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Liebe Leserin, lieber Leser!
Nachstehend finden Sie die wichtigsten Informationen aus dem Info-Brief 1 von MUT e.V. aus März 1999.
Wir haben nicht den gesamten Inhalt wiedergegeben, Dinge, die heute nicht mehr aktuell sind, haben wir weggelassen.
Die Artikel wurden in einer besonderen Text-Datei zusammengefasst, das Layout dieser Datei entspricht natürlich nicht dem Layout des
Originals.
Archiv
Info-Brief 1
März 1999
In diesem Heft
Grußwort der Stadt Münster Bürgermeisterin Marie-Theres Kastner
Über MUT - der Verein heute Ute Wülfing Die Selbsthilfe heute Gritli Dieckmann
Warum brauchen Frauen und Männer MUT im Kampf gegen Brustkrebs? Ute Wülfing
Klassische und ganzheitliche Therapien Im Rahmen der Krankengymnastik Michael Seidel u. Mitarbeiter
Buchauszug und Literaturtipps
Aktuelles
Grußworte der Stadt Münster Bürgermeisterin Marie-Theres Kastner
Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich gratuliere Ihnen zur Gründung der Vereinigung ,MUT‘ - Frauen und Männer im Kampf gegen
Brustkrebs. Als offizielle Vertreterin der Stadt Münster möchte ich Sie alle ganz herzlich begrüßen und durch meine Gegenwart demonstrieren, dass die Stadt Münster voll hinter Ihrer Idee steht. Ein weiterer Beweis
der städtischen Solidarität ist die Übernahme der Schirmherrschaft dieser Veranstaltung durch die Oberbürgermeisterin Frau Tüns.
„Ich hoffe, dass keine Brustoperationen mehr nötig sind, wenn meine Tochter erwachsen ist.“ Dieser Hoffnung, der Frau Dr. Susan
Love Ausdruck gegeben hat, und die auf der Vorderseite eines Faltblattes von „WirAlle“ Frauen gegen Brustkrebs e.V. in Köln steht, möchte auch ich mich gerne anschließen. Diese Worte kann ich als Frau und als
Mutter von drei Töchtern nur unterstreichen Wir alle wissen aber, dass bis dahin noch einiges geschehen muss
Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung, die wir in diesem Land bei Frauen kennen. Eine Krankheit, die oft nicht nur bei den
Betroffenen Ängste und Verzweiflung auslöst. Die Diagnose Brustkrebs bedeutet in vielen Fällen nicht nur den Umgang mit der Krankheit in der akuten Phase bis zur Heilung. Der operative Eingriff hat zur Folge, dass
viele der betroffenen Frauen - wenn sie ihren Körper betrachten - lebenslang an ihre Krankheit erinnert werden, Zudem bleiben die Ängste, ob oder wann die Krankheit wieder ausbricht- Die Diagnose Krebs greift in
alle Bereiche des eigenen - aber auch des Zusammenlebens ein. Es müssen - meist in kurzer Zeit - lebenswichtige Entscheidungen gefällt werden. Beispielsweise darüber, wie die Krankheit behandelt werden soll und
kann. Wenn es um solch elementare Entscheidungen geht, sind Aufklärung, Information und Enttabuisierung die wichtigsten Faktoren einer Hilfestellung-
Die Gründung dieser autonomen Münsteraner Gruppe ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg einer gezielten Hilfe. Sie gehören in
Deutschland mit zu den ersten Selbsthilfegruppen zum Thema Brustkrebs, die nach dem Prinzip der Zusammenarbeit von Betroffenen, Nichtbetroffenen und Fachleuten aktiv werden. In einem breiten Spektrum finden sich bei
MUT Frauen und Fachleute verschiedener, breitgestreuter Professionen zusammen. Ich freue mich sehr, dass die Zusammensetzung der elf Gründungsmitglieder bereits diese Vielfalt widerspiegelt.
Sie haben sich im Gegensatz zu anderen Gruppen entschlossen, auch Männer in Ihre Arbeit mit einzubeziehen. Ich denke, das ist wichtig.
Brustkrebs berührt in einem oftmals ungeahnten Maße das ganze soziale und familiäre Umfeld. Körper und Seele sind betroffen - sowohl der erkrankten, wie aller Menschen, die ihnen nahe stehen, Oft - viel zu oft -
muss man hören, dass gerade Männer mit dieser Erkrankung ihrer Frauen nicht fertig werden. Dabei ist es so unbedingt notwendig, dass sie ihren Frauen Unterstützung leisten.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, eigentlich ist es erstaunlich, dass es bei ca. 43.000 gemeldeten jährlichen Neuerkrankungen so
lange bis zur Gründung so einer Gruppe gedauert hat. Ich freue mich sehr, dass parallel zur Gruppe ,,WirAlle“ in Köln - deren Namen die Münsteraner Gruppe für einen kurzen Zeitraum getragen hat - sich im März
auch in Münster Menschen gefunden haben, die eine Vorreiterrolle übernehmen. Menschen, die bereit sind, ihre Zeit miteinander dafür einzusetzen, um ein breites Fundament zu schaffen, auf dem die verschiedenen Seiten
ihre Bedürfnisse, Erwartungen und ihr Wissen austauschen. In unserer Stadt haben wir im Laufe der Jahre gute Erfahrungen mit Selbsthilfegruppen zu einer Vielzahl von Themen gemacht. So wünsche ich auch Ihnen, dass
Ihre Basis immer breiter wird und dass Sie nach kurzer Zeit ähnlich erfolgreich werden. Damit verbinde ich die Hoffnung, dass Ihr Angebot auch bei den Gynäkologen auf großes Interesse stößt.
