© by Iris Raya Ko
Nachttränen
Die drei jungen Mädchen rannten gehetzt die lange
Straße entlang. Eine, zog die jüngere Schwester hinter sich her und schimpfte
lautstark.
"Jetzt beeile dich, Vivi! Deinetwegen will
ich nicht ausgerechnet am ersten Tag zu spät kommen!" Vorwurfsvoll sah
sie das 12jährige Mädchen an. Der Wind fuhr ihr durch die halblangen, dunklen
Haare und sie strich sie nervös aus dem Gesicht. Jane, die andere Schwester
lief unbeeindruckt weiter.
"Ich habe aber keine Lust in diese blöde
Schule zu gehen!" Zornig stampfte Vivian mit ihren kleinen Füßen auf.
"Jedes Jahr an eine neue Schule. Immer muss ich mir neue Freunde suchen!"
In ihren Augen standen die Tränen und Luna konnte
sie gut verstehen. Sie hatte selber eine dunkle Vorahnung, dass in dieser
Stadt alles anders wird. Irgendwas würde hier geschehen, doch sie wusste nicht,
ob es gut oder schlecht war. Und sie wusste, dass sie sich nicht dagegen wehren
konnte. Ihr Vater arbeitete bei der Bundeswehr und wurde regelmäßig versetzt.
So blieb den Geschwistern gar nichts anderes übrig. Sie mussten sich jedes
Mal an eine neue Schulklasse gewöhnen.
"Ich verstehe dich ja, doch ich kann es
auch nicht ändern. Vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm." Besänftigend
strich sie ihrer Schwester über den blonden Kopf, doch dann mussten sie trotzdem
weiter. Energisch zog sie Vivi erneut hinter sich her.
"Jedes mal das selbe Theater", flüsterte
sie Jane zu, als sie endlich, und fünf Minuten zu spät, das graue, mit roten
Steinen versetzte, Schulgebäude betraten. Jane sah sie nur an und grinste.
Ihre Augen waren gerötet und Luna konnte ahnen warum. Aber im Augenblick hatte
sie keine Zeit, darüber nachzudenken.
Sie fanden das Zimmer des neuen Schuldirektors
ziemlich schnell. Luna klopfte an die dunkelbraune Holztür und trat ein. Sie
erklärte ihm die Verspätung, bat gleichzeitig um Entschuldigung. Niemand machte
ihr einen Vorwurf. Man konnte ja auch nicht gleich alle Straßen kennen, wenn
man in eine neue Stadt gezogen war.
Der ältere Mann begrüßte sie recht freundlich
und ließ gleichzeitig eine Lehrerin kommen, welche die Mädchen in ihre neuen
Klassen bringen sollte. Danach waren sie schon wieder entlassen.
Nachdenklich sah der Direktor den Mädchen hinter
her. Vor sich, auf dem überfüllten Schreibtisch hatte er die Schulakten der
Geschwister liegen und diese vorher sorgfältig gelesen.
"Stimmt irgend etwas nicht, Herr Klause?"
Seine Sekretärin war ins Zimmer getreten und sah ihn an.
"Ich habe ein ungutes Gefühl, bei den beiden
Großen. In ihren Unterlagen steht, dass sie Unruhestifter sind und solche
Kinder habe ich schon genug an meiner Schule. Außerdem gefiel mir der Gesichtsausdruck
der langhaarigen Blonden nicht. Sie hatte so einen abwesenden Blick. Wollen
wir doch mal stark hoffen, dass die Mädchen keine Drogen nehmen!"
"Tut mir leid. Ich habe sie mir nicht so
genau angesehen. Sind Jane und Luna eigentlich Zwillinge, oder warum gehen
alle beide in eine Klasse?"
"Soviel in den Akten steht, wurde Luna im
Alter von 10 Jahren von den Meinerts adoptiert. Sie muss eine Nichte von Frau
Meinert gewesen sein, die übrigens vor drei Jahren gestorben ist." Herr
Klause klappte nun die Unterlagen endgültig zu.
"Die armen Kinder. Aber das erklärt vielleicht,
warum sie schwierig sein könnten?"
"Warten wir es ab!" Der Direktor lächelte
seiner Sekretärin freundlich zu und deutete ihr an, dass die Arbeit weiter
ging. Schnell verließ sie dessen Büro.
Vivian wurde als erste in die neue Klasse gebracht
und sah sich noch einmal hilfesuchend nach ihren älteren Schwestern um. Beide
nickten ihr aufmunternd zu.
"Sie wird es schaffen", flüsterte Jane,
Luna zu. Doch darüber machte Luna sich gar keine Gedanken, weil die nächste
Vorahnung in ihr aufstieg, wie ein Pfeil. Und sie war sich eindeutig sicher,
dass es nichts Gutes bedeutete.
"Hoffen wir es." Dann folgten sie der
Lehrerin, die sie in ihre Klasse brachte. Vor der Tür holten beide tief Luft
und traten erst dann ein. Dieses blöde Spiel war ihnen bekannt. Sie standen
heute zum 12. Male vor einer neuen Schulklasse und langsam waren sie es gewohnt.
Neue Freundschaften zu suchen, lohnte sich nicht, denn in spätestens einem
Jahr würden sie erneut umziehen.
Ihre Klassenlehrerin, Frau Geiger, empfing die
Mädchen. Sie war schon unterrichtet worden, dass sie zwei neue Schülerinnen
bekommen sollte. Freundlich forderte sie die Mädchen auf, sich vorzustellen,
doch mehr als ihren Namen, sagten beide nicht. Etwas enttäuscht, wies ihnen
die Lehrerin eine Schulbank zu, an der sie sich setzen sollten. Zur großen
Freude von Jane, stand diese in der letzten Reihe.
"Besser konnte es gar nicht klappen",
gab sie Luna zu verstehen, doch diese lehnte sich bequem zurück und antwortete
nicht. Sie musste erst einmal alle Eindrücke verarbeiten und musterte eingehend
ihre neuen Mitschüler. Aus Erfahrung wusste sie, dass nicht in jeder Klasse,
die Neuen willkommen waren und sie fragte sich, wie es wohl in dieser Schule
sein wird. Einige sahen sich auch nach Luna und Jane um.
Jedes Mal, wenn Luna Blickkontakt hatte, sah
sie fest in dessen Augen. Luna wollte herausfinden, was der- oder diejenige
wohl gerade dachten und sie stellte fest, dass alle Durchschnittstypen waren.
Niemand war besonders auffällig gekleidet, keiner machte Theater. Alle waren
ruhig und hörten zu, was Frau Geiger zu erzählen hatte.
Anscheinend haben wir es hier nur mit Strebern
zu tun, dachte Luna und verdrehte in Gedanken die Augen. Sogar ihre Schwester
sah angestrengt an die Tafel und tat so, als würde sie versuchen zu verstehen,
was dort geschah. Aber Luna kannte Jane länger und besser, als jeder andere
und wusste, dass diese gerade mal wieder träumte. Und zwar auf jeden Fall
von der Pause, zwischen den einzelnen Schulstunden.
Auch Vivian betrachtete zuerst eingehend ihre
neuen Mitschüler. Sie hatte die gleichen Erfahrungen, wie ihre Schwestern.
Als sie sich der Klasse vorstellen sollte, hatte sie gleichzeitig um eine
Schulbank gebeten, an der sie allein sitzen konnte. Vivian mochte es nicht,
neben jemandem zu sitzen, der sie vielleicht auch noch anquatschte und dumme
Fragen stellte. Dieser ungewöhnliche Wunsch wurde ihr erfüllt, was jedoch
ein unwilliges Raunen der gesamten Klasse einbrachte, weil sich deswegen extra
jemand umsetzen musste. Vivi war das gleichgültig. Sie wollte nur allein sein.
Und auch sie freute sich auf die erste Pause. Sie hatte mit Jane und Luna
abgemacht hatte, dass sie sich auf der Toilette trafen.
Ihre Klassenkameraden sahen ihr neugierig nach,
als Vivian, sofort nach dem Klingeln zur Pause aufstand und den Raum verließ.
Normalerweise blieben die Neuen immer still auf ihrem Platz sitzen und rührten
sich kaum, bis man sie ansprach. Doch Vivi hatte keine Lust, irgend jemanden
kennen zu lernen. Sie wollte nur zu ihren großen Schwestern.
Jane und Luna waren auch schon da. Vivi konnte
sich nicht erklären, wie sie das geschafft hatten. Als sie herein kam, sah
sie gerade, wie Jane eine kleine Flasche aus ihrer dicken Jacke holte und
daraus trank. Luna sah sie dabei böse an. Wild leuchteten ihre braunen Augen.
"Du kannst es einfach nicht lassen! Du kannst
nicht mal ein paar Stunden ohne aushalten!"
"Natürlich kann ich das, aber dazu habe
ich keine Lust!" Jane nahm noch einen großen Schluck und sah sie an.
In ihren Augen funkelte die blanke Provokation.
"Hört auf zu streiten! Das könnt ihr zu
Hause machen", ging Vivian dazwischen.
"Na Kleine? Wie war es?" Luna beugte
sich schnell zu ihr runter und hielt sie am Arm fest. Sie wusste wie empfindlich
Vivi auf Streit reagierte. Sie hatte schon daheim genug darunter zu leiden.
"Es ging. Meine Lehrerin ist, glaube ich,
ganz nett. Und bei euch?"
"Auch ganz gut. Aber jetzt verschwinde wieder
in deine Klasse, sonst vermissen die dich noch." Sie gab ihr einen kleinen
Schubs, und das Mädchen verschwand gehorsam. Vivian ahnte, dass die Schwestern
noch miteinander reden mussten.
Luna wartete auch, bis von Vivi nichts mehr zu
sehen war, dann wand sie sich wieder Jane zu. "Du riskierst irgendwann
einmal, dass du erwischt wirst, ja? Hör auf zu saufen, verdammt noch mal!
Mach das wo anders, aber nicht in der Schule! Wenn die dich hier erwischen
und dein Vater erfährt davon, kannst du dir ausmalen, was dir dann blüht!
Haben wir uns verstanden?" Ganz nah war sie an Jane heran gekommen.
Diese wich immer wieder ihrem Blick aus, doch
Luna hielt sie an den langen Haaren fest. "Ob du mich verstanden hast",
fragte sie noch einmal. Ihr Ton war drohend und Jane blieb nichts anderes
übrig, als zu nicken.
"Was ist hier denn los? Wenn ihr nicht pinkeln
müsst, dann haut ab!"
Als die Stimme hinter ihnen erklang, ließ Luna
ihre Schwester los und drehte sich um. Vor ihr standen zwei Mädchen im gleichem
Alter. Die eine blas und mit dunklen Schatten unter den Augen. Die andere
groß, kräftig und mit einer Schachtel Zigaretten in der Hand. Offensichtlich
wollten sie auf dem Klo rauchen und fühlten sich durch Luna und Jane gestört.
Jedoch Luna war gerade richtig in Fahrt gekommen.
"Habt ihr beiden ein Problem, oder was?" Die Hände in die Seiten
gestützt ging sie auf die Mädchen zu. Warnend hielt sie den Blick auf sie
gerichtet und die beiden blickten sich unsicher an, denn damit hatten sie
nicht gerechnet.
"Ist schon Okay", antwortete die Blasse.
Eilig drehten sie sich weg und verließen die Toilette. Man konnte Luna deutlich
anmerken, dass diese sich nicht so einfach einschüchtern ließ.
"Du bist auch nicht viel besser", bemerkte
Jane hinter Luna. "Willst dich gleich am ersten Schultag prügeln! Was
sollen denn die Lehrer von dir denken, Ludmilla?" Lachend sah sie ihre
Schwester an, denn immer, wenn sie deren vollen Namen aussprach, wussten beide,
dass wieder Frieden unter ihnen herrscht.
"Lass uns wieder zurückgehen. Die werden
sich so und so schon wundern, was wir die ganze Zeit hier treiben." Luna
gab das Thema Alkohol auf. Ihre Schwester trank seit einem Jahr regelmäßig
und das konnte sie ihr schlecht verübeln, denn auch sie wusste, dass es manchmal
nicht ohne Betäubung ging.
Sie wurden nicht gefragt, wo sie während der
kurzen Pause gewesen waren. Sonst hätten sie erzählt, dass sie Vivian besucht
hätten und das könnte ihnen ja niemand verbieten. Doch niemand interessierte
sich für die ungleichen Schwestern.
Der Unterricht war langweilig. Gute Noten bekamen
weder Jane, noch Luna, noch Vivi. Durch den häufigen Schulwechsel, waren sie
meistens froh, wenn sie den Anschluss und die Versetzung in die nächste Klasse
schafften. Dementsprechend gaben sie sich auch kaum Mühe.
Endlich klingelte es zweimal hinter einander,
was die Hofpause ankündigte und alle Schüler mussten das Gebäude verlassen.
Luna beobachtete, wie Jane nach der Flasche in
ihrer Jacke tastete. Hastig gab sie der Schwester einen kleinen Stoß und sah
sie eindringlich, warnend an, was bedeuten sollte: übertreibe es nicht.
Zusammen betraten sie den großen Schulhof. Es
war sehr kalt geworden. Man spürte deutlich, dass der Dezember gekommen war
und sämtliche Schüler, zogen die Jacke eng um den Körper und stopften die
Hände in die Taschen.
Jane und Luna sahen sich suchend nach ihrer Schwester
um. Vivian stand, ebenfalls suchend, auf der anderen Seite des Hofes. Dann
rannte sie auf die beiden zu und ließ sich in Lunas Arme fallen.
"Ich habe gleich gewusst, dass diese Schule
Scheiße ist", schluchzte sie und ließ ihren Tränen freien Lauf.
"Was ist denn passiert?" Luna suchte
in ihrer Jacke nach einem sauberen Taschentuch, fand natürlich keines und
sah sich hilfesuchend nach Jane um.
"Die haben blöde Bemerkungen über meine
Kleidung gemacht. Nur weil meine Jeans keine Marke tragen!"
"Nun fängt das schon wieder an!" Genervt
sah Jane sich nach allen Seiten um.
"Du musst dir da nichts daraus machen, Kleine."
Luna tröstete Vivi weiter. "Nach der Schule gehen wir im Kaufhaus vorbei
und schauen, was wir für dich finden. Einverstanden?"
"Du hast doch überhaupt kein Geld, eh!"
Jane starrte sie fassungslos an.
"Na und? Lass das doch meine Sorge sein."
"Jetzt schaut euch doch mal diese blöden
Weiber an!"
Die Stimme kam von hinten und die Geschwister
drehten sich gleichzeitig um. Vor ihnen standen fast 20 Jugendliche und Luna
registrierte schnell, dass die beiden Mädchen vom Klo mit dabei waren. Offensichtlich
waren sie auch die Anführerrinnen.
"Gibt es irgendwas bestimmtes", fragte
Luna lächelnd, gab aber jedoch Vivian ein Zeichen, dass sie abhauen soll.
Schnell hatte sich ein großer Kreis um die Mädchen gebildet, aus dem die kleine
Schwester gerade noch entkommen konnte.
"Jetzt provoziere die nicht auch noch",
zischte Jane ihr zu. "Denk daran, dass das unser erster Schultag ist
und ich habe keine Lust, gleich die ganze Schule gegen mich zu haben!"
"Ihr habt so wunderschöne, klangvolle Namen."
Die Anführerrinnen waren aus dem Kreis getreten und die vier Mädchen standen
sich nun gegenüber.
"Was wollt ihr von uns?" Jane zitterte
innerlich und versuchte sich zusammenzureißen, damit niemand ihre Angst sah.
"Du bist bestimmt Jane. Wo hast du denn
deinen Tarzan gelassen?" Die Menge lachte laut auf und die Anführerrinnen
fühlten sich wohl dabei. "Und du bist also Luna. Luna, der Mond. Aber
wollt ihr wissen, welcher Name im Klassenbuch steht?" Das Mädchen drehte
sich zu ihren Leuten. "In Wirklichkeit heißt sie Ludmilla. Ist das nicht
ein origineller Name?"
Die restlichen Schüler brüllten vor Lachen. Schnell
griff Jane nach Lunas Arm, weil sie jeden Moment einen Wutausbruch befürchtete.
Mit ihrem Namen verstand Luna überhaupt keinen Spaß.
"Und darf man auch eure Namen erfahren?"
Bevor ihre Schwester etwas unüberlegtes tat, kam Jane ihr lieber zuvor.
"Das geht dich ein Scheißdreck an, du miese,
kleine Schlampe!"
"Sei vorsichtig, bei dem, was du sagst!"
Jane und das andere Mädchen standen keine 10
Zentimeter auseinander.
"An eurer Stelle würde ich nicht so die
große Schnauze haben! Wir haben hier das Sagen, nur damit ihr Bescheid wisst!"
Auch die Anführerrinnen wichen keinen Schritt zurück. Die Spannung knisterte
und die Zuschauer wurden still. Jeder wartete darauf, was kommen wird.
"Und ihr meint, dass ihr uns damit einschüchtern
könnt, ja?" Luna gab sich ernsthaft Mühe, ruhig zu bleiben. Es war wirklich
nicht gut, gleich am ersten Tag, unangenehm aufzufallen. Doch bei so viel
Frechheit, fiel ihr das schwer.
Vivian, die das Ganze von weitem beobachtete,
bebte vor Angst. Nicht aus Angst, dass man ihren Schwestern etwas tun könnte,
sondern davor, dass den anderen was passierte. Sie wusste, dass Luna immer
ein Messer bei sich trug. Kein gewöhnliches Klappmesser, sondern eins mit
fester, langer Klinge. Damit konnte man jemanden abschlachten, wenn man wollte.
Im gleichen Augenblick explodierte die Spannung.
Jemand hatte Luna von hinten einen Stoß versetzt und kaum 5 Sekunden später
lag ein Mädchen auf dem Boden und Luna hockte über ihr. Mit der rechten Hand
hielt sie das Messer an den Hals der anderen. Jemand in der Menge schrie entsetzt
auf.
"Überlege dir gut, ob du dich noch einmal
mit uns anlegen willst!" Lunas Stimme klang heiser vor Wut. Sie schaffte
es nicht, das Messer wieder wegzunehmen und drückte es statt dessen immer
tiefer in die Haut.
Was alle anderen nicht wussten, war, dass Luna
die Schneide verkehrt herum hielt, denn sie wollte das Mädchen nicht ernsthaft
verletzen. Jedenfalls noch nicht.
"Luna höre auf! Bitte!" Jane kam zu
ihr und nahm deren rechte Hand weg von dem Mädchen. "Sei vorsichtig,
die Aufsicht kommt! Steck das Messer weg!"
Die Zuschauer lichteten sich, denn von beiden
Seiten kamen die Aufsichtslehrer auf sie zu. Die ehemalige Anführerin sah
sich unsicher um, doch ihre Freundin hatte sich längst aus dem Staub gemacht.
"Was geht hier vor", fragte der erste
Lehrer, der bei ihnen ankam. Abwartend sah er alle drei Mädchen an, doch diese
schwiegen und sahen zu Boden.
"Die eine hat ein Messer", schrie einer
von den Zuschauern, die sich schnell wieder gebildet hatten.
Jetzt sah sich der Lehrer nach seinen Kollegen
um, doch die waren schon bei ihm.
"Wer von euch hat das Messer", fragte
er nun mit überlegener Stimme. "Melanie du?"
"Die da!" Sie zeigte mit dem Finger
auf Luna.
"Na gut. Ihr beiden kommt mit zum Direktor
und Melanie kann gehen!"
Das Mädchen warf den Schwestern noch einen schadenfrohen
Blick zu und verschwand.
Jane und Luna blieb nichts anderes übrig, als
mit dem Lehrer mitzugehen. Unterwegs fingen sie noch einen sorgenvollen Blick
von Vivian auf schon standen sie erneut im Büro des Direktors.
Im Vorraum mussten sie warten, bis der Lehrer
die Geschichte erzählt hat. Danach mussten sie einzeln vortreten.
"Du trägst ein Messer Ludmilla?"
"Ich heiße Luna."
"Es ist mir egal, wie du heißt. Meine Frage
war, ob du ein Messer bei dir hast!"
Luna antwortete ihm nicht darauf. Sie wollte
ihm das Messer nicht geben, denn dies war ihr einzig wertvoller Besitz.
Der Direktor schlug mit der Faust auf den Tisch.
"Hör mal Mädchen! Ich kann auch anders.
Antworte gefälligst", brüllte er sie an. Herr Klause war Choleriker und
konnte sich nur schlecht beherrschen.
"Räume deine Taschen aus!" Der Aufsichtslehrer
griff nun ein, bevor sein Chef noch lauter werden konnte.
Da Luna sich aber immer noch nicht rührte, nahm
er ihr die Jacke ab, durchsuchte die Taschen und legte alles, fein säuberlich,
auf den Tisch: Zigaretten, Feuerzeuge, Wohnungsschlüssel, Kopfschmerztabletten,
einen Kugelschreiber und ganz zuletzt: das Messer.
"Da haben wir es ja." Der Direktor
hatte sich inzwischen wieder beruhigt. Eingehend betrachtete er die lange
Klinge, fand kein Blut daran und steckte es in eine Schreibtischschublade.
"Ich dulde in meiner Schule keine Waffen!"
War sein Kommentar dazu. Anschließend nahm er die Tabletten in die Hand und
studierte sorgfältig die Rückseite der Packung.
"Was ist das und wofür brauchst du die?"
"Ganz normale Kopfschmerztabletten",
antwortete Luna mit erstickter Stimme.
"Bist du dir sicher? Keine Drogen oder Aufputschmittel?"
Luna schüttelte verneinend mit dem Kopf.
"Ich behalte sie trotzdem. Die Zigaretten
auch! Den anderen Kram kannst du wieder einpacken. Dann schickst du mir deine
Schwester herein!"
Mit hasserfülltem Blick stand Luna auf. Sie hatte
nichts mehr zu sagen.
Draußen beugte sie sich rasch zu ihrer Schwester.
"Hast du deine Flasche gut versteckt? Die filzen deine Jacke!"
Jane lächelte sie an und deutete unauffällig
auf ihren Hosenbund, denn so was ähnliches hatte sie sich schon gedacht. Auch
Luna glaubte nicht, dass man in Janes Unterwäsche suchen würde. Trotzdem setzte
sie sich niedergeschlagen auf die kleine Bank im Vorraum. Das Messer hatte
sie einst von ihrem Großvater geschenkt bekommen. Jetzt war es für immer verloren,
denn sie glaubte nicht, dass ausgerechnet ihr Onkel sich darum kümmern würde,
dass sie es jemals wieder bekam. Doch dann sah sie einen kleinen Lichtblick.
Vielleicht rückte es der Direktor wieder heraus, wenn sie erneut umziehen
müssten und die Schule verließen. Möglich war das schon.
Fünf Minuten später, standen Jane wieder vor
ihr. Das Lächeln war aus ihrem Gesicht verschwunden.
"Wir können gehen", knurrte sie und
hatte den Türgriff schon in der Hand. Hastig kam Luna ihr nach.
"Was ist jetzt los. Hat er die Flasche doch
gefunden?" Sie konnte nicht verstehen, warum Jane auf einmal so schlechte
Laune hatte.
"Zum Glück nicht!" Urplötzlich blieb
diese stehen und beinahe wären die beiden Mädchen zusammengeprallt. "Aber
dieser Idiot will meinen Vater über dein Messer informieren und du kannst
dir bestimmt vorstellen, was dann bei uns los ist!" Von einer Sekunde
zur anderen, stand Luna das Entsetzen im Gesicht. Ihre Augen weiteten sich
vor Schreck. Ihre Haut verlor jeden Farbton.
"Warum will er das tun?" Nur mühsam
und stotternd bekam sie diesen Satz heraus.
"Ganz einfach! Weil er der Meinung ist,
dass so ein Messer nicht in die Hände eines 14jährige Mädchens gehört! Jedenfalls
hat er sich so ähnlich ausgedrückt! Und er spart sich die Mühe, einen Brief
zu schreiben. Er will ihn direkt anrufen! Damit du morgen keine Waffen mit
zum Unterricht mitbringst!"
"Verdammte Scheiße!" Luna war an einer
Wand stehen geblieben, rutschte langsam an dieser herunter und ging in die
Hocke. Die Hände schlug sie vors Gesicht.
"Mensch Luna! Wie oft habe ich dir gesagt,
du sollst das blöde Ding zu Hause lassen? Ich wusste, dass es uns nur Ärger
bringt!" Jane kauerte sich ebenfalls nieder und sah die Schwester voller
Vorwurf an. Jedoch hatte diese sich schon wieder gefangen.
"Na und? Die hätten auch deine Flasche finden
können und davor habe ich dich auch schon hundertmal gewarnt! Hast du etwa
auf mich gehört? Außerdem bekomme ich ja die Strafe. Ich möchte wissen, warum
du so hysterisch reagierst!" Ohne ein weiteres Wort stand sie auf und
ging den Flur entlang. Sie mussten in ihre Klasse zurück, denn die Pause war
längst vorbei.
Als sie ihren Klassenraum betraten, herrschte
Schweigen. Verstohlen wurden sie von ihren Mitschülern gemustert, denn inzwischen
wussten alle darüber Bescheid, was in der Pause geschehen war.
Auch der Mathematiklehrer war informiert und
so fragte niemand, warum sie zu spät kamen.
Weder Luna, noch Jane konnten sich auf den Unterricht
konzentrieren. Luna hielt sich mit verkrampften Fingern an der Tischplatte
fest. Sie konnte gar nicht richtig darüber nachdenken, was passieren würde,
wenn ihr Onkel heute abend heim kam.
Mitten in der Stunde schob Jane ihr einen Zettel
rüber. "Mach dir keine Gedanken! Der Direx kann ihn gar nicht bei der
Bundeswehr anrufen! Mit Sicherheit wird er ihm einen Brief schreiben und den
können wir abfangen! Sorry, dass ich dich angeschnauzt habe! Wir reden nachher
darüber!"
Etwas erleichtert, entspannte sich Luna. Ihre
Schwester hatte recht. Wenn sie Glück hatte, würde ihr Onkel nicht erreichbar
sein. Doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass es nicht so sein würde.
Sie stand nicht auf der Sonnenseite und sie hatte selten Glück.
Der erste Tag in der neuen Schule war geschafft.
Vor dem großen Schultor traf Vivian wieder auf ihre Schwestern. Die letzten
Stunden waren für sie zur Qual geworden, da sie nicht wusste, wie die Sache
ausgegangen war. Sehnsüchtig wartete sie darauf, dass Luna es ihr erzählen
würde, doch schon von weitem erkannte sie an den Gesichtern der Schwestern,
dass nichts in Ordnung war. Keine sagte ein Wort zu ihr, sondern deuteten
ihr nur an, dass sie sofort heimgehen würden. Also wurde aus dem ersehnten
Kaufhausbesuch nichts. Bedrückt lief sie hinter den großen Mädchen her.
Auch in der Wohnung blieb Luna still. Mit unruhigen
Bewegungen räumte sie die Zimmer auf und schaltete nicht einmal, wie sonst,
das Radio ein. Ebenso schweigend ging Jane ihr zur Hand und Vivian wurde angewiesen,
ihre Hausaufgaben zu erledigen.
"Warum sagen wir Vivi nichts?" Jane
unterbrach mitten im Fegen und betrachtete nachdenklich die Tür zum Kinderzimmer.
"Weil ich nicht will, dass sie jetzt schon
Angst bekommt. Ich will nicht, dass sie sich unnötig aufregt und dann passiert
überhaupt nichts. Außerdem könnte dein Vater dann erst recht spüren, dass
etwas nicht in Ordnung ist." Zornig und mit aller Kraft, wischte sie
ein paar Krümel von der Tischplatte.
"Aber meinst du nicht, dass Vivian, allein
an unserem Verhalten merkt, das etwas nicht stimmt? Sie ist keine 5 Jahre
mehr!"
"Es ist mir verdammt noch mal egal, wie
alt sie ist!" Aggressiv fuhr Luna auf. Ihre Nerven lagen blank und sie
wollte doch nur in Ruhe gelassen werden.
"Mein Gott, bist du heute wieder empfindlich",
konterte Jane.
"Du sollst die Schnauze halten!" Unkontrolliert
gab sie ihrer Stiefschwester eine schmerzhafte Ohrfeige.
Jane hielt sich die brennende Wange und sah aus,
als wollte sie jeden Moment anfangen, zu weinen.
"Könntet ihr beiden bitte aufhören?"
Hinter ihnen stand Vivian, ebenfalls mit weinerlichem Gesicht. "Ihr braucht
mir nichts zu erklären. Ich kann mir auch so denken, was los ist! Die Geschichte
mit dem Mädchen hat ein Nachspiel und die wollen Vater darüber informieren.
Habe ich recht?"
Verblüfft sahen sich die älteren Mädchen an.
Der Anblick Vivians, beruhigte Lunas aufbrausendes Gemüt. Sie liebte das kleine
Mädchen über alles und ihr gegenüber wurde sie selten laut oder aggressiv.
"Du hast recht, Vivi." Jane zwinkerte
erst ihr zu, dann Luna. "Alles klar, Ludmilla?" Die schmerzhafte
Ohrfeige war vergessen.
"Ich geh ne Zigarette rauchen", murmelte
diese, zog sich ihre Jacke über und verließ die Wohnung. Obwohl Herr Meinert
ebenfalls rauchte, würde er es sofort bemerken, wenn jemand anderes tagsüber
geraucht hätte. Luna ging deswegen in den Keller.
"Die ist ganz schön fertig", flüsterte
Vivian, nachdem die Wohnungstür zugeschlagen war.
"Das kannst du annehmen! Der Direktor hat
ihr das Messer abgenommen und nun ist sie am Boden zerstört!" Jane erzählte
der Kleinen die komplette Geschichte und auch Vivian bekam angstvolle Augen.
Sie wusste, wie jähzornig ihr Vater in solchen Sachen war.
Kurz bevor Herr Meinert heimkommen würde, war
auch Luna wieder da. Eine ganze Stunde war sie durch die Straßen gelaufen,
um ruhiger zu werden. Bei klirrender Kälte und eisigem Wind. Vivian hatte
sich schon Sorgen gemacht, doch Jane winkte nur ab.
"Jede Ratte findet zurück!", war ihre
Meinung dazu.
Als sich dann der Schlüssel im Schloss drehte,
veränderten sich Jane und Luna schlagartig. Während sie tagsüber cool taten,
unantastbar, unüberwindbar, so wurden sie jetzt zu kleinen, hilflosen Marionetten.
Die blindlings gehorchten, und die der Vater
herum scheuchen konnte, wie er wollte.
Herr Meinert war ein Mann von großer, kräftiger
Statur. Die stramm sitzende Uniform verlieh ihm ein herrschsüchtiges Aussehen
und herrschsüchtig war er auch. Was ihm bei der Bundeswehr auf die Nerven
ging, ließ er abends an seinen Töchtern aus. Außerdem war er brutal und das
ganz besonders seit dem frühen Tod seiner Ehefrau Marie. Man konnte ihm nichts
mehr recht machen.
Schon daran, wie ihr Onkel in die Wohnung gestürmt
kam, erkannte Luna, dass der Direktor ihn doch erreicht haben musste. Augenblicklich
fingen ihre Hände an zu zittern. Bleich wurde sie im Gesicht und ihre schwarzen
Haare verstärkten diesen Zustand zusätzlich. Nervös sah sie sich nach Jane
um, doch auch die stand unbeweglich da und verkrampfte sich.
Ihre Zimmertür flog auf. Der Vater hatte sich
gar nicht erst die Mühe gemacht, die Klinke zu benutzen, sondern öffnete sie
mit einem Fußtritt. Das Holz des Türrahmens splitterte.
"Mitkommen, du Bastard", schrie er,
sah aber niemanden an.
Luna gehorchte. Mit Bastard war immer sie gemeint,
weil sie ja nicht seine leibliche Tochter war. Halb ohnmächtig vor Angst,
ging sie vor ihm her, ins Wohnzimmer. Mit einem Tritt ihres Onkels, war sie
schneller drinnen, als ihr lieb war.
Im Kinderzimmer fielen sich Vivian und Jane in
die Arme. Gegenseitig hielten sie sich fest und flüsterten sich Worte des
Mutes zu. Doch angestrengt lauschten sie auf die Geräusche aus dem Nachbarzimmer.
Herr Meinert fragte gar nicht erst nach dem Grund
des Vorfalls in der Schule. Für ihn stand längst fest, dass seine Stieftochter
die Schuld trug. Mit einem weiteren Tritt beförderte er Luna unsanft auf den
alten abgenutzten Teppich. Das Mädchen gab keinen Ton von sich, obwohl er
sie genau in die Nieren getreten hatte. Sie hatte gelernt, mit den Schmerzen
umzugehen, ohne zu schreien.
"Du räudige Ratte hast also nichts besseres
zu tun, als gleich am ersten Schultag dafür zu sorgen, dass euer Direktor
mich anruft!" Er sprach den Satz nicht, er schrie ihn. "Hast du
etwa vergessen, dass du nichts anderes bist, als ein verächtlicher Bastard,
der froh sein kann, dass wir ihn aufgenommen haben?"
Mit einer Hand zog er das wehrlose Mädchen an
den Haaren hoch. Als sie fast stand, mit eingeknickten Kniekehlen, spuckte
er ihr ins Gesicht.
"Hast du es vergessen", schrie er noch
mal.
Luna schüttelte schwach mit dem Kopf.
Dann ließ er sie los. Lunas Knie gaben nach und
sie landete erneut auf dem Fußboden. Schwach drang das Geräusch des Gürtels
an ihr Ohr, der aus der Hose gezogen wurde. Instinktiv verbarg sie ihr Gesicht
schützend hinter den Händen. Ihr zarter Körper zuckte nur, als der erste Schlag
traf. Wieder in die Nieren.
Die Zähne vergruben sich im Fleisch ihres rechten
Daumens, damit kein Schrei aus ihrem Mund drang.
Luna wusste später nicht mehr, wie lange es dauerte,
bis ihr Onkel von ihr abließ. Sie blieb einfach liegen, weil sie glaubte keine
Kraft zum Aufstehen zu finden.
"Verschwinde! Und komme mir heute ja nicht
noch einmal unter die Augen!" Herr Meinert packte sie am Kragen ihres
Sweatshirts und schmiss sie, wie Abfall, aus dem Wohnzimmer. Die Badezimmertür
gegenüber, stoppte Luna. Deren Klinke bohrte sich schmerzhaft in ihre Rippen.
Dann knallte die Tür des Wohnzimmers zu und Luna fiel in sich zusammen.
Keine Sekunde später, waren auch schon Jane und
Vivian bei ihr. Gemeinsam halfen sie ihr, aufzustehen. Führten sie sanft und
vorsichtig zu Lunas Bett. Behutsam deckten sie das schwache Mädchen zu und
gingen wieder. Jane wusste genau, dass Luna danach nur ihre Ruhe haben und
allein sein wollte.
Luna hielt die Augen geschlossen. Sie wollte
nicht weinen, sie kämpfte gegen die Tränen an. Ausgestreckt lag sie auf ihrem
Bett. Versuchte so vorsichtig, wie nur möglich, zu atmen, um die Schmerzen
nicht zu spüren.
Luna, knapp 15 Jahre. Ihrem zerbrechlichen, dünnen
Körper traute man nicht zu, dass auch sie zuschlagen konnte, wie ein Mann.
Sich verteidigen zu müssen, lernte das Mädchen schon von Kindesbeinen an.
Ihre Eltern stammten aus der untersten sozialen Schicht. Alkohol, Streit und
Prügel stand an der Tagesordnung. Jedoch die Nachbarn alarmierten eines Tages
die Polizei, weil Lunas Mutter, mitten am Tage, sturzbetrunken auf der Straße
lag. Als die Polizisten dann die Wohnung aufbrachen, um die zwei Kinder herauszuholen,
bot sich ihnen ein Bild des Grauens. Verwahrloster, konnte eine Wohnung gar
nicht sein.
Lunas Bruder, Walter, damals 2 Jahre alt, kam
mit akuter Unterernährung ins Krankenhaus und starb dort auch eine Woche später.
Ihr Zustand war deutlich besser gewesen, da sie regelmäßig zur Schule ging
und an der Schulspeisung teilnahm. Das war auch der einzige Grund gewesen,
warum sie dort auftauchte.
Nach ihrer Alkoholvergiftung wurde die Mutter
in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen, aus der sie wahrscheinlich nie
wieder heraus kommt. Lunas Vater musste sich für den Tod seines Sohnes verantworten
und bekam nach einer langwierigen Gerichtsverhandlung, 6 Jahre Haft. Manchmal
dachte Luna mit Schrecken daran, dass diese Zeit bald um sein würde und sie
hatte Angst, dass er sie dann wieder von hier wegholen wird. Denn trotz der
ständigen Prügel ihres Onkels, fühlte sie sich bei ihm am Besten aufgehoben.
Janes Mutter veranlasste ein halbes Jahr später,
Luna war inzwischen in einem Kinderheim untergebracht, dass sie ihre Nichte
adoptieren konnte. Niemand sprach dagegen und das Jugendamt war froh, denn
die Kinderheime waren hoffnungslos überfüllt. Dass Marie Meinert zwei Jahre
später, den Kampf gegen den Krebs verlor, konnte keiner ahnen.
Vivian und Jane saßen mit bedrücktem Gesicht
am Abendbrotstisch. Ihnen gegenüber der Vater, welcher nun offensichtlich
wieder gute Laune hatte. Fröhlich fragte er seine Töchter, wie es ihnen am
ersten Schultag ergangen war. Als hätte es diesen Vorfall mit dem Messer nie
gegeben.
Vivian plapperte munter drauf los, aber nur,
um ihren Vater bei Laune zu halten. Jane schwieg und sah ihren Vater nicht
einmal an.
Sie hasste ihn. Sie hasste ihn, seit dem Tod
ihrer Mutter. Als sie zum ersten Male, mit ihm ins Wohnzimmer musste. Als
sie zum ersten Male erlebte, wie grenzenlos brutal ihr Vater war. Bis dahin
hatte sie geglaubt, er würde das nur bei Luna machen und nicht bei seinen
eigenen Kindern.
Ihr Inneres zerbrach, nachdem der Gürtel dunkle
Streifen hinterließ. Sie merkte, dass es nicht die Schmerzen waren, die ihr
weh taten. Aber das sie von jemandem verursacht wurden, den sie, bis dahin
vertraut hatte, verkraftete sie nicht.
Beim ersten Mal, schrie sie aus Leibeskräften,
damit ihr Vater aufhören würde. Doch sie machte ihn dadurch noch wütender.
Ehe sie das begriffen hatte, lag sie nur noch als wimmerndes, klägliches Bündel
am Boden.
Nachdem Jane zum vierten oder fünften Mal Prügel
bezogen hatte, sie schrie schon nicht mehr, lernte sie die Wirkung von Alkohol
kennen. Sie fing an, sich regelrecht damit zu betäuben, was ihr meistens noch
mehr Ärger einbrachte. Später hatte sie gelernt, unauffällig zu trinken. Im
Alter von knapp 13 Jahren. Jetzt griff sie bei fast jeder Gelegenheit zur
Flasche. Jane fühlte sich dadurch sicherer und konnte ihre Angst vorm täglichem
Leben, leichter überspielen.
Diese gemeinsamen Erlebnisse schweißten
Luna und Jane zu echten Freunden zusammen. Es sah zwar nicht immer so aus
und sie waren selten einer Meinung, doch tief im Inneren wussten beide, dass
nichts auf der Welt, sie je trennen vermag. Grundsätzlich waren sie völlig
verschiedene Menschen. Nach außen hin gaben sich beide als cool und
überlegen. Während Jane ihre Angst und ihre Unsicherheit mit Alkohol
überflutete, spielte Luna den Macho. Mit rasanter Geschwindigkeit konnte
sie von einem Extrem ins andere umschlagen. Menschen, die sie kannten, beschrieben
das Mädchen, als jähzornig, aggressiv und gewalttätig. Immer
bereit, sofort zuzuschlagen. Ständig in Angriffstellung. Wenn man diesen
Menschen erzählen würde, dass Luna manchmal nachts, unter ihrer
Bettdecke lag, wie ein Häufchen Elend, und weinte, sie würden es
nicht glauben. Dann schon eher Jane, die ganz plötzlich in Tränen
ausbrechen konnte, wenn sie nicht genug Alkohol hatte. In dieser Beziehung
war sie die Schwächere, denn Luna würde es nie passieren, in aller
Öffentlichkeit zu heulen. Deswegen tat sie es nachts und sie ahnte nicht,
dass beide Schwestern das wussten.
Jane bekam einen leichten Tritt unter dem Tisch
und sah auf. Vivian warf ihr einen verzweifelten Blick zu.
Verdammt, sie hatte die Frage des Vaters überhört.
Unsicher blickte sie ihren Vater an, dann wieder Vivian. Diese formte mit
ihre Lippen, lautlos das Wort Schule und Jane antwortete automatisch. "Gut."
Sie hatte Glück, denn Herr Meinert war mit dieser
Antwort zufrieden. Gähnend stand er auf und nahm sich eine Flasche Bier aus
dem Kühlschrank. An der Tür drehte er sich noch einmal zu seinen Töchtern.
"Ich will keinen Mucks mehr hören! Marsch
mit euch in die Betten!" Er machte Anstalten, den Raum zu verlassen,
drehte sich jedoch abermals um. "Ich habe eine Frau angestellt, die für
euch kocht, einkaufen geht und die Wäsche macht. So bleibt ihr sauber und
habt jeden Tag eine warme Mahlzeit. Putzen könnt ihr ja wohl selber! Ich hoffe,
ihr seid das auch wert! Also verhaltet euch anständig, ihr gegenüber!"
Endlich verließ er die Küche.
Jane atmete hörbar auf. Deine Fürsorge kannst
du stecken lassen, dachte sie. Von wegen, verhaltet euch anständig. Du Scheißkerl
hast nur Angst, dass wir erzählen könnten, was du eben mit Luna gemacht hast!
Verzweifelt schloss sie die Augen. Grenzenlose
Wut stieg in ihr auf. Mit der Wut kamen auch die Tränen.
Vivian sah es ihrer großen Schwester an, was
diese bewegte und berührte Jane vorsichtig.
"Geh du zu Luna. Ich räume den Tisch ab
und mache die Küche sauber."
Dankbar lächelte Jane sie an, sah sich kurz um,
ob es viel Arbeit gab, was jedoch nicht der Fall war, und verließ dann die
Küche.
Vivian bekam nur sehr selten das ganze Ausmaß
der Wutausbrüche ihres Vaters zu spüren. Als sie das erste mal dran war, ihr
war eine Flasche Bier aus der Hand geglitten und auf dem frisch gewischten
Fußboden zerknallt, fing Vivian an zu schreien, noch bevor sie uns Wohnzimmer
musste. Kurzer Hand warf Luna sich zwischen den Onkel und Vivian. Ihre rechte
Hand behielt sie in der Hosentasche und umklammerte fest den Griff ihres Messers.
Sie war zu allem bereit. Verblüfft hörte Vivian auf, zu schreien und der Onkel
sah sie verächtlich an. Mit bebender Stimme erklärte Luna ihm, dass sie zur
Polizei gehen würde, wenn er Vivian auch nur einmal anfassen täte. Sie zitterte
am ganzen Körper und war schweißgebadet, doch auf ihre kleine Schwester ließ
sie nichts kommen. Außerdem stellte sich Jane neben sie, mit ebenso entschlossenem
Gesichtsausdruck.
Herr Meinert ließ seine jüngste Tochter los,
gab ihr noch eine schallende Ohrfeige, doch ehe Luna darauf reagieren konnte,
hatte er sie schon geschnappt und stieß sie brutal gegen die nächste Wand.
Luna badete dann seine gesamte Wut aus, weil sie die Frechheit besessen hatte,
sich gegen ihn zu stellen.
Doch es hatte geholfen. Vivian stand für alle
Zeit unter dem Schutz ihrer großen Schwestern. Sie kassierte nur ab und zu
einen Schlag ins Gesicht, oder einen Tritt. Trotzdem war sie unendlich dankbar,
dass Luna ihr den Rest erspart hatte.
In der Öffentlichkeit galt Vivian als ruhiges,
liebes und freundliches Mädchen. Nach außen hin lachte sie viel
und tat auch sonst alles, um den Schein zu wahren, dass sie eine glücklich
Familien sind. Ständig versuchte sie den Vater bei Laune zu halten, was
ihr mit vielen Tricks auch immer öfter gelang.
Jane saß auf ihrem Bett. In der Hand eine Flasche
Wodka. Sie wusste, dass der Vater nicht noch einmal ins Zimmer kommt. Sie
wusste aber auch, wenn er sie erwischen würde, riskierte sie ihr Leben.
Luna lag ihr schräg gegenüber, die Augen offen.
Die beiden Mädchen brauchten sich nichts zu sagen, sie verstanden sich mit
Blicken. Und ohne das ein Wort gefallen war, reichte Jane ihre Wodkaflasche
an Luna weiter. Denn auch diese wusste, dass der Alkohol die Schmerzen ertränkte.
Allerdings schluckte Luna zusätzlich zwei Schmerztabletten, um eine schnellere
Wirkung zu erzielen.
"Schau mal nach, ob wir morgen Sport haben",
sagte Luna, zwischen zwei Schluck Wodka. Nach und nach verblasste das Stechen
in ihrem Rücken und sie wurde wieder ganz die Alte.
Jane kramte in ihre Schultasche und starrte eine
ganze Weile auf den Zettel, auf dem der Stundenplan geschrieben war.
"Ne Doppelstunde!" Wütend zerknüllte
sie das Papier.
"Auch das noch! Blöder Mist!" Luna
kniff die Lippen zu einem harten Strich. "Gibst du mir Rückendeckung?"
Jane nickte zustimmend. Rückendeckung bedeutete,
dass Jane beim Umziehen, vor der Sportstunde, genau so stand, dass keine von
den anderen Mädchen, einen Blick auf Lunas nackte und zugleich zerschundene
Haut werfen konnte.
"Zeig mir mal deinen Rücken", forderte
Jane sie auf und nahm ihr die Flasche weg.
Luna wehrte ab. "Danke! Lass sein!"
Sie hielt einen Augenblick inne und blickte versonnen aus dem Fenster, obwohl
es gar nichts zu sehen gab, denn inzwischen war es draußen stockdunkel.
"Manchmal frage ich mich, wie lange das
noch so weiter geht."
"Ich schätze mal, bis wir 18 sind und hier
ausziehen können", warf Jane lachend ein.
"Und Vivi? Die können wir doch nicht hier
lassen?"
"Die nehmen wir mit! Was denn sonst?"
"Ich glaube eher, dass eine von uns irgendwann
zusammenbricht und sich jemandem anvertraut. Das darf auf keinen Fall passieren!"
Luna sah immer noch aus dem Fenster, während sie sprach.
"Manchmal bin ich drauf und dran",
gab Jane kleinlaut zu. Auch sie kuschelte sich unter ihre Bettdecke.
Die Mädchen warteten auf Vivian, die jeden Moment
ins Zimmer kommen musste.
"Mach das bloß nicht!" Luna sah ihre
Schwester ernsthaft an.
"Glaubst du wirklich, dass wir dies noch
drei lange Jahre durchhalten?" Janes Stimme klang weinerlich, doch Luna
achtete nicht darauf.
"Wenn du so weiter säufst, bekommst du vorher
bestimmt das Nachbarbett von meiner Mutter!" Sie lachte auf.
Ein kurzes, raues Lachen, aus dem man hören konnte,
dass keine Freude dabei war.
"Ach ja?" Der Blick, den Jane Luna
zuwarf, hätte tödlich sein können. "Ich experimentiere wenigstens nicht
mit irgendwelchen Pillen. Und schon gar nicht zusammen mit Alkohol!"
Der Streit war ausgebrochen. Aber auch jetzt,
wo sie sich in den Haaren hatten, flüsterten sie nur, damit Herr Meinert nichts
mitbekam.
"Und ich gehe nicht völlig benebelt in die
Schule!"
"Tust du doch!"
"Nein!"
"Doch!"
"Wann denn?"
"Kannst du dich erinnern? Vor zwei Wochen
bist du in der Schule zusammengebrochen, weil du schon vor dem Frühstück so
einen Tablettencocktail geschluckt hast! Ich gebe ja zu, dass du es an diesem
Morgen gebraucht hast, aber du musst wenigstens zugeben, dass du dich zum
ersten Mal überschätzt hast!" Mit einem provozierenden Lächeln setzte
Jane sich auf.
"Du kannst mich mal!" Luna war mit
einem Satz auf Janes Bett. Vergessen war der schmerzende Rücken. Die Wut schoss
in ihr hoch. War nicht zu bremsen, nicht zu stoppen. Sie wollte sich nur dieses
elende Weibsstück packen, das vor 5 Minuten noch ihre Schwester gewesen war
und die sich erst vor einer Stunde, liebevoll um Luna gekümmert hatte.
"Ludmilla!" In der Tür stand Vivian
und sah entsetzt auf Lunas Hände, welche sich um Janes Hals geschlungen hatten.
Keinen Augenblick später, befand sich Luna wieder in der Realität. Unsicher
blickte sie auf ihre Hände, dann auf Jane, dann auf Vivian.
"Sorry", murmelte sie verlegen und
ging in ihr eigenes Bett zurück. Leicht bedrückt, sah sie ihre Schwestern
noch einmal an.
"Mit dir zusammenzuleben ist ja lebensgefährlich",
beklagte sich Jane. "Dir darf man aber auch gar nichts sagen! Hauptsache,
du kannst jeden beleidigen!"
"Es reicht Jane!" Im Augenblick war
Vivian die Klügste, Stärkste und Überlegenste von allen. Wenn ich nicht da
wäre, würden die beiden sich gegenseitig umbringen, dachte sie und musste
dabei schmunzeln. Ich muss auf die beiden mehr aufpassen, als die auf mich.
Vivian wusste nicht, worum dieser Streit gegangen
war, doch sie erfasste instinktiv, dass es besser sei, dass weder Luna noch
Jane ein weiteres Wort sprach. Freundlich wünschte sie den Schwestern Gute
Nacht und löschte das Licht. Zurück blieb die Dunkelheit und jeder musste
mit seinen eigenen Gedanken fertig werden.
Mitten in der Nacht wurde Jane wach, weil es
eiskalt im Zimmer wurde. Ohne sich großartig zu bewegen, öffnete sie die Augen
und sah sich um. Luna saß auf dem Fensterbrett und rauchte. Die Zigarette
hielt sie so, dass der Qualm nicht ins Zimmer drang.
"He Luna", flüsterte Jane leise. "Kannst
du nicht schlafen?"
Zur Antwort bekam sie ein undeutliches Knurren
und vorsichtig stieg sie aus dem Bett.
"Was ist los", fragte sie noch einmal.
Im Licht, von der Straßenlaterne gegenüber, sah
sie ganz kurz, Lunas verweintes Gesicht, bevor diese den Kopf wegdrehte. Unbeholfen
reichte Jane ihr die Hand.
"Es wird schon alles gut werden", sagte
sie, mehr zu sich selber, als zu Luna. Doch diese hielt den Kopf immer noch
so, dass Jane ihr Gesicht nicht sehen konnte. Luna wollte nicht, dass jemand
ihre Tränen sah. Sie wollte nicht, dass Jane glaubte, dass sie verletzlich
sei, obwohl ihre Schwester das längst wusste.
Nach einer kleinen Ewigkeit, warf Luna die Zigarette
auf die Straße und stieg vom Fenster.
"Geh wieder ins Bett", ordnete sie
an. "Mir geht es gut!"
Schnell schlüpfte Jane wieder unter ihre Decke.
Es war mittlerweile so kalt geworden, dass sie dachte, ihre Füße sterben ab.
Dennoch hielt sie kurz inne und sah Luna an, die immer noch keine Anstalten
machte, ebenfalls weiter zu schlafen. Der Wecker zeugte auf Viertel vor Drei.
"Willst du bei mir mit schlafen?" Die
Frage stand im Raum und es blieb still. Nur Vivian drehte sich kurz, unruhig
hin und her.
Ohne Antwort kam Luna zu ihr ins Bett. Erst als
sie unter der warmen Decke eingekuschelt war, sagte sie:
"Meinetwegen, wenn du darauf bestehst."
Eine Minute später schlief Jane tief und fest.
Ihre Schwester war immer noch wach.
Luna war nicht zufällig wach geworden, in dieser
Nacht. Quälende Alpträume hatten sie erschreckt und dann musste sie mit Entsetzen
feststellen, dass sie ihr Bett nass gemacht hatte. So leise wie möglich, hatte
sie sich frische Unterwäsche und neue Schlafsachen angezogen. Doch die Matratze
bekam sie mitten in der Nacht nicht mehr trocken.
Es war ihr auch nicht zum 1. Mal passiert. Schon
mehrere Nächte hatte sie sitzend, entweder am Fußende ihres Bettes, oder auf
einem der drei Stühle, verbracht. Gemerkt hatten das ihre Schwestern zum Glück
nie.
Die Tränen am Fenster, weinte sie vor Wut.
Vor Wut auf sich selber, weil sie anscheinend nachts unfähig war, ihre
Blase zu kontrollieren. In Janes Bett, dachte Luna noch lange darüber
nach, doch kurz vor 5 Uhr, fiel auch sie in einen unruhigen Schlaf.
Am Morgen danach, sah sie grauenvoll aus. Verquollene
Lider, dunkle Schatten unter den Augen, fleckige Haut. Da half auch kein eiskaltes
Wasser mehr. Sie musste wohl oder übel in diesem Zustand in die Schule gehen.
Herr Meinert sah sie beim Frühstück nur kurz
an. Meinte nichts dazu. Ehe er sich für die Arbeit fertig machte, teilte er
seinen Mädchen mit, dass Frau Müller heute mittag in der Wohnung sein würde,
wenn sie von der Schule heim kämen.
Dann waren Luna, Jane und Vivian allein. Erstaunt
sah Luna ihre Schwestern an. Jane erklärte es ihr.
"Die Frau kommt vormittags. Macht die Wäsche,
geht einkaufen und kocht Mittagessen. Anschließend sind wir sie wieder los!"
"Warum tut er das?", fragte Luna nachdenklich.
"Die Frau könnte doch alles mitbekommen und dann ist es mit ihm aus!"
"Vielleicht will er sich ändern und das
ist sein erster Schritt", entgegnete Vivian vorsichtig.
"Das glaube ich kaum. Da hätte er sich gestern
abend anders aufführen müssen!" Unruhig spielte Luna mit ihren Haarsträhnen.
Eine weitere böse Vorahnung machte sich in ihrem Kopf breit und sie konnte
sie nicht abschütteln. Mit Entsetzen dachte Luna an ihr feuchtes Laken und
die restlichen Klamotten unter ihrem Bett. Doch dafür war es nun zu spät.
Sie musste sich damit abfinden, dass Frau Müller die Sachen finden wird und
sich ihren eigenen Teil denkt. Hauptsache, die erzählt dem Onkel nichts, überlegte
Luna, während sie die Wohnungstür hinter sich zuzog.
Unterwegs war sie immer noch mit diesen Gedanken
beschäftigt. Sie bemerkte nicht, dass Vivian maulte, sie hätte keine Lust
zur Schule zu gehen.
"Jetzt stelle dich nicht so an und reiß
dich endlich mal zusammen", schnauzte Jane sie dafür an. Auch ihre Laune
war an diesem Morgen unerträglich. "Es ist doch Scheiß egal, was für
Klamotten du anhast. Tragen wir etwa Markenjeans?"
Stur blickte Jane gerade aus und blieb augenblicklich
stehen. Sie waren nur noch 50 Meter von der Schule entfernt.
"Verdammte Scheiße! Was hat das denn zu
bedeuten?" Ihre Stimme überschlug sich, weil irgendwie konnte sie erraten,
was die kleine Gruppe zu bedeuten hatte, welche vor der Schule stand und offensichtlich
auf Luna und Jane warteten.
Mit aufgerissenen Augen drehte sie sich zu Luna
um. Auch diese hatte endlich bemerkt, was los ist und war stehen geblieben.
Ihre Unterlippe zitterte nervös, doch das war das einzige Anzeichen dafür.
Nicht schon wieder, dachte Vivian und wartete
darauf, dass Luna sie wegschickt.
Nichts geschah. Beide Gruppen blieben ruhig stehen.
Jeder wartete darauf, dass der andere den Anfang macht. Nach Minuten absoluter
Stille, sogar andere Schüler waren stehen geblieben und sahen zu, löste sich
ein älterer Junge aus der Gruppe. Er kam auf die Schwestern zu.
Jane und Luna wechselten einen Blick. Beide hatten
verstanden. Dieser Junge war nicht aus ihrer Schule und er konnte anschließend
nicht zum Direktor rennen und sich beschweren. Anscheinend war er der Freund
von einer der beiden Anführerrinnen.
Mit schnellen Schritten war er bei den Mädchen
angekommen. Seine Anhänger folgten ihm langsam. Vivian verdrückte sich unauffällig.
Jane lächelte ihn falsch an. Lunas Miene blieb eiskalt und hart.
"Wer von euch beiden Tussis hat gestern
meiner Freundin ein Messer an die Kehle gesetzt?" Seine Stimme sollte
bedrohlich klingen, aber er war irritiert. Melanie ist kräftig gebaut, dachte
er. Keine von diesen dünnen, schmächtigen Mädchen, würde es schaffen, sie
flach zu legen.
"Warum willst du das wissen?" Luna
hatte ihren bissigen, schneidenden Ton drauf, der das Blut zum gefrieren brachte.
Mit kalten Augen sah sie ihm direkt ins Gesicht, ohne eine Spur von Angst.
Nur Jane sah das gefährliche Aufblitzen und wusste, dass sich ihre Schwester
gleich zum Killer verwandeln wird, wenn der Typ auch nur eine falsche Bewegung
macht.
"Das hat dich nicht zu interessieren",
gab er zurück.
Hinter ihm kam eine der Mädchen zum Vorschein
und stellte sich triumphierend neben ihren Freund. "Die da!" Sie
zeigte auf Luna.
Ihr Geliebter kam auf Luna zu, deren Mundwinkel
sich zu einem spöttischen Lächeln erhoben. Endlich standen sie sich gegenüber.
Luna konnte seinen faulen Atem riechen, ließ sich aber nichts anmerken. Jane
hielt die Luft an und betete, dass Jane nicht zuerst zuschlagen würde. Jeder
wartete auf den ersten Schlag.
"Du hast sie in Ruhe zu lassen", kam
es aus seinem Mund. "Du hast ihr gefälligst aus dem Weg zu gehen und
du wirst sie auch nie wieder anfassen! Hast du mich verstanden? Bastard!"
Bei seinem letzten Wort, wollte er sich umdrehen und gehen. Er glaubte, das
Mädchen genug eingeschüchtert zu haben, doch deren Gesichtsausdruck verriet
ihm nichts.
Vivian, die in Hörweite abgewartet hatte, hob
verzweifelt die Hände. Auch Jane dachte, warum ausgerechnet dieses Wort? Es
gab so viele Schimpfwörter. Warum musste er ausgerechnet Bastard nehmen?
