© by Angelika Brox
Wenn es Nacht wird im Tagebaurestloch
Diesmal hat
sich Solfried Stein für die vier Mitglieder seines Schreibworkshops etwas
ganz Besonders ausgedacht. Am Nachmittag sammelt er sie vor der Volkshochschule
ein und fährt mit ihnen zum Tagebaurestloch vor den Toren von Pulpitz.
Sie sollen sich von der kargen Mondlandschaft, die der monströse Schaufelradbagger
hinterlassen hat, zu kreativen Texten inspirieren lassen.
Am Rand des riesigen Kraters steigen sie, ausgerüstet mit Schreibblöcken
und Stiften, aus dem Wagen.
"Geht umher", sagt Solfried, "nehmt die Atmosphäre auf,
bis ihr tief in euch eine Resonanz vernehmt. Sobald ihr spürt, dass da
etwas ist, was hinausmöchte, bringt es zu Papier, ungefiltert, ganz spontan.
- In zwei Stunden treffen wir uns hier wieder und tragen einander unsere Texte
vor."
Solfried macht gleich den Anfang. Halb laufend, halb rutschend klettert er
die Böschung hinab. Geröll löst sich unter seinen Füßen
und holpert in die Tiefe. Unten angekommen, schreitet er über die Furchen,
die das Raupenfahrwerk des Baggers im Erdreich hinterlassen hat, und betrachtet
sinnierend die hellen und dunklen Sedimentschichten an der meterhohen Abrisskante.
Tausende, Millionen von Jahren haben hier ihre Spuren hinterlassen. Dieser
Hauch der Erdgeschichte sollte ihn zu einem schönen Stück moderner
Lyrik inspirieren können.
Er schaut sich nach seinen Schülern um.
Hermann Rilke und Stefan König sind ihm in das Baggerloch gefolgt. Obwohl
Hermann nicht mehr der Jüngste ist, hat er den Abstieg anscheinend mühelos
bewältigt. Während er nun eine Reihe von Findlingen in Augenschein
nimmt und den größten von ihnen mit der Hand erfühlt, steuert
Stefan auf eine etwa 500 Meter entfernte Senke zu, die sich mit Wasser gefüllt
hat. Bald wird die verwüstete Landschaft ein großes Seengebiet
sein, denkt Solfried und malt sich aus, wie er dann wieder mit seiner Autorengruppe
herkommen wird.
Seine Augen suchen nach Tanja Winkel und Ilka Kürthy. Die beiden haben
es vorgezogen, oben zu bleiben und am Kraterrand entlangzuwandern. Ilka lässt
ihren Blick über das Tagebaurestloch und die hohen Kegel der Abraumhalden
schweifen, dann breitet sie die Arme aus, als wolle sie die geschundene Natur
an sich drücken wie ein weinendes Kind mit einer Schürfwunde. Durch
den dünnen Stoff ihres Sommerkleides kann Solfried ihre schlanken Beine
sehen.
Tanja setzt sich ins Gras, schaut auf den Waldsaum und in den blauen Himmel
mit den vereinzelten Schäfchenwolken, schiebt die braunen Locken hinter
die Ohren und beginnt zu schreiben. Auch Hermann lässt sich soeben auf
einem Findling nieder und schlägt seine schwarze Kladde mit den roten
Ecken auf. Solfried Stein lächelt. Wirklich eifrige Autoren hat er in
seiner Gruppe.
Stefan hält immer noch zielstrebig auf das Wasserloch zu, wie magisch
angezogen. Trotz des strahlenden Sommerwetters ist er wie üblich ganz
in Schwarz gekleidet. Seine Vorliebe sind Horrorstorys. Man darf gespannt
sein, welch eine Geschichte ihm zu diesem Tümpel einfallen wird, denkt
Solfried, hockt sich auf einen Stein und zückt seinen Stift. Er hat den
Ehrgeiz, die Schreibaufgaben, die er seinen Schülern stellt, selbst ebenfalls
auszuführen.
***
Zwei Stunden
später - die Sonne berührt schon die Baumwipfel am gegenüberliegenden
Ende des Tagebaurestlochs - treffen sich die Fünf an der verabredeten
Stelle am Kraterrand wieder. Sie setzen sich ins Gras, um einander ihre Texte
vorzutragen.
"Ich fang mal an, denn mir ist nur ein kleiner Fünfzeiler eingefallen",
sagt Solfried bescheiden.
Er nimmt seinen Block und beginnt zu lesen:
TageReste
Am kargen Strand gestrandet,
Gleich Abbruchkanten bröckeln die Tage.
Bau dir einen Sinn, ehe alles,
Der Rest deines Lebens,
Im sinnlosen Loch versinkt.
"Schön", sagt Ilka.
"Sehr tiefgründig", findet Tanja.
"Schwer zugänglich", meint Stefan, "aber es hat eine wunderbare
Sprachmelodie. Allein die Häufung des Vokals a in der ersten Zeile -
ja, das hat was."
Hermann nickt. "Mir gefällt es auch gut. - Ich habe ebenfalls ein
Gedicht geschrieben ... soll ich?"