Die Stadt hat sich Ihnen mit der ersten Starthilfe der Siverdesstiftung hilfreich zur Seite gestellt. Ich wünsche Ihnen, dass sich
viele Menschen ebenso angesprochen fühlen und ihre Arbeit durch Sponsoring auch finanziell unterstützen.
Es gibt einen Spruch: ,,Wissen ist Macht“. Ich denke, dass der Verein MUT das Thema ,,Wissen“ anders definieren möchte. Sie
wollen Wissen vermitteln das in erster Linie Ängste nimmt. Wissen, das stark macht sich nicht in sein Schicksal zu ergeben, sondern es mitzubestimmen. Wissen, das im kooperativen Austausch gemeinsam mit den
Fachleuten und der Familie hilft, die Krankheit zu durchleben, durchzustehen und zu meistern.
Ich bin ganz sicher, dass von dieser Veranstaltung heute Impulse ausgehen. Münster hat ein großes Einzugsgebiet und somit werden viele
Frauen im wahrsten Sinne des Wortes aus dieser Gründung ,,MUT“ schöpfen. ,,MUT“ wenn sie spüren, dass sie nicht allein den Kampf gegen diese Krankheit führen müssen.
Zum Schluss möchte ich den Menschen danken, die die Impulse gegeben haben, dass dieses Projekt auf den Weg gehen kann. Ich spreche aus
eigener Erfahrung und weiß, wie viel Zeit und Kraft ehrenamtliches Engagement erfordert. Deshalb wünsche ich Ihnen vor allem Kraft und Durchhaltevermögen - der Erfolg wird dann sicher sein. Danke.
Anfang
Über MUT - der Verein heute Ute Wülfing
Nach Abschluss der ersten Staffel von Vorträgen kommt nun die erste Nummer des Info-Brief. Spät, könnte man sagen - denn er sollte
vierteljährlich erscheinen; früh, könnte man sagen, denn es fehlen immer noch ReferentInnen-Beiträge. Also erhalten Sie jetzt das, was bereits eingetroffen ist, was wir nachliefern können, kommt in die nächste
Ausgabe.
Das vergangene Jahr hat, von kräftigen Geburtswehen begleitet, manche Früchte für den Verein gebracht. Zu Beginn entstanden die
Selbsthilfegruppen, die inzwischen völlig selbständig der MIKS angeschlossen wurden und dabei weiterhin eng mit dem Verein verbunden sind. Dazu ein eigener Bericht von Gritli Dieckmann in diesem Heft.
Nach unserer öffentlichen Präsentation im Mai gab es soviel Zuspruch und Interesse, dass wir problemlos eine Reihe interessanter
Referentlnnen einladen konnten. Sinn und Unsinn der Vorsorge, seelische Belastung und Krankheitsverarbeitung, Risiken von Silikonprothesen, ganzheitliche Schmerztherapie, Rehabilitation bei
gynäkologischonkologischen Patientinnen und schließlich die Formen klassischer und ganzheitlicher Krankengymnastik mit ihren Nutzen für Brustkrebspatientinnen waren die Themen, die wir Ihnen anbieten konnten. Einen
Teil davon werden Sie in diesem Heft wiederfinden. Die Lektüre ersetzt jedoch nicht die Teilnahme, denn wichtiger Bestandteil der Abende ist die anschließende Diskussion.
Im Herbst begann der Kurs ,,Leben mit Brustkrebs“, hier konnten Betroffene sich in einer festen Gruppe an zehn themenzentrierten
Abenden mit ausgewählten Aspekten der Erkrankung und deren Auswirkung auf den Alltag auseinandersetzen. Im April beginnt der nächste Kurs.
Ebenfalls im Herbst bekam MUT e.V. durch die Spende einer Gruppe von Patchworkerinnen die Anregung, eine Entspannung im Wasser unter
Leitung einer Krankengymnastin zunächst zehn Mal anzubieten. Seitdem besteht dieses Angebot, es kommt so gut an, dass wir es auch ohne Sponsor weiterführen werden, allerdings gegen Kostenbeitrag.
Über diese Veranstaltungen hinaus gibt es die Möglichkeit, medizinische Fragen an eine Gynäkologin von MUT e.V. zu stellen und
psychologische Unterstützung von einer Psychotherapeutin von MUT e.V. einzuholen. Die Rufnummern sind im Vereinsbüro abfragbar. Hier stehen auch feste Präsenzzeiten zur Verfügung zur ersten Kontaktaufnahme,
Vermittlung weiterer Angebote und Informationen.
Die Mitgliederentwicklung ist erfreulich: ein stetiger Anstieg. Für die weitere Arbeit brauchen wir hier eine noch breitere Basis.
Deshalb sind alle aufgefordert, Überzeugungsarbeit zu leisten, damit bei entsprechenden Mitgliederzahlen unser Wort immer mehr gilt.