Und dann ging es los. Ohne ein weiteres Wort,
stürzte sich Luna auf ihn und jagte ihre kleine, harte Faust in seinen Magen.
Verdattert, unfähig diese Reaktion zu begreifen, sah der Typ sie an und konnte
nicht dagegenhalten. Wie der Blitz drehte Luna sich herum und gab ihm einen
Tritt. Erneut in den Magen, so dass er rücklings auf die Straße fiel und anfing,
zu würgen.
Noch konnte keiner Luna aufhalten. Selbst Jane
stand einfach nur da und es dauerte eine ganze Weile, bis sie verstand, was
sich vor ihren Augen abspielte. Ihre Schwester war drauf und dran, diesen
Kerl ins Jenseits zu befördern. Denn jetzt trat sie nur noch auf ihn ein.
"Du hast überhaupt keine Ahnung, was ein
Bastard ist, du verdammter Idiot", schrie sie immer wieder, das blutende
Bündel Mensch an. Sie erkannte sich in ihm selbst wieder, wenn sie auf dem
Boden im Wohnzimmer lag. Und das machte Luna noch aggressiver, noch zorniger,
als je zuvor. Dass sie selber blutete, merkte sie nicht. Trotz ihres schnellen,
brutalen Angriffs, war es dem Typ gelungen, ihr, einen Faustschlag zu versetzen.
Dieser Schlag traf auch noch richtig und hinterließ eine aufgeplatzte Augenbraue.
Luna spürte keine Schmerzen. Nur Hass. Grenzenlosen Hass.
"Luna!" Dieser langgezogene Schrei
durchbrach alles. Luna, die zum nächsten Tritt ausgeholt hatte, hörte mitten
drinnen auf. Ihr war, als käme dieser Schrei aus einer anderen Welt und verwirrt
sah sie sich um. Sie blickte in entsetzte, fassungslose Gesichter. Mitschüler,
die nicht begreifen konnten, was Luna da eben getan hatte.
Mit einem Satz, war Jane bei ihrer Schwester.
Ein Taschentuch schon in der Hand, mit dem sie an deren Gesicht herum tupfte,
damit nicht noch mehr Blut auf die Kleidung tropfte. Sie sagte nichts zu ihr.
Keinen Vorwurf.
Luna schob sie grob zur Seite. Sie beugte sich
zu Melanies Freund und half ihm auf die Beine. Doch bevor sie ihn losließ,
funkelten ihre Augen, ihn noch einmal an.
"Damit ein für alle Mal klar ist! Es legt
sich besser keiner mit mir an!" Ihre Stimme blieb ruhig und berechnend,
dass dem Typen ein Schauer dem Rücken hinunter lief. Luna ließ ihn los und
ging weg. In die andere Richtung. Weg von der Schule.
"Wo willst du hin?" Hastig rannte Jane
ihrer Schwester nach, gefolgt von Vivian. Luna schaute nicht zurück. Sie musste
erst einmal weg, von diesem Schauplatz. Vergessen können. Über etwas anderes
nachdenken. Hoffen, dass sie, das eben erlebte, nur geträumt hatte.
Aber sie hatte nicht geträumt. Jane holte sie
ein und zwang sie stehen zu bleiben.
"Wo willst du hin", fragte sie noch
einmal, nun völlig außer Atem.
Ratlos hob Luna die Schultern und sah sie apathisch
an.
"Du kannst doch jetzt nicht einfach abhauen!"
Jane schüttelte sie, damit Luna endlich wieder zur Besinnung kam.
"Und warum nicht?"
"Ganz einfach, weil wir zur Schule müssen!"
Jane war außer sich, bei so viel Desinteresse. "Was meinst du, was geschieht,
wenn Vater erfährt, dass wir die Schule geschwänzt haben?" Sie verstummte
plötzlich und tastete nervös ihre Taschen ab. Ihre Hände fanden nicht das,
was sie gesucht hatten.
"Wir können uns ja die erste Stunde frei
nehmen und anschließend behaupten, wir hätten es verschlafen! Das kann jedem
mal passieren!" Kleinlaut gab Jane nach.
Luna saß sie an und erfasste mit einem Blick,
warum sie nachgab. Ihre Schwester brauchte was zu trinken! Die ganze Sache
hatte sie so stark mitgenommen, dass sie es bestimmt nicht schaffte, den Unterricht
ohne Alkohol zu überstehen. Sie sah sich nach Vivian um, die still in zwei
Meter Entfernung stand und wartete.
"Hättest du was dagegen", fragte sie
diese und winkte sie zu sich. Vivian schüttelte den Kopf. Ihr war das völlig
egal. Sie wollte so und so nicht gerne in diese Schule.
"Du musst deine Wunde versorgen lassen",
sagte Vivian nur und deutete auf Lunas linkes Auge. Jane nickte zustimmend
und hoffnungsvoll.
"Okay, dann gehen wir jetzt zum Arzt!"
Luna marschierte sofort los, blieb aber gleich wieder stehen. "Weiß jemand
von euch, wo einer ist?"
"Neben dem Supermarkt! Wir können draußen
auf dich warten." Eifrig stand Jane neben ihr. Vivian an der Hand.
Luna grinste sie nur an. Sie kannte ihre Schwester.
"Lass dich nicht erwischen!", antwortete
sie und gemeinsam liefen sie los.
Der Arzt stellte tausend Fragen, nachdem er die
Wunde genäht und versorgt hatte. Er wollte nicht glauben, dass Luna sich nur
gestoßen hatte. Eigentlich erkannte er auf den ersten Blick, dass dieses Mädchen
eine Schlägerei hinter sich hatte.
Mit abweisendem Gesichtsausdruck, fing Luna noch
einmal von vorne an. Dass sie in der Küche ausgerutscht war und sich den Kopf
an der Tischkante aufgeschlagen hatte. Aber immer noch glaubten ihr Arzt und
Helferin kein Wort, bis Luna verbissen schwieg. Sie beantwortete keine Fragen
mehr und der Arzt musste sich wohl oder übel damit zufrieden geben.
Zu Lunas größten Freude aber, gab er ihr, starke
Schmerztabletten mit. Da brachte sie es sogar fertig, sich artig dafür zu
bedanken. Schnell war sie raus aus er Praxis und die Arzthelferin schüttelte
verwundert den Kopf.
Schräg gegenüber der Praxis, warteten Jane und
Vivian auf sie. An der entspannten Haltung, konnte Luna erkennen, dass Jane
bekommen hatte, was sie brauchte. Zielstrebig ging sie zu den Schwestern hin.
"Wie war's?" Vivian hielt eine Tafel
Schokolade in der Hand und kaute genüsslich darauf um.
"Alles in Ordnung." Luna winkte abwertend
ab. Sie wollte nicht darüber reden. "Wo hast du sie?" Mit diesem
Satz sah sie Jane an, welche selig vor sich hin summte.
"Was meinst du", fragte diese unschuldig
zurück.
"Hör auf, doof rum zu quatschen!" Lunas
Ton wurde warnend. "Denkst du, ich weiß nicht, dass du dir was zu Trinken
besorgt hast?"
"Rege dich wieder ab, Luna!" Jane war
aufgestanden und blickte herausfordernd ihre Schwester an. Mit der Hand deutete
sie auf die Schultasche. Jetzt war sie wieder selbstsicher. Nichts konnte
ihr passieren.
"Na los, gehen wir", kommandierte Luna
sofort. "Ich habe keinen Bock, hier ewig zu stehen!" Die beiden
anderen Mädchen gehorchten. Jane mit missmutigem Gesicht. Immer musste Luna
das Kommando an sich reißen, überlegte sie. Wann habe ich endlich mal was
zu sagen?
Gleich in die erste Toreinfahrt, bog Luna ein
und blieb dahinter stehen.
"Gib die Flasche her", forderte sie
Jane auf, die sie darauf mit offenem Mund anstarrte. Doch Luna achtete gar
nicht darauf, sondern holte die Tabletten aus ihrer Jacke, las kurz den Beipackzettel
und drückte dann zwei Pillen aus der Folie.
"Du bist ja noch bescheuerter, als ich!"
Das war Janes Kommentar dazu, sie reichte ihr aber dennoch die Flasche Wodka.
Luna betrachtete auch diese intensiv. "Teure
Marke. Du hast nen guten Geschmack!" Sie steckte sich die Tabletten in
den Mund und spülte sie mit einem großen Schluck aus der Flasche herunter.
"Eins steht fest", antwortete Luna,
ohne auf das vermeintliche Lob einzugehen. "Du bekommst eher als ich,
das Nachbarbett deiner Mutter!" Sie spielte absichtlich auf den gestrigen
Abend an.
"Was verstehst du schon davon", konterte
Luna, unerwartet ruhig. "Ich fange wenigstens nicht mitten im Unterricht
an, zu zittern, wie so manch andere!"
"Ist ja logisch! Weil sich Tabletten besser
verstecken lassen und man kann sie auch während der Stunden heimlich nehmen!"
"Können wir jetzt gehen?" Vivian reichte
es. Sie hatte keine Lust, sich die Gemeinheiten anzuhören, die sich ihre Schwestern,
gegenseitig an den Kopf warfen. "Die zweite Stunde fängt in 20 Minuten
an."
So schnell, wie der Streit begonnen hatte, war
er auch beendet. Die großen Mädchen sahen sich an, lächelten kurz und Jane
packte ihren Wodka ein. Vivian sah ihnen kopfschüttelnd zu. Sie wusste, warum
die beiden so viel Alkohol tranken und sie würde sich hüten, auch nur ein
Wort dagegen zu sagen. Aber sie fand es trotzdem nicht gut, denn auch Vivian
kannte die Gefahren des Alkohols und wie schnell man davon abhängig werden
konnte. In den Augen der kleinen Schwester, waren beide schon abhängig davon.
Doch weder Jane, noch Luna wollten sich das selbst
eingestehen. Gerade bei Luna, konnte Vivian es überhaupt nicht verstehen,
da doch gerade sie am eigenen Leib erfahren hatte, wo dieser Weg hinführen
konnte. Trotzdem sagte sie nichts und lief hinter ihren Schwestern her.
Kurz vor der Schule gab es eine erneute Diskussion,
weil Luna wollte, dass Jane die Flasche außerhalb des Schulgebäudes versteckte.
Jane wollte sich aber nicht davon trennen. Obwohl Vivian es nicht mochte,
musste sie sich schon wieder einmischen.
"Überlege doch mal", sagte sie zu Jane
gewandt. "Gestern haben sie Luna das Messer abgenommen. Kann es dann
nicht sein, dass man eure Sachen heute noch einmal kontrolliert? Willst du
heute abend unbedingt an der Reihe sein?"
Jane versteckte die Flasche in einem dichten
Gebüsch. Dennoch war sie verärgert. Immer bekam Luna recht. Nie hielt Vivian
zu ihr. Aber sie wusste, dass es besser war, wenn die Lehrer bei ihr nichts
finden würden.
"Ich verdrück mich jetzt", sagte Vivian
anschließend. "Also, wir haben es verschlafen, wenn mich jemand fragt?"
Ihre beiden Schwestern nickten gleichzeitig.
Sie winkten Vivian nach, bis diese im Schulgebäude verschwunden war.
"Was werden die mit dem Kerl gemacht haben?
Ob die Lehrer schon Bescheid wissen?" Jane klammerte sich an Luna und
wünschte sich ihre Flasche zurück.
"Keine Ahnung. Wir werden es vermutlich
gleich erfahren, wenn wir in die Klasse kommen." Luna war bleich im Gesicht
und sah ihre Schwester nicht an. Jane bemerkte das nicht.
Als sie in der Pause ihre Klasse betraten, sprach
niemand ein Wort. Ein wenig ängstlich blickten die Mitschüler sie an. In der
Klasse hatte sich natürlich schon herum gesprochen, was vor Schulbeginn passiert
war. Luna vermutete, dass Melanie auch in dieser Klasse enge Freunde hatte.
Die Schwestern sprachen ebenfalls kein Wort, sondern setzten sich stur auf
ihre Plätze. Sie mussten einfach abwarten, um zu erfahren, ob die Lehrer von
diesem kleinen Zwischenfall wussten.
Es geschah gar nichts. Sie wurden nicht einmal
verhört, warum sie erst zur 2. Stunde erschienen sind.
Die Stunde verging ohne Zwischenfall. Die Mädchen
wurden nichts gefragt und sie meldeten sich auch nicht. Es war fast so, als
ob sie gar nicht anwesend waren.
Dann kamen die gefürchteten Sportstunden. Noch
wussten sie nicht, wie der Umkleideraum beschaffen war und ob ihr eingespielter
Plan auch funktionierte.
"Du könntest sagen, dir wäre schlecht. Dann
brauchst du vielleicht nicht mitmachen."
Luna reagierte nicht. Wie aufgezogen lief sie
neben ihrer Schwester zur Turnhalle und gab keine Antwort.
Irritiert blieb Jane stehen und hielt sie fest.
"Mein Gott! Was ist denn mit dir los?"
Sie blickte in ein kalkweißes Gesicht und in zwei abwesende Augen. "Luna
bitte! Du machst mir Angst!"
"Mit geht es wirklich nicht gut", bekam
sie dann flüsternd zur Antwort. Jane merkte, dass Luna sich gleich übergeben
musste. Hastig zog sie die Schwester hinter sich her, in Richtung Toilette.
Gerade noch rechtzeitige, schaffte Jane es, sie
zu einem der Becken zu bugsieren. Dann kotzte sich Luna die Seele aus dem
Leib.
"Verdammte Scheiße", brüllte Jane sie
an und trat wie von Sinnen gegen die Kabinentür. "Du sollst den Scheiß
lassen, mit deinen blöden Pillen!"
Luna wollte ihr darauf eine passende Antwort
geben, doch da überkam sie schon der nächste Brechreiz.
"Fick dich selber", kam dann anschließend,
nur sehr leise, über Lunas Lippen. Jane tat so, als hätte sie nicht verstanden.
"Ich geh und sag der Lehrerin Bescheid.
Bin gleich wieder zurück!" Schon war sie verschwunden, nicht ohne noch
einmal gegen die Tür zu donnern. Ihre Schwester fand keine Zeit, darüber nachzudenken.
Sie beugte sich schon wieder über die Porzellanschüssel.
Wenig später kam Jane auch wieder, gefolgt von
der Sportlehrerin.
"Luna, was ist los", fragte diese sehr
besorgt. "Ich habe gehört, dir geht es schlecht?"
Luna saß auf dem Toilettenbecken. Den Mund hatte
sie sich schon abgewischt, ihr Magen hatte aufgehört zu rebellieren und doch
war sie immer noch käseweiß im Gesicht.
"Geht schon wieder. Ich glaub, ich hab ne
Magenverstimmung. Bestimmt irgendwas schlechtes gegessen."
Ihre Stimme klang kläglich und Jane überlegte,
ob sie das mit Absicht tat, oder nicht. So hilflos und elend kannte sie ihre
Schwester kaum.
"Möchtest du zum Arzt, oder nach Hause gehen?
Was ist denn mit deinem Auge geschehen?" Erst jetzt bemerkte Frau Kehlten
die vernähte Wunde.
"Ausgerutscht", kam Jane der Schwester
zuvor.
Die Lehrerin sah sie merkwürdig an.
"Nein. Ich will nicht nach Hause!"
Langsam stand Luna auf. "Mir geht es wirklich schon viel besser! Danke!"
Sie sah die Frau nicht an. Ging an ihr vorbei zum Waschbecken. Mit eiskaltem
Wasser, wusch sie sich Hände und Gesicht. Danach sah sie schon viel menschlicher
aus. Ihre Haut bekam wieder Farbe.
"Wenn du willst, brauchst kein Sport mitmachen."
Frau Kehlten kam ihr nach und war immer noch besorgt.
"Danke." Auf Lunas Gesicht erschien
ein zartes Lächeln. Hinter dem Rücken der Lehrerin grinste Jane breit.
Wieder mal mit Verspätung, die anderen Mädchen
flüsterten schon ganz aufgeregt, kamen die Schwestern in die Turnhalle. Luna
setzte sich abseits und döste zwei Stunden lang vor sich hin, während die
anderen, unter Ächzen und Stöhnen, ihre Sportübungen absolvierten. Jane warf
ihrer Schwester mehrere böse Blicke zu, weil sie sich abmühen musste und Luna
nicht.
In der großen Hofpause passierte auch nichts.
Man ging den Meinert Mädchen aus dem Weg. Melanie und ihr Gefolge waren nirgendwo
zu sehen. Die Aufsichtslehrer passten sorgfältig auf, damit kein neuer Streit
entstand. Sie waren angewiesen wurden, besonders Luna im Auge zu behalten.
Die großen Mädchen erzählten der kleinen Schwester
nicht, was vor dem Sport gesehen war. Luna hatte darauf bestanden und wollte
nicht, dass Vivian sich unnötig aufregte.
"Ich bin gespannt, wie diese Frau Müller
so ist!" Aufgeregt sprang Vivian um ihre Schwestern herum. Sie befanden
sich auf dem Heimweg. Der Unterricht lag hinter ihnen, ohne ein weiteres Ereignis.
"Ich bin wahnsinnig froh darüber, dass eine
Fremde in der Wohnung ist!" Jane wurde sarkastisch. "Vater hätte
sie uns wenigstens vorher vorstellen können, anstatt uns mit vollendeten Tatsachen
zu konfrontieren!"
"Oh ja. Dein Vater fragt dich bestimmt vorher
um Erlaubnis." Giftig sah Luna ihre Schwester an. Sie konnte das Gequatsche
nicht ertragen. "Sei lieber froh, dass jemand für uns wäscht und kocht,
sonst müssen wir diese Arbeit auch weiterhin erledigen! Aber wahrscheinlich
wird diese Frau so und so bald kündigen. Spätestens dann, wenn sie uns zum
1. Mal in Aktion erlebt hat!"
"Wir sollen uns anständig benehmen, hat
Vater gesagt. Wir dürfen sie nicht vergraulen!" In der Hoffnung, dass
ihre Schwestern dies nicht vergaßen, mischte Vivian sich ein. Dafür erntete
sie einen weiteren giftigen Blick von Luna und sie verhielt sich lieber wieder
still.
"Trotzdem verstehe ich nicht, wie Vater
jemanden einstellen konnte!" Jane war von diesem Thema nicht abzubringen.
"Irgendwann wird die doch merken, dass bei uns was nicht stimmt."
"Bis dahin sind wir längst wieder umgezogen!
Und jetzt Beeilung! Wir wollen die gute Frau doch nicht gleich heute warten
lassen!" Für Luna war dieses Thema beendet. Aber sie wusste, dass Jane
recht hatte und sie dachte mit Unbehagen an die feuchte Wäsche unter ihrem
Bett.
Frau Müller empfing die Mädchen mit einem köstlichen
Mittagessen, was die Schwestern schon vor der Wohnungstür riechen konnten.
Doch zuerst stellte sich die gute Seele vor. Frau Müller war eine korpulente
Frau um die 50 Jahre. Ihre dauergewellten Haare, waren schon leicht ergraut.
Um die Augen hatte sie Lachfalten.
Augenblicklich wurden Jane und Vivian an ihre
Mutter erinnert. Sie begrüßten sie freundlich und fasten sofort Vertrauen.
Luna blieb skeptisch im Hintergrund. Sie hatte keine guten Erfahrungen mit
ihrer Mutter gemacht, überhaupt mit keinem Erwachsenen. Sie hatte auch nicht
vor, sich von jemandem bemuttern zu lassen, der sie ja doch wieder verließ.
Zufällig hatte Frau Müller auch noch das Lieblingsessen
von Vivian gekocht: Spaghetti. Begeistert saß Vivian als erste am Tisch.
"Ihr dürft mich auch Margot nennen",
sagte sie lächelnd, während sie die Teller auffüllte. "Eure Namen kenne
ich ja schon, aber wer von euch beiden ist Luna?"
"Die da", antwortete Jane mit vollem
Mund, weil Luna keine Anstalten machte, etwas zu sagen. Jane hatte gleich
gespürt, dass ihre Schwester nicht so begeistert war, wie sie selbst.
Auch Margot Müller spürte das sofortige Misstrauen
des Mädchens. "Gut, dann weiß ich ja Bescheid", sagte sie nur und
setzte sich zu den Kindern an den Tisch. Eigentlich hatte sie die Namen gewusst,
denn bei ihrem Einstellungsgespräch mit Herrn Meinert, hatte er ihr die Mädchen
gut beschrieben und Fotos gezeigt. Bei diesem Gespräch ahnte sie schon, dass
sich der Vater und Luna nicht gerade nahe standen.
Daher entschuldigte sie das Benehmen von ihr
und beschloss in Gedanken, diesem Mädchen besonders viel Liebe und Geduld
entgegenzubringen. Frau Müller arbeitete schon fast 30 Jahre als Haushaltshilfe
und Kindermädchen. Luna war nicht das erste schwierige Kind, was ihr unterkam.
"Sie haben ja aufgeräumt", stellte
Jane fest, nachdem sie sich in der Wohnung umgesehen hatte. "Das gehört
doch gar nicht zu ihren Aufgaben."
"Ich hatte genug Zeit und sollte ich da
untätig herum sitzen?" Abwehrend winkte Margot ab und stellte die leeren
Teller in die Spüle. Mit geschickten Handgriffen fing sie an, abzuwaschen
und lächelte die Mädchen an.
So viel Freundlichkeit konnte Luna nicht ertragen.
Wortlos stand sie auf und verließ die Küche. Traurig blickte Vivian ihr nach.
Sie hoffte, dass Luna sich mit dem Kindermädchen vertragen wird, denn sie
mochte Margot wirklich und hatte sie schon längst in ihr kleines Herz geschlossen.
Auch Jane sah auf die zugeklinkte Küchentür,
zuckte dann ergeben mit den Schultern und griff nach einem Tuch, um abzutrocknen.
"Sie wird sich bestimmt noch an mich gewöhnen",
sprach Margot, als hätte sie die Gedanken der beiden Mädchen erraten.
"Wir wollen es hoffen, aber ich glaube nicht
daran", flüsterte Jane. "Sie kennen Ludmilla nicht."
Lunas Weg führte zuerst zu ihrem Bett. Die Matratze
hatte ein frisches Laken, die Bettwäsche war gewechselt. Unter ihrem Bett
fand sie nicht einmal Staub. Na prima, dachte sie wütend. Das darf mir nicht
noch einmal passieren! Gereizt feuerte sie ihre Schultasche auf den nächsten
Stuhl, der dadurch polternd umfiel. Sie verpasste ihm noch einen zusätzlichen
Tritt und ließ ihn dann liegen. Angezogen und mit Schuhen legte Luna sich
aufs Bett. Sie wollte den Schlaf nachholen, den sie in der vergangenen Nacht
nicht finden konnte. Tatsächlich war sie 10 Minuten später eingeschlafen.
Vivian und Jane, die danach ins Zimmer kamen,
ließen sie in Ruhe. Weckten sie auch nicht, als Frau Müller rein kam, um sich
zu verabschieden. Die Haushaltshilfe hatte schnell registriert, wem das Bett
gehörte, was sie am Morgen neu beziehen musste. Eigentlich hatte sie auf das
jüngste Mädchen getippt, dem dieser nächtlicher Unfall passiert war. Da aber
Luna auf dem Bett lag und seelenruhig schlief, wurde sie eines Besseren belehrt.
Dieses Mädchen hat offensichtlich Probleme, dachte sie noch, zog sich dann
an und verließ die Wohnung.
Jane weckte Luna, kurz bevor Herr Meinert heim
kam. Verwundert und verschlafen sah Luna sich um.
"Ist er schon da", fragte sie fast
ängstlich.
Jane warf einen Blick auf die Uhr. "In 10
Minuten. Sieh zu, dass du dich umziehst. Du hast noch Blut an deinem Hemd!"
Erschrocken sah Luna an sich herunter. Tatsächlich
war an ihrem Kragen ein brauner, hässlicher Blutfleck zu sehen. Mist, dachte
sie. Den hat die Putze bestimmt auch gesehen.
"Mach dich endlich fertig", sagte Jane
noch einmal und verschwand. Das Abendessen sollte fertig sein, wenn der Vater
kam. Und wegen so einem unwichtigen Grund wollte sie keinen Stress mit ihm.
Herr Meinert hatte ausgesprochen gute Laune.
Jane und Luna wechselten erstaunte Blicke. Vivian war glücklich darüber.
"Frau Müller hat mich angerufen und mir
mitgeteilt, dass alles besten geklappt hätte. Die Frau schwärmte ja richtig
von euch. Ich bin stolz auf euch", klärte der Mann seine Kinder auf.
Liebevoll strich er seiner
Jüngsten über den Kopf. Jane verstand die Welt
nicht mehr, doch durch dieses Lob, schloss auch sie Frau Müller ganz fest
in ihr Herz.
Luna allerdings wäre beinahe das Herz in die
Hose gerutscht, als der Onkel von Frau Müller anfing.
Panikartig hatte sie geglaubt, dass er von dem
beschmutzten Bett erfahren hatte. Niemand sah ihr an, wie erleichtert sie
dann war. Sie schämte sich furchtbar wegen diesen Unfalls und wagte nicht
auszudenken, was gewesen wäre, wenn es alle erfahren hätten.
"Was ist denn mit dem Bastard passiert?"
Herr Meinert sah aber nicht Luna an, sondern Jane.
Anscheinend war wieder die Phase angebrochen,
in der er mit seiner Stieftochter nur über eine 3. Person redete. Luna war
das mittlerweile so egal geworden, dass sie darauf nicht mehr reagierte.
"Luna hatte einen Unfall. Sie ist ausgerutscht."
Zaghaft sah Jane ihren Vater an, dann ihre Schwester.
Vivian hörte vor Schreck auf zu kauen. Bitte
keinen Streit, betete sie stumm. Auch ihre Augen wanderten zwischen dem Vater
und Luna. Sie wusste, dass er ganz schnell seine gute Laune verlieren und
ins Gegenteil umschlagen konnte.
"Selbst Schuld!" Herr Meinert dachte
gar nicht daran, böse zu sein. Er blickte noch einmal prüfend in Lunas Gesicht
und aß dann friedlich weiter. Er bemerkte nicht, dass alle erleichtert aufatmeten.
Die Anspannung verlor sich im Raum.
Dann passierte es doch noch. Kurz vor Ende des
Abendessens warf Vivian aus Versehen ihr Glas um. Ehe jemand reagieren konnte,
verpasste der Vater ihr eine kräftige Ohrfeige. Augenblicklich fing Vivian
an zu weinen und Luna war aufgesprungen. Die Wut war ihr deutlich ins Gesicht
geschrieben. Ihre Hände zitterten unkontrolliert.
"Sag ihr, die soll sich wieder setzen, sonst
ist sie die Nächste!" Wieder sah er nur Jane an. Luna fing einen flehenden,
beschwörenden Blick ihrer Schwester auf. Aber sie konnte sich nicht so einfach
wieder setzen. Alles in ihr sträubte sich dagegen. Sie glaubte schreien zu
müssen, brachte jedoch keinen Ton über ihre Lippen. Es herrschte Totenstille
und ohne ein weiteres Wort verließ sie die Küche.
"Du wartest gefälligst, bis alle fertig
sind", schrie Herr Meinert und hatte sogar vergessen, in der 3. Person
zu reden. Luna achtete nicht auf ihn und ging ins Kinderzimmer. Mit zwei Sätzen
war der Onkel auch schon hinter ihr und packte sie. Luna bekam keine Ohrfeige.
Sie bekam die ganze Faust. Genau auf die genähte Wunde, welche gleich wieder
aufplatzte. Blut lief ihr die Wange herunter und fassungslos erstarrte sie.
So brutal hatte er noch nie ins Gesicht geschlagen, weil das andere sehen
könnten.
"Schlag mich doch tot. Dann bist du mich
wenigsten los!" Luna sah ihn eiskalt an, während sie sprach. Sie war
jetzt auf alles gefasst.
Doch Herr Meinert zerbrach diesen Stolz, diese
letzte kleine Gegenwehr, indem er weit ausholte und zum zweiten Mal mit der
Faust zuschlug. Luna verlor das Gleichgewicht, taumelte gegen den Kleiderschrank.
Sank dann in sich zusammen, um sich so klein wie möglich zu machen. Nahm auch
endlich die Hände schützend vors Gesicht.
"Du willst, dass ich dich totschlage?"
Der Mann trat mit seinen derben Bundeswehrstiefeln auf sie ein.
Diesmal benutzte er nicht einmal den Gürtel.
"Den Gefallen tu ich dir noch lange nicht!"
Was Luna nicht sah, dafür aber Jane, die
heimlich aus der Küche lugte, Herr Meinert grinste über das ganze
Gesicht, während der weiter auf das wehrlose Mädchen eintrat. Schnell
schloss Jane die Augen. Sie wollte dieses grauenvolle Bild nicht sehen und
energisch schob sie Vivian zurück an den Tisch, die ebenfalls gucken
wollte. Stumm und ohnmächtig vor Angst, warteten sie, bis der Vater wieder
kam.
"Macht die Küche sauber und dann ab ins
Bett!" Der Vater hatte immer noch dieses Grinsen im Gesicht, als er zurück
kam. Er beendete sein Abendessen nicht. Er hatte sich anderweitig befriedigt.
Endlich waren sie allein. Stumm sahen sich die
Schwestern an und machten, was ihnen der Vater befohlen hatte. Am liebsten
wären sie sofort zu Luna gerannt, um nach ihr zu sehen. Doch das Risiko, ertappt
zu werden, trauten sie sich nicht einzugehen. Vivian ließ ein weiteres Glas
fallen, aber der Vater schien es nicht gehört zu haben und Jane räumte schnell
die Scherben weg.
Vor der Tür zum Kinderzimmer blieb Jane erst
kurz stehen. Sie wusste nicht, was sie erwartet und sie hatte Angst davor.
Luna hockte immer noch vor dem Kleiderschrank,
die Augen apathisch auf die gegenüberliegende Wand gerichtet. Blut sickerte
aus der Wunde, lief in kleinen Bächlein herunter und tropfte auf den Pullover.
Luna schien das nicht zu bemerken.
Jane gab Vivian leise zu verstehen, dass diese
ein feuchtes Tuch holen sollte. Dann beugte sie sich zu ihrer Schwester.
"He. Alles klar?" Sie bekam fürchterliche
Panik, weil Luna auf gar nichts reagierte. "Bitte Luna, sag was!"
Vivian kam zurück, mit dem feuchten Tuch. Sofort
nahm Jane es ihr ab und wollte das Blut entfernen.
Doch Luna hielt ihren Arm fest.
"Fass mich nicht an!" Sie sprach den
Satz leise, aber gefährlich.
"Du blutest aber! Wir müssen die Blutung
stoppen!" Hilflos sah Jane sich nach Vivian um, doch diese war über die
Reaktion von Luna genauso schockiert.
"Ich hab gesagt, du sollst mich nicht anfassen!"
Ein kurzes, gefährliches Aufblitzen in den Augen. Aber deutlich genug, dass
Jane verstand. Unbeholfen setzte diese sich auf ihr Bett. Sie wusste nicht,
wie sie helfen sollte.
"Bitte Luna, sag was!" Da Vivian wusste,
dass Luna ihr gegenüber fast nie böse wurde, probierte sie es ebenfalls, die
Schwester zur Vernunft zu bringen.
"Lasst mich doch endlich in Ruhe!"
Luna knurrte wie ein bissiger Hund. Vivian wich erschrocken vor ihr zurück.
Das war nicht ihre Schwester, die sich immer um sie gekümmert hatte und die
sie verteidigte, wo es nur ging.
"Komm, wir gehen uns waschen." Jane
stand auf. Sie wusste mit Lunas Verhalten nichts anzufangen. Sie konnte sich
einfach keinen Reim drauf machen.
"Was ist mit ihr?" Ängstlich sah Vivian
zu Jane, die gerade unter die Dusche gehen wollte.
"Ich hab keine Ahnung. So komisch war sie
noch nie!" Innerlich fragte Jane sich, ob Luna vielleicht auch das Grinsen
im Gesicht ihres Vaters, während er zutrat, gesehen hatte. Aber darüber wollte
sie mit Vivian nicht reden.
"Vielleicht ist ja auch gleich alles vorbei
und sie ist wieder ganz normal." Versuchte sie die kleine Schwester zu
trösten. Dann drehte sie die Wasserhähne voll auf und entging damit weiteren
Fragen.
Nachdem beide geduscht hatten, gingen sie ins
Zimmer zurück. Luna hatte die Zeit genutzt und sich ins Bett gelegt. Als die
Schwestern rein kamen, stellte sie sich schlafend.
Vivian sah immer wieder angstvoll in ihre Richtung,
doch Jane deutete ihr an, dass sie still sein sollte. Sie brauchte schon wieder
was zu trinken. Hastig trank sie direkt aus der Flasche und versteckte diese
dann sorgfältig. Man konnte nie wissen, was dem Vater als nächstes einfiel.
Doch als sie dann hörte, wie er zu Bett ging, gönnte sie sich einen weiteren
großen Schluck. Sie wartete auf den Nebel, der sie schützend umhüllte und
sie schlafen ließ. Ihre Schwestern schlummerten beide schon tief und fest.
Jane warf einen letzten sorgenvollen Blick in Richtung Luna, konnte aber in
der Dunkelheit nichts erkennen.
Weder Vivian noch Jane wurden wach, als Luna
aufstand und mitten in der Nacht das Bettlaken unters Bett stopfte. Sie hörten
auch nicht, das verzweifelte Schluchzen, weil Luna halbnackt, nur in Unterwäsche
bekleidet, auf ihrem Kopfkissen saß, ihre feuchte Matratze anstarrte
und sich immer wieder fragte, warum.
Am Morgen sprachen sie kein Wort miteinander.
Jeder machte sich still und leise für die Schule fertig, wobei Luna sich bemühte,
dass niemand ihrem Bett zu nahe kam. Genauso unauffällig nahm sie mehrere
Schmerztabletten, denn in ihrer Hüfte machten sich quälende, stechende Schmerzen
breit. Doch niemand sah ihr das an. Ihre Gefühle verbargen sie unter einer
erstarrten Maske. Sie sagte nichts. Sie lächelte nicht. Und sie sah niemanden
an.
Beim Frühstück blieb es ebenso totenstill. Herr
Meinert schien das nicht zu bemerken. Er sprach ebenfalls kein Wort.
Erst direkt vor der Schule, versuchte Jane es
erneut, die Schwester aus ihrer Erstarrung zu holen. Vivian war schon voraus
gegangen.
"Jetzt hör mir mal zu, Luna!" Jane
stellte sich vor sie, so, dass Luna keinen Schritt weiter gehen konnte.
"Ich glaube dir ja, dass du Schmerzen hast
und du schockiert bist! Aber hör endlich auf, dich in Schweigen zu hüllen
und uns anzusehen, als wären wir daran Schuld! Du hast dich doch mit ihm angelegt!
Nicht ich!"
Gefühllos schob Luna sie beiseite. Sie hatte
ihre Schwester nicht ein einziges Mal angeschaut. Aber Jane ließ sich nicht
so leicht abfertigen. Energisch packte sie Luna von hinten an der Schulter
und wollte sie hindern, weiterzugehen. Ehe sie sich versah, schlug Luna zu.
Mit der Faust. Verwundert und ungläubig sah Jane ihr nach und hielt sich das
Kinn.
"Du bist genau wie er! Du bist keinen Dreck
mehr wert", schrie sie dann endlich, als Luna gute 20 Meter entfernt
war. Diese drehte sich nicht um, hob aber den ausgestreckten Mittelfinger
in die Höhe, so das Jane ihn genau sehen konnte.
Keine von beiden bemerkte, dass sie von ihren
Gegnerinnen beobachtet wurden. Denen war nicht entgangen, dass die Schwestern
Streit miteinander hatten. Melanie strahlte übers ganze Gesicht.
Am meisten nahm die Geschichte Vivian mit. Sie
konnte sich nicht konzentrieren, bekam Magenkrämpfe und ihr wurde abwechselnd
heiß und kalt. Die Lehrerin kam besorgt an ihren Platz.
"Vivian bist du krank? Du siehst ja ganz
blass aus!"
Vivian nickte schüchtern. Es gefiel ihr nicht,
im Mittelpunkt zu stehen, denn alle Mitschüler sahen sie an.
"Du gehst jetzt runter in die 1. Etage.
Dort ist der Schularzt und von dem lässt du dich untersuchen."
Frau Dohlen half dem Mädchen aufzustehen und
brachte sie zur Tür. "Danach meldest du dich wieder bei mir. Einverstanden?"
Stumm verließ Vivian die Klasse. Sie war erleichtert,
dass sie aus dem stickigen Raum heraus kam. Langsam ging sie die Treppe herunter
und klopfte an der Tür des Arztes.
Es war nur ein sehr kleines Behandlungszimmer,
aber für eine Schule reichte es. So viele Notfälle hatte Dr. Thomas nun auch
wieder nicht. Ein wenig scheu sah Vivian sich um, dann den Arzt an.
"Na junge Dame? Haben wir ein Problem?"
Sie schilderte dem Arzt, warum sie zu ihm gekommen
war. Der Mann untersuchte sie gründlich, konnte aber nichts genaues finden.
Zum Schluss gab er ihr ein paar Tropfen für den Magen.
"Du gehst jetzt am besten heim und legst
dich ins Bett. Ist jemand da, der sich um dich kümmern kann?"
Vivian dachte an Frau Müller und nickte.
"Okay." Dr. Thomas nickte ebenfalls.
"Sag deiner Mutter, sie soll mich anrufen, wenn du angekommen bist."
Das Mädchen berichtigte diesen Irrtum nicht.
Sie ging zu ihrer Klasse zurück, gab Frau Dohlen die Unterrichtsbefreiung
und verließ dann die Schule. Mit keiner Silbe dachte sie daran, ihren Schwestern
Bescheid zu geben, damit diese wussten, wo sie war. Vivian freute sich nur
auf Margot.
Die Haushaltshilfe war mächtig erschrocken, als
die jüngste Tochter früher, als erwartet, heim kam.
"Was ist denn nur geschehen, mein Mädchen?"
Auch sie war sehr besorgt und ließ sich dann alles sehr genau erzählen.
"Ich koche dir einen heißen Tee und
du legst dich hin", sagte sie anschließend. "Heute mittag
geht es dir bestimmt schon besser." Sie brachte das Kind ins Zimmer und
deckte sie fürsorglich zu. Vivian war ihr unendlich
dankbar.
Während Frau Müller mit der Schule telefonierte,
sah Vivian sich im Zimmer um. Margot schien gerade aufzuräumen. Eimer und
Besen standen in der Ecke. Das Bett von Luna war vollständig abgezogen und
lag auf dem Boden. Verwundert fragte Vivian sich, warum sie nicht alle Betten
neu bezog, wenn sie schon mal dabei war, doch dann fiel ihr ein, dass sie
erst am letzten Wochenende die Bettwäsche gewechselt hatten.
Margot kam mit dem Tee und bemerkte den erstaunten
Blick auf das leere Bett. Aha, dachte sie sich. Offensichtlich wissen die
Geschwister nichts davon.
"Hier trink erst einmal deinen Tee!"
Sie reichte dem Mädchen die Tasse.
Gehorsam schluckte Vivian das heiße Getränk.
Sie fühlte sich schon viel besser, als in der Schule, mochte das aber nicht
zugeben. Es tat so gut, mal wieder verwöhnt zu werden. Dann sah sie zu, wie
Frau Müller weiter aufräumte.
"Warum wechselst du die Wäsche von Lunas
Bett?" Vivian musste diese Frage stellen, denn sie quälte sich schon
die ganze Zeit damit herum. Fand selber keine Antwort darauf. "Wir haben
doch erst vor drei Tagen gewechselt!"
Margot sah die Kleine ernsthaft an und überlegte,
was sie antworten sollte. Dann entschied sie sich für die Wahrheit und setzte
sich zu ihr.
"Deine Schwester hat ins Bett gemacht. Deswegen
muss ich es neu beziehen. Sicherlich will sie nicht, dass es jeder erfährt,
also behalte es bitte für dich."
"Oh mein Gott!" Vivian schlug die Hände
vors Gesicht. Sie konnte gar nicht glauben, dass dies ausgerechnet Luna passiert
war. Und wieder wurde sie an die Schwester erinnert, wo sie doch diese schrecklichen
Gedanken gerade erst los geworden war.
Das Mädchen sieht ja richtig hysterisch aus,
dachte Margot. Sie hatte Vivian genau beobachtet. Schnell nahm sie die Kleine
in ihre Arme.
"Ist doch nicht so schlimm!", versuchte
sie zu beruhigen. "Das kann doch jedem mal passieren."
"Wirst du es Vater erzählen", flüsterte
Vivian atemlos.
"Aber nicht doch. Dazu habe ich gar keinen
Grund." Die Haushaltshilfe sah, wie das Mädchen aufatmete.
Warum nur, fragte sie sich. Eigentlich wollte
sie noch wegen dem Blutfleck fragen, den sie auf dem Boden gesehen hatte.
Ließ es aber lieber nach dieser Reaktion. Sie wollte Vivian nicht noch mehr
beunruhigen. Vielleicht lag es ja auch daran, dass sie krank war.
"Du kannst mich mal!" Luna drehte sich
weg und ließ die völlig verzweifelte Jane einfach stehen. Diese hatte eben
den gesamten Schulhof nach Vivian abgesucht. Erfolglos. Jane konnte sich nicht
erklären, wo die kleine Schwester abgeblieben war und kam deshalb zu Luna.
Auch ohne Erfolg.
Was soll ich denn nur machen? Jane fühlte sich
ohne ihre Schwestern so hilflos, wie ein ausgesetztes Baby. Suchend schaute
sie sich um, konnte aber keinen der beiden entdecken. Sie kannte auch sonst
niemanden an dieser Schule. Man ging den Schwestern immer noch aus dem Weg,
aber man redete über sie.
Daran ist auch nur Luna schuld, dass keiner was
mit uns zu tun haben will, überlegte Jane. Wütend darüber, stampfte sie auf.
Mit gemischten Gefühlen, beobachtete sie wenig
später, wie sich eine ihrer Feindinnen und Luna begegneten. Jane hielt den
Atem an, doch es blieb erstaunlicherweise friedlich. Fast der gesamte Schulhof,
ließ die beiden Mädchen nicht aus den Augen. Die Aufsicht war in Alarmbereitschaft.
Sie würden eingreifen, sobald eine der Damen anfing zu streiten.
Luna und Sandra waren sich zufällig begegnet.
Sie sahen sich an und mussten Widerwillen lachen. Standen dann voreinander
und warteten ab.
"Du kämpfst gut!" Sandra brach als
erste das bedrohliche Schweigen.
"Danke." Luna blieb cool, war aber
innerlich total verwirrt über dieses unerwartete Kompliment.
"Lass uns Frieden schließen. Ich glaub das
bringt nichts, wenn wir uns gegenseitig bekämpfen", redete Sandra weiter,
weil Luna ruhig blieb.
"Meinetwegen."
Das Gespräch brach ab, da beide Mädchen wussten,
das alle angespannt warteten, das etwas passieren würde. Sie wollten auch
beide nicht, dass jeder über diesen Waffenstillstand Bescheid wusste. Stumm
trat Sandra einen Schritt zur Seite und sie trennten sich wieder. Die Lehrer
entspannten sich.
Was keiner bemerkte, war, beide Mädchen gingen
auf getrennten Weg zur Toilette. Dort trafen sie sich auch wieder. Schickten
die kleineren Mädchen, die sich dort aufhielten, heraus und waren zum ersten
Mal allein untereinander.
"Ich bin Sandra." Sie streckte ihr
die Hand entgegen.
"Ich weiß. Meinen Namen kennst du ja schon!"
Luna ließ sich nicht beirren. Noch wusste sie nicht, was sie davon halten
sollte. Sie nahm auch die Hand nicht an.
"Komm, ich meine es ernst." Sandra
bot ihr eine Zigarette an. "Was du gestern mit Melanies Freund gemacht
hast, reichte aus, um mich davon zu überzeugen, dass ich gegen dich nicht
ankomme!"
"Wie geht es ihm?" Nach drei Zügen
von der Zigarette, warf sie die angerauchte Kippe ins Klo.
"Zwei angebrochene Rippen. Nicht weiter
schlimm. Er ist ein Schlappschwanz! Große Schnauze und nichts dahinter!"
Luna musste bei dieser Antwort lächeln. Im Grunde
genommen hatte Sandra auch nur die große Schnauze. Das sagte sie ihr aber
nicht.
"Geht er zu den Bullen?"
Sandra lachte laut auf. "Dafür hat er selber
viel zu viel Dreck am Stecken. Da kann er sich gleich selber anzeigen!"
Gott sei Dank, dachte Luna. Das hätte mir gerade
noch gefehlt.
"Was ist mit deiner Schwester", unterbrach
Sandra ihre Gedanken.
"Was soll mit der sein?"
"Ich hab gesehen, wie ihr euch heute Morgen
gestritten habt. Du hast ihr einen guten Schlag versetzt. Und auch eben hast
du sie stehen lassen!"
"Manchmal nervt Jane gewaltig! Anders begreift
die das nicht!" Luna wollte nicht darüber reden. Zu ihrem Glück läutete
die Schulklingel.
Bevor sie sich trennten, fragte Sandra sie noch,
ob Luna Lust hätte, nach der Schule mit in die Stadt zu kommen. Luna nickte
fast unmerklich und ging dann.
Als sie sich an ihre Schulbank setzte, roch es
bedenklich nach Alkohol. Jane schien sich in der Pause mächtig was reingeschüttet
haben, doch heute verlor Luna kein Wort darüber. Sie ist alt genug, waren
ihre Gedanken. Jane muss wissen, was sie tut.
Sie redeten nicht miteinander. So schnell konnte
Jane auch nicht verzeihen. Aber sie litt darunter. Sie hoffte inständig, dass
sich bald alles wieder zum Guten wendet.
In der nächsten Pause packte Luna ihre Schulsachen
zusammen, obwohl sie noch drei Stunden Unterricht hatte. Völlig entgeistert
sah Jane ihr dabei zu.
"Das kannst du nicht machen! Wenn er das
erfährt, bist du reif", versuchte sie die Schwester zurückzuhalten.
Auch der Physiklehrer beobachtete das Mädchen.
"Fräulein Meinert? Könnten sie mir vielleicht
erklären, was sie vor haben?"
Luna war fertig mit Packen und sah auf. "Ich
gehe! Das sehen sie doch!"
Provozierend langsam ging sie Schritt für Schritt
zu Tür.
"Und warum? Wenn man fragen darf?"
Die restliche Klasse spürte, dass der Lehrer bei jedem Wort wütender wurde.
Gespannt verfolgten sie diesen Dialog.
"Ich wüsste nicht, was sie das angeht!"
Seelenruhig sah Luna ihn an und war schon an der Tür. Der Lehrer wollte sie
festhalten und griff nach ihr. Doch ehe er richtig zupacken konnte, reagierte
Luna. Bekam dessen Arm rechtzeitig zu fassen und hielt ihn fest umklammert.
Er konnte ihr nichts mehr tun.
Lange Sekunden standen sie so da. Sahen sich
dabei fest in die Augen. Das kurze Auflodern ihrer Aggressivität verschwand
wieder. Die Mitschüler, eingenommen Jane, hielten die Luft an und konnten
nicht glauben, was sie da sahen. Ein Mädchen, was sich mit dem Lehrer anlegte.
Endlich lockerte Luna ihre Finger. Ließ den Mann
los. Drehte sich weg und verließ den Raum. Völlig konfus starrte der Lehrer
ihr nach.
Die Klasse atmete auf. Keine Schlägerei. Nur
Jane konnte nicht aufatmen. Von dieser Auseinandersetzung würde ihr Vater
bestimmt erfahren und dann war bei ihnen zu Hause die Hölle los.
Jane erschrak. Der Physiklehrer war an ihre Bank
gekommen.
"Kannst du deine Schwester aufhalten?"
"Ich glaube nicht. Sie haben es ja gesehen."
"Dann richte ihr aus, das wird ein Nachspiel
haben!" Wütend ging er wieder zu seinem Lehrertisch. Er wollte mit dem
Unterricht beginnen. Es hatte schon längst geklingelt, nur hatte das keiner
mitbekommen.
Vor der Schule traf Luna erneut auf Sandra.
"Haben wir heut die gleichen Gedanken, oder
ist das Absicht", fragte Luna misstrauisch.
"Wenn du auch gerade die Schule schwänzt,
haben wir die gleichen Gedanken", gab Sandra zurück. "Also, was
machen wir? Einen Kaffee trinken?"
"Auf jeden Fall besser, als hier rum zu
stehen!" Luna lief los und Sandra kam mit.
Sie fanden schnell ein gemütliches Café und auch
zwei gute Plätze, von denen aus, sie alles überblicken konnten.
"Du traust mir nicht", stellte Sandra
nach einer Weile fest. Die Mädchen hatten sich vorher intensiv gemustert.
"Ich traue niemandem", antwortete Luna
kurz.
Der bestellte Kaffee wurde serviert. Neugierig
sah die Bedienung die beiden Mädchen an und ging wieder.
"Die Verletzung sieht ganz schön schlimm
aus." Sandra deutete auf Lunas Stirn. "An deiner Stelle würde ich
sie nähen lassen."
"Hab ich schon. Half auch nicht viel."
Mit der linken Hand angelte Luna nach ihren Zigaretten. Bekam sie nicht richtig
zu fassen und die Schachtel fiel zu Boden. Schnell wollte sie die Kippen aufheben,
stoppte jedoch mitten in dieser Bewegung. Das Stechen in ihrer Hüfte war wieder
da, schärfer als je zuvor. Luna fühlte sich, als hätte man ihr ein Messer
hinein gestoßen. Die Schmerzen nahmen ihr die Luft zum Atmen und sie verzog
das Gesicht. Langsam und vorsichtig richtete sie sich auf. Die Zigaretten
blieben auf der Erde.
"Was hast du?" Dem anderen Mädchen
war dies natürlich nicht entgangen. Sie hob für Luna die Schachtel auf und
legte diese vor ihr hin.
"Gar nichts!" Die Worte sollten schneidend
klingen, kamen jedoch sehr gequält aus ihrem Mund. Wenig später verwandelte
sich das Stechen in ein sanftes Pochen. Luna konnte sich erholen.
"Du kannst einem ja richtig Angst machen!"
Sandra wusste immer noch nicht, was da vor sich ging. Aber sie wurde ganz
stark an etwas erinnert, was sie selbst ab und zu erlebte. Sie wollte diesen
Verdacht abschütteln, schaffte es nicht. Ihre Augen wanderten über Lunas Körper,
als suchten sie einen Beweis.
Und sie fanden ihn: der Ärmel des Pullovers war
ein wenig in die Höhe gerutscht. Man konnte den Ansatz, eines schönen großen
blauen Fleckes sehen.
Nein, das darf nicht wahr sein. Hastig sah sie
in eine andere Richtung. Sie betete, dass sie sich irrte.
Luna trank schlürfend ihren Kaffee und schien
nicht zu bemerken, dass Sandra unruhig auf ihrem Platz hin und her rutschte.
"Komm mit. Ich will dir was zeigen",
sagte Sandra, als beide ihre Tassen leer hatten. Sie musste es wissen. Vorher
würde sie wahrscheinlich nicht mehr ruhig schlafen können.
Luna sah sie erstaunt an, aber Sandra bezahlte
schon. Dann verließen sie das Lokal.
"Was hast du vor?" Luna konnte kaum
mit ihr Schritt halten. Irgendwie spielte ihr Körper heute gar nicht mit.
Sandra blieb kurz stehen und sah sich nach ihr
um. Sie bemerkte, dass Luna leicht hinkte, was man jedoch nur unter genauerer
Betrachtung feststellen konnte. Geduldig lief sie etwas langsamer.
Die Mädchen kamen an ein altes verlassenes Fabrikgelände.
Der begrenzende Zaun hatte ein kleines Loch, durch das Sandra sich zwängte.
Luna folgte ihr. Erstaunt und neugierig.
Die Fabrikhallen lagen im Halbdunklen, doch Sandra
schien sich hier gut auszukennen. Sie ging ohne zu zögern weiter. An zwei
vergessenen Maschinen vorbei und an unheimlich vielen Pappkartons. Hinter
einem dieser Kartonstapel blieben sie stehen.
Verwirrt sah Luna sich um. Auf dem schmutzigen
Boden befanden sich alte Matratzen und Decken. Überall lag Müll herum.
"Na und", fragte sie und verlor langsam
die Geduld, weil das anscheinend alles war, was sie zu sehen bekam. Und das,
bei diesem elend langen Weg.
"Hier schlafe ich manchmal." Sandras
Stimme war ganz leise und traurig.
"Was geht mich das an", fragte Luna
schroff zurück. Sie hatte keine Lust, sensibel zu spielen.
"Ich meine nur", Sie kam nicht weiter.
Wusste nicht, wie sie anfangen sollte. "Wenn du mal Stress mit deinem
Vater hast, kannst du gerne hier her kommen."
"Und aus welchem Grund?" Langsam näherte
sich Luna den Matratzen und stieß mit dem Fuß dagegen. "Ich hab daheim
mein Bett!"
"Klar, hab ich auch! Aber wenn ich Stress
mit meinem Alten habe, dann komme ich lieber hier hin!"
"Du bist verrückt!"
"Nein! Ich will nur überleben!"
"Und warum bietest du mir das gleiche an?"
Sie weiß was, schoss Luna durch den Kopf. Aber das kann nicht sein? Sie hatte
es doch noch nie jemandem erzählt.
"Weil du genau so scheiße dran bist, wie
ich!" Sandra hatte ihr Selbstbewusstsein wieder. Aufrecht stand sie vor
Luna und sprach mit lauter, klarer Stimme.
"Woher willst du das wissen? Ich habe ein
sehr schöne zu Hause und ich bin überhaupt nicht scheiße dran!" Lunas
Stimme zitterte.
"Ach ja?" Sandra machte einen Schritt
auf sie zu. "Dein Vater liebt dich also über alles?"
Luna sah sich gehetzt nach allen Seiten um. "Du
redest über Sachen, von denen du nichts verstehst!"
Sie wollte sich weg drehen und gehen. Dieses
Thema wurde ihr einfach zu gefährlich. Worauf wollte Sandra nur raus?
"Einen Moment noch!" Sandra hielt sie
zurück. Langsam öffnete sie ihre Jacke, legte diese vorsichtig auf die Erde
und zog dann plötzlich ihren dicken Rollkragenpullover aus. "Ich verstehe
also nichts davon?"
Luna blickte sie an. Sandra hätte ihr Spiegelbild
sein können, denn auch ihr misshandelter Körper wies zahlreiche blaue Flecke
auf. Am Hals waren breite Würgemale zu sehen und Luna verwandelte sich in
eine Statue. Sie konnte sich nicht bewegen. Den Blick nicht abwenden. Nichts
mehr sagen.
Die Mädchen standen sich Ewigkeiten gegenüber.
Bis es Sandra zu kalt wurde und sie sich schweigend wieder anzog.
Als sie das Bild dann nicht mehr vor Augen hatte,
konnte auch Luna sich aus ihrer Erstarrung lösen. Sie rannte weg. Konnte nicht
anders reagieren, als zu fliehen.
Traurig setzte sich Sandra auf die Matratzen
und sah ihr nach. Sie wusste, dass man darüber nicht reden kann. Dass
man Zeit braucht, sich zu überwinden, es jemandem zu erzählen. Luna
war der zweite Mensch, der es von ihr wusste. Und Sandra würde die erste
bei Luna sein. Da war sie sich ganz sicher.
Luna rannte wie ein gehetztes Tier die Straßen
entlang. Sah sich immer wieder um, hoffte, dass Sandra ihr folgen würde und
hasste sie gleichzeitig abgrundtief. Wie konnte sie so etwas nur tun? Wie
kam sie dazu, Luna damit zu konfrontieren? Aber ihr war auch leichter ums
Herz. Sie wusste jetzt, dass sie nicht die Einzige ist, mit diesem Problem.
Wut und Hass kamen in Luna hoch. Unaufhaltsam. Sie merkte nicht einmal, dass
sie sich wieder der Schule näherte. Die Augen blind vor Tränen, doch in ihr,
das aggressive Tier.
Wer gibt eigentlich den Erwachsenen das Recht,
so mit ihren Kindern umzugehen, dachte sie, die Hände zu Fäusten geballt.
Wäre ihr jetzt ein Mann entgegengekommen, sie hätte nicht gewusst was passiert
wäre.
"Luna bitte hör auf! Beruhige dich! Es ist
doch alles gut."
Eine bekannte Stimme, holte sie aus ihrem Zorn.
Luna hatte nicht gemerkt, dass sie an der Schulmauer stehen geblieben war,
sich daran anlehnte und immer wieder mit dem Hinterkopf dagegen schlug.
Benommen sah sie sich um. Jane stand vor ihr.
Hielt Lunas Kopf fest und streichelte ihn beruhigend. Um ihnen herum standen
Schüler aus tieferen Klassen, die sie teils neugierig, teils ängstlich ansahen.
"Komm, es wird alles wieder gut. Ich bringe
dich nach Hause!" Jane führte sie behutsam weg, damit Luna sich nicht
noch mehr blamierte. Sie wusste, dass sich die Schwester jederzeit in ein
Tier verwandeln und auf sie losgehen konnte. Das musste nicht unbedingt vor
der Schule stattfinden. Jane wusste auch, dass Luna nur so reagierte, wenn
sie mehr als wütend war. Irgendwas musste sie schrecklich aufgeregt haben,
doch Jane traute sich nicht, danach zu fragen.
Frau Müller sah den Mädchen sofort an, dass was
passiert war, als sie nach Hause kamen. Aber sie wollte nicht sofort fragen,
sondern deckte erst den Mittagstisch. Luna kam gar nicht erst in die Küche,
sondern verschwand sofort in ihrem Zimmer. Margot ignorierte den leeren Platz,
aber die beiden Mädchen, die beobachtete sie genau. Ihr entging nicht, dass
Vivian immer wieder fragend zu Jane sah. Und diese tat so, als würde sie es
gar nicht bemerken.
Was ist nur los mit den Kindern, fragte sie sich.
Vivian, die eben noch wie ein Wasserfall geplappert hatte, war jetzt ganz
still und machte sich so klein, wie nur möglich. Jane war unruhig, nervös
und hektisch. Ich muss versuchen mit einer der Großen zu reden, überlegte
Frau Müller. Am besten versuche ich es mit Luna.
"Ich habe beim Einkaufen die Milch vergessen",
flunkerte sie die beiden am Tisch an. "Könntet ihr mir nach dem Essen
noch welche holen?"
Vivian nickte freudestrahlend. Jane murmelte
nur ein undeutliches: "Von mir aus."
Direkt nach dem Essen versorgte Margot sie mit
Geld und schickte sie los. Sie wusste, dass es nicht lange dauern würde
und ging sofort zu dem anderen Mädchen, als sich die Wohnungstür
hinter Vivian schloss.
Luna saß auf einem Stuhl, den Kopf auf den Tisch
gelegt. Sie sah nicht auf, als sich die Zimmertür öffnete.
