären sie eine Stunde später bei ihm aufgetaucht und hätten ihn zu Hause befragt. Außerdem befand sich im Augenblick eine Beamtin bei Luna, die sich nach der Herkunft der Verletzungen erkundigen sollte.

Und diese Aussage wollten sie noch abwarten. Vielleicht gab es ja eine einfache Erklärung dafür.

"Ihre Tochter sieht schlimm aus, Stimmt's?", fühlte der Beamte trotzdem schon mal vor.

"Stimmt. Ich habe sie noch nie in so einem Zustand gesehen." Herr Meinert wusste genau, worauf der Polizist anspielte und tat ahnungslos.

"Haben sie denn eine Erklärung dafür, warum ihre Tochter weggelaufen ist?"

"Nun ja." Lunas Vater überlegte scheinbar. "Das habe ich ihnen doch schon vor zwei Tagen erzählt. Sie war in der letzten Zeit sehr schwierig. Um nicht zu sagen, aggressiv. Schwänzte häufig die Schule und trank neuerdings Alkohol. Danach können sie sich auch bei ihrer Lehrerin erkundigen. Ich fragte sie, ob sie Probleme hat, doch sie wollte nicht mit mir reden. Es könnte auch an ihrem richtigen Vater liegen, der demnächst aus dem Gefängnis entlassen wird. Er hat ihr geschrieben und will sie besuchen. Vermutlich hat sie davor Angst bekommen. Sie wissen doch darüber Bescheid, warum wir Luna damals adoptiert haben?"

Der Polizist nickte. Was der Mann gerade sagte, war alles richtig und vermutlich war das wirklich der Grund, für Lunas Verschwinden.

Herr Meinert durfte wieder gehen. Sollte man doch noch Fragen haben, würde man sich wieder an ihn wenden.

Lunas Sinne kehrten nur langsam zurück. Das grelle Weiß der Krankenzimmerwände erschreckte sie. Hatte sie es geschafft? War sie tot?

Geräusche drangen plötzlich an ihr Ohr und sie öffnete die Augen wieder. Vorsichtig drehte sie den Kopf zur Seite. Eine Tür, ein Stuhl und direkt neben ihr, Apparate, die blinkten und piepsten.

Enttäuscht schloss sie die Augen wieder. Sie war nicht tot! Sie war in einem Krankenhaus!

Luna versuchte sich krampfhaft zu erinnern. Was war geschehen? Warum lag sie hier? Bruchstückhaft flogen die Gedankenfetzen an ihr vorbei und Luna brauchte ewig, bis sie die Puzzleteile zusammengesetzt hatte.

Tanja, dann der Bahnhof, die Fabrik und die Wodkaflasche. Aber wie sie hierher gekommen ist, daran konnte sie sich beim besten Willen nicht erinnern.

Die Zimmertür ging auf und eine hübsche, junge Krankenschwester stand vor ihrem Bett. Sie verstellte etwas an den Apparaten und wechselte die Infusionslösung. Luna verfolgte jede ihrer Handbewegung.

"Hallo Kleine! Schön, dass du wieder zu den Lebenden gehörst." Die junge Frau hatte schließlich bemerkt, dass Luna wach war und sah auf sie herab. Erleichtert atmete Luna auf. Man sprach freundlich mit ihr, also war niemand böse auf sie und sie hatte nichts falsch gemacht.

"Hallo", krächzte sie nur. Warum tat ihr der Hals so weh?

"Du brauchst nichts zu sagen." Die Schwester half ihr, sich aufzurichten und zog dann die Bettdecke glatt. "Wir mussten einen Schlauch durch den Hals führen, um den Magen auszupumpen."

In Lunas Augen erschienen zwei riesengroße Fragezeichen. Die Krankenschwester verstand.

"Du hattest eine Alkoholvergiftung, deswegen. Außerdem wärst du fast erfroren, wenn dein Vater dich nicht gefunden hätte." Sie reichte Luna eine Tasse Tee und ermunterte sie zum Trinken. Übersah dabei, dass das Mädchen angstvoll zusammenzuckte.

"Ruhe dich noch ein wenig aus. Nachher kommt der Oberarzt und wird dich untersuchen."

Luna wurde erklärt, auf welchen Knopf sie drücken musste, um nach der Schwester zu klingeln. Dann war sie wieder allein.

Tausend Fragen schwirrten ihr durch den Kopf. Wieso hatte ihr Onkel sie hierhin gebracht? Hatte er sie etwa gefunden? War sie da schon bewusstlos gewesen, oder hatte er sie in diesen Zustand gebracht? Aber dann hätte er sie doch nicht ins Krankenhaus gefahren. Fragen, auf die sie keine Antwort fand.

Jane rüttelte Vivi wach, gleich nachdem der Vater die Wohnung verlassen hatte.

"Was ist denn los?" Schlaftrunken rieb diese sich die Augen.

"Vater hat Luna gefunden!", flüsterte Jane ganz aufgeregt.

"Was?" Mit einem Ruck saß Vivian aufrecht. "Wo ist sie?"

"Er hat sie an derselben Stelle entdeckt, wo auch Sandra war. Sie war schon halb erfroren und er hat sie in ein Krankenhaus gebracht."

"Wirklich? Ich meine, er hat sie nicht grün und blau geschlagen?" Ernsthaft sah die kleine Schwester, die große an.