Auf Einladung der Krebsberatungsstelle konnte GritIi Dieckmann auf einer Podiumsdiskussion mit Dr. Marianne Koch die Sicht einer
Betroffenen eindrucksvoll darstellen. Eine notwendige Ergänzung zu den Ausführungen von Radiologen und gynäkologischen Oberärzten, die die Frau hinter der Krankheit so oft vergessen!
Finanziell haben wir neben den Beiträgen immer wieder Geld- und Sachspenden einwerben können. Von den Mitgliedsbeiträgen musste daher
noch keine Mark investiert werden! Es ist also durchaus möglich, in diesem Jahr ein größeres Projekt anzugehen.
Neu in diesem Jahr ist der Simonton-Kurs, den Frau Dieckmann privat anbietet. Der erste läuft bereits, ein zweiter wird folgen.
Ein neuer Schritt ist auch die Teilnahme von MUT e.V. an Planungen zu überregionalen Aktionen zum Thema Brustkrebs. Im März werden zwei
Vereinsmitglieder zum Kongress nach Brüssel reisen (ein Sponsor für die Reisekosten hat sich gefunden) und im November werden drei Betroffene einen Dialog mit Fachleuten als Workshop auf einem Brust-Kongress in Bad
Pyrmont anbieten.
Anfang
Warum brauchen Frauen und Männer MUT im Kampf gegen Brustkrebs? Ute Wülfing
Das Problem
Brustkrebs ist der häufigste Organkrebs überhaupt, und dies obwohl er fast nur bei Frauen vorkommt. Jede zehnte Frau in Deutschland
wird voraussichtlich in ihrem Leben einen Brusttumor entwickeln; während sich das Risiko in den letzten 20 Jahren etwa verdoppelt hat, ist bei den Heilungserfolgen kein Durchbruch zu vermelden. Voraussichtlich wird
die Verschiebung der Alterspyramide mit ihrem hohen Frauenanteil in naher Zukunft zu einem nominellen Anstieg bei Brustkrebserkrankungen führen. Zusätzliche Brisanz geht von einem ersten Erkrankungsgipfel zwischen
40 und 55 Jahren aus: Durch das Sinken der Erkrankungsalter sind es mehr Frauen, die sich bedroht fühlen. Außerdem gestalten Frauen ihr Leben - auch ihr Seelenleben - heute aktiver, sie wollen sich mit ihren Krisen
auseinandersetzen anstatt sie zu ignorieren.
Ursachen für Brustkrebs sind nicht bekannt, eine Prävention ist daher nicht möglich - abgesehen von der Entfernung des Organs. Der
Begriff der Prävention taucht trotzdem auf; das weckt Hoffnungen auf Schutz vor der Krankheit, diese Hoffnung kann aktuell nicht gestillt werden. Hauptziel ist die Früherkennung, denn es geht darum, einer Streuung
zuvorzukommen. Doch welches sind die geeigneten Methoden? Mammographien sind nicht in jedem Alter sinnvoll. Welche Alternativen bietet die Medizintechnik?
Die meisten Brusttumore werden von den Frauen selbst gefunden (80%), z.B. durch Selbstuntersuchung, oft aber auch absichtslos. Aus
Angst lassen manche Monate verstreichen, ehe sie sich zum Arzt, zur Ärztin begeben. Das ist ein Ansatzpunkt für notwendige Unterstützung.
Eine völlig neue Problemstellung entstand mit der Isolierung von BRCA1 und BRCA2. Sicher haben Sie davon gehört, dass ein Gentest die
erbliche Vorbelastung für Brustkrebs bestimmen kann. Zwar sind nur 5-10 % aller Brustkrebsfälle bei erblich belasteten Frauen aufgetaucht, umgekehrt gibt es erblich belastete Frauen, die nicht an Brustkrebs
erkranken, dennoch strahlt ein Gentest so etwas wie Sicherheit aus. Da es keine Prävention gibt, wirft der Gentest zur erblichen Vorbelastung ethische Fragen auf, denn was nützt eine Diagnose ohne Therapie?
Auch auf der Seite der medizinischen Versorgung nimmt Brustkrebs eine besondere Stellung ein: Nur ein Bruchteil der durchgeführten
Maßnahmen ist medizinisch erforderlich. Der Handlungsspielraum der behandelnden Ärzte/Ärztinnen ist immens und er wird in alle Richtungen genutzt. An diesen Entscheidungen werden die Patientinnen häufig nicht
beteiligt. Noch heute, 1998, hängt es vorrangig von dem Stil des Krankenhauses und nicht von Größe, Lage und Histologie des Tumors ab, ob eine Betroffene mit oder ohne Brust aus der OP aufwacht. Übrigens ist die
erste Studie, die darauf hinweist, dass eine Amputation nicht grundsätzlich die Heilungschancen verbessert, aus dem Jahr 1948.
Patientinnen, die sich für einen sog. Wiederaufbau der Brust entscheiden, werden auch da umfangreich recherchieren müssen, soll das
kosmetische Ergebnis nicht vom Zufall abhängen.
