aus: Der Feuerwehrmann 9/1998

In NRW tut sich was - auch in der Feuerwehrseelsorge!

Gelegentlich kann es noch einmal vorkommen, daß man gefragt wird: Feuerwehrseelsorge? Aber Gott sei Dank nur noch selten.
Seit dem Florianstag 1996 in Düsseldorf, nach zwei tödlichen Einsatzunfällen, dem großen Flughafenbrand und dem Vortrag des niedersächsischen "Feuerwehrpastors" Frank Waterstraat aus Hameln mit dem Thema "Bewältigung belastender Einsatzerfahrungen" hat sich der Innenminister unseres Landes und auch der LFV NRW intensiv mit dieser Aufgabe befaßt.
Es wurde ein Strukturierungspapier erarbeitet und mit vielen Gremien wie IM-NRW, Kirchen, Notfallseelsorgeorganisationen u.a. besprochen. 
Der Inhalt dieses Papiers dürfte über die BBM-, KBM- und KFV-/StFV-Ebene allen Wehrführern bekannt geworden sein. 
Weiter wurde noch vor kurzem eine Handreichung "Notfallseelsorge" auf dem gleichen Weg den Leitern der Feuerwehren zugeleitet.
Über die grundsätzliche Notwendigkeit der Feuerwehrseelsorge besteht sicherlich kein Zweifel mehr. Auch dem letzten kritischen Wehrführer dürfte nach den diversen Erörterungen der letzten Zeit bewußt geworden sein, daß die "Feuerwehrseelsorge" ein Teil seines gesetzlichen Auftrages ist, nämlich eine Feuerwehr zu führen.

Wenn dieses danach eindeutig Sache des Leiters der Feuerwehr ist, was will dann noch der Landesfeuerwehrverband? 
Unsere Nachforschungen und Abfragen haben erkennen lassen, daß es in vielen Feuerwehren NRW bereits erkannt ist, wie wichtig diese Aufgabe ist. Eine Vielzahl von Aktivitäten auf diesem Gebiet funktionieren bereits. 
Mancherorts sind es komplette Notfallseelsorgeeinrichtungen, in die die Feuerwehrseelsorge eingebunden ist. An anderer Stelle sind es Seelsorger verschiedener Konfessionen, die oft im ökumenischen Sinne speziell in der Hilfe für die Helfer tätig sind. 
Alle diese funktionierenden Systeme sollen keinesfalls umgekrempelt werden! Vielmehr wollen wir anregen, die Dinge zu vereinheitlichen und anderen Feuerwehren die Möglichkeit der Umsetzung aufzeigen bzw. sie hierzu motivieren.

Wichtig ist es auch, eine rechtliche Grundlage für die Arbeit zu schaffen.
Um die "Feuerwehrseelsorge" zu verwirklichen, ist es nicht erforderlich, eine andere oder weitere Organisationsform zu bilden, sie kann nach unseren Vorstellungen problemlos in unsere bestehende Struktur eingebunden werden.
Eingebettet ist die von uns angestrebte Arbeit in den Dienstbetrieb der jeweiligen örtlichen Feuerwehr. 

Aus vielen Aktivitäten in vielen Bundesländern und Organisationen haben wir versucht, ein praktikables Modell für NRW zu entwickeln.
Der eine oder andere mag sich vordergründig an der Überschrift "Seelsorge" stoßen, weil er es sofort mit "Kirche" in Verbindung bringt und da hält man lieber Distanz. Seelsorge ist und bleibt Sache der Kirchen. Was aber hier angesprochen ist, hat Pastor Waterstraat so bezeichnet:

Das Wort, das Dir hilft, kannst Du Dir nicht selber sagen!

Und bestimmt hat fast ein jeder von uns diesen Augenblick erlebt, in dem er trotz allen Einsatzes keine Hilfe mehr bringen konnte. Dieses betrifft den Feuerwehrmann/die Feuerwehrfrau im direkten Einsatzgeschehen ebenso, wie den Einsatzleiter, der noch lange die Frage verfolgt, ob seine Entscheidung gerade so in dieser Situation die richtige war.

Wem hier Zweifel kommen, wer hier seine eigenen Grenzen spürt, das ist kein "Weichei", hier ist HILFE erforderlich!
Am ausgeprägtesten sind diese Probleme im Rettungsdienst. Hier wird von seiten der Kirchen ein flächendeckendes Notfallseelsorgesystem angestrebt, was sicherlich wichtig und gut ist, z.T. aber noch nicht das Stadium konkreter Planung erreicht hat. Dieses ist dem Grunde nach auf den akuten Notfall abgestimmt. "Feuerwehrseelsorge" soll aber nach unseren Vorstellungen bereits den Helfenden vorbereiten, begleiten und nachher betreuen. Das hat uns zu der Überlegung gebracht, daß dem Begriff "Feuerwehrseelsorge" der Vorzug vor sonstigen anderen Bezeichnungen zu geben ist, zumal andere Titel wie "Betreuung", "Menschenführung" u.a. bereits anderweitig besetzt sind.
Aus statistischen Erhebungen wissen wir, daß rd. 95 % der Rettungsdiensteinsätze in NRW von Feuerwehren gefahren werden. In den übrigen Fällen ist fast immer die Feuerwehr zu technischen Hilfeleistungen vor Ort. Durch die Einbindung in die örtliche Feuerwehr ist durch den Feuerwehrseelsorger sichergestellt, daß der Notfallseelsorger problemlos bei allen Einsätzen zur Verfügung steht. 

