Förderung von Kindern und Jugendlichen
mit autistischem Verhalten

Bausteine eines Konzeptes

Ich selbst

Verarbeiten will ich das
Einreißen will ich meine Mauer
Doch nicht zu Schnell
Das Schmerzt

Gebt mir Zeit
Jeder Stein der Fällt bereitet Schmerzen und bedeutet neues
Bewusstsein
Panik bekomme ich dabei
Suche den Halt
Gebt Ihn mir

Alleine Schaffe ich es nicht
Die Lüge um mich Herum ist meine Mauer
Ich will diesen Druck der Mauer nicht mehr
Anpassen müssen sich andere
Nicht Ich

Ich bin eine Marionette des Lebens
Sie Steuert sich selbst
Aber Falsch
Das geht jetzt nicht mehr
Er ist er selbst

Er beginnt von vorne
Keine Marionette mehr
Ich selbst bin das.

© Wolfgang, August 2000

Vorbemerkung

Diese Konzeptbausteine bündeln die langjährigen Erfahrungen, Überlegungen und  praktizierten Fördermöglichkeiten von Kolleginnen und Kollegen der Arbeit mit autistischen Kindern und Jugendlichen an der Regenbogenschule. Sie können und sollten aktualisiert und ergänzt werden.

Gleichzeitig stellen sie den Versuch dar, Hilfe und Unterstützung für die  Klassenteams bereit zu stellen, in denen autistische SchülerInnen gefördert werden.

1   Kinder und Jugendliche mit autistischem Verhalten

Da, wo wir Kindern und Jugendlichen mit autistischem Verhalten begegnen, bleiben wir nicht unberührt.

Die Bandbreite der Eindrücke reicht von erstauntem Befremden über Faszination an der „unbekannten Welt“ bis hin zu Verunsicherung und Befangenheit. So unterschiedlich die Eindrücke und Erlebnisse auch sein mögen, deutlich spüren wir unsere eigenen Grenzen und häufig auch unser Unvermögen, in der uns gewohnten Art und Weise „Mauern einzureißen“ und zu dem „Ich selbst“ der Kinder und Jugendlichen mit Autismus Kontakt aufzunehmen.

Wesentlich für ein weitergehendes Verständnis und eine bejahende, verständnisvolle Grundhaltung gegenüber Kindern mit dieser Behinderung sind Informationen und Grundkenntnisse über Ursachen, Erscheinungsformen und Auswirkungen autistischen Verhaltens. Dieses Wissen kann hilfreich sein, um einen Zugang zu der Welt autistischer Kinder zu finden.

2   Die autistische Störung

einer sieht alles durcheinander

sieht auch alle heutigen gegenstaende aus der

figurmacherart geraten

sachen dehnen sich

und werden wieder astrein wahnsinnig winzig“,

Birger Sellin, 1995

Der autistischen Störung und dem verwandten Asperger-Syndrom liegt eine Wahrnehmungsverarbeitungsstörung zugrunde, die eine tiefgreifende Entwicklungsstörung verursacht.

Im Vergleich zu Entwicklungsverzögerungen, bei denen quantitative Beeinträchtigungen ausschlaggebend sind, verläuft die Entwicklung autistischer Kinder qualitativ anders.

„Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen haben sich mit der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung von Menschen mit Autismus beschäftigt und typische Muster von Stärken und Schwierigkeiten im Bereich der kognitiven Prozesse gefunden, die sich auf die Betreffenden auswirken, sich mit der Welt auseinander zu setzen, zu lernen...“( A. Häußler 2000).

Bedingt durch diese Besonderheiten in der kognitiven Verarbeitung ergeben sich für Menschen mit autistischer Störung Schwierigkeiten in der Kommunikation, im Sozialverhalten, in der Fähigkeit, Gelerntes auf neue Situationen zu übertragen und in der Fähigkeit, sich in die Vorstellungswelt anderer Menschen hineinzuversetzen. Menschen mit Autismus sind daher weder nur körperlich, noch nur geistig oder seelisch behindert, sondern grundsätzlich mehrfachbehindert (vgl. Bundesverband „hilfe für das autistische kind“, www.autismus.de).

Nach heutigem Wissensstand ist Autismus nicht heilbar, aber durch langfristige Behandlungs- und Fördermaßnahmen günstig zu beeinflussen. Dies belegen die persönlichen Erfahrungsberichte von Menschen mit Autismus, die ihr Leben z.T. erfolgreich meistern (z.B. S. Schäfer 1997).

