©by Axel Graf
Die schönsten Füße
Das helle
Klackern der Holzsohlen auf den Stufen ist unverkennbar: Hinter meiner Wohnungstür
gehen sie wieder ihrer Wege über die Treppen - die schönsten Füße
unseres Hauses.
Glücklich der, der in einem solchen Augenblick seinen Treppenhausdienst
verrichtet, denn die wohlklingenden Sandalen bestehen neben der Holzsohle
nur noch aus einem kleinen Riemen und geben beinahe alles von den schönsten
Füßen preis.
"Sie möchten vorbei, liebe Frau Nachbarin? Aber selbstverständlich
doch."
Zu gerne rutsche ich auf meinen Knien für Sie zu Seite, mein Blick erscheint
Ihnen hoffentlich nicht zu aufdringlich und verzeihen Sie mir bitte auch diesen
kleinen Kuss.
Einmal hatte ich das Glück, genau in jenem Augenblick die Treppe zu putzen.
Die alte Schrulle von ganz oben hatte zuvor an allen Türen unserer Etage
geklingelt: Langsam wäre es ja mal wieder Zeit!
"So schlimm ist das doch gar nicht", habe ich anschließend
meiner Nachbarin zur Linken gesagt, "alle drei Wochen nur, und in zehn
Minuten ist man damit fertig."
In zehn Minuten oder in einer halben Stunde, wenn man die Hoffnung hat, dass
die schönsten Füße doch noch vorbeikommen könnten. Man
findet immer noch ein paar Flusen oder Krümelchen auf den Stufen, die
sich zuvor hartnäckig versteckt hielten.
Meine Wohnung sieht auch schon viel besser aus.
Die schönsten Füße sollen sich darin wohlfühlen, falls
sie einmal hereinkommen möchten. Mittlerweile weiß ich, welche
Putzmittel wirklich etwas taugen, und habe sogar Blumen auf dem Tisch.
Wenn es Sonntag Abend ist, und ich weiß, dass morgen meine Woche beginnt,
ergreift die Vorfreude Besitz von mir. Schon lange überlasse ich es nicht
mehr dem Zufall, welche Kleidung ich beim Putzen der Treppe trage, und ebenso
lange versuche ich, den günstigsten Zeitpunkt herauszufinden.
Die schönsten Füße sind unberechenbar, denn ich habe noch
keinerlei: "jeden Dienstag um halb fünf" ausmachen können.
Manches Mal habe ich schon daran gedacht, einen Eimer und den Schrubber immer
griffbereit neben der Wohnungstür stehen zu haben, damit ich beim ersten
Klackern nach draußen stürmen kann.
Habe ich heute schon ein Klackern gehört? Wenn es so heiß ist wie
heute, schmücken die schönsten Füße sich vielleicht wieder
mit diesen Sandalen, und wenn ich sie heute noch nicht gehört habe, klackert
es vielleicht in der nächsten halben Stunde.
Die Haustür springt auf, aber die Bewegungen im unteren Stockwerk sind
viel zu langsam - nur die Schrulle.
"Ich habe der Hausverwaltung schon mitgeteilt, dass Sie neben mir der
Einzige hier im Haus sind, der das ordentlich macht. Der auch die Spinnweben
von den Wänden fegt und das Geländer abwischt, und erst danach die
Stufen wischt, damit der Schmutz nicht auf die frisch gewischten Stufen fällt."
Ich stimme ihr innerlich zu: Es ist wirklich wichtig, das Wischen der Stufen
bis zum Ende aufzusparen. Zumindest aber bis zu jenem Augenblick, da es klackert.
© Axel Graf
Das Ende der Zeit
Wäre
es schlimm, wenn wir in drei Jahren Besuch von einem riesigen Asteroiden bekämen?
So ein richtig großer Brocken, bei dem man gar nicht erst überlegen
müsste, ob es noch Überlebende geben könnte, viel gewaltiger
als jener Kieselstein, der einst die Dinos geärgert hat? Wäre das
wirklich schlimm?
