So lautet ab sofort das Motto unseres – inzwischen seit zwölf Jahren bestehenden – Ferienlagerprojektes für Kinderheimkinder. Was einst ganz klein begonnen hatte, ist mittlerweile zu einer beachtlichen Kinder- und Jugendarbeit angewachsen, die Wellen schlägt. Genauer gesagt, erweisen sich unsere Kinderfreizeiten zunehmend als komplexe Lernangebote, was die zwischenmenschlichen Beziehungen angeht: Ungeahnte soziale Lernprozesse kommen hier in Gang, so dass Vorurteile – zwischen Menschen in unterschiedlichsten Lebenssituationen – allmählich abgebaut werden und festgefahrene soziale Einstellungen sich mehr und mehr ändern.
Unter oben stehender Projektbezeichnung werden unsere Kinderferienlager in den kommenden zwei Jahren weiter ausgebaut und gleichzeitig auch von der Aktion „Hoffnung für Osteuropa“ – in Kooperation mit der Evangelischen Kirchengemeinde A.B. Fogarasch – unterstützt.
Dabei geht es konkret um integrative Freizeiten für Heimkinder aus Agârbiciu und Mediaş (für behinderte und nichtbehinderte Kinder, für Romakinder und rumänische Kinder) – in Zusammenarbeit mit Schülern aus Făgăraş, und dies soll im Folgenden genauer beschrieben werden:
Einführung: Der kleine Cosmin
Mureşan Cosmin ist 10 Jahre alt. Er lebt im Kinderheim von Mediaş, wo er eine Spezialschule für lernschwache Kinder besucht und zweimal in der Woche von einer Logopädin gezielte Sprachförderung erfährt. Niemand weiß genau, was er in seiner frühen Kindheit schon Schlimmes erlebt hat, aber sein trauriger Blick spricht oft Bände. Nicht umsonst weigert er sich, zu sprechen, und möchte sich am liebsten nur durch Handzeichen und leise Laute bemerkbar machen. Er isst sehr wenig, und wenn er weint, dann ohne Ton. Er wirkt scheu und in sich gekehrt, nur selten ist die Andeutung eines Lächelns aus ihm hervorzulocken. Von seiner körperlichen und geistigen Entwicklung her erweckt er den Eindruck eines Vorschulkindes.
So lernten wir Cosmin vor zwei Jahren kennen, als wir ihn zum ersten Mal mit ins Ferienlager nahmen. Inzwischen kennen wir ihn noch von einer anderen Seite: Er liebt alles, was bunt und rund ist und leuchtet oder mit Wasser zu tun hat. Wenn er durch die Lippen pustet und die Arme in die Luft wirft, möchte er sein Lieblingsspielzeug: einen Luftballon. Zeigt er dabei auf sein grünes T-Shirt, dann wissen wir auch um den konkreten Farbwunsch. Wenn er pantomimisch einen Löffel zum Mund führt, hat er Appetit auf Früchtejoghurt. Formt er mit Daumen und Zeigefinger der einen Hand einen kleinen Kreis und zeigt mit den Fingern der anderen Hand die Zahl vier, dann bittet er um eine solche Anzahl von Bonbons. Auch das Wollefilzen macht ihm Spaß, weil er dabei im Wasser pantschen kann und die Wolle bunt ist. Er lacht jetzt sehr oft, umarmt uns freudig, springt lebhaft umher, und abends am Bett spricht er sogar: Er zählt, wenn auch unbeholfen, alle Farben seines Luftballonstraußes auf, und sagt leise hörbar: Noapte bună (Gute Nacht).
1. Ferienlager für Verständnis und Toleranz: Ein gesamtgesellschaftlicher Beitrag
Der mittlerweile 12jährige Cosmin ist einer von vielen Jungen zwischen 6 und 19 Jahren, die als Sozialwaisen in den beiden staatlichen Kinderheimen Nr. 9 und Nr. 11 in Agârbiciu und Mediaş leben. Und hinter jedem der Heimkinder, die zum Teil psychisch belastet und in ihrer gesamten Entwicklung beeinträchtigt sind, steckt eine ganz private Schicksalsgeschichte. Seit vielen Jahren führt die Dresdner Initiative Rumänien e.V. zu Ostern, im Sommer und über Silvester regelmäßig Ferienlager für Kinder- und Jugendgruppen aus beiden Heimen durch.