"Nein. Vater hat mir gerade alles erzählt. Luna hat ne kleine Alkoholvergiftung und das Beste ist, er ist ihr nicht mal böse. Hat mir auch versprochen, dass er nie wieder jähzornig wird. Er will alles vergessen und mit uns noch mal von vorne anfangen."

"Und du glaubst ihm? Das hat er das letzte mal auch erzählt." Vivian blieb unbeeindruckt.

"Ja, aber diesmal ist es ernst! Er will sich wirklich ändern!"

"Na, wenn du meinst. Wann dürfen wir Luna sehen?"

"Leider erst, wenn sie entlassen wird. Du darfst so und so nicht aus dem Haus!" Mitfühlend strich sie dem kleinen Mädchen über die verletzte Haut. "Es wird aber nicht lange dauern. Hauptsache, es wird alles gut. Telefonieren dürfen wir bestimmt mit ihr."

So fröhlich, wie an diesem Morgen, war Jane schon lange nicht mehr gewesen. Sie glaubte fest daran, dass alles gut wird. Schließlich war Luna wieder da.

Ihre Schwester konnte diese Begeisterung nicht teilen, aber sie gönnte Jane die Freude und sagte nichts weiter dazu. Vielleicht sollte man die Hoffnung wirklich noch nicht aufgeben.

Als Herr Meinert zu seiner Tochter wollte, hielt ihn die Oberschwester auf.

"Sie dürfen da noch nicht rein. Ihre Tochter wird von einer Beamtin befragt!"

"Von einer Beamtin?" In seinem Kopf schrillten die Alarmglocken.

"Ich kann ihnen leider nichts genaues sagen. Bitte gedulden sie sich noch einen Moment." Resolut schob sie ihn in den Besucherraum und ging dann zurück ins Dienstzimmer. Durch die große Glasscheibe konnte sie den Mann genau beobachten.

Vergebens bemühte sch die Polizistin, zu gleichen Zeit, etwas aus Luna herauszubekommen. Diese wollte keinerlei Angaben zu ihren Verletzungen machen.

"Du kannst mir ruhig sagen, wer dir weh getan hat. Wenn du vor demjenigen solche Angst hast, dann können wir dich beschützen!"

Doch Luna schüttelte mit dem Kopf und starrte trotzig auf ihre Bettdecke. "Mir hat niemand was getan!"

"Und warum hast du dann überall blaue Flecke und Schürfwunden?"

"Keine Ahnung. Ich hatte letztens eine kleine Auseinandersetzung mit einem Obdachlosen. Vielleicht daher."

"Na ja. Wenn das alles ist, verabschiede ich mich." Die Polizistin sah ein, dass Luna nicht aussagen wollte.

Hier mussten andere Kräfte ans Werk.

Gemeinsam mit dem Oberarzt verließ sie den Raum. Im Gang unterhielten sich die beiden weiter.

"Was haben sie herausgefunden?", fragte die Frau und holte ihren Notizblock wieder hervor.

"Nun." Der Arzt überlegte ganz kurz. "Von einer einzigen Auseinandersetzung kann hier keine Rede sein. Manche der Verletzungen sind älter, andere ganz neu. Ich kann ihnen jedoch nicht sagen, ob sie von ein und derselben Person stammen!"

"Ich werde mich in ihrem Umfeld erkundigen. Vielleicht hat sie ja regelmäßige Auseinandersetzungen. Sie ist auch ziemlich aggressiv." Die Beamtin reichte dem Arzt die Hand. "Trotzdem würde ich vorschlagen, einen Psychiater hinzuzuziehen. Das könnte auch ein Selbstmordversuch gewesen sein. Wegen ihrem Alter und ihrem Alkoholproblem muss sie nach ihrem Krankenhausaufenthalt so und so zum Jugendamt."

"Darf ich den Vater zu ihr lassen?"

"Ja. Vielleicht können sie beobachten, wie das Mädchen bei seinem Anblick reagiert. Rufen sie mich an, wenn ihnen etwas auffällt und vielen Dank für ihre Mitarbeit."

Die Polizistin drehte sich weg und ging den Flur entlang zum Ausgang. Direkt an Lunas Stiefvater vorbei, ohne ihn zu bemerken. In ihrem Kopf arbeitete sie schon an einem ausführlichen Bericht darüber.

"Kann ich jetzt zu meinem Kind?" Sofort kam Herr Meinert aus seinem Zimmer gestürmt und stand vor dem Oberarzt.

"Selbstverständlich. Sie können jetzt zu ihr." Der Arzt blieb gelassen.

"Warum haben sie eigentlich die Polizei gerufen?", wollte der Vater noch wissen, hatte dabei schon die Türklinke die der Hand.

"Darüber darf ich ihnen leider keine Auskunft geben. Nicht ich, habe das veranlasst. Guten Tag noch!"

Damit ließ der Arzt den Mann stehen. Er hatte noch anderes zu tun.

Wütend sah ihm Herr Meinert nach, doch dann drückte er die Klinke runter und öffnete die Tür.

Luna blickte demonstrativ zum Fenster, als die Tür schon wieder aufging. Sie wollte ihre Ruhe haben? Schließlich war sie zur Erholung hier!

"Luna?", fragte jemand und sie erkannte die Stimme ihres Onkels. Schlagartig flog ihr Kopf zur Seite und sah ihn an. Im gleichen Moment sah sie auch das Gesicht der Krankenschwester, die durch das kleine Fenster neben der Tür blickte.