Die Brust ist für die Frau ein zumindest doppelt besetztes Organ, mit dem sie sowohl den mütterlichen wie den erotischen Aspekt ihrer
Weiblichkeit leben kann. Die besondere Organsymbolik kann sich auf dreierlei Weise auswirken. Erstens besteht die Gefahr, dass ein Tabu um das Organ die Frau in der Auseinandersetzung und beim Einfordern von
Unterstützung hemmt. Viele Frauen schweigen aus Sorge, sie würden nach Bekannt werden ihrer Krankheit nicht mehr für eine ,vollständige‘ Frau gehalten. Zweitens gibt es Hinweise, dass die in dem oben
beschriebenen Handlungsspielraum erforderlichen Entscheidungen aufgrund der Bedeutung der Brust bisweilen irrational getroffen werden. Drittens erschwert die Symbolik die Verarbeitung der Krebsdiagnose und der
Operation. Sowohl ein Teil der Therapieentscheidungen als auch die Bewältigung der Krankheitsfolgen sind eng mit Geschlechtsrollenkonflikten verbunden. Stellt z.B. eine Amputation die Geschlechteridentität in Frage,
so wird eine Frau sich fragen, woraus denn ihre Weiblichkeit bestand und jetzt bestehen kann.
Anfang
Historische Entwicklung Für das Thema Krebs erstmals Öffentlichkeit hergestellt hat Mildred Scheel Anfang dem 70er Jahre. Als
Ärztin und Gattin eines Bundespräsidenten gründete sie die Deutsche Krebshilfe, der 1976 die Gründung der Dr. Mildred Scheel Stiftung für Krebsforschung folgte. Beide Einrichtungen sind auch nach der Zeit von
Mildred Scheel weiterhin sehr erfolgreich und können große Summen bereitstellen. Die Deutsche Krebshilfe fördert z.B. die Selbsthilfebewegung. In den gesamten Selbsthilfegruppen sind überproportional viele
Brustkrebspatientinnen anzutreffen, besonders beim bundesweit vertretenen Verband ,Frauenselbsthilfe nach Krebs‘. Für tausende von Frauen sind diese Gruppen hilfreich als erste Anlaufstelle, als Forum für
einen Austausch, der nicht Mitleid sondern Zuspruch bietet.
Innerhalb des Medizinsystems ist zunächst ein Wandel der OP-Techniken zu verzeichnen. 1985 erscheint Ingrid Olbrichts Buch zum Symbolik
dem Brust. Sie berichtet als Ärztin von den psychosomatischen Spätfolgen kosmetischer Brustoperationen und regt damit die Diskussion an. Der Deutsche Ärztinnenbund thematisiert auf seinem 23. wissenschaftlichen
Kongress 1993 vorsichtig die Risiken von Silikonimplantaten und spricht die Fragwürdigkeit des ,Wiederaufbaus‘ nach Brustamputationen an. Es werden Tumorzentren bzw. Krebsberatungsstellen eingerichtet. Ähnlich
wie in den Sozialdiensten der Krankenhäuser werden hier sozialrechtliche Fragen behandelt. Hinzu kommen Beratungsgespräche und ein Kurs- und Informationsangebot zu angrenzenden Themen und alternativen Methoden.
Was soll anders werden? In Deutschland gibt es ca. 43.000 Neuerkrankungen jährlich und hohe Überlebensraten. Folglich gibt es
hunderttausende Betroffene, die mit den Krankheitsfolgen leben ohne dies öffentlich zu thematisieren. Wo gibt es die passende Kleidung, die bevorzugte Sauna, die richtige Paartherapie? Permanent berieselt werden die
Nicht-Betroffenen mit einem Wildwuchs an Risikolisten, die die Frauen verunsichern und Biographieentscheidungen als Krankheitsursache benennen, z.B. wenn Frauen nicht stillen, oder vielleicht auch gar nicht erst
schwanger werden, müssen sie sich fragen (lassen), warum sie dieses Risiko eingehen. Auch Ernährungs- und Suchtverhalten werden hier gerne angeprangert. Solche
Informationen erreichen nicht nur Frauen mit Krebsangst, sondern es sind auch indirekte Botschaften und Schuldzuweisungen an
Brustkrebsbetroffene. Als hätten Sie die Krebserkrankung vermeiden können, indem Sie etwas ,richtig‘ machten.
Besonders bedenklich ist das im Bereich der psychologischen Deutungsmuster. Ein Beispiel: das Modell der ,Krebspersönlichkeit‘,
publiziert zu Beginn der 80er Jahre, ist fester Bestandteil des Alltagswissens und belastet die Betroffenen. Frauen mit Brustkrebs sind so verschieden, wie Frauen nur sein können. Eine Rezeption der
US-amerikanischen Brustkrebsbewegung, die die Rolle von Umweitgiften und Strahlenbelastung hinterfragt, steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. In deutschen Risikolisten taucht z.B. ,unverheiratet‘
auf. Das ist zwar leicht zu erheben, aber ähnlich aufschlussreich wie der Zusammenhang zwischen Schuhgröße und Intelligenz. Über die wirklichen Ursachen von Brustkrebs ist nichts bekannt! Forschung wird mit Vorliebe
in umsatzrelevanten Bereichen wie Chemotherapie und Genanalyse betrieben. Ein Schattendasein dagegen fristet die Epidemiologie: in Deutschland gibt es kein umfassendes Krebsregister, die Uni-Klinik Münster führt
eines (Inst. f. Epidemiologie, Prof. Keil) für den Regierungsbezirk Münster.