"Aber sicher, nur zu." Solfried lächelt. Natürlich hat
Hermann ein Gedicht geschrieben, was sonst?
Hermann öffnet seine schwarz-rote Kladde und trägt vor:
An die Eine
Du Schönste im ganzen Land,
die Spur deiner Füße im Sand,
dein Haar leicht vom Winde bewegt,
deine Hand zart in meine gelegt,
deine Augen leuchtend im Sonnenschein,
dein Herz und dein Mund, sie laden mich ein ...
Oh Liebste, wie gern gedenk ich jetzt noch
unsrer Stunden im Tagebaurestloch!
"Hermann,
du alter Schwerenöter", grinst Stefan.
Ilka sagt: "Ich finde es total romantisch."
"Ja", stimmt Tanja zu, "vor allem gefällt mir, dass vieles
angedeutet bleibt."
Auch Solfried macht ein zufriedenes Gesicht. "Ein schöner Text",
lobt er. "Nur zum Schluss holpert es ein wenig. An den letzten zwei Zeilen
musst du noch feilen. - Oh, das reimt sich. - Wer möchte als Nächster?"
Tanja meldet sich. "Ich bespreche gerade mit meinem vierten Schuljahr die Tierfabeln von Aesop, deshalb ... also ... hö-ömm...
Die beiden Mäuse
Vor
langer Zeit zogen einmal zwei Mäuse in einer Käserei ein. Sie huschten
in die Reifekammer, kletterten die Holzregale hinauf und nagten Löcher
in die Käselaiber. Als sie ihren Tagebau beendet hatten, sagte der Mäuserich:
Wir müssen die Löcher mit irgendwelchen Resten zustopfen,
damit der Käsemeister nichts bemerkt. Sonst wirft er uns aus der schönen
neuen Wohnung hinaus.' Die Mausefrau entgegnete: Ich halte es für
klüger, so zu tun, als sei es völlig normal, dass der Käse
Löcher hat. Dann fällt es am wenigsten auf, und niemand denkt sich
etwas dabei.' Also kamen die beiden überein, die Tagebaurestlöcher
offen zu lassen, und legten sich zum Schlafen hinter eine alte, verbeulte
Milchkanne.
Als der Käsemeister die Reifekammer betrat, sah er sofort die Löcher
im Käse und dachte: Ei, ich habe Mäuse in der Kammer. - Doch
potzblitz, welch gute Möglichkeit kommt mir da in den Sinn, um meine
Kunden zu betrügen!' Er grub noch mehr Löcher in die Laiber und
formte aus den Stücken Käsekugeln. Für die Mäuse aber,
denen er die einträgliche Geschäftsidee zu verdanken hatte, stellte
er Fallen auf.
Nun wissen wir, wie die Löcher in den Käse kommen, wie die Käsekugeln
erfunden wurden und dass nur die Mächtigen auf dieser Welt ungestraft
stehlen und betrügen dürfen.
Die Zuhörer
spenden spontanen Applaus, und Tanja strahlt.
Als nächster möchte Stefan seinen Text vorlesen. Er hält sich
den Schreibblock vor die Nase und beginnt:
Der letzte Tag
Schwarz
ragte der stählerne Koloss in den bleigrauen Morgenhimmel, starr verharrte
er auf seinen zwölf Raupenbeinen, reckte den langen Hals mit dem Schaufelrad,
groß wie ein Kirmeskarussel, als wollte er ein letztes Mal das Tagebauloch
betrachten, an dem er zwanzig Jahre unermüdlich gegraben hatte.
Marco stand mit den anderen Arbeitern vor dem Ungetüm und fühlte
sich unbehaglich. Heute sollten sie den alten Schaufelradbagger zerlegen und
entsorgen. Die Pulpitzer Braunkohleförderung war eingestellt worden,
der Transport des Baggers zu einer anderen Tagebaustelle lohnte nicht mehr.
Es war ein 260er Rheinbraun, ein verhältnismäßig kleines Modell,
unmodern geworden, nicht leistungsstark genug. Er hatte ausgedient. Nie mehr
würden seine Schaufeln ins Erdreich beißen, nie mehr würde
sein Kreischen über die Ebene schallen.
Der Sprengmeister begann, Dynamitstangen am Körper des alten Baggers
zu befestigen.
Plötzlich hörte Marco ein lautes Platschen, als würde ein dicker
Mensch sich in eine Badewanne plumpsen lassen. Erschrocken wandte er den Kopf
und sah zur nahe gelegenen Bodensenke hinüber. Hier war vor einigen Wochen
die Erde abgesackt, und das Loch hatte sich mit sumpfig dunklem Wasser gefüllt.
Den Arbeitern war der Tümpel von Anfang an unheimlich gewesen, deshalb
hatten sie ihn "Loch Ness" getauft. Jetzt traute Marco kaum seinen
Augen, als schäumende Wellen über den Rand schwappten und ein grüner,
schuppiger Schädel aus Loch Ness auftauchte, gefolgt von breiten Schultern
und riesigen Vordertatzen, die sich auf das Ufer stemmten.