"Können wir uns beide unterhalten",
fragte die Haushaltshilfe, denn Luna reagierte auch nach einer Minute noch
nicht.
"Ich wüsste nicht worüber! Außerdem haben
sie in diesem Raum nichts zu suchen!" Endlich hob Luna den Kopf. Margot
sah auf den ersten Blick, dass sie geweint hatte.
"Vielleicht kann ich dir bei deinen Problemen
helfen?" Sie blieb freundlich und gelassen, trotz dieser schroffen Abweisung.
"Ich habe gesagt, sie haben in diesem Raum
nichts verloren!" Luna stand auf. Aus ihren Augen funkelte Hass.
"Ich räume hier schließlich auf." Unbeirrt
blieb Margot stehen.
"Das gehört nicht zu ihren Aufgaben!"
"Möchtest du dich mit mir unterhalten, oder
soll ich mit deinem Vater darüber reden?" Sie warf einen Blick zum Bett,
damit Luna sie auch genau verstand. Dadurch bekam sie nicht mit, dass sich
deren Miene versteinerte, als sie den Vater erwähnte.
"Es tut mir leid", sagte Luna letztendlich.
Sie hatte rasend schnell nachgedacht, wie sie aus dieser Sache wieder raus
kam. Ihr Onkel durfte auf keinen Fall erfahren, dass sie nachts zum Baby wurde.
Dann hätte er ja noch mehr Gründe, sie zu bestrafen.
Die Frau winkte sie zu sich und beide setzte
sich auf das frisch bezogene Bett. "Hast du vielleicht Probleme, die
du nicht mit deinem Vater besprechen kannst, sondern lieber mit einer Frau?
Liebeskummer?"
Liebeskummer, dachte Luna verächtlich. Es wäre
so schön, wenn sie nur Liebeskummer hätte. Dabei traute sie sich nicht einmal
in die Nähe eines Jungen. Wie sollte sie ihm denn erklären, dass er sie nicht
anfassen durfte?
"Ich weiß auch nicht, wie das passiert",
sagte sie dann, ohne auf die vorherige Frage einzugehen. "Nachts werde
ich wach und dann ist mein Bett nass. Ich kann nichts dafür."
Frau Müller wollte tröstend den Arm um sie legen,
ließ es aber bleiben, weil Luna schon vorher weg zuckte.
"Werden sie es meinem Onkel sagen?"
"Wieso deinem Onkel?" Margot sah sie
an und verstand nicht.
"Hat er ihnen das nicht erzählt? Er ist
nicht mein Vater. Ich bin adoptiert."
"Jetzt verstehe ich." Ihr fiel ein,
dass ihr schon beim ersten Gespräch mit Herrn Meinert aufgefallen war, dass
er Luna nicht mochte. Dann war das eventuell der Grund dafür, dass das Mädchen
so reagierte und nachts ins Bett machte.
"Ich werde niemandem davon erzählen",
versprach sie ihr. "Und irgend etwas wird mir einfallen, wie ich dir
dabei helfen kann. Wir werden schon was finden!" Sie stand auf und ging
zur Tür. "Möchtest du jetzt was essen?" Margot Müller war wieder
ganz die gute Seele. Nur sah sie nicht die echten Probleme der Kinder.
Sie konnte sie auch nicht sehen, weil sie gar
nicht wusste, dass es so was gab. Schließlich kannte sie Herrn Meinert persönlich.
In ihren Augen war er ein korrekter Mann und ein guter Vater.
"Jetzt sag schon! Es ist doch was passiert!
Hat Luna sich schon wieder geprügelt?"
Vivian und Jane waren auf dem Heimweg vom Supermarkt.
Jane war eigentlich ganz gut zufrieden, denn sie hatte es mal wieder geschafft,
unbemerkt eine Flasche mitgehen zu lassen. Nur die Fragerei der kleinen Schwester,
ging ihr auf die Nerven.
"Lass mich damit in Ruhe! Wo hast du eigentlich
heute Morgen gesteckt? Ich hab den ganzen Schulhof nach dir abgesucht!"
"Mir ist schlecht geworden. Die Lehrerin
hat mich heim geschickt." Vivian war stehen geblieben, die Arme stemmte
sie in die Hüfte. "Warum behandelte ihr mich jedes mal, wenn was los
war, wie ein Kleinkind?"
"Na und? Sei doch froh, dass du überall
raus gehalten wirst! Dich packt der Alte ja auch nicht an!" Jane war
ebenfalls stehen geblieben. "Aber ich glaube kaum, dass du noch lange
unter Lunas Schutz stehst! Langsam, aber sicher, dreht das Mädchen durch!"
Erschrocken riss Vivian die Augen auf und starrte
Jane an. "Wie kommst du darauf?"
"Weil sie heute einfach die letzten Stunden
geschwänzt hat. Als ich dann Unterrichtsschluss hatte und aus der Schule kam,
stand sie draußen an der Mauer und schlug mit dem eigenen Kopf dagegen. Das
ist doch nicht normal, oder kannst du das verstehen?"
Vivian schüttelte den Kopf. "Hat sie wieder
diese Tabletten genommen?"
"Ich nehm´s mal an. Sonst hätte sie sich
bestimmt nicht so aufgeführt!"
"Es gibt noch was anderes über Luna."
Vivian hatte lange nachgedacht, ob sie es Jane erzählen sollte. Doch nachdem
sie diese Geschichte gehört hatte, entschied sie sich dafür.
"Was denn", fragte Jane, wieder gereizt.
Sie wollte endlich nach Hause.
"Luna hat heut Nacht ins Bett gemacht!"
Sie liefen wieder nebeneinander und Vivian erzählte ihr alles, was an diesem
Morgen geschehen war.
"Wir müssen dringend was ändern", entschied
Jane anschließend. "Wenn das so weiter geht, landet Luna wirklich noch
im Nachbarbett ihrer Mutter! Und kein Wort zu Margot! Verstanden? Diese Frau
darf nichts, aber absolut gar nichts, darüber erfahren! Wir kümmern uns selber
darum!"
Hand in Hand liefen sie heim.
Der restliche Nachmittag verlief ruhig und ohne
weitere Komplikationen. Die Mädchen redeten nicht miteinander. Sie schlichen
durch die Wohnung, wie gefangene Tiere. Jane und Luna sahen sich nicht einmal
an. Nur Vivians Augen wanderten immer wieder zu Luna. Sie musste sich noch
nie große Sorgen um ihre Cousine machen, aber diesmal war die Lage ernst.
Vivian betete, dass Luna sich auch weiterhin um sie kümmerte. Angst machte
sich in ihr breit. Was sollte sie nur ohne Luna machen? Was ist, wenn sie
einmal mit ins Wohnzimmer musste und Luna sich dann nicht dazwischen stellt?
Luna dachte ähnlich. Sie betete zu Gott, auch
wenn sie schon längst nicht mehr an ihn glaubte, dass der Onkel sie heute
abend in Ruhe ließ. Diesmal würde sie zusammenbrechen und das war das Schlimmste,
was ihr passieren konnte.
Als dann Herr Meinert kam, waren alle drei nur
noch schwache Nervenbündel. Sie mussten sich zwingen, ebenfalls freundlich,
- Guten Abend - zu wünschen, aber der Vater merkte nichts. Zur allgemeinen
Verwunderung, hatte er wieder gute Laune. Die Mädchen hielten das für ein
gutes Ohmen.
Das Abendessen klappte ausgezeichnet. Kein Glas
fiel um. Niemand fing Streit an. Man hätte glauben können, dass kein Mensch
zu Hause war.
Gleich nach dem Essen, verzog sich Herr Meinert
ins Schlafzimmer. Jane und Vivian flüchteten ebenfalls, bevor doch noch etwas
passierte. Luna räumte freiwillig und allein die Küche auf. Jane hatte dafür
nur ein verwundertes Kopfschütteln übrig.
Doch Luna wollte absichtlich allein sein. Sie
brauchte ihre Tabletten. Dringend, denn ihre Hüfte bestand nur noch aus Schmerz.
Es hatte sie schon übermenschliche Kraft gekostet, am Tisch still zu sitzen.
Wenn ihr Onkel bemerkt hätte, dass ihr alles weh tat, wäre garantiert eine
Bemerkung von ihm gekommen. Luna wäre wütend geworden und schon gäbe es wieder
Prügel.
Sie nahm sich ein Glas Wasser und holte die Pillen
aus der Hosentasche. Nachdenklich betrachtete sie die verbliebenen 4 Stück.
Die reichen nie, die ganze Nacht. Vielleicht mit Alkohol, aber dazu müsste
sie Jane fragen.
Alle Pillen wanderten in Lunas Mund. Den bitteren
Geschmack spülte sie mit dem Wasser weg. Das Warten auf die Wirkung begann.
"Luna bitte nicht!" Unbemerkt war Vivian
noch einmal in die Küche gekommen. Still und leise war sie in der Tür stehen
geblieben und hatte der Schwester zugeschaut. In ihren Augen bildeten sich
Tränen, während sie erst Luna ansah und dann die leere Folie.
Luna steckte diese schnell weg. "Verschwinde!"
Sie ging drei Schritte auf die Schwester zu, packte sie an den Armen und schüttelte
sie derb. "Du hast nichts gesehen! Raus jetzt!"
Bevor Vivian noch etwas sagen konnte, wurde sie
unsanft aus der Tür geschoben und fand sich im dunklen Korridor wieder. Beschämt
wischte sie sich die Tränen ab und ging wieder ins Kinderzimmer. Gegenüber
Jane, verlor sie kein Wort darüber. In ihrem Kopf herrschte absolutes Chaos
und sie musste erst einmal in Ruhe nachdenken.
Luna kam wenig später, ganz normal, ebenfalls
ins Zimmer. Sagte kein Wort, zog sich die Schlafsachen an und lachte plötzlich.
"Was ist?" Jane hatte sie die ganze
Zeit beobachtet und wurde bei diesem Lächeln misstrauisch.
"Vivi hat übermorgen Geburtstag!"
"Ich weiß. Sie wird 13."
Die großen Mädchen blickten die kleine Schwester
an. Vivian erschrak. Sie hatte ihren Geburtstag völlig vergessen. Durch den
Umzug, die neue Schule und das ständige Theater mit Luna, hatte sie nicht
mehr daran gedacht und sie konnte sich auch nicht mehr darauf freuen.
"Vergiss deinen Geburtstag", sagte
Jane überraschend. Sie starrte Vivian an, als käme diese vom Mond. "An
deiner Stelle würde ich mich nicht freuen!"
"Tu ich ja auch gar nicht", antwortete
Vivian kläglich.
Bei Luna machte es Klick. Einen Tag nach Janes
13. Geburtstag, lernte diese ihren Vater genauer kennen. Jane spielte darauf
an.
"So ein Quatsch!" Luna sah sie böse
an. "Ich war erst 12, als ich das 1. Mal dran war! Das hat doch nichts
mit dem Alter zu tun! Außerdem hat er es ja schon bei ihr versucht!"
Sie ging zu Vivian hin und sah sie liebevoll an. "Ich werde schon auf
dich aufpassen! Glaube mir! Du wirst einen schönen Geburtstag haben!"
Vivian verstand gar nichts mehr. Luna war wieder
ganz wie früher. Vor zehn Minuten noch, hatte sie Vivian brutal vor die Küchentür
gesetzt und jetzt versprach sie ihr Schutz vor dem Vater. Was sollte sie denn
noch glauben?
"Ich will gar keinen Geburtstag feiern!"
Dabei sah sie die Schwestern nicht an. "Ich will meine Ruhe!" Sie
zog sich die Bettdecke bis zum Hals und schloss demonstrativ die Augen.
"Madame schlägt ganz nach dir! Wir bekommen
eine zweite launische Ludmilla!" Jane konnte sich diese Bemerkung nicht
verkneifen.
"Ach verpiss dich!" Aufgebracht drehte
Luna sich nach Jane um. Sie wollte eigentlich noch was hinzufügen, ließ es
jedoch bleiben, weil die Schwester eine Flasche in der Hand hielt. Und auf
diese war sie scharf.
"Gibst du mir nen Schluck ab", fragte
sie, statt einer weiteren Beleidigung.
Wortlos gab Jane ihr die Flasche. Die süße Wolke
der Benommenheit hüllte sie schon ein und sie achtete nicht auf Lunas erste
Worte.
Luna setzte im Stehen die Flasche an und trank.
Vivian hatte die Augen wieder geöffnet und sah ihr zu.
Wie ein Alkoholiker, dachte sie. Und dann fiel
ihr die Szene in der Küche ein. Die leere Tablettenschachtel.
"Nimm sie ihr weg, Jane", rief sie
hysterisch der Schwester zu. "Die hat Tabletten genommen! Bestimmt ne
halbe Packung!"
Mit einem Sprung war Jane bei Luna und riss ihr
die Flasche vom Mund weg. Luna, die Vivian gar nicht verstanden hatte, sah
sie verwundert an. "Spinnst du jetzt?"
Doch Jane ging zu Lunas Hosen, die über einem
Stuhl hingen, suchte in den Taschen und fand die leere Folie. Sie hatte gewusst,
dass Luna sie nicht einfach in den Müll werfen würde. Das wäre zu gefährlich.
"Du spinnst", gab Jane ihr zur Antwort
und warf ihr nachdrucksvoll die leere Packung zu. Packte sich ihre Flasche,
verschloss diese und nahm sie sogar mit ins Bett. Luna sollte keine Gelegenheit
bekommen, doch diese war viel zu überrascht, um überhaupt zu reagieren. Außerdem
reichte ihr das, was sie trinken konnte. Sie spürte schon die wohlige Wärme
in sich aufsteigen. Luna lächelte noch einmal kurz und ging dann ebenfalls
ins Bett.
Am Morgen war Vivian schon wieder krank. Dünn
und blass lag sie unter ihrer Decke.
"Stell dich nicht so an und steh auf",
fuhr Luna sie an. Es passte ihr überhaupt nicht, dass Vivian zu Hause bleiben
wollte. Dann wäre sie viele lange Stunden mit Margot allein. Und wer wusste
schon, was das Mädchen so alles ausplauderte.
"Sie hat hohes Fieber", entgegnete
Jane, nachdem sie Vivians Stirn befühlt hatte. "Es ist vielleicht wirklich
besser, wenn sie daheim bleibt." Unsicher sah sie die Schwester an.
"Und wenn sie quatscht?"
"Wird sie nicht."
"Dann frag deinen Vater. Der muss so und
so, letzten Endes entscheiden."
Jane musste nicht zu ihrem Vater gehen, denn
der kam schon zur Tür herein.
"Was ist hier los", brüllte er aufbrausend.
"Wieso liegst du noch im Bett?" Er versetzte seiner Nichte einen
Stoß, die dann gegen den Kleiderschrank stolperte und stellte sich vor Vivians
Bett.
"Sie hat Fieber", antwortete Jane vorsichtig
an Vivians Stelle. Sie hoffte, dass der Vater nicht schon am frühen Morgen
ausrastete.
Doch dieser veränderte sich ganz plötzlich. Besorgt
und prüfend legte auch er die Hand auf die Stirn seiner jüngsten Tochter.
"Du darfst zu Hause bleiben", meinte
er anschließend. "Frau Müller wird sich um dich kümmern. Ich rufe sie
gleich an!" Behutsam deckte er Vivian richtig zu und verließ das Kinderzimmer.
Alle drei Mädchen sahen ihm nach und konnten es kaum glauben.
"Wunder gibt es immer wieder", flüsterte
Luna und durchbrach damit als erste das Schweigen.
"Hoffentlich hält das eine Weile an."
Jane war sich nicht ganz sicher, was sie davon halten sollte. "Wir sollen
uns auch besser beeilen, sonst schlägt seine Laune gleich wieder um!"
Jane und Luna machten sich hastig für die Schule
fertig, während Vivian beruhigt die Augen schloss. Doch Luna kam noch einmal
an ihr Bett.
"Hör mir zu, Vivi!" Sie sprach ernst,
damit Vivian auch verstand, dass es sehr wichtig war. "Egal was Frau
Müller dich fragt. Wenn es unsere Familienangelegenheiten betrifft, antwortest
du nicht! Wir sind eine glückliche Familie! Hast du das verstanden?"
Vivian nickte nur schwach. Sie wusste schon lange,
was sie erzählen durfte, und was nicht. Schließlich lebte sie nicht er seit
einer Woche in dieser Familie. Und sie wusste auch, dass es den beiden Mädchen
sehr wichtig war, dass kein Wort über die Brutalität des Vaters, nach draußen
gelangte. Vivian hatte das bis zum heutigen Tag beachtet und würde das auch
weiterhin tun.
"Hoffentlich fragt Frau Müller nicht so
viel. Ich glaube nicht, dass Vivi stark genug ist." Die Mädchen befanden
sich auf dem Schulweg. Luna machte sich immer noch Sorgen um die jüngere Schwester.
"Wieso glaubst du immer, dass Vivi diejenige
sein wird?" Aufgebracht und gereizt sah Jane sie an. "Vielleicht
bin ich es ja? Oder du?"
"Wie kommst du auf mich?" Luna war
schon wieder kurz vorm explodieren. Ihre Schwester erkannte zwar den warnenden
Unterton, ignorierte ihn jedoch.
"Weil du am meisten abkriegst! Weil du jetzt
schon, so fertig bist, dass es auffällt!"
"Deine ewige Sauferei fällt auch auf!"
Feindselig blickten sie sich an. Dann liefen
sie mehrere Meter schweigend nebeneinander, bis Jane auf einmal stehen blieb.
"Wir sind beide total bescheuert! Ständig
streiten wir uns über dieses Thema. Wir sollten lieber zusammenhalten."
Jane betrachtete ihre Stiefschwester und dachte kurz nach. "Wir müssen
uns gegenseitig helfen. Dann schaffen wir die kommenden Jahre auch noch!"
"Klar doch! Wir machen uns gegenseitig Mut",
bemerkte Luna sarkastisch. "Und wenn er sich dann eine von uns krallt,
ist die andere doch nur froh, dass sie es nicht ist!"
"Du siehst aber auch alles schwarz!"
Den Tränen nahe, lief Jane weiter. Es war einfach sinnlos, darüber zu reden.
"Natürlich sehe ich das so!" Aufgeregt
kam Luna ihr nach. "Oder kannst du mir sagen, was ich an diesem beschissenen
Leben positiv sehen soll? Aber...," Sie brach ab und blieb erneut stehen.
Inzwischen waren sie an der Schule angelangt.
"Was hast du?" Janes Blick folgen Lunas
Augen. Sie konnte aber nur Sandra entdecken, die lässig an der Mauer lehnte.
"Bitte nicht", flüsterte Luna zu sich
selber.
Ihre Schwester verstand nun gar nichts mehr.
"Was ist denn los", fragte sie erneut, weil Luna wie erstarrt da
stand und sich nicht rührte. "Hast du neuerdings Angst vor dieser blöden
Ziege? Gestern habt ihr euch doch noch ganz nett unterhalten?"
"Ach lass mich damit in Ruhe! Ich will nur
keinen Streit heute!" Ohne einen weiteren Blick, ging sie geradewegs
durch das gegenüberliegende Schultor.
Jane blickte Sandra an, die überhaupt nicht
reagierte und konnte sich keinen Reim darauf machen. So vernünftig, keinen
Streit anzufangen und ihm aus dem Weg zu gehen, war Luna nicht. Eilig ging
Jane ihr nach.
Luna war todmüde und konnte die Augen nicht mehr
offen halten. Sie hatte fast die ganze Nacht wachgelegen, aus Angst, schon
wieder ins Bett zu machen. Zweimal war sie zur Toilette gegangen und konnte
erst die letzten drei Stunden ruhig schlafen.
Jetzt hatte sie die Arme auf den Tisch verschränkt
und lag mit dem Kopf darauf. Die Augen geschlossen, jedoch nicht lange. Durch
einen unsanften Stoß in die Seite, setzte sie sich schnell wieder aufrecht.
"Der hat dich was gefragt", flüsterte
Jane ihr zu.
Im gleichen Moment stand der Lehrer auch schon
an ihrer Bank.
"Haben wir gut geschlafen, Fräulein Meinert?"
Falsch lächelnd und betont ironisch, sah er Luna an. Diese brauchte einige
Sekunden, bis sie wieder richtig wach war.
"Sehr gut", antwortete sie schließlich.
Nun drehten sich auch die restlichen Schüler
nach den beiden um. Nach der Sensation gestern, mit dem Physiklehrer, wollte
keiner, sich die heutige entgehen lassen.
"Was glaubst du eigentlich, wo du bist!
Auf einer Ferienreise?"
"Wäre doch nicht schlecht. Oder?" Luna
blieb ruhig und gelassen. Lässig lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zurück. Der
Lehrer wollte einen Kampf? Den sollte er kriegen!
"Aufstehen", brüllte dieser und wartete.
"Wozu? Was sie mir zu sagen haben, können
sie auch, während ich sitze!"
Bei dieser Frechheit blieb dem Mann die Sprache
weg. Kein Schüler durfte sich so etwas bei ihm erlauben und es hatte auch
noch keiner gewagt.
Janes Hand legte sich, unter dem Tisch, beschwörend
auf Lunas Beine. Luna konnte spüren, dass sie zitterte und was die Schwester
damit ausdrücken wollte.
Dann hatte sich der Lehrer wieder gefangen.
"Das hat ein Nachspiel!" Langsam ging
er zu seinem Lehrertisch. Es sah aus, wie ein Rückzug, doch er drehte sich
noch einmal zur letzten Bank um.
"Du wirst dich in der Pause beim Direktor
einfinden! An deiner Stelle würde ich auch dort erscheinen!"
Anschließend machte er mit seinem Unterricht
weiter.
"Fuck", flüsterte Jane. "Dass
du aber auch nie deine Schnauze halten kannst!"
"Na und?"
"Bleibe doch einfach mal friedlich! Wieso
musst du dich mit jedem Lehrer gleich anlegen, wenn er was von dir will?"
"Weil ich meine Ruhe haben will!"
"Dadurch bekommst du sie bestimmt!"
"Ach leck mich", kam es von Luna, wie
immer in ihrer reizenden Art. Sie hatte keinen Bock, jetzt darüber zu diskutieren.
Sie war immer noch müde, blieb aber dennoch aufrecht sitzen und legte sich
nicht mehr auf die Bank.
Die Pause kam schneller, als ihr lieb war. Ein
Gespräch mit dem Direktor, behagte ihr nicht, ließ sich aber nichts anmerken.
Hocherhobenen Kopfes verließ sie, zusammen mit dem Lehrer, den Klassenraum.
Luna lächelte sogar siegessicher und allein Jane wusste, dass das nur ein
Schauspiel war.
"Du bleibst hier sitzen, bis ich dich rufe!"
Luna musste sich mal wieder auf einen der Stühle
setzen, die vor dem Büro des Direktors standen. Ihr Lehrer wollte Herrn Klause
erst einmal alles von seiner Seite aus berichten. Sie hatte zu warten und
durfte mit Sicherheit nichts dazu sagen. Wenige Minuten später, wurde sie
gerufen.
"Setz dich", sagte Herr Klause, ohne
Begrüßung. Wie ein Tiger im Käfig, lief er unruhig ein paar Schritte hin und
her.
"Welche Schau willst du hier eigentlich
abziehen? An deinem ersten Tag in unserer Schule prügelst du dich. Gestern
hast du ohne Erlaubnis die Schule verlassen. Und heute weigerst du dich, am
Unterricht teilzunehmen! Von der Sache mit deinem Physiklehrer will ich noch
gar nicht anfangen!"
Weiß er das auch schon, dachte Luna, die konzentriert
ihre Hände betrachtete.
"So kann das nicht weiter gehen, Mädchen!"
Der Lehrer hielt es für notwendig, auch was dazu zu sagen.
"Du musst lernen sich unterzuordnen. Anders
funktioniert das nicht im Leben. Mit Prügeleien und einem großen Mund kommt
man nicht weit!"
Von beiden Seiten redeten sie auf Luna ein, die
nur hin und wieder nickte. Den Quatsch mit den Prügeleien könnten die mal
meinem Onkel erzählen, dachte sie innerlich. Vielleicht versteht der es ja.
Zum Schluss sagte sie zu allem ja und amen und durfte gehen. Diesmal hatte
sie noch Glück gehabt. Eine Strafe bekam sie nicht und auch keine Mitteilung
ans Elternhaus.
Herr Klause sah nachdenklich seine Sekretärin
an, nachdem Luna gegangen war.
"Was halten sie davon", fragte er sie.
Die Sekretärin hatte die ganze Zeit schweigend
zugehört und sich ihr eigenes Bild gemacht.
"Das Mädchen ist sehr rücksichtslos. Vielleicht
hat sie ja Probleme, die sie anders nicht verarbeiten kann? Eventuell hat
sie Komplexe, weil sie adoptiert wurden ist?" Die Frau hörte kurz auf
und überlegte.
"Ich finde, wir sollten beim nächsten Vorfall
einen Schulpsychologen hinzuziehen. Die können mit so einem Verhalten, eher
etwas anfangen."
Luna wollte den Vorraum des Büros verlassen.
Sie hatte natürlich gelauscht und jedes Wort der Sekretärin verstanden. Schulpsychologe,
dass ich nicht lache, dachte Luna verächtlich und riss wütend die Tür auf.
Um ein Haar hätte sie Sandra umgerissen, die ebenfalls zum Direktor musste.
"Mein Gott, dich müssen die da drinnen ja
ganz schön bearbeitet haben. So wütend, wie du hier raus gestürmt kommst.
Hoffentlich haben die bei mir bessere Laune." Sandra tat so, als wäre
zwischen ihnen nie was gewesen.
"Ach die können mich alle mal", fauchte
Luna lautstark. Durch Sandras Erscheinen verbesserte sich ihre Laune keinesfalls.
Doch dann besann sie sich.
"Wollen wir abhauen? Ich hab keinen Bock
auf Schule!"
Sandra dachte nach und lächelte schließlich.
"Okay. Eigentlich müsste ich ja da rein, aber wen interessiert´s? Theater
mit meinem Alten kriege ich so und so."
Die Mädchen verließen schleunigst das Gebäude.
Ihre Schultaschen ließen sie, wo sie waren. Die wollten sie erst zu Unterrichtsschluss
abholen.
In ein Café gingen sie diesmal nicht. Keine der
beiden besaß Geld und so zogen sie sich in Sandras Lagerhalle zurück.
Erst saßen sie schweigend auf den Matratzen.
Jede überlegte, was sie erzählen konnte. Ihr einzig, gemeinsames Problem,
wollten sie vermeiden. Bis Luna ihre Zigaretten heraus holte.
"Warte mal! Ich hab was besseres!"
Vorsichtig begann Sandra in ihrer Jacke zu suchen und holte schließlich eine
dicke, tütenähnliche Zigarette hervor.
"Was ist das?" Luna konnte sich zwar
schon denken, um was es sich hier handelte, wollte es aber genauer wissen.
"Ein Joint", bekam sie zur Antwort,
als wäre das, das selbstverständlichste von der Welt. Es schien auch völlig
selbstverständlich zu sein, dass zwei Mädchen in einer verlassenen Lagerhalle
saßen, die Schule schwänzten und Haschisch rauchten. Doch darüber dachten
sie nicht nach.
"Hast du schon mal probiert?" Sandra
spürte, dass Luna damit noch keine Erfahrungen hatte. Diese schüttelte auch
verneinend den Kopf.
"Ist völlig cool. Du wirst ein bisschen
high und vergisst deine Sorgen. Alles easy!" Den brennenden Joint in
der Hand haltend, versuchte sie Luna zu überzeugen. Dann reichte sie ihn weiter
und Luna griff ohne zu zögern zu. Schlimmer als Alkohol und Tabletten kann
es nicht werden, hatte sie sich überlegt.
Tatsächlich stellte sich bei ihr, wenig später,
eine beruhigende Wirkung ein. Es wurde ihr sogar gleichgültig, wenn sie an
heute abend und den Onkel dachte. Alles schien auf einmal so banal.
"Wie bist du gestern drauf gekommen, dass
es mir genauso geht, wie dir?" Luna hatte vergessen, dass sie nicht darüber
reden wollte. Sie merkte nicht einmal, dass sie es gerade zugab.
Sandra betrachtet lange Lunas Gesicht, bevor
sie anfing zu reden.
"Weiß nicht. Du kamst mir eigentlich sofort
vertraut vor, als wir uns auf der Toilette begegnet sind. Du reagierst genau
wie ich. Man darf dir nicht zu nahe kommen und man darf dich erst recht nicht
anfassen. Und dann gestern mit deinen Zigaretten. Du konntest sie einfach
nicht aufheben, obwohl es doch nur eine einfache Bewegung war. Ich konnte
förmlich in deinem Gesicht lesen, was du dabei dachtest. Außerdem hast du
verdammt viele blaue Flecke und die konnten nicht alle von unserer Schlägerei
stammen!"
"Das beweist alles noch gar nichts",
unterbrach Luna sie aufbrausend.
"Weiß ich! Aber in diesem Thema bin ich
Insider. Du brauchst jetzt nicht zu denken, dass es dir jeder ansieht. Nur
solche wie wir können dann eins und eins zusammenzählen. Außenstehende würden
nie drauf kommen, dass dein Vater dich schlägt. Und wenn, dann verschließen
sie die Augen und wollen davon nichts wissen!"
"Hast du es schon mal jemandem erzählt?"
Luna hatte aufmerksam zugehört beruhigte sich auch bei den letzten Sätzen.
"In einer anderen Schule hatte ich mal ne
sehr gute Freundin, der habe ich es gesagt. Die ist dann sofort zu einem Erwachsenen
gerannt und erzählte es dem. Zwei Tage später wusste es die halbe Schule und
ich wurde von Dutzenden Lehrern befragt. Erst habe ich alles abgestritten,
doch irgendwann bin ich schwach geworden und gab es zu. Danach wurden meine
Eltern aufgesucht, die aber vorher Wind bekommen haben. Jedenfalls herrschte
bei uns eitel Sonnenschein, als das Jugendamt auftauchte. Meine Alten spielten
besorgte Eltern und stritten natürlich alles ab. Mich hatten sie vorher so
eingeschüchtert, dass ich glatt alles machte, was die sagten. Ich hab dann
meine Geschichte widerrufen und behauptet, ich hätte gelogen, um meine Eltern
zu ärgern. Zwei Wochen später sind wir dann umgezogen und ich kam an diese
Schule. Du siehst also, es lohnt sich nicht, sich Erwachsenen anzuvertrauen."
"Aber du hast es mir erzählt", entgegnete
Luna.
"Jane aber nur, weil ich mir bei dir ganz
sicher sein kann, dass du die Schnauze hältst. Es wäre ein wenig blöd, wenn
wir uns gegenseitig verraten."
"Haben deine Eltern dich sehr bestraft,
als die von Jugendamt wieder weg waren?" Luna konnte sich sehr gut vorstellen,
wie ihr Onkel darauf reagieren würde.
"Was denkst du denn? Mein Alter griff zum
Staubsaugerrohr und meine Mutter hielt mich fest, damit ich mich nicht wehren
konnte."
"Hast du denn noch Geschwister?" Jetzt,
wo sie einmal beim Thema waren, konnten beide Mädchen auch darüber sprechen.
Es tat gut zu wissen, dass man einen Verbündeten hatte, der ähnliches erlebte.
"Ich bin ein Einzelkind und leider auch
kein Wunschkind." Der Joint war zu Ende und Sandra drückte ihn auf dem
Steinfußboden aus.
"Das geht ja noch. Ich bin von dem Schwein
adoptiert und freiwillig bei ihm eingezogen!"
"Du bist gar nicht seine richtige Tochter?"
"Nein. Er ist mein Onkel. Seine Frau war
die Schwester meiner Mutter."
"Und Jane und Vivi? Sind sie deine Cousinen?"
Sandra konnte kaum glauben, was sie da hörte.
Luna nickte und sah weg. "Jane und ich,
wir machen uns gegenseitig fertig und streiten uns nur noch. Aber abends zittern
wir gemeinsam und beten, dass er uns in Ruhe lässt, oder die anderen dran
nimmt!"
"Wie bitte?" Sandra sah sie erstaunt
an. "Ich dachte, es betrifft nur dich?"
"War am Anfang auch so, außerdem war ich
es gewohnt. Meine leiblichen Eltern waren auch nicht viel besser. Doch nach
dem Tod meiner Tante Marie, ging er auch auf Jane los. Nur Vivi lässt er in
Ruhe. Das hab ich ihm beigebracht!"
"Verfluchte Scheiße", entfuhr es Sandra.
Dann waren sie still. Traurig dachten beide über ihr Leben nach und sahen
jede in eine andere Richtung. Erst mal musste man, das eben gehörte verarbeiten
und dazu brauchte man Zeit.
"Was ist mit deinen richtigen Eltern passiert?"
Nach einer ganzen Weile durchbrach Sandra die Stille.
"Meine Mutter ist in der Klapsmühle, mein
Vater im Knast. Beide waren Alkoholiker und haben uns Kinder völlig vernachlässigt."
"Du hast noch mehr Geschwister", brach
es aus Sandra heraus.
Luna musst erst Kraft sammeln, bevor sie antwortete.
Das Haschisch machte sie irgendwie schwach und verletzlich.
"Ich hatte noch einen jüngeren Bruder. Er
ist gestorben, an Unterernährung. War gerade mal zwei Jahre alt." Luna
blickte traurig weg.
Hilflos legte Sandra den Arm um sie. Sie war
den Tränen nahe, konnte sich aber gerade noch beherrschen. Vorsichtig streichelte
sie Luna und half ihr damit mehr, als mit tausend Worten.
"Ich hätte das gestern nie geschafft",
sagte Luna plötzlich.
"Was?"
"Na mich so einfach auszuziehen, vor einer
Fremden!"
"Da ist doch nichts weiter dabei. Wir sind
doch Leidensgenossinnen!"
"Trotzdem!"
"Ach jetzt stell dich nicht so an! Komm,
zeig es mir! Kein Mensch wird davon erfahren."
Zögerlich fing Luna an, die Jacke zu öffnen.
Es kostete sie Schritt für Schritt Überwindung, doch Sandra ließ ihr die Zeit
und drängelte nicht weiter. Am Ende stand sie mit nacktem Oberkörper vor ihr.
Es herrschte Totenstille. Luna traute sich nicht,
sich einfach umzudrehen und auch ihren Rücken zu zeigen, denn der sah wesentlich
schlimmer aus, als ihre Brust.
"Jesus Maria", flüsterte Sandra und
schlug das Kreuzzeichen, obwohl auch sie nicht daran glaubte. "So ein
Schwein! Wie macht er das?"
Sie war langsam um Luna herum gegangen und betrachtete
den Rücken. Hastig zog Luna sich wieder an, denn es war empfindlich kalt in
der Fabrikhalle.
"Bundeswehrstiefel, falls dir das was sagt.
Mit eingebauter Stahlkappe und den Rest erledigt er mit dem Gürtel."
Luna ließ sich wieder auf die Matratzen fallen. Sie war froh, dass sie es
geschafft hatte und, dass es vorbei war. Nun war sie erleichtert. "Ich
hab aber auch schon schlimmer ausgesehen."
"Du meinst, er tritt einfach so auf dich
ein?"
"Sobald er mich überwältigt hat und ich
am Boden liege. Sich wehren ist sinnlos. Dann mache ich ihn noch wütender."
Einträchtig saßen die Mädchen wieder nebeneinander.
Sie hatten sich das Schlimmste aus ihrem Leben offenbart und waren nun beide
zu schockiert, um weiter darüber zu reden. Nach einer halben Stunde Schweigen,
stand Luna auf.
"Lass uns zur Schule zurück gehen. Lange
halte ich die Kälte nicht mehr aus und außerdem habe ich eh gleich Schluss."
Gemeinsam machten sie sich auf den Rückweg. Unterwegs
schwiegen sie wieder beide.
Sie schafften es pünktlich zu Unterrichtsschluss.
Jane kam gerade durch das Schultor, mit beiden Schultaschen. Zur gleichen
Zeit entdeckte auch diese Luna und kam geradewegs auf sie zu.
"Du hast sie ja wohl nicht mehr alle",
begann sie, ohne Sandra wahrzunehmen. "Ich sterbe fast vor Angst, was
die mit dir anstellen und dann werde ich plötzlich gefragt, wo du steckst!
Du kannst dich auf was gefasst machen. Diesmal hast
du es wirklich auf die Spitze getrieben. Vater haben sie schon angerufen!"
"Na und?" Luna wollte sich vor Sandra
nicht anmerken lassen, dass sie jetzt doch Panik bekam. Außerdem brauchte
Jane nicht wissen, dass Sandra informiert war.
"Was hast du gemacht?" Jane war die
roten Augen der beiden Mädchen nicht entgangen. "Bist du nun völlig abgedreht?"
"Ach halt deine Schnauze! Du bist nicht
meine Mutter. Können wir jetzt gehen?" Gereizt und aufgebracht durch
die Bevormundung ihre Schwester marschierte Luna los. Sie und Sandra hatten
sich durch ein Augenzwinkern verabschiedet.
Die Schwestern sprachen wieder kein Wort miteinander
und sahen sich auch nicht an. Jane war sauer, weil Luna plötzlich mit Sandra
befreundet war und sie die Außenseiterin wurde. Das nahm sie ihrer Schwester
wirklich sehr übel.
Vivian ging es schon wieder besser. Dank Margots
Fürsorge war das Fieber gesunken, doch das Mädchen musste dennoch im Bett
bleiben.
Auf dem Küchentisch lag ein Brief. Er war an
Luna gerichtet und die sah auf den ersten Blick, von wem er kam. Mit nervösen
Bewegungen griff sie nach ihm und steckte ihn ungeöffnet ein. In ihrem Kopf
schlugen die Gedanken Purzelbäume, doch das sah man ihr nicht an.
Frau Müller ignorierte das merkwürdige Verhalten
beider Mädchen. Sie wusste aus Erfahrung, dass junge Damen in diesem Alter,
ganz besonders zickig und launisch sein konnten. Deshalb dachte sie sich nichts
dabei.
"Geht in euer Zimmer und macht Hausaufgaben",
sagte sie nach dem Mittagessen und hoffte, dass die Mädchen auf andere Gedanken
kamen.
"Passt dir irgendwas nicht, Jane?"
Luna hatte es satt, dass die Schwester im Zimmer umherschlich, sie immer wieder
musterte, aber kein Wort mit ihr redete.
Vivian verkroch sich in ihrem Bett. Sie wollte
gar nicht wissen, was nun schon wieder los war. Außerdem hielten es die Schwestern
so und so nicht für nötig, die Kleinste aufzuklären.
"Ja mir passt nicht, dass du die Schule
schwänzt und mit diese Schlampe durch die Gegend ziehst!" Jane sprach
nicht, sie brüllte. So laut, dass man es wahrscheinlich noch im Nachbarhaus
hören konnte. Auch Margot kam ins Zimmer gestürzt. Wachsam blickte sie die
großen Mädchen an und ihr Blick blieb bei Luna hängen.
"Du hast die Schule geschwänzt, Luna?"
Sie hätte das besser lassen sollen, denn Lunas
Geduld platzte.
"Was geht sie das an", fauchte sie,
wie eine wildgewordene Tigerin. Ihre Augen waren schmal vor Wut. An irgendwas
musste sie sich abreagieren, doch vor Margot konnte sie schlecht auf Jane
losgehen. Mit aller Kraft trat sie gegen den Schreibtisch, der krachend umfiel.
Sämtliche Schulsachen verteilten sich auf dem Boden.
"Jetzt beruhige dich doch Mädchen",
sagte Margot, ohne auf Lunas patzige Antwort einzugehen. "Wir können
doch über alles reden!"
"Wir reden hier über gar nichts! Und schon
gar nicht mit ihnen. Sie haben in dieser Familie nichts verloren!" Luna
keuchte vor Anstrengung.
"Ludmilla!" Vivian hatte sich in ihrem
Bett aufgerichtet und sah sie bittend an. Ihre Stimme klang leise und zart,
aber auch das konnte Luna nicht mehr aufhalten.
"Ach ja? Ihr beiden freut euch also über
diese scheinheilige Ersatzoma!" Sie sah beide Schwestern an. "Die
will doch hier nur spionieren. Glaubt ja nicht, dass ihre Freundlichkeit ernst
gemeint ist!" Eigentlich wollte Luna noch viel mehr hinzufügen, doch
sie fand nicht die passenden Worte.
"Ach verpisst euch", sagte sie, eine
Tonlage ruhiger, verließ das Kinderzimmer und riegelte sich im Bad ein.
Drei fassungslose Menschen sahen ihr nach.
"Nimm ihr das bitte nicht übel", bat
Vivian vom Bett aus.
Margot warf einen fragenden Blick zu Jane, die
ebenfalls nickte.
"Luna hat das nicht ernst gemeint. Manchmal
rastet sie eben aus. Weißt du, sie hatte ne schwere Kindheit und musste viel
durchmachen. Deswegen kriegt sie ab und zu ihren Koller!"
"Könnte das was mit dem Brief zu tun haben",
fragte Margot unsicher. Sie erholte sich nur langsam von Lunas Ausbruch. Schließlich
war sie nicht mehr die Jüngste.
"Welchen Brief?" Jane hatte ihn nicht
gesehen.
"Ein Brief aus dem Gefängnis. Ist das vielleicht
ihr Vater?"
"Oh mein Gott", entfuhr es Vivian und
sah ungläubig zu ihrer Schwester.
"Ja ihr Vater. Die haben damals Lunas Bruder
verhungern lassen. Deswegen sitzt er. Aber frage Luna besser nicht danach.
Da ist sie unheimlich empfindlich."
Frau Müller beschloss, die Sache noch einmal
zu vergessen. Anscheinend war das Mädchen schlimmer dran, als sie bis jetzt
geglaubt hatte. Wer konnte ihr da übel nehmen, dass ab und zu mal die Sicherungen
durchbrannten?
Lunas Nerven lagen blank. Sie wusste nicht, was
schlimmer war. Die Angst davor, wenn ihr Onkel heim kam und sie bestrafte,
oder die Angst vor dem Brief. Sie hatte noch niemals Post von ihm erhalten.
Was war, wenn er schrieb, dass er demnächst entlassen wird. Was sollte sie
tun, wenn er sie besuchen wollte, oder sie wieder mit ihm zusammen leben musste?
(Das Mädchen wusste nicht, dass ihren Eltern
das Sorgerecht für immer entzogen wurde.)
Ihr Vater würde bestimmt nicht sehr freundlich
sein, denn Luna hatte damals vor Gericht gegen ihn ausgesagt. Sie war die
beste Zeugin gewesen und durch sie wurde er auch bestraft.
Lunas Hände zitterten, als sie den Briefumschlag
öffnete. Sie zerriss fast den Bogen Papier. Die halblangen Haare hingen ihr
wirr ins Gesicht. Schweiß glänzte auf der Stirn. Ihre Füße schlugen unkontrolliert
gegen die Duschkabine. Die Schrift des Vaters verschwamm vor ihren Augen.
Sie musste sich anstrengen, die wenigen Zeile zu entziffern.
Kraftlos ließ sie den Brief am Ende fallen. Es
war nun endgültig. Er wurde entlassen. Lunas Vater bekam bald seinen ersten
Freigang und er fragte an, ob er sie besuchen dürfte. Selbstverständlich nur
mit Erlaubnis des Schwagers.
In einem Anfall von Wahnsinn, trampelte Luna
auf dem Brief herum. Als das nichts half, zerriss sie ihn in tausend Stücke.
Zum Schluss war das ganze Badezimmer mit Konfetti übersät.
"Lass mich in ruhe, du elendes Schwein",
schrie sie die kleinen Papierfetzen an. Sie brach zusammen. Ihre Beine verloren
die Kraft und sackten unter ihr weg. Luna wollte sich noch irgendwo festhalten,
griff in den Spiegel und zog ihn mit sich herunter. In einem Meer von Papier
und Spiegelscherben schlug sie auf den Fliesen auf und blieb liegen.
"Luna mach verdammt noch mal die Tür auf!"
Aufgeschreckt durch den Lärm, trommelten Jane und Frau Müller an der Tür zum
Badezimmer.
Langsam kam Jane zur Besinnung und richtete sich
auf. Benommen sah sie sich um. Ihre Hand blutete, sie spürte aber keine Schmerzen.
Nur in Bruchstücken kam die Erinnerung.
"Du sollst die Tür aufmachen", ertönte
es wiederholt vom Flur.
Vorsichtig, um sich nicht noch mehr zu verletzen,
stand Luna auf. Dann entriegelte sie die Tür. Jane fiel ihr augenblicklich
um den Hals.
"Bitte Luna, ich habe das doch alles gar
nicht so gemeint!" Sie heulte vor Verzweiflung. "Du darfst dir doch
nichts antun!"
Frau Müller trennte die Schwester voneinander.
Luna verstand nicht, was mit Jane los war. Ungläubig zuckte sie mit den Schultern.
"Was ist passiert", fragte Margot und
sah auf den übersäten Fußboden. "Hast du dir weh getan?"
Sie griff nach der blutenden Hand und führte
beide Mädchen aus dem Raum. In der Küche hielt sie Lunas Arm unter den Wasserhahn.
Es waren nur kleine Schnittwunden. Nichts ernsthaftes, worüber man sich Sorgen
machen musste. Trotzdem wickelte sie ein frisches Küchentuch darum.
"Was hast du gemacht?" Da Luna immer
noch nicht antwortete, fragte Margot ein zweites Mal nach.
"Wolltest du dich umbringen?" Jane
hatte noch Tränen in den Augen. Die Angst stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben.
"So ein Schwachsinn!" Endlich hatte
Luna ihre Gefühle und Gedanken unter Kontrolle. "Mir wurde schwarz vor
Augen. Mehr weiß ich nicht!"
"Und was ist mit dem Brief?" Der Schwester
waren die vielen Papierschnitzel nicht entgangen.
Sofort veränderte sich Luna. Sie machte sich
vollkommen steif. Nur ihre Augen huschten suchend durch die Küche, als könnten
sie die Antwort finden.
Margot Müller sah, dass Jane die Schwester an
etwas sehr unangenehmes erinnerte. Sie wollte zwar selber sehr gerne wissen,
was Lunas Vater geschrieben hatte, denn offensichtlich war das der Auslöser
für deren Zusammenbruch. Doch sie wollte nicht neugierig sein und damit Luna
neue Munition liefern. Immerhin hatte diese ja schon behauptet, sie würde
spionieren.
"Du brauchst nicht sagen, was in dem Brief
stand", holte sie das Mädchen aus der Verlegenheit. "Geht in euer
Zimmer! Ich räume das Bad auf."
"Das kann ich selber! Dafür werden sie nicht
bezahlt!" Herausfordernd sah Luna die Haushaltshilfe an und zerstörte
damit jeglichen Frieden.
"Dann tu es auch", antwortete Margot
und drückte ihr Schaufel und Besen in die Hand. Nahm dann ihre Jacke, wünschte
auf Wiedersehen und ging nach Hause.
"Was hast du gegen Margot? Sie hat dir doch
wirklich nichts getan?"
Jane war ihrer Schwester gefolgt und sah nun
zu, wie sie die Scherben zusammenfegte.
"Sie stört", brummte Luna.
"Das stimmt doch gar nicht. Sie hilft uns,
wo sie kann! Und du hast nichts besseres zu tun, als sie anzuschnauzen!"
"Quatsch mich nicht mit diesem Scheiß voll!"
"Aber denk doch mal an Vivi. Wer hätte sich
denn heute um sie gekümmert? Immerhin ist das Fieber gesunken, dank Margot."
Jane ließ nicht locker.
"Weist du, was dann gewesen wäre? Vivi wäre
ganz normal zur Schule gegangen und hätte sich nicht wie ein Weichei in ihr
Bett verzogen, um sich bemuttern zu lassen! Wir brauchen keine Mutter!"
Mit Karacho feuerte Luna die Kehrschaufel auf den Boden. Die Scherben verteilten
sich wieder.
Jane sah sie verständnislos an. "Du vielleicht
nicht! Aber wir!"
Ohne einen weiteren Kommentar, drehte sie sich
weg.
Vivian weinte, als Jane zurück ins Zimmer kam.
Sie hatte jedes Wort verstanden und war nun restlos von Luna enttäuscht. Wo
war nur die Schwester geblieben, die sie seit einigen Jahren kannte und liebte?
"Es ist gut, Vivi. Es ist alles in Ordnung
mit ihr. Luna hat sich nichts antun wollen", versuchte Jane sie zu beruhigen.
"Gar nichts ist in Ordnung! Sie hasst Margot.
Sie hasst dich! Und mich auch! Sie macht alles kaputt! Warum hat sie sich
so verändert?"
"Wenn ich das wüsste!" Jane wühlte
suchend in ihrer Schultasche. Fand die Flasche und trank den letzten kleinen
Schluck in einem Zug aus. Zufrieden wischte sie sich über die Lippen. Das
hatte sie jetzt gebraucht.
"Es wird so und so bald alles auffliegen",
sagte sie dann und setzte sich zu der kleinen Schwester. "Ich hab gehört,
dass Luna demnächst zu einem Psychologen muss, weil sie ständig negativ auffällt."
"Und dann?" Atemlos hatte Vivian zugehört.
"Keine Ahnung. Wenn sie redet und alles
raus kommt, werden sie Vater bestrafen und wir wandern ins Kinderheim. Aber
das wird ihr sicherlich nichts ausmachen, denn in einem Heim kennt sie sich
ja bestens aus."
Jane spielte darauf an, dass Luna alle Antworten
verweigerte, wenn man sie nach ihrer Zeit im Kinderheim fragte.
"Habt ihr nichts besseres zu tun, als über
mich zu quatschen?" Zur gleichen Zeit kam Luna ins Zimmer und sah misstrauisch
die, nebeneinander sitzenden, Schwestern an. Die aufgerissenen, angstvollen
Augen, die Vivian auf sie richtete, entgingen ihr.
"Wir reden gar nicht über dich!"
"Ach nein? Worüber dann?"
"Über unsere Zukunft. Und über unsere Vergangenheit!
Wie es gewesen wäre, wenn du hier nie aufgetaucht wärst! Vielleicht würde
es uns jetzt besser gehen!"
Luna lachte darauf laut und überreizt auf. "Ihr
glücklichen", bemerkte sie sarkastisch. "Dann würdest du nämlich
die Nummer 1 bei deinem Vater sein und nicht ich! Und unsere Kleinste hier,
wäre ebenfalls dran!"
Bei dem Gedanken daran, schloss Vivian verunsichert
die Augen. Doch dann sammelte sie sich wieder.
"Hört auf! Es hat keinen Sinn, darüber zu
diskutieren, was wäre wenn! Es ist nun mal so und wir müssen uns damit abfinden!"
Sie stand auf und ging zu Luna hin. "Du wirst uns doch nicht verraten,
oder?"
"Wieso das denn?"
"Na wenn dich der Arzt ausfragt, wirst du
doch nichts erzählen. Ich will nichts ins Heim!"
"Was redest du eigentlich?" Luna packte
sie fest an den Armen und sah sie verständnislos an.
"Ich hab heute gehört, wie sich die Lehrer
über dich unterhalten haben. Du sollst von einem Psychologen untersucht werden,
weil du dich nie an die Regeln hältst. Entschuldigung, aber ich hatte noch
nicht die Gelegenheit, dir das zu erzählen." Jane stellte sich zu ihr
und befreite erst einmal Vivian aus Lunas harten Griff. Stumm musterten sich
die Mädchen. Luna dachte nach.
"Das ist doch Unsinn", stellte sie
fest. "Die kriegen kein Wort aus mir heraus! Oder denkt ihr, ich habe
Lust, noch einmal in so ein beschissenes Kinderheim zu gehen?"
"Na dann ist ja alles gut!" Jane glaubte
ihr zwar nicht, wollte aber verhindern, dass Luna erneut explodierte. "Wenn
du dich in Zukunft etwas friedlicher verhältst, wird das auch kein Thema sein."
Keine der Mädchen hörte, wie die Wohnungstür
aufging und der Vater, früher als gewohnt, heim kam. Sie bemerkten ihn erst,
als er ins Kinderzimmer stürmte und Vivian leise aufschrie.
"Was ist mit dem Spiegel passiert",
brüllte er, ohne Begrüßung und sah seine Töchter an.
"Das ist mir passiert", flüsterte Vivian
zaghaft. Sie bemerkten nicht, dass der Vater von dem Spiegel noch gar nichts
wissen konnte.
"Schön gemacht, mein Mädchen", antwortet
Herr Meinert ruhig, wurde aber sofort wieder wütend. "Aber damit kannst
du der ihren Arsch auch nicht retten! Ich weiß nämlich alles! Frau Müller
hat mich angerufen! Außerdem mal wieder die Schule und ich habe die Schnauze
voll, von dem Bastard!"
Er packte Luna am Hals und zog sie zu sich ran.
"Man hat mir einiges über dich verlogenes Miststück erzählt!" Er
spuckte ihr beim Reden ins Gesicht, doch sie wagte nicht, es abzuwenden. Anschließend
ließ er sie los und ging zur Tür.
"Mitkommen", bellte er, ohne sich umzudrehen.
"Scheiße", flüsterte Luna.
Der Mann hörte es dennoch und packte sie erneut.
"Halt deine verfluchte Fresse! In meinem Haus hast du gar nichts zu melden!
Bastard!" Er zerrte sie hinter sich her. Die Wohnzimmertür schlug zu.
Jane stürzte zu Vivian. Nahm sie tröstend in
die Arme und beide verkrochen sich unter der Bettdecke. Sie wollten nichts
hören, nichts sehen. Sie wollten am liebsten gar nicht existieren.
Zwei Stunden später war Luna immer noch nicht
zurück. Trotzdem bereiteten Vivian und Jane das Abendessen vor. Ängstlich
lauschten sie, aber aus dem Wohnzimmer kamen keine Geräusche mehr.
"Ich habe wahnsinnige Angst" wisperte
Vivian.
"Sei still bitte", antwortete die Schwester.
Sie war nur darauf bedacht, keinen Lärm zu machen, damit ihr nichts entging.
Dann kam der Vater in die Küche. Ohne Luna. Vergnügt
pfiff er ein Lied vor sich hin. Jane war perplex. Wie konnte dieser Mensch
nur so beschwingt sein, nachdem er gerade seine Stieftochter verprügelt hatte?
Doch was Jane mehr interessierte, wo war Luna?
Sie wagte nicht, danach zu fragen. Still und vorsichtig stellte sie die letzten
Sachen auf den Tisch, an dem der Vater schon saß und wartete. Auch Vivian
nahm leise ihren Platz ein, sah niemanden an und kaute Ewigkeiten auf einem
Stück Brot.
"Bist du wieder gesund, mein Kind",
fragte der Vater und sah sie besorgt an. Diese nickte nur und Herr Meinert
war zufrieden.
"Macht euch keine Sorgen", meinte er
und wechselte das Thema. "Was haltet ihr davon, wenn wir heute abend
gemeinsam fernsehen? Es kommt ein toller Spielfilm." Er strich Vivian
über den Kopf und merkte nicht, dass diese weg zuckte. Jane nickte zustimmend.
Was war denn los? Woher kam diese unverhoffte Freundlichkeit?
"Ihr braucht die Küche heut nicht aufzuräumen.
Das kann Frau Müller morgen machen!"
Völlig überspannt folgten die Mädchen ihm ins
Wohnzimmer. Drinnen sahen sie sich verstohlen um, doch von Luna war nichts
zu sehen.
"Wo ist Luna?" Vivian konnte nicht
an sich halten. Jane sah sie nur warnend an.
"Die ist weg. Mach euch um den Bastard keine
Gedanken?" Der Vater setzte sich in seinen Fernsehsessel und schaltete
alle Sender durch, bis er fand, was er suchte.
Die Mädchen nahmen eng nebeneinander auf
dem Sofa Platz, doch Jane konnte sich auf das Programm nicht konzentrieren.
Ihre Augen suchten im Zimmer nach einem Anhaltspunkt. Sie fanden nichts. Rein
gar nichts, deutete darauf hin, dass Luna hier gewesen war. Was ist geschehen,
während die Schwestern sich im Bett verkrochen hatten?
"Jane, was geht hier vor?" Vivian war
zu ihr ins Bett gekrochen. Sie empfand nichts, als bodenlose Angst.
Die Schwester starrte Lunas leere Bett n. "Ich
brauche was zu trinken", sagte sie nur teilnahmslos.
"Ich könnte zum Kühlschrank schleichen und
ein Bier klauen. Vater ist im Bett."
Eine Schwester, die jetzt die Nerven verlor und
anfing zu zittern, konnte Vivian beim besten Willen nicht gebrauchen. Eine
Minute später, drückte sie ihr die Flasche in die Hand.
"Danke", murmelte diese nur.
Vivian sah nun endgültig ein, dass es keinen
Sinn machte, mit Jane zu reden. Dennoch blieb sie in deren Bett und schlief
dort auch ein.
In der Nacht wachte sie schreiend auf. Vivian
hatte geträumt, dass Luna im Stadtpark gefunden wurde. Tot. Wach wurde sie
aber erst, als Polizisten sie befragten, was sie darüber wusste.
"Pst. Du hast nur geträumt!" Jane deckte
die kleine Schwester wieder zu.
"Ich hab geträumt, Luna wäre tot",
erklärte sie mit erstickter Stimme. "Ist sie wieder da?"
"Nein. Aber schlafe jetzt weiter!"
Dass Jane selber nicht schlafen konnte, verriet sie ihr nicht. In Janes Armen,
schlief Vivian auch tatsächlich wieder ein.
Am Morgen sah Jane auch dementsprechend aus.
Ihr ging es dreckig. Das Frühstück erbrach sie wieder im Klo.
Vivian schlich wie ein todkrankes Tier durch
die Räume. Sie sprach nicht, antwortete nicht.
Herr Meinert ignorierte das Verhalten seiner
Kinder. Es kam ihm nicht in den Sinn, dass dies irgendwas mit ihm zu tun haben
könnte. Gut aufgelegt und zufrieden ging er zur Arbeit.
"Was sagen wir in der Schule, wo Luna ist?"
Jetzt, wo sie allein waren, brach Vivian ihr Schweigen.
"Er hat mir einen Brief für die Lehrer mitgegeben."
"Mach ihn auf", forderte Vivian.
"Das darf ich nicht!"
"Und wenn was drin steht, wo Luna ist?"
Das half. Eifrig holte Jane den Brief wieder
hervor. Ohne zu zögern öffnete sie ihn. Den Zettel wollte sie anschließend
in einen neuen Umschlag stecken.
"Das Schwein hat geschrieben, dass Luna
ins Krankenhaus musste!" Zitternd gab sie den Brief an Vivian weiter.
"Und wenn das stimmt?"
"Glaub' ich nicht. Er hat die Wohnung nicht
verlassen. Außerdem müsste er dort erklären, woher Luna die Verletzungen hat.
Dann könnte er sich auch gleich selber anzeigen!" Sie packte den Zettel
wieder ordnungsgemäß ein. Sie mussten sich beeilen.