Was muss noch besser werden? Gynäkologische Abteilungen, die auf dem Stand der Kunst sind und zu einem sensiblen Umgang mit den
Patientinnen in der Lage sind, dürfen nicht länger ein Geheimtipp sein. Die Frauengesundheitsbewegung muss Einfluss auf Aus- und Fortbildung nehmen, um hier einen Missstand abzubauen. Daneben brauchen wir eine
psychosozialen Unterstützung, die die Geschlechterfrage stets mitberücksichtigt. Wir müssen mehr kritische Öffentlichkeit herstellen. Unsinnige Risikolisten, die Schuldgefühle verbreiten, müssen bloßgestellt werden.
Wie können wir diese Ziele verfolgen? Ausschließlich zum Thema Brustkrebs arbeiten in Deutschland die neuen Vereine WirAlle
(Köln), MUT (Münster) und Brustkrebsinitiative (Berlin), die den US-amerikanischen Vorbildern ,One in Nine’ und ,Breast Cancer Action‘ folgen wollen. In enger Zusammenarbeit von Betroffenen und
Nichtbetroffenen wird hier mit Öffentlichkeitsarbeit der Tabuisierung von Brustkrebs entgegengewirkt, werden Information und Beratung für die Erkrankten und auch ihren Kontext angeboten, werden Defizite in Forschung
und Versorgung thematisiert und Verbesserungen eingefordert.
(gekürzte Version des Vortrags vom 24. Mai 98
Anfang
Klassische und ganzheitliche Therapien im Rahmen der Krankengymnastik Michael Seidel und Mitarbeiterinnen
Was hat krankengymnastische Therapie mit dem Krankheitsbild Krebs zu tun?
Man könnte die Aufgabe aus zwei Blickwinkeln betrachten - von der des Krankheitsbildes oder von der Therapie her. Um nicht der Gefahr
einer ,,berufsspezifischen Nabelschau“ zu erliegen, wähle ich den Blickwinkel von der Erkrankung her.
Nach der Eröffnung der Diagnose Krebs bedeutet das für den Betroffenen eine Schreck- bzw. Schockphase. Es folgt eine möglichst schnelle
Bestandsaufnahme, eine möglichst genaue Diagnostik, ,,Wie schlimm ist es?“. Mit dem vertrauten Arzt folgt nun die Abstimmung eines Therapieplanes.
Ist eine Schadensbegrenzung durch ,,Stahl“ gleich Skalpell (chirurgischer Eingriff) möglich oder sinnvoll? Zitat von Prof. Dr.
Bünte, Uni Münster: ,,Heilung bedeutet radikales Entfernen aller Tumorzellen.“
Die klassische Krankengymnastik kommt nun im Rahmen einer chirurgischen Maßnahme, aber auch bei einer Strahlen- oder medikamentösen
Behandlung (z.B. mit Zytostatika) zum Einsatz. Therapeutische und rehabilitative Ziele zur Entwicklung, zum Erhalt und zur Wiederherstellung aller Funktionen im psychischen und physischen Bereich stehen hier nun im
Vordergrund. Auf einen konkreten Verlauf gehe ich später ein.
Mit dem Arzt sollte der Patient nun nach inneren und äußeren uns bekannten Krebsursachen forschen (z.B. physikalische Belastung:
UV-Bestrahlung bei Hautkrebs; psychische Belastung durch Stress in Familie und Arbeit). Sollten hier evtl. zutreffende Faktoren erkannt werden, steht die Besserung des tumorbegünstigenden Milieus auf verschiedenen
Ebenen an. Im Zuge dieser Betrachtungsweise stößt der Patient zwangsläufig auf die Ganzheitstherapie. Der Mensch lässt sich nicht einfach in Körper, Psyche und Seele zergliedern.
Die Erkrankung erfolgt immer auf allen Ebenen und das geht nicht von Heute auf Morgen. Prof. Kollath, der sich intensiv mit der
Ganzheitstherapie auseinander setzte, prägte den Leitsatz ,,Die Natur heilt langsam wie ein Baum wächst.“
Bei einer Ganzheitsbehandlung müssen auch die häusliche Umgebung, die Bezugspersonen, vom Arzt einbezogen werden, um verständnisvoll
mithelfen zu können beim Heilprozess, damit der Kranke nicht in die oft so grauenvolle psychische Isolation hineingetrieben wird. Die Biographie, die Persönlichkeit des Kranken, war bestimmend für seine Erkrankung. Sie wird es auch bei der Heilung und für den neuen, sinnvolleren Lebensplan sein.
Den meisten ganzheitlichen Therapien liegt die Erhaltung der menschlichen Gesundheit durch Herstellung eines Gleichgewichts, einer
Balance, zugrunde:
- der ausgeglichene Energiefluss auf den Meridianen (Energiebahnen) in der chinesischen
Medizin (u.a. bei der Akupunktur)
- der Energieausgleich über die Chakren (Energiezentren) bei der indischen Medizin (u.a. beim Yoga)
- der seelische Ausgleich durch Dr. Bachs Bachblütentherapie aus dem
europäischen Raum.