Wir werden also beobachtet, ging ihr durch den Kopf. Den Mund verzog sie zu einem Lächeln, während der Onkel näher kam. Die Schwester verschwand und das Lächeln erstarb.

"Hallo Luna!", begrüßte er sie schneidend. Als er warten musste, hatte er sich lange überlegt, wie er sich ihr gegenüber verhalten sollte. Herr Meinert wusste ganz genau, weswegen Luna befragt wurden ist. Sollte er es wie bei Jane machen und ihr versprechen, dass es nie wieder vorkommt, wenn sie ihn nicht verrät?

Aber Luna war nicht dumm in dieser Beziehung. Er ahnte, dass sie wusste, dass es wieder nur ein leeres Versprechen war, wie all die anderen. Sie würde ihm so und so nicht glauben.

Also musste er sie derart einschüchtern, dass sie vor lauter Angst, nie ein Wort verraten würde. Und ihm war auch schon eingefallen, wie.

Luna begrüßte ihn nicht, sondern sah ihn nur abwartend an.

"Was wollten die Bullen von dir?", fragte Herr Meinert leise, aber das Mädchen erkannte den gefährlichen Unterton.

"Keine Ahnung", kam es ihr nur stockend aus dem Mund.

"Lüge mich nicht an! Ich will wissen, was sie dich gefragt haben!"

"Das weist du doch ganz genau!" Luna richtete sich jetzt selbstbewusst auf. Im Krankenhaus war sie sicher. Hier konnte er ihr nichts tun.

"Na gut!" Der Mann kam ganz dicht an sie heran, damit sie ihn auch sehr gut verstehen konnte. "Wenn du kleiner Bastard, auch nur ein Sterbenswörtchen verrätst, dann erlebst du die Hölle! Das verspreche ich dir!"

Ihm war klar geworden, dass Luna noch nichts verraten hatte, sonst hätte man ihn bestimmt nicht zu ihr gelassen.

"Du kannst mir nicht drohen!", antwortete Luna im selben Tonfall.

Die beiden maßen ihre Kräfte, dich der Onkel behielt die Oberhand.

"Doch, das kann ich! Sobald ich Wind kriege, dass du gequatscht hast, gebe ich deinem richtigen Vater Bescheid, dass er dich abholen darf. Ich glaube nicht, dass dir das gefallen wird. Oder denkst du, dass er durch ein paar Jahre Gefängnis liebevoller geworden ist? Vielleicht rächt er sich ja an dir? Dagegen bin ich noch harmlos!"

Befriedigt sah er, wie der selbstbewusste Ausdruck in Lunas Gesicht verschwand und dem Schrecken Platz machte.

"Nein", hauchte sie nur. In ihrem Kopf kamen Bilder zum Vorschein, die sie jahrelang bewusst verdrängt hatte.

"Genau das werde ich tun." Eindringlich sah er sie an. "Also werden wir beide, uns was überlegen, was du sagen wirst, wenn sie dich noch einmal befragen!"

Luna nickte und sah ihn dabei nicht an.

"Was hast du eben erzählt?"

"Ich habe mich mit jemandem geprügelt."

"Mit wem?"

"Mit einem Penner von der Straße." Ihre Stimme zitterte. "Das stimmt sogar. Er könnte es bezeugen."

"Und sonst?"

"Nichts weiter."

"Die können aber das Alter deiner Verletzungen bestimmen! Lass dir was einfallen!"

"In der Schule habe ich mich auch ein paar mal geschlagen."

"Okay, das müsste ausreichen. Wage es dir ja nicht, was anderes zu erzählen! Sonst bist du dran!"

Herr Meinert strich ihr über den Kopf, was mehr nur so eine Geste war und ging zur Tür. "Ich versuche dafür zu sorgen, dass man dich bald entlässt. Du kannst dich auch daheim erholen!"

Die Tür schloss sich hinter ihm. Mit leeren Augen sah Luna ihm nach. Sie war gefangen. Sie würde diesen Mann nie loswerden, genauso, wie sie ihren leiblichen Vater nie los wurde. Wahrscheinlich war sie ewig dazu verdammt, in diesem Alptraum zu leben.

Nach und nach kamen die Tränen. Still und leise rollten sie die Wangen hinab und fielen auf das Bett. Kein Schluchzen war zu hören. Es blieb totenstill.

Eine neue Schwester kam herein. Mit einem Blick erfasste sie die Situation und stand schnell bei ihr.

"Was hast du denn?", fragte sie mitleidig und reicht ihr ein sauberes Taschentuch.

"Gar nichts! Lassen sie mich in Ruhe!" Luna nahm das Taschentuch nicht an und drehte den Kopf zum Fenster.

"Das geht leider nicht." Die Schwester achtete nicht auf das trotzige Verhalten. "Ich soll dich zu einer Psychologin bringen!" Sie zog einfach die Bettdecke zur Seite und deutete Luna an, dass sie aufstehen solle. Widerstrebend folgte Luna ihr.

Die Polizistin, die Luna befragt hatte, lieferte ihren Bericht ab. Der Chef hatte sie schon erwartet und überflog neugierig die Seiten. Ein weiterer Kollege wartete ebenfalls. Sie wollten wissen, wie es weiter gehen sollte. In der Zwischenzeit hatten sie sich über Herrn Meinert genauestens erkundigt und dabei auch herausgefunden, dass er einen Rang bei der Bundeswehr hatte. Das machte die Geschichte noch komplizierter. Bei solchen Leuten musste man handfeste Beweise haben, ehe man sie mit den Verdächtigungen konfrontierte. Sonst könnte es einem den Job kosten.