"Der Kellerschlüssel ist weg", stellte
Vivian fest, als sie die Wohnung verlassen wollten. Wie gebannt starrten beide
Mädchen auf das leere Schlüsselbrett.
"Ob das was mit Luna zu tun hat?",
wisperte Vivian.
"Na bestimmt! Warum sollte er sonst so plötzlich
die Kellerschlüssel einstecken?" Jane riss Vivian einfach mit. Laut knallte
die Tür ins Schloss und wie vom Blitz getroffen, rannten beide Mädchen die
Treppe runter.
Sie kamen nicht weit. Schon der Vorraum zu Keller
wurde ihnen von einer dicken Feuerschutztür aus Eisen versperrt. Und dazu
fehlte ihnen der besagte Schlüssel. Angestrengt lauschten sie, die Ohren fest
auf das kalte Metall gelegt. Kein einziger Ton drang durch diese Tür.
Ziemlich niedergeschlagen verließen sie das Mehrfamilienhaus
und liefen zur Schule. Sie redeten nicht, sie dachten nach. Es fiel ihnen
absolut keine Erklärung ein, wo Luna sein konnte.
Sandra wartete schon seit einer halben Stunde
auf Luna. Sie stand vor der Schule und blickte immer wieder nervös in die
Richtung, aus der sie kommen musste. Endlich erkannte sie die kleine Vivian
und sie ging schnell auf die Mädchen zu.
"Wo ist eure Schwester?", fragte sie
erstaunt und blickte suchend die Straße hinauf.
"Was geht dich das an?", bekam sie
zur Antwort von Jane, die sie misstrauisch musterte.
"Bitte. Ich muss dringend mit ihr reden!"
So schnell gab Sandra nicht auf. Sie hatte eine, ihrer schlimmsten Nächte
hinter sich. Die Schule hatte zu ihr nach Hause geschrieben, dass sie ständig
unentschuldigt fehlte. Der Vater war, wie immer, betrunken heim gekommen,
hatte den Brief gefunden und sich dann seine Tochter vorgenommen. Sandras
Schreie müsste man eigentlich in der ganzen Stadt gehört haben, doch nicht
einmal die engsten Nachbarn reagierten darauf.
Nachdem der Vater im Sessel eingepennt war, hatte
sich Sandra aus der Wohnung geschlichen. Sie wollte nie wieder heimkommen
und jetzt suchte sie Luna, damit sie ihr das sagen konnte. Vielleicht ließ
sich Luna ja überreden, ebenfalls abzuhauen. Ein Leben auf der Straße schien
immer noch besser zu sein, als in diesem verhassten Elternhaus.
"Was hast du schon mit ihr zu reden?",
antwortete Jane schroff. "Du willst sie doch nur wieder überreden, die
Schule zu schwänzen. Noch mehr Ärger kann Luna nicht gebrauchen."
"Luna liegt im Krankenhaus", fügte
Vivian hinzu, damit Sandra endlich Ruhe gab. Sie wollte den aufkommenden Streit
verhindern.
Sandra gab sich auch damit zufrieden. Drehte
sich weg und ging. Ihr Plan war, in den Krankenhäusern nachzufragen. Es gab
nur zwei in ihrer Stadt.
"Siehst du! Ich hab doch gesagt, die schwänzt
die Schule!" Jane und Vivian sahen dem Mädchen nach.
Dann hörten sie die Schulklingel und sie mussten
sich sputen, damit sie nicht zu spät kamen.
In der großen Hofpause tauchte Sandra wieder
auf. Es machte ihr nicht einmal was aus, dass die Lehrer sie sahen. Ärgerlich
stellte sie die Schwestern zur Rede, die eng aneinander und völlig verschüchtert
zusammenstanden.
"Was soll der Scheiß mit dem Krankenhaus?",
fauchte sie. "Ich hab überall nachgefragt, aber in keinem ist Luna eingeliefert
worden?"
Sie bekam keine Antwort.
Vivian starrte sie wie hypnotisiert an. Damit
hatte sie nicht gerechnet, dass dieses Mädchen in den Kliniken fragen würde.
"Also kommt! Sagt schon! Wo ist sie?"
Sandra änderte ihre Tonlage und noch freundlicher fügte sie hinzu: "Es
ist wirklich wichtig!"
Jetzt begriff Jane, was ihr an Sandra so bekannt
vor kam. Dieser Ausdruck in den Augen. Sandra sah genauso gequält und verzweifelt
aus, wie Luna, wenn diese eine Auseinandersetzung mit dem Vater hinter sich
hatte. Das Mädchen vor ihr schien die gleichen Probleme zu haben und Jane
verstand nun auch, warum sich Luna und Sandra angefreundet hatten.
"Sie ist weg! Wir wissen auch nicht wohin",
sagte sie so leise, dass kein, in der Nähe stehender Schüler, oder Lehrer,
es hören konnte.
"Freiwillig?" Sandra senkte ihre Stimme
ebenso.
"Keine Ahnung. Vater hat sie weggebracht."
Es blieb kurz still. Sandra überlegte.
"Okay. Ich komm nach der Schule noch einmal
vorbei. Vielleicht ist mir ja bis dahin was eingefallen." Sie verließ
den Schulhof. Stolz lief sie an dem aufsichtshabenden Lehrer vorbei, der zu
spät begriff, dass Sandra sich unerlaubt entfernte. Da war sie längst nicht
mehr zu sehen.
Sandra hatte keinen blassen Schimmer, wo sie
Luna suchen sollte. Wenn diese nicht freiwillig abgehauen war, dann wurde
sie mit Sicherheit von ihrem Vater versteckt gehalten. Das bedeutet, dass
Herr Meinert es übertrieben haben musste und Luna nicht in der Öffentlichkeit
gesehen werden durfte. Sandra kannte das, aus Erfahrung. Selber musste sie
schon oft genug, tagelang ihr Zimmer hüten und konnte nicht zur Schule gehen,
bis alles verheilt und nichts mehr zu sehen war.
Aber warum hielt Herr Meinert seine Stieftochter
auch vor Jane und Vivian versteckt? Die beiden wussten doch Bescheid? Das
Mädchen überlegte hin und her. Es fiel ihr keine Erklärung dafür ein.
Endlich war sie an dem verlassenen Fabrikgelände
angekommen. Da sie in der letzten Nacht nicht zum schlafen gekommen war, wollte
sie das jetzt nachholen. Doch sie fand keinen Schlaf. Immer wieder kreisten
ihre Gedanken um die Freundin und ließen Sandra nicht zur Ruhe kommen.
"Warum hast du ihr das erzählt?" Vivian
war außer sich. "Wenn die nun quatscht und dadurch alles auffliegt? Dann
bist du dran Schuld!" Sie war den Tränen nahe.
"Jetzt beherrsche dich!" Die Schwester
wurde wütend, weil Vivian anscheinend nichts anderes konnte, als zu jammern
und sich zu beklagen.
"Ich weiß jetzt, warum Jane und Sandra sich
auf einmal verstehen", fügte sie freundlicher hinzu, weil die Kleine
nun erst recht anfing zu heulen.
"Ach ja? Und warum?", schluchzte Vivian
weiter.
"Sie..." Jane konnte nicht weiter reden,
weil ein Lehrer auf sie zukam. Erschrocken hielt sie sich den Mund zu.
"Guten Morgen, ihr beiden", begrüßte
er sie recht freundlich. Vivian wollte weglaufen, doch er hielt sie an der
Jacke fest. "Hier geblieben, mein Mädchen! Ihr sollt mitkommen! Man will
sich mit euch unterhalten!"
Ohne weitere Worte ging er zum Eingang und die
Schwestern mussten ihm folgen. Natürlich fand das nicht ohne höhnische Rufe
und Gelächter einiger Mitschüler statt. Die Meinert Mädchen waren bekannt,
wie bunte Hunde.
Jane und Vivian traten Hand in Hand ins Lehrerzimmer
ein. Schüchtern blieben sie an der Tür stehen. Jane bekam das große Zittern,
doch die Schwester packte noch fester zu, damit es niemandem auffiel.
Außer ihnen befanden sich noch weitere Menschen
im Raum. Sie konnten nicht erkennen, ob alle zur Schule gehörten, denn sie
kannten noch nicht jeden Lehrer. Aber den Direktor, Herrn Klause, den erkannte
Jane sofort.
Dieser hatte dieses Zusammentreffen auch veranlasst.
Ihm war nämlich aufgefallen, dass in den Schulakten von Luna und Jane,
ständig die Rede von Krankenhausaufenthalten war. Demnach musste Luna
erst vor einem Monat die Zeit im Krankenhaus verbringen. Ironischerweise nur
für drei Tage. Dabei war Herr Klause stutzig gemacht, denn irgendwas
konnte da nicht stimmen. Wieso musste ein so junges Mädchen ständig
ins Krankenhaus? Kurzer Hand griff er zum Telefon und rief die städtischen
Kliniken an.
Dort gab es jedoch keine Luna Meinert. Auch nicht
in den benachbarten Krankenhäusern.
Nach einer Beratung mit seiner Sekretärin, hatten
sie beschlossen, die Schwestern zu befragen, wie diese Geschichte genauer
war. Entweder schwänzte Luna erneut die Schule und das Entschuldigungsschreiben
war gefälscht, oder hier war gewaltig was faul.
"Wo ist eure Schwester Ludmilla?",
fragte er nun, ohne erklärende Einleitung. Er sah, wie beide Mädchen deutlich
zusammenzuckten. Auch die anderen Erwachsenen ließen sie nicht aus den Augen.
Es gab keine Antwort.
Herr Klause hielt das Schreiben in die Höhe.
"Wer hat das geschrieben?"
"Unser Vater", gab Jane scheu zu. Sie
hielt sich immer noch an Vivian fest.
"Und wieso kann es dann sein", fuhr
der Mann fort. "Dass ich eure Schwester in keinem der beiden Krankenhäuser
finden konnte?"
Vivian erschrak mörderlich. Noch einer, der diese
Behauptung überprüfte. Nun war gar nichts mehr zu retten. Die kommende Nacht
werde ich bestimmt schon im Kinderheim verbringen, dachte sie und sah zu Jane
auf.
Doch diese schaffte es zum ersten mal, scharf
nachzudenken. Sie wollte retten, was es noch zu retten gab. Egal, wer dafür
herhalten musste. Sie versuchte sich in Luna hineinzuversetzen, die immer
cool blieb und wenn die Situation noch so brenzlig war. Es klappte. Innerhalb
von Sekunden hatte sie eine passende Lösung gefunden.
"Ich hab gleich zu Luna gesagt, dass das
nicht klappen kann!", begann sie theatralisch. Vivian erkannte Jane nicht
wieder.
"Luna hatte die Idee mit dem Krankenhaus
und dann fälschte sie den Brief. Sie hat nicht daran gedacht, dass sie das
überprüfen können!" Jane seufzte ergeben und griff wieder nach Vivians
Hand. Ihre hatte sie zwischendurch zum gestikulieren gebraucht.
"Und wo steckt sie jetzt?"
"Das hat sie uns nicht gesagt. Bestimmt
zieht sie mit irgendwelchen Freunden durch die Gegend."
Der Direktor dachte an Sandra Strauß und gab
sich damit zufrieden. Diese war ja ebenfalls nicht zur Schule gekommen und
gestern wurde ihm zugetragen, dass sich seine "Lieblingsschülerinnen"
miteinander vertragen hatten und nun offenbar eng befreundet waren. Als man
ihm das erzählte, schloss er entsetzt die Augen. Ein Mädchen von dieser Sorte,
konnte man noch im Zaum halten, aber beide zusammen, brachten die halbe Schule
in Aufruhr, wenn sie das wollten.
"Von dieser Fälschung wird euer Vater erfahren!
Das kannst du ihr schon mal ausrichten! Und wenn sie mal wieder Lust auf Schule
hat, dann soll sie sich sofort bei mir melden! Sie kann mit einem Disziplinarverfahren
rechnen! Ihr könnt gehen!"
Der Mann konnte seine gesamte Wut gerade noch
unterdrücken. Diese beiden Schülerinnen konnten ja nichts für ihre Stiefschwester.
Aber das man ihn so einfach belogen hatte, das brachte ihn in Rage. Er sagte
nichts mehr zu seinen Kollegen, sondern stürmte aus dem Lehrerzimmer, in sein
Büro. Dort reagierte er sich an einem unschuldigen Bleistift ab, den er in
mehrere Teile zerbrach.
"Das hast du verdammt gut gemacht",
flüsterte Vivian, als sie wieder auf dem Gang standen. Es hatte schon längst
geklingelt, sie kamen mal wieder zu spät in ihre Klassen, doch diesmal machte
es ihnen nichts aus. Sie waren noch mal davon gekommen.
"Ja. Luna hätte es nicht besser gemacht!"
Jane lächelte zufrieden. Vivian stimmte in ein herzhaftes Lachen ein, bis
die Schwester stehen blieb und sie ansah.
"Ach übrigens, Herzlichen Glückwunsch!"
Jane umarmte sie fest und gab ihr einen dicken Kuss. Niemand hatte daran gedacht,
dass die Kleine heute ihren 13. Geburtstag feierte. Durch die ganze Sache
mit Lunas Verschwinden, hatte Vivian es selber vergessen. Geschenke erwartete
sie so und so nicht. Herr Meinert gab seinen Töchtern kein Taschengeld, weil
er der Meinung war, dass sie es nur für unnützes Zeug ausgeben würden. Lediglich
er, kaufte für das Geburtstagskind eine Kleinigkeit. Doch auch damit rechnete
Vivian nicht mehr. Beim Frühstück hatte der Vater nicht einmal gratuliert.
Frau Müller empfing die Mädchen mit einem Geburtstagskuchen.
Sie hatte Vivians Geburtstag nicht vergessen und überreichte ihr auch gleich
ein kleines Geschenk.
Hastig riss das Mädchen die Verpackung auf. Dann
kam sie aus dem Staunen nicht wieder raus. Eine zierliche goldene Halskette
lag vor ihr. Der erste, echte Schmuck, den sie bekommen hatte. Ihre Augen
glänzten vor Freude und sie fiel Margot, überwältigt um den Hals. Alles andere,
was ihr Herz bedrückte, schien vergessen.
Jane hielt sich lieber im Hintergrund auf. Hoffentlich
ist Margot auch noch an meinem Geburtstag da, dachte sie. Bei dem Blick auf
Vivians goldumrandeten Hals, stieg doch ein wenig Neid in ihr auf.
Zum Nachtisch gab es dann den Geburtstagskuchen,
der mit Schokolade und viel Marzipan gefüllt war.
"Wo ist eigentlich Luna?" Die Haushaltshilfe
hatte schon lange darauf gewartet, diese Frage stellen zu können. Sie wollte
Vivians Freude nicht trüben, aber jetzt, wo wieder Ruhe eingekehrt war, brannte
sie darauf, es zu erfahren.
Aufgeschreckt sahen sich die Mädchen an, doch
auch diesmal schaltete Jane schnell.
"Sie muss nachsitzen, weil sie gestern geschwänzt
hat. Geschieht ihr auch ganz recht!"
Vivian fiel ein Stein vom Herzen, dass Luna so
schnell antworten konnte. Sie selber wollte Margot nicht belügen, schon gar
nicht, nach diesem tollen Geschenk.
"Was meint ihr, wann sie heim kommt?"
Frau Müller gab aber keine Ruhe.
"Kann ne Zeitlang dauern!" Jane ließ
sich nicht aus dem Konzept bringen. "Luna muss alles nachholen, was wir
gestern durchgenommen haben und das war nicht wenig."
Das reichte aus, um die Frau zu überzeugen. Wie
immer gingen die Schwestern nach dem Essen in ihr Zimmer, um die Hausaufgaben
zu erledigen. Nur diesmal warteten sie ungeduldig darauf, dass Margot nach
Hause geht. Zu ihrem Glück tat sie das auch, eine Stunde später. Die Mädchen
wollten noch einmal versuchen, in den Keller zu gelangen.
Ihr Glück hielt aber nicht an. Die Vorraumtür
war immer noch abgeschlossen und blieb ihnen ein Hindernis.
"Wir könnten jemand im Haus fragen, ob er
uns aufmacht." Vivian klammerte sich an jede Lösung.
"Das bringt nichts. Wenn wir keinen Schlüssel
für diese Tür haben, kommen wir auch nicht in unseren Keller. Und wie wollen
wir dann erklären, warum wir hier rein wollen?"
"Dann rede ich eben mit Vater. Er muss mir
heute zuhören und uns sagen, wo Luna ist!"
Bedrückt stiegen sie die Treppe wieder hinauf.
"Du sagst am besten gar nichts", fuhr
Jane die Kleine aufgebracht an. Sie waren nun in der Wohnung und kein Nachbar
konnte zufällig mithören. "Wenn, dann erledige ich das!"
Jedoch Vivian ließ sich dadurch nicht einschüchtern.
"Und wenn er dich dann auch verprügelt und dich irgendwo hinbringt? Dann
stehe ich hier ganz alleine!"
Jane dachte darüber nach. Die Schwester hatte
nicht ganz unrecht, obwohl es sehr unwahrscheinlich war, dass er es auch mit
ihr machen würde. Das plötzliche Verschwinden von zwei Töchtern, fiel ja wohl
auf jeden Fall auf.
"Wir reden gemeinsam mit ihm", lenkte
Jane schließlich ein. "Wir müssen Vater verständlich machen, dass die
Lehrer in der Schule uns kein Wort glauben und alles prüfen wollen."
Die Mädchen setzten sich wieder an ihre Hausaufgaben,
doch Jane stand eine Minute später erneut auf.
"Ich muss noch was besorgen", sagte
sie zu Vivian, die sie fragend ansah.
Die kleine Schwester verstand auch. Jane musste
sich vorher Mut antrinken. Ohne Alkohol würde sie es vermutlich nicht schaffen,
ganz normal mit dem Vater zu reden.
"Pass auf dich auf", antwortete Vivian
und meinte damit, sie soll sich beim Klauen nicht erwischen lassen.
Jane zeigte ihr den aufrechten Daumen, was bedeuten
sollte, es wird schon nichts schief gehen.
Zurück blieb ein 13 jähriges Geburtstagskind,
was sich seufzend wieder über ihre Aufgaben beugte und sehnsüchtig auf Janes
Rückkehr wartete. Sollte der Vater heute erneut früher heim kommen und nur
Vivian vorfinden, war ihr ganzer Plan zunichte.
Herr Meinert kam zur gewohnten Zeit und mit strahlender
Fröhlichkeit nach Hause. Er hob das Geburtstagskind hoch, drückte es, küsste
es und gratulierte ihr überschwänglich. Anschließend überreichte er Vivian
sein Geschenk. Diese war völlig überrascht. Vor ihr stand ein ganz neues Fahrrad.
Nur für sie allein. So etwas besaßen weder Jane,
noch Luna.
Jane wurde dabei auch ganz blass vor Neid, ließ
sich aber nichts anmerken und gönnte der Schwester die Freude. Es hatte ja
auch sein Gutes. Wenn der Vater gut aufgelegt war, konnte man am besten mit
ihm reden. Sie ließ auch Vivian noch ein paar Minuten Zeit, doch dann musste
sie anfangen. Ehe der Mut sie ganz verließ.
"Können wir mit dir reden, Vater?"
Ihre Stimme klang leise und brüchig.
Herr Meinert sah auf. "Aber natürlich. Gehen
wir ins Wohnzimmer!" Seine Laune trübte sich nicht ein bisschen.
"Wie wäre es mit der Küche?", erwiderte
Jane zaghaft. Sie ging nur sehr ungern, freiwillig ins Wohnzimmer. In diesem
Raum war sie befangen, weil sie dort ständig an Prügel denken musste. Auch
wenn sie in dieser Wohnung noch nicht an der Reihe gewesen war, die Möbel,
gegen die sie schon mehrfach brutal gestoßen wurde, waren die gleichen geblieben.
"Von mir aus." Herr Meinert ging voran,
Jane hinter her und Vivian ließ ihr Fahrrad nur ungern zurück.
"Was gibt es?", fragte der Vater und
setzte sich. Seine Tochter blieb stehen. Sie durfte ihm nicht zu nahe kommen,
damit er den Alkohol nicht roch.
"Es gibt Probleme in der Schule. Wegen deiner
Entschuldigung für Luna. Unser Direktor hat in den Krankenhäusern nachgefragt
und sie nicht gefunden. Deshalb wurden wir zur Rede gestellt."
"Und was habt ihr gesagt?", unterbrach
Herr Meinert sie, ganz aufgeregt.
Jane holte erst tief Luft, bevor sie weiter redete.
"Ich hab denen erzählt, Luna hätte den Brief gefälscht und würde die
Schule schwänzen. Der Direktor wird dir das noch mitteilen. Luna bestrafen
sie dafür."
"Bitte, sag uns, wo sie ist!" Vivian
war aufgesprungen und setzte sich auf seinen Schoß. Wenn er jetzt explodieren
sollte, musste er sie erst zur Seite schieben, bevor er auf Jane losgehen
konnte. In welche Gefahr sich Vivian eigentlich begab, vergaß sie.
"Vater, ich kann nicht ständig lügen!"
Hoffnungsvoll sah Jane ihn an. "Wenn die mich morgen wieder ausfragen,
das halte ich nicht durch!"
"Schluss! Luna bleibt, wo sie ist!",
brüllte Herr Meinert los. Unsanft schob er seine Tochter von sich runter und
verließ die Küche. Die Türen knallten.
"Verdammter Scheißkerl!", flüsterte
Jane ihm nach, natürlich so, dass er es nicht hören konnte.
"Komm, wir machen das Abendessen fertig",
sagte sie dann zu Vivian. Innerlich hoffte sie, dass der Vater trotzdem darüber
nachdenkt.
Für Vivian war der Tag gelaufen. In ihren Augen
schwammen Tränen, die sie krampfhaft versuchte, zurück zu halten.
Herr Meinert dachte tatsächlich nach. Stumm hielt
er ein Bild seiner verstorbenen Frau in der Hand und redete in Gedanken mit
ihr. Er wusste, dass er vieles falsch machte, in der Erziehung seiner Töchter.
Er war überfordert, mit drei heranwachsenden Damen. Er konnte sich einfach
nicht in seine Mädchen hineinversetzen.
Was soll ich machen Marie, fragte er und sah
das Foto an. Die Sache mit Luna tut mir furchtbar leid. Es ist einfach über
mich gekommen. Ich konnte nicht mehr aufhören und dabei wollte ich ihr doch
gar nicht weh tun. Das Mädchen wird mich nie wieder angucken. Wahrscheinlich
wird sie sofort zur Polizei rennen und mich anzeigen. Was soll ich denn nur
machen? Am besten, ich rede noch einmal mit Jane. Eventuell kann sie das verhindern.
Ich muss meinen Töchtern zeigen, dass ich doch ein guter Vater bin.
Herr Meinert unterhielt sich oft, auf diese Art
und Weise, mit seiner Frau. Er hatte so viele Gedanken und Gefühle, die
er sonst niemandem mitteilen konnte. Aber auch dadurch schaffte er es nicht,
seine Angst abzubauen. Und er hatte riesengroße Angst. Davor, dass man
ihm, als alleinstehender Vater die Kinder wegnahm. Er konnte das nur überwinden,
wenn er zuschlug. Aus diesem Grund schüchterte er sie so stark ein, dass
sie gar nicht wagten, irgend jemandem was zu erzählen. Dass er dadurch
alles noch viel schlimmer machte, war dem Vater nicht bewusst. Sein eigener
Vater hatte ihn auch verprügelt, wenn er etwas anstellte und ihm hatte
es ja auch nicht geschadet.
Er holte Jane zu sich ins Wohnzimmer, die ihm
nur widerstrebend folgte. Sie glaubte fest daran, dass sie es war, die er
sich heute vornahm. Abwartend stellte sie sich hin und schloss die Augen.
Von ihr aus konnte es losgehen.
"Ich möchte mich mit dir unterhalten, Jane!"
Herr Meinert blieb sitzen.
Erschrocken riss Jane die Augen auf. Der Vater
winkte sie zu sich und sie nahm ebenfalls Platz.
"Es geht um Luna", fuhr er fort, sah
seine Tochter aber nicht an. "Ich habe ihr sehr, sehr weh getan. Glaub
mir, ich wollte es nicht. Ich liebe euch doch. Ich will euch doch nicht verlieren.
Du musst mir einfach glauben!" Plötzlich fing er an zu weinen. Viele
Tränen liefen ihm das Gesicht runter und Jane war bestürzt.
Dieser Mann konnte auch weinen? War er der selbe,
den sie beobachtet hatte, wie er auf ein wehrloses Mädchen eintrat und dabei
lachte? Der erst glücklich wurde, wenn eins seiner Kinder wimmernd und zerschunden
am Boden lag? Jane traute dieser urplötzlichen Verwandlung nicht.
"Die Sache mit dem Spiegel, war keine Absicht",
begann Jane. Sie musste irgendwas sagen, ehe er merkte, dass sie ihm kein
Wort glaubte. Außerdem sollte er die Wahrheit über den gestrigen Nachmittag
erfahren, damit er sich anschließend schämte, weil er grundlos ausgerastet
war.
"Luna hat Post von ihrem Vater bekommen.
Den hat sie im Badezimmer gelesen und ist zusammengebrochen. Dabei hat sie
den Spiegel mit runter gerissen."
Der Vater sah erschrocken aus. Jane hatte erreicht,
was sie wollte. Er dachte nach.
"Was stand drin?", fragte er vorsichtig.
Jane konnte die Besorgnis in seiner Stimme hören.
"Sie hat ihn zerrissen, bevor es passierte
und anschließend komplett vernichtet. Mit mir hat sie kein Wort darüber geredet
und später kamst du." Da ihr keine Gefahr zu drohen schien, ließ Jane
auch deutlich einen Vorwurf heraus hängen.
"Es tut mir entsetzlich leid", jammerte
der Vater erneut. "Kannst du mit ihr reden? Sie darf mich deswegen nicht
anzeigen. Wenn ihr mir weggenommen werdet, was wird dann aus mir?"
Aha, daher weht der Wind, dachte Jane. Unser
alter Herr hat Angst, dass wir in anzeigen. Sie war ihm jetzt weitaus überlegen
und kostete dieses Gefühl gründlich aus.
"Das würde ich ja gerne tun", antwortete
sie ihm. "Aber ich weiß nicht, wo sie ist!"
Herr Meinert griff in seine Hosentaschen und
holte den Kellerschlüssel raus. Den warf er Jane zu.
"Bitte überrede sie, dass sie keine Anzeige erstattet", bat er seine
Tochter. "Du kannst sie rauf holen. Ich verspreche, dass ich ihr nie
wieder was tue!"
Den letzten Satz verstand Jane gar nicht mehr.
Sie war schon zur Tür raus, um Luna zu befreien. Mit wachsendem Entsetzen,
malte sie sich aus, wie ihre Schwester wohl zugerichtet war. Auf jeden Fall
musste es schlimmer sein, als normal, sonst hätte er sie nicht versteckt.
Mit zitternden Händen steckte sie den Schlüssel
ins Schloss zu ihrem Keller. Dann tastete sie nach dem Lichtschalter, denn
es herrschte tiefschwarze Finsternis.
"Luna?", rief sie vorsichtig. Endlich
ging das Licht an und gehetzt sah sie sich um.
In der Ecke, in einer Plastikplane eingehüllt,
saß etwas, was Jane aber nicht unbedingt als ihre Schwester definieren konnte.
Aber es war Luna.
Dass Jane nicht schrie, war ein Wunder. Langsam
tasteten sich ihre Augen über den misshandelten Körper.
Lunas schwarze Haare, waren von Blut verklebt.
Das rechte Auge dick zu geschwollen, das linke, starrte sie an. Die Nase war,
ironischer Weise, heil geblieben. Darunter ein Mund, der mit dicken Klebestreifen
zusammengehalten wurde. Daher hatte Jane auch keine Antwort bekommen.
Der restlich Körper war mit Plastik verdeckt.
Jane mochte den Rest auch nicht unbedingt kennen lernen.
Und es stank fürchterlich. Es roch nach Urin
und Angstschweiß.
Jane versuchte so wenig wie möglich zu atmen,
als sie näher an Luna heran trat.
"Beiße die Zähne zusammen! Ich nehme dir
den Klebestreifen ab", flüsterte sie ihr zu. Sie wünschte sich, das wäre
ihr erspart geblieben. Mit einem Ruck zog sie die Folie ab. Es muss mörderlich
weh getan haben, doch die Schwester verzog keine Miene.
"Könntest du mir auch die Hände befreien?"
Erst jetzt sah Jane, dass Luna an einem Abflussrohr
gebunden war. Eifrig wollte sie die dünnen Seile lösen, aber sie brauchte
Ewigkeiten, bis sie die Knoten offen hatte. Luna knurrte ganz ungeduldig.
Nachdem sie die Hände endlich frei hatte, entledigte
Luna sich von der Plane. Ihre Beine knickten ein, als sie versuchte aufzustehen.
Krampfhaft zog sie sich an dem Rohr hoch und sah Jane grimmig an.
"Hättest dich ruhig ein bisschen beeilen
können!", schnauzte sie die Schwester an. Hilflos blickte sie an sich
herunter. Die Jeans hatte einen großen Fleck, vorne und hinten. Doch dafür
konnte man ihr keinen Vorwurf machen. Fast 24 Stunden war sie im Keller eingesperrt
gewesen. Da verlangte die Blase ihr Recht.
"Du kannst doch nichts dafür", sagte
Jane, die spürte, dass sich Luna deswegen schämte. "Er hat mir den Schlüssel
gerade erst gegeben. Ich soll dich rauf holen. Er hat versprochen, dass er
dich nie wieder anfasst!" Sie erzählte Luna von der letzten halben Stunde.
"Ich bringe ihn um, sobald er vor mir steht!"
Luna hatte sich diesen Plan während ihrer Gefangenschaft ausgemalt. Sie ließ
sich davon auch nicht durch ein angebliches Versprechen abhalten. Daran, ihn
anzuzeigen und ihren Stiefvater dadurch loszuwerden, dachte sie gar nicht.
Sie fühlte nur grenzenlose Wut.
"Das kannst du nicht machen", beschwichtigte
Jane sie. "Er hat sich vollkommen geändert seit gestern!"
"Das hat er dir erzählt, ja?"
"Vater hat es ernst gemeint. Du kannst ihm
glauben!"
"Soll ich dir mal was sagen?" Luna
kam langsam auf Jane zu. Sie hinkte stark. Irgendwas war mit ihrem rechten
Knöchel nicht in Ordnung.
"Dieses Schwein hat mich so total verprügelt,
wie noch nie! Dann schleppt er mich in einen Keller, in dem gerade mal 10
Grad herrschen und fesselt mich! Einen ganzen Tag im dunklen, ohne Essen und
nicht einmal auf die Toilette konnte ich gehen!" Das Mädchen hatte sich
in Rage geredet, obwohl ihr bei jedem Wort die Rippen schmerzten.
"Da habe ich kein Recht, ihn kalt zu machen?",
fügte sie mit Nachdruck hinzu. Kraftlos setzte sie sich auf eine alte Holzkiste.
"Dann machst du doch alles noch viel schlimmer!"
Jane widersprach ihr nur sehr vorsichtig. Das Mädchen vor ihr, hatte sich
in eine Bestie verwandelt. "Denk doch bitte auch an Vivi. Willst du wirklich,
dass sie in ein Kinderheim kommt?"
"Ich hab all die ganzen Jahre nur an euch
gedacht!" Eiskalt ließ Luna die Schwester abblitzen. "Ihr seid mir
beide so was von Scheiß egal!"
"Das stimmt nicht, Luna! Und das weißt du
auch! Ich bin mir ziemlich sicher, dass du Vivian liebst! Du bist nur zu stolz,
uns deine Gefühle zu zeigen! Hinter deinem Panzer steckt ein ganz hilfloser
Mensch! Du bist nämlich gar nicht so stark, wie du immer tust!"
"Eh, wo hast du denn diese klugen Sätze
her? Davon verstehst du doch gar nichts!"
Mit schmalen Augen sahen sich die Mädchen an.
"Ich verstehen davon nichts?", fragte
Jane zurück. Wieso müssen wir uns ständig streiten, hatte sie sich überlegt.
Aber diesmal gebe ich nicht klein bei!
"Glaubst du wirklich, ich weiß nicht, dass
du nachts weinst?"
"Das stimmt überhaupt nicht!" Unter
normalen Umständen, wäre Luna jetzt auf sie losgegangen. Aber der lädierte
Knochen und die schmerzenden Rippen zwangen sie, ganz ruhig sitzen zu bleiben.
Lediglich das Gesicht drückte ihre gesamte Wut aus.
"Doch das stimmt! Und Vivi hat dich ebenfalls
gehört! Du bist so fertig mit der Welt, dass du nachts ins Bett pinkelst,
ohne es zu merken!"
Jane hatte sich nun ebenfalls in Rage geredet.
Die spinnt doch wohl, dachte sie. Anstatt dankbar zu sein, dass sie hier raus
kommt, geht die auf mich los.
Sie sah, wie Luna erstarrte, als sie ihr größtes
Geheimnis aussprach.
"Ich kann dich ja verstehen", lenkte
Jane etwas freundlicher ein, obwohl sie die Schwester überhaupt nicht verstand.
"Luna, das ist doch wirklich nicht schlimm. Mir ist das auch schon passiert,
als ich mal dran war. Du brauchst dich deswegen nicht zu schämen. Du bist
einfach runter mit den Nerven."
Vorsichtig, jederzeit bereit, zurückzuspringen,
falls Luna zuschlagen wollte, kam Jane näher an sie heran.
Behutsam griff sie nach ihrem Arm, da die Schwester
anscheinend ruhig blieb.
"Komm bitte mit nach oben. Ich hab Abendessen
gemacht. Du kannst dich waschen. Niemand wird dich in diesem Zustand sehen.
Ich werde dafür sorgen. Vater hat sich wirklich bei mir entschuldigt. Er tut
dir nichts mehr. Diese Zeiten sind bestimmt vorbei."
Luna fing plötzlich an zu weinen. "Hilfst
du mir? Ich kann mit meinem Bein nicht auftreten." Ganz schnell versuchte
sie die Tränen wegzuwischen, aber es kamen immer mehr und sie schaffte es
nicht. Zum ersten Mal in ihrem Leben zeigte sie ihrer Stiefschwester offen,
dass auch sie weinen konnte. Jane nahm sie in die Arme und Luna weinte sich
an deren Schulter aus.
Sie zeigte ihre Gefühle nicht allzu lange, aber
es war immerhin ein Fortschritt. Als sie sich wieder unter Kontrolle hatte,
stand Luna auf. Gestützt von Jane, verließ sie ihr Gefängnis und gemeinsam
humpelten sie die Treppe rauf.
Jane schob sie auch sofort ins Badezimmer, drehte
die Dusche voll auf, legte ihr Handtücher hin und brachte frische Sachen zum
Anziehen.
Regungslos blieb Luna auf dem Toilettendeckel
sitzen und wartete bis sie endlich ganz allein war. Sie wollte für sich sein,
beim Betrachten der restlichen Misshandlungen und zog sich auch erst aus,
nachdem sie die Tür von innen verriegelt hatte.
Stück für Stück schälte sie sich aus den schmutzigen
Klamotten. Sie ekelte sich vor ihrem eigenen Körper, der wirklich nicht gut
roch.
Vorsichtig tastete sie ihren Brustkorb ab, der
leicht angeschwollen war. Hoffentlich ist keine Rippe gebrochen, dachte Luna.
Sie konnte es durch das Abtasten nicht herausfinden.
Der rechte Oberschenkel war dicker, als der linke.
Ebenso verhielt es sich mit den Knöcheln.
Von den Beinen aufwärts fand sie nur sehr wenige
Stellen mit heiler Haut. Überall entdeckte Luna grüne, blaue und gelbe Flecke.
Die meisten waren erst gestern hinzugekommen.
Dann betrachtete sie sich im Spiegel, den die
Haushaltshilfe am Morgen gekauft hatte. Erschrocken sah sie wieder weg und
dann wieder hin.
"Was hat das Schwein mit meinem Gesicht
gemacht?", flüsterte sie lautlos. Ihre Finger strichen vorsichtig über
das dicke Auge, mit der, ohnehin kaum verheilten, Wunde vom Dienstag. Diese
konnte ja auch nicht richtig verheilen, wenn immer wieder jemand drauf schlug.
Sie hockte sich in die Duschwanne und ließ das
Wasser auf sich nieder prasseln. Es tat ihr mehr weh, als gut und sie wusch
sich nur sehr notdürftig. Trotzdem fühlte sie sich danach sauberer und wie
ein neuer Mensch.
Anschließend zog Luna die sauberen Sachen an
und stellte sich erneut vor den Spiegel. Ohne das getrocknete Blut sah sie
schon viel besser aus. Nur das Auge störte, doch die Schwellung würde bis
Montag zurückgegangen sein. Den Rest konnte man mit Make-up überdecken.
Luna beruhigte sich ein wenig, doch sie musste
noch die Begegnung mit dem Onkel überstehen. Jane hatte ihr schon zweimal
durch die Tür mitgeteilt, dass das Abendbrot fertig war.
Nur sehr zögerlich verließ sie das Badezimmer.
Ganz langsam, bereit, jeden Moment den Rückzug anzutreten, ging Luna auf die
geschlossene Küchentür zu. Sie konnte nicht erkennen, ob sich ihr Onkel da
drinnen aufhielt.
Herr Meinert saß am Tisch, nachdem das Mädchen
endlich allen Mut zusammengenommen hatte und eintrat. Er lächelte sie an,
als hätte es die letzten 24 Stunden nicht gegeben. Scheu lächelte Luna zurück.
Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte und setzte sich stumm auf
ihren Platz.
"Geht mal in euer Zimmer!", sagte Herr
Meinert zu seinen anderen Töchtern. "Ich will mit Luna alleine reden!"
Die Mädchen verließen eiligst die Küche, sahen
sich aber noch einmal angstvoll zu den beiden um. Dann war Luna mit dem Onkel
allein. Sie musste einfach abwarten, wie es weiter ging.
"Entschuldigung, dass ich dir gestern so
arg weh getan habe", begann der Mann. Er sah ihr dabei nicht in die Augen.
Ich weiß, dass ich das nicht wieder gut machen kann. Aber bitter verzeih
mir. Es wird nicht wieder vorkommen."
Herr Meinert brach ab. Hilflos sah er sich im
Raum um, dann seiner Stieftochter an. "Wirst du mich anzeigen?"
Auch Luna verstand jetzt, wovor ihr Onkel Angst
hatte. Ich hab ihn in der Hand, jubelte sie innerlich. Ihr Selbstbewusstsein
stieg wie nie zuvor, in seiner Gegenwart.
"Nein!", antwortete sie ihm mit ruhiger
Stimme.
"Was heißt nein?"
"Keine Anzeige! Unter einer Bedingung!"
Kühl sah sie ihm fest in die Augen. "Du wirst mich nie wieder verprügeln!
Entweder du lässt die Finger von mir, oder ich gehe das nächste mal zu den
Bullen!" Innerlich zitternd, wartete sie auf die Reaktion darauf.
"Geht in Ordnung!" Der Onkel hielt
ihr die Hand hin. Luna schlug ein und der Handel war damit besiegelt.
Sie konnte noch gar nicht fassen, dass alles
so glatt abgelaufen war.
Friedlich gegenüber sitzend, beendeten beide
ihr Abendessen.
Erwartungsvoll sahen Jane und Vivian sie an,
als Luna ins Kinderzimmer kam. Beide saßen im Schlafanzug auf ihren Betten.
"Herzlichen Glückwunsch, kleine Schwester!"
Luna umarmte Vivian und verhielt sich so, als wäre sie keine Stunde weg gewesen.
Die Schwester antwortete nicht. Sie wollte ganz
schnell wissen, wie das Gespräch verlaufen war. Jane hatte sie schon ein wenig
aufgeklärt und nun wollte sie den Rest wissen.
"Jetzt erzähle schon!" Jane war weitaus
weniger geduldig.
Aber Luna ließ sich Zeit. Sie freute sich auf
ihr Bett, denn sie war todmüde nach den letzten Stunden.
"Möchtest du was trinken?", versuchte
Jane sie zu locken. Wie immer hatte sie damit Erfolg. Luna griff gierig nach
der Flasche, die Jane hochhielt, ihr aber nicht gab.
"Erst erzählen!", befahl sie.
"Ihr seid Nervensägen!", bekam sie
zur Antwort. Dann setzte Luna sich zu ihr aufs Bett, ließ aber den Wodka nicht
aus den Augen.
"Es ist Frieden. Euer Vater hat mir in die
Hand versprochen, dass er sich in Zukunft beherrschen wird und uns nichts
mehr tut. Er hat wahnsinnige Angst, dass ich ihn anzeige, was ich unter diesen
Umständen auch nicht mache. Außerdem hatte ich das so und so nicht vor."
Fordernd hielt sie nun die Hand auf und Jane gab ihr die Flasche.
Die Schwestern sahen zu, wie sie gierig den Alkohol
in sich rein schüttete.
"Schön!", antwortete Vivian sachlich.
"Was heißt schön? Wir können endlich in
Ruhe leben!" Luna kam zu Vivian ans Bett und gab die Flasche an sie weiter.
"Hier trink! Wir haben einen Grund zu feiern und außerdem hast du heute
Geburtstag!"
"Bist du bescheuert?" Jane riss Vivian
ganz schnell die Flasche aus der Hand und fauchte Luna an. "Sie ist gerade
mal 13!"
"Na und? In welchem Alter hast du denn angefangen?"
"Das heißt noch lange nicht, dass sie es
mir nachmachen muss!"
Die Schwestern funkelten sich an. Sie waren schon
wieder bereit, aufeinander loszugehen.
"Hört auf! Ich wollte so und so nichts davon
haben!" Vivian sah beide Schwestern böse an. Angeblich herrschte Frieden,
aber sie benahmen sich wie immer. Außerdem dachte Vivian nicht im Traum daran,
einen Schluck aus der Flasche zu nehmen.
Die Mädchen beruhigten sich auch wieder. Versöhnt
nahmen sie auf Janes Bett Platz und teilten sich gerecht den letzten Rest
Wodka.
Vivian war irgendwann eingeschlafen, doch Luna
und Jane unterhielten sich noch leise.
"Glaubst du wirklich, dass er es ernst gemeint
hat?" Vom Alkohol benommen, lehnte Luna sich an die Schwester.
"Ich kann es nur hoffen. Wir müssen abwarten,
wie das Wochenende verläuft."
"Wir dürfen uns auch nicht mehr so oft streiten!
Außerdem will ich mir in der Schule mehr Mühe geben. Solange sich kein Lehrer
über mich beschwert, wird er ruhig bleiben!" Mit diesen guten Vorsätzen,
begab Luna sich in ihr eigenes Bett. Sie hatte ihre Worte wirklich ernst gemeint,
doch Jane glaubte ihr nicht. Sie kannte Lunas Charakter und wusste, dass diese
Vorsätze höchstens eine Woche anhalten.
Luna war so fertig, dass sie schon nach wenigen
Minuten eingeschlafen war. Jane lauschte den gleichmäßigen Atemzügen und schloss
dann ebenfalls die Augen.
Das ganze Wochenende verlief wirklich sehr ruhig.
Herr Meinert und Luna sprachen zwar nur das Notwendigste miteinander, aber
es herrschte Harmonie.
Da Frau Müller am Samstag und Sonntag nicht arbeitete,
kümmerte sich Jane um den Haushalt, während Vivian und Luna das Essen zubereiteten.
Die Aufgaben hatte der Vater verteilt, während er im Wohnzimmer vor dem Fernseher
saß. Die Mädchen kannten das auch nicht anders und erledigten die Arbeiten
ohne zu murren.
Am Sonntag nachmittag unternahm der Vater sogar
einen Spaziergang in den Zoo. Nur Luna wollte nicht mitgehen. Die Schwellung
an ihrem Auge war noch nicht richtig zurückgegangen und sie legte lieber noch
einen Eisbeutel drauf, damit sie am nächsten Tag wieder in die Schule gehen
konnte. Außerdem hinkte sie noch ziemlich stark und wollte den Knöchel nicht
unnötig belasten.
Der Onkel erlaubte es ihr, allein in der Wohnung
zu bleiben und Luna genoss es, einmal für sich zu sein.
Freudig setzte sie sich vor den Fernseher und
schaltete durch die Kanäle.
Herr Meinert schien sich um 180 Grad gewendet
zu haben. Im Zoo kaufte er seinen Töchtern Eis und Kuchen. Vivian und Jane
staunten, aßen und waren ganz aufgeregt vor lauter Freude. Auch der Vater
lachte viel an diesem Nachmittag.
Am Abend, sie saßen alle gemeinsam im Wohnzimmer,
spendierte er sogar noch jedem Mädchen 10 Mark.
Luna war fassungslos und bekam vor lauter Staunen
den Mund nicht wieder zu. Von dem Eis und dem Kuchen hatte sie noch nichts
erfahren.
Und zum ersten mal, seit Frau Meinert gestorben
war, wurden die Kinder gefragt, was sie sich zu Weihnachten wünschten. Doch
sie waren so durcheinander, wegen der starken Verwandlung des Vaters, dass
keine der Mädchen antwortete.
"Willst du wirklich in diesem Zustand zur
Schule gehen?"
Jane und Luna standen nebeneinander vor dem Badezimmerspiegel.
Es war Montag morgen und sie machten sich für die Schule fertig. Luna versuchte
gerade ihr blaues Auge hinter Make-up zu verstecken, was ihr jedoch nicht
so recht gelingen wollte.
"Irgendwie kriege ich das schon hin!",
murmelte Luna und schmierte eine weitere Schicht der braunen Creme auf ihre
Haut. Trotzdem konnte man die Verfärbung noch deutlich erkennen.
"Ich meine damit nicht dein Gesicht!"
Jane musterte die Schwester von oben nach unten. "Ich hab gesehen, dass
du mit deinem rechten Fuß immer noch nicht auftreten kannst."
"Verstehst du das nicht? Nach der Geschichte
vom Freitag, kann ich heute nicht schon wieder fehlen. Meinst du nicht, dass
die Lehrer dann erst recht stutzig werden?"
"Und wenn du gefragt wirst, woher deine
Verletzungen stammen?"
"Dann behaupte ich einfache, ich hätte mich
mit jemandem geprügelt und dabei den kürzeren gezogen. Und jetzt lass mich
endlich in Ruhe! Ich will fertig werden!" Hastig packte sie die Cremetube
wieder weg und begutachtete sich noch einmal prüfend im Spiegel. Mit dem Kamm
zog sie sich eine Strähne ins Gesicht, so dass von ihrer rechten Gesichtshälfte
kaum noch was zu sehen war. Dann war sie mit ihrem Spiegelbild zufrieden und
hinkte vorsichtig aus dem Raum.
Kopfschüttelnd sah Jane ihr nach und beendete
dann ihre Morgenwäsche. Wenn Luna unbedingt zur Schule gehen wollte, so konnte
sie das nicht verhindern.
Doch als sie sich auf dem Schulweg befanden,
fing Jane erneut mit diesem Thema an.
"Und was machst du, wenn jemand sieht, wie
stark dein Bein verletzt ist und dich zu zum Arzt schickt?"
Die Mädchen kamen durch Lunas Behinderung nur
sehr langsam vorwärts. Jane befürchtete, schon wieder zu spät zu kommen.
"Du kannst dich unmöglich untersuchen lassen",
wand Vivian nun ebenfalls ein. "Wenn der Arzt sieht, wie du unter deiner
Kleidung aussiehst, schöpft der doch sofort Verdacht!"
"Mein Gott, das weiß ich auch!", aufgebracht
humpelte Luna weiter und bemühte sich dabei, schneller zu werden. "Damit
ihr es wisst! Ich habe nicht vor, mich von irgendeinem Arzt untersuchen zu
lassen!"
"Dann denk bitte daran, dass du normal läufst,
wenn du zum Direktor gehst! Ich soll dir nämlich ausrichten, dass du dich
dort melden sollst, wenn du wieder in die Schule kommst! Und setz dich so
hin, dass er dich nur von links sieht!" Jane gab auf, die Schwester zu
überzeugen. Ihr wäre es verdammt lieber gewesen, wenn Luna sich noch nicht
in aller Öffentlichkeit gezeigt hätte.
"Muss ich mich im Ernst beim Direktor melden?"
Jane nickte.
"Verdammter Mist!" Brummte Luna missgelaunt.
Endlich waren sie an der Schule angekommen. Gerade
noch rechtzeitig vor dem Stundenklingeln.
Erleichtert ließ Luna sich auf ihren Stuhl fallen.
Ihr rechter Knöchel schmerzte höllisch und sie war froh, dass sie ihn in den
nächsten 45 Minuten nicht bewegen musste.
Jane setzte sich stumm neben die Schwester und
verlor kein Wort mehr darüber, dass Luna sich eigentlich zum Direktor begeben
müsste.
Jedoch wurde Luna gleich vom ersten Lehrer daran
erinnert. Sie saß noch keine 10 Minuten, da musste sie schon wieder aufstehen
und den Gang zum Direktor antreten. Wohl, war ihr nicht dabei.
Wie üblich musste sie vor dem Büro warten. Die
Sekretärin blickte sie freundlich an, doch Luna reagierte nicht darauf. Aus
Erfahrung wusste sie, dass hinter der Freundlichkeit eines Erwachsenen nichts
Gutes steckte. Und genauso verhielt es sich auch.
Herr Klause empfing sie alles andere, als gut
gelaunt. Luna biss die Zähne zusammen und trat ganz normal mit dem Fuß auf.
"Setz dich!"
So schnell sie konnte, setzte Luna sich auf den
zugewiesenen Stuhl.
"Du beehrst uns auch mal wieder?" Der
Direktor sortierte nebenbei einige Akten von rechts nach links. Dann zog er
das Entschuldigungsschreiben hervor.
"Wer hat das geschrieben?", fragte
er barsch.
Doch Luna wusste, was sie antworten musste, damit
keine weiteren Nachforschungen angestellt werden. Jane hatte sie ausführlich
darüber informiert.
"Das wissen sie doch schon!", antwortete
sie ihm rotzig, frech.
"Ich will hier keine unverschämten Antworten!"
Herr Klause brüllte schon wieder. "Ich will von dir die Wahrheit!"
"Ich hab das geschrieben!" Luna änderte
ihren Ton keineswegs. "Weil ich keinen Bock auf Schule hatte!" Provozierend
sah sie den Mann an.
Herr Klause nahm zwei der Akten in die Hand und
ließ diese auf den Tisch niedersausen. Empört verzog er das Gesicht.
"Du gibst es also zu?"
Luna nickte bejahend.
"Ist dir klar, dass du mit einer Disziplinarstrafe
rechnen musst? An deiner Stelle würde ich mich ein wenig mehr anstrengen!
Das nächste mal fliegst du von der Schule!" Es sollte wie eine Drohung
klingen, jedoch Luna kannte solche Sätze auswendig. Sie hörte diese nicht
zum ersten Mal. Außerdem wusste sie, dass es gar nicht so einfach war, einen
Schüler von der Schule zu verweisen.
Dementsprechend gab sie auch nichts auf die Worte
des Direktors.
"Ist mir vollkommen klar!", antwortete
sie. "Kann ich jetzt gehen?"
Der Mann zeigte nur stumm auf die Tür. Ein weiteres
Wort und er wäre vermutlich explodiert.
Auch beim Hinausgehen, ließ Luna sich nichts
anmerken, welche Schmerzen sie bei jedem Schritt spürte.
Wieder in ihrer Klasse, tauschte sie mit Jane
nur einen kurzen Blick aus, damit diese verstand, dass alles wieder in Ordnung
war. Befreit atmete die Schwester auf.
"Hast du Schmerztabletten dabei?" Kurz
vor Ende der Stunde beugte sich Luna zu Jane. Mittlerweile hielt sie es kaum
noch aus.
Die Schwester schüttelt bedauernd den Kopf. Verzweifelt
schloss Luna die Augen und fragte sich, wie sie diesen Schultag überstehen
sollte. Dann hatte sie eine Idee.
"Könntest du nicht zum Schularzt gehen und
behaupten, du hättest Zahnschmerzen, oder Kopfschmerzen?", fragte sie
in der Pause, wo sie sich ungestört unterhalten konnten.
"Bist du verrückt?", entfuhr es Jane.
"Das glaubt der mir doch nie im Leben. Und wenn, schickt der mich zum
Zahnarzt!"
"Versuche es wenigstens. Mir zuliebe."
Lunas gequältes Gesicht überzeugte schließlich und Jane machte sich auf den
Weg.
Die Pause verging und Jane kam nicht wieder.
Von der nächsten Lehrerin wurde Luna gefragt, wo ihre Schwester sei und Luna
erklärte es ihr. Hoffentlich kommt sie bald wieder, betete sie im Stillen.
Kurz darauf klopfte es auch schon an der Klassentür
und Jane trat ein. Zum Glück erzählte sie das gleiche wie Luna. Dann setzte
sie sich an ihre Bank und als sich niemand mehr für die beiden Mädchen interessierte,
schob sie Luna zwei, in Folie verpackte, Tabletten zu.
Unauffällig schluckte sie diese beide gleichzeitig.
Trocken und ohne nachzuspülen.
Gegen Ende der Stunde beruhigte sich ihr Knöchel
tatsächlich. Aufatmend und dankbar lächelte Luna ihre Schwester an.
Irgendwie brachten sie den Schultag hinter sich.
Die Wirkung der Pillen hielt an und die Geschwister kamen unbehelligt davon.
Langsam, aber zufrieden gingen sie nach Hause.
Unterwegs hörte Luna ihren Namen und sie drehte
sich suchend um. Sandra war keine 10 Meter hinter ihr und rannte auf sie zu.
Atemlos blieb sie vor Luna stehen.
"Hi, wie geht's dir?"
Luna antwortete ihr nicht, sondern sagte zu ihren
Schwestern: "Ihr könnt schon mal heim gehen! Ich komme später nach!"
Jane warf ihr zwar einen warnenden Blick zu,
doch sie fügte sich.
Sandra und Luna liefen ebenfalls weiter und blieben
erst in einem windgeschützten Hauseingang stehen.
"Wie siehst du denn aus?", fragte Luna
schließlich und ihr Blick blieb an Sandras schmutzigen Sachen hängen.
"Wie soll ich schon aussehen? Bin abgehauen
von daheim, sonst wäre ich jetzt vielleicht tot." Ausführlich erzählte
sie Luna über die Nacht vom Donnerstag zum Freitag. Jeder andere würde nicht
glauben, was er da hörte. Nur Luna konnte sie verstehen.
"Und wo hast du dich herum getrieben? Jane
sagte, dein Vater hält dich versteckt. So schlimm siehst du doch gar nicht
aus!"
"Soll ich mich mal ausziehen?", scherzte
Luna zurück, doch dann begriff sie, was Sandra eben sagte. "Du hast mit
Jane geredet und sie hat dir alles erzählt?"
"Nein. Erst haben die beiden behauptet,
du liegst im Krankenhaus. Die habe ich dann abgesucht und dich nicht gefunden.
Also bin ich zurück in die Schule und hab deine Schwestern ein bisschen unter
Druck gesetzt. Da mussten sie raus mit der Sprache."
Sandra lächelte siegesbewusst. Luna erzählte
nun gleichfalls vom Freitag.
"Und was machst du jetzt?", wollte
sie anschließend von Sandra wissen.
"Nichts! Ich bin in meiner Fabrik. Hab noch
zwei andere Typen kennen gelernt, die dort auch schlafen und tagsüber versuche
ich Geld zu schnorren, damit ich mir was zu Essen kaufen kann. Wenn du willst,
kannst
du mitkommen."
"Er hat sich bei mir entschuldigt. Es wird
nie wieder vorkommen."
"Wie bitte?" Sandra lachte laut auf.
"Es stimmt. Mein Onkel hat sich übers Wochenende
total verändert. Ich glaube ihm." Luna sah die Freundin nicht an, weil
sie selber ahnte, dass die Verwandlung des Onkels nicht lange andauern würde.
"Soll ich dir mal was erzählen?", aufgebracht
hielt Sandra sie fest. "Mein Vater hat sich bestimmt schon hundertmal
bei mir entschuldigt und behauptet, er würde mich in Ruhe lassen! Keine zwei
Tage später, hatte er mich wieder in der Mangel! Also sage mir nicht, du glaubst
diesem Schwein!"
"Ich weiß es nicht!", entgegnete Luna
leise. Sie fühlte sich plötzlich so kraftlos. Sie wusste genau, dass Sandra
recht hatte. "Vielleicht später. Ich kann meine Schwestern doch nicht
im Stich lassen."
"Na du musst es wissen! Du kannst aber auch
nicht ewig auf die beiden aufpassen! Jane ist alt genug. Aber du weißt ja,
wo du mich findest. Du bist jederzeit willkommen!"
Sandra ließ Jane einfach stehen und ging wieder
in die Richtung, aus der sie gekommen war. Völlig verunsichert sah Luna ihr
nach.
Auf dem Heimweg dachte sie über Sandras Worte
nach. Natürlich hatte sie recht. Lunas Onkel würde sich niemals von heute
auf Morgen ändern. Mit Sicherheit reichte der nächste geringe Anlass aus,
um ihn alle Vorsätze vergessen zu lassen. Es blieb ein ewiger Kreisverkehr
und Luna konnte ihm nicht entkommen.
Sandra hatte das schon begriffen und die Möglichkeit
zur Flucht ergriffen.
Völlig verstört kam das Mädchen zu Hause an.
Sie hatte innerlich beschlossen, auf das nächste Mal zu warten und dann erst
zu entscheiden, ob sie sich Sandra anschloss.
"Hast du dich verletzt, Luna?", fragte
Frau Müller besorgt, als sie in die Küche gehumpelt kam. Luna verzog nur das
Gesicht und setzte sich an den Mittagstisch. Doch Margot war schon bei ihr
und krempelte Lunas Hose hoch. Erschrocken blickte sie auf den dick, angeschwollenen
Knöchel, der zudem auch noch in allen Farben leuchtete.
"Mädchen, wie ist das denn passiert?"
Sofort sprang Margot wieder auf, holte Eis aus dem Kühlschrank und wickelte
es mit einem Tuch um den Fuß.
"Ausgerutscht, was weiß ich", antwortete
Luna.
"Aber..." Frau Müller sah direkt in
Lunas Gesicht und entdeckte dabei das Veilchen. Ihr Gesicht erstarrte zu einer
Maske.
"Hast du dich etwa geprügelt?" Mit
dem Finger strich sie sämtliche Haare zur Seite und betrachtete das beschädigte
Auge ganz genau.
Luna zuckte zurück. Sie wollte sich nicht anfassen
lassen. Die Haushaltshilfe stand beleidigt auf.
"Das muss ich eurem Vater melden!"
Energisch stellte sie einen Topf in die Spüle.
"Nein!", rief Vivian, bekam gleichzeitig
einen Stoß von Jane und hielt sich erschrocken den Mund zu.
"Gar nichts werden sie ihm erzählen!",
begann Luna drohend. Ihre Miene drückte den gesamten Hass aus, den sie für
die Frau empfand. "Es geht sie überhaupt nichts an, was wir machen! Sie
sind hier lediglich für den Haushalt eingestellt und nicht für unsere Erziehung!"