Die Erkenntnisse aus dem Wiederherstellen des Gleichgewichts von Wohlbefinden und Gesundheit zeigen uns, dass das ganzheitliche Denken
eigentlich schon in der Vorbeugung einsetzt. Der Autor Walter Zürcher kommt in seinem Buch ,,Alternative Heilmethoden bei Krebs“ zu der These: ,,Nur rechtzeitige Vorbeugung mit ganzheitlichen Methoden kann den
Krebs stark eindämmen.“
Ganzheitliche Therapien sind dazu geeignet, eine Ausgeglichenheit auf physischer, psychischer und seelischer Ebene herbeizuführen und
damit Gesundheit zu erhalten. Ich erinnere an die Definition der WHO (Weltgesundheitsorganisation): ,,Gesundheit ist physisches, psychisches und soziales Wohlbefinden.“
Was mich persönlich bei den ganzheitlichen Therapien am meisten fasziniert ist, dass sie den ganzen Menschen therapieren, und das
eigentliche Problem bleibt zunächst untergeordnet. Wird der Mensch allgemein gesund, löst sich auch sein Problem. Das bedeutet, dass die eigentlich auslösende Ursache nicht zwangsläufig erkannt und isoliert werden
muss, und es erfolgt trotzdem Heilung.
Ein Wort zur Auswahl einer Ganzheitstherapie:
Auch bei einer idealen Therapie kann nur eine Auswahl aus den vielen angebotenen Möglichkeiten in Frage kommen. Je umfassender der
Arzt, Heilpraktiker oder die Klinik orientiert sind, desto besser und schöpferischer können sie die für den Kranken optimale Form finden. Es darf also nicht darum gehen, dem Patienten eine schon bewährte Therapie
anzudrehen, sondern eine für ihn passende partnerschaftlich zu entwerfen. Aufgrund einer eingehenden Anamnese (Erfassung der Krankengeschichte) kann ein wirksamer Therapieplan aufgestellt werden. Aus der
Krankengeschichte sollte der Arzt ersehen können, welche Hauptursachen in welcher Reihenfolge zur Erkrankung führten. Es wäre sinnlos, einen ernährungsbewussten Patienten, bei dem ein Beziehungsproblem die
Hauptursache ist, vor allem mit Diät behandeln zu wollen.
Auch im Bereich der Krankengymnastik gibt es ganzheitliche Therapien:
- Fußreflexzonentherapie
- Ohrakupunktmassage
- Akupunkturmassage
- Bindegewebsmassage als Reflexzonenmassage
- Shiatsu (japanische Fingerdruckmassage)
- craniosacrale Therapie
- Yoga
- Osteopathie
(Auswahl)
Der große Psychotherapeut Carl Gustav Jung führte einmal aus: ,,Der Arzt muss der Natur als Führer folgen. Was er dann tut, ist weniger
Behandlung als vielmehr Entwicklung der im Patienten liegenden schöpferischen Keime.“
Zunächst aber zur Klärung:
Was sind Krankengymnastik, Physiotherapie und Massage? Diese Begriffe lassen sich vielleicht am besten aus den Berufsbildern
verdeutlichen. Aus dem in den Anfängen des Jahrhunderts geborenen Beruf der Heilgymnastin bzw. des Heilgymnasten entstand in Deutschland im Jahr 1958 der Beruf Krankengymnastin bzw. Krankengymnast. Mitte 1994 gab es
ein neues Masseur- und Physiotherapeutengesetz. Der Krankengymnast wird nun zum Physiotherapeuten. Der Begriff Krankengymnast bleibt geschützt und darf von den schon existierenden Krankengymnasten parallel zum
Physiotherapeut gebraucht werden.
Die Aufgabenbereiche des Physiotherapeuten umfassen das Gebiet der Krankengymnastik, des Masseurs und des medizinischen Bademeisters.
Der Physiotherapeut hat in allen drei Bereichen eine staatliche Anerkennung und Zulassung. Das Berufsbild des Masseurs und des medizinischen Bademeisters (seit 1994 nur noch als ein Berufsbild möglich) stellt eine
Teilausbildung des Physiotherapeuten dar.
Anfang
Was ist nun Krankengymnastik, und was Massage?
Die Krankengymnastik ist erstens Bestandteil ärztlich verordneter physikalischer Therapie. Sie kann zweitens im vorbeugenden Bereich
auch selbständig, ohne ärztliche Verordnung angewendet werden. Hier sind zu nennen: Bewegung - vornehmlich die Eigentätigkeit des Kranken - , die der Heilung dient. Prophylaktische, therapeutische und rehabilitative
Ziele sind Hilfen zur Entwicklung, zum Erhalt und zur Wiederherstellung aller Funktionen im körperlichen und psychischen Bereich oder die Schulung von Ersatzfunktionen bei nicht rückbildungsfähigen Störungen.
Zwingende Voraussetzung für die Behandlung ist der krankengymnastische Befund, der auf die Krankheit und auf die Person des Patienten bezogen ist. Die angewandten Verfahren sind spezielle krankengymnastische
Techniken, dosierte Bewegungsformen, Bewegungsabläufe aus den Alltagsbewegungen sowie Lern-, Übungs- und Trainigsprinzipien zur schadlosen Leistungssteigerung. Andere Verfahren der physikalischen Therapie wie
Massage, Elektrotherapie, Hydrotherapie u.a. werden - wenn erforderlich - ergänzend und unterstützend kombiniert. Die krankengymnastische Behandlungssituation - ob Einzel- oder Gruppenbehandlung - ist gekennzeichnet
durch die personelle Begegnung von Behandler und Patient.