"Wie war ihr Eindruck von dem Kind?", fragte der Chef, nachdem er alles gelesen hatte und den Bericht weiter gab.

"Schwer zu sagen. Extrem aggressiv, trotzig, verstört. Man konnte kaum mit ihr reden. Ich habe schon mit der Schule telefoniert. Die haben mir das gleiche bestätigt. Sie ist aufsässig und prügelt sich sehr häufig. Das könnte eine Erklärung für ihre Verletzungen sein."

"Aber warum ist sie ausgerissen?", hakte der Chef nach.

"Sie war in der Schule mit dem Mädchen Strauß befreundet. Die ist schon ein paar Tage eher abgehauen. Entweder sie hat Ludmilla Meinert überredet, oder sie wollten ein gemeinsames Abenteuer erleben. In diesem Alter kommen sie oft auf die dümmsten Ideen!"

"Also, kein Verdacht auf Kindesmisshandlung?"

Die Beamtin schüttelte mit dem Kopf, der zweite Kollege ebenfalls.

"Wir haben vorsichtshalber eine Psychologin auf sie angesetzt. Vielleicht kriegt sie mehr aus dem Mädchen heraus. Aber ich glaube nicht, dass Herr Meinert was damit zu tun hat. Auch das Jugendamt hat den Mann als liebevollen Vater beschrieben."

Damit wurde die Akte Ludmilla Meinert geschlossen und die ganze Sache beendet

Luna saß vor der Psychologin. Beide Parteien waren sichtlich genervt, weil das Gespräch nicht so verlief, wie es sollte.

"Es war also kein Selbstmordversuch? Du hattest nicht die Absicht, dich mit Alkohol zu betäuben und dann einfach zu erfrieren?"

"Nein, verdammt noch mal!" Luna sprang auf und warf dabei den Stuhl um, auf dem sie gesessen hatte.

Klar hatte sie daran gedacht, dass Sterben für sie die beste Lösung wäre, aber das konnte sie hier unmöglich zugeben. Wahrscheinlich steckte man sie dann in ein Heim für suizidgefährdete Jugendliche.

"Und warum hast du dir dann keinen wärmeren Platz gesucht?"

"Haben sie ne Zigarette?", fragte Luna zurück und griff nach der Packung, welche die Frau ihr hinhielt. Tief inhalierte sie den Rauch und wurde dabei ruhiger.

"Ich hatte einen warmen Platz. Doch den haben die Bullen einen Tag zuvor ausgeräumt. Wo sollte ich denn hin?"

"Nach Hause, zum Beispiel!"

"Keine Lust gehabt. Ich hasse Weihnachten in der Familie!"

"Du bist also wegen Weihnachten weggelaufen?"

"Ja! Außerdem habe ich nur deshalb Alkohol getrunken, weil es so kalt war. Ich trinke sonst nie!"

"Also, gut. Du darfst jetzt wieder gehen. Wenn du mir aber noch irgendwas erzählen möchtest, kannst du jederzeit zu mir kommen."

Sie reichte dem Mädchen zum Abschied die Hand, doch Luna, die immer noch stand, ging wortlos zur Tür.

"Auf Wiedersehen, Ludmilla!"

Ruckartig drehte sich das Mädchen wieder um. "Ich heiße Luna! Merken sie sich das!"

Sie verließ den Raum und laut knallte die Tür hinter ihr zu.

Heilig Abend. Während bei anderen Familien die Zeit gekommen war, wo jeder sich auf die Geschenke freute, saßen Vivi und Jane in ihrem Zimmer. Der Vater war schlechtgelaunt aus dem Krankenhaus zurückgekommen und dieser war jetzt allein im Wohnzimmer.

Die Mädchen hatte kaum gewagt ihn anzusehen, geschweige denn anzusprechen. Still hatten sie sich nach dem Essen in ihr Zimmer zurückgezogen und es seitdem auch nicht wieder verlassen.

Ihre Stimmung war bedrückt. Sie wussten nicht, was im Krankenhaus vorgefallen war, trauten sich auch nicht, danach zu fragen.

"Tolle Weihnachten!", sagte Jane plötzlich. Sie hatte die ganze Zeit aus dem Fenster gestarrt, ohne von draußen etwas wahrzunehmen.

"Hör auf zu jammern!", bemerkte Vivian und stellte sich neben sie. "Es gibt kein Unterschied zu letztes Jahr!"

"Stimmt auch wieder", gab Jane ihr recht.

Letztes Weihnachten hatten sie auch in ihrem Zimmer verbracht, weil Luna und Jane sich gestritten hatte, während sie nach dem Essen die Küche aufräumten. Zu ihrem Pech hatte der Vater zufällig alles mitbekommen. Er machte daraus einen riesigen Aufstand und anschließend war Weihnachten gelaufen.

"Tu einfach so, als wäre heute ein ganz normaler Tag." Vivian versuchte sich und Jane aufzumuntern, was ihr jedoch nicht gelingen wollte. Jane verzog nur missmutig das Gesicht und drehte sich endlich vom Fenster weg.