Erklärtes Ziel unserer Arbeit ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Auf die Ferienlager bezogen, hieße das, dass ähnliche Freizeitangebote für Heimkinder von rumänischer Seite selbst vermehrt initiiert werden sollten. Während behinderte Kinder, wie sie im Heim von Mediaş untergebracht sind, in Rumänien vielfach unter Ausschluss der Öffentlichkeit leben, haben Romakinder, die einen Großteil der Sozialwaisen ausmachen, aber auch Heimkinder an sich, einen denkbar schlechten Ruf in der Gesellschaft. Tief verwurzelte soziale Einstellungen lassen sich jedoch nicht von heute auf morgen verändern. Um neue Formen gesellschaftlicher Solidarität zu lernen und zu erfahren, bedarf es eines jahrzehntelangen Bildungsprozesses, der u. a. in Familie, Nachbarschaft, Kirchengemeinden und vor allem in den Schulen in Gang kommen muss. Aus diesem Grunde dürfte die erwünschte Selbsthilfe zunächst noch ein Fernziel darstellen. Zuerst müssten sich ganz grundlegend die gesellschaftlichen Voraussetzungen verändern. Einen Beitrag dazu kann unser Ferienlagerprojekt allerdings leisten. Und zwar dadurch, dass hier Menschen zusammengebracht werden, die vorher durch Isolation, Gleichgültigkeit und Entfremdung getrennt waren.
2. Spielend lernen: Soziale Lernerfahrungen fördern
Nicht selten z.B. verinnerlichen Kinder in Rumänien schon von klein auf eine große Abneigung gegen sog. „Zigeuner“. So tragen wir einiges zur Verständigung bei und fördern den notwendigen Dialog, wenn wir uns mit jenen unwillkommenen und benachteiligten Kindern in der Öffentlichkeit bewegen, zumal wir uns ja nicht nur mit Romakindern, sondern auch mit rumänischen Kindern in Ortschaften und Gästehäusern der ungarischen und deutschen Minderheit aufhalten, was für Spannungen sorgen kann. Es stimmt uns aber zuversichtlich, dass die Begegnungen mit den Heimkindern keineswegs bloß Unverständnis hervorrufen, sondern etliche Menschen interessiert nachfragen oder den Kindern gar kleine Geschenke machen. Auf diese Weise kommen viele rumänische Bürger – sei es unterwegs auf Bahnhöfen, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, in Restaurants, Geschäften, sei es auf Rummelplätzen, in Museen, im Zoo oder am Ort des Ferienlagers selbst – mit uns und den Kindern ins Gespräch und ins Nachdenken.
Schön wäre es also, wenn unsere Ferienlager einen kleinen Teil mit dazu beitragen könnten, in der rumänischen Öffentlichkeit ein kritisches Problembewusstsein zu schaffen über die Situation der Kinder und Jugendlichen in Heimen, aus Roma-Familien und/oder mit Behinderung, und wenn Menschen dadurch zu sozialem Einsatz für die Heimkinder bzw. entsprechende soziale Randgruppen bewegt würden.
Da es sich bei unserem Projekt stets um integrative Ferienlager handelt, werden auch unter den Heimkindern selbst soziale Schranken überwunden, und es entstehen Freundschaften zwischen schwachen Kindern aus Mediasch und Kindern, die in Arbegen die normale Schule besuchen können. Das alles ist möglich, weil die Kinder abseits der Kinderheimhierarchie, wo das Recht des Stärkeren und Älteren gilt, viel entspannter aufeinander zugehen können und weil sie von uns auch einen anderen Umgang miteinander lernen. So nehmen die Kinder wahr, wie wir mit Behinderten umgehen, was nicht ohne Wirkung auf ihr eigenes Verhalten bleibt.