"Weg hier!", schrie Marco und rannte los, auf eine Gruppe von Findlingen
zu, die der Bagger im Laufe der Zeit zu Tage gefördert hatte. Hinter
den Felsblöcken warf Marco sich auf den Boden. Er keuchte, sein Herz
wummerte, die Hände zitterten, ihm wurde schlecht. Nachdem er sein Frühstück
losgeworden war, fühlte er sich etwas besser. Er lauerte zwischen zwei
Steinen hindurch. Die Kollegen standen immer noch wie gelähmt neben dem
Schaufelradbagger und starrten auf die Erscheinung, die mittlerweile vollständig
aus dem See geklettert war und nun mit unglaublicher Geschwindigkeit auf sie
zustampfte. Das Vieh sah aus wie ein Dinosaurier, und zwar wie einer der allergrößten
Sorte. Es brüllte röhrend, packte mit dolchartigen Zähnen den
Sprengmeister und biss zu. Kopf und Rumpf des Mannes verschwanden in seinem
Maul, die blutigen Beinstümpfe klatschten auf die Erde. Marco ächzte
und hätte sich wieder übergeben, wenn sein Magen nicht schon leer
gewesen wäre.
Endlich erwachten die Kollegen aus ihrer Erstarrung. Schreiend stoben sie
auseinander und versuchten zu fliehen, aber sie hatten keine Chance, der Saurier
war zu schnell. Einen nach dem anderen erwischte er, riss ihn in Stücke,
schüttelte ihn, bis das Rückgrat brach, oder biss ihm kurzerhand
den Kopf ab. Diejenigen, die auf dem zerfurchten Boden stolperten und stürzten,
zerquetschte er mit seinen wagenradgroßen Tatzen, sodass das Blut nach
allen Seiten spritzte. Es war ein furchtbares Gemetzel. Marco wollte nicht
hinsehen, doch er konnte nicht anders. Zum Schluss blieb nur noch der kleine
Kurti übrig. Er hatte sich zwischen den Raupenketten des Fahrwerks verkrochen.
Als hätte das Monster ihn zum Nachtisch aufbewahrt, versuchte es nun,
Kurti mit den Krallen hervorzuziehen. Marco kaute auf seiner Faust und dachte:
Duck dich, Kurti, lass dich nicht erwischen!'
Doch was war das? Kurti musste die Nerven verloren haben. Plötzlich schoss
er zwischen den Raupen hervor und rannte über die Ebene auf den Werkschuppen
zu, hinter dem ein LKW parkte.
Lauf, Kurti, lauf!', dachte Marco verzweifelt. Er musste sich fest in
die Faust beißen, um nicht laut loszuschreien. Kurti schlug Haken wie
ein Hase, aber der Dinosaurier holte immer mehr auf, kam näher und näher,
jetzt hatte er ihn erreicht und fegte ihn mit einem Prankenhieb zu Boden.
Marco hörte Kurtis Todesschrei, dann musste er mit ansehen, wie das Untier
ihn in Stücke riss und verschlang.
Marco spürte sein Herz hämmern, als wollte es explodieren. Seine
Gedanken rasten. Sollte er bleiben, wo er war? Oder hatte dieses Urviech sein
Versteck längst entdeckt und würde gleich auf ihn zurasen? Sollte
er losrennen wie Kurti? Welche Chance hätte er? Er presste sich so dicht
auf den Boden, wie er nur konnte, und atmete so flach wie möglich.
Im gleichen Augenblick wandte der Dinosaurier seinen massigen Körper
dem Schaufelradbagger zu, hob den Kopf in die Höhe und stieß ein
langgezogenes Brüllen aus. Dann stampfte er zu dem Bagger zurück,
rieb zärtlich seinen dicken Schädel am Ausleger, brummte zufrieden
und rollte sich neben dem Stahlkoloss zusammen wie ein Schoßhündchen.
"Boah", seufzt Ilka, "war das gruselig!"
"Echt schaurig, du meine Güte", bestätigt Tanja und zieht
die Schultern zusammen, als würde sie frösteln.
"Aber wirklich toll gemacht", sagt Hermann. "Ein perfekter
Spannungsbogen."
Solfried nickt. "Ja, ein sehr gelungener Text, das finde ich auch."
Den durchschlagendsten
Erfolg jedoch erzielt Ilkas Geschichte. Sie handelt von "Gaia" und
davon, dass unser Planet ein lebendiger Organismus ist, der versucht, sich
selbst im Gleichgewicht zu halten.
Als hätte Gaia der Geschichte gelauscht, schwankt plötzlich der
Boden unter ihnen, ein riesiges Stück des Kraterrandes bricht ab, Erdmassen
stürzen wie eine Lawine zu Tal, reißen die fünf Autoren mit
sich in die Tiefe und begraben sie unter einem Berg aus Erde und Steinen.
Keiner von ihnen überlebt das Unglück, keinem ist es vergönnt,
das Geschehen nachträglich in Lyrik oder Prosa umzusetzen. Das Tagebaurestloch
von Pulpitz ist ihr Tor zur ewigen Dunkelheit geworden.
© Angelika Brox