© by Christoph Aschenbrenner

 

Im Wald

Ich ließ den Morgen verstreichen. Wachte mittags auf. Es gab keinen Tau mehr.

Ich lasse diesen Tag verstreichen. Höre einfach den Tieren des Waldes zu. Oben irgendwo die Sonne. Ich verstecke mich im Dickicht.

Bis tief in die Nacht verstecke ich mich und lausche.

Am nächsten Tag regnet es. Es gibt genug zu trinken. Als ich meinen Durst gestillt habe, lasse ich den Tag verstreichen bewegungslos. In der Nacht ist es still und nass. Im Morgendunst sehe ich in meiner Nähe Pilze wachsen. Den Tag lasse ich verstreichen. Er ist schwül. Ich habe Durst.

Gegen Abend gehen kleine Männer durch den Wald. Sie entdecken mich nicht.

Ich habe schon viele Tage und Nächte verstreichen lassen und lebe immer noch. Natürlich habe ich meine Sorgen. Ich brauche immer genügend Wasser zum Beispiel. Frisches Wasser. Oft genug fällt aus den Baumkronen Regen, dass sich mein Eimer füllt. An anderen Tagen bleibt der Eimer leer, einmal half es nicht, den Tag und die Nacht verstreichen zu lassen – ich hatte so einen Durst, dass ich zu einem Teich kriechen musste.

Ich versuchte unter dem Schutz der Vegetation so leise wie möglich bis zum Ufer zu schleichen. Dort tauchte ich meine Hand ins Wasser und schöpfte mir das Nass in den Eimer. Ich dachte, mein Herz klopfe so laut, dass die Tiere am anderen Ufer es hören müssten.

Aber jetzt habe ich den Morgen verstreichen lassen. Mittags ist es hell. Ich lausche den Geräuschen der Tiere. Ich lasse den Nachmittag verstreichen.

Als ich aufwache, ist es dunkel. Ich trinke etwas.

Ich habe lange meine Pornofilmsammlung vermisst. Doch es ist bedeutungslos geworden. Bedeutungslos wie die anderen Dinge der Zivilisation. Pommes, Telefon, Klopapier.

Ich lausche. Den Rest der Nacht und den ganzen Morgen lasse ich verstreichen. Mittags ist es warm. Es ist friedlich.

 

© Christoph Aschenbrenner

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