"Luna hat es gut. Die bekommt jetzt bestimmt Weihnachtsplätzchen und wird verwöhnt."

"Na klar! Alle anderen bekommen Besuch von ihren Familien, nur sie nicht", antwortete Vivian ironisch. "So gut hat sie es gar nicht!"

Das Telefon klingelte im Hintergrund und sie hörten, wie der Vater abnahm und seinen Namen nannte.

Gespannt warteten die Schwestern ab, was geschieht. Normalerweise rief niemand bei ihnen am Heilig Abend an. Die Großeltern lebten nicht mehr und weitere Verwandte hatten sie nicht.

Herr Meinert kam ins Kinderzimmer.

"Ich fahre ins Krankenhaus und hole Luna ab! Macht ja nichts unüberlegtes! Ich warne euch!"

Eingeschüchtert nickten Vivi und Jane, aber sobald sie wieder allein waren, fassten sie sich an den Händen und lachten sich an.

"Sie kommt wieder heim", flüsterte Vivian atemlos. Das war für sie das schönste Weihnachtsgeschenk.

Eigentlich wollte der Oberarzt Luna noch einen Tag zur Beobachtung da behalten, doch während der Visite hatte sie den Arzt so lange angefleht und gebettelt, bis er schmunzelnd einer Entlassung zustimmte.

Jetzt saß sie fix und fertig angezogen auf ihrem Bett und wartete auf ihren Onkel. Sie hatte sich überlegt, dass es für sie besser sei, wenn sie ihm gehorchte. Es waren doch nur noch drei Jahre, bis zu ihrer Volljährigkeit und dann konnte sie tun und lassen, was sie wollte.

Herr Meinert kam in Begleitung einer Krankenschwester. Luna musste mal wieder so tun, als wäre alles normal zwischen ihnen. Freudig sprang sie auf und lächelte. Auch der Vater blickte sie liebevoll an.

Die Schwester sah, dass alles in Ordnung war und verabschiedete sich von Luna. Sie legte dem Mädchen noch nahe, in Zukunft keine Dummheiten mehr zu machen.

Luna bedankte sich höflich und verließ gemeinsam mit ihrem Onkel das Krankenhaus. Keine zehn Pferde kriegten sie je wieder hier rein.

Im Auto herrschte eisiges Schweigen. Das Schauspiel war vorbei. In der Wohnung angekommen, packte Herr Meinert sie grob und drehte Lunas Kopf so, dass sie ihm ins Gesicht blicken musste.

"Was hast du dir eigentlich dabei gedacht? Du kleines Flittchen willst mich wohl mit aller Gewalt ruinieren?" Er schob sie den Flur entlang, bis Luna mit dem Rücken an der Wohnzimmertür stand.

Weder Herr Meinert, noch Luna bemerkten, dass Jane und Vivian in der Tür standen und zuschauten.

Luna gab nur ein Wimmern zur Antwort. Der Griff des Onkels schmerzte.

Dieser fuhr unbekümmert fort. "Wenn du noch einmal abhaust, werde ich dich so lange suchen, bis ich deinen dreckigen Arsch gefunden habe! Und dann Gnade dir Gott! Dann ist mir verdammt egal, ob du betrunken, bewusstlos oder erfroren bist! Dann werde ich dich quälen, bis du dir wünschst, zu sterben!" Mit dem Knie trat er ihr in den Magen und Luna sackte japsend zu Boden.

"Geh ins Zimmer!", brüllte Herr Meinert sie weiter an. "Ich will dich in den Ferien nicht einmal sehen!"

Abreagiert drehte er sich von ihr weg und marschierte ins Wohnzimmer. Auch jetzt bemerkte er seine anderen zwei Töchter nicht.

"Ich hasse ihn", flüsterte Jane, nachdem er weg war. "Er hat mir versprochen, Luna nichts zu tun."

Schnell stürzten die Mädchen zur Stiefschwester und halfen ihr auf die Beine. Luna rang sich ein kleines Lächeln ab. Der Schmerz raubte ihr immer noch die Luft und sie ließ sich zu ihrem Bett bringen.

Vivian wich ihr nicht von der Seite. Streichelte vorsichtig Lunas Haut und beteuerte immer wieder, wie froh sie doch sei, dass Luna wieder daheim sei.

"Tu uns das bitte nie wieder an", bat Jane ebenfalls. "Wir müssen doch zusammenhalten!"

Luna konnte wieder tief durchatmen. Die Schmerzen verschwanden langsam.

"Ich hau nicht mehr ab", versprach sie stockend und sah Vivian an. Ihr geschultes Auge erkannte, trotz der dicken Make-up Schicht, die verfärbten Stellen.

"Hat er dich erwischt, Kleine!" Sanft strich Luna ihr übers Gesicht. Wut schoss gleichzeitig in ihr hoch und am liebsten wäre sie sofort ins Wohnzimmer gestürmt und hätte es ihrem Onkel heimgezahlt.

"Lass es sein." Jane hatte gespürt, was Luna dachte und hielt sie zurück. "Es bringt einfach nichts. Außerdem bist du noch fix und fertig von deinem Ausflug."

An diesem Abend blieb es ruhig und der Heilig Abend verstrich ohne weitere Vorfälle. Die Schwestern blieben in ihrem Zimmer, sprachen zwar nur sehr wenig miteinander, aber sie verstanden sich auch so. Die Freude über Lunas Heimkehr, war deutlich zu spüren.