Wenn ich es noch heute Abend erfahren würde, bräuchte ich zumindest
nicht länger darüber nachzudenken, ob eine Fortsetzung meiner Umschulung
überhaupt Sinn macht.
Ich würde sie gleich morgen an den Nagel hängen und zurück
in die Fabrik gehen.
Etwas Stupideres als die Arbeit dort gibt es zwar kaum, doch die Nachtschichten
sind durchaus lukrativ, und meine Ansprüche in all den Jahren mit leerem
Geldbeutel bescheiden geworden. Vielleicht bräuchte ich nur ein paar
Monate zu schuften und könnte anschließend die restliche Zeit genießen,
irgendwo ganz weit weg, wo das Leben nicht so teuer ist, und niemand dauernd
von der Zukunft redet.
Cornelius sagt,
dass er in diesem Fall ebenfalls gleich morgen kündigen würde.
Derartiges aus seinem Mund zu vernehmen, überrascht mich sehr, denn bislang
war oft von großem Spaß und manchmal sogar Lebenssinn die Rede,
wenn es um seinen Job ging.
Jetzt aber kontert er mit dem ungeliebten Krawattenknoten, der auf einmal
schwerer wiegt. Wenn nur noch drei Jahre blieben, stellten sich manche Fragen
eben anders. Welchen Sinn sollte es dann noch machen, zehn oder mehr Stunden
pro Tag zu arbeiten und immer größere Reichtümer anzuhäufen?
Eine Zeit lang
verliefen unsere Lebensläufe parallel.
Dann wurde Cornelius ein Jahr vor mir fertig, und heute trägt er viel
Verantwortung, bekommt dafür eine riesige schwarze Zahl auf seine Kontoauszüge
gedruckt, gegen die er kaum eine Chance hat.
Wenn ich das Examen ebenfalls gleich im ersten Anlauf geschafft hätte,
sähe mein Leben heute anders aus, doch damals ging das nicht, und als
ich dann endlich auch die begehrte Urkunde in den Händen hielt, musste
ich bald merken, dass sie bloß noch ein Stück Papier war. Der Markt
hatte sich verändert, brauchte nur noch wenige; ohne Prädikatsexamen
in Rekordzeit war einfach nichts mehr zu machen. Als die Absagen dreistellig
wurden, gab ich es auf.
In der Fabrik hatte ich auch während des Studiums schon gearbeitet. Der
Job gab mir zu essen, finanzierte meine Miete und erlaubte mir immerhin, alle
zwei Jahre für wenige Wochen nach Gomera zu fliehen.
Mit meiner Umschulung
könnte ich jetzt erneut zu spät kommen.
Als die Maßnahme begann, boomte die IT-Branche, doch inzwischen ist
der Zenit längst überschritten. Braucht mich noch jemand, wenn ich
das Zertifikat erst habe? Große Sprünge könnte ich damit sowieso
nicht machen, und es gibt bereits genug Leute, die eine ähnliche Umschulung
absolviert haben, und heute trotzdem nichts finden. Ob ich ein solches Déjà-vu-Erlebnis
noch einmal verkraften würde, wage ich mich gar nicht zu fragen.
In der Fabrik gibt es wenigstens anständiges Geld.
Noch hätte ich die Möglichkeit, dorthin zurückzukehren. Nach
dem Ende der Umschulung geht das vielleicht nicht mehr. Entweder sitzen dann
andere Leute an den entscheidenden Stellen, oder die Globalisierung hat inzwischen
auch bei diesem Unternehmen zugeschlagen.
Ein Hilfsarbeiterjob kann natürlich keine dauerhafte Perspektive sein,
aber wenn nur noch drei Jahre blieben, wäre das ja nicht mehr wichtig.