"Da hat mir euer Vater aber was anderes
erzählt", unterbrach Margot sie.
Luna dachte kurz nach und lenkte scheinbar ein.
"Okay. Aber sie müssen ihm nicht alles erzählen. Die Sache mit dem Spiegel
hätte ich mit meinem Onkel allein klären können. Dadurch machen sie sich nicht
beliebter!" Sie schüttelte das Eis von ihrem Fuß und verließ die Küche.
Unsicher sah Margot zu Vivian und Jane, doch
diese schwiegen und hielten die Augen gesenkt.
"Was mache ich denn falsch?", fragte
sie trotzdem. "Wieso komme ich mit eurer Schwester nicht klar?"
"Luna hat recht", begann Vivian vorsichtig.
Nervös spielte sie an ihrer neuen Goldkette. "Du musst nicht gleich Vater
anrufen und ihm alles sagen. Früher haben wir solche Probleme auch allein
gelöst."
"Bist du der gleichen Meinung, Jane?"
"Ja. Auf diese Weise wirst du nie ihr Vertrauen
bekommen. Ich geh mal nach ihr sehen." Sie stand auf und verließ ebenfalls
den Raum.
"Ich werde mich bemühen", sagte anschließen
Margot zu Vivian und war froh, dass diese ihr nicht auch die kalte Schulter
zeigte.
"Was wollte Sandra von dir?"
"Geht dich nichts an!", knurrte Luna.
Sie war dabei, eine schwierige Matheaufgabe zu lösen und brauchte dazu Ruhe.
"Sie hat das gleiche Problem wie wir. Stimmt's?"
Unbeirrt redete Jane weiter und schaffte es, dass Luna aufsah.
"Von wem weist du das?"
"Ich hab's ihr angesehen. Sie ist genauso
am Ende wie du! Jetzt weiß ich auch, warum ihr euch auf einmal so gut versteht."
"Du bist mal wieder superschlau!" Luna
machte sich wieder an ihre Aufgabe. Sie wollte nicht über dieses Thema reden.
Außerdem brauchte die Schwester nicht zu wissen, dass sie ernsthaft darüber
nachdachte, gleichfalls abzuhauen.
Jane musst die Diskussion beenden, weil Vivian
ins Zimmer kam. Alle drei machten einträchtig ihre Hausaufgaben.
Auch der Abend verlief harmonisch und ruhig.
Herr Meinert hatte seine guten Vorsätze, trotz des anstrengenden Arbeitstages
nicht vergessen. Er besah sich sogar Lunas angeschwollenen Knöchel, legte
Eis drauf und verordnete absolute Ruhe. Das verwunderte die Kinder am meisten.
Lass diese Zeit wenigstens zwei Wochen andauern,
betete Vivian. Dann erlebe ich mein schönstes Weihnachten. Sie stellte sich
vor, wie sie gemeinsam im Wohnzimmer saßen und den Christbaum bewunderten.
Vielleicht gab es sogar Geschenke, die sie auspacken konnte.
Das dünne Band des Friedens hielt tatsächlich
eine ganze Woche. Die ersten Tage waren die Mädchen noch übernervös und zitterten
bei jedem Anlass, bei dem der Vater früher ausgerastet wäre. Lunas Gesundheitszustand
verbesserte sich von Tag zu Tag. An Stelle der Platzwunde, entstand eine dünne
Narbe, die in einem Jahr bestimmt nicht mehr zu sehen war.
Das zweite Wochenende, es war der 3. Advent,
verlief wie das vorige. Als ganz normale Familie saßen sie vor dem Fernseher.
Die Mädchen auf dem Sofa, der Vater auf dem Sessel.
Von Sandra hörte Luna nichts in diesen Tagen.
Sie hatte die letzte Begegnung mit ihr schon fast vergessen und dachte auch
nicht mehr darüber nach, dass auch sie weglaufen wollte.
Als die Meinert Mädchen am Montag wieder zur
Schule gingen, sahen sie so gesund aus, wie noch nie. Weder zu blass, noch
übernächtigt und auch nicht übelgelaunt.
Jane und Luna hatten es sogar geschafft, sich
nicht einmal am Wochenende zu streiten. Vivian war noch nie so glücklich in
ihrem Leben gewesen.
Noch bevor die älteren Schwestern ihren Klassenraum
betreten konnte, wurden sie von einem Lehrer aufgehalten.
"Luna Meinert?", fragte er, sah beide
Mädchen an und wusste anscheinend nicht, wer es von beiden war.
"Ja?", antwortete Luna zögernd. Es
gab keinen Grund, dass man schon wieder was von ihr wollte. Sie hatte nichts
angestellt.
"Ich soll dich ins Sekretariat bringen!",
befahl der Mann.
"Wozu?" Die Schwestern sahen sich erstaunt
an. Sie konnten sich beide nicht erklären, was das bedeuten sollte.
"Frag nicht soviel! Mitkommen!" Ohne
sich weiter um sie zu kümmern, lief der Lehrer voraus und ging davon aus,
dass sie ihm folgen würde. Luna blieb auch nichts anderes übrig, als ihm nachzugehen.
Im Sekretariat warteten schon ein paar Erwachsene
auf sie. Unter anderem auch Herr Klause.
Augenblicklich ging Luna in Abwehrstellung. So
viele Leute auf einmal machten ihr Angst und das Misstrauen wuchs.
"Guten Morgen, Fräulein Meinert." Einer
der Männer trat aus der kleinen Gruppe, kam auf sie zu und reichte ihr freundlich
die Hand. Luna nahm sie nicht an, sondern drehte sich weg.
"Warum sollte ich herkommen?", fragte
sie und sah den Direktor an.
"Mein Name ist Karstens. Ich möchte dich
kennen lernen." Unbeirrt fuhr der Mann fort und achtete nicht auf diese
Trotzreaktion.
"Ich nicht! Suchen sie sich jemanden anderes
zum Kennenlernen!"
"Jetzt stell dich nicht so zickig an! Du
wirst dich mit Herrn Karstens unterhalten!" Herr Klause ging dazwischen.
Er hatte genug von Lunas rotziger Art.
Luna warf ihm darauf einen tödlichen Blick zu,
aber das half ihr auch nicht.
Herr Karstens achtete nicht darauf. "Herr
Klause hat uns freundlicherweise sein Büro zur Verfügung gestellt, damit wir
uns unterhalten können." Mit der Hand vollführte er eine einladende Geste,
während er schon die Tür öffnete.
Misstrauisch sah Luna alle anderen an und folgte
ihm nur widerstrebend. Im Büro blieb sie mit dem Rücken an der Tür stehen.
"Luna, du kannst dich ruhig hinsetzen. Ich
will dir nichts Böses!"
Das Mädchen reagierte nicht und blieb stehen.
"Na gut." Dessen ungeachtet redete
Herr Karstens weiter. "Ich will mich erst einmal richtig vorstellen.
Mein Beruf ist Kinder- und Jugendpsychologe. Man hat mich hergeholt, weil
die Lehrer glauben, dass du einige Probleme hast."
"Was soll der Quatsch?" Aufgebracht
fuhr Luna dazwischen. "Ich habe keine Probleme! Selbst wenn es so wäre,
könnte ich die auch alleine lösen! Dazu brauche ich keinen Seelenklempner!"
Die Spannung im Raum elektrisierte sich. Wild
und kampfentschlossen sah Luna den Mann an.
"Okay, okay." Ruhig blieb Herr Karstens
sitzen. "Du musst mir nichts erzählen. Ich habe lediglich einige Fragen
an dich. Wenn du nicht willst, brauchst du die auch nicht beantworten."
"Dann fangen sie endlich an!"
"Wie kommst du in deiner Familie zurecht?
Als Adoptivkind hat man es doch bestimmt nicht immer leicht?"
"Da gibt es auch keine Probleme!"
"Und dein Stiefvater?"
"Er behandelt mich genauso wie Jane und
Vivian. Da gibt es keine Unterschiede! Er hat sogar eine Haushaltshilfe eingestellt,
damit wir uns mehr um die Schule kümmern können."
"Das ist schön zu hören." Herr Karstens
notierte sich etwas auf einem Blatt Papier. "Aber warum kommst du dann
nicht regelmäßig zur Schule?"
Er bekam keine Antwort.
"Es gibt noch was anderes, worüber wir mit
dir reden wollen. Die anderen zwei Männer da draußen, kommen von der Polizei."
Er beobachtete, wie das Mädchen zusammenzuckte, sich aber sofort wieder unter
Kontrolle hatte. Dann drückte er auf den Verbindungsknopf zur Sekretärin und
bat die Polizei hinein.
Um ein Haar hätte Luna die Tür in den Rücken
bekommen, doch sie konnte gerade noch rechtzeitig zur Seite springen.
"Ich bin Kommissar Schwarz", stellte
sich einer der beiden vor. Er reichte ihr nicht zur Begrüßung die Hand, sondern
holte gleich sein Notizbuch hervor.
"Was weist du über Sandra Strauß?"
Unwissend zuckte Luna mit den Schultern. "Gar
nichts."
Eine klare ruhige Antwort, doch der Mann glaubte
ihr nicht.
"Willst du damit behaupten, dass ihr nicht
miteinander befreundet seid?"
"Ich kenne sie flüchtig. Wir haben einmal
miteinander gesprochen."
"Dann weist du auch nicht, dass Sandra seit
einer Woche vermisst wird?"
"Nein!"
"Und du hast auch keine Ahnung, wo sie sich
aufhalten könnte?"
"Absolut keine Ahnung." Luna blieb
so gelassen, als wüsste sie nicht, worüber sie überhaupt sprachen.
"Also, gut." Kommissar Schwarz packte
sein Notizbuch wieder weg. "Sollte dir aber noch etwas einfallen, meldest
du das deinem Direktor. Der wird das dann an uns weiter geben. Du kannst jetzt
in deine Klasse zurück."
Stumm verließ Luna das Büro. Solche Idioten,
dachte sie. Als ob die was aus mir raus kriegen würden.
"Was halten sie von diesem Mädchen?"
Herr Klause sah den Psychologen fragend an. Es war reiner Zufall gewesen,
dass die Polizei und Herr Karstens gleichzeitig im Hause waren. So brauchte
man Luna nur einmal ins Büro holen, um sie zu befragen.
"Na ja, ich kann nichts besonderes an ihr
finden." Der Psychologe holte eine Akte aus seiner Tasche und blätterte
darin. "Das Mädchen ist im pubertären Alter und angesichts ihrer Vorgeschichte,
ist dieses Verhalten schon fast normal."
"Welche Vorgeschichte?", fragten die
Sekretärin und der Direktor gleichzeitig.
"Luna wurde schon einmal psychologisch untersucht. Deshalb habe ich eine Kopie ihrer Akte angefordert. Das Mädchen wurde von ihren leiblichen Eltern schwer misshandelt. Ihre Mutter ist jetzt in einer Anstalt, der Vater sitzt im Gefängnis. Aus diesem Grund haben die Meinerts sie adoptiert."
"Oh mein Gott", flüsterte die Sekretärin
fast lautlos und schlug entsetzt die Hände vor den Mund.
"Na klar! Die schlimmsten Roadies hatten
schon immer eine schlimme Kindheit", entgegnete Herr Klause ironisch.
"Das Mädchen lag wochenlang im Krankenhaus,
so schlimm wurde sie verprügelt. Außerdem haben die Eltern sie fast verhungern
lassen. Lunas jüngerer Bruder ist damals an Unterernährung gestorben."
Er machte eine kurze Pause und packte Lunas Akte wieder weg. "Ich will
damit nicht ihr Verhalten entschuldigen, aber das erklärt vieles. Luna wird
noch lange brauchen, bis sie wieder Vertrauen zu anderen Menschen findet.
Soviel ich weiß, ist sie bei Herrn Meinert bestens aufgehoben. Ich habe mich
über ihn erkundigt. Er ist ein ordentlicher Mann und
ein liebevoller Familienvater."
Eine Zeitlang blieb es still. Dann verabschiedete
sich Herr Karstens. Der Direktor und die Sekretärin wendeten sich wieder ihrer
eigentlichen Arbeit zu. Doch die Geschichte über Luna ging ihnen nicht so
schnell aus dem Kopf.
"Was war denn los?", flüsterte Jane
ganz aufgeregt. Ungeduldig hatte sie auf Lunas Rückkehr gewartet und sich
mit Schrecken alles Mögliche ausgemalt, worum es gehen könnte.
"Wegen Sandra", gab Luna ebenso leise
zurück.
"Wieso?" Mit allem hatte Jane gerechnet,
nur nicht damit.
"Die hat's zu Hause nicht mehr ausgehalten
und ist abgehauen!"
Die Mädchen wurden vom Lehrer unterbrochen, der
sie grimmig ansah, weil sie seinen Unterricht störten.
Jane beschloss, Luna in der Pause weiter auszufragen.
In der großen Pause packte Luna ihre Sachen zusammen.
Alle Mitschüler befanden sich schon auf dem Hof, nur die Schwestern waren
zurückgeblieben.
"Was hast du jetzt schon wieder vor?",
fragte Jane ängstlich.
"Ich muss zu Sandra."
"Wozu?"
"Ich will sie warnen, dass sie von der Polizei
gesucht wird!" Energisch schüttelte Luna, Janes Arm ab, der sie hindern
wollte, weiter zu packen.
"Bitte geh nicht! Damit zerstörst du alles!
Du weist doch gar nicht, wo sie ist." Janes Stimme klang kläglich.
"Natürlich weiß ich, wo sie ist. Sonst würde
ich nicht hingehen! Sag dem Lehrer, mir wäre schlecht geworden, oder ich hätte
meine Tage bekommen. Das müssen sie akzeptieren!"
Sie stand schon an der Tür.
"Und wenn Vater das raus kriegt?" In
Janes Augen schwammen die Tränen. "Du machst den Frieden absichtlich
kaputt!"
"Er bekommt es nicht raus! Und jetzt mach,
was ich dir gesagt habe!" Luna ging und ließ eine völlig verstörte Schwester
zurück. Sie war sich sicher, dass nichts schief gehen konnte.
Unbemerkt kam sie an dem Aufsichtslehrer vorbei
und stand fünf Minuten später vor der Schule. Auf direktem Weg ging sie zu
der verlassenen Fabrikhalle.
Unterwegs dachte sie darüber nach, was sie tun
sollte, wenn Sandra gerade nicht da war. Vielleicht hatte sie sich inzwischen
eine andere Unterkunft gesucht? Eine, die wärmer war. Aber das konnte sich
Luna nicht vorstellen. Sandra hätte ihr mit Sicherheit Bescheid gesagt.
Doch Luna hatte Glück. Sandra schlief auf den
Matratzen, zugedeckt von mehreren, schmutzig alten Decken.
Vorsichtig rüttelte Luna sie wach. Es dauerte
lange, bis die Freundin zu sich kam und sie erkannte. Die Mädchen sahen sich
freudig an.
"Mensch Luna! Ich hätte nie gedacht, dass
du doch noch kommst!" Umständlich schälte sie sich aus den Decken und
griff nach einer Flasche, die neben dem Lager stand. Das Etikett war abgerissen
und Luna konnte nicht erkennen, was es war.
"Ich wollte dich nur warnen. Die Polizei
war heute in der Schule und hat mich nach dir gefragt."
"Was hast du geantwortet?" Sandra blieb
darauf völlig gelassen.
"Na hör mal! Schließlich kenne ich dich
nur flüchtig! Woher soll ich dann wissen, wo du dich aufhältst?"
Die Mädchen lachten laut auf. Sandra reichte
die Flasche weiter und Luna trank, ohne nachzufragen. Es schmeckte scheußlich
und undefinierbar, aber tapfer schluckte sie die brennende Flüssigkeit hinunter.
"Du bist also nicht gekommen, um hier zu
bleiben?", fragte Sandra schließlich.
Langsam schüttelte Luna mit dem Kopf. "Er
hat mir seit einer Woche nichts getan. Noch nie war er so freundlich zu uns.
Ich glaube ihm wirklich."
"Stimmt! Du siehst wirklich gut aus!",
antwortete Sandra nach längerer Betrachtung. "Aber glaube mir. Das hält
höchstens noch bis Weihnachten. Wenn dann der Alltag anfängt, bist du wieder
reif! Sollte er sich ernsthaft geändert haben, hast du ganz großes Glück.
Ich würde es dir gönnen."
Sandra war ein wenig enttäuscht. Es wäre so schön
gewesen, wenn Luna bei ihr blieb. Zu zweit hätten sie es viel leichter gehabt.
"Ich muss jetzt wieder gehen." Luna
stand auf. "In zwei Tagen komme ich noch mal vorbei. Soll ich dir irgendwas
mitbringen? Brauchst du was bestimmtes?"
"Was essbares wäre nicht schlecht",
antwortete Sandra, ohne zu zögern. Jetzt, wo sie wusste, dass man sie suchte,
konnte sie sich nicht so oft auf die Straße trauen. Schließlich wollte sie
nicht zu ihren Eltern zurückgebracht werden.
"Mal sehen, was ich machen kann", verabschiedete
sich Luna und ging zum Ausgang.
Auf dem Vorplatz kamen ihr zwei Typen entgegen,
die sie misstrauisch musterten. Ohne Worte lief sie an den beiden vorbei und
verließ das Fabrikgelände.
Das müssen Sandras neue Freunde sein, dachte
sie noch. Niedliche Jungs.
Jane und Vivian waren auf dem Heimweg. Die jüngere
Schwester hatte der Älteren schon ein Loch in den Bauch gefragt, wo Luna abgeblieben
sei. Jane erklärte es ihr mit wenigen Worten. Sie selber machte sich viel
mehr Gedanken darüber, was sie Margot erzählen sollte, wenn diese sich ebenfalls
nach Luna erkundigte.
Doch drei Straßen vor ihrem Haus stand Luna,
lässig an einen Zaun gelehnt und wartete auf sie.
Ein Stein fiel Jane vom Herzen, als sie die Schwester
erkannte.
"Hat es geklappt?", fragte Luna und
lief neben ihr her. Es sah so aus, als wären sie schon den ganzen Schulweg
zusammen gelaufen.
"Ja", knurrte Jane. Sie war sauer,
weil sie schon wieder für Luna lügen musste und die Lehrer sie nach sämtlichen
Einzelheiten ausgefragt hatten.
"Na siehst du! Ich hab dir auch was mitgebracht!"
Luna tat so, als würde sie die schlechte Laune der Schwester gar nicht bemerken.
Kurz zuvor hatte sie für Jane, in einem Laden, eine kleine Flasche mitgehen
lassen. Sozusagen als Belohnung. Denn obwohl Herr Meinert sie jetzt in Ruhe
ließ, tranken beide Mädchen noch genauso viel wie früher. Sie konnten einfach
nicht anderes und schon gar nicht ohne.
Daheim erwartete sie wie üblich Frau Müller mit
dem Mittagessen. Luna und Margot sprachen immer noch nicht miteinander, dafür
plapperte Vivian unaufhörlich.
Der Tag verlief genauso, wie die in der letzten
Woche. Anschließend machten die Mädchen ihre Hausaufgaben. Die Haushaltshilfe
ging irgendwann heim und abends kam der Vater. Sie aßen gemeinsam Abendbrot,
schauten neuerdings zusammen fern und 21 Uhr mussten die Kinder ins Bett.
So sah der neue Alltag aus.
Am Dienstag in der Schule wurde Luna noch einmal
nach dem Grund ihres gestrigen Verschwindens gefragt. Aber sie blieb dabei,
dass sie ihre Tage bekommen hätte und deswegen so schnell wie möglich nach
Hause musste.
"Ich hab dir doch gleich gesagt, die glauben
uns nicht! Spätestens seit der Geschichte mit dem Entschuldigungsbrief!",
sagte Jane, nachdem die Klassenlehrerin wieder gegangen war. Die Mädchen konnten
ja nicht ahnen, dass Frau Geiger von diesem Brief nichts wusste, weil sie
die letzten 14 Tage krank gewesen war.
Luna wollte gerade auffahren und irgendeine passende
Antwort der Schwester entgegen schleudern, da trat die Sprecherin der Klasse
an ihre Bank. Freundlich und hilfsbereit, wie das nun mal ihre Art war, sah
Tanja die Schwestern an.
"Morgen abend findet die Weihnachtsparty
in der Turnhalle statt. Ich wollte nur wissen, ob ihr beiden auch hinkommt."
Luna und Jane wechselten einen kurzen, erstaunten
Blick.
"Klar kommen wir, wenn du uns sagst, wann
sie anfängt." Jane lächelte Tanja hocherfreut an.
"18 Uhr geht es los. Es wäre wirklich schön,
wenn ihr kommen wollt. Dann können wir uns auch ein bisschen besser kennen
lernen."
Tanja erzählte ihnen natürlich nicht, dass es
Frau Geiger gewesen war, die sie gebeten hatte, die Meinert Schwestern mehr
in die Klassengemeinschaft einzubeziehen. Bis zu diesem Tag hatten Luna und
Jane nur das Nötigste mit ihren Mitschülern gesprochen und auch die anderen
ließen sie in Ruhe, seit sie wussten, wie rücksichtslos und brutal Luna sein
konnte.
Tanja entfernte sich wieder von der letzten Bank
und Luna sah ihre Schwester mit schmalen Augen an.
"Vielleicht sollten wir erst einmal deinen
Vater fragen, ob er uns überhaupt hingehen lässt!"
Doch Jane lachte sie an. "Schon vergessen,
dass Frieden ist? Warum sollte er uns nicht auf eine Schulveranstaltung gehen
lassen? Außerdem wollte ich schon immer mal auf eine Party, oder warst du
schon auf einer?"
"Ich hab keine Lust auf so was! Menschengedränge
und laute Musik, können mich nicht gerade begeistern!"
"Ach bitte Luna." Mit flehenden Augen
sah Jane die Schwester an. Die Hände hatte sie bittend zusammengelegt. "Allein
lässt mich Vater bestimmt nicht hingehen. Wir müssen ihn gemeinsam fragen."
Luna antwortet nicht, weil es zur nächsten Stunde
klingelte und der Lehrer rein kam. Doch während der Stunde sah Jane sie so
oft bittend an, bis Luna endlich zustimmend nickte.
Auch die kleine Schwester redete auf dem Heimweg
von nichts anderem. Unaufhörlich bat sie Luna und Jane, den Vater zu überzeugen,
dass die drei Mädchen unbedingt hingehen mussten. Irgendwann reichte es Luna
und sie blieb genervt stehen.
"Wieso wollt ihr beiden da unbedingt hin?
Ich kann mir einfach nicht vorstellen, was daran so toll sein wird!"
"Natürlich wird das schön!" Die Schwestern
blieben ebenfalls stehen.
"Außerdem sollten wir wirklich mal ein paar
Leute kennen lernen, jetzt wo Vater so lieb zu uns ist. Freunde machen einem
das Leben leichter." Altklug sah Jane sie an.
"Ich will aber niemanden kennen lernen und
auch keine neuen Freunde!", brauste Luna, schon wieder aggressiv, auf.
"Auch keine Jungs?" Verschmitzt lächelnd
sah Vivian die älteren Mädchen an. "Andere in eurem Alter haben längst
einen festen Freund!"
"Auch darauf kann ich verzichten!"
Wütend über die Weisheiten der Stiefschwestern, lief Luna weiter.
Verdattert blieben Vivian und Jane allein. Denen
blieb gar nichts anderes übrig, als ihr nachzulaufen.
Sogar Frau Müller wusste von der großen Weihnachtsparty,
denn sie hatte die Plakate gelesen, die überall aufgehängt waren.
"Geht ihr drei da auch hin?", wollte
sie wissen, während sie das Essen auf den Tisch stellte. "Das ist die
schönste Feier vom ganzen Jahr."
Besorgt sah Jane zu Luna und fürchtete einen
erneuten Wutausbruch. Doch es blieb ruhig in der kleinen Küche.
"Wir müssen erst unseren Vater fragen. Hoffentlich
lässt er uns hingehen." Vivian schwatzte wie immer, völlig unbeschwert.
"Warum sollte er euch nicht hingehen lassen?"
Erstaunt sah Margot die Mädchen an. "Ich werde einfach ein gutes Wort
für euch einlegen, wenn er mich nachher anruft. Dann wird das schon klappen."
Ruckartig stand Luna auf. Ihr Stuhl kippte dabei
um. Sie wollte was sagen, beherrschte sich jedoch in letzter Sekunde und stürmte
dann aus der Küche. Verwundert sahen ihr alle nach.
"Hab ich schon wieder was falsch gemacht?",
fragte Margot vorsichtig. "Ich wollte euch doch nur helfen."
"Sie hat keine Lust, dahin zu gehen!"
Ohne sich weiter darum zu kümmern, begann Jane zu essen.
Frau Müller sagte gar nichts mehr. Die Reaktionen
des Mädchens wurden ihr immer unheimlicher. Bis jetzt wusste noch niemand,
dass sie vorhatte, bei der Familie Meinert zu kündigen. Sie kam zum ersten
mal nicht mit den Kindern zurecht. Außerdem war ihr Ehemann schwer erkrankt
und dieser brauchte nun ihre ganze Hilfe und Pflege. Die Haushaltshilfe wollte
nur noch diese Woche bleiben, dann musste sich Herr Meinert eine neue suchen.
Später im Zimmer packte sich Jane die Stiefschwester.
"Hör zu, Luna! Jetzt reden wir mal Klartext!" Sie hatte sich vor
dem Bett aufgebaut, auf dem Luna lag. Die Hände wütend in die Hüften gestemmt
und ohne darauf zu achten, dass Margot alles mithören konnte, schnauzte Jane
sie an.
"Vivi und ich, wir wollen unbedingt auf
diese Party und zum ersten Mal in unserem Leben, haben wir die Chance, da
auch hin zu dürfen! Wenn du uns das mit Absicht verdirbst, dann Gnade dir
Gott! Ich lass mir von dir nicht meine Träume zerstören! Irgendwann will ich
auch mal ganz normal sein, wie alle anderen! Außerdem habe ich es satt, ständig
nach deiner Pfeife zu tanzen! Und in Zukunft verhältst du dich zu Margot etwas
freundlicher! Wenn deshalb alles wieder von vorne beginnt, kannst du was erleben!
Dann lernst du mich mal richtig kennen!"
Luna hatte sich in ihrem Bett aufgerichtet und
blickte sie mit gelassenem Gesichtsausdruck an. "Hast du sonst noch was
auf dem Herzen?", fragte sie eiskalt.
"Ja, ich hasse dich!" Jane drehte sich
weg, weil ihr die Tränen in die Augen stiegen. Diese Genugtuung wollte sie
Luna nicht gönnen.
Sprachlos hatte Vivian dem Streit der Schwestern
zugehört. Sie konnte nicht verstehen, was da vor sich ging und blickte eine
nach der anderen an.
"Das habt ihr doch nicht ernst gemeint,
oder?", fragte sie eine Viertelstunde später und hoffte, dass sich beide
wieder beruhigt hatten. Eine Antwort erhielt sie nicht, denn beide Mädchen
sahen sich nur feindselig an.
Bis zum Abend, wo Herr Meinert heim kam, sprachen
sie keinen Ton miteinander. Danach taten sie so, als wäre alles in bester
Ordnung.
Doch während des Abendessens geschah das Wunder.
"Morgen abend findet in der Schule eine
große Weihnachtsfeier für alle Schüler statt." Luna hatte lange mit sich
gehadert, ob sie diejenige sein sollte, die nachfragte. Ein Blick in Vivians
traurige Augen, hatte sie schließlich umgestimmt. "Würdest du uns erlauben,
da ebenfalls hinzugehen?"
Der Vater hörte auf zu kauen und sah seine Töchter
nachdenklich an. "Wie lange geht diese Veranstaltung?"
"18 Uhr fängt sie an und 22 Uhr ist sie
zu Ende. Lehrer sind auch dabei. Es kann nichts passieren." Jane redete
weiter, weil der Vater sie zuletzt angesehen hatte.
"Meinetwegen!", brummte der Mann schließlich.
"Aber ihr seid halb zehn wieder zu Hause. Vergesst nicht, dass ihr am
anderen Tag wieder Schule habt!"
Die Mädchen nahmen es dankbar hin. Sie waren
schon froh, überhaupt hingehen zu dürfen. Um die letzte halbe Stunde wollten
sie nicht feilschen. Im Gegenteil, sie bedankten sich artig.
"Mit dir muss ich nachher noch reden!"
Luna schreckte auf. Der Onkel sah ihr direkt
in die Augen. In ihrem Kopf begann es fieberhaft zu arbeiten.
Was hatte sie nun schon wieder falsch gemacht?
Was wollte er von ihr?
Unruhig wartete sie darauf, dass Herr Meinert
mit dem Essen fertig wird. Sie selber brachte keinen Bissen mehr herunter.
Endlich war es soweit. Mit fahrigen Bewegungen stand Luna vom Tisch auf und
folgte ihm ins Wohnzimmer.
"Der Anwalt deines Vaters hat mich heute
aufgesucht", begann Lunas Onkel ohne Umschweife und setzte sich gemütlich
in seinen Sessel.
Luna musste sich gleichfalls hinsetzen, weil
ihr mit einmal die Kraft fehlte. Entsetzt blickte sie den Mann an. "Was
wollte er von dir?"
"Dein Vater hat dir doch vor einigen Wochen
geschrieben und angefragt, ob er dich besuchen dürfte. Das gleiche wollte
auch sein Anwalt von mir wissen. Ich hab ihm gesagt, darüber müsste ich erst
mit dir reden."
"Ich will ihn nicht sehen!", flüsterte
Luna.
"Das kann ich verstehen. Du hast Angst vor
ihm, weil er durch dich ins Gefängnis wanderte. Ich werde das seinem Anwalt
mitteilen!" Herr Meinert stand auf und ging an ihr vorbei. An der Tür
rief er nach Vivian und Jane, damit sie gemeinsam fernsehen konnten. Für ihn
war die Sache erledigt, doch in Luna machte sich die Panik breit. Was würde
geschehen, wenn ihr Vater auch ohne Erlaubnis plötzlich vor der Wohnungstür
stand?
Nervös kaute sie an den Fingernägeln. Auf den
Bildschirm und das Programm konnte sie sich keine Sekunde lang konzentrieren.
"Darf ich schon ins Bett gehen? Mir geht
es nicht besonders", entschuldigte sie sich, stand auf und ging, ohne
auf Antwort zu warten, aus dem Raum.
Jane spürte, als die Schwester an ihr vorbei
lief, wie stark Luna erregt war. Sie sah ihr besorgt nach, dann den Vater
an, doch dieser reagierte nicht.
Luna hatte sich die kleine Flasche Wodka, die
eigentlich für Jane gedacht war, mit ins Bett genommen. Sie wollte die Erinnerungen
an ihren leiblichen Vater verdrängen, doch je mehr sie trank, um so deutlicher
schob sich das Gesicht des Vaters vor ihr geistiges Auge.
Luna kannte ihn nur betrunken, mit verzerrter
Maske, roter Schnapsnase und ekelhafter Alkoholfahne. Wenn er nicht gerade
in der Kneipe hockte, oder auf dem Sofa seinen Rausch ausschlief, dann verprügelte
er seine Frau. Diese war aber meistens so benommen, dass sie gar nichts mehr
mitkriegte und dann schnappte er sich seine Tochter. Manchmal sogar seinen
kleinen Sohn, der ohnehin nicht ganz richtig im Kopf gewesen war. Die Mutter
hatte daran schuld, weil sie auch während der Schwangerschaft mit ihm, nicht
auf den Alkohol verzichtete.
Das Mädchen konnte nicht verhindern, dass auch
das schlimmste Erlebnis mit ihrem Vater, wieder hochkam. Jahrelang hatte sie
darüber geschwiegen und es nicht einmal vor dem Gericht erzählt.
Eines Abends hatte er seine Zechkumpanen mit
heim gebracht. Ängstlich hatte sie damals, gerade 9 Jahre alt, gelauscht,
wie die Männer grölten und lachten. Irgendwann hatte sie sich die Decke über
den Kopf gezogen und die Ohren zugehalten. Allerdings merkte sie dadurch nicht,
dass der Vater plötzlich ins Zimmer kam. Er hatte sie aus dem Bett gezerrt
und mit ins Wohnzimmer geschleift. Völlig erstarrt blieb das kleine Mädchen
vor den ekelhaften Männern stehen. Das Weinen hatte sie sich zu dieser Zeit
schon lange abgewöhnt.
Irgend jemand packte sie und zerriss das viel
zu große Nachthemd. Nackt, schutzlos und total ausgeliefert, wurde sie zwischen
den Kerlen hin und her geschubst. Der Vater schämte sich nicht einmal, für
den zerschundenen Körper seiner Tochter. Doch in ihrem berauschten Zustand,
merkten das die Männer nicht. Überall tatschten sie
das hilflose Mädchen an, bis sie schließlich ohnmächtig umfiel.
Am nächsten Morgen erwachte Luna wieder in ihrem
Bett. Sämtliche Erinnerungen an die vergangene Nacht, verdrängte und behandelte
sie, wie einen lästigen Traum.
Jane kam ins Kinderzimmer und fand Luna tränenüberströmt
vor.
"Luna, was ist denn los?" Hastig war
sie am Bett und nahm die Schwester liebevoll in den Arm. "Was hat Vater
zu dir gesagt?"
"Mein Vater wird entlassen und will mich
sehen." Luna schluchzte, schniefte und stotterte gleichzeitig. Die Tränen
hatte sie sich jedoch blitzschnell an der Bettdecke abgewischt.
"Das kann er doch gar nicht", versuchte
Jane sie zu trösten.
"Warum denn nicht? Schließlich ist er mein
Vater", begehrte Luna erneut auf.
"Ich hab wahnsinnige Angst vor ihm",
flüsterte sie dann, so dass Jane sie kaum verstand.
"Es geht trotzdem nicht! Offensichtlich
hat dich niemand darüber aufgeklärt", stellte Jane fest, setzte sich
noch enger zu Luna und sah sie ernsthaft an. "Als Mama noch lebte, hat
sie mir einmal von dem ganzen Fall erzählt. Das war kurz bevor du zu uns kamst
und ich sollte damals wissen, wie ich mich dir gegenüber verhalten soll. Jedenfalls
haben deine leiblichen Eltern keinen Anspruch mehr auf dich! Verstehst du?
Die haben das Sorgerecht für dich verloren!"
Jane brach ab und es blieb ruhig im Zimmer. Nur
die Geräusche, die Luna verursachte, wenn sie die Nase hochzog, durchbrachen
die Stille.
"Ist das wirklich wahr? Bist du dir da ganz
sicher?" Nach endlosen Minuten sah Luna die Schwester an.
"Ja!" Noch ehe Luna reagieren konnte,
hatte Jane ihr die Flasche weggenommen. "Und ich entschuldige mich für
alles, was ich heute mittag zu dir gesagt habe!" Lächelnd öffnete sie
den Verschluss.
"Ich mich auch", gab Luna zögernd zu.
"Trink ruhig! Die war so und so für dich gedacht!"
"Sag bloß, du hast für mich geklaut?"
Ungläubig starrte Jane sie an.
"Nein, ein obdachloser Penner hat sie mir
geschenkt!"
Wieder versöhnt, fielen sich die Schwestern um
den Hals.
Durch Janes Offenheit konnte Luna beruhigt einschlafen.
Trotzdem wurde sie mehrmals wach, weil sie geträumt hatte, ihr Vater wäre
gekommen, um sie zu holen. Aber dann erinnerte sie sich an die Worte der Stiefschwester,
drehte sich auf die andere Seite und schloss erneut die Augen.
Am nächsten Tag in der Schule hatte sie ständig
das Gefühl, von den Lehrern angestarrt zu werden.
Einige sahen sofort wieder weg, wenn Luna sie
anblickte, andere sahen ihr mitleidig nach.
Luna konnte nicht wissen, dass mittlerweile jeder
Lehrer über ihre Kindheit und ihre leiblichen Eltern informiert war. Hätte
sie es erfahren, hätte sie alles daran gesetzt, dass den Erwachsenen der mitleidige
Gesichtsausdruck verging. Irgendwas wäre ihr da bestimmt eingefallen.
Aber sie wusste es nicht und so glaubte Luna,
dass man sie beobachtet, weil sie von der Polizei befragt wurde. Allerdings
musste sie dadurch ihren Besuch bei Sandra verschieben. Sie wäre unmöglich
unbemerkt aus der Schule gelangt und eine Krankheitsgeschichte konnte sie
nicht schon wieder vorschieben.
"Was ist denn heute nur los?" Auch
Jane war aufgefallen, dass die Lehrer stehen blieben, wenn sie die Meinert
Mädchen sahen.
"Keine Ahnung!" Unwissend hob Luna
die Schultern. "Ich hab nichts angestellt!"
"Weiß ich auch. Trotzdem gaffen die uns
an, als ob es so wäre!"
"Kann uns doch egal sein." Mit den
Augen suchte Luna den Schulhof nach Vivian ab. Sie hatten große Pause und
die kleine Schwester war noch nicht, wie sonst, zu ihnen gekommen. Doch dann
entdeckte Luna sie. Zusammen mit Mädchen aus Vivians Klasse. Zufrieden wand
sie sich wieder Jane zu.
An diesem Tag redete niemand von etwas anderem,
als von der Weihnachtsfeier. Vivian und Jane hatten sich am Morgen noch einmal
überschwänglich bei Luna bedankt, dass sie den Mut aufgebracht hatte, den
Vater zu fragen, obwohl sie selber gar nicht hin wollte. Doch Luna hatte nur
verächtlich abgewinkt. Sie wollte keinen Dank, sie wollte ihre Ruhe. Außerdem
hatte sie sich so und so vorgenommen, während der Party auf dem Schulhof zu
warten. Vielleicht konnte sie ja noch am Nachmittag, irgendwas zu Trinken
auftreiben.
Der Abend kam schneller, als Luna es sich wünschte.
Ihre Schwestern waren schon eifrig dabei, zu überlegen, was sie anziehen sollten.
Darüber machte Luna sich keine Gedanken. Sie ging wie immer. In ihren alten
Jeans und irgendeinem Sweatshirt. Dazu die dicke Winterjacke und schon war
sie fertig.
Vivian wollte sich am liebsten schminken, doch
die älteren Schwestern waren sich einig und sagten nein. Sie selber besaßen
das Zeug auch nur, um irgendwelche verräterischen Stellen zu verstecken und
nicht, um hübscher zu wirken.
"Hast du alles?", fragte Luna, kurz
bevor es losging. Jane verstand, nickte und deutete auf ihre dicke Jacke.
Sie war am Nachmittag noch mal losgezogen und hatte eine neue Flasche besorgt.
Die Party war schon voll im Gange, als die Mädchen
das Schulgelände betraten. Ohrenbetäubende Musik drang aus der Turnhalle.
Die Gesichter von Jane und Vivian hellten sich auf. Luna blieb irritiert stehen.
Noch nie war sie auf einer Party gewesen. Sie
wusste überhaupt nicht, wie so was abläuft. Ihr, sonst sehr stark ausgeprägtes,
Selbstbewusstsein verschwand und schüchtern sah sie sich um. Von allen Seiten
her strömten Schüler auf die Halle zu. Alle hatten es eilig, hineinzukommen.
"Jetzt komm schon! Gib dir nen Ruck!"
Jane war zurückgekommen und packte die Schwester an der Hand.
"Drinnen gibt es sogar Weihnachtspunsch,
jedoch ohne Alkohol", fügte sie hinzu.
Doch Luna konnte sich nicht von der Stelle bewegen.
"Ich bleibe hier", sagte sie leise.
"Du kommst mit!", antwortete Jane energisch.
"Oder soll ich jedem erzählen, dass die großartige Ludmilla Meinert,
die keine Prügelei scheut, Angst vor einer Schulparty hat?"
"Könnten wir vielleicht erst was trinken?",
zaghaft machte Luna einen Schritt in Richtung Toiletten. Ihre Schwester war
nicht dagegen und gemeinsam verschwanden sie in der Mädchentoilette. Vivian
hatte sich schon längst unters Volk gemischt und ihre neuen Freundinnen gefunden.
Mit denen stand sie jetzt zusammen und sie lachten und alberten, wie das Mädchen
in ihrem Alter nun mal tun.
Die Schwestern hatten bei dem Alkohol kräftig
zugelangt und jetzt fühlte Luna sich schon viel besser und mutiger. Von der
Flasche war nur noch die Hälfte übrig.
Dann beschlossen sie, sich in das Innere der
umgestalteten Turnhalle zu wagen.
Erschrocken blieb Luna drinnen erneut stehen.
Das grelle Licht der Diskobeleuchtung blendete und sie schloss die Augen.
Aber sie hatte keine Chance, denn Jane zog sie einfach hinter sich her. Blindlings
musste Luna ihr durch die Menschenmassen folgen.
In einer Ecke, wo es ein wenig ruhiger war, hielt
Jane dann an. Erschöpft ließ Luna sich auf ein paar Turnmatten nieder. Die
Ruhe war ihr jedoch nicht lange gegönnt, denn sie sah, wie Tanja mit zwei
anderen Mädchen aus ihrer Klasse, auf sie zukam.
"Hauch die bloß nicht an!", raunte
sie noch Jane zu, dann standen die Mitschülerinnen schon vor ihnen.
"Hallo! Schön, dass ihr gekommen seid",
begrüßte Tanja sie, als würden sie sich schon Jahre kennen.
"Ja, wir konnten uns von den vielen Geschäftsterminen
frei machen", alberte Jane. Der Alkohol war ihr schon mächtig zu Kopf
gestiegen und sie dachte gar nicht daran, dass Tanja eventuell ihre Fahne
riechen konnte. Diese verzog jedoch nicht einmal das Gesicht.
"Wollt ihr Weihnachtspunsch?" Die anderen
Mädchen hielten die Gläser schon in der Hand. "Wir haben besonders guten."
Verschwörerisch blinzelte sie mit den Augen. Auch Tanja lächelte wissend.
"Wieso?", fragte Jane ahnungslos.
"Der schmeckt besonders fein. Probiert ihn
doch", forderte Tanja sie auf und reichte die Gläser weiter.
Luna konnte schon am Geruch erkennen, dass der
Punsch mit jeder Menge Alkohol gestreckt worden war.
Vorsichtig kostete sie das unbekannte Getränk
und wider Erwarten schmeckte es ihr.
"Auf die Freundschaft!", prostete Jane.
Sie bekam den Satz nicht mehr ganz flüssig heraus, doch das störte in dieser
Ecke niemanden. Hauptsache es kam kein Lehrer zu ihnen. Doch Luna konnte auf
Anhieb auch keinen entdecken.
Die Party ging weiter und die fünf Mädchen bleiben
beieinander. Die Schwestern fanden Tanja, Vera und Kathrin richtig nett. Normalerweise
hätten sie denen gar nicht zugetraut, dass sie es wagten, auf so einer Veranstaltung
Alkohol mitzubringen und ihn auch zu trinken.
Mehrere Male noch, wurden die halbvollen Punschgläser
von einem Flachmann aufgefüllt, den Kathrin bei sich trug. Sie verteilte den
Schnaps recht großzügig.
Dass Luna und Jane ebenfalls eine Flasche bei
sich hatten, verrieten sie nicht. Trotz der aufkommenden Freundschaft blieben
sie vorsichtig und morgen war auch noch ein Tag.
"Mir ist schlecht", flüsterte Jane,
Luna ins Ohr. Sie schwankte schon mächtig und Luna hatte nun die Aufgabe,
die Schwester unbemerkt zur Toilette zu bringen.
Luna schaffte es sogar, Jane zu einer anderen
Toilette zu schaffen, die nicht in der Nähe der Turnhalle war. Dort wäre es
womöglich aufgefallen und irgend jemand hätte nachgefragt, warum Jane sich
erbrechen muss.
In der Zeit, wo Jane sich über das Becken beugte
und den ganzen Punsch samt Alkohol wieder raus spuckte, genehmigte Luna sich
noch einen Schluck aus ihrer Flasche. Sie hatte sie gerade an die Lippen gesetzt,
als sie die Tür hinter sich, aufgehen hörte.
"Das darf ja wohl nicht wahr sein!"
Völlig entsetzt blieb Frau Geiger stehen und sah auf Luna, die sich herum
drehte. Die Flasche immer noch am Mund. Dann glitt ihr diese aus der Hand
und zerbrach auf dem Fußboden.
"Verdammte Scheiße!" Jane kam aus ihrer
Kabine gestürzt, wollte Luna noch irgendwas passendes sagen, unterließ es
aber, als sie die Klassenlehrerin erblickte. Alle drei blieben, wie vom Donner
gerührt stehen.
"Verdammte Scheiße!", wiederholte Jane
sich, allerdings in einer anderen Tonart.
"Das kannst du aber laut sagen!" Endlich
hatte die Lehrerin begriffen, was sich hier abspielte. "Ihr beiden kommt
jetzt mit. Ich glaub, wir müssen uns unterhalten!"
Da jeder Widerstand zwecklos war, folgten ihr die Mädchen auch gehorsam. Luna zwang ihr benebeltes Gehirn zum Denken, aber ihr fiel keine Lösung ein.
Frau Geiger führte sie ins Lehrerzimmer und wie
aus dem Nichts, tauchte auch der Direktor auf. Die Lehrerin schilderte ihm
mit wenigen Worten die Sachlage, dann unterhielten sie sich so leise, dass
die Schwestern nichts verstehen konnten.
"Woher habt ihr den Alkohol?" Herr
Klause drehte sich zu den Mädchen, die wie Angeklagte nebeneinander saßen
und nicht aufsahen. Jane hatte immer noch mit ihrer Übelkeit zu kämpfen, also
musste Luna antworten.
"Von zu Hause."
"Willst du mir weismachen, euer Vater erlaubt
euch, Alkohol zu trinken?" Rasend schnell kam der Mann auf sie zu. Luna
erschrak fürchterlich und sprang augenblicklich auf. Im ersten Moment glaubte
sie, er wolle zuschlagen. Wie Kampfhähne standen sie sich gegenüber.
"Was soll das?", schrie der Direktor,
sichtlich irritiert. "Wer hat dir erlaubt, aufzustehen?"
"Setze dich bitte wieder hin." Mit
ruhiger Stimme und sanfter Hand, drückte Frau Geiger das Mädchen wieder auf
den Stuhl. Eine handgreifliche Auseinandersetzung wollte sie auf jeden Fall
vermeiden.
"Es ist alles gut, Luna. Niemand will die
weh tun." Die Lehrerin versuchte es nun mit der Mitleidstour. "Sag
uns nur, woher du die Flasche hast. Die ist doch bestimmt nicht gekauft."
"Natürlich ist die gekauft. Auf der Straße
findet man keine vollen Flaschen!" Luna beruhigte sich keineswegs und
Mitleid zog bei ihr überhaupt nicht.
"Es reicht! Ich rufe Herrn Meinert an, damit
er seine Mädchen abholen kann!" Der Direktor verließ das Lehrerzimmer.
"Bitte nicht", rief Jane ihm nach,
ziemlich schwach und außerdem sinnlos. Dann ließen beide Mädchen niedergeschlagen
die Köpfe hängen. Sie wussten, was geschehen würde, wenn der Vater sie erst
einmal zu Hause hatte. Der Frieden war dann mit Sicherheit vorbei.
"Luna. Ich weiß, was du als Kind durchmachen
musstest. Aber das ist doch noch lange kein Grund, selber zur Flasche zu greifen.
Du siehst doch, was der Alkohol aus deinen Eltern gemacht hat." Frau
Geiger wollte damit das Vertrauen des Mädchens gewinnen, erreichte jedoch
genau das Gegenteil.
Luna ging wie eine Rakete hoch. "Gar nichts
wissen sie über mich und meine Eltern!", brüllte sie die Lehrerin an.
"Und es hat sie einen Scheißdreck zu interessieren, was aus meinen Eltern
geworden ist!"
Hilflos brach sie ab und atmete tief durch. Sie
musste ruhig bleiben, sonst machte sie alles noch viel schlimmer. Ratlos sah
sie ihre Schwester an, doch diese saß völlig apathisch auf ihrem Stuhl und
blickte auf den Boden. Eine Hilfe war sie für Luna jedenfalls nicht.
Die Klassenlehrerin wirkte durch diesen Ausbruch
sichtlich verwirrt. Sie wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. So blieb
sie stumm und wartete auf die Rückkehr des Direktors.
Herr Klause kam dann auch zurück. Auf seinem
Gesicht spiegelte sich ein zufriedener Ausdruck.
Du elender Scheißkerl, dachte Luna, als sie seinen
grinsenden Mund sah. Wenn du wüsstest, was du durch diesen Anruf alles kaputt
gemacht hast, würde dir das Lachen vergehen. Irgendwann zahle ich dir das
heim!
"Euer Vater wird euch gleich abholen",
sagte er und blieb in der Tür stehen. Sollte eines der Mädchen versuchen zu
fliehen, so wollte er das verhindern. Ihm war die Panik der Schwestern nicht
entgangen.
"Er hat sich nicht gerade über meinen Anruf
gefreut", fügte er hinzu. Die Angst, die er ihnen einjagte, bereitete
ihm richtig Freude.
Luna und Jane mussten noch 15 Minuten warten,
bis die Tür aufging und Herr Meinert davor stand. Sie hielten sich an den
Händen, drückten sie und sprachen sich auf diese Weise Mut und Trost zu.
"Kann ich meine Kinder gleich mitnehmen?",
fragte er, nachdem er die Lehrerin und den Direktor begrüßt hatte. Äußerlich
blieb er ganz ruhig und spielte den besorgten Familienvater. Nur Luna und
Jane erkannten den gefährlichen Blick in seinen Augen. Ihre Angst stieg zunehmend.
"Selbstverständlich. Packen sie die Mädchen
ins Bett, damit sie ihren Rausch ausschlafen können und morgen wieder fit
für die Schule sind!" Der Direktor verhielt sich ebenso freundlich, wie
Herr Meinert. Nur Frau Geiger betrachtete den Mann intensiv. Schon in dem
Moment, in dem er zur Tür herein trat, war Herr Meinert ihr merkwürdig. Sie
konnte sich nicht erklären, woran das lag, aber auch sie spürte, das etwas
gefährliches von diesem Mann ausging. Wenn das mal gut geht, dachte sie.
"Es ist eigentlich gar nicht weiter schlimm,
was Luna und Jane gemacht haben", sagte sie, um die Mädchen ein wenig
zu entlasten.
"Wie bitte?" Herr Meinert unterbrach
sie. Auch Herr Klause sah die Lehrerin verständnislos an.
"Ich meine damit, dass Jugendliche in diesem
Alter häufig die Wirkung von Alkohol probieren. Ihre Kinder sind kein Einzelfall.
Außerdem war das doch das erste Mal." Unsicher sah die Klassenlehrerin
die Männer an.
"Schon gut, Frau Geiger!" Mit einer
Geste winkte der Vater seine Töchter zu sich heran. "Sie brauchen die
beiden nicht zu verteidigen. Dazu kriegen sie gleich ausreichend Gelegenheit!"
Danach verabschiedete er sich und schob die Mädchen
zur Tür hinaus. Luna konnte spüren, dass er extreme Mühe hatte, sich zu beherrschen.
Vivian wartete vor der Schule auf sie. Jemand
hatte ihr Bescheid gesagt, doch niemand konnte ihr erklären, was genau passiert
war. Sie konnte sich nur denken, dass es um ihre Schwestern ging. Aber als
sie dann ihren Vater, zusammen mit Luna und Jane, aus der Schule kommen sah,
fuhr ihr der Schreck mächtig in die Glieder. Es handelte sich also nicht,
nur um eine banale Sache. Ohne ein Wort schloss sie sich an und zu viert gingen
sie heim.
Hätte irgend jemand die kleine Gruppe beobachtet,
wäre ihm aufgefallen, dass die Mädchen aussahen, als würde man sie zur Schlachtbank
führen.
"Ich glaub, wir haben einen Fehler gemacht",
begann die Klassenlehrerin vorsichtig, nachdem sie mit ihrem Chef allein im
Zimmer war.
"Einen Fehler?" Der Direktor sah sie
fragend an. "Wir machen einen Fehler, indem wir betrunkene Schülerinnen
ihrem Vater übergeben? Welche Art der Erziehung vertreten sie eigentlich?"
"Das meine ich nicht. Irgendwas an dem Mann
machte mir Angst und auch die Mädchen wirkten total eingeschüchtert, als sie
ihrem Vater gegenüber standen."
"Nach diesem Vorfall würde ich auch Angst
vor meinem Vater haben!"
"Hoffentlich bestraft er seine Töchter nicht
all zu hart", begann Frau Geiger erneut.
"Quatsch! Meinen sie nicht, dass das Jugendamt
die Familie genauestens überprüft hat, als sie damals Ludmilla adoptierten?"
Natürlich wurde die Familie Meinert vor der Adoption
genau überprüft. Nur sieht man es einem Menschen nicht an, zu welchen Grausamkeiten
er fähig ist. Außerdem waren sie mit dem Kind verwandt und da würde es bestimmt
gut gehen.
Herr Meinert sagte nichts zu seinen Kindern.
Er ließ ihnen auch keine Gelegenheit, irgendwas zu erklären. Für ihn stand
nur eins fest: er musste seine Kinder bestrafen.
Vivian verzog sich klugerweise gleich ins Kinderzimmer.
Der Vater ging schon im Flur auf Luna und Jane los.
Packte sie am Kragen und schob sie zum Wohnzimmer.
Hätte Jane nicht rechtzeitig die Türklinke zu fassen gekriegt, wären sie wahrscheinlich
gegen die geschlossene Tür gerammt worden.
Drinnen trat er Luna erst einmal in den Bauch,
so das diese zu Boden ging und sich vor Schmerzen krümmte.
Nebenbei nahm der Mann sich Jane vor. Dieser
war immer noch übel und nachdem sie den ersten Tritt abbekommen hatte, erbrach
sie sich auf dem Teppich. Was den Vater nicht unbedingt ruhiger werden ließ.
Mit seinem Fuß drückte er Janes Kopf, das Gesicht
nach unten, in das Erbrochene. Sie bekam ihn nicht mehr frei und musste in
dieser Stellung ausharren. Dann nahm Herr Meinert den Gürtel in die Hand,
den er schon vorher, griffbereit, über den Stuhl gehängt hatte. Voller Wucht
landete er auf dem Rücken des Mädchens. Einmal, zweimal, dreimal und so weiter.
Der Mann hatte sich so reingesteigert, dass er völlig vergaß, dass Luna auch
noch im Raum war. Diese hatte sich inzwischen leicht erholt und kam mühsam
auf die Beine. Sie sah, wie der Onkel sich an ihre Schwester abreagierte und
ging augenblicklich dazwischen.
Ohne auf die Schmerzen zu achten, stürzte sie
sich auf den Mann, damit er aufhören musste. Zusammen mit Luna, ging Herr
Meinert zu Boden. Beide kämpften dort weiter. Luna war soweit, ihn umzubringen.
Doch der Mann war und blieb der Stärkere. Schnell
hatte er das Mädchen wieder unter Kontrolle. Luna lag auf dem Rücken und er
saß auf ihr. Mit seinen Knien hielt er ihre Arme fest, so konnte sie sich
nicht wehren und er hatte beide Hände frei.
"Du mieser kleiner Bastard!", zischte
er mit wutentbranntem Gesicht. Er zog ihren Kopf an den Haaren hoch und knallte
ihn dann zurück. Lunas Blick verschleierte sich. Völlig benommen musste sie
das noch einige Male über sich ergehen lassen. Jane konnte ihr nicht helfen.
Sie lag immer noch in ihrem eigenen Schmutz.
Als der Mann sich dann sicher war, dass auch
Luna sich nicht mehr wehrte, ging er mit dem Gürtel auf sie los. Wie immer
schützte sie nur ihr Gesicht. Ansonsten ließ sie sich es, stumm und zuckend,
gefallen. Sie sah ein, dass es keinen Zweck hatte, mit dem Vater zu kämpfen.
Irgendwann war Herr Meinert befriedigt und ließ
von dem Mädchen ab. Ohne große Anstrengung, zog er beide Töchter hoch und
schmiss sie, wie Abfall aus dem Wohnzimmer.
Sich gegenseitig stützend, schleppten sich die
Schwestern in ihr Zimmer, wo sie, wie sie waren, in ihre Betten fielen und
erschöpft liegen blieben.
Doch der Vater kam ihnen keine 5 Minuten später
nach. Jane musste wieder aufstehen und im Wohnzimmer den Fußboden reinigen.
Erst dann durfte sie sich das Gesicht abwaschen und schlafen gehen.
Luna verzichtete ganz aufs Waschen. Sie zog sich
nicht einmal aus, blieb einfach liegen und schlief ein.
Doch in den frühen Morgenstunden wurde sie wieder
wach. Alles fühlte sich kalt und nass an und sie musste feststellen, dass
es ihr schon wieder passiert war. Hastig stand sie auf und schälte sich aus
den Klamotten. Luna beförderte sie, zusammen mit dem Bettlaken, unters Bett
und leise zog sie sich frische Unterwäsche an.
"Luna?", flüsterte Vivian, die im Gegensatz
zu ihren Schwestern, kein einziges Auge zugetan hatte.
"Sei still und schlafe weiter!", schnauzte
Luna zurück. Es passte ihr gar nicht, dass sie auch noch Augenzeugen hatte.
Doch die kleine Schwester ließ sich nicht abwimmeln.
Sie stand auf und ging zu Luna hin. Sanft hielt sie das Mädchen fest, das
gerade die beschmutzte Matratze umdrehen wollte.
"Du kannst bei mir schlafen", redete
sie leise weiter. "Das bringt doch alles nichts! Deine Decke ist auch
nass!"
Wie eine Mutter führte sie Luna zu ihrem eigenen
Bett. Für die letzten paar Stunden, die sie noch schlafen konnten, würde der
Platz reichen.
Willenlos ließ sich Luna von der Jüngeren zudecken
und schlief in deren Armen ein.
Am Morgen bekamen die Mädchen den Vater nicht
zu Gesicht. Er ließ sich nicht am Frühstückstisch blicken, sondern ging einfach
so aus dem Haus. Luna und Jane hatten nichts dagegen. Sie fühlten sich immer
noch wie gerädert, sprachen auch beide kein Wort. Weder miteinander, noch
mit Vivian, die sich aber alle Mühe gab, die Schwestern auf andere Gedanken
zu bringen. Großen Erfolg, erzielte sie nicht.
Als die Mädchen die Tür abschlossen und zur Schule
mussten, kam ihr Nachbar aus seiner Wohnung. Vivian war die Einzige, die ihm
freundlich Guten Morgen wünschte, doch der Gesichtsausdruck des Mannes blieb
grimmig.
"Könntet ihr mir mal sagen, was ihr nachts
für einen Lärm veranstaltet? Das klingt immer, als ob ihr die Wohnung umräumt
und die Möbel verrückt!" Breitbeinig stellte er sich vor die Mädchen
und hinderte sie, weiterzugehen.