Am nächsten Morgen machte Luna gleich ihren ersten Fehler. Sie saß mit am Frühstückstisch, als der Vater in die Küche trat. Schon an seinem Blick konnten die Mädchen erkennen, dass es gleich wieder losgeht.

"Raus!", brüllte er und zeigte mit der Hand auf die Tür. Da ihm aber das Mädchen nicht schnell genug reagierte, packte er sie an den Haaren und zog sie vom Stuhl hoch.

"Ich habe dir doch gesagt, dass ich dich nicht sehen will!" Brutal stieß er sie in Richtung Tür und da diese geschlossen war, prallte Luna ungebremst dagegen.

Sie sagte nichts. Sie reagierte nicht. Bekam endlich die Klinke zu fassen und verließ den Raum. Nur beim Schließen der Tür, warf sie Herrn Meinert einen hasserfüllten Blick zu. Dieser sah ihn zum Glück nicht, dafür aber Jane, die ebenfalls bebte vor Wut.

"Krieg ich keinen Kaffee, oder was stehst du hier so blöd herum?", wurde Jane angeschnauzt und sie beeilte sich, damit sie nicht die nächste war, die raus flog.

Das Frühstück verlief danach schweigsam und still. Vivian und Jane atmeten erleichtert auf, als der Vater endlich fertig war.

Vor ihnen lag ein endloser, langweiliger Tag, welcher nur von den Mahlzeiten unterbrochen wurde. Auch am ersten Weihnachtstag hatten die Mädchen nichts zu erwarten. Seit die Mutter gestorben war, gab es kein Weihnachten mehr. Der Vater tat absolut nichts, um dieses Fest zu feiern. Es stand weder ein Weihnachtsbaum im Wohnzimmer, von sonstiger Dekoration zu schweigen, noch wurden liebevoll verpackte Geschenke verteilt. Früher war das so gewesen, doch heute waren die Mädchen meist froh, wenn sie sich in ihrem Zimmer aufhalten konnten und den Vater nicht sehen mussten.

Herr Meinert ging lediglich zwei Tage nach dem Fest mit seinen Töchtern los und jede bekam eine neue Hose und sonstige Sachen, die sie unbedingt brauchten. Der Kleiderschrank wurde vorher genau inspiziert, damit er genau wusste, was die Mädchen benötigten.

Jane schmuggelte für Luna, nach dem Frühstück, zwei Scheiben Brot mit ins Kinderzimmer. Schließlich musste die Schwester auch etwas essen. Sie hoffte, dass der Vater nicht vorhatte, Luna zur Strafe hungern zu lassen. Dies hatte er schon einmal fertig gebracht und hätten Vivi und Jane nicht jedes Risiko auf sich genommen, wäre Luna damals drei Tage ohne Nahrung geblieben.

Luna machte die Strafe allerdings weit weniger aus, als die Schwestern annahmen. Ihr Körper war es schon fast gewohnt, mit Reserven auszukommen, wenn der Nachschub ausblieb. Daran trugen schon Lunas leibliche Eltern einen erheblichen Teil bei.

"Mach dir nichts daraus", wollte Jane die Stiefschwester trösten, als sie ihr die Stullen zusteckte. "Er wird sich schon wieder beruhigen."

"Von mir aus kann der mich bestrafen, bis er schwarz wird! Er wird schon sehen, was er davon hat!" Luna nahm die Brotscheiben und packte sie, ohne eines Blickes zu würdigen, in ihre Schultasche.

"Was hast du vor?"

"Nichts." Luna zuckte mit den Schultern und sah Jane fragend an. "Wie kommst du darauf?"

"Ich sehe es dir an! Du führst irgendwas im Schilde!"

"Bitte Luna! Lauf nicht wieder weg. Bitte lass uns nicht schon wieder allein." Mit einem Sprung stand Vivi bei ihr und hielt sie fest, als könnte sie so, irgendwas verhindern.

"Keine Panik! Ich bleibe hier", beruhigte Luna sie. Aber irgendwie fehlte ihrer Stimme die Glaubwürdigkeit. "Irgendwann werde ich ihn einfach umbringen."

Den letzten Satz sprach sie so leise, dass ihre Schwestern ihn erst nach und nach verstanden. Vivi und Jane wechselten einen entsetzten Blick, doch sie sagten nichts dazu, obwohl diese Worte so eindeutig geklungen hatten, dass sie wussten, wie ernst Luna es meinte.

Die zwei Feiertage vergingen in tödlicher Langeweile. Die Schwestern fielen sich gegenseitig auf die Nerven und die Anspannung stieg bis ins Unerträgliche. Luna durfte tatsächlich an keiner Mahlzeit teilnehmen, aber der Vater übersah großzügig, dass seine Töchter Essen mit ins Zimmer nahmen. Auch er verließ nicht einmal das Haus, sondern saß hintereinanderweg vor dem Fernseher und genoss das Feiertagsprogramm.

Nach dem Weihnachtsfest folgte das Wochenende, welches nicht viel anders aussah. Luna und Jane waren so stark gereizt, dass sie in jeder Situation aufeinander losgingen. Vivian versuchte soviel wie möglich zu schlichten, bevor der Vater alles mitbekam und vielleicht ins Zimmer stürmte. Die großen Schwestern machten ihr das nicht gerade leicht und bei jedem neuen Streit wurden sie bösartiger und lauter.