Ausprägung und Intensität des autistischen Verhaltens sind sehr unterschiedlich und somit sind autistische Behinderungsbilder sehr individuell.

Man spricht gegenwärtig vom „Autistischen Spektrum“, das alle Formen autistischer Behinderungen (Kanner-Syndrom, Asperger-Sndrom, autistische Störung, autistische Züge) umfasst und zugleich deutlich macht, dass bei aller Unterschiedlichkeit Kinder und Jugendliche mit Autismus unter denselben Beeinträchtigungen leiden unabhängig davon, ob sie in ihrer geistigen Entwicklung schwer beeinträchtigt oder hochbegabt sind.

Weitere differenzierte Ausführungen zum Störungsbild können in dem Ordner „Autismus“ nachgelesen erden (Einführungsbericht zur autistischen Behinderung von B. Schnermann).

3   Grundsätzliche Überlegungen zur Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Autismus

„Auf Grund ihrer veränderten Entwicklungs- und Lerngegebenheiten bedürfen Kinder und Jugendliche mit autistischem Verhalten im Unterricht besonderer pädagogischer Unterstützung. Unterricht wird dem besonderer Förderbedarf entsprechend eigens bestimmt und angepasst.“

Diese Neuorientierung in der sonderpädagogischen Förderung wird in den „Empfehlungen zur schulischen Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Autismus“ der Kultusministerkonferenz ( KMK-Empfehlungen 2000, S.3) formuliert.

„Diese geht vom einzelnen Kind und seinen individuellen Förderbedürfnissen aus und nicht von den vorhandenen Institutionen oder Organisationsformen und ihren Möglichkeiten“ (F. Rumpler, 2002).

Ziel ist es, für jedes Kind mit Autismus die Lern- und Lebenssituation so zu gestalten, das sie ihm die größtmögliche Selbständigkeit und Entfaltungsmöglichkeit in der für ihn sonst so verwirrenden Welt bietet.

„Wenn Vater mir die Haare schneidet, dreh’ ich immer noch durch, und die Aktion endet mit einem handfesten Krach. Es ist, als wenn lauter Nadeln in den Kopf pieksen und als ob innen alles revoltiert gegen den gewaltsamen eingriff.“ Dietmar Zöller,1992

Wichtige Bedingung ist neben den speziell abgestimmten Rahmenbedingungen die verständnisvolle Begleitung durch geschultes kompetentes Personal. „Kinder und Jugendliche mit autistischem Verhalten benötigen Menschen, die ihre individuellen Ausdrucksformen verstehen und die durch die Vermittlung von geeigneten Kommunikationsformen und durch angemessenen Umgang vertrauensvolle Beziehungen zu ihnen aufnehmen können. Dabei sind für die Bezugspersonen Kenntnisse über Ursachen, Erscheinungsformen und Auswirkungen des Autismus notwendig. Die Bezugspersonen zeigen den Kindern und Jugendlichen den Weg in die Umwelt und zu Menschen und Dingen auf und begleiten sie dabei. Von den Bezugspersonen ist daher auch bei scheinbarer Unnahbarkeit und aggressivem Verhalten, bei Distanzlosigkeit und gesteigertem Bewegungsdrang immer die Bereitschaft zur Zuwendung gefordert.“ (KMK-Empfehlungen 2000, S.4).

Dass diese komplexen Aufgabenbereiche nur in einem unterstützenden und verständnisvollem Umfeld sowohl für die Besonderheiten der SchülerInnen mit Autismus als auch für die sich daraus ergebenden umfassenden Anforderungen an deren LehrerInnen, BetreuerInnen und TherapeutInnen umgesetzt werden können, ist verständlich.

Die schulformunabhängig formulierten Empfehlungen beschreiben einen Förderschwerpunkt, der Chance und Herausforderung in einem bietet: neue passende Konzepte zu entwickeln und sie in der Zusammenarbeit mit verschiedener Institutionen und Organisationen ( Fachverbände, Autismusambulanzen, schulformübergreifende Arbeitskreise,...) wirksam umsetzen.

Wie diese Leitlinien in Münsters Schulen realisiert werden können, stellt eine spannende Herausforderung dar, die in einem schulformübergreifenden Arbeitskreis zu erarbeiten wäre.

Fort- und Weiterbildung aller an der Förderung Beteiligten sowie Kontakt und Austausch in einem tragfähigen Netzwerk stellen wichtige Bausteine dar.

4   Förderung autistischer SchülerInnen an der Regenbogenschule

- ein mögliches Konzept -

Ich will kein Inmich mehr sein“, Birger Sellin, 1995

Einer der möglichen Förderorte für SchülerInnen mit Autismus war und ist die Regenbogenschule, Westf. Förderschule mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung in Münster.