"Na ja. So schlimm habe ich es auch nicht
gemeint. Schließlich war ich noch nicht mal ins Bett gegangen", fügte
er hinzu, nachdem er beobachtet hatte, dass die Mädchen wie aufgeschreckte
Eichhörnchen zusammenzuckten und sich gegenseitig ansahen.
Luna hielt sich krampfhaft am Treppengeländer
fest. Sie musste ihr Wut im Zaum halten, sonst hätte sie bestimmt irgendwas
falsches zu dem Mann gesagt. Hätte der Nachbar sich gestern abend schon beschwert,
an der Tür geklingelt oder wenigstens an die Wand geklopft, hätte der Vater
bestimmt schon früher aufgehört, auf seine Töchter einzuprügeln. Sie konnte
nicht fassen, dass er erst jetzt mit seiner Beschwerde ankam.
"Es tut uns leid, wenn wir sie gestört haben",
entschuldigte sich Vivian. Sie hatte sich als erste von dem Schrecken erholt.
"Könnten sie uns bitte vorbeilassen? Wir müssen in die Schule!"
Höflich, aber bestimmt, drängelten sich die Schwestern
an ihm vorbei. Der Nachbar sah ihnen noch verwundert nach und ging dann zurück
in seine Räume. Irgendwas stimmt da doch nicht, dachte er noch, vergaß aber
den Gedanken schon eine Stunde später.
Jane und Luna hatten das Schulgebäude noch nicht
mal richtig betreten, da kam ihnen auch schon die Klassenlehrerin entgegen.
Frau Geiger hatte sich die halbe Nacht Sorgen
um die Mädchen gemacht und jetzt wollte sie unbedingt wissen, wie es den Kindern
ging.
Reiß dich bloß zusammen, Jane, dachte Luna und
sah die Schwester eindringlich an. Aussprechen konnte sie es nicht, denn die
Lehrerin stand schon vor ihnen.
"Wie geht es euch? Alles in Ordnung?"
Die Frau ignorierte die abweisenden Gesichter.
"Wie soll es uns schon gehen?", konterte
Luna. "Zu Hause gab es Krach und die da hat nen Kater!" Mit dem
Finger zeigte sie auf Jane.
"Seid ihr sehr hart bestraft worden?"
Frau Geiger ließ nicht locker.
"Hä?" Luna sah sie an, als wüsste sie
nicht, wovon die Lehrerin sprach. "Er hat uns ne Standpauke gehalten
und dann mussten wir ins Bett! Es wird also nicht wieder vorkommen!"
Sie ließ die Klassenlehrerin einfach stehen und
ging weiter. Die Schwester zog sie an der Hand hinter sich her. Jedoch innerlich
war sie völlig fertig. Hoffentlich hatte die Lehrerin nichts gemerkt.
Und auch an diesem Tag, schaffte sie es nicht,
die Schule zu verlassen und zu Sandra zu gehen. Die Lehrer ließen die Mädchen
nicht mehr ohne Aufsicht, denn der Vorfall während der Weihnachtsfeier hatte
sich Ruck Zuck rumgesprochen.
Beim Mittagessen ließ Frau Müller die Bombe platzen
und verkündete den Schwestern, dass sie am Freitag zum letzten Mal kommen
wollte. Sie war zwar nur zwei Wochen bei der Familie Meinert angestellt gewesen,
doch ihrem Mann ging es Tag für Tag schlechter. Der Haushaltshilfe blieb kein
anderer Ausweg.
"Es ist wegen mir. Stimmt's?" Luna
hatte aufgehört zu essen und sah ihr unverhohlen ins Gesicht. Eine andere
Erklärung konnte sie für diese urplötzliche Kündigung nicht finden.
"Mit dir hat das gar nichts zu tun."
Margot lächelte sie liebevoll an, obwohl Luna ein wenig recht hatte. Aber
das musste sie nicht unbedingt zugeben.
"Mein Mann ist schwer erkrankt und ich muss
mich um ihn kümmern. Sehr wahrscheinlich lebt er nicht mehr lange."
"Das kannst du uns doch nicht antun."
Vivian begann hemmungslos zu weinen. Es war so herrlich gewesen, wenn sie
von der Schule kamen und jemand auf sie wartete.
"Ich muss es. Leider."
"Weiß unser Vater schon davon?" Jane
hatte als einzige begriffen, was hier auf dem Spiel stand. Der Vater würde
bestimmt denken, dass seine Töchter daran schuld waren, wenn Frau Müller kündigt.
Das würde ihm einen Grund geben, sie hart zu bestrafen.
"Ich will es ihm am Nachmittag sagen. Euer
Vater wird mit Sicherheit eine gute Nachfolgerin für mich finden."
"Bitte nicht. Sie müssen hier bleiben",
flüsterte Luna mit brüchiger Stimme. Jetzt hatte auch sie verstanden und flehend
sah sie Margot an.
Was diese wiederum gar nicht verstand. Sie hatte
gedacht, dass gerade Luna diejenige war die sich am meisten freute, wenn sie
weg ging. Warum erlebte sie das Gegenteil?
Beschwörend sprach sie auf die Mädchen ein. Erklärte
ihnen, wie wichtig es ihr war, dass sie in den letzten Wochen bei ihrem Mann
blieb und bat die Schwestern, es zu verstehen.
Doch diese waren viel zu sehr geschockt. Verstehen
konnten sie rein gar nichts. Eine nach der Anderen stand auf und verließ schweigend
die Küche.
"Was machen wir denn nun?"
Die Schwestern sprachen leise, damit Frau Müller
nicht zufällig mithören konnte.
"Was weiß ich", entgegnete Luna. Wie
immer, wenn sie keinen Ausweg mehr sah, baute sie eine Mauer aus Aggressivität
um sich auf.
"Aber irgendwas muss uns doch einfallen.
Hast du denn gar keine Idee. Luna?" Jane war dafür mit ihren Nerven am
Ende. Hätte sie was zu Trinken gehabt, würde sie sich jetzt restlos zuschütten.
Aber es war leider nichts mehr da und an den Kühlschrank kamen sie nicht heran.
"Nein, ich habe keine Idee!" Lautstark
fuhr Luna auf. "Wir werden einfach abwarten müssen, wie das Schwein darauf
reagiert! Notfalls könnt ihr ja mir die Schuld geben, aber die habe ich so
und so schon."
"Ich glaube nicht, dass sie wegen dir weggeht",
kam es aus Vivians Richtung, die sich schützend in ihr Bett verzogen hatte.
Die Mädchen waren so ratlos, saß sie einfach
still auf ihren Betten saßen und nicht einmal die Hausaufgaben erledigten.
Nachdem Frau Müller die Wohnung verlassen hatte, ging auch Jane noch einmal
weg. Ihre Schwestern wussten, warum und fragten nicht weiter nach.
Gegen Abend waren sie wie junge, zittrige Welpenkinder,
denen man das gemütliche Nest genommen hatte.
Unruhig schaute jede Einzelne immer wieder zur
Uhr und sie zählten die Minuten, die noch verblieben, bis Herr Meinert heim
kam.
Als es dann endlich soweit war, konnten sie schon
daran hören, wie die Wohnungstür zuflog, dass ihr Vater nicht gut gestimmt
war. Die Geschwister sahen sich ein letztes Mal verzweifelt an, dann stand
er schon im Zimmer.
"Wieso will Frau Müller kündigen?"
Seine Augen sprühten Funken, während er jede Tochter einzeln ansah.
Bei Luna blieb er stehen, packte sie fest am
Kragen und zog sie zu sich heran. Viel Luft zu Atmen, blieb ihr nicht mehr.
"Kannst du mir das vielleicht erklären?"
"Nein", hauchte sie, denn mehr bekam
sie aus ihrer zugeschnürten Kehle nicht heraus.
"Margot hat uns erzählt, dass ihr Mann todkrank
ist." Flehend sah Vivian ihren Vater an. "Luna kann wirklich nichts
dafür."
Mit aller Kraft schob Herr Meinert die Stieftochter
von sich. Luna landete auf Janes Bett und blieb dort sitzen. Hustend und keuchend,
erholte sie sich von ihrer Atemnot.
"Macht das Abendbrot fertig, aber ein bisschen
flott!", brüllte der Vater in den Raum, drehte sich um und ging.
Die Mädchen sahen ihm stumm nach.
"Gott hab Dank. Das war alles." Erleichtert
schloss Jane die Augen und ließ sich neben Luna aufs Bett fallen.
"Glaubst du wirklich?" Auch Vivian
gesellte sich zu ihren Schwestern und sah sie hoffnungsvoll an.
Allein Luna stand auf, band sich die Haare fest
zusammen und sagte dann mit leiser Stimme: "Glaube ich nicht. Das war
nur die Ruhe vor dem Sturm. Er hat sich noch nicht abreagiert. Der sucht sich
noch einen Grund!"
"Du siehst Gespenster!", bekam sie
von Jane zur Antwort. "Für heute ist es vorbei. Schließlich kenne ich
meinen Vater länger als du!"
Aber Luna schüttelte nur traurig mit dem Kopf
und ging dann in die Küche, um das Abendessen zu machen. Sie allein kannte
den Mann ganz genau, denn sie hatte am meisten unter ihm zu leiden.
Und Luna behielt recht. Schon während des Essens
provozierte der Vater die Mädchen bis aufs Äußerste.
Ganz nebenbei erzählte er von Lunas Vater und
wartete darauf, dass das Mädchen die Nerven verlor und falsch reagierte. Ebenso
wiederholte er immer wieder das Wort Bastard und Luna musste sich bemühen,
gelassen zu bleiben und alles zu überhören.
Herr Meinert merkte schließlich, dass er es mit
Worten nicht schaffte. Er musste sich was anderes ausdenken. Luna, die neben
ihm saß, spürte regelrecht, wie es in seinem kranken Gehirn arbeitete. Sie
wusste, jetzt war doppelte Vorsicht geboten. Dieser Mann war zu allem fähig,
wenn er es auf seine Stieftochter abgesehen hatte.
Schließlich beendete Herr Meinert das Essen und
zufällig, ganz aus Versehen, fiel ihm beim Aufstehen ein Glas um.
Ehe das Mädchen richtig begriff, was geschehen
war, landete ihr Kopf auf der Tischplatte. Mitten in die Pfütze, die sich
langsam ausbreitete. Vor Lunas Augen explodierten tausend Sterne.
"Du Bastard", brüllte der Mann los,
zog sie an den Haaren wieder hoch, um sie erneut auf den Tisch zu stoßen.
Kurzzeitig verlor Luna das Bewusstsein, aber die Natur hatte kein Einsehen
mit ihr und ließ sie nicht sterben, wie sie sich das in diesem Moment wünschte.
Als sie wieder richtig zu sich kam, befand sie
sich schon im Wohnzimmer. Wie sie dahin gekommen war wusste sie nicht und
sie hatte auch keine Zeit, darüber nachzudenken. Luna sah nur noch, wie der
Gürtel auf sie zukam, drehte sich blitzschnell um, damit sie ihn nicht ins
Gesicht bekam.
Doch diesmal schrie sie. Schrie ihre ganze Verzweiflung
und Wut aus sich heraus und es war ihr egal, dass ihr Onkel dadurch noch brutaler
auf sie einschlug. In Lunas Gedanken war ganz kurz der Nachbar aufgetaucht,
der sich am Morgen beschwert hatte. Vielleicht würde der diesmal nicht bis
zum nächsten Tag warten.
Ihr Pech war nur, dass sämtliche Nachbarn, deren
Wohnung an der von Familie Meinert grenzte, zu dieser Stunde nicht da waren.
Auch Herr Meinert spürte, dass sich irgendwas
geändert hatte und auch ihm kam zu Bewusstsein, dass sie nicht allein in dem
Mietshaus lebten. Schnell ließ er den Gürtel fallen und stürzte sich auf Luna.
Mit seinen groben Händen hielt er ihr den Mund zu, bis sich das Mädchen nicht
mehr wehrte und ruhiger wurde. Nur zwei riesengroße, angstvolle Augen blickten
den Mann an, doch dieser besaß kein Mitleid.
"Du wirst jetzt ganz still sein, sonst sperre
ich dich wieder in den Keller! Aber diesmal für eine ganze Woche", flüsterte
er ihr zu.
Luna konnte nur zustimmend nicken und vorsichtig
lockerte der Mann seinen Griff. Trotzdem jederzeit bereit, sie wieder zum
Schweigen zu bringen.
Ganz kurz registrierte Luna, wie es unter ihr
feucht wurde, aber im Augenblick war ihr alles egal. Sie hörte auch mit den
Schreien auf. Kroch nur wimmernd und verängstigt von ihrem Onkel weg, in die
nächste Zimmerecke. Dort machte sie sich so klein, wie möglich und wartete
darauf, das es weiter ging.
Herrn Meinert war nicht entgangen, dass Luna
sich die Hosen nass gemacht hatte. Angeekelt sah er sie an und trat noch einmal
mit dem Fuß nach ihr.
"Geh dich sauber machen, du Schlampe!"
Ruhig und abreagiert drehte er sich von dem Mädchen weg.
"Pinkelt sich in die Hosen wie ein Baby!
Typisch Bastard!", fügte er noch verächtlich hinzu.
Luna machte, dass sie aus dem Raum kam.
Sie flüchtete ins Badezimmer und verkroch sich
in der Duschwanne. Das Wasser drehte sie nicht auf. Sie wollte nur weinen.
Den Tränen ungehindert freien Lauf lassen, bis keine mehr da waren.
Die Jüngste fand sie dort schließlich. Hilflos blieb
Vivian vor der Duschkabine stehen und sah auf das Häufchen Elend hinab. Sie
wusste nicht, wie sie Luna trösten konnte.
"Hau ab!" Luna hatte endlich mitbekommen,
dass sie nicht mehr allein im Raum war. Sie wollte niemanden sehen und auch
nicht gesehen werden. Doch ihre Stimme hatte an Stärke verloren und die Aufforderung
an Vivian kam nicht so hart, wie sie das wollte.
Ihre jüngere Schwester ließ sich auch nicht einschüchtern.
Sie streckte die Hand nach Luna aus. "Komm steh auf! Du kannst hier nicht
ewig sitzen bleiben. Wir müssten längst im Bett sein!"
"Ach lass mich", knurrte Luna. Neue
Tränen stiegen in ihre Augen und wie immer sollte die keiner sehen. Zu ihrem
Unglück kam auch noch Jane ins Bad und starrte sie ebenfalls neugierig an.
Dann setzte sie sich neben Jane und nahm sie einfach in die Arme.
"Hat er dir so sehr weh getan?", fragte
sie überflüssigerweise.
"Nein. Nicht mehr als sonst."
"Und warum weinst du dann?" Jane hatte
die Bescherung an Lunas Hosen noch nicht gesehen. Aber das war nicht der Grund,
warum Luna heulte.
"Ich kann machen, was ich will. Ich komme
einfach nicht gegen ihn an, sonst hätte ich ihn heute wahrscheinlich umgebracht!"
Mit dem Pullover wischte sie sich die Tränen ab, damit die Schwestern nicht
dachten, dass sie eine Heulsuse war. "Er ist einfach zu stark für mich."
"Ist doch logisch!" Jane reichte ihr
ein Taschentuch. "Er trainiert jeden Tag mit seinen Soldaten auf dem
Übungsplatz. Das ist doch wohl klar, dass er Muskeln wie Stahl hat. Du wirst
niemals gegen ihn ankommen. Und jetzt wasch dich erst einmal. Ich hab dir
auch was Gutes besorgt, heute nachmittag. Danach schwebst du auf Wolken!"
Gemeinsam stiegen die Mädchen aus der Duschkabine.
Jetzt bemerkten Jane und Vivian auch Lunas Hose, gaben aber keinen Kommentar
dazu ab. Nur ihr Hass auf den Vater stieg um einige Grad höher.
Frisch geduscht und sauber kam Luna wenig später
ins Kinderzimmer. Durch das dünne Nachthemd konnte man die blauen Flecke deutlich
erkennen. Auch die Striemen auf dem Rücken, die Vaters Gürtel hinterlassen
hatte, schimmerten durch den dünnen Stoff.
Vivian konnte das Elend nicht länger ertragen
und sah schnell wieder weg. Nur Jane, die das ja von ihrem eigenen Körper
her kannte, blickte sie erwartungsvoll an und deutete auf ihr Kopfkissen.
Luna setzte sich zu ihr aufs Bett. Unter dem Kissen fand sie eine Packung
Schmerztabletten.
"Wo hast du die her?" Erstaunt sah
sie die Schwester an.
"Aus der Apotheke. Ich habe es geahnt, dass
eine von uns sie heute brauchen wird."
"Geklaut?"
"Quatsch! In einer Apotheke kann man nicht
klauen. Zu mindestens keine Schmerztabletten!" Belehrend sah Jane sie
an. "Ich hab behauptet, meine Mutter hätte starke Kopfschmerzen und sie
von dem Geld bezahlt, was Vater uns letztens geschenkt hat. Na, wie bin ich?"
Luna fiel ihr fast um den Hals und sah sie freudestrahlend
an. "Du bist die liebste Schwester, die ich habe!"
Vivian zog sich beleidigt die Decke über den
Kopf. Solche Komplimente hatten bis jetzt nur ihr zugestanden. Doch dann besann
sie sich, weil ihr einfiel, dass Luna wieder ganz die Alte war und kam schnell
wieder zum Vorschein.
"Hast du auch was zu trinken?", flüsterte
Luna gerade. Zwei Tabletten hielt sie schon in der Hand.
"Muss das sein?" Jane wollte nicht,
dass sie sich auf diese Weise aufputschte.
"Ja, es muss sein!" Luna fand zu ihrem
alten Ton zurück. "Dann wirken die Pillen besser!"
Unsicher holte Jane eine Flasche unterm Bett
hervor. Zögerte noch kurz und gab sie dann an Luna weiter.
Diese achtete nicht auf das Zögern, sondern schluckte
die Tabletten, ohne nachzudenken, zusammen mit dem Alkohol hinunter. Zufrieden
lehnte sie sich anschließend zurück.
Dann war Jane an der Reihe. Sie nahm zwar keine
Tabletten, aber sie trank den Wodka wie Wasser.
In Vivians Augen war das fast das gleiche, wie
bei Luna. Aber sie sagte nichts dazu und schloss die Augen um zu schlafen.
Als sie durch den Wecker wieder aufwachte, sah
sie zuerst, dass ihre Schwestern zusammen geschlafen hatten. Ein Blick genügte,
um festzustellen, dass Lunas Bett unberührt war. Die müssen sich ja ordentlich
zugeschüttet haben, dachte sie. Stand auf und
öffnete das Fenster. Im Zimmer roch es deutlich nach Alkohol.
Durch die hereinströmende Kälte, kamen auch Luna
und Jane zu Bewusstsein. Unsicher sahen sie sich um.
"Man, mach das Fenster zu! Mir ist kalt!"
Luna rieb sich die Stirn. Sie hatte wahnsinnige Kopfschmerzen und nach Janes
Aussehen zu beurteilen, ging es der Schwester auch nicht viel besser. "Oh
man habe ich einen Brummschädel!"
"Das kommt vom Saufen!", erwiderte
Vivian und lächelte sie überheblich an. Doch ehe Luna sauer werden konnte,
war sie schon aus dem Zimmer und im Bad verschwunden.
"Lass uns aufstehen, ehe Vater rein kommt!"
Gequält lächelnd kroch Jane unter ihrer Bettdecke hervor.
Die Tablettenschachtel fiel dabei runter und
hastig griff Luna danach. Jane bekam das nicht mit.
Weil es im Zimmer immer kälter wurde, zogen sie
sich schnell an. Das Fenster durften sie noch nicht schließen, da es immer
noch stark nach Kneipe stank.
Luna trödelte so lange herum, bis Jane schon
ins Badezimmer ging. Kaum war diese verschwunden, griff Luna unters Bett und
holte die Flasche hervor. Sie hatten gestern noch einen kleinen Rest drinnen
gelassen und den trank Luna nun in einem Zug aus. Sie wusste zwar, dass Jane
deswegen mörderisches Theater veranstalten wird, aber sie brauchte das jetzt.
Anschließend nahm sie noch drei der Tabletten ein. In der Hoffnung, dass sie
erst nach dem Frühstück wirkten und es ihr niemand ansah.
Danach ging sie ins Bad.
Die Wirkung des Cocktails setzte auf nüchternen
Magen schneller ein, als sie wollte. Während des Frühstücks wurde es Luna
schon schummrig im Kopf und die Bilder verschwammen vor ihren Augen. Die Scheibe
Brot, die sie gegessen hatte, lag ihr schwer im Magen. Zu Lunas Glück interessierte
sich Herr Meinert nicht für seine Stieftochter.
Jedoch Jane bemerkte die Veränderung an Luna.
Nachdem der Vater zur Arbeit gegangen war, ging sie, wie eine Furie auf Luna
los.
"Bist du von allen guten Geistern verlassen?",
schrie sie, quer über den Küchentisch hinweg. Dann sprang sie auf und rannte
aus der Küche. Zurück kam sie mit der leeren Flasche in der Hand. Vorwurfsvoll
knallte sie diese, vor Luna auf den Tisch, die aber nur träge aufsah.
"Zeig mir die Tabletten!" Jane konnte
sich gar nicht mehr beruhigen. Jetzt verstand sie alles und als Luna sich
nicht rührte, packte Jane die Schwester und zog aus deren Hosentasche die
Tabletten. Auf den ersten Blick sah sie, dass mehr fehlten, als Luna gestern
genommen hatte. Blitzschnell versetzte sie ihr eine Ohrfeige, doch da sie
auch darauf nicht reagierte, wusste Jane, dass es zu spät war. Normalerweise
wäre Luna jetzt auf sie losgegangen.
"Was ist los, Jane?" Vivian, die mit
offenem Mund zugesehen hatte, wand sich fragend an sie.
"Die blöde Kuh hat sich schon am frühen
Morgen zugeknallt!" Janes Lautstärke verdoppelte sich. Sie wusste nicht,
was sie jetzt mit der Schwester anfangen sollte. In diesem Zustand konnte
sie Luna unmöglich mit in die Schule nehmen.
"Man, jetzt kriege dich wieder ein. Ist
schon alles in Ordnung!" Leicht schwankend stand Luna auf und stellte
sich vor Jane. "Tu doch nicht so scheinheilig. Gehst doch selber oft
genug angetrunken zur Schule!"
"Ja, angetrunken, aber nicht zugeknallt!
Du bist so bescheuert", fuhr Jane dazwischen.
"Du bist bescheuert! Bis wir in der Schule
sind, ist längst alles vorbei!"
"Das glaubst du, ja?" Jane sah sie
fassungslos an, Luna grinste nur idiotisch und Vivian wusste, dass der Streit
gleich losgeht.
"Ich geh schon mal zur Schule", sagte
die Jüngste und zog sich an. "Wenn mich jemand fragt, erzähle ich, dass
ihr aufgehalten worden seid." Ohne weitere Worte zu verlieren, schloss
sie die Wohnungstür hinter sich.
Jane nahm die Kaffeekanne und goss Luna den restlichen
Kaffee ein, den der Vater übrig gelassen hatte. Seine Mädchen mussten zum
Frühstück Milch trinken.
"Trink den!" Sie drückte der Schwester
die Tasse in die Hand. Luna hörte ausnahmsweise einmal auf sie und schluckte
gehorsam den kalten Kaffee.
"Gehen wir?", fragte sie anschließend.
Ihr Blick war zwar immer noch verschwommen, aber sie stand schon etwas sicherer
auf den Beinen. Jane hoffte, dass das in der Schule vorbei war.
Schweigend verließen sie das Haus und machten
sich auf den Weg. Die frische Luft tat Luna gut und ihr Verstand wurde zunehmend
klarer. Jane glaubte, es sei alles wieder normal, doch da hatte sie sich geirrt.
Sie hatten fast die Schule erreicht, da blieb
Luna plötzlich stehen. Mit ernstem Gesicht sah sie die Schwester an.
"Ich komm nicht mit. Ich haue ab!"
"Wie bitte?" Jane, die ein paar Schritte
voraus war, kam zurück und packte sie an der Jacke.
"Du hast schon richtig verstanden! Ich haue
ab!" Luna wollte sich freimachen, doch Jane ließ nicht locker.
"Wo willst du denn hin?", flüsterte
sie atemlos.
"Weiß noch nicht. Vielleicht zu Sandra."
"Kannst du dir nicht denken, was du uns
damit antust?" Janes Hände packten sie noch fester. "Vater wird
mich ausquetschen, wie eine Zitrone. Und vor Vivian wird er dann auch nicht
mehr halt machen!"
"Na und? Was geht mich das noch an?"
"Du kannst doch nicht so gleichgültig sein!"
Jane rüttelte die Schwester, als könnte sie diese so zur Besinnung bringen.
"Denk doch mal an Vivian und mich!" Langsam, aber sicher, wurde
sie hysterisch.
"Warum? Bist du ein einziges Mal dazwischen
gegangen, wenn dein Vater es auf mich abgesehen hatte? Oder Vivian? Oh nein!
Ihr beiden habt euch verkrochen und wart froh, dass er sich an mir abreagierte.
Ihr seid doch elende Feiglinge! Aber jetzt lass ich mich nicht mehr verprügeln.
Lieber lebe ich auf der Straße, als noch einmal in eure Wohnung zurückzukehren!"
Luna war laut geworden. Einige Passanten auf
der gegenüberliegenden Straßenseite, waren stehen geblieben und schauten zu
den beiden Mädchen. Weder Luna, noch Jane registrierten das. Sie waren viel
zu sehr mit sich selbst beschäftigt.
"Und was ist mit Weihnachten?"
"Das verbringe ich auch auf der Straße!"
"Und wir im Heim, wenn dadurch alles raus
kommt!"
"Jetzt hör mir mal gut zu!" Eiskalt
blitzten Lunas Augen die Schwester an. "Ich habe nie an mich selber gedacht.
Und jetzt tu ich das einmal, da machst du mir Vorwürfe! Vielleicht hast du
ja auch Glück und der Alte ändert sich, wenn ich nicht mehr da bin! Sieh es
mal von dieser Seite aus!" Luna packte die Handgelenke von Jane und drückte
so stark zu, dass die Schwester ihre Krallen öffnen musste. Dann versetzte
sie ihr einen Stoß und Jane stolperte drei Schritte rückwärts. Wortlos überquerte
Luna die Straße und ging von ihr weg. In die entgegengesetzte Richtung.
"Ludmilla!", schrie Jane in voller
Lautstärke nach. "Du darfst mich nicht verlassen! Ich brauche dich!"
Doch Luna drehte sich nicht noch einmal um und
Jane starrte ihr, mit tränenüberströmtem Gesicht nach, bis sie nicht mehr
zu sehen war. Jane hatte keine Kraft, ihr nachzulaufen.
Benommen, verwirrt und völlig fertig, kam Jane
in der Schule an. Tonlos entschuldigte sie sich, für ihr zu spätes Erscheinen
und setzte sich auf ihren Stuhl. Auf die Frage der Lehrerin, warum Luna nicht
dabei war, zuckte sie nur mit den Schultern. Mehr bekam die Lehrerin auch
nicht aus ihr heraus und so fuhr diese mit ihrem Unterricht fort.
Jane konnte während der ersten Stunde nur an
Luna denken. Sie überlegte, was diese Kurzschlussreaktion ausgelöst haben
könnte. Warum Luna plötzlich alles hinschmiss, ohne an die Stiefschwestern
zu denken.
Vielleicht lag es ja auch daran, dass sie schon
am frühen Morgen Alkohol getrunken hatte? Und wenn Luna wieder zu Verstand
kommt, überlegt sie es sich noch einmal und kommt heute abend pünktlich nach
Hause?
An diesen Gedanken klammerte sich Jane, wie an
einen Rettungsring. Sie merkte nicht, dass sie von der Klassenlehrerin beobachtet
wurde. Es hatte auch kaum zur Pause geklingelt, da rief Frau Geiger das Mädchen
zu sich. Zögerlich stand diese auf und ging nach vorn.
"Wollen wir uns beide mal unterhalten?",
fragte die Lehrerin freundschaftlich.
"Worüber?" Jane tat ahnungslos.
"Zum Beispiel über deine Schwester."
"Was ist mit ihr?"
"Sie ist nicht zur Schule gekommen."
Die Frau blieb geduldig.
"Und was kann ich dafür?"
"Nichts. Ich will von dir nur wissen, warum
Luna nicht hier ist."
"Können sie sich das nicht denken?"
Jane sah der Klassenlehrerin zum ersten Mal direkt ins Gesicht. "Die
schwänzt! Und fragen sie mich jetzt bloß nicht, wo die sich rumtreibt!"
"Ich nehme an, dass du es nicht weißt."
Den aufsässigen Ton überhörte Frau Geiger und blieb weiterhin freundlich.
"Nein, weiß ich nicht!" Jane änderte
ihre Tonlage dennoch nicht.
"Okay, wenn du nicht willst, musst du mir
nichts sagen." Die Lehrerin griff nach Janes Hand und hielt diese fest.
"Aber wenn ihr Probleme habt, könnt ihr gerne zu mir kommen."
Mit einem Ruck entzog Jane ihr die Hand. "Das
haben wir bei der Weihnachtsfeier gemerkt! Sie müssen auch gleich alles unserem
Vater erzählen!" Wütend drehte sie sich vom Lehrertisch weg und ging
zu ihrer eigenen Bank. Da die nächste Stunde gleich anfing, musste Frau Geiger
ihre Sachen zusammenpacken und die Klasse verlassen. Jane ahnte, dass dies
für heute nicht die letzte Unterhaltung über Luna war.
In der großen Pause traf sie Vivian, die unbedingt
wissen wollte, wie der Streit am Morgen ausgegangen war.
"Sie hat sich einfach weg gedreht und ist
gegangen?", fragte Vivian, nachdem Jane ihr alles berichtet hatte.
"Hab ich dir doch erzählt. Ich weiß auch
nicht, was in Luna gefahren ist. Hoffentlich hat sie es nicht ernst gemeint."
"Zutrauen würde ich es ihr." Mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf blieb Vivian stehen. Sie flüsterte nur noch, weil schon wieder ein Lehrer in ihrer Nähe auftauchte. "Sie hat in letzter Zeit ganz schön was durchmachen müssen. Ist kein Wunder, dass sie von uns weg will."
"Verfluchter Mist!", schrie Jane auf
und sah sich erschrocken um. Augenblicklich wurde sie wieder leise.
"Ich wünschte mir, ich hätte heute Morgen
die Flasche ausgetrunken. Dann würde es mir jetzt besser gehen."
Von Vivian bekam sie dafür nur einen strafenden
Blick und sie ließ lieber von diesem Thema ab.
Zu Janes Verwunderung wurde sie nicht noch einmal
befragt, wo ihre Schwester abgeblieben war. Die Lehrer waren bei der Meinung
geblieben, dass das Mädchen schwänzte und forschten nicht weiter nach.
Nur ihren Vater wollten sie schriftlich darüber
informieren.
Ohne weitere Probleme überstanden Jane und Vivian
den Schultag. Mit der Hoffnung, dass Luna wieder daheim sei und auf sie wartete,
gingen sie nach Hause. Die Mädchen klammerten sich so stark an diese Lösung,
dass sie sich nicht einmal überlegten, was sie Frau Müller sagen wollten,
weil ihre Schwester nicht da war.
Und Luna war auch nicht daheim. Jane hatte in
der Wohnung sofort und unauffällig, alle Zimmer betreten und nachgesehen.
Frau Müllers erste Frage galt auch Luna. Betreten
sahen sich die Schwestern an. Fieberhaft überlegte Jane, wie sie antworten
könnte, ohne dass Margot misstrauisch wird. Doch diesmal war es Vivian, die
schnell reagierte.
"Luna muss noch irgendwas erledigen. Sie
sagte, dass es bis zum Abend dauern könne!"
"Wie schade. Dann kann ich mich gar nicht
von ihr verabschieden." Die Haushaltshilfe glaubte dem jüngsten Mädchen.
"Aber wir werden uns ja wiedersehen. Ich habe euren Vater versprochen,
dass ich, sobald der Gesundheitszustand meines Mannes es zulässt, wieder zu
euch komme. Na, wie klingt das?"
Die Schwestern heuchelten Begeisterung, aber
sie glaubten nicht, dass sie noch lange in dieser Stadt wohnen würden. Garantiert
würde der Vater einen Weg finden, sich versetzen zu lassen, wenn Luna wieder
bei ihnen zu Hause war. Oder es würde alles auffliegen und die Mädchen mussten
bis zu ihrer Volljährigkeit in einem Kinderheim leben.
Aber all das ließen sich Vivian und Jane nicht
anmerken. Sie waren es ja gewohnt, alles zu vertuschen, was sie bewegte und
was sie dachten. Nie würde jemand hinter ihre Fassaden blicken können und
die Wahrheit entdecken. Sie mussten sich nur einig sein.
Die Sache mit der Einigkeit hatte Luna ihnen
oft genug eingetrichtert. Doch nun war genau sie diejenige, die dabei war,
alles zu zerstören.
Als wäre nichts geschehen, aßen die Mädchen ihr
Mittagessen, unterhielten sich ganz normal mit Margot und gingen anschließend
in ihr Zimmer. Eine Stunde später, nachdem die Küche wieder glänzte, verabschiedete
sich die Haushaltshilfe. Nahm die Kinder noch einmal fest in ihre Arme, besonders
Vivian, und versprach ihnen, auf jeden Fall wiederzukommen.
Dann begann für die Mädchen die Zeit des Wartens
und des Hoffen. Warten auf den Vater und hoffen, dass Luna vorher heim kam.
Als dann die Wohnungstür pünktlich aufging und
ihr Vater nach Hause kam, hätte sich Jane am liebsten in ein Mauseloch verkrochen.
Gehetzt blickte sie Vivian an, doch diese wusste auch keinen Rat. Schon stand
Herr Meinert in der Tür. Für ihn war noch alles normal. Wie gewohnt, wollte
er nur nach seinen Töchtern sehen und dann auf das Abendessen warten. Er hatte
sogar gute Laune mitgebracht, doch diese änderte sich schlagartig, als er
nur zwei Mädchen vorfand.
"Wo ist der Bastard?", fragte er ruhig,
aber gefährlich. Seine Augen wanderten suchend durch den Raum.
Keines der Mädchen konnte antworten. Beide waren
derart verstört, dass es ihnen die Sprache verschlagen hatte, obwohl sie genau
wussten, dass sie es dadurch noch schlimmer machten.
Keine Minute später war auch schon die Geduld
des Vaters am Ende. Unbeherrscht ging er auf Jane los und packte sie derb
am Arm.
"Wenn ich nicht sofort eine Antwort bekomme,
geht hier die Hölle los!"
"Luna ist..." Jane stotterte und bekam
vor lauter Angst, kaum die einzelnen Silben raus. "Luna ist weggelaufen.
Heute Morgen. Ich konnte sie nicht aufhalten." Bei jedem Wort wurde sie
leiser und am Schluss konnte man sie kaum noch verstehen.
"Sie ist abgehauen?", brüllte der Vater
sie an und packte noch fester zu. "Und du konntest sie nicht aufhalten?"
Jane schloss verzweifelt die Augen. Es war soweit.
Der Zorn des Vaters war ausgebrochen und er würde ihn an ihr auslassen. Geistig
flüchtete sie aus ihrem Körper. Bildete sich ein, sie würde gar nicht hier
sein. Träumte von einem rauschenden Fest, auf dem sie die Hauptperson war.
Nur so schaffte sie es, alles über sich ergehen
zu lassen. Fand sich irgendwann in ihrem Bett wieder. Wusste nicht, wie viel
Zeit seitdem vergangen war und wollte nur noch schlafen. Sie hatte keine Ahnung,
wieso sie überhaupt überlebt hatte und nun in ihrem Bett lag. Sterben war
so eine einfache Lösung.
Zur gleichen Zeit saß Luna in der Fabrik, eingehüllt
in zwei Decken und fror trotzdem jämmerlich. Neben ihr lag Sandra und schlief
seelenruhig.
Als Luna am Morgen auftauchte, war Sandra begeistert
gewesen. Trotzdem fragte Sandra nicht danach, wieso sie sich es jetzt überlegt
hatte. Sie kannte den Grund. Es gab auch nur einen.
Doch inzwischen ernüchtert, dachte Luna über
ihren Entschluss nach. Sie fand es schäbig von ihr, dass sie Jane und Vivian,
völlig unvorbereitet zurückgelassen hatte. Wo sie doch genau wusste, was Jane
für sie ausbaden musste, sobald Herr Meinert heim kam. Luna versuchte sich
vorzustellen, wie es ausgegangen war. Doch sie kannte ihren Onkel und sie
wusste genau, dass er sich an Jane gerächt hatte. In diesem Punkt konnte Luna
sich nichts vormachen.
"Kannst nicht einschlafen, Stimmt's? Ging
mir in der ersten Nacht genauso." Sandra war wach geworden und richtete
sich auf.
"Mir ist kalt", antwortete Luna und
sah sie nicht an.
"Dann leg dich neben mich und wir wärmen
uns gegenseitig", schlug Sandra vor. Doch Luna schüttelte ablehnend den
Kopf.
"Du denkst darüber nach, ob es richtig war,
was du gemacht hast." Jetzt hatte Sandra begriffen, was Luna beschäftigte
und warum sie nicht schlafen konnte. Sie rutschte zu ihr rüber und legte auch
noch ihre Decken um Lunas Körper. "Glaube mir, für dich war es das Beste,
was du machen kannst. Für deine Schwestern bestimmt nicht. Aber du musst auch
mal an dein Leben denken! Du bist hier in Sicherheit, auch wenn es furchtbar
kalt ist. Doch hier schlägt dich niemand. Das darfst du nicht vergessen!"
Dankbar lächelte Luna sie an. Sandra hatte recht.
Sie durfte nicht über ihre Schwestern nachdenken. An erster Stelle, war es
ihr Leben. Und niemand durfte es ihr kaputt machen!
"Hast recht", gab sie schließlich zu.
"Komm lass uns schlafen. Eigentlich bin ich todmüde!"
Eng nebeneinander, unter vier dünnen Decken,
lagen die Ausreiserinnen auf den Matratzen. Sie wärmten sich gegenseitig,
doch viel half es nicht. In der Halle herrschten höchstens zwei Grad plus.
Wir müssen uns was wärmeres suchen, dachte Luna
noch, bevor sie der Schlaf übermannte.
Erst am späten Morgen wurde Luna wieder wach.
Sie muss geschlafen haben, wie eine Tote, sonst hätte sie mitbekommen, wie
Sandra aufgestanden war und die Halle verlassen hat.
Im Kopf völlig durcheinander sah Luna sich um,
doch sie konnte niemanden entdecken. Sie war allein.
Entschlossen stand sie von den Matratzen auf.
Ihr Körper brauchte dringend Wärme, also musste sie sich bewegen. Wenn sie
den ganzen Tag nur sinnlos auf dem Lager lag, bekam sie vermutlich noch Frostbeulen.
Wie gewohnt, wollte sie sich anziehen, doch alles
was sie an Kleidung besaß, trug Luna am Körper.
Irgendwie spürte sie, dass sie sich an bestimmte
Situationen noch gewöhnen musste. Luna hatte ja schließlich, ihr Leben von
heute auf morgen, grundlegend geändert.
Draußen regnete es. Missmutig zog sie den Kopf
ein. Eigentlich müsste es ja schneien, aber wann gab es schon mal weiße Weihnachten
in ganz Deutschland?
Suchend blickten ihre Augen nach allen Seiten.
Bei diesem Wetter verspürte sie keine Lust mehr, spazieren zu gehen. Kurzer
Hand ging Luna zu ihrem Lager zurück und wollte dort auf Sandra warten.
Sie muss erneut eingeschlafen sein, denn als
sie die Augen wieder öffnete, stand Sandra vor ihr.
"Ich hab schon geglaubt, du hast mich verlassen!",
brummte Luna, leicht verstimmt.
"Ach Quatsch! Hier, probier mal an!"
Sandra warf ihr eine dicke, warme Winterjacke zu. Jetzt bemerkte Luna auch,
dass die Freundin ebenfalls eine neue Jacke trug. Bewundernd betrachtete sie
die, vor ihr liegende.
"Wo hast du die Klamotten her? Die sind
ja geil!"
"Probier sie an!"
Eifrig zog Luna die Jacke über. Augenblicklich
wurde ihr wärmer.
"Hab ich mir doch gedacht, dass du in deinem
dünnen Fummel frierst, wie ein Schoßhund!" Gönnerhaft lächelte Sandra
und deutete auf Lunas dünnen Anorak. "Tut mir leid, die Hosen konnte
ich nicht kriegen."
"Wieso? Gab es keine bei Karstadt?"
Luna hatte das Etikett des großen Kaufhauses entdeckt und im gleichen Moment
fiel ihr auf, dass die Jacke gar nicht neu war.
Ehe sie danach fragen konnte, kam Sandra ihr
mit der Antwort zuvor. "Da lief gerade so en Liebespaar auf der Straße!"
Sie grinste überlegen. "Und stell dir vor, die haben mir freiwillig ihre
Jacken geschenkt."
"Das glaubst du doch wohl selber nicht!
Du hast doch mit Sicherheit nachgeholfen!" Bei dem Gedanken verlor Luna
die Fassung. "Hast du sie etwas bedroht?"
"Nun stell dich nicht so an!" Sandras
Stimme schlug in Zorn um. "Natürlich hab ich sie bedroht! Sollen wir
etwa erfrieren? Bist doch selber schon mit nem Messer auf Melanie losgegangen!"
"Okay, okay", beruhigte Luna sie und
hob beschwörend die Hände. "Ich konnte mir nur nicht vorstellen, dass
du einfach Leute überfällst und sie zwingst, dir ihre Jacken zu geben. Zeig
mal das Messer!"
"Welches Messer? Ich hab ne Knarre!"
"Wie bitte? Du bist verrückt!"
"Ich hab dir schon mal gesagt, ich will
nur überleben! Und dazu ist mir jedes Mittel recht! Was meinst du, was auf
der Straße los ist."
Die Mädchen hörten auf zu streiten und lächelten
sich versöhnend an. Eigentlich war Luna ja dankbar für die Jacke und es war
schließlich egal, woher sie kam.
Feierlich fing Sandra an, ihre Taschen auszuräumen:
Schnaps, Zigaretten, Brot, Cola.
"Du klaust wie ne Elster!", äußerte
sich Luna dazu, lachte aber dabei, weil sie es nicht ernst meinte.
"Ich hab's gelernt", murmelte Sandra
nur leise und öffnete den Korn. Unauffällig versuchte sie sich irgendwas Kleines
in den Mund zu stecken. Doch Luna kannte diese Geste.
"Du auch?", fragte sie.
"Was?", fragte Sandra zurück und versuchte
krampfhaft zu verbergen, dass sie etwas in der Hand hatte.
"Ich weiß, dass Tabletten und Alkohol zusammen,
eine sehr gute Wirkung ergeben!" Jetzt war Luna diejenige, die überlegen
lächelte. "Du brauchst mir nichts zu verheimlichen. Gib lieber ein paar
ab!"
Auf Sandras Gesicht stand deutlich die Überraschung.
Im ersten Augenblick wusste sie nicht, was sie antworten sollte. Dann warf
sie Luna eine kleine Plastiktüte zu.
"Nimm nur eine! Die sind stark!"
Am Klang der Stimme, konnte Luna erkennen, dass
es ihr ernst war und sie folgt dieser Anweisung. Vorsichtig nahm sie auch
nur einen kleinen Schluck von dem Schnaps. Woher sollte sie wissen, auf welche
Drogen ihr Freundin stand.
Wenig später wurde ihr wohlig warm. Glücklich
kuschelte sie sich in die zerschlissenen Decken und schloss die Augen. Alles
war auf einmal so schön, so einfach und so normal. Eng schmiegte sie sich
an Sandras Rücken, die sich schon vorher hingelegt hatte. In einem Rausch
von Farben, schlief Luna neben ihr ein. Das Leben war so schön.
Jane dachte das überhaupt nicht. Zum ersten Mal
spürte sie, was Luna alles ausgehalten haben musste, ohne es sich anmerken
zu lassen. Und dass sie selber, bis gestern, noch lange nicht so viel, wie
die Schwester durchgemacht hatte.
Sie stand zum Frühstück nicht auf. Schaffte es
einfach nicht, ihr Bett zu verlassen und dem Vater unter die Augen zu treten.
Vivian hatte sie besorgt angesehen und war dann in die Küche gegangen. Dort
erklärte sie ihm, dass Jane sich nicht wohl fühlte und deshalb nicht aufstehen
konnte. In Gedanken hoffte sie, dass ihn das nicht noch wütender machte.
Doch er wurde nicht wütend. Herr Meinert sah
Vivian nicht an. Das Mädchen atmete erleichtert auf und konnte nicht wissen,
dass ihr Vater sich für den gestrigen Abend furchtbar schämte, weil er schon
wieder grundlos ausgerastet war.
Herr Meinert wusste genau, dass Jane und Vivi
keine Schuld trugen, weil Luna weggelaufen war. Schuld war nur er ganz allein
und er konnte nur beten, dass Luna nicht zur Polizei lief. Er würde ihr nicht
mal böse sein, wenn sie bis Weihnachten wieder freiwillig nach Hause kam.
Bis dahin würde es kaum auffallen, denn zum Glück begannen schon am Dienstag
die Ferien.
Doch spätestens nach Weihnachten musste er selbst
zur Polizei gehen und ihr Verschwinden melden. Und dann würde er ne Menge
unangenehme Fragen beantworten müssen. Nicht nur er, sondern bestimmt auch
Vivian und Jane.
Den gesamten Sonnabend verzog sich Herr Meinert
in seinem Wohnzimmer. Saß vor dem Fernseher und neben sich eine Kiste Bier.
Seine Töchter waren nicht traurig darüber, dass sie ihren Vater nicht sahen.
Auch die Mädchen verzogen sich den ganzen Tag
in ihrem Zimmer. Nur zum Mittagessen traf die Familie noch einmal aufeinander.
"Was wird sie nur machen?", fragte
Vivian plötzlich, mitten in die belastende Stille, die schon den ganzen Tag
im Zimmer lastete.
"Wen meinst du?" Jane sah nur kurz
von ihrem Buch auf, dass sie gerade las.
"Na Luna! Wo ist sie?" Diese Frage
beschäftigte Vivian schon seit gestern. Jane musste doch eine kleine Ahnung
haben, wo die Schwester hingegangen war.
Doch Jane war nicht gut auf dieses Thema zu sprechen.
"Lass mich mit dieser Schlampe zufrieden!"
"Machst du dir denn gar keine Sorgen um
sie?"
"Nein!" Mit lautem Knall schlug Jane
genervt ihr Buch zu. "Die macht sich ja auch keine Sorgen um uns! Sieh
dir das an!" Sie riss ihr Hemd in die Höhe, damit Vivian den misshandelten
Rücken sehen konnte.
Erschrocken verzog Vivi das Gesicht, doch dann
überlegte sie genauer. "Du bist doch nur wütend auf Luna, weil sie gestern
nicht hier war und du an ihrer Stelle ins Wohnzimmer musstest!" Ununterbrochen
marschierte sie vor Janes Bett auf und ab.
"Wie oft warst du schon an der Reihe und
wie oft sie? Gib doch einfach zu, dass Luna ständig dran war! Sogar, wenn
Vater auf eine von uns wütend war, ist sie meistens dazwischen gegangen und
hat alles abgekriegt! Und jetzt bist du sauer, weil sie uns verlassen hast
und du ihre Stelle einnimmst? Du bist so egoistisch!"
"He, jetzt beruhige dich mal wieder!"
Jane hielt ihre kleine Schwester einfach fest. Eigentlich wusste sie ja, dass
Vivi recht hatte, doch das zuzugeben, fiel ihr schwer.
"Jane!" Vivian sah sie flehend an.
"Wo ist sie? Nachts ist es so verdammt kalt! Wenn sie nun erfriert?"
"Luna erfriert nicht!" Jane sprach
beschwörend auf Vivi ein. "Sie ist stark, dass weist du doch! Die wird
schon einen Weg finden, damit sie nicht erfriert!" Vermutlich hat sie
es im Augenblick wärmer, als wir."
Vivian gab sich damit zufrieden. Still und leise
kroch sie unter ihre Bettdecke und betete, dass Jane recht hatte.
Die Schwester hatte es im Augenblick nicht wärmer.
Ganz im Gegenteil. Sie zitterte am ganzen Leib.
Draußen war es schon dunkel und als Lichtquelle
diente nur ein Kerzenstummel, der garantiert nicht bis morgen reichte. Schlafen
konnten beide nicht. Das hatten sie schon den ganzen Tag getan.
"Hattest du nicht erzählt, du hättest zwei
Typen kennen gelernt? Wo sind die?" Luna musste reden, sonst würde sie
wahnsinnig werden, in dieser unheimlichen Stille.
Sandra, die immer noch ausgestreckt auf der Matratze
lag, sah auf.
"Ich habe sie schon seit drei Tagen nicht
mehr gesehen. Vermutlich sind sie geschnappt wurden, bei irgendeinem Einbruch.
Die haben ständig solche Dinger gedreht, aber wenigstens hatten die immer
warme Schlafsäcke!"
Sie angelte nach der Flasche Korn, in der fast
nichts mehr drin war, trank einen Schluck und gab den letzten Rest an Luna
weiter.
"Und warum machen wir das nicht genau so?"
Luna holte aus und die leere Flasche ging irgendwo, weit hinten, klirrend
zu Bruch.
"Was sollen wir machen?", kam es desinteressiert
zurück.
"Wir besorgen uns warme Schlafsäcke!"
"Du willst irgendwo einbrechen?" Sandra
sah sie skeptisch an. "Besitzt du irgendwelches Werkzeug?"
Ratlos hob Luna die Schultern. Daran hatte sie
nicht gedacht. Doch irgendwie musste es doch zu schaffen sein, sich warme
Sachen zu besorgen, ohne gleich wildfremde Leute zu überfallen.
"Dann geh ich eben allein, wenn du nicht
willst!" Verstimmt stand sie auf, doch die Freundin erwischte sie gerade
noch an der Hose und hielt sie fest.
"Nein warte! Ich komme mit!"
Die Mädchen zogen alles an, was sie besaßen,
denn draußen war die kalte Nacht angebrochen.
Schweigend verließen sie die Fabrikhalle, nahmen
aber alles mit, was ihnen gehörte. Man konnte nie wissen, wer sich sonst noch
so alles herumtrieb und einen Schlafplatz suchte.
Offensichtlich wusste Sandra ganz genau, wo sie
hin mussten, denn zielstrebig wandte sie sich nach rechts.
Ihre Blicke wanderten nicht suchend durch die
Straßen. Sie wusste mit absoluter Sicherheit, wo das richtige Geschäft stand.
Eine ganze Weile später blieben die Freundinnen
vor einem kaum beleuchteten Schaufenster stehen. Nur schwach konnte Luna erkennen,
dass dieser Laden Campingartikel verkaufte.
"Das ist genau das, was wir brauchen!"
Mit strahlenden Augen sah sie Sandra an.
"Ich weiß", flüsterte diese. "Der
Laden gehört meinem Onkel und soweit ich informiert bin, hat er keine Alarmanlage!"
Auch sie strahlte. Diese Idee hatte sie schon viel früher gehabt, nur allein
traute sie sich nie. Mit Luna würde das ein Kinderspiel werden.
Ehe Luna überhaupt nachdenken konnte, wie sie
da rein kommen sollten, griff sich Sandra einen größeren Stein und warf ihn
in die Scheibe der Eingangstür. Danach liefen beide Mädchen erst einmal weg
und warteten mehrere hundert Meter weiter ab, was sich tat.
Nichts rührte sich. Niemand schien den Krach
gehört zu haben. Es bellte ja nicht einmal ein Hund. Die Straße lag immer
noch so ausgestorben da, wie zehn Minuten vorher.
Trotzdem warteten Luna und Sandra noch über eine
halbe Stunde, bevor sie sich dem Geschäft wieder näherten. Um sich vor dem
scharfen Wind zu schützen, drängelten sie sich in einen Hauseingang. Sie sprachen
nicht. Jede von ihnen versuchte mit der eigenen Nervosität fertig zu werden.
Immerhin war es ihr erster Einbruch und sollten sie erwischt werden, brächte
man sie garantiert zu den Eltern zurück und das wäre dann die allerschlimmste
Bestrafung. Also mussten sie verdammt vorsichtig sein.
Vivian schlug die Augen auf und freute sich,
dass heute der letzte Schultag in diesem Jahr war.
Wenigstens ein was positives, an das sie sich
festhalten konnte. Das Wochenende war grauenvoll gewesen, Luna tauchte nicht
auf und sie wussten immer noch nicht, wo sie sich überhaupt aufhielt. Der
Vater hatte den ganzen Sonntag nur gebrüllt, allerdings nicht noch einmal
zugeschlagen. Jane glich so und so nur noch einem schattenhaften Wesen, dass
angstvoll in der Wohnung herum schlich und ständig erschrocken zusammenzuckte.
Vernünftig reden konnte man mit ihr auch nicht. Sie hüllte sich in totales
Schweigen.
Auch an diesem Morgen sagte sie nichts, als sie
ihr Bett verließ, sich anzog und ins Badezimmer ging.
Das kann ja noch heiter werden, dachte Vivian
und zog sich ebenfalls an. Bis Weihnachten muss sich dringend was ändern!
Nur hatte sie keine Ahnung, wie sich das anstellen sollte.
Zum letzten mal in diesem Jahr, machten sie sich
auf den Schulweg.
"Was sagst du, wenn die Lehrerin dich fragt,
wo Luna ist?" Vivian hielt das Schweigen nicht länger aus, aber ein anderes
Thema fiel ihr im Augenblick nicht ein.
"Sie werden nicht fragen!" Jane blieb
kurz angebunden. Sie hatte Horror vor den kommenden Schulstunden. Das Hinterteil
tat ihr immer noch so sehr weh, dass sie kaum sitzen konnte. Und wie sollte
sie die endlosen Minuten einer Schulstunde überstehen?
"Wie kommst du da drauf?" Jetzt verstand
Vivi gar nichts mehr.
"Weil er persönlich in der Schule anrufen
will und Luna krank melden wird! Darum! Entschuldigungsschreiben nützen bekanntlich
nicht viel!" Mit schnellen Schritten lief Jane weiter. Die kleine Schwester
bemühte sich neben ihr zu bleiben, stellte jedoch keine weiteren Fragen.
In der Schule angekommen, trennten sich ihre
Wege. Vivian war auch froh, ihrer Schwester zu entkommen und sich endlich
mal mit jemandem normal unterhalten zu können.
Jane dagegen setzte sich, ohne nach links oder
rechts zu schauen, stur auf ihren Platz. Sie fürchtete, dass man ihr alles
anmerken könnte, wenn sie sich mit jemandem unterhalten würde.
Doch kaum saß sie auf ihrem Stuhl und hatte die
Bücher ausgepackt, kam schon Tanja auf sie zu.
"He Jane!", begrüßte Tanja sie und
lächelte freundlich. Schließlich kannte man sich seit der Weihnachtsparty
schon viel besser. "Wo ist Luna geblieben?"
In Janes Kopf drehten sich die Gedanken. Was
sollte sie antworten, ohne ihr Geheimnis zu gefährden?
"Sie ist krank! Liegt mit Grippe im Bett!"
"Schade!" Zum Glück wollte Tanja nichts
genauer wissen. "Weißt du schon, dass wir nachher zwei Freistunden haben?"
"Ehrlich?" Ein bisschen Freude huschte
über Janes Gesicht.
"Ja. Der Physiklehrer ist krank. Hast du
nicht Lust, mit zu mir zu kommen? Meine Eltern sind beide arbeiten."
"Zu dir?", fragte Jane ungläubig und
dachte darüber nach. Traurig schüttelte sie mit dem Kopf, als sie zum Schluss
kam, dass sie lieber alleine bleiben sollte.
"Warum nicht?" Tanja ließ sich nicht
so einfach abblitzen. "Willst du nach Hause gehen? Ihr wohnt doch ziemlich
weit weg." Ohne nachzufragen setzte sie sich einfach auf Lunas Stuhl
und sah Jane an. "Komm! Gib dir nen Ruck! Meine Eltern haben ne sehr
gute Hausbar!"
Das überzeugte Jane schließlich.
"Meinetwegen, ich komme mit", sagte
sie. Dann klingelte es zur ersten Stunde und die Mädchen mussten sich trennen.
Während des Unterrichts, dachte Jane über die
Einladung nach. Noch nie war sie bei einer Freundin, oder Klassenkameradin
zu Hause gewesen. Ihre Neugier wuchs von Minute zu Minute. Am Ende der Stunde
freute sie sich doch auf die Freistunden. Sie war so in Gedanken gewesen,
dass sie völlig vergessen hatte, dass ihr alles weh tat. Und wenn Tanjas Eltern
wirklich eine gute Hausbar besaßen, fand Jane mit Sicherheit etwas, um die
Schmerzen wegzuspülen.
Endlich war es soweit. Jane glaubte, dass Vera
und Kathrin ebenfalls mit zu Tanja kommen würden, doch diese verabschiedeten
sich vor der Schule von ihnen.
"Warum kommen die nicht mit?", fragte
Jane und sah den Mädchen nachdenklich hinterher.
"Die wollen in die Stadt, um einzukaufen.
Dafür habe ich kein Geld!"
"Ich leider auch nicht", seufzte Jane
und dann setzten sie sich in Bewegung. Richtung Tanjas Elternhaus.
Tanja wohnte nur zwei Straßen weiter. Stumm bestaunte
Jane das schmucke Einfamilienhaus, mit den blauen Fensterläden und dem herrlichen
Vorgarten. Im Geiste sah sie dann, das graue Mietshaus, in dem sie selber
wohnte und der Neid stieg in ihr auf.
"Gefällt es dir?", fragte Tanja, öffnete
die Haustür und winkte ihr einladend zu. Fröhlich wippte ihr Pferdeschwanz,
als sie voran ging, um Jane ihr Zimmer zu zeigen.
Drinnen verlor Jane dann endgültig die Fassung.
Dieser Raum war dreimal so groß, wie ihr Kinderzimmer, was sie sich auch noch
mit Luna und Vivi teilen musste. Dass sie nicht grün vor Neid wurde, war eigentlich
ein Wunder.
Doch sie riss sich zusammen. Tanja konnte schließlich
nichts dafür, dass ihre Eltern so ein Haus besaßen und Janes Vater nicht.
Es würde sich für die Familie Meinert auch gar nicht lohnen, da sie ja ständig
umziehen mussten.
"Wahnsinn", hauchte Jane und ließ sich
auf den gemütlichen Sessel fallen, der zusammen mit einem Sofa, vor dem Fenster
stand. Von hier aus hatte sie den besten Überblick.
"Ach das ist noch gar nichts!" Abwertend
winkte Tanja ab. "Du müsstest mal Vera ihr Zimmer sehen. Die hat ne ganze
Etage für sich allein. Sogar ein eigenes Badezimmer."
Es reichte, um Jane wütend zu machen. Tanja bemerkte,
wie Jane die Hände zur Faust ballte und wechselte schnell das Thema.