3. Ein Projekt, das Lebenswelten verbindet: Die Zielgruppe(n)
Wenn unsere Kinderfreizeiten für Sozialwaisen folglich dazu verhelfen, soziale Sensibilität, Verständnis und Toleranz zu stärken, dann ist es ratsam, die damit verbundenen Möglichkeiten bewusst auszubauen. Das bedeutet, wir werden von nun an rumänische Jugendliche als Helfer mit einbeziehen. Einerseits kann so ein Weg eröffnet werden, der letztlich dahin führt, dass die Heimkinder eines Tages nicht mehr auf ausländische Hilfe angewiesen sind; andrerseits dürfte dadurch bei den Jugendlichen auch etwas gestärkt werden, was für die Zukunft des Sozialen und damit für die Zukunft der modernen Gesellschaft in Rumänien bedeutsam ist, zumal dann, wenn die Jugendlichen als Multiplikatoren in ihrer Familie, Nachbarschaft, Kirchengemeinde und Heimatstadt fungieren.
Dabei ist eine Begleitung in Form von Vorbereitung und kritischer Reflexion notwendig. Darin liegt die Herausforderung für uns. So wird es – neben der Mitwirkung an den Kinderfreizeiten selbst – für die rumänischen Schüler, die konkret aus der Evangelischen Kirchengemeinde A.B. Fogarasch kommen, diverse Vorbereitungsseminare mit einem gesellschaftspolitischen Themenschwerpunkt geben, um sie für die persönlichen Begegnungen und den Umgang mit Menschen „am Rand der Gesellschaft“ zu sensibilisieren. Außerdem werden sich an jedes Ferienlager entsprechende Auswertungsveranstaltungen zur Reflexion der neuen Erfahrungen der Jugendlichen anschließen. Ideal wäre die weitere Aufrechterhaltung der Kontakte zwischen den Heimkindern und den jugendlichen Teilnehmern, etwa durch regelmäßigen Briefwechsel oder den Besuch der Kinderheime.
Fazit:
(1) Bislang waren es ausschließlich junge Menschen aus Deutschland, speziell aus Dresden und Umgebung, die persönliche Beziehungen zu unseren Heimkindern aufbauten und durch die Wahrnehmung der besonderen Lebenssituation von Sozialwaisen in Rumänien ihren eigenen Lebenshorizont erweiterten.
(2) Neu und zukunftsweisend ist nun allerdings der Ansatz, die bisherige Mitarbeit sächsischer Schüler, Studenten und junger Erwachsener am Ferienlagerprojekt gleichsam nach Rumänien hinein zu verlängern und Jugendliche aus Făgăraş zu beteiligen, zu deren Gemeinde das Kinder- und Jugendzentrum in Seliştat/Seligstadt gehört, in welchem unsere Kinderfreizeiten schon seit Jahren gern gesehen sind.
(3) Zum andern geht es um das Miteinander der Kinder aus zwei verschiedenen Heimen und damit um die Integration von behinderten und nichtbehinderten, von Roma- und rumänischen Kindern.
(4) Ferner zielt unser Projekt darauf ab, das Verständnis, die Sympathie und möglicherweise das soziale Engagement derjenigen zu gewinnen, die in der Lebenswelt, der Umgebung und im Bezugsfeld der Heimkinder leben. Gemeint sind u. a. die Nachbarschaft der beiden Kinderheime, die Dorfbewohner des Ferienlagerortes, die Menschen, mit denen wir auf Ausflügen – vom Ferienlager aus – in diversen Städten und Ortschaften in Kontakt kommen, und nicht zuletzt das Personal in den Kinderheimen selbst.
(5) Schließlich kann es auf den Kinderfreizeiten zu einem wertvollen Austausch zwischen den teilnehmenden deutschen (Dresdner) und rumänischen (Fogarascher) Jugendlichen kommen, d.h. zwischen jungen Menschen aus Ost- und Westeuropa.