Kürzer sollte die Restzeit nicht ausfallen, sonst hätte ich mir viel zu lange Sorgen gemacht und den Zeitpunkt verpasst, ab dem nur noch der Spaß zählt, den das Leben schließlich auch bieten kann. Bieten könnte, sollte ich vielleicht sagen, denn die letzten Jahre waren nicht gerade angenehm.
Cornelius stimmt
mir zu: Wenn nach der ganzen Schufterei keine Zeit mehr bliebe, sei alle Anstrengung
umsonst gewesen. Drei Jahre sind ihm allerdings viel zu kurz. Schließlich
seien wir noch ein bisschen zu jung, um so bald schon abzutreten. Davon abgesehen
könnten wir uns bestimmt auch zehn Jahre lang prächtig amüsieren,
ohne uns zu langweilen. Wegen der Finanzen solle ich mir keine Sorgen machen.
Auch zu zweit sei es schwierig, das gesamte Vermögen auf den Kopf zu
hauen, und welchen Sinn sollte es machen, am Tag des Einschlags noch über
ein gut gefülltes Bankkonto zu verfügen? Cornelius nähme mich
also mit in die Karibik, wo lächelnde Schönheiten uns die Cocktails
brächten und uns verwöhnten.
Ich kann kaum etwas dagegen sagen. Wenn ich derjenige mit dem vielen Geld
wäre, würde ich ihm selbstverständlich Ähnliches anbieten.
Weil mir die Vorstellung trotzdem unbehaglich ist und mir nichts besseres
einfällt, bin ich auf einmal sicher, dass es Cornelius gar nicht möglich
sein wird, den Asteroiden einfach zu kaufen und in eine siebenjährige
Warteschleife zu schicken. Mit allem Geld der Welt nicht!
Die ganze Kohle wird bald schon nichts mehr wert sein, in der Karibik wird
er nie ankommen. Warum sollten Piloten weiterhin Krawatten binden? Die meisten
von ihnen verfügen doch auch über gewisse Ersparnisse und hätten
ab morgen bestimmt keine Lust mehr, ihren Dienst anzutreten.
Viele der zahlreichen Arbeitslosen täten das womöglich gerne, aber
wer verschwendet seine letzten Jahre mit dem Betreiben einer Fluggesellschaft
und stellt neue Piloten ein? Die Nachricht vom plötzlichen Ende würde
die ganze Welt aus den Angeln heben, dann wäre niemand mehr sonderlich
beeindruckt, wenn Cornelius mit seinen Dollarnoten wedelte.
Zu spät bemerke ich das Glatteis meiner Argumente, denn schließlich
brauche ich noch wenigstens einige Monate lang einen funktionierenden Fabrikbesitzer.
Außerdem verspüre ich bereits wieder Hunger. Hier in der Kneipe
kann man kalte Frikadellen mit Senf bestellen, die "Bremsklotz"
genannt werden. Sie schmecken gar nicht so übel. Wenn aber alle Bauern,
Bäcker und Metzger ab morgen keine Lust mehr hätten, würde
es sehr bald schwierig.
Cornelius glaubt, dass meine Befürchtungen unbegründet sind. Wann immer er mit Menschen aus diesen Berufsgruppen zu tun gehabt habe, habe er registriert, dass sie eine innige Verbindung zu ihrem Tagewerk hätten, und ohne dieses gar nicht könnten. Sie würden weitermachen, ist Cornelius sicher, selbst wenn sie von dem Asteroiden wüssten.
Ich gebe noch
nicht auf: Vielleicht gäbe es bis zum letzten Tag genug zu essen, aber
das könnte nicht verhindern, dass unser gesamtes Wirtschaftssystem von
einem Moment auf den anderen zusammenbräche, wenn alle informiert wären.
Langfristige Investitionen machten in den letzten drei Jahren unbestreitbar
keinen Sinn mehr, aber wenn sie wegfielen, würde das Sozialprodukt gleich
um einen guten Teil schrumpfen.