"Was willst du trinken?", fragte sie
und lächelte Jane entwaffnend an.
"Irgendeinen Saft mit Wodka, wenn du hast."
Die Wut war verflogen.
"Bleib sitzen. Ich hole alles." Tanja
verließ ihr Zimmer und kam kurz darauf mit mehreren Flaschen wieder. Sie stellte
alles auf den kleinen Tisch, der zur Sitzgruppe gehörte und ging dann noch
mal los, um Gläser zu holen.
"Merken das denn deine Eltern nicht, wenn
du dich an ihrer Hausbar vergreifst?" Jane würde sich niemals trauen,
einfach die Flaschen ihres Vaters zu nehmen. Sie kannte die anschließenden
Konsequenzen.
"Nö!" Tanja goss für Jane großzügig
Wodka in ein Glas und Apfelsaft darüber. "Die sind viel zu sehr beschäftigt
und außerdem würden sie zuerst denken, dass es die Putzfrau war!"
Die Mädchen stießen klirrend mit ihren Gläsern
an. Tanja hatte sich das Gleiche gemixt, wie Jane und sie fand, dass es gar
nicht schlecht schmeckte.
"Hast du die Geschichte von Sandra gehört?",
fragte Tanja plötzlich, als Schweigen sich zwischen ihnen ausbreitete.
Jane zuckte zusammen, hatte sich jedoch Sekunden
später wieder unter Kontrolle. "Was meinst du?" Sie hatte beschlossen,
die Ahnungslose zu spielen, bis sie wusste, worauf Tanja aus war.
"Na die ist doch abgehauen! Von zu Hause!"
Tanja war erstaunt. "Deine Schwester wurde doch deswegen von der Polizei
befragt. Das musst und doch wissen?"
"Ja klar", gab Jane zu. "Aber
wir wissen nichts von ihr. Hast du ne Idee, wo sie stecken könnte?"
"Keine Ahnung. Die ist bestimmt mit irgendwelchen
Ganoven zusammen und dreht krumme Dinger. Die Polizei wird sie schon finden
und bestimmt landet sie dann im Heim. Das ist das dritte Mal in zwei Jahren,
dass Sandra untertaucht." Tanja sah den entsetzten Ausdruck in Janes
Gesicht, nicht.
"Und warum läuft Sandra immer weg. Hat da
schon mal jemand drüber nachgedacht, oder weiß das einer?" Jane hatte
Mühe, ganz normal zu klingen.
Tanja wurde einen Augenblick nachdenklich. "Das
Gerücht geht um, dass sie Probleme mit ihren Eltern hat. Wahrscheinlich wird
sie geschlagen."
"Oh mein Gott!", entfuhr es Jane. "Hat
sie das erzählt?"
"Nein! Sandra erzählt nichts. Sie tut immer
so, als wäre sie die Größte und Coolste. Die würde sich nie was anmerken lassen.
Vielleicht stimmt das Gerücht auch gar nicht und wir machen hier die Pferde
scheu!"
Jane versteckte sich hinter ihrem Glas und trank.
Sie durfte jetzt nicht die Beherrschung verlieren. Also versuchte sie ihre
Erregung mit Alkohol zu betäuben.
"Aber es wäre wirklich schlimm, wenn es
stimmen würde! Man kann sich gegen seine eigenen Eltern doch überhaupt nicht
wehren!" Tanja redete mehr mit sich selber, als mit Jane. Sie konnte
sich nicht richtig vorstellen, dass Erwachsene ihre eigenen Kinder schlagen.
Sie verschloss die Augen und redete sich in Gedanken ein, dass an Sandras
Gerücht, kein Funken Wahrheit dran war. So etwas durfte es einfach nicht geben!
"Hast du noch einen Schluck?" Jane
hielt ihr das Glas hin und versuchte von diesem gefährlichen Thema wegzukommen.
Außerdem spürte sie, dass sie nicht mehr lange sitzen konnte.
"Klar!" Tanja war auch froh, das Thema
wechseln zu können und goss Jane nach. "Tut mir übrigens leid, dass ihr
auf der Weihnachtsfeier erwischt worden seid."
"Das war verdammt schiefgelaufen! Luna,
die blöde Kuh, musste genau in dem Moment die Flasche ansetzen, als die Geiger
rein kam! Wir mussten mit ins Lehrerzimmer und wurden dann von unserem Vater
abgeholt. Gab natürlich ein großes Theater!"
"Kann ich mir denken", stimmte Tanja
zu. "Sei ihr bestraft worden?"
"Er hat uns die Weihnachtsgeschenke gestrichen",
antwortete Jane im Scherz. Doch in ihrem Inneren spielte sich noch einmal
der ganze Film von Mittwoch abend ab. Aber sie durfte nicht daran denken.
Sie durfte sich einfach nichts anmerken lassen!
"Na wenn es weiter nichts ist", lachte
Tanja und merkte tatsächlich nichts. "Was hast du dir denn zu Weihnachten
gewünscht?"
Jane bekam den nächsten Schreck. Dieses Mädchen
stellte ihr aber auch eine unangenehme Frage nach der anderen. Sie hatte sich
nichts gewünscht. Zu Weihnachten gab es immer nur neue Kleidung und ihr Vater
würde auch dieses Jahr nichts anderes kaufen.
"Ein Fahrrad", antwortete sie dann
ganz spontan. "Ich glaube aber nicht, dass ich es kriege. Wir sind drei
Kinder."
"Ja, ja. So ein Teil kann ganz schön teuer
sein", pflichtete ihr Tanja bei und stand auf. "Ich muss mich noch
umziehen, bevor wir wieder in die Schule müssen."
Ohne sich zu genieren, zog sie sich vor Jane
aus und öffnete anschließend ihren begehbaren Kleiderschrank.
Mit großen Augen starrte Jane auf den Schrank.
Massenhaft Klamotten stapelten sich dort drinnen. Das alles würde vermutlich
ausreichen, um eine kinderreiche Familie komplett einzukleiden. Vivian, Luna
und Jane besaßen zusammen nicht ein Viertel davon.
"Gehören die Sachen alle dir?"
"Ja." Erstaunt sah Tanja sie an. Doch
dann erinnerte sie sich, dass ihr schon einmal aufgefallen war, dass Luna
und Jane ständig in den selben Sachen zur Schule kamen. Ihr kam eine Idee.
"Wenn du willst, kannst du dir ein paar
aussuchen! Meine Mutter will nach Weihnachten so und so einige ausrangieren.
Ich besitze viel zu viel!"
Sofort begann sie mehrere Pullover auszuräumen
und legte sie ausgebreitet auf ihr Bett. Es waren wirklich sehr schöne Teile
dabei und sehnsuchtsvoll betrachtete Jane sie.
"Such dir aus und probiere an! Es ist wirklich
nichts dabei!", drängte Tanja und sah sie erwartungsvoll an. "Kannst
auch was für deine Schwestern mitnehmen."
Jane blieb stumm. In Gedanken ging sie ihren
eigenen Kleiderschrank durch und darin befanden sie nicht annähernd so schöne
Sachen. Aber wie sollte sie einen Pullover oder eine Hose hier anprobieren?
Sie konnte sich doch nicht vor Tanja ausziehen.
Doch bei den herrlichen Klamotten wurde sie schwach
und sie gab sich einen Ruck. Tanja durfte nur ihren Rücken nicht sehen und
das würde sie schon irgendwie schaffen. Die restlichen blauen Flecke, konnte
sie notfalls Luna in die Schuhe schieben.
"Dann fangen wir mal an", flüsterte
Jane und öffnete ihre alte Jeans. Blitzschnell hatte sie sich umgezogen, so
dass Tanja kaum Gelegenheit hatte, ihre nackten Beine zu sehen. Doch Tanja
zog sich ebenfalls um und interessierte sich gar nicht für Janes nackte Haut.
Die Klamotten passten. Jane probierte ein Teil
nach dem anderen an und wurde zunehmend unvorsichtiger.
Bis Tanja plötzlich vor ihr stand und sie festhielt.
Ihre Augen waren auf die Arme gerichtet, denn Jane hatte gerade ein ärmelloses
Hemd an.
"Was ist das?", fragte sie naiv.
Jane sah an sich herunter und erkannte ihren
Fehler. Hastig riss sie sich von Tanja los, zog das Hemd aus und ihren eigenen
alten Pullover wieder über. Das gab ihr genügend Zeit nachzudenken, wie sie
der Freundin eine glaubwürdige Geschichte auftischen konnte.
"Jane?", fragte Tanja noch einmal,
weil ihr aufging, was sie gerade gesehen hatte.
"Von Luna!", knurrte Jane und setzte
sich auf den Sessel. Ihre Hände zitterten, als sie nach dem Glas griff.
"Von Luna?" Tanja Gesicht sagte aus,
dass sie nicht verstand.
"Ja, von Luna!" Gereizt stellte Jane
ihr Glas auf den Tisch zurück. "Wir haben uns gestritten!"
"Und da fällt sie so über dich her?"
"Sie war betrunken und wusste nicht, was
sie tat. Außerdem habe ich sie provoziert und da ist sie eben ausgerastet!"
"Aber so wie du aussiehst, muss sie sich
ja völlig vergessen haben!"
"Ach lass es", wehrte Jane ab und wollte
so schnell, wie möglich von diesem Thema weg. "Es sieht schlimmer aus,
als es ist. Sie hat mir nicht richtig weh getan. Ich bin etwas empfindlich
und bekomme schnell blaue Flecke."
Um nicht weiter reden zu müssen, griff Jane erneut
nach ihrem Glas und trank es in einem Zug aus.
Tanja betrachtete sie nachdenklich, beschloss
dann aber die Sache ruhen zu lassen. Still packte sie die Sachen zusammen,
die Jane sich ausgesucht hatte.
Unsanft wurde Luna durch einen Tritt geweckt.
Schlaftrunken glaubte sie, dass Sandra sich bewegte, doch ein zweiter Tritt
sagte ihr, dass irgendwas nicht stimmte. Blitzschnell öffnete sie die Augen
und richtete sich auf.
Ihr Einbruch in der vergangenen Nacht, hatte
hervorragend geklappt. Außer zwei Schlafsäcke, hatten sie noch einen Campingkocher
und eine kleinen Ofen, den man mit Spiritus betreiben konnte, mitgehen lassen.
Zum ersten Mal in dieser Lagerhalle, konnte Luna schlafen, ohne zu frieren
und sie hatte bestimmt auch über 12 Stunden gepennt.
Im ersten Augenblick dachte sie, dass die Polizei
doch auf ihre Spur gekommen wäre, doch dann erkannte sie, dass der Typ über
ihr, ein Messer in der Hand hielt.
Vorsichtig tastete sie mit der Hand nach Sandra,
um sie zu wecken. Doch diese knurrte nur und wollte in Ruhe gelassen werden.
"Was willst du?", schnauzte Luna den
Kerl an und hoffte, dass ihre Freundin wenigstens dadurch wach wurde. Angst
hatte sie nur ein ganz kleines Bisschen, aber die zeigte sie nicht.
"Gib die Klamotten her!", antwortete
der Typ und kam näher auf sie zu. Ehe er sich versah, war Luna aus ihrem Schlafsack
raus und stand auf den Beinen.
"Erst mal heißt das Guten Morgen, wenn du
mich schon weckst!" Ihre Stimme klang belustigt, aber in ihren Augen
glitzerte es gefährlich. Um keinen Preis gab sie die warmen Sachen wieder
her.
Der Typ trat noch einen Schritt näher auf sie
zu, das Messer in der ausgestreckten Hand. Die Klinge zeigte auf Luna.
"Was willst du mit dem Spielzeug?"
Sie lachte laut auf, ließ den Kerl aber nicht aus den Augen. Auf den zweiten
Blick hatte sie erkannt, dass er ein Penner war. Sein schmutziges Äußeres
und die alte Kleidung verrieten ihn.
"Rück die Klamotten raus!", sagte er
noch einmal. Allerdings war diese Aufforderung nicht mehr so selbstbewusst,
wie am Anfang.
"Wozu?" Die Sache fing an, ihr Spaß
zu machen.
"Gib sie einfach her und dir passiert nichts!"
Er fuchtelte erneut mit der Klinge vor Lunas Brust herum, doch sie wich keinen
Schritt zurück. Mit einer einzigen Handbewegung schlug sie ihm das Messer
aus der Hand und es fiel zu Boden. Dann trat sie auf ihn zu.
"Was soll mir denn passieren?" Provozierend
sah sie ihn an. "Willst du mir etwa die Ohren abschneiden? Oder mich
aufschlitzen?"
Sie wurde zunehmend lauter und davon wurde auch
Sandra wach, die sich nun aufrichtete und den beiden zusah. Ihren Schlafsack
verließ sie nicht. Sie wusste, dass Luna alles unter Kontrolle hatte.
"Du kannst mir auch eine in die Fresse hauen!
Bitte schön! Aber das stört mich nicht! Komm, und schlage mich zusammen! Ich
bin Schmerzen gewohnt! Du kannst mir gar nicht weh tun, du Arschloch! Verpiss
dich zu deinen anderen Pennern!"
Dann war die restliche Beherrschung vorbei. Luna
holte aus und schlug ihm die Faust ins Gesicht.
Erschrocken fasste der Typ sich an die Nase,
doch sie blutete noch nicht. Währenddessen trat Luna zu. Wie sie es von ihrem
Onkel gewohnt war. Genau auf die Stellen, die am meisten weh taten.
"Lass ihn am Leben!", kam es von Sandra,
die das Schauspiel fasziniert verfolgte. "Er soll erst mal seine Taschen
ausräumen!"
Der Typ war auf dem Boden in sich zusammengesunken
und sah nun hoffnungsvoll das andere Mädchen an. Er hatte geglaubt, mit diesen
Kindern relativ einfach fertig zu werden, doch da hatte er sich getäuscht.
Ausgerechnet die Kleine, die er mit Absicht zuerst geweckt hatte, musste ihm
diese Tour vermasseln.
Luna stand schon wieder über ihm und hielt fordernd
die Hand auf. "Jetzt drehen wir das Spiel mal um! Pack deine Taschen
aus!"
Widerwillig suchte er in seinen Taschen. Viel
kam nicht zu Vorschein. Tabak, Kleingeld und ein paar uralte Handschuhe.
Luna nahm alles an sich. Sandra stand nun doch
auf und stellte sich neben sie. Nachdenklich betrachtete sie die Handschuhe.
"Gib ihm alles wieder!", befahl sie
Luna und wandte sich ab.
"Warum?" Irritiert sah Luna ihr nach.
"Weil er auch nur ein armes Würstchen ist,
genau wie wir."
"Spinnst du jetzt?"
"Nein!" Sandra kam zurück. "Er
ist im Grunde genommen noch schlimmer dran, als wir! Der hat überhaupt niemanden
mehr auf der Welt. Wir haben wenigstens noch uns!"
Luna war damit der Wind aus den Segeln genommen.
Zögerlich gab sie die alles zurück und auf einmal hatte sie Mitleid mit dem
Typen, der sie jetzt sogar dankbar anlächelte.
"Verpiss dich!", knurrte sie trotzdem
und der Kerl sah zu, dass er auf die Beine kam und abhaute. Kurz sah sie ihm
nach und setzte sich auf die Matratzen.
"Nicht schlecht!" Anerkennend hob Sandra
den Daumen.
"Es ging", antwortete Luna und griff
nach dem Messer, dass sie ihm zuerst abgenommen hatte. Sie zeigte es der Freundin.
"Damit wollte er mich bedrohen."
"Lächerlich", gab Sandra, zu und beide
Mädchen lachten laut auf. Ihnen konnte so leicht keiner was. Sie wussten sich
zu wehren.
"Ich hab wunderbar geschlafen." Luna
streckte sich. Für sie war die Sache beendet. Der Spaß war vorbei.
"Was machen wir heute?"
"Wie wäre es mit, Nahrung besorgen? Ich
hab nen Mordshunger!"
"Gute Idee! Ich bin dabei!"
Gemeinsam begannen sie ihr Lager abzuräumen.
Sollte der Typ, oder einige andere, zurückkommen, würden sie denken, dass
Luna und Sandra alles mitgenommen hätten. Die Schlafsäcke, den Ofen und den
Kocher, verpackten sie in einer alten Kiste und versteckten diese in einer
anderen Ecke der Halle. Nur die Matratzen mussten liegen bleiben.
Ausgehungert machten sie sich auf den Weg in
die Innenstadt.
"Das kann ich doch gar nicht alles mit in
die Schule nehmen!"
Jane betrachtete eingehend die drei Plastiktüten,
in denen Tanja sämtliche Klamotten gepackt hatte.
"Ja, du hast recht." Tanja überlegte
ebenfalls. "Weist du was? Ich bringe sie dir heute nachmittag nach hause."
"Zu mir?", unterbrach sie Jane aufgeregt.
"Warum nicht?"
"Es ist wegen Luna. Sie ist wirklich sehr
krank und wir dürfen zur Zeit niemanden mitbringen, damit sie ihre Ruhe hat."
Eine bessere Lüge war ihr so schnell nicht eingefallen.
"Okay, dann lass sie erst einmal hier. Irgendwann
wird es schon klappen." Tanja stellte die Tüten wieder in den Kleiderschrank.
Langsam wurde es für die Mädchen Zeit, wieder
zur Schule zu gehen und schweigend zogen sie sich die Jacken über.
Jane beschäftige was ganz anderes. Sie hatte
nicht eine Sekunde daran gedacht, wie sie ihrem Vater erklären sollte, woher
sie die neuen Sachen hatte. Bestimmt würde er was dagegen haben und Jane auffordern,
sie zurückzubringen. Irgendeine Lösung musste ihr dazu noch einfallen, denn
behalten wollte sie die Klamotten auf jeden Fall.
Der letzte Schultag vor Weihnachten verging schnell.
Kaum ein Lehrer zog seinen Unterricht streng durch. Sie veranstalteten mit
den Schülern kleine Spiele und ließen so manches durchgehen. Trotzdem atmeten
alle befreit auf, als die letzte Stunde zu Ende war. Jeder wollte so schnell
wie möglich raus, aus dem Schulgebäude und es herrschte Gedränge unter den
Schülern.
Nur Jane und Vivian freuten sich überhaupt nicht
auf die Ferien. Herr Meinert hatte Urlaub und das bedeutete, er war in den
ganzen zwei Wochen jeden Tag daheim. Wie sollten sie das nur aushalten? Dazu
noch ohne Luna.
Bedrückt liefen die Schwestern heimwärts. Vor
ihnen lag der letzte freie Nachmittag, ohne den Vater. Jane erzählte zwar
von ihrem Besuch bei Tanja, aber das konnte Vivi nicht aufheitern.
In der Wohnung fiel ihnen wieder ein, dass Frau
Müller auch nicht mehr da war. Zu sehr hatten sie sich an Margot gewöhnt,
doch heute stand kein fertiges Mittagessen auf dem Tisch. Jane musste selber
etwas zubereiten.
Die restlichen Stunden verbrachten beide mit
Lesen. Der Vater sah es gern, wenn seine Töchter ein schlaues Buch in der
Hand hielten. Jane und Vivian wollten, dass er bessere Laune bekam, doch Herr
Meinert kam so und so mit übelster Laune heim. Da schien gar nichts zu helfen.
"Ist sie da?", fragte er kurz angebunden,
als er ins Zimmer trat.
Die Mädchen schüttelten ängstlich den Kopf, doch
es passierte nichts. Der Vater verließ das Zimmer sofort wieder.
Jane hasste ihre Stiefschwester immer stärker.
Wie konnte Luna ihnen das nur antun? Wo doch Weihnachten vor der Tür stand?
Die schlechte Laune des Vaters würde bis Heilig Abend, bis ins unerträgliche
gefallen sein. Jane sah sich schon wieder am Boden liegen, über sich den Vater
mit dem Gürtel, während alle anderen zu dieser Zeit, ihre Geschenke auspackten.
"Ich geh mal das Abendessen machen."
Vivian flüsterte nur und legte vorsichtig ihr Buch zur Seite. Sie hatte gar
nicht gelesen, sondern so ähnlich gedacht, wie Jane.
"Was hast du vor?" Jane spürte, dass
die kleine Schwester viel mehr bewegte und hielt sie kurz vor der Tür fest.
"Nichts", antwortete Vivian, sah aber
beschämt weg.
"Doch Vivi! Du hast über etwas wichtiges
nachgedacht! Ich kenne dich!"
"Ich kann nicht mehr Jane!" Weinend
brach sie in den Armen der großen Schwester zusammen. "Ich schaffe das
einfach nicht mehr!"
"Was schaffst du nicht mehr?" Jane
blieb ruhig und besonnen. Auf keinen Fall durfte sie die Schwester jetzt verschrecken,
sonst hüllte diese sich in Schweigen und Jane würde nie erfahren, was Vivi
vorhatte.
"Was hast du vor?"
"Wenn Vater uns Weihnachten nur einmal schlägt,
gehe ich anschließend zur Polizei und zeige ihn an!" Sie sprach so leise,
dass Jane es kaum verstand.
"Mach das nicht", bat Jane.
"Doch! In einem Kinderheim kann es nicht
schrecklicher sein, als hier! Und es ist mir egal, was Luna für angebliche
Schauermärchen dort erlebt hat. Ich will nicht länger hier wohnen!"
Vivian befreite sich von Janes Händen und ging
aus dem Raum. Völlig entsetzt sah Jane die geschlossene Tür an. Dieses Vorhaben
musste sie unter allen Umständen verhindern.
Das Abendessen verlief so schweigsam, wie noch
nie. Die Mädchen trauten sich so und so nichts mehr zu sagen. Jedes Wort konnte
ein Fehler sein und der Vater würde explodieren. Das war kein Zuhause mehr.
Das war eine Burg der Angst, der Verzweiflung und des Schreckens.
Jane kam kurz der Gedanke, dass sie und Vivi
ebenfalls weglaufen könnte. Aber was hätte das für einen Sinn? Sie hatte absolut
keine Ahnung, wohin sie gehen sollten. Immerhin herrschte Winter und auf der
Straße würden sie erfrieren.
Aus den Augenwinkeln beobachtete Jane ihren Vater.
Sah, wie er mit großen Bissen seine Brote aß und schlürfend den Tee trank.
Es ekelte sie an, ihn beim Essen zuzuschauen. Jane schüttelte sich, kaum merklich,
vor lauter Abscheu.
"Ist irgendwas, Jane?" Herr Meinert
hatte es nicht übersehen.
"Nein", antwortete sie leise. Im gleichen
Moment machte sich Angst in ihr breit. War es heute wieder so weit?
"Ich will euch mal was sagen!" Der
Vater war fertig mit dem Essen. Vivian und Jane erstarrten und sahen nicht
auf.
"Solange der Bastard nicht wieder hier ist,
habt ihr in eurem Zimmer zu bleiben! Ich will euch nur zu den Mahlzeiten sehen!
Das Haus habt ihr schon gar nicht zu verlassen! Verstanden?"
Seine Töchter nickten gleichzeitig und so war
für ihn alles in Ordnung. Er wollte damit verhindern, dass ihm noch eine Tochter
abhanden kam. Zufrieden, weil alles so gut klappte, stand Herr Meinert vom
Tisch auf und ging ins Wohnzimmer.
"Verdammte Scheiße!", brüllte Vivian
ihm nach, in voller Lautstärke.
Jane sprang erschrocken auf. Was war in die kleine
Schwester gefahren? Abwechselnd sah sie zur Tür und zu Vivi. Der Vater konnte
noch nicht im Wohnzimmer sein. Er musste es gehört haben.
Da stand er auch schon wieder in der Küche. "Was
hast du gesagt?"
Knallrot war sein Gesicht, vor Wut.
"Verdammte Scheiße!", wiederholte Vivian,
keine Spur leiser.
Jane machte den Mund auf, brachte jedoch keinen
Ton heraus. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Steif wartete sie darauf,
dass der Vater auf Vivi losging. Jetzt konnte ihn bestimmt nichts mehr zurückhalten.
"Warum?" Noch geschah nichts.
Vivian stellte sich aufrecht hin. "Du kannst
uns nicht Tag und Nacht im Zimmer einsperren! Wir haben Ferien!"
Weiter kam sie nicht, denn Herr Meinert war schon
bei ihr und packte sie. Er wollte ausholen, hielt aber noch einmal kurz inne.
"Du willst dich also beschweren?"
"Ja!" Vivian blieb todesmutig. Ihr
war anscheinend alles egal.
"Das werde ich dir schon austreiben!"
Grob schleifte er seine Tochter aus der Küche und im selben Moment, erwachte
Jane aus ihrer Erstarrung. Sie stürzte hinterher.
Im Korridor erwischte sie ihren Vater am Arm,
der schon dort richtig ausholten wollte. Vivian hielt er mit der anderen Hand
so, dass sie sich nicht losreißen konnte.
Über dieses plötzliche Eingreifen von Jane, war
Herr Meinert dann doch verblüfft. Aber er wurde auch mit zwei Mädchen fertig.
Mit aller Macht, schüttelte er seine älteste Tochter vom Arm ab, packte sie
am Hals und drückte zu, bis sie rot anlief. Dann schleuderte er ihren Kopf
gegen die nächste Wand. Jane sank ohnmächtig in sich zusammen.
Ohne sich weiter um Jane zu kümmern, schleifte
er Vivian ins Wohnzimmer. Dort konnte er sie in aller Ruhe bearbeiten und
das tat er auch, bis sie keinen Mucks mehr von sich gab. Vivian würde es nie
wieder wagen, ihm zu widersprechen!
"Halt! Stehen bleiben!"
Sandra und Luna drehten sich gleichzeitig um
und sahen, wie ein Mann auf sie zukam. Der Supermarkt war gerammelt voll und
sie hatten geglaubt, dass in diesem vorweihnachtlichen Gedränge, niemand auf
sie achten würde. Falsch gedacht, denn der Mann war offensichtlich ein Detektiv.
"Mitkommen!" Schon stand er bei den
Mädchen.
"Warum?", fragte Sandra, in ihrer rotzfrechen
Art zurück.
"Kleine Taschenkontrolle!" Er grinste
übers ganze Gesicht.
Luna sah sich nach allen Seiten um. Der Weg zur
Ausgangstür war frei.
"Ist mir egal!", sagte sie ruhig, trat
dem Detektiv gleichzeitig vors Schienbein, drehte sich um und ergriff die
Flucht. Sandra reagierte ebenso schnell und folgte ihr.
Wie von Sinnen rannten sie durch mehrere Straßen,
für den Fall, dass sie verfolgt wurden. Erst in einer dunklen Toreinfahrt
blieben sie atemlos stehen.
"Oh mein Gott! Das ist ja gerade noch mal
gut gegangen!", keuchte Sandra.
"Nicht auszudenken, was geschehen wäre,
wenn er uns erwischt hätte!"
Hinter den Mädchen raschelte etwas und sie drehten
sich erschrocken um.
"Der Penner", stellte Luna fest, als
sie die, am Boden kauernde, Gestalt erblickte. Sandra nickte zustimmend und
ging zu ihm hin.
"He Eric! Was ist los?" Sandra sprach
ihn an und Luna traute ihren Ohren kaum. Woher kannte die Freundin seinen
Namen? Das war höchst merkwürdig!
Der Kerl antwortete ihr nicht, sondern sah flehend
auf. Beide Mädchen erkannten, dass es ihm sehr schlecht ging. Sein zuckender
Körper und das schweißnasse Gesicht, sagten alles aus.
"Mist", flüsterte Sandra.
Luna sah, wie es in ihrem Kopf arbeitete. Dann
suchte Sandra in ihren Jackentaschen und holte die Tüte mit den komischen
Pillen heraus. Sie gab dem Typen die letzten zwei Stück. Zusätzlich reichte
sie ihm auch noch die, eben geklaute, Flasche Korn.
"Hier! Es wird nicht viel helfen, aber du
kommst wenigstens wieder auf die Beine!" Fast zärtlich lächelte sie ihn
an.
In Luna brach alles zusammen. Wie konnte Sandra
nur jemandem helfen, der sie vor wenigen Stunden mit einem Messer bedroht
hatte und sie ausrauben wollte? Und woher kannte sie ihn?
"Alles klar!" Sandra stand wieder neben
ihr.
"Und nun?" Erstaunt sah Luna sie an.
"Wir nehmen ihn mit!"
"Hm?" Luna sah sich nach Eric um.
Dieser stand wieder auf den Beinen, mit einem
seligen Grinsen im Gesicht. Offenbar hatte das Zeug geholfen, was er bekommen
hatte.
Zu dritt liefen sie zu dem Fabrikgelände. Luna
hüllte sich in eisernes Schweigen. Die Freundin musste nicht ganz dicht im
Kopf sein, wenn sie so einen bei sich aufnahm, dachte sie unterwegs.
Eric ließ sich sofort auf die Matratzen fallen
und schloss die Augen, während Sandra kontrollieren ging, ob ihre Sachen noch
da waren.
Gelangweilt zündete Luna sich eine Zigarette
an. Wenn Sandra wiederkam, wollte sie die Freundin zur Rede stellen.
"Was soll das?" Luna schlug nicht gerade
den freundlichsten Ton an.
"Jetzt rege dich ab!" Sandra blieb
gelassen und setzte sich neben Eric. "Ich hab ihn letztes Jahr kennen
gelernt. Da sah er noch besser aus. Hatte ne Sozialwohnung in der Ghettosiedlung
und ich durfte kostenlos bei ihm wohnen. Ist doch wohl klar, dass ich ihm
jetzt auch helfe!"
"Und wieso sagst du mir das erst jetzt?"
Luna konnte sich dennoch nicht beruhigen. "Warum hast du heute mittag
nicht zu ihm gehalten?"
"Hab ich doch! Immerhin habe ich dich zurückgehalten,
als du ihn totschlagen wolltest. Außerdem solltest du ihm alles wiedergeben!"
Feindselig blickten sich die Freundinnen an.
Jede von ihnen wollte recht behalten und keine gab nach. Es bildeten sich
die ersten Risse in ihrer jungen Freundschaft.
Wortlos griff Luna nach der Schnapsflasche, die
vor dem Matratzenlager stand. Sich voll laufen lassen, das war jetzt ihr dringendster
Wunsch. Vielleicht kam sie danach auf bessere Gedanken und würde sich mit
der neuen Situation abfinden.
Jane rappelte sich an der Wand hoch. Ihr Kopf
brummte fürchterlich und vor den Augen drehte sich alles, als sie endlich
auf den Füßen stand. Mühsam tastete sie sich dann durch den dunklen Korridor
zum Wohnzimmer. Sie musste Vivian unbedingt zu Hilfe kommen. Ohne anzuklopfen,
wie sie das sonst immer mussten, drückte sie die Türklinke runter und trat
ein. Vor Schreck weiteten sich ihre Augen und sie konnte Vivi auf den ersten
Blick gar nicht entdecken. Der Raum war völlig verwüstet. Der Tisch und einige
Stühle waren umgekippt. Bücher, aus der Schrankwand, lagen am Boden und auch
mehrere Bierflaschen. Vivian musste sich wie wahnsinnig gewehrt haben.
Ihren Vater konnte Jane ebenfalls nicht sehen.
Offenbar war er im Schlafzimmer. Dann fand sie Vivi, die in einer Ecke hockte
und sich ganz klein machte.
"Vivi?"
Die Schwester sah langsam auf und Jane war mit
einem Satz bei ihr. Hilflos und schützend nahm sie das kleine Mädchen in ihre
Arme und fing an zu weinen.
Dieser elende Scheißtyp hatte Vivians Gesicht
zerstört. Er konnte es sich leisten, weil Ferien waren. Weil seine Töchter
so und so nicht, das Haus verlassen durften. Niemand würde das demolierte
Auge je zu Gesicht bekommen.
"Geht in euer Zimmer! Dort könnt ihr weiter
flennen!" Herr Meinert war wieder ins Wohnzimmer getreten und sah die
Mädchen gelassen an. Jane half Vivian auf die Beine und schleppte sie aus
dem Raum. Legte sie ins Bett und holte kalte Lappen aus dem Badezimmer um
die Schwellungen zu kühlen. Mehr konnte sie für die Schwester nicht tun.
Im Hintergrund hörte sie, wie der Vater die Wohnung
verließ und hinter sich zweimal zuschloss. Er war noch keine fünf Minuten
weg, da klingelte das Telefon. Jane überlegte lange, ob sie rangehen durfte
und nahm dann beim 8. Klingelzeichen ab.
Die Flasche war fast leer und Luna spürte immer
noch keine Wirkung. Aber wenigstens hatte sie sich mit Eric abgefunden, der
inzwischen friedlich schlief. Sandra und Luna redeten auch wieder miteinander.
"Hast du noch irgendwas zu Saufen?"
Luna hielt ihre eiskalten Hände über den Ofen und sah die Freundin an, die
gerade vom pinkeln kam und sich die Hose hochzog.
"Wenn die Flasche leer ist, dann nicht mehr!"
"Scheiße!"
"Willst nen Joint?" Sandra hielt ihr
die brennende Zigarette hin, doch Luna schüttelte den Kopf.
"Nein", antwortete sie träge. "Wenn
ich mir den Typ da angucke, vergeht mir die Lust aufs Kiffen!"
Langsam stand sie auf und zog den Reisverschluss
ihrer Jacke hoch.
"Wo willst du hin?"
"Weiß noch nicht. Vielleicht kann ich was
zu trinken auftreiben." Luna drehte Sandra und Eric den Rücken zu und
ging. Irgendwas drängte sie raus aus dieser Halle, auch wenn die angebrochene
Nacht eiskalt war. Sie musste hier weg.
Ziellos lief sie durch die Straßen. Nur wenige
Leute waren unterwegs. Meistens Jugendliche, welche die Ferien genossen und
auf irgendeine Party wollten. Jugendliche in Lunas Alter, die das ganze Leben
noch vor sich hatten.
In den Taschen ihrer Jacke fand sie noch etwas
Kleingeld und sie blieb vor einer Telefonzelle stehen. Lange starrte sie auf
das gelbe Glashäuschen und überlegte, ob sie daheim anrufen sollte.
Wind kam auf und pfiff ihr durch die Jacke. Es
wurde zunehmend kälter und so betrat Luna die Zelle. Mit steifen Fingern warf
sie das Geld ein und wählte dann ihre eigene Telefonnummer. Sollte ihr Onkel
an den Apparat gehen, was mit Sicherheit der Fall war, konnte sie allemal
wieder auflegen. Aber sie wollte es wenigstens versuchen.
Luna ließ es lange klingeln und beim 8. Mal wurde
auf der anderen Seite abgenommen.
"Hallo?", fragte jemand schüchtern
und Luna stellte erleichtert fest, dass es Jane war.
"Ich bin's, Luna", flüsterte sie leise,
falls ihr Onkel mithören konnte.
Auf der anderen Seite blieb es still, dann hörte
sie nur noch ein verzweifeltes Schluchzen.
"Bitte Luna, komm zurück", flehte Jane
unter Tränen. "Er hat Vivi verprügelt! Ihr ganzes Gesicht ist grün und
blau!"
Luna hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten,
während sie das hörte. Sie wollte es nicht glauben aber an Janes Stimme, erkannte
sie, das es die Wahrheit war.
"Warum hast du es nicht verhindert?",
fragte sie und gab sich alle Mühe, nicht ebenfalls in Tränen auszubrechen.
"Nicht verhindert?", kam es durch die
Leitung, mit entrüstetem Unterton. "Weil ich vorher dran war und mein
Kopf gegen eine Wand gedonnert wurde. Wie soll ich da etwas verhindern? Ich
bin nicht so abgebrüht, wie du."
"Tut mir leid."
"Luna, du musst zurück kommen! Er verwandelt
sich zum Tier, seit du weg bist. Bitte, bitte, bitte!" Janes Stimme ging
wieder zum Schluchzen über. Luna hatte Mühe, sie überhaupt zu verstehen.
"Ich kann nicht! Du musst das verstehen",
sagte sie leise und legte anschließend auf. Das war zuviel für ihre Nerven.
Grenzenlose Wut stieg in ihr auf und sie trat
mit voller Wucht gegen die Glaswand. Diese zerbrach zwar nicht, aber es half
ein wenig.
Jeder musste sich selber helfen, in dieser verdammten
Welt! Luna konnte ihren Stiefschwestern nicht helfen.
Mit Wut im Bauch, die Hände zu Fäusten geballt,
rannte sie durch die verlassenen Straßen. Sie brauchte jetzt dringend Alkohol,
um zu betäuben, was sie da eben gehört hatte.
Nach hundert Metern kam Luna an einem Tabakladen
vorbei. Fast wäre sie daran vorbeigelaufen, doch aus den Augenwinkeln, sah
sie die aufgereihten Flaschen im Schaufenster. Abrupt blieb sie stehen, starrte
durch die Glasscheibe und starrte auf die Schnapsflaschen. Hastig sah sie
sich um. Niemand war zu sehen und Luna betete, dass auch sie nicht beobachtet
wurde. Mit dem Ellenbogen schlug sie die kleine Scheibe ein. Sofort sprang
die Alarmanlage an, doch Luna achtete nicht darauf. Blitzschnell griff sie
mit der bloßen Hand durch die Scherben und schnappte
sich eine Flasche Wodka. Anschließend machte sie, dass sie wegkam. Die Alarmanlage
war ziemlich laut und die Anwohner reagierten bestimmt darauf.
Abgehetzt blieb sie mehrere Straßen weiter, in
einem Hinterhof stehen. Sie war es nicht gewohnt, lange Strecken, in diesem
Tempo zurückzulegen.
Verkrampft hielt Jane den Telefonhörer fest und
starrte darauf. Luna hatte schon vor fünf Minuten aufgelegt, doch Jane konnte
es immer noch nicht glauben. Sie hatte sich noch nie so verlassen gefühlt.
Die Stiefschwester hatte sie eiskalt im Stich
gelassen. Das würde sie ihr niemals verzeihen.
Behutsam legte sie den Hörer wieder auf und ging
zurück ins Kinderzimmer, wo Vivian auf sie wartete.
Stumm sahen sich die Mädchen an. Vivian spürte
auch so, dass das kein normaler Anruf gewesen war.
"Wer war dran?", fragte sie später,
weil Jane immer noch schwieg.
"Luna." Der Name kam kaum hörbar über
ihre Lippen.
"Sie lebt?" Mit einem Ruck setzte Vivi
sich auf. Vergessen waren die Schmerzen und hoffnungsvoll hellte sich ihr
Gesicht auf.
"Keine Panik. Sie kommt nicht wieder."
Jane setzte sich zu ihr ans Bett und wechselte die Umschläge.
"Ich hab ihr am Telefon von dir erzählt.
Danach hat sie einfach aufgelegt."
"Einfach aufgelegt?"
"Ja. Vergiss sie am Besten! Die wirst du
nicht wieder sehen!"
Sie sah, wie sich die Augen der kleinen Schwester
mit Tränen füllten. Auch sie hätte jetzt gerne geweint, aber seit dem Anruf
hatte sie sich vorgenommen, ab heute die Stärkere zu sein. Sie wollte endgültig
Lunas Platz einnehmen.
Als Herr Meinert wieder heim kam, schliefen beide
Mädchen längst. Jane und Vivian hatten sich noch lange über ihre Zukunft unterhalten
und waren dann gemeinsam, in Vivis Bett, erschöpft eingeschlafen.
Nachdem sich alles wieder beruhigt hatte, lediglich
ein einsamer Streifenwagen war an Luna vorbeigefahren, lief Luna zurück zur
Fabrik. Müdigkeit machte sich in ihr breit und sie sehnte sich nach ihrem
warmen Schlafsack. Hauptsache Eric hatte den noch nicht in Beschlag genommen,
aber ihn würde sie schon raus treiben.
Doch schon von weitem erkannte sie, dass irgendwas
nicht stimmte. Das Gelände der Fabrik war seltsam beleuchtet und nur zögerlich
setzte Luna einen Fuß vor den anderen. Blaulicht zuckte über das geisterhafte
Gebäude und dann sah sie auch schon den ersten Polizeiwagen. Schnell stellte
sie sich so, dass man sie nicht sehen konnte und beobachtete, was da ablief.
Sie sah, wie Sandra ins Freie gestoßen wurde.
Das Mädchen wehrte sich heftig und schrie, als würde man sie gleich umbringen.
Nach ihr kam Eric zum Vorschein, der sich, zu Lunas Erstaunen, friedlich abführen
ließ. Er stand bestimmt derart unter Alkohol, dass er gar nicht begriff, was
ihm geschah. Beide wurden in getrennten Autos untergebracht und verschwanden
aus Lunas Sichtfeld. Zehn Minuten später lag das gesamte Gelände wieder im
Dunklen und Stille trat ein.
Luna blieb wie erstarrt stehen. Was sollte sie
jetzt machen? Wo sollte sie hingehen? Automatisch, ohne es überhaupt zu registrieren,
öffnete sie den Verschluss ihrer Wodkaflasche und trank. Ihr Kopf war leer,
wie ein Vakuum und so drehte sie sich um und ging den Weg zurück, den sie
gekommen war.
An irgendeinem Hauseingang setzte sie sich auf
die Treppe. Die Kälte spürte sie nicht mehr. Der Alkohol wärmte sie ausreichend.
Luna hörte die Klänge einer Disco, die in der Nähe zu sein schien. Das rhythmische
Stampfen, der Bässe, machte sie schläfrig und so lehnte sie den Kopf gegen
die Hauswand.
Sie wollte nur ein paar Minuten ausruhen und
merkte nicht, wie ihre Sinne schwanden und einer Art Koma Platz machten.
Stimmen holten sie aus der Benommenheit. Zur
gleichen Zeit kam, wie ein Schlag, die Kälte zurück. Ihre Zähne klapperten,
als sie die verklebten Augen öffnete. Sie sah nur Beine und erst dann hob
sie den Kopf, um zu erkennen, wer vor ihr stand.
"Ich hab doch gleich gesagt, dass sie es
ist. Mensch Luna, was machst du hier?" Tanja und zwei weitere Jungs aus
der Klasse, waren auf dem Heimweg von der Disco und hatten Luna in dem Hauseingang
entdeckt. Zuerst waren sie sich nicht sicher gewesen, doch Tanja hatte gleich
geahnt, dass es Luna war.
"Ich warte", brachte Luna nur mühsam
hervor.
"Auf wen?", fragte Michael, aber Tanja
wies ihn zurecht.
"Jetzt sei doch nicht so neugierig!"
Sie spürte, dass Luna hier nicht zum Spaß saß und schlief. Außerdem sagte
ihr die halbleere Wodkaflasche alles. Kurz entschlossen setzte sie sich neben
Luna.
"Geht schon mal vor! Ich komme gleich nach!",
forderte sie ihre Begleiter auf und diese verschwanden auch gehorsam.
"Kein Wunder, dass du Grippe hast, wenn
du auf einer Steintreppe sitzt", begann Tanja vorsichtig.
"Grippe?"
"Jane sagte mir, dass du krank im Bett liegst,
mit Grippe."
"Ach leck mich!" Luna ließ den Kopf
hängen. Ihr wurde immer kälter und die Füße konnte sie kaum noch spüren. Dann
griff sie nach der Flasche und nahm einen großen Schluck. Tanja sah ihr zu,
wie sie den puren Alkohol schluckte, ohne das Gesicht zu verziehen. Das konnten
nur diejenigen, die es gewohnt waren, reinen Schnaps zu trinken.
Eine Weile blieb es still. Beide dachten nach.
Luna darüber, wo sie die Nacht verbringen sollte und Tanja überlegte, was
passiert sein könnte. Dann ging ihr ein Licht auf.
"Willst du mitkommen? Bei Michael steigt
noch ne Party und wir können dort auch pennen. Seine Eltern sind nicht zu
Hause."
"Wer kommt alles?" Luna wollte sicher
gehen, nicht den falschen Leuten zu begegnen.
"Nur Michael, Frank und ich. Mit dir sind
es vier." Tanja lächelte, begeistert über ihre Idee. So konnte sie sicher
gehen, dass man morgen früh kein erfrorenes Mädchen fand, das Luna hieß.
Sie half ihr aufzustehen, wobei Luna sich mächtig
anstrengen musste. Zuviel Alkohol hatte sie heute schon geschluckt und nur
ganz wenig gegessen.
Unterwegs zu dem Haus von Michael, musste Luna
halt machen. Ihr drehte sich der Magen um und sie schaffte es gerade noch
rechtzeitig zu einem dichten Gestrüpp. Tanja sollte ihr dabei nicht zuschauen,
obwohl die Geräusche offensichtlich waren. Es dauerte auch mindestens zehn
Minuten, bis sie wieder bei Tanja stand, die sie mitfühlend anblickte.
"Du siehst sterbenskrank aus", stellte
sie nur fest. "Beeilen wir uns. Bei Michael ist es schön warm und außerdem
gibt's dort was zu Essen!"
Bei dem Wort Essen, wollte Luna erneut alles
hochkommen, aber sie bekämpfte den Würgereiz erfolgreich. Sie wollte sich
nicht zwei mal hintereinander blamieren.
Endlich waren sie da. Frank und Michael warteten
schon auf sie. Auf dem Tisch standen mehrere volle Flaschen, aber Luna ließ
sich nur auf einen Sessel fallen. Sie konnte jetzt nichts mehr trinken.
Jedoch Tanja winkte sie mit in die Küche. Als
ob sie hier daheim war, holte sie aus dem Kühlschrank alles, was essbar war
und stellte es vor Luna.
"Nimm dir!", forderte sie auf, doch
Luna genierte sich auf einmal.
"Michael ist mein Cousin. Ich darf hier
also machen, was ich will. Du brauchst keine Hemmungen zu haben."
Die Sperre löste sich in Luna und sie griff zu.
Stopfte wahllos alles in sich rein, worauf sie Appetit hatte.
Belustigt sah Tanja ihr dabei zu, bis sich Luna
zum Schluss, satt und zufrieden zurücklehnte.
"Was ist los?", fragte Tanja noch einmal.
"Wieso sitzt du um diese Zeit, bei dieser Kälte, vor einer Haustür und
pennst?"
"Geht dich nichts an!", antwortete
Luna. Wieso musste Tanja jetzt danach fragen? Sie wollte doch nur eine Nacht
hier schlafen. Morgen würde ihr schon eine Lösung einfallen und zur Not konnte
sie in die Fabrik zurückgehen. Zwei Razzien hintereinander würden die Bullen
bestimmt nicht veranstalten und auf einmal begriff Luna, welches ungeheures
Glück sie gehabt hatte. Eine innere Stimme hatte sie gezwungen, die Halle
zu verlassen, weil die Stimme wusste, dass die Polizei auftauchen würde.
"Bist du von zu Hause abgehauen?" Tanja
drängte sich zwischen ihre Gedanken und ließ nicht locker.
Keine Antwort.
"Luna!", forderte Tanja energischer
und lauter.
Keine Antwort.
"Mein Gott, ich verpfeife dich schon nicht!
Mit Sandra?"
Es reichte. Wild sprang Luna auf und stellte
sich vor die Küchentür. Sie wollte sich einen Fluchtweg bereithalten. Dann
sah sie Tanja an.
"Wenn du es unbedingt wissen willst, ja!
Ich hab es nicht mehr ausgehalten!" Ihre Stimme versagte und jetzt wirkte
Tanja sichtlich erschrocken.
"Warum nicht?", hakte sie nach.
Vor Aufregung fing Luna an zu zittern. Krampfhaft
hielt sie sich an der Tür fest und fürchtete, jeden Augenblick zusammenzubrechen.
Das durfte ihr nicht passieren. Sie musste sich wieder unter Kontrolle kriegen.
"Ich kann nicht mehr zu meinem Onkel zurück.
Er hasst mich und ich hasse ihn! Ganz einfach!" Luna hoffte, dass Tanja
sich damit zufrieden geben würde, aber sie tat es nicht.
"Was hat er dir denn getan?"
"Gar nichts!" Luna reagierte eine Spur
zu schnell. Gehetzt sah sie sich um, doch der Weg zur Wohnungstür war immer
noch frei. Michael und Frank saßen immer noch im Wohnzimmer, tranken Bier
und hörten Musik.
"Hör mal Tanja!" Luna änderte ihre
Strategie. "Du hast mir angeboten, dass ich hier schlafen kann und das
ist auch alles, was ich will. Bitte hör auf, zu fragen. Ich kann dir nicht
antworten!"
Tanja sah in Lunas Augen eine bodenlose Angst.
Angst, etwas zu verraten, was absolut niemand wissen darf. Und sie stellte
keine weiteren Fragen, sondern führte Luna in ein Gästezimmer, wo sie in Ruhe
schlafen konnte.
Innerlich war ihr klar geworden, dass die Mitschülerin
mehr Hilfe brauchte, als nur ein Bett für eine Nacht.
Sie beschloss in dieser Sache einen Erwachsenen
zu Rate zu ziehen. Aber erst Morgen.
Luna schlief in dem weichen Bett ein, ehe Tanja
das Zimmer verlassen konnte. Nachdenklich sah diese noch einmal auf die Bettdecke,
unter der sich, der schmächtige Körper abzeichnete. Zuvor hatte sich Luna
strikt geweigert, mehr als ihre zwei Jacken und die Schuhe auszuziehen. Sie
schlief in Jeans und dicken Pullover. Waschen wollte sie sich auch erst Morgen
und Tanja ließ ihr den Willen. Das alles bestätigte nur noch stärker ihren
Verdacht.
"Was ist mit der?", fragte Frank, als
Tanja sich endlich zu ihnen setzte.
"Keine Ahnung. Sie will nicht darüber reden."
Sie nahm ihrem Cousin die Bierflasche aus der Hand und goss sich ein Glas
ein.
"Und warum geht sie dann nicht nach Hause
und schläft dort?"
"Weil sie von dort weggelaufen ist. Übrigens
ist euer Kühlschrank leer! Sie muss seit Tagen unterwegs sein!"
"Toll!"
"Jedenfalls ist bei den Meinerts irgendwas
nicht in Ordnung und ich werde das herausfinden!"
"Was willst du unternehmen?"
"Das weiß ich auch noch nicht, aber mir
wird schon was einfallen!" Entschlossen verschränkte Tanja die Arme und
blitzte kampflustig mit den Augen. Ihr Cousin blieb skeptisch.
"An deiner Stelle würde ich mich nicht in
fremde Angelegenheiten einmischen. Das kann auch schief gehen!"
Aber Tanja blieb bei ihrem Entschluss und ließ
sich nicht umstimmen.
Das erste, woran Jane dachte, als sie am Dienstag
erwachte, war der Anruf von Luna. Sogleich fiel ihr auch alles andere vom
gestrigen Abend ein und sie drehte sich vorsichtig, um Vivian anzuschauen.
Diese schlief noch tief und fest. Der Wecker
zeigte auch erst auf halb 6 und sie hatten noch über zwei Stunden Zeit, bis
sie aufstehen mussten. Doch Jane war hellwach und konnte nicht wieder einschlafen.
Sie dachte noch einmal über Luna nach. Ihr wurde klar, dass sie in Zukunft
ohne sie auskommen mussten. Aber sie würden es auch ohne Lunas Hilfe schaffen.
Jane konnte genauso stark sein, wenn sie es wollte.
Vorsichtig und leise, um Vivi nicht zu wecken,
stand Jane auf. Sie hatte immer noch leichte Kopfschmerzen, aber die konnte
sie ignorieren. Im Kleiderschrank suchte sie sich was zum anziehen und dabei
fielen ihr die vielen schönen Sachen von Tanja ein. Zu Schade, dass sie nicht
aus dem Haus kam und sie abholen konnte.
Dann zog sie ihre ältesten Hosen und ein Hemd
von Luna an. Sie hatte heute volles Programm. Der Vater wollte, dass vor Weihnachten
alles gründlich sauber war und das bedeutete, dass sie den ganzen Tag zu putzen
hatte. Und wenn sie schon mal so früh wach war, konnte sie genauso gut schon
anfangen.
Vielleicht würde das den Vater erfreuen und er
bekam gute Laune.
Da die Küche am weitesten vom Schlafzimmer entfernt
war, fing sie dort an. Zuerst räumte sie die Schränke aus, um diese gründlich
auszuwischen. Bis zum Frühstück hatte sie auch alle fertig und als der Vater
in die Küche kam, stand der Tisch, fertig gedeckt da.
Wie Jane es gehofft hatte, war Herr Meinert sichtlich
erfreut, über den Fleiß seiner Töchter. Er hatte keine Ahnung, dass Vivian
auch gerade erst aufgestanden war. Diese durfte heute Lunas Make-up benutzen
und die schlimmsten Stellen waren kaum noch zu sehen. Während des Frühstücks
herrschte sogar eine entspannte Atmosphäre.
Im Laufe des Vormittags verließ Herr Meinert
schon wieder die Wohnung. Unsicher sahen Jane und Vivi sich an, während sie
die Fliesen im Bad schrubbten. Eigentlich ließ der Vater sie nie allein, wenn
er Urlaub hatte. Sie machten sich ein paar Gedanken darüber, doch eine Erklärung
fanden sie dafür nicht.
Dann klingelte es an der Wohnungstür. Erschrocken
fuhren beide Mädchen zusammen. Wer konnte das sein? Sie erwarteten niemanden
und ihr Vater hatte einen Schlüssel.
"Du bleibst im Bad!", befahl Jane der
kleinen Schwester. "Mit deinem Gesicht darf dich niemand sehen!"
Dann schlich sie auf Zehenspitzen zu Tür und
blickte durch den Spion. Tanja stand davor. In der Hand hielt sie den Beutel
mit den Klamotten.
Jane wurde schwach. Eigentlich durften sie niemanden
rein lassen, aber sie wollte die Sachen so gerne haben. Sie musste es einfach
riskieren und der Vater war ja noch nicht einmal eine halbe Stunde weg.
Zaghaft öffnete sie die Wohnungstür und Tanja
redete gleich drauf los.
"Hallo Jane! Gut, dass ich dich vor Weihnachten
noch treffe. Meine Mutter wollte nämlich die Klamotten heute schon wegwerfen.
Ich konnte sie gerade noch retten." Sie drängelte sich an Jane vorbei
und stand schon im Korridor. Dass das mit den Sachen nur ein Vorwand war,
ließ sie sich nicht anmerken. Sie wollte nur herausfinden, was hier los war.
"Oh, störe ich dich?", fragte Tanja,
als sie den Putzlappen in Janes Händen entdeckte.
"Nein, nein." Abwehrend hob Jane die
Hände und hoffte, dass Vivian sich ganz ruhig verhielt. "Komm, wir gehen
in die Küche." Sie zog Tanja aus dem Korridor.
"Wie geht's Luna?", fragte Tanja, scheinbar
beiläufig. "Ist sie da?"
Sie sah, wie Jane leicht zusammen zuckte.
"Mein Vater ist mit ihr beim Arzt."
Jane versuchte ganz normal zu klingen.
"Ach so. Also ist dein Vater auch nicht
da?"
"Nein."
"Okay! Jetzt reden wir beide mal Klartext!"
Tanja setzte sich, wie selbstverständlich, an den Küchentisch und sah die
Freundin ernsthaft an. "Ich habe Luna letzte Nacht auf der Straße aufgegabelt!
Abgesehen davon, dass sie mächtig betrunken war, war sie auch noch verdammt
hungrig und völlig durchgefroren! Also spare dir die Krankheitsstory! Außerdem
hat sie mir erzählt, dass sie von euch abgehauen ist! Was ist bei euch los?
Luna hat ein paar komische Andeutungen über deinen Vater gemacht? Warum lügt
ihr immer, wenn es um sie geht? Raus mit der Sprache!"
"Wo ist Luna jetzt?" Jane ging gar
nicht auf die vielen Fragen ein.
"Keine Ahnung. Sie hat bei mir übernachtet
und heute Morgen, als ich aufgestanden bin, war sie schon wieder weg. Lange
hält sie es nicht gerade, an einem Ort aus." Tanja begriff, dass sie
mit Jane anders reden musste, um etwas aus ihr raus zu kriegen.
"Kann schon sein", antwortete Jane
ausweichend.
"Hör mal Jane! Wenn irgend etwas zwischen
Luna und deinem Vater nicht funktioniert, dann kannst du mit mir darüber reden.
Eventuell kann ich dafür sorgen, dass sie wieder heim kommt."
"Es ist nichts zwischen Luna und meinem
Vater!", unterbrach Jane sie heftig. "Ich kann dir nicht sagen,
warum sie weggelaufen ist. Sie ist schon so oft ausgerissen!"
"Wirklich? Ist die Beziehung von Luna und
deinem Vater ganz normal?" Tanja trieb es bis zum äußersten und Jane
explodierte.
"Ja, verdammt noch mal!" Sie konnte
nicht zulassen, dass jemand der Wahrheit so gefährlich nahe kam.
"Es ist besser, du gehst wieder! Unsere
Familienangelegenheiten gehen niemandem was an!" Ihre Stimme überschlug
sich, so laut war Jane geworden.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren stand Tanja
auf. Genau das hatte sie erreichen wollen. Sie hatte auf keinen Fall erwartet,
dass Jane ihr die gesamte Wahrheit erzählte. Dafür kannten sie sich noch zu
wenig. Aber dieser Ausbruch sagte ihr, dass sie auf der richtigen Spur war.
Betroffen blieb Jane in der Küche sitzen. Tanja
hatte die Wohnung ohne ihre Begleitung verlassen.
Nachdem Ruhe eingekehrt war, kam Vivi in die
Küche. Ihr entsetzter Gesichtsausdruck verriet, dass sie jedes Wort verstanden
hatte. Zitternd umarmten sich die Schwestern.
"Wann ist dieser Alptraum vorbei?",
flüsterte Vivian.
"Sobald ich 18 bin. Das verspreche ich dir!"
"Eher nicht?"
"Nein. Wir müssen durchhalten!"
Als wäre nichts gewesen, gingen sie wieder ins
Badezimmer und putzten weiter.
Luna war zu ihrem Glück, als erste aufgewacht.
Schnell zog sie sich an, verzichtete auf eine Morgenwäsche und schlich sich
durch das fremde Haus. Niemand hörte sie. Alle schliefen in ihren Betten,
wie sie feststellte, nachdem sie in mehrere Zimmer geschaut hatte.
Aus Franks Geldbörse stahl sie sich 50 DM. Er
wird es verkraften, dachte sie und ein Lächeln zauberte sich auf ihr Gesicht,
als sie überlegte, was sie dafür alles kaufen konnte.
Unbemerkt verließ sie das Haus. Es war morgens
8 Uhr. Sie dachte kurz an ihre Schwestern, die jetzt ebenfalls aufstehen mussten.
Doch sie war sich sicher, dass sie richtig gehandelt hatte. Für sie war es
wirklich besser, auf der Straße zu leben, als bei ihrem Onkel.
Sanft rieselte der Schnee auf Luna herab. Mit
den Lippen fing sie ein paar auf und kostete sie. Die Schneeflocken schmeckten
nach Freiheit. Und niemand würde ihr die wieder wegnehmen!
In der Innenstadt war es noch relativ ruhig.
