Lassen sich Entwicklungen aus negativen Beziehungserfahrungen korrigieren?
In einem Beitrag in der FAZ vom 6.11.2006 S.10 „Zappelig, gewaltbereit und ängstlich“, „Die möglichen Ursachen und Vorbeugungsmaßnahmen gegen Hyperaktivität bei Kindern“ geht die Journalistin Heike Schmoll anlässlich einer Internationalen Tagung am ersten Novemberwochenende 2006 in Frankfurt/M auf neue Erkenntnisse und Forschungsergebnisse zu den Ursachen von ADHS ein.
Mit modernen bildgebenden Messverfahren an unterschiedlichen psychiatrischen Störungen habe man festgestellt, dass im Gehirn auch Beziehungserfahrungen zu Umstrukturierungen in den neuronalen Netzen und Schaltungen der Synapsen führen; und zwar bei Kindern und Erwachsenen.
Sollten sich durch therapeutische Beziehungserfahrungen, durch die das Hirn neue Strukturen aufbaut, frühere Fehlentwicklungen korrigieren lassen?
Es ist klar geworden, welche Bedeutung die Beziehungen zu den Eltern für die Entwicklung der Hirnstruktur des Kindes haben.
Therapeutische Projekte müssen deshalb die Eltern mit einbeziehen. Sie sollen zu sicherem Bindungsverhalten in berechenbarem Umgang in angenehmer Umgebung angeleitet und unterstützt werden.
Ziel ist: die Kinder sollen Vertrauen in ihre Selbststeuerung, Affektkontrolle und soziale Beziehungsfähigkeit entwickeln.
Erzieherinnen, die auch ihre Hilfe anbieten, sollen dafür eine entsprechende Weiterbildung erhalten. Das Ganze unter psychotherapeutisch fundierter Supervision.
Kinderpsychiater bezweifeln, dass die Hyperaktivität vor allem auf Störungen des Hirnstoffwechsels zurückzuführen sei. Sie halten aus ihrer Praxiserfahrung bei 75% der Kinder mit Verdacht auf ADHS eine Therapie, vor allem eine mit Medikamenten, für nicht angezeigt.
Es fehle bisher an schulenübergreifenden Vergleichsstudien zwischen psychopharmakologischen, verhaltenstherapeutischen und psychodynamischen Behandlungen von Kindern und Jugendlichen.
Am Frankfurter Sigmund-Freud-Institut für Analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie wurde unter der Leitung der Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger-Bohleber zusammen mit dem Städtischen Schulamt Frankfurt seit 2003 mit 500 Kindern in 14 Kindertagesstätten eine Präventionsstudie durchgeführt, die schon jetzt vorläufig davon ausgeht, dass es keine einheitliche Diagnose für ADHS geben könne. Hyperaktivität solle nicht primär in den als defizitär empfundenen Symptomen gesehen und behandelt , sondern in einem psychosozialen Ursachenzusammenhang wahrgenommen werden.
Die Hyperaktivität könne nämlich Ausdruck unbewältigter Traumata, besonderer Begabung, Reaktion auf eine depressive Mutter, kultureller Verschiedenheit, wie auch früherer Verwahrlosung u.s.w.sein.
Von dem Projekt erwartet man Aufschluss darüber, ob nach zweijähriger
psychoanalytischer Prävention die Anzahl der Kinder, bei denen ADHS diagnostiziert werden muss, deutlich verringert ist.
Zu dem Präventionsprojekt wird auf die Publikation „ADHS-Frühprävention statt Medikalisierung“ hrg. von M.Leuzinger-Bohleber hingewiesen.
ADHS – Frühprävention statt Medikalisierung
Theorie, Forschung, Kontroversen
Hrsg. v. Marianne Leuzinger-Bohleber, Yvonne Brandl u. Gerald Hüther
Schriften des Sigmund-Freud-Instituts, Reihe 2 Bd.4
2006. 306 S.
Verlag: VANDENHOECK & RUPRECHT
ISBN: 3525451784
Preis:
Deutschland 34,90 EUR | Österreich 35,90 EUR