Die Bauarbeiter wären vielleicht die ersten, die es zu spüren bekämen,
und wenn die meisten Bautätigkeiten eingestellt würden, wäre
auch die Zulieferindustrie betroffen. Die vielen neuen Arbeitslosen könnten
sich keine Videorecorder oder Autos mehr kaufen, so dass weitere Wirtschaftszweige
einbrechen würden.
Die eifrigen Bauern müssten ihre Felder gegen einen hungernden Mob verteidigen,
und
die Staatsgewalt, die einen Ausfall der so lange bewährten Ordnung natürlich
nicht hinnehmen könnte, bräuchte Bataillone in ausreichender Zahl
und müsste zudem vielleicht feststellen, dass die Autorität von
Uniformen und Knüppeln angesichts des kosmischen Wetterberichts schwindet.
Am Tag seiner Ankunft wird der Asteroid enttäuscht über die geringe
Anzahl von Opfern sein, da die Wiedereinführung des unmittelbaren Faustrechts
die Menschheit bereits zuvor erheblich dezimiert hat.
Cornelius grübelt
und meint anschließend, dass wir eben dafür sorgen müssten,
dass außer uns niemand von dem nahenden Asteroiden erfährt. Dann
könnten wir gleich morgen aufbrechen und bräuchten uns um nichts
mehr zu kümmern. Hannah und ihre beiden Söhne nähmen wir natürlich
auch mit.
Hannah sitzt mit uns am Tisch.
Einst teilten wir drei Wohnung und Seminarbänke, ehe Hannahs erste Schwangerschaft
den Abschluss in unerreichbare Weiten katapultierte. Mit dem zweiten Kind
versuchte sie vergeblich, dessen Erzeuger festzuhalten. Heute geht sie putzen
und findet selten einmal Zeit, an einem unserer Revivaltreffen teilzunehmen.
Selbstverständlich bereut sie nichts und sieht ihr Leben enorm bereichert,
aber würde sie denn gar nichts ändern wollen und einfach weiterputzen,
wenn nur noch drei Jahre blieben?
Sie sagt, dass sie schlecht mit den Kindern abhauen könne, da der große
bereits in die Schule gehe, und die Behörde nach ihm suchen würde.
Außerdem nennt sie Cornelius und mich verantwortungslos und zynisch,
eben typisch Single. Sie ist überzeugt, dass auch wir nicht drei Jahre
lang seelenruhig Cocktails trinken könnten, wenn wir Kinder hätten.
Welche Alternativen
gäbe es denn?
Könnten die Kinder dieser Welt am Tag des Aufpralls davon profitieren,
wenn ihre Eltern zuvor auf alkoholische Getränke verzichtet hätten?
Sollte man trotz des nahen Endes vielleicht weiter darauf achten, dass die
Kinder sich um gute Noten in der Schule bemühen?
Cornelius ereifert sich maßlos: Vermutlich hieße es dann sogar
immer noch, dass gutverdienende, kinderlose Singles Schmarotzer seien. Dabei
sei doch sonnenklar, dass die Finanzierung der Rente kein demographisches
Problem, sondern nur ein Anzeichen dafür sei, dass der globale Kapitalismus
an seine Grenzen stoße.
Cornelius kennt sich aus in der Branche und weiß, dass Tag für
Tag gigantische Summen an Kapital auf der Suche nach möglichst hoher
Rendite rund um den Erdball fließen. Mit der Produktion von Waren oder
Dienstleistungen sei schon heute kaum noch ein nennenswerter Profit zu erzielen,
und das Spekulationskapital durchdringe alle Bereiche und verschlimmere die
Situation weiter. Es werde nicht mehr lange dauern, bis die Blase platze,
dann bräuchten wir nicht einmal einen Asteroiden, um einen gewaltigen
Crash zu erleben.
Der unvermeidliche Zusammenbruch werde mit Sicherheit nicht gerade friedlich
verlaufen, weswegen es vielleicht eher ein Zeichen von Verantwortung sei,
unter diesen Umständen auf die Produktion von Nachwuchs zu verzichten.