Am Sonntag abend verkündete Herr Meinert dann endlich, dass sie am Montag einkaufen fahren würden.

Glanz und Freude erschien in den Augen der Mädchen. Endlich ein Lichtblick. Sie hatten seit fünf Tagen die Wohnung nicht verlassen und es drängte sie nach frischer Luft und Freiraum.

Auch über Lunas Gesicht huschte ein Ausdruck der Begeisterung, aber der Onkel zerschlug diesen mit wenigen Worten.

"Du Bastard glaubst doch nicht etwa, dass ich dich mitnehme? Nach all dem, was du dir in der letzten Zeit geleistet hast?" Er stellte sich direkt vor das Mädchen und grinste sie höhnisch an.

Luna schluckte die Enttäuschung tapfer hinunter. Eigentlich hatte sie das erwartet, aber sie wäre so gerne mitgegangen.

Bei ihren Schwestern erloschen ebenfalls die Funken der Freude. Betreten sahen sie sich an und dann nahm Jane ihren ganzen Mut zusammen.

"Bitte nimm Luna mit. Sie hat versprochen, keine Dummheiten mehr zu machen. Du kannst sie doch nicht für immer hier einsperren." Alles an ihr flehte diesen Mann an. Ihre Augen, ihr Mund, ihre Hände.

"Vergiss es! Die bleibt hier! Oder willst du ihr Gesellschaft leisten? Dann gehe ich mit Vivian allein!" Ohne weiteren Kommentar drehte sich Herr Meinert und ging.

Vivian kämpfte mit den Tränen. Auf keinen Fall wollte sie mit dem Vater alleine losgehen.

"Das kannst du doch nicht machen!", schrie sie ihm, in all ihrer Enttäuschung nach. Eine Sekunde später stand Herr Meinert wieder im Raum, mit zornesrotem Gesicht.

"Wie bitte?", fragte er und musste seine gesamte Geduld zusammen nehmen.

"Entweder du gehst mit uns allen, oder mit gar keiner!" Vivian stellte sich direkt vor ihn und sah ihn entschlossen an. Ihr schmaler Körper bebte vor Wut.

"Ihr denkt wohl, ihr könnt mich erpressen?", brüllte der Vater los. Seine Geduld war aufgebraucht. Er schob erst Vivian beiseite, dann Jane. Drohend kam er auf Luna zu, die unbeteiligt auf ihrem Bett saß und zuschaute.

"Du hetzt meine eigenen Kinder gegen mich auf?"

Luna ahnte, was gleich kommen würde. Angst breitete sich sekundenschnell in ihrem Körper aus. Bitte nicht schon wieder, flehte sie lautlos. Ihre Augen hefteten sich an den Mann und ließen nicht mehr los.

"Sie hat uns überhaupt nicht aufgehetzt", ging Vivian erneut dazwischen. Von hinten hielt sie ihren Vater fest, der sich blitzartig zu ihr herum drehte.

"Was willst du kleine Göre von mir?" Seine jüngste Tochter hatte ihn so sehr gereizt, jetzt wusste er nicht mehr, was er tat. Seine Hände griffen nach ihrem Hals und drückten zu, bis Vivi knallrot anlief. Dann ließ er los und das Mädchen stürzte zu Boden, wo sie krampfhaft nach Luft rang. Er trat zu. Mehrfach traf er den keuchenden Körper und hatte immer noch nicht genug.

Wie gelähmt sah Luna zu und konnte nur sehr langsam begreifen, was sie da sah. Die Geräusche von Vivians Wimmern drangen an ihr Ohr, aber sie konnte nicht reagieren.

Ebenfalls Jane, die steif an der Tür stand und die Augen geschlossen hielt. Sie wünschte sich, alles wäre nur ein Traum.

Aber es war keiner und das begriff Luna endlich. Todesmutig stürzte sie sich auf den Mann, um ihn aufzuhalten.

Das schaffte sie auch, allerdings wand er sich nun ihr zu. Sein erster Schlag traf nicht, weil Luna ihm geschickt auswich. Das machte ihn noch wütender. Und dann geschah das, für ihn, Unfassbare. Seine Adoptivtochter schlug ihm mit aller Kraft die Faust ins Gesicht. Sofort platzte die Unterlippe und fing an zu bluten.

Irritiert griff er sich an den Mund, spürte zwar kaum etwas, aber ein Zahn wackelte.

Luna war ebenso erschrocken und starrte ihn an. Doch schnell hatte sie sich wieder in der Gewalt und holte erneut aus.

Aber diesmal reagierte Herr Meinert und bekam ihren Arm vorher zu fassen. Mit der anderen Hand schlug er zurück, genau in den Bauch.

Jedoch Luna war wie ausgewechselt. Ignorierte den wahnsinnigen Schmerz, hob den Fuß und trat ihm in die Weichteile. Das Brüllen des Vaters konnte man garantiert noch zwei Straßen weiter hören.

Und trotzdem war er immer noch nicht erledigt. Er schnappte nach Lunas Haaren, bekam sie zu fassen und schleuderte sie zur Tür.

Jane, die immer noch dort stand und sich überhaupt nicht bewegen konnte, wurde ebenfalls mit zu Boden gerissen.

Herr Meinert hatte es aber nur noch auf Luna abgesehen. Sein Verstand hatte sich längst ausgeschaltet. Denken konnte er nicht mehr. Er wollte nur noch Rache.