Nach Rücksprache mit dem Innenministerium NRW wird es in Zukunft möglich sein, daß der Leiter der Feuerwehr den Seelsorger als "Fachberater Seelsorger" in die örtliche Feuerwehr aufnimmt. Viele Pfarrer beider Konfessionen haben bereits ihren ordentlichen Eintritt in die örtliche aktive Feuerwehr vollzogen und Grundlehrgang und mehr absolviert. Dieses ist hervorragend und nur zu begrüßen. Es wird nun aber auch die Möglichkeit der Tätigkeit "Fachberater Seelsorger" geboten. Hier regelt der Wehrführer Aufgaben und Dienstpflichten gemäß LVO.
Wie stellen wir uns den "Fachberater Seelsorger" in der Feuerwehr vor?
Der Fachberater Seelsorger bereitet sich durch regelmäßige Kontakte zu den Einheiten bei Ausbildung und Einsätzen auf seine Tätigkeit vor. Der Fachberater Seelsorger kann folgende Aufgaben übernehmen: 

  • Mitarbeit und Mitwirkung bei der Aus- und Weiterbildung im Fach Berufsethik / ethisches Bewußtsein bei Feuerwehren, 
  • Beratung der Führungskräfte bei Planung, Übung und Einsatz in Bezug auf Fürsorge für Einsatzkräfte und Geschädigte, 
  • seelsorgerische Betreuung der Einsatzkräfte vor, während und nach belastenden Einsätzen, 
  • Vermittlung von Kontakten zu Fachkräften, die die Betreuung der Einsatzkräfte nach besonders belastenden Einsätzen übernehmen können, 
  • Unterstützung der Feuerwehrleute und ihren Angehörigen bei persönlichen Problemen, 
  • seelsorgerische Betreuung von Geschädigten und ihren Angehörigen. 
Hieraus ergibt sich ein Anforderungsprofil für den "Fachberater Seelsorge":
  • Anerkannte Seelsorgeausbildung 
  • Einsatzerfahrung (Praktikum in Einsatzbegleitung und / oder Grundausbildung Feuerwehr) 
  • Bereitschaft zur seelsorgerischen Betreuung des Einsatzpersonals 
  • Bereitschaft zur planmäßigen Mitarbeit (Mitwirkung in Rufbereitschaft) 
  • Bereitschaft zur eigenen Aus- und Fortbildung (Fachberater Seelsorger) 
  • Bereitschaft zur Mitgliedschaft in einer Feuerwehr (Fachberater LVO) 


Viele Feuerwehren haben uns bereits tätige Seelsorger beider Konfessionen benannt. Wir glauben, daß noch mehr Aktivitäten im ganzen Bereich NRW bereits bestehen. Sicherlich werden die vorstehenden Ausführungen weiter zu Vorwärtsdiskussionen anregen.

Wir haben auch schon ein Grobkonzept für einen Fachlehrgang "Fachberater Seelsorger" entworfen. Ihr seht, es bewegt sich etwas in NRW.

Ganz wichtig ist es aber, beim Vorwärtsschreiten gelegentlich innezuhalten und rückblickend und vorausschauend die Richtung zu überprüfen. Genau dieses haben wir vor! 

Der Landesfeuerwehrverband lädt alle schon genannten, alle bereits tätigen, aber auch alle interessierten Seelsorger ein zu einem "Fachberatergespräch".

Es wird am Freitag, den 30.10.1998, ab 12.00 Uhr, im Feuerwehrerholungsheim in Bergneustadt, stattfinden.

Hier sollen dann unsere Vorschläge diskutiert und ggf. konkretisiert werden. Macht diesen Termin bitte schon jetzt bei euren Seelsorgern bekannt. Wir wissen alle, wie schwierig es ist, einen gemeinsamen Termin zu finden. Weitere Einladungen mit Programm werden folgen. Dieses ist unsere Bewegung von der Basis aus und man spürt, hier ist Leben.
Der LFV NRW hat aber auch den Weg von oben angestoßen. Das Land, IM-NRW hat zugesagt, die Feuerwehren hierbei zu unterstützen. 
Auch die Kirchen, das Kommissariat der Bischöfe in NRW für die fünf Kath. Bistümer, die Ev. Kirche im Rheinland, die Ev. Landeskirche Westfalen und die Ev. Lippische Landeskirche haben der Landesregierung und dem LFV zu erkennen gegeben, daß sie die Wichtigkeit dieser Aufgabe der Feuerwehrseelsorge erkannt haben und teilweise bereits aktiv sind bzw. aktiv werden wollen. (Am 24.4.1998 hat die Lippische Landeskirche gemeldet, daß dort die Notfallseelsorge steht! Herzlichen Glückwunsch!) 
So ist es jetzt an uns, die Feuerwehren an der Basis zu formieren und die übergeordneten Ebenen an ihre Pflichten zu erinnern. 

BBM a.D. Siegfried Elkendorf


 
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