Cornelius hat
nicht einmal die mangelnde materielle Basis als Rechtfertigung für die
noch immer fehlende Familie. Er wird oft genug erlebt haben, dass in seiner
Stellung gewisse Dinge ebenso selbstverständlich erwartet werden wie
die tägliche Krawatte. Der immer wieder gedankenlos ausgesprochene Gruß
an die gar nicht vorhandene Frau Gemahlin mag ihm schon manchen Stich versetzt
haben. Wenn er im Job auf seine Lebensumstände angesprochen wird, hören
seine Antworten sich bestimmt anders an, doch auch jetzt hilft ihm Marx nicht
weiter.
Hannahs Einwand, dass ein solcher Pessimismus zu nichts führe, sagt zwar
noch lange nichts gegen die Richtigkeit seiner These, eine Handlungsalternative
hat Cornelius dann aber tatsächlich nicht zu bieten.
Darum gehe es aber auch gar nicht, versucht er ein letztes Mal, seine Haut
zu retten. Niemand könne einen Ausweg nennen, weil es einen solchen gar
nicht gäbe. Nicht einmal den Heuschrecken könne man einen Vorwurf
machen, denn die ständen in Konkurrenz zu anderen Anlagefonds und buhlten
um das viele überschüssige Kapital, das sie nur bekämen, wenn
sie höhere Renditen versprächen als andere.
Cornelius ist versucht, unzählige weitere Beispiele zu nennen, doch Hannah
bleibt bei ihrer Meinung, dass all das nichts weiter sei als fruchtloser Pessimismus,
der, wie sie ja bereits gesagt habe, zu nichts führe.
Cornelius lebt
allein.
Das Fehlen von jeglichem Sex in seinem Leben ist sicher nicht das Ergebnis
einer besonders konsequenten Verhütungsmethode. Ein Pessimist ist unattraktiv
für seine Umgebung, selbst wenn er Recht hat.
Im Grunde bin
ich auch einer, denn ich bin überzeugt, dass unser Planet über kurz
oder lang die weiße Fahne schwenken wird, wenn der Kapitalismus nicht
krepiert. Er tut das doch heute schon. Die Klimakatastrophe hat bereits begonnen
und ist kein bloßes Hirngespinst.
Erst kürzlich wurde eine Studie der NASA veröffentlicht, nach der
die globale Erwärmung viel schneller voranschreitet, als selbst die schlimmsten
Pessimisten vor Jahren befürchtet hatten. Auch bei der Abholzung der
grünen Lunge unserer Erde, der Versiegelung immer größerer
Flächen und der Versteppung immenser Landstriche fördert jede neue
Inventur ein verheerendes Ergebnis zu Tage, und immer müssen die Pessimisten
erkennen, dass ihre Prophezeiungen noch deutlich übertroffen wurden.
Währenddessen erreicht der globale Ausstoß an Schadstoffen allen
internationalen Erklärungen und Abkommen zum Trotz ständig neue
Rekordhöhen.
Wie soll man da noch optimistisch sein?
Hannah möchte
gehen.
Die Babysitterin warte auf ihre Ablösung.
Cornelius verbietet der Kellnerin, die Sigrid heißt, Hannahs Deckel
zu kassieren, bestellt stattdessen noch einen Absacker für sich und mich.
Wir sind uns
einig: Die Menschheit ist auf keinem guten Weg.
Sie wird sich selbst ihrer Lebensgrundlagen berauben, ist doch sogar schon
munter dabei, den Asteroiden brauchen wir gar nicht.
Trotzdem werden alle, die den Tatsachen ins Auge blicken, weiterhin als unverbesserliche
Pessimisten abgetan und mehr oder weniger aus der Gemeinschaft verstoßen.
Wer sich weigert, die Augen fest zu schließen und die Realität
aus seinem Bewusstsein zu verbannen, ist ein Miesepeter, den man besser nicht
beachtet.