Zur Zeit besuchen acht SchülerInnen mit autistischem Verhalten unsere Schule, die in verschiedene Klassenverbände integriert sind. Gezielte Einzelförderung und ggf. Unterstützung durch einen Schulbegleiter sind dabei erfolgreiche Fördermaßnahmen, die in jedem Einzelfall individuell abgestimmt werden.

Als Förderschule mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung liegt unser Schwerpunkt in der Förderung von Kindern und Jugendlichen, die neben ihrem autistischem Verhalten deutliche Beeinträchtigungen im Bereich der Motorik haben.

Da unsere Schule größtenteils von SchülerInnen besucht wird, die nach den Richtlinien der Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Lernen oder denen der Förderschule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung unterrichtet werden, bietet sich die Regenbogenschule als Förderort für Kinder mit Autismus an, bei denen neben ihren motorischen Einschränkungen der Förderbedarf im kognitiven Bereich noch nicht eindeutig diagnostizierbar zwischen Lernbehinderung und geistiger Behinderung liegt.

Grundlagen der gezielten sonderpädagogischen Förderung an der Regenbogenschule sind Kenntnisse und Wissen über

-    Ursachen, Erscheinungsformen und Auswirkungen des autistischen Verhaltens

-    Wichtige Elemente der Förderung autistischer SchülerInnen (Methoden, Strukturen, geeignete Kommunikationsformen und Rahmenbedingungen)

-    Kenntnisse über außerschulische Beratungs- und Förderangebote

Kollegiale Unterstützung und Beratung kann bei der Umsetzung dieser Grundlagen und Anforderungen an die Gestaltung von Unterricht, Erziehung und Förderung bei den immer komplexer und vielschichtiger werdenden Aufgabenbereichen sonderpädagogischer Förderung hilfreich und entlastend sein.

Denn der spezielle pädagogische Förderbedarf von SchülerInnen mit autistischem Verhalten stellt besondere Anforderungen an die an der Förderung Beteiligten (siehe oben).

Denkbar für unsere Schule wäre die

Einrichtung eines Beratungsangebotes für die Förderung autistischer SchülerInnen, das bedarfsorientiert den entsprechenden KollegInnen zur Verfügung steht

-    im Rahmen eines VO-SF

-    bei Schuleintritt und Klassen- und Lerngruppenwechsel

§   Info über Störungs- und Behinderungsbild

§   Sich daraus ergebende Konsequenzen über Förderung und Unterricht

§   Therapeutische und diagnostische Möglichkeiten

§   Besondere Situation der betroffenen Familien und Aspekte der Elternarbeit

§   Spannungsfelder Einzelförderung – Klassenunterricht / individuelle Situation – Klassengemeinschaft

§   Wichtige Aspekte bei z.B. Klassenfahrten, Schulfesten,...

§   Spezielle Herausforderungen in der Oberstufe (Pubertät, äußere Differenzierung in Lerngruppen, AGs und Projekten, Praktika, nachschulische Möglichkeiten)

§   Hilfe bei der Erarbeitung von Lösungsmöglichkeiten in Konfliktsituationen

Begleitend dazu sollte

Kontakt und Austausch

-    mit den Autismusambulanzen

-    den Schulbegleitern (Einführung zu Beginn, regelmäßiger Austausch)

-    möglichen nachschulischen Einrichtungen (Werkstätten, Wohnheimen,...)

-    anderen Schulen bzw. Förderorten

-    im Rahmen von Fort- und Weiterbildung

gepflegt und intensiviert werden.

5      Bausteine des Beratungsangebotes

Die nachfolgenden Inhalte werden so dokumentiert, dass sie als mögliche Beratungs- und Gesprächsgrundlagen dienen können und jederzeit ergänzbar und aktualisierbar sind.

5.1   Informationen über Störungs- und Behinderungsbild

siehe hierzu die Ausführungen unter Kap. 2

5.2   Methodische Schwerpunkte des TEACCH-Konzeptes

Eine inzwischen bewährte Methode zu Strukturierung ist das TEACCH-Konzept.

Es nutzt vorwiegend die visuelle Wahrnehmungsebene, weil diese den Autisten in der Regel gut zugänglich ist.

Die Strukturierung ermöglicht dem autistischen Kind eine bessere Überschaubarkeit und Vorhersehbarkeit dessen, was geschieht. Es ist Hilfe zum Verstehen.