Der Weihnachtsmarkt wurde abgebaut und der Sturm auf die Geschäfte ging erst
in einer Stunde los. Bis dahin wollte Luna weit weg von hier sein. Sie wollte
zur Fabrik zurück und sich dort ein neues Versteck suchen. Die Matratzen waren
bestimmt noch da.
Lunas Weg führt vorher zum Bahnhof. Ab morgen
nachmittag waren sämtliche Geschäfte für drei Tage geschlossen und sie wollte
sich mit Nahrung eindecken. Die Geschäfte im Bahnhof hatten bestimmt schon
offen.
Bepackt mit Keksen, Zigaretten und einer Flasche
Wodka, verließ Luna, wenig später den Lebensmittelladen. Damit wollte sie
ihr ganz privates Weihnachten feiern. Die ältere Verkäuferin hatte sie zwar
misstrauisch gemustert, ihr aber dann doch den Wodka über die Ladentheke gereicht.
Vielleicht lag es ja auch daran, dass Lunas Kleidung nicht mehr die sauberste
war.
Doch das störte Luna nicht. Beschwingt machte
sie sich auf den Heimweg zum Fabrikgelände. Dort angekommen, betrachte sie
erst alles ganz genau. Sie war jetzt allein und man konnte nie wissen, wer
noch alles ein verstecktes Plätzchen suchte.
Zu Lunas Enttäuschung waren die Matratzen ebenfalls
verschwunden. Nichts erinnerte noch daran, dass hier zwei Mädchen gehaust
hatten.
Wütend trat sie gegen eine alte Kiste, die polternd
durch die Halle flog. Doch das änderte nichts, an ihrer verfahrenen Situation.
Was sollte sie jetzt machen? Draußen schneite es wie verrückt, also war sie
gezwungen, hier zu bleiben. Sie hatte ja den Wodka als Freund und der würde
ihr bestimmt über die nächsten Stunden hinweghelfen.
Tanja war auch zu Hause angekommen. Ausnahmsweise
befand sich ihre Mutter im Haus, die gerade dabei war, alles weihnachtlich
zu dekorieren. Der Tannenbaum wurde bei ihnen erst Heilig Abend aufgestellt,
was Tanja schrecklich spießig fand.
Still lehnte sie sich an den Türrahmen und sah
ihre Mutter an.
"Na Schätzchen, wie war es gestern abend?"
Frau Reinold sah sich nach ihrer Tochter um, während sie den großen Weihnachtsstern
an der Decke befestigte.
"Ganz gut. Wir haben alle bei Michael übernachtet."
"Hab ich mir schon gedacht." Die Mutter
lächelte verständnisvoll und fragte nicht nach, ob Frank dabei gewesen war.
Sie wusste, dass Tanja in ihn verliebt war und ließ ihr dieses kleine Geheimnis.
"Du Mama? Darf ich dich mal was fragen?"
Auf einmal wusste Tanja nicht, wie sie anfangen sollte. Sie hatte tausend
Fragen im Kopf, wusste aber nicht, wie sie die erste am Besten formulierte.
"Was hast du auf dem Herzen, mein Kind?"
Schnell stieg die Mutter von der Leiter und glaubte, es handele sich um Liebesbeziehungen.
"Wenn du jemanden kennst und du weist, oder
ahnst, dass bei ihm zu Hause was ganz schreckliches passiert, wie würdest
du dich dann verhalten?"
Verwirrt verzog Frau Reinold das Gesicht und
hatte keine Ahnung, wovon ihrer Tochter sprach. "Geht es um Frank?"
"Nein." Tanja setzte sich und legte
die Fingerspitzen auf die Schläfen, als würde ihr das beim Sprechen helfen.
"Ich kenne jemanden und habe herausgefunden, dass in seinem Elternhaus
einiges schief läuft. Und jetzt weiß ich nicht, wie ich mich verhalten soll!"
"Was läuft denn schief?"
Das Mädchen musste nachdenken. Damit hatte sie
sich noch gar nicht auseinandergesetzt und das Schlimmste war, sie wusste
es nicht.
"Ich weiß es nicht", gestand sie ehrlich.
"Aber wie kommst du dann auf diese absurde
Idee?"
"Weil das Verhalten von demjenigen darauf
hindeutet!"
"Von wem?" Frau Reinold hatte sich
jetzt ebenfalls hingesetzt. Das Thema wurde ihr zu heikel.
"Ich kann keine Namen nennen, aber ich glaube,
derjenige wird von seinem Vater misshandelt."
"Tanja!" Hektisch stand ihre Mutter
auf. Rote Flecken bildeten sich auf ihrem Gesicht. "Das Wort Misshandlung
ist ein schwerwiegender Vorwurf! Damit muss man sehr, sehr vorsichtig sein!
Wenn die Sache nämlich nicht stimmt, kannst du am Ende wegen Verleumdung angeklagt
werden!"
"Du würdest also gar nichts tun, um ihr
zu helfen?", unterbrach Tanja den Redeschwall und merkte dabei nicht,
dass sie das Geschlecht des Unbekannten freigab.
"Es ist also eine Freundin von dir?"
Die Mutter hatte gut zugehört.
"Ja. Nein." Tanja kam nicht weiter
und schwieg.
"Schatz, hör mir mal zu! Es ist Weihnachten
und du solltest dich nicht mit solchen hässlichen Dingen beschäftigen. Wenn
dieses Mädchen Hilfe braucht, dann wendet sie sich bestimmt an einen Erwachsenen.
Du kannst so und so nichts unternehmen, also vergiss die Geschichte!"
Zärtlich sah sie ihre Tochter an und setzte dann
ihre Dekoration fort.
Tanja blieb noch einen Moment und dachte nach.
Sie konnte nicht verstehen, wieso die Mutter ihr dabei nicht helfen wollte.
Vielleicht sollte sie den Namen verraten und alles erzählen, was sie darüber
wusste? Aber dann sah sie, wie ihre Mutter fröhlich weiter machte und dabei
ein Weihnachtslied summte.
Stumm verließ sie den Raum. Es hatte keinen Zweck,
es noch einmal zu versuchen. Tanja konnte nur hoffen, dass ihre Mutter recht
hatte.
Jane und Vivian waren fertig und auch körperlich
geschafft. Weihnachten konnte kommen. Noch nie war die Wohnung so blitzsauber
gewesen und sie ernteten sogar ein Lob ihres Vaters.
Und weil sie den ganzen Tag über, so fleißig
waren, durften sie nach dem Abendbrot mit fernsehen. Worauf Vivi aber verzichtete,
weil sie müde war und Jane musste vorher das Geschirr vom Abendessen spülen.
"Wenn du willst, kannst du schon ins Zimmer
gehen. Ich schaffe das auch alleine", sagte sie zu Vivian, die ihr dabei
helfen wollte. Die kleine Schwester verschwand, dankbar lächelnd.
Eifrig begann Jane die Teller ins Becken zu stellen
und abzuspülen, als hinter ihr die Küchentür erneut aufging. Zuerst dachte
sie, das Vivian sich es doch anders überlegt hatte und drehte sich um.
Der Vater stand plötzlich hinter ihr. Schnell
überlegte sie, ob etwas falsch gelaufen war, doch dann sah sie sein trauriges
Gesicht.
"Ich muss mit dir reden", sagte er
und setzte sich wieder an den Tisch.
Jane ließ das schmutzige Geschirr, wo es war
und setzte ich ihm gegenüber. Lange sah sie ihn an, wobei ihr, tausend Gedanken
durch den Kopf gingen. Sie konnte sich einfach nicht erklären, worum es ging.
"Ich war gestern bei der Polizei und habe
sie vermisst gemeldet. Heute mittag auch noch mal, aber sie haben sie noch
nicht gefunden. Die Beamten meinten, am Heilig Abend wäre sie bestimmt wieder
da. Die haben da so ihre Erfahrungen. Nur, ich glaube das nicht."
Jane überlegte, ob sie ihm von Lunas Anruf erzählen
sollte, ließ es aber dann doch bleiben.
"Ja", antwortete sie nur, um überhaupt
etwas zu sagen.
"Die Polizisten wollten sie erst gar nicht
suchen. Sie sagten, es käme häufig vor, dass Kinder in diesem Alter einfach
abhauen. Dann habe ich ihnen erklärt, dass sie schon seit Freitag weg ist."
Herr Meinert griff plötzlich über den Tisch hinweg nach ihrer Hand und sah
sie ernst an.
"Jane, wenn du irgendwas weist, wo sie sein
könnte, oder mit wem, dann musst du mir das erzählen! Es ist Winter! Sie kann
nicht auf der Straße übernachten!"
Sie sahen sich lange schweigend an. Es war so
still, dass man hören konnte, wie Vivi ihr Bett aufschlug.
Dann nahm Jane ihren Mut zusammen. "Soviel
ich weiß, ist Luna mit einem anderen Mädchen aus der Schule zusammen, die
ebenfalls weggelaufen ist."
"Sandra Strauß?", unterbrach Herr Meinert
sie aufgeregt.
"Ja", bestätigte Jane und fragte sich,
woher der Vater Sandra kannte.
"Sandra wurde gestern abend gefunden. Ich
habe mich mit ihrem Vater unterhalten, der gestern ebenfalls auf der Polizeistation
saß. Übrigens ein sehr netter Mann."
Gleich und gleich gesellte sich gern, dachte
Jane. Ist ja klar, dass sich die "lieben" Väter, gegenseitig nett
fanden.
"Aber wenn sie Sandra haben, wo ist dann
Luna? Die müssen doch zusammen gewesen sein. Und wo haben sie Sandra gefunden?
Eventuell ist Luna noch dort!"
Auch der Vater hatte sich das gerade überlegt.
"Ich werde morgen noch einmal zur Polizei gehen und denen das sagen,
was du gerade erzählt hast. Vielleicht bekommen sie aus dem anderen Mädchen
was raus. Sonst weist du nichts?"
Mit dem Kopf schüttelnd, verneinte Jane und ihr
Vater verließ die Küche wieder. Sobald er draußen war, ging sie zu Vivian.
"Ob du es glaubst, oder nicht, aber er hat
tatsächlich Luna als vermisst gemeldet!"
Vivian sah sie verdutzt an und bekam große Augen.
"Ist nicht dein ernst."
"Doch. Er fragte mich gerade, ob ich was
wüsste und ich habe ihm von Sandra erzählt. Allerdings ist die gestern wieder
aufgetaucht und Luna nicht."
Schlagartig fiel ihr Tanja ein. Luna konnte gestern
gar nicht bei Sandra gewesen sein, weil sie ja bei Tanja war. Ob sie das dem
Vater auch erzählen sollte?
Sie entschied sich dagegen. Tanja musste da nicht
unbedingt mit reingezogen werden, zumal sie dann etwas ausplaudern könnte,
was niemand wissen brauchte. Außerdem war Luna nur eine Nacht bei ihr gewesen
und taucht dort bestimmt nicht ein zweites Mal auf.
Beide Mädchen hörten nicht, wie der Vater sämtliche
Familien mit dem Namen Strauß anrief und die fragte, ob sie eine Tochter Sandra
hätte. Bis er den richtigen Vater in der Leitung hatte. Er wollte ja nur wissen,
wo Sandra gefunden wurde.
Später kam er ins Zimmer, teilte seinen Töchtern
mit, dass er noch mal weg müsste und befahl ihnen, ins Bett zu gehen, nachdem
Jane mit der Küche fertig war.
Luna kam nicht zur Ruhe. So ganz allein, war
ihr die alte Halle unheimlich. Überall knackte und raschelte es. Außerdem
saß sie fast im Dunklen, weil in diesem Teil die Fenster mit Brettern vernagelt
waren und die Temperatur sank immer tiefer.
Das zweite Problem störte sie wenig. Mit ausreichend
Alkohol im Blut, war ihr warm genug und irgendwann störte sie auch die Dunkelheit
nicht mehr. Ihr Gehirn nebelte sich ein. Die Gedanken verloren sich im Raum.
Luna war weit, weit weg. Nur ihr Körper lag ausgestreckt auf dem eiskalten
Steinfußboden, die Hand ließ die fast leere Flasche nicht mehr los.
Im Unterbewusstsein wusste Luna, dass sie erfrieren
würde, wenn sie liegen blieb. Aber es war ihr gleichgültig und sie hatte auch
keine Kraft, sich wieder aufzurichten und warm zu halten. Die einzelnen Gliedmaßen
gehorchten ihr schon lange nicht mehr. Der Tod konnte nicht grausamer, als
das Leben sein.
Gute acht Stunden lag sie schon so, als der grelle
Lichtstrahl einer Taschenlampe über ihr bleiches Gesicht huschte.
Herr Meinert hatte gefunden, was er suchte. Seine
Stieftochter. Fast wäre er achtlos an ihr vorbei gelaufen, aber im letzten
Moment war ihm die Flasche aufgefallen.
"Steh auf", befahl er kalt, doch Luna
konnte ihn nicht hören.
Das bemerkte der Mann auch und hockte sich zu
ihr nieder. Er hatte vorgehabt, ihr auszutreiben, noch einmal abzuhauen. Als
seine Finger aber ihre Haut berührten, erschrak er zu Tode. Luna war eiskalt.
Schnell tastete er ihren Hals ab und fühlte nur
noch einen schwachen Puls.
Gott sein Dank, sie lebt, dachte er und hob das
Mädchen vorsichtig hoch. Dabei glitt die Flasche aus der Hand und zerbrach.
Den schwachen Körper eng an sich gepresst, stolperte er aus der Fabrik, zu
seinem Auto.
Ohne auf Geschwindigkeitsbegrenzungen zu achten,
fuhr Herr Meinert mit Luna ins nächste Krankenhaus.
"Herr Meinert?" Eine dicke Krankenschwester
kam den langen Flur entlang.
"Ja?" Hastig stand er auf. Er hatte
den besorgten Vater gespielt, der sein Kind, halberfroren, gefunden hatte.
Doch mit keiner Silbe hatte er erwähnt, dass sie ihm weggelaufen war und er
hatte auch noch nicht die Polizei darüber informiert.
"Ihre Tochter hat es geschafft. Sie ist
über den Berg und auf dem Weg der Besserung. Erfrierungen hat sie nicht, dafür
fast eine Alkoholvergiftung. Wenn sie möchten, können sie jetzt nach Hause
gehen und morgen früh wieder kommen. Vorher wird sie nicht aufwachen."
Dann verabschiedete sie sich und ging in ihr
Dienstzimmer. Mehr durfte sie zu dem Mann nicht sagen.
Auch nicht, dass das Krankenhaus die Polizei
verständigt hat, weil das Mädchen schlimm zugerichtet war. Man hatte jede
einzelne Wunde und jeden blauen Fleck fotografiert und dokumentiert. Doch
woher die Verletzungen stammten, damit musste sich die Polizei auseinander
setzen.
Diese kam noch am selben Abend. Man zeigte ihnen
den entblößten Körper von Luna und die Fotografien von ihrem Rücken.
"Was sagen sie dazu?", fragte die Oberschwester,
die auch schon mit Herrn Meinert gesprochen hatte.
Die zwei jungen Polizisten betrachteten eingehend
die Personalien, dann die Fotos und riefen kurz in der Dienststelle an.
"Mit Sicherheit können wir nichts zu den
Verletzungen sagen. Wir haben gerade erfahren, dass dieses Mädchen seit Freitag
von ihrem Vater vermisst wird, der sie nun offensichtlich gefunden hat.
"Aber das sieht doch nach Kindesmisshandlung
aus!", unterbrach die Schwester.
"Nicht genau. Sie ist fast erfroren und
mit einer Alkoholvergiftung eingeliefert worden. Anscheinend hat der Mann
sie in diesem Zustand gefunden und sofort hierher gebracht. Mit diesen Verdächtigungen
muss man vorsichtig sein. Noch können wir ihm nichts vorwerfen. Wir müssen
erst mit dem Mädchen selber reden!"
"Das Mädchen hat fünf Tage auf der Straße
gelebt. Mitunter bleiben da solche Verletzungen nicht aus", mischte sich
der zweite Beamte ein. "Ein Arzt kann feststellen, wie alt die einzelnen
Verletzungen sind und danach werden wir entscheiden. Sehen sie zu, dass Fräulein
Meinert nicht erwacht und auch aus dem Krankenhaus türmt. Wir setzen uns mit
dem Vater in Verbindung."
Freundlich verabschiedeten sich die Männer und
gingen. Die Oberschwester teilte anschließend ihren Kolleginnen mit, dass
sie besonders auf Zimmer 214 achten sollen, weil Fluchtgefahr bestand.
Gleich am frühen Morgen, ging Herr Meinert zum
Polizeirevier und zog die Vermisstenanzeige zurück. Er erzählte ihnen, wo
er seine Tochter gefunden hat und, dass sie jetzt in einem Krankenhaus liegt.
Aber das alles wusste der Beamte vor ihm schon
längst. Wäre Herr Meinert nicht zu ihnen gekommen, wären sie eine Stunde später
bei ihm aufgetaucht und hätten ihn zu Hause befragt. Außerdem befand sich
im Augenblick eine Beamtin bei Luna, die sich nach der Herkunft der Verletzungen
erkundigen sollte.
Und diese Aussage wollten sie noch abwarten.
Vielleicht gab es ja eine einfache Erklärung dafür.
"Ihre Tochter sieht schlimm aus, Stimmt's?",
fühlte der Beamte trotzdem schon mal vor.
"Stimmt. Ich habe sie noch nie in so einem
Zustand gesehen." Herr Meinert wusste genau, worauf der Polizist anspielte
und tat ahnungslos.
"Haben sie denn eine Erklärung dafür, warum
ihre Tochter weggelaufen ist?"
"Nun ja." Lunas Vater überlegte scheinbar.
"Das habe ich ihnen doch schon vor zwei Tagen erzählt. Sie war in der
letzten Zeit sehr schwierig. Um nicht zu sagen, aggressiv. Schwänzte häufig
die Schule und trank neuerdings Alkohol. Danach können sie sich auch bei ihrer
Lehrerin erkundigen. Ich fragte sie, ob sie Probleme hat, doch sie wollte
nicht mit mir reden. Es könnte auch an ihrem richtigen Vater liegen, der demnächst
aus dem Gefängnis entlassen wird. Er hat ihr geschrieben und will sie besuchen.
Vermutlich hat sie davor Angst bekommen. Sie wissen doch darüber Bescheid,
warum wir Luna damals adoptiert haben?"
Der Polizist nickte. Was der Mann gerade sagte,
war alles richtig und vermutlich war das wirklich der Grund, für Lunas Verschwinden.
Herr Meinert durfte wieder gehen. Sollte man
doch noch Fragen haben, würde man sich wieder an ihn wenden.
Lunas Sinne kehrten nur langsam zurück. Das grelle
Weiß der Krankenzimmerwände erschreckte sie. Hatte sie es geschafft? War sie
tot?
Geräusche drangen plötzlich an ihr Ohr und sie
öffnete die Augen wieder. Vorsichtig drehte sie den Kopf zur Seite. Eine Tür,
ein Stuhl und direkt neben ihr, Apparate, die blinkten und piepsten.
Enttäuscht schloss sie die Augen wieder. Sie
war nicht tot! Sie war in einem Krankenhaus!
Luna versuchte sich krampfhaft zu erinnern. Was
war geschehen? Warum lag sie hier? Bruchstückhaft flogen die Gedankenfetzen
an ihr vorbei und Luna brauchte ewig, bis sie die Puzzleteile zusammengesetzt
hatte.
Tanja, dann der Bahnhof, die Fabrik und die Wodkaflasche.
Aber wie sie hierher gekommen ist, daran konnte sie sich beim besten Willen
nicht erinnern.
Die Zimmertür ging auf und eine hübsche, junge
Krankenschwester stand vor ihrem Bett. Sie verstellte etwas an den Apparaten
und wechselte die Infusionslösung. Luna verfolgte jede ihrer Handbewegung.
"Hallo Kleine! Schön, dass du wieder zu
den Lebenden gehörst." Die junge Frau hatte schließlich bemerkt, dass
Luna wach war und sah auf sie herab. Erleichtert atmete Luna auf. Man sprach
freundlich mit ihr, also war niemand böse auf sie und sie hatte nichts falsch
gemacht.
"Hallo", krächzte sie nur. Warum tat
ihr der Hals so weh?
"Du brauchst nichts zu sagen." Die
Schwester half ihr, sich aufzurichten und zog dann die Bettdecke glatt. "Wir
mussten einen Schlauch durch den Hals führen, um den Magen auszupumpen."
In Lunas Augen erschienen zwei riesengroße Fragezeichen.
Die Krankenschwester verstand.
"Du hattest eine Alkoholvergiftung, deswegen.
Außerdem wärst du fast erfroren, wenn dein Vater dich nicht gefunden hätte."
Sie reichte Luna eine Tasse Tee und ermunterte sie zum Trinken. Übersah dabei,
dass das Mädchen angstvoll zusammenzuckte.
"Ruhe dich noch ein wenig aus. Nachher kommt
der Oberarzt und wird dich untersuchen."
Luna wurde erklärt, auf welchen Knopf sie drücken
musste, um nach der Schwester zu klingeln. Dann war sie wieder allein.
Tausend Fragen schwirrten ihr durch den Kopf.
Wieso hatte ihr Onkel sie hierhin gebracht? Hatte er sie etwa gefunden? War
sie da schon bewusstlos gewesen, oder hatte er sie in diesen Zustand gebracht?
Aber dann hätte er sie doch nicht ins Krankenhaus gefahren. Fragen, auf die
sie keine Antwort fand.
Jane rüttelte Vivi wach, gleich nachdem der Vater
die Wohnung verlassen hatte.
"Was ist denn los?" Schlaftrunken rieb
diese sich die Augen.
"Vater hat Luna gefunden!", flüsterte
Jane ganz aufgeregt.
"Was?" Mit einem Ruck saß Vivian aufrecht.
"Wo ist sie?"
"Er hat sie an derselben Stelle entdeckt,
wo auch Sandra war. Sie war schon halb erfroren und er hat sie in ein Krankenhaus
gebracht."
"Wirklich? Ich meine, er hat sie nicht grün
und blau geschlagen?" Ernsthaft sah die kleine Schwester, die große an.
"Nein. Vater hat mir gerade alles erzählt.
Luna hat ne kleine Alkoholvergiftung und das Beste ist, er ist ihr nicht mal
böse. Hat mir auch versprochen, dass er nie wieder jähzornig wird. Er will
alles vergessen und mit uns noch mal von vorne anfangen."
"Und du glaubst ihm? Das hat er das letzte
mal auch erzählt." Vivian blieb unbeeindruckt.
"Ja, aber diesmal ist es ernst! Er will
sich wirklich ändern!"
"Na, wenn du meinst. Wann dürfen wir Luna
sehen?"
"Leider erst, wenn sie entlassen wird. Du
darfst so und so nicht aus dem Haus!" Mitfühlend strich sie dem kleinen
Mädchen über die verletzte Haut. "Es wird aber nicht lange dauern. Hauptsache,
es wird alles gut. Telefonieren dürfen wir bestimmt mit ihr."
So fröhlich, wie an diesem Morgen, war Jane schon
lange nicht mehr gewesen. Sie glaubte fest daran, dass alles gut wird. Schließlich
war Luna wieder da.
Ihre Schwester konnte diese Begeisterung nicht
teilen, aber sie gönnte Jane die Freude und sagte nichts weiter dazu. Vielleicht
sollte man die Hoffnung wirklich noch nicht aufgeben.
Als Herr Meinert zu seiner Tochter wollte, hielt
ihn die Oberschwester auf.
"Sie dürfen da noch nicht rein. Ihre Tochter
wird von einer Beamtin befragt!"
"Von einer Beamtin?" In seinem Kopf
schrillten die Alarmglocken.
"Ich kann ihnen leider nichts genaues sagen.
Bitte gedulden sie sich noch einen Moment." Resolut schob sie ihn in
den Besucherraum und ging dann zurück ins Dienstzimmer. Durch die große Glasscheibe
konnte sie den Mann genau beobachten.
Vergebens bemühte sch die Polizistin, zu gleichen
Zeit, etwas aus Luna herauszubekommen. Diese wollte keinerlei Angaben zu ihren
Verletzungen machen.
"Du kannst mir ruhig sagen, wer dir weh
getan hat. Wenn du vor demjenigen solche Angst hast, dann können wir dich
beschützen!"
Doch Luna schüttelte mit dem Kopf und starrte
trotzig auf ihre Bettdecke. "Mir hat niemand was getan!"
"Und warum hast du dann überall blaue Flecke
und Schürfwunden?"
"Keine Ahnung. Ich hatte letztens eine kleine
Auseinandersetzung mit einem Obdachlosen. Vielleicht daher."
"Na ja. Wenn das alles ist, verabschiede
ich mich." Die Polizistin sah ein, dass Luna nicht aussagen wollte.
Hier mussten andere Kräfte ans Werk.
Gemeinsam mit dem Oberarzt verließ sie den Raum.
Im Gang unterhielten sich die beiden weiter.
"Was haben sie herausgefunden?", fragte
die Frau und holte ihren Notizblock wieder hervor.
"Nun." Der Arzt überlegte ganz kurz.
"Von einer einzigen Auseinandersetzung kann hier keine Rede sein. Manche
der Verletzungen sind älter, andere ganz neu. Ich kann ihnen jedoch nicht
sagen, ob sie von ein und derselben Person stammen!"
"Ich werde mich in ihrem Umfeld erkundigen.
Vielleicht hat sie ja regelmäßige Auseinandersetzungen. Sie ist auch ziemlich
aggressiv." Die Beamtin reichte dem Arzt die Hand. "Trotzdem würde
ich vorschlagen, einen Psychiater hinzuzuziehen. Das könnte auch ein Selbstmordversuch
gewesen sein. Wegen ihrem Alter und ihrem Alkoholproblem muss sie nach ihrem
Krankenhausaufenthalt so und so zum Jugendamt."
"Darf ich den Vater zu ihr lassen?"
"Ja. Vielleicht können sie beobachten, wie
das Mädchen bei seinem Anblick reagiert. Rufen sie mich an, wenn ihnen etwas
auffällt und vielen Dank für ihre Mitarbeit."
Die Polizistin drehte sich weg und ging den Flur
entlang zum Ausgang. Direkt an Lunas Stiefvater vorbei, ohne ihn zu bemerken.
In ihrem Kopf arbeitete sie schon an einem ausführlichen Bericht darüber.
"Kann ich jetzt zu meinem Kind?" Sofort
kam Herr Meinert aus seinem Zimmer gestürmt und stand vor dem Oberarzt.
"Selbstverständlich. Sie können jetzt zu
ihr." Der Arzt blieb gelassen.
"Warum haben sie eigentlich die Polizei
gerufen?", wollte der Vater noch wissen, hatte dabei schon die Türklinke
die der Hand.
"Darüber darf ich ihnen leider keine Auskunft
geben. Nicht ich, habe das veranlasst. Guten Tag noch!"
Damit ließ der Arzt den Mann stehen. Er hatte
noch anderes zu tun.
Wütend sah ihm Herr Meinert nach, doch dann drückte
er die Klinke runter und öffnete die Tür.
Luna blickte demonstrativ zum Fenster, als die
Tür schon wieder aufging. Sie wollte ihre Ruhe haben? Schließlich war sie
zur Erholung hier!
"Luna?", fragte jemand und sie erkannte
die Stimme ihres Onkels. Schlagartig flog ihr Kopf zur Seite und sah ihn an.
Im gleichen Moment sah sie auch das Gesicht der Krankenschwester, die durch
das kleine Fenster neben der Tür blickte.
Wir werden also beobachtet, ging ihr durch den
Kopf. Den Mund verzog sie zu einem Lächeln, während der Onkel näher kam. Die
Schwester verschwand und das Lächeln erstarb.
"Hallo Luna!", begrüßte er sie schneidend.
Als er warten musste, hatte er sich lange überlegt, wie er sich ihr gegenüber
verhalten sollte. Herr Meinert wusste ganz genau, weswegen Luna befragt wurden
ist. Sollte er es wie bei Jane machen und ihr versprechen, dass es nie wieder
vorkommt, wenn sie ihn nicht verrät?
Aber Luna war nicht dumm in dieser Beziehung.
Er ahnte, dass sie wusste, dass es wieder nur ein leeres Versprechen war,
wie all die anderen. Sie würde ihm so und so nicht glauben.
Also musste er sie derart einschüchtern, dass
sie vor lauter Angst, nie ein Wort verraten würde. Und ihm war auch schon
eingefallen, wie.
Luna begrüßte ihn nicht, sondern sah ihn nur
abwartend an.
"Was wollten die Bullen von dir?",
fragte Herr Meinert leise, aber das Mädchen erkannte den gefährlichen Unterton.
"Keine Ahnung", kam es ihr nur stockend
aus dem Mund.
"Lüge mich nicht an! Ich will wissen, was
sie dich gefragt haben!"
"Das weist du doch ganz genau!" Luna
richtete sich jetzt selbstbewusst auf. Im Krankenhaus war sie sicher. Hier
konnte er ihr nichts tun.
"Na gut!" Der Mann kam ganz dicht an
sie heran, damit sie ihn auch sehr gut verstehen konnte. "Wenn du kleiner
Bastard, auch nur ein Sterbenswörtchen verrätst, dann erlebst du die Hölle!
Das verspreche ich dir!"
Ihm war klar geworden, dass Luna noch nichts
verraten hatte, sonst hätte man ihn bestimmt nicht zu ihr gelassen.
"Du kannst mir nicht drohen!", antwortete
Luna im selben Tonfall.
Die beiden maßen ihre Kräfte, dich der Onkel
behielt die Oberhand.
"Doch, das kann ich! Sobald ich Wind kriege,
dass du gequatscht hast, gebe ich deinem richtigen Vater Bescheid, dass er
dich abholen darf. Ich glaube nicht, dass dir das gefallen wird. Oder denkst
du, dass er durch ein paar Jahre Gefängnis liebevoller geworden ist? Vielleicht
rächt er sich ja an dir? Dagegen bin ich noch harmlos!"
Befriedigt sah er, wie der selbstbewusste Ausdruck
in Lunas Gesicht verschwand und dem Schrecken Platz machte.
"Nein", hauchte sie nur. In ihrem Kopf
kamen Bilder zum Vorschein, die sie jahrelang bewusst verdrängt hatte.
"Genau das werde ich tun." Eindringlich
sah er sie an. "Also werden wir beide, uns was überlegen, was du sagen
wirst, wenn sie dich noch einmal befragen!"
Luna nickte und sah ihn dabei nicht an.
"Was hast du eben erzählt?"
"Ich habe mich mit jemandem geprügelt."
"Mit wem?"
"Mit einem Penner von der Straße."
Ihre Stimme zitterte. "Das stimmt sogar. Er könnte es bezeugen."
"Und sonst?"
"Nichts weiter."
"Die können aber das Alter deiner Verletzungen
bestimmen! Lass dir was einfallen!"
"In der Schule habe ich mich auch ein paar
mal geschlagen."
"Okay, das müsste ausreichen. Wage es dir
ja nicht, was anderes zu erzählen! Sonst bist du dran!"
Herr Meinert strich ihr über den Kopf, was mehr
nur so eine Geste war und ging zur Tür. "Ich versuche dafür zu sorgen,
dass man dich bald entlässt. Du kannst dich auch daheim erholen!"
Die Tür schloss sich hinter ihm. Mit leeren Augen
sah Luna ihm nach. Sie war gefangen. Sie würde diesen Mann nie loswerden,
genauso, wie sie ihren leiblichen Vater nie los wurde. Wahrscheinlich war
sie ewig dazu verdammt, in diesem Alptraum zu leben.
Nach und nach kamen die Tränen. Still und leise
rollten sie die Wangen hinab und fielen auf das Bett. Kein Schluchzen war
zu hören. Es blieb totenstill.
Eine neue Schwester kam herein. Mit einem Blick
erfasste sie die Situation und stand schnell bei ihr.
"Was hast du denn?", fragte sie mitleidig
und reicht ihr ein sauberes Taschentuch.
"Gar nichts! Lassen sie mich in Ruhe!"
Luna nahm das Taschentuch nicht an und drehte den Kopf zum Fenster.
"Das geht leider nicht." Die Schwester
achtete nicht auf das trotzige Verhalten. "Ich soll dich zu einer Psychologin
bringen!" Sie zog einfach die Bettdecke zur Seite und deutete Luna an,
dass sie aufstehen solle. Widerstrebend folgte Luna ihr.
Die Polizistin, die Luna befragt hatte, lieferte
ihren Bericht ab. Der Chef hatte sie schon erwartet und überflog neugierig
die Seiten. Ein weiterer Kollege wartete ebenfalls. Sie wollten wissen, wie
es weiter gehen sollte. In der Zwischenzeit hatten sie sich über Herrn Meinert
genauestens erkundigt und dabei auch herausgefunden, dass er einen Rang bei
der Bundeswehr hatte. Das machte die Geschichte noch komplizierter. Bei solchen
Leuten musste man handfeste Beweise haben, ehe man sie mit den Verdächtigungen
konfrontierte. Sonst könnte es einem den Job kosten.
"Wie war ihr Eindruck von dem Kind?",
fragte der Chef, nachdem er alles gelesen hatte und den Bericht weiter gab.
"Schwer zu sagen. Extrem aggressiv, trotzig,
verstört. Man konnte kaum mit ihr reden. Ich habe schon mit der Schule telefoniert.
Die haben mir das gleiche bestätigt. Sie ist aufsässig und prügelt sich sehr
häufig. Das könnte eine Erklärung für ihre Verletzungen sein."
"Aber warum ist sie ausgerissen?",
hakte der Chef nach.
"Sie war in der Schule mit dem Mädchen Strauß
befreundet. Die ist schon ein paar Tage eher abgehauen. Entweder sie hat Ludmilla
Meinert überredet, oder sie wollten ein gemeinsames Abenteuer erleben. In
diesem Alter kommen sie oft auf die dümmsten Ideen!"
"Also, kein Verdacht auf Kindesmisshandlung?"
Die Beamtin schüttelte mit dem Kopf, der zweite
Kollege ebenfalls.
"Wir haben vorsichtshalber eine Psychologin
auf sie angesetzt. Vielleicht kriegt sie mehr aus dem Mädchen heraus. Aber
ich glaube nicht, dass Herr Meinert was damit zu tun hat. Auch das Jugendamt
hat den Mann als liebevollen Vater beschrieben."
Damit wurde die Akte Ludmilla Meinert geschlossen
und die ganze Sache beendet
Luna saß vor der Psychologin. Beide Parteien
waren sichtlich genervt, weil das Gespräch nicht so verlief, wie es sollte.
"Es war also kein Selbstmordversuch? Du
hattest nicht die Absicht, dich mit Alkohol zu betäuben und dann einfach zu
erfrieren?"
"Nein, verdammt noch mal!" Luna sprang
auf und warf dabei den Stuhl um, auf dem sie gesessen hatte.
Klar hatte sie daran gedacht, dass Sterben für
sie die beste Lösung wäre, aber das konnte sie hier unmöglich zugeben. Wahrscheinlich
steckte man sie dann in ein Heim für suizidgefährdete Jugendliche.
"Und warum hast du dir dann keinen wärmeren
Platz gesucht?"
"Haben sie ne Zigarette?", fragte Luna
zurück und griff nach der Packung, welche die Frau ihr hinhielt. Tief inhalierte
sie den Rauch und wurde dabei ruhiger.
"Ich hatte einen warmen Platz. Doch den
haben die Bullen einen Tag zuvor ausgeräumt. Wo sollte ich denn hin?"
"Nach Hause, zum Beispiel!"
"Keine Lust gehabt. Ich hasse Weihnachten
in der Familie!"
"Du bist also wegen Weihnachten weggelaufen?"
"Ja! Außerdem habe ich nur deshalb Alkohol
getrunken, weil es so kalt war. Ich trinke sonst nie!"
"Also, gut. Du darfst jetzt wieder gehen.
Wenn du mir aber noch irgendwas erzählen möchtest, kannst du jederzeit zu
mir kommen."
Sie reichte dem Mädchen zum Abschied die Hand,
doch Luna, die immer noch stand, ging wortlos zur Tür.
"Auf Wiedersehen, Ludmilla!"
Ruckartig drehte sich das Mädchen wieder um.
"Ich heiße Luna! Merken sie sich das!"
Sie verließ den Raum und laut knallte die Tür
hinter ihr zu.
Heilig Abend. Während bei anderen Familien die
Zeit gekommen war, wo jeder sich auf die Geschenke freute, saßen Vivi und
Jane in ihrem Zimmer. Der Vater war schlechtgelaunt aus dem Krankenhaus zurückgekommen
und dieser war jetzt allein im Wohnzimmer.
Die Mädchen hatte kaum gewagt ihn anzusehen,
geschweige denn anzusprechen. Still hatten sie sich nach dem Essen in ihr
Zimmer zurückgezogen und es seitdem auch nicht wieder verlassen.
Ihre Stimmung war bedrückt. Sie wussten nicht,
was im Krankenhaus vorgefallen war, trauten sich auch nicht, danach zu fragen.
"Tolle Weihnachten!", sagte Jane plötzlich.
Sie hatte die ganze Zeit aus dem Fenster gestarrt, ohne von draußen etwas
wahrzunehmen.
"Hör auf zu jammern!", bemerkte Vivian
und stellte sich neben sie. "Es gibt kein Unterschied zu letztes Jahr!"
"Stimmt auch wieder", gab Jane ihr
recht.
Letztes Weihnachten hatten sie auch in ihrem
Zimmer verbracht, weil Luna und Jane sich gestritten hatte, während sie nach
dem Essen die Küche aufräumten. Zu ihrem Pech hatte der Vater zufällig alles
mitbekommen. Er machte daraus einen riesigen Aufstand und anschließend war
Weihnachten gelaufen.
"Tu einfach so, als wäre heute ein ganz
normaler Tag." Vivian versuchte sich und Jane aufzumuntern, was ihr jedoch
nicht gelingen wollte. Jane verzog nur missmutig das Gesicht und drehte sich
endlich vom Fenster weg.
"Luna hat es gut. Die bekommt jetzt bestimmt
Weihnachtsplätzchen und wird verwöhnt."
"Na klar! Alle anderen bekommen Besuch von
ihren Familien, nur sie nicht", antwortete Vivian ironisch. "So
gut hat sie es gar nicht!"
Das Telefon klingelte im Hintergrund und sie
hörten, wie der Vater abnahm und seinen Namen nannte.
Gespannt warteten die Schwestern ab, was geschieht.
Normalerweise rief niemand bei ihnen am Heilig Abend an. Die Großeltern lebten
nicht mehr und weitere Verwandte hatten sie nicht.
Herr Meinert kam ins Kinderzimmer.
"Ich fahre ins Krankenhaus und hole Luna
ab! Macht ja nichts unüberlegtes! Ich warne euch!"
Eingeschüchtert nickten Vivi und Jane, aber sobald
sie wieder allein waren, fassten sie sich an den Händen und lachten sich an.
"Sie kommt wieder heim", flüsterte
Vivian atemlos. Das war für sie das schönste Weihnachtsgeschenk.
Eigentlich wollte der Oberarzt Luna noch einen
Tag zur Beobachtung da behalten, doch während der Visite hatte sie den Arzt
so lange angefleht und gebettelt, bis er schmunzelnd einer Entlassung zustimmte.
Jetzt saß sie fix und fertig angezogen auf ihrem
Bett und wartete auf ihren Onkel. Sie hatte sich überlegt, dass es für sie
besser sei, wenn sie ihm gehorchte. Es waren doch nur noch drei Jahre, bis
zu ihrer Volljährigkeit und dann konnte sie tun und lassen, was sie wollte.
Herr Meinert kam in Begleitung einer Krankenschwester.
Luna musste mal wieder so tun, als wäre alles normal zwischen ihnen. Freudig
sprang sie auf und lächelte. Auch der Vater blickte sie liebevoll an.
Die Schwester sah, dass alles in Ordnung war
und verabschiedete sich von Luna. Sie legte dem Mädchen noch nahe, in Zukunft
keine Dummheiten mehr zu machen.
Luna bedankte sich höflich und verließ gemeinsam
mit ihrem Onkel das Krankenhaus. Keine zehn Pferde kriegten sie je wieder
hier rein.
Im Auto herrschte eisiges Schweigen. Das Schauspiel
war vorbei. In der Wohnung angekommen, packte Herr Meinert sie grob und drehte
Lunas Kopf so, dass sie ihm ins Gesicht blicken musste.
"Was hast du dir eigentlich dabei gedacht?
Du kleines Flittchen willst mich wohl mit aller Gewalt ruinieren?" Er
schob sie den Flur entlang, bis Luna mit dem Rücken an der Wohnzimmertür stand.
Weder Herr Meinert, noch Luna bemerkten, dass
Jane und Vivian in der Tür standen und zuschauten.
Luna gab nur ein Wimmern zur Antwort. Der Griff
des Onkels schmerzte.
Dieser fuhr unbekümmert fort. "Wenn du noch
einmal abhaust, werde ich dich so lange suchen, bis ich deinen dreckigen Arsch
gefunden habe! Und dann Gnade dir Gott! Dann ist mir verdammt egal, ob du
betrunken, bewusstlos oder erfroren bist! Dann werde ich dich quälen, bis
du dir wünschst, zu sterben!" Mit dem Knie trat er ihr in den Magen und
Luna sackte japsend zu Boden.
"Geh ins Zimmer!", brüllte Herr Meinert
sie weiter an. "Ich will dich in den Ferien nicht einmal sehen!"
Abreagiert drehte er sich von ihr weg und marschierte
ins Wohnzimmer. Auch jetzt bemerkte er seine anderen zwei Töchter nicht.
"Ich hasse ihn", flüsterte Jane, nachdem
er weg war. "Er hat mir versprochen, Luna nichts zu tun."
Schnell stürzten die Mädchen zur Stiefschwester
und halfen ihr auf die Beine. Luna rang sich ein kleines Lächeln ab. Der Schmerz
raubte ihr immer noch die Luft und sie ließ sich zu ihrem Bett bringen.
Vivian wich ihr nicht von der Seite. Streichelte
vorsichtig Lunas Haut und beteuerte immer wieder, wie froh sie doch sei, dass
Luna wieder daheim sei.
"Tu uns das bitte nie wieder an", bat
Jane ebenfalls. "Wir müssen doch zusammenhalten!"
Luna konnte wieder tief durchatmen. Die Schmerzen
verschwanden langsam.
"Ich hau nicht mehr ab", versprach
sie stockend und sah Vivian an. Ihr geschultes Auge erkannte, trotz der dicken
Make-up Schicht, die verfärbten Stellen.
"Hat er dich erwischt, Kleine!" Sanft
strich Luna ihr übers Gesicht. Wut schoss gleichzeitig in ihr hoch und am
liebsten wäre sie sofort ins Wohnzimmer gestürmt und hätte es ihrem Onkel
heimgezahlt.
"Lass es sein." Jane hatte gespürt,
was Luna dachte und hielt sie zurück. "Es bringt einfach nichts. Außerdem
bist du noch fix und fertig von deinem Ausflug."
An diesem Abend blieb es ruhig und der Heilig
Abend verstrich ohne weitere Vorfälle. Die Schwestern blieben in ihrem Zimmer,
sprachen zwar nur sehr wenig miteinander, aber sie verstanden sich auch so.
Die Freude über Lunas Heimkehr, war deutlich zu spüren.
Am nächsten Morgen machte Luna gleich ihren ersten
Fehler. Sie saß mit am Frühstückstisch, als der Vater in die Küche trat. Schon
an seinem Blick konnten die Mädchen erkennen, dass es gleich wieder losgeht.
"Raus!", brüllte er und zeigte mit
der Hand auf die Tür. Da ihm aber das Mädchen nicht schnell genug reagierte,
packte er sie an den Haaren und zog sie vom Stuhl hoch.
"Ich habe dir doch gesagt, dass ich dich
nicht sehen will!" Brutal stieß er sie in Richtung Tür und da diese geschlossen
war, prallte Luna ungebremst dagegen.
Sie sagte nichts. Sie reagierte nicht. Bekam
endlich die Klinke zu fassen und verließ den Raum. Nur beim Schließen der
Tür, warf sie Herrn Meinert einen hasserfüllten Blick zu. Dieser sah ihn zum
Glück nicht, dafür aber Jane, die ebenfalls bebte vor Wut.
"Krieg ich keinen Kaffee, oder was stehst
du hier so blöd herum?", wurde Jane angeschnauzt und sie beeilte sich,
damit sie nicht die nächste war, die raus flog.
Das Frühstück verlief danach schweigsam und still.
Vivian und Jane atmeten erleichtert auf, als der Vater endlich fertig war.
Vor ihnen lag ein endloser, langweiliger Tag,
welcher nur von den Mahlzeiten unterbrochen wurde. Auch am ersten Weihnachtstag
hatten die Mädchen nichts zu erwarten. Seit die Mutter gestorben war, gab
es kein Weihnachten mehr. Der Vater tat absolut nichts, um dieses Fest zu
feiern. Es stand weder ein Weihnachtsbaum im Wohnzimmer, von sonstiger Dekoration
zu schweigen, noch wurden liebevoll verpackte Geschenke verteilt. Früher war
das so gewesen, doch heute waren die Mädchen meist froh, wenn sie sich in
ihrem Zimmer aufhalten konnten und den Vater nicht sehen mussten.
Herr Meinert ging lediglich zwei Tage nach dem
Fest mit seinen Töchtern los und jede bekam eine neue Hose und sonstige Sachen,
die sie unbedingt brauchten. Der Kleiderschrank wurde vorher genau inspiziert,
damit er genau wusste, was die Mädchen benötigten.
Jane schmuggelte für Luna, nach dem Frühstück,
zwei Scheiben Brot mit ins Kinderzimmer. Schließlich musste die Schwester
auch etwas essen. Sie hoffte, dass der Vater nicht vorhatte, Luna zur Strafe
hungern zu lassen. Dies hatte er schon einmal fertig gebracht und hätten Vivi
und Jane nicht jedes Risiko auf sich genommen, wäre Luna damals drei Tage
ohne Nahrung geblieben.
Luna machte die Strafe allerdings weit weniger
aus, als die Schwestern annahmen. Ihr Körper war es schon fast gewohnt, mit
Reserven auszukommen, wenn der Nachschub ausblieb. Daran trugen schon Lunas
leibliche Eltern einen erheblichen Teil bei.
"Mach dir nichts daraus", wollte Jane
die Stiefschwester trösten, als sie ihr die Stullen zusteckte. "Er wird
sich schon wieder beruhigen."
"Von mir aus kann der mich bestrafen, bis
er schwarz wird! Er wird schon sehen, was er davon hat!" Luna nahm die
Brotscheiben und packte sie, ohne eines Blickes zu würdigen, in ihre Schultasche.
"Was hast du vor?"
"Nichts." Luna zuckte mit den Schultern
und sah Jane fragend an. "Wie kommst du darauf?"
"Ich sehe es dir an! Du führst irgendwas
im Schilde!"
"Bitte Luna! Lauf nicht wieder weg. Bitte
lass uns nicht schon wieder allein." Mit einem Sprung stand Vivi bei
ihr und hielt sie fest, als könnte sie so, irgendwas verhindern.
"Keine Panik! Ich bleibe hier", beruhigte
Luna sie. Aber irgendwie fehlte ihrer Stimme die Glaubwürdigkeit. "Irgendwann
werde ich ihn einfach umbringen."
Den letzten Satz sprach sie so leise, dass ihre
Schwestern ihn erst nach und nach verstanden. Vivi und Jane wechselten einen
entsetzten Blick, doch sie sagten nichts dazu, obwohl diese Worte so eindeutig
geklungen hatten, dass sie wussten, wie ernst Luna es meinte.
Die zwei Feiertage vergingen in tödlicher Langeweile.
Die Schwestern fielen sich gegenseitig auf die Nerven und die Anspannung stieg
bis ins Unerträgliche. Luna durfte tatsächlich an keiner Mahlzeit teilnehmen,
aber der Vater übersah großzügig, dass seine Töchter Essen mit ins Zimmer
nahmen. Auch er verließ nicht einmal das Haus, sondern saß hintereinanderweg
vor dem Fernseher und genoss das Feiertagsprogramm.
Nach dem Weihnachtsfest folgte das Wochenende,
welches nicht viel anders aussah. Luna und Jane waren so stark gereizt, dass
sie in jeder Situation aufeinander losgingen. Vivian versuchte soviel wie
möglich zu schlichten, bevor der Vater alles mitbekam und vielleicht ins Zimmer
stürmte. Die großen Schwestern machten ihr das nicht gerade leicht und bei
jedem neuen Streit wurden sie bösartiger und lauter.
Am Sonntag abend verkündete Herr Meinert dann
endlich, dass sie am Montag einkaufen fahren würden.
Glanz und Freude erschien in den Augen der Mädchen.
Endlich ein Lichtblick. Sie hatten seit fünf Tagen die Wohnung nicht verlassen
und es drängte sie nach frischer Luft und Freiraum.
Auch über Lunas Gesicht huschte ein Ausdruck
der Begeisterung, aber der Onkel zerschlug diesen mit wenigen Worten.
"Du Bastard glaubst doch nicht etwa, dass
ich dich mitnehme? Nach all dem, was du dir in der letzten Zeit geleistet
hast?" Er stellte sich direkt vor das Mädchen und grinste sie höhnisch
an.
Luna schluckte die Enttäuschung tapfer hinunter.
Eigentlich hatte sie das erwartet, aber sie wäre so gerne mitgegangen.
Bei ihren Schwestern erloschen ebenfalls die
Funken der Freude. Betreten sahen sie sich an und dann nahm Jane ihren ganzen
Mut zusammen.
"Bitte nimm Luna mit. Sie hat versprochen,
keine Dummheiten mehr zu machen. Du kannst sie doch nicht für immer hier einsperren."
Alles an ihr flehte diesen Mann an. Ihre Augen, ihr Mund, ihre Hände.
"Vergiss es! Die bleibt hier! Oder willst
du ihr Gesellschaft leisten? Dann gehe ich mit Vivian allein!" Ohne weiteren
Kommentar drehte sich Herr Meinert und ging.
Vivian kämpfte mit den Tränen. Auf keinen Fall
wollte sie mit dem Vater alleine losgehen.
"Das kannst du doch nicht machen!",
schrie sie ihm, in all ihrer Enttäuschung nach. Eine Sekunde später stand
Herr Meinert wieder im Raum, mit zornesrotem Gesicht.
"Wie bitte?", fragte er und musste
seine gesamte Geduld zusammen nehmen.
"Entweder du gehst mit uns allen, oder mit
gar keiner!" Vivian stellte sich direkt vor ihn und sah ihn entschlossen
an. Ihr schmaler Körper bebte vor Wut.
"Ihr denkt wohl, ihr könnt mich erpressen?",
brüllte der Vater los. Seine Geduld war aufgebraucht. Er schob erst Vivian
beiseite, dann Jane. Drohend kam er auf Luna zu, die unbeteiligt auf ihrem
Bett saß und zuschaute.
"Du hetzt meine eigenen Kinder gegen mich
auf?"
Luna ahnte, was gleich kommen würde. Angst breitete
sich sekundenschnell in ihrem Körper aus. Bitte nicht schon wieder, flehte
sie lautlos. Ihre Augen hefteten sich an den Mann und ließen nicht mehr los.
"Sie hat uns überhaupt nicht aufgehetzt",
ging Vivian erneut dazwischen. Von hinten hielt sie ihren Vater fest, der
sich blitzartig zu ihr herum drehte.
"Was willst du kleine Göre von mir?"
Seine jüngste Tochter hatte ihn so sehr gereizt, jetzt wusste er nicht mehr,
was er tat. Seine Hände griffen nach ihrem Hals und drückten zu, bis Vivi
knallrot anlief. Dann ließ er los und das Mädchen stürzte zu Boden, wo sie
krampfhaft nach Luft rang. Er trat zu. Mehrfach traf er den keuchenden Körper
und hatte immer noch nicht genug.
Wie gelähmt sah Luna zu und konnte nur sehr langsam
begreifen, was sie da sah. Die Geräusche von Vivians Wimmern drangen an ihr
Ohr, aber sie konnte nicht reagieren.
Ebenfalls Jane, die steif an der Tür stand und
die Augen geschlossen hielt. Sie wünschte sich, alles wäre nur ein Traum.
Aber es war keiner und das begriff Luna endlich.
Todesmutig stürzte sie sich auf den Mann, um ihn aufzuhalten.
Das schaffte sie auch, allerdings wand er sich
nun ihr zu. Sein erster Schlag traf nicht, weil Luna ihm geschickt auswich.
Das machte ihn noch wütender. Und dann geschah das, für ihn, Unfassbare. Seine
Adoptivtochter schlug ihm mit aller Kraft die Faust ins Gesicht. Sofort platzte
die Unterlippe und fing an zu bluten.
Irritiert griff er sich an den Mund, spürte zwar
kaum etwas, aber ein Zahn wackelte.
Luna war ebenso erschrocken und starrte ihn an.
Doch schnell hatte sie sich wieder in der Gewalt und holte erneut aus.
Aber diesmal reagierte Herr Meinert und bekam
ihren Arm vorher zu fassen. Mit der anderen Hand schlug er zurück, genau in
den Bauch.
Jedoch Luna war wie ausgewechselt. Ignorierte
den wahnsinnigen Schmerz, hob den Fuß und trat ihm in die Weichteile. Das
Brüllen des Vaters konnte man garantiert noch zwei Straßen weiter hören.
Und trotzdem war er immer noch nicht erledigt.
Er schnappte nach Lunas Haaren, bekam sie zu fassen und schleuderte sie zur
Tür.
Jane, die immer noch dort stand und sich überhaupt
nicht bewegen konnte, wurde ebenfalls mit zu Boden gerissen.
Herr Meinert hatte es aber nur noch auf Luna
abgesehen. Sein Verstand hatte sich längst ausgeschaltet. Denken konnte er
nicht mehr. Er wollte nur noch Rache.
Schnell stand er über beide Mädchen und zog Luna
wieder hoch. Versetzte ihr den nächsten Stoß und sie flog durch den Flur.
Landete genau vor dem Wohnzimmer, wo er sie auch hin haben wollte.
Im Wohnzimmer ging es weiter. Mit allem, was
ihm zur Verfügung stand, bearbeitete er Lunas Körper. Auch ihre Lippen platzten
auf, ebenso die Augenbraue. Trotzdem wehrte sie sich verbissen. Schlug zurück,
sobald sie Gelegenheit dazu hatte. Instinktiv wusste sie, dass hier war keine
normale Prügelei. Hier ging es um Leben oder Tod. Einer von ihnen musste sterben.
Und die Angst um ihr Leben, versetzte ihr neue
Kraft. Immer wieder konnte sie den Tritten und Schlägen ausweichen. Doch dann
hatte der Mann sie ganz in seiner Gewalt. Seine Hände umklammerten ihren Hals.
"Du Bastard!", hauchte Herr Meinert
und drückte zu.
Es ist soweit, dachte Luna. Ich habe verloren.
Mit ihren Händen umfasste sie seine Handgelenke,
konnte aber nichts gegen ihn ausrichten. Die Umgebung um sie herum, nahm sie
nur noch schemenhaft wahr. Alles versank in dunklen Schatten. Nur das Keuchen
ihres Onkels bekam sie noch mit, doch ein allerletzter Lebenswille, sah die
volle Bierflasche. Direkt neben ihr auf den Tisch.
Sie konnte nicht mehr darüber nachdenken. Soviel
Zeit hatte sie nicht mehr.
Gleich beim ersten Versuch bekam Luna die Flasche
zu fassen. Hart landete sie auf dem Hinterkopf ihres Peinigers, der augenblicklich
losließ und stöhnend zusammensackte. Luna ging neben ihm zu Boden. Keuchend
erkannte sie, dass der Mann noch lebte. Jetzt oder nie, ging ihr durch die
Gedanken. Ihre letzten Kräfte sammelten sich noch einmal und ihre zittrigen
Hände legten sich um seinen Hals. Lange, bis sie ganz sicher gehen konnte,
dass in ihrem Onkel nichts mehr lebte.
Dann wurde ihre Welt wurde erst einmal dunkel.
Später wusste sie nicht mehr, wie lange sie da
gelegen hatte. Aber sie wusste ganz sicher, sie hatte gewonnen.
Erstaunt richtete sie sich auf und sah an sich
herunter. Ihre Hände waren voller Blut, aber es war ihr eigenes. Blut war
auch überall auf dem Teppich zu sehen.
Sie betrachtete seinen Körper, dann kroch sie
auf allen Vieren von ihm weg. Ließ sich in einer Ecke nieder und betrachtete
ihn noch einmal. Es gab keine Zweifel mehr.
Lange Zeit saß sie so. Ihr gesamtes kurzes Leben
zog noch einmal an ihr vorbei. Es war nichts wert. Sie hatte kaum etwas Schönes
erlebt. Und nun hatte sie es erst recht ruiniert. Eine Zukunft gab es für
sie nicht.
Leise öffnete sich die Wohnzimmertür und zwei
zitternde Mädchen schoben sich in den Raum. Als sie den Vater am Boden erblickten,
hielten sie sich gleichzeitig den Mund zu, um nicht laut loszuschreien. Danach
entdeckten sie Luna.
Diese war immer noch von oben bis unten mit Blut
beschmiert. Ihr Gesicht war gänzlich zerschlagen, was sie selber noch nicht
einmal wusste.
"Luna?", flüsterte Jane und die Schwester
sah auf.
"Gott sei Dank!" Schnell war Jane bei
ihr.
Vivian machte einen Schritt auf den Vater zu.
Im Zeitlupentempo drehte sie sich dann zu Luna.
"Ist er... ?"
Luna sah ihr ins Gesicht. Es tat ihr so grenzenlos
leid, dass Vivi sich das ansehen musste. Dass nun alles vorbei war.
"Ruf die Bullen! Er ist tot!", sagte
sie dann gefühlskalt.
Irgendwann war die Polizei auch da. Vivian hatte
die Nachbarn alarmiert, die sofort in die Wohnung kamen. Erst Herrn Meinert
betrachteten, dann die beiden Mädchen in der Ecke.
Jane war neben Luna sitzen geblieben. Hielt die
Schwester fest im Arm, streichelte sie, tröstete sie und wurde zwischendurch
selber von Weinkrämpfen geschüttelt.
Luna selber blickte starr auf den Fußboden. Sagte
nichts, reagierte nicht, weinte nicht. Hob nur manchmal, hilflos die blutigen
Hände.
Die Polizisten befragten sie, Luna antwortete
nicht. Man rief endlich einen Notarztwagen. Die Ärzte kümmerten sich auch
sofort um das verletzte Mädchen. Bei dem Mann war nichts mehr zu retten.
Vivian und Jane wurden aus der Wohnung geführt.
Luna bekam eine Spritze und wurde dann auf einer Trage aus dem Haus gebracht.
Vor der Haustür standen zahlreiche Schaulustige,
die interessiert beobachteten, wie die Meinert Mädchen raus kamen.
Bevor Jane in einen Polizeiwagen stieg, drehte
sie sich noch einmal um. Sah ein letztes Mal in Lunas zerschlagenes Gesicht,
bevor die Türen des Krankenwagens sich schlossen und dieser abfuhr.
© iko
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