Vielleicht würde sich daran ja gar nichts ändern, wenn der Asteroid
käme.
Wir haben doch gerade erst erlebt, dass selbst eine intelligente Frau wie
Hannah keine Lust hat, sich mit den Zuständen auf unserem Planeten zu
beschäftigen. Wenn ein Ende der Menschheit nicht länger nur eine
abstrakte Vorstellung wäre, sondern ein konkretes Datum bekäme,
würde sie doch immer noch glauben, dass sie ohne ein gesundes Vertrauen
auf einen guten Ausgang nicht weiterleben könnte. Dass sie das vor allem
ihren Kindern zuliebe tut, ehrt sie natürlich, wird den Asteroiden aber
bestimmt nicht beeindrucken.
Die meisten Menschen sind wesentlich einfacher gestrickt als sie. Was soll
man von denen schon erwarten?
Die Arbeiter in der Fabrik läsen die Schlagzeile auf der Titelseite,
schüttelten aber höchstens den Kopf und blätterten anschließend
lieber weiter zum Frühstücksmädchen.
Die Politiker konnten schon heute nicht ernsthaft daran glauben, dass sie
die Massenarbeitslosigkeit, die immense Verschuldung sämtlicher Haushalte
und die zukünftige Finanzierung der Rente eines Tages doch noch in den
Griff bekommen könnten. Trotzdem dachten sie nicht ans Aufhören.
Warum sollten die Umfragewerte und ihr persönlicher Erfolg sie weniger
interessieren, wenn der Asteroid käme? Bis zum Tag X ständen bestimmt
noch etliche Wahlen im Kalender, und die wollten alle gewonnen werden. Wer
keine Zuversicht verbreitete und nicht so täte, als hätte er eine
Lösung anzubieten, hätte nicht den Hauch einer Chance und würde
bestimmt nicht gewählt.
Man stelle sich das einmal vor: Der Asteroid rast unaufhaltsam auf die Erde zu, und hier unten machen alle einfach ganz genauso weiter wie bisher! Irgendwann bleiben nur noch ein paar Wochen, doch es gibt immer noch eine mittelfristige Finanzplanung, und an der Wall Street wird wie jeden Tag ein neuer Dow-Jones errechnet.
Cornelius sagt,
dass es an der Börse schon ein paar Änderungen gäbe, weil sie
ein sehr feines Gespür besäße. Im Vorfeld der beiden Golfkriege
sei der Absatz von Gasmasken in den USA jeweils sprunghaft angestiegen. Außerdem
hätten viele Amis einen Raum in ihren Häusern zu einem Schutzraum
umgebaut, und dafür immense Mengen an Klebefolie benötigt. Wenn
der Asteroid käme, würden sie es bestimmt wieder so tun und andere
damit anstecken.
Firmen, die solche Produkte herstellen, wären dann ein ganz heißer
Tipp, und die Broker, die den Trend rechtzeitig erkannten, könnten noch
einmal richtig gut verdienen.
Aber was hätten sie am Ende davon?
Ist das nicht alles der helle Wahnsinn? In was für einer Zeit leben wir
überhaupt? Wie soll man sich da zurechtfinden?
Der Blick zur
Uhr verrät uns, dass es auch für uns langsam Zeit wird. Auf Cornelius
wartet morgen wieder ein extrem arbeitsreicher Tag, und ich muss pünktlich
und konzentriert bei der Umschulung auftauchen. Es hilft ja alles nicht, irgendwie
muss es schließlich weitergehen.
Sigrid kommt an unseren Tisch, um zu kassieren. Wir wollen ihre Meinung hören:
Was glaubt sie, würde im Zweifelsfall auf der Erde passieren? Wenn alle
Bescheid wüssten, und es keinen Zweifel mehr gäbe.
Sie sagt: "Kartoffelernte! Zwölf Stunden täglich! Dann ist
man abends müde, und kommt nicht auf solchen Scheiß!"
© Axel
Graf