Schnell stand er über beide Mädchen und zog Luna wieder hoch. Versetzte ihr den nächsten Stoß und sie flog durch den Flur. Landete genau vor dem Wohnzimmer, wo er sie auch hin haben wollte.

Im Wohnzimmer ging es weiter. Mit allem, was ihm zur Verfügung stand, bearbeitete er Lunas Körper. Auch ihre Lippen platzten auf, ebenso die Augenbraue. Trotzdem wehrte sie sich verbissen. Schlug zurück, sobald sie Gelegenheit dazu hatte. Instinktiv wusste sie, dass hier war keine normale Prügelei. Hier ging es um Leben oder Tod. Einer von ihnen musste sterben.

Und die Angst um ihr Leben, versetzte ihr neue Kraft. Immer wieder konnte sie den Tritten und Schlägen ausweichen. Doch dann hatte der Mann sie ganz in seiner Gewalt. Seine Hände umklammerten ihren Hals.

"Du Bastard!", hauchte Herr Meinert und drückte zu.

Es ist soweit, dachte Luna. Ich habe verloren.

Mit ihren Händen umfasste sie seine Handgelenke, konnte aber nichts gegen ihn ausrichten. Die Umgebung um sie herum, nahm sie nur noch schemenhaft wahr. Alles versank in dunklen Schatten. Nur das Keuchen ihres Onkels bekam sie noch mit, doch ein allerletzter Lebenswille, sah die volle Bierflasche. Direkt neben ihr auf den Tisch.

Sie konnte nicht mehr darüber nachdenken. Soviel Zeit hatte sie nicht mehr.

Gleich beim ersten Versuch bekam Luna die Flasche zu fassen. Hart landete sie auf dem Hinterkopf ihres Peinigers, der augenblicklich losließ und stöhnend zusammensackte. Luna ging neben ihm zu Boden. Keuchend erkannte sie, dass der Mann noch lebte. Jetzt oder nie, ging ihr durch die Gedanken. Ihre letzten Kräfte sammelten sich noch einmal und ihre zittrigen Hände legten sich um seinen Hals. Lange, bis sie ganz sicher gehen konnte, dass in ihrem Onkel nichts mehr lebte.

Dann wurde ihre Welt wurde erst einmal dunkel.

Später wusste sie nicht mehr, wie lange sie da gelegen hatte. Aber sie wusste ganz sicher, sie hatte gewonnen.

Erstaunt richtete sie sich auf und sah an sich herunter. Ihre Hände waren voller Blut, aber es war ihr eigenes. Blut war auch überall auf dem Teppich zu sehen.

Sie betrachtete seinen Körper, dann kroch sie auf allen Vieren von ihm weg. Ließ sich in einer Ecke nieder und betrachtete ihn noch einmal. Es gab keine Zweifel mehr.

Lange Zeit saß sie so. Ihr gesamtes kurzes Leben zog noch einmal an ihr vorbei. Es war nichts wert. Sie hatte kaum etwas Schönes erlebt. Und nun hatte sie es erst recht ruiniert. Eine Zukunft gab es für sie nicht.

Leise öffnete sich die Wohnzimmertür und zwei zitternde Mädchen schoben sich in den Raum. Als sie den Vater am Boden erblickten, hielten sie sich gleichzeitig den Mund zu, um nicht laut loszuschreien. Danach entdeckten sie Luna.

Diese war immer noch von oben bis unten mit Blut beschmiert. Ihr Gesicht war gänzlich zerschlagen, was sie selber noch nicht einmal wusste.

"Luna?", flüsterte Jane und die Schwester sah auf.

"Gott sei Dank!" Schnell war Jane bei ihr.

Vivian machte einen Schritt auf den Vater zu. Im Zeitlupentempo drehte sie sich dann zu Luna.

"Ist er... ?"

Luna sah ihr ins Gesicht. Es tat ihr so grenzenlos leid, dass Vivi sich das ansehen musste. Dass nun alles vorbei war.

"Ruf die Bullen! Er ist tot!", sagte sie dann gefühlskalt.

Irgendwann war die Polizei auch da. Vivian hatte die Nachbarn alarmiert, die sofort in die Wohnung kamen. Erst Herrn Meinert betrachteten, dann die beiden Mädchen in der Ecke.

Jane war neben Luna sitzen geblieben. Hielt die Schwester fest im Arm, streichelte sie, tröstete sie und wurde zwischendurch selber von Weinkrämpfen geschüttelt.

Luna selber blickte starr auf den Fußboden. Sagte nichts, reagierte nicht, weinte nicht. Hob nur manchmal, hilflos die blutigen Hände.

Die Polizisten befragten sie, Luna antwortete nicht. Man rief endlich einen Notarztwagen. Die Ärzte kümmerten sich auch sofort um das verletzte Mädchen. Bei dem Mann war nichts mehr zu retten.

Vivian und Jane wurden aus der Wohnung geführt. Luna bekam eine Spritze und wurde dann auf einer Trage aus dem Haus gebracht.

Vor der Haustür standen zahlreiche Schaulustige, die interessiert beobachteten, wie die Meinert Mädchen raus kamen.

Bevor Jane in einen Polizeiwagen stieg, drehte sie sich noch einmal um. Sah ein letztes Mal in Lunas zerschlagenes Gesicht, bevor die Türen des Krankenwagens sich schlossen und dieser abfuhr.

© iko
                        
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