Die ,,klassische“ Massage ist eine manuelle Behandlungsart, mit der sowohl die Haut als auch tiefer gelegene Gewebsschichten
beeinflusst werden können. Die ,,technischen Griffe“ sind vor allem:
- Streichungen (rückstromfördernd für Blut- und Lymphbahnen);
- Reibungen (Wärme auslösend);
- Knetungen (Muskel auflockernd, hyperämisierend);
- Schüttelungen (auflockernd, entspannend);
- Klopfungen, Hackungen, Klatschungen (tonisierend, hyperämisierend);
- Vibrationen (Verspannungen lösend);
- Zirkelungen (Muskelhärten verteilend, schmerzlindernd).
Der Therapeut kann den Muskeltonus je nach Bedarf des Patienten anheben oder senken.
Der Muskelstoffwechsel wird durch diese rein passiven Maßnahmen in wesentlich geringerem Maß beeinflusst als durch Muskelkontraktion,
da alle mit der Kontraktion verbundenen Stoffwechselvorgänge und mechanischen Vorgänge
(Reibungseffekte innerhalb des Muskels) fehlen. Einige ausländische medizinische Schulen lehnen wegen der relativ geringen
Einflussmöglichkeit die Massage als Therapeutikum ab. In Deutschland hat sie wegen ihres steuerbaren Einflusses auf den Muskeltonus einen Platz in der Therapie.
Ohrakupunktmassage nach Luck
Ähnlich wie die Iris im Auge repräsentiert das Ohr alle Reflexzonen des menschlichen Körpers. Im Gegensatz zu den Augen-Reflexzonen,
die besonders zu diagnostischen Zwecken (Irisdiagnose) herangezogen werden, sind die Ohr-Reflexzonen hervorragend zur Therapie geeignet. Die Reflexzonen des Ohres stellen die kürzeste Verbindung zu unserer zentralen
Schaltstelle GEHIRN dar.
Wissenschaftler stellten fest, dass der Ohr-Reflexweg über cerebro-spinale (Gehirn-Rückenmark) Wirkmechanismen abläuft. Somit erreichen
am Ohr gesetzte Reize über das Gehirn und das Rückenmark die komplette nervale Versorgung des menschlichen Körpers. Alle Körperzonen, alle Organzonen, alle Funktionskreise werden über das Ohr erschlossen.
Die Ohr-Akupunktmassage nach Luck wird wie die Ohr-Akupunktmassage nach Radloff ohne Nadeln, sondern mit einem Therapiestäbchen
durchgeführt. Mit diesem Stäbchen werden je nach Art der Beschwerden verschiedene Umläufe und Druckpunkte am Ohr bearbeitet.
Die Ohr-Akupunktmassage ist angezeigt bei Störungen im motorischen und sensiblen Bereich, sowie bei Schmerzzuständen ohne definitiven
Befund. Gelenkblockaden oder Störfelder einzelner Wirbelsäulensegmente, die den gesamten Organismus beeinträchtigen, können oftmals über die Ohrzonen beseitigt werden.
Erkrankungen im Kopfbereich wie Schwindel, Kopfschmerzen, Sehstörungen usw. gehören zu den weiteren Anwendungsgebieten der
Ohr-Akupunktmassage nach Luck. Des weiteren ist die Ohr-Akupunktmassage zur allgemeinen Aktivierung der eigenen Abwehrkraft hervorragend geeignet.
Anfang
Fußreflexzonentherapie
Die Reflexzonenarbeit am Fuß ist eine Therapieform, die sich im Laufe von vielen Jahren aus altem Volkswissen zu einer exakt
ausgearbeiteten Spezialtherapie entwickelt hat. Im Fuß haben alle Bereiche des Menschen ihre zugeordneten Stellen, die Reflexzonen, die seine augenblickliche Verfassung im Kleinen wiedergeben.
Wir Therapeuten arbeiten mit gezielten Griffen im wahren Sinne einer Behandlung, ohne Zwischenschaltung von Geräten, um den Organismus
über Stimulation der Reflexzonen zu aktivieren.
Ein gesunder Mensch hat üblicherweise einen schmerzfreien Fuß, der sich warm und elastisch anfühlt und gut durchblutet ist. Sobald er
häufig kalt und bewegungseingeschränkt ist, wenn sich Fußpilz, Hühneraugen, Schrunden, durchgetretene Längs- oder Quergewölbe zeigen, kann dies auch auf Schwächen oder Krankheiten im Sinne einer Reflexzonenbelastung
hinweisen.
Indikationen für eine Fußreflexzonenbehandlung sind:
- Verdauungsbeschwerden
- funktionelle Zyklusbeschwerden
- chron. oder akuter Schnupfen; Sinusitis
- lymphatische Belastungen, vor allem bei Kindern
- Kopfschmerzen verschiedener Art und Genese
- statische und muskuläre Belastungen oder Fehlformen.
Reaktionen auf eine Fußreflexzonenbehandlung sind erwünscht! Sie lassen erkennen, dass der Mensch noch Lebenskraft genug besitzt, sich
der Störungen zu erwehren. Häufig reagiert der Körper über die Aktivierung der Ausscheidungsorgane (z.B. Schweißabsonderungen, vermehrte Harnausscheidung, Säuberung der Schleimhäute durch Schnupfen, Ausfluss oder
Auswurf etc.).
Die für Sie vielleicht unangenehmen Reaktionen gleichen einem zeitweiligen kurzen Frühjahrsputz im Organismus, der jedoch hervorruft,
dass Sie sich anschließend in Ihrem Körper wieder ausgeglichener und kraftvoller fühlen. (gekürzte Version des Vortrags vom 3. Januar 1999)
Anfang
Buchauszug und Literaturtips:
Maxie Wander: Leben wär‘ eine prima Alternative. Darmstadt 1980.
Montag, 20. September, sechster Tag nach der Operation
Heut zieh ich mein eigenes Nachthemd an. Hatte süße Träume von meinen Brüsten. Wer liebt sie denn jetzt noch... Tagsüber denke ich nie
an meine Brust, nur ans Leben! Ich rücke zum Fenster vor, weil die stille Frau B. in die Wochenstation verlegt wird, endlich zu ihrem Baby. Die ersten Fäden meiner Wunde werden gezogen, der Drainageschlauch kommt
heraus. Unter der Achsel blubbert noch ein wenig Gewebeflüssigkeit, die sich gestaut hat. Zum ersten Mal gehe ich aufrecht und mit Schultertuch, blass noch, aber nicht mehr so spitz im Gesicht. Im Moment bin ich die
einzige Brustoperierte hier auf der Station, aber sie sagen mir, dass es viel mehr Fälle gibt, als man denkt. Ich fürchte manchmal, ich bin nicht richtig hier, die Chirurgen haben zu wenig Erfahrung mit dieser
Operation. Aber die volle Wahrheit werden wir wohl nie erfahren.
Heut mein erster Besuch: Annerose, sie ist etwas hilflos und findet, dass ich gut aussehe (mein Gott, was sollen die Leute wirklich
sagen, für jeden ist es eine neue Situation). Sie erzählt mir von unseren gemeinsamen Freunden, von dem Problem Horst-Rüdiger, ich kann‘s in meiner Lage nicht als Problem sehen, sie leben doch und sind gesund.
Bin erschöpft und geh ins Bett. Dann kommt Christa W., mit ihr sitze ich eine Stunde im Vorzimmer, packe über die Dinge aus, die ich hier beobachte und erlebe, sie spricht mir Mut zu und nennt Fälle, die es überlebt
haben... Und dann kommt Fred. Er ist sauer, weil ich von den Besuchen schon völlig erschöpft bin. Er bringt mir Leckerbissen und Bücher und Briefe von Freunden, viele Briefe, voll Sorge um mich. Wann werde ich ihnen
allen antworten können? (soweit der Auszug aus den Tagebuchaufzeichnungen einer Betroffenen)
Ein paar Tipps vorab zum Thema Brust:
Love, Susan und Karen Lindsey: Das Brustbuch. Was Frauen wissen wollen. 666 Seiten mit zahlreichen Skizzen. München 1996. 49,80 DM.
-inzwischen als Taschenbuchausgabe: DTV, 24,90 DM
Yalom, Marilyn: Eine Geschichte der Brust. 480 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. München 1998. 58,- DM
allgemein zu Krebs:
Lerner, Michael: Wege zur Heilung. Das Buch der Krebstherapien. München 1998. 700 Seiten. 78,- DM
-ZEIT-Besprechung als Kopie im Anhang
Aktuelles
Neue medizinische Möglichkeiten, die die Lebensqualität der Patientinnen deutlich verbessern, möchten wir kurz vorstellen:
Stereotaktische Brustbiopsie
Hinter diesem Verfahren verbirgt sich ein neues röntgenologisches Verfahren, bei dem von der Brust gleichzeitig Aufnahmen aus
verschiedenen Winkeln gemacht werden. Das bietet die Möglichkeit, eine Biopsienadel mittels Computer millimetergenau zu platzieren. In der Regel sind etwas sechs Aufnahmen erforderlich, bis die Nadel exakt im
Zielgebiet liegt und mit der Probenentnahme begonnen werden kann.
Die bei einem auffälligen Tast- oder Mammographiebefund erforderliche Entnahme von Gewebeproben aus der Brust kann so häufig mit nur
einem einzigen Einstich erfolgen.
Der Eingriff erfolgt unter örtlicher Betäubung. Die kosmetische Beeinträchtigung sowie der Eingriff in den Alltag ist bei diesem
Verfahren sehr gering, gleichzeitig ist die Abklärung nicht weniger präzise als bei einer offenen Biopsie (sagen die Studienergebnisse).
Es sind bereits verschiedene Systeme dieser Art auf dem Markt und im Einsatz, auch in Deutschland. Die Uni-Kliniken Münster haben diese
hochpreisige Möglichkeit allerdings noch nicht zu bieten.
Auffindung von Wächterlymphknoten (Sentinel)
Ein völlig neues und in Deutschland bisher nur unter Studienbedingungen zugängliches Vorgehen ist die Auffindung von
Wächterlymphknoten, um künftig bei Brustkrebs die Axilla nicht mehr grundsätzlich auszuräumen. Hier wird nur noch der eine Lymphknoten zur Befundung entfernt, dessen histologische Eigenschaften mit denen der
restlichen Lymphknoten übereinstimmen. Ist der ,Wächter‘ nicht befallen, werden es auch die anderen nicht sein, so die Grundannahme. Wie zuverlässig dieser Wächter identifiziert werden kann, wird aktuell in
drei deutschen Kliniken untersucht.
Herceptin
Dies ist ein in den USA erst seit September 1998 zugelassenes Präparat mit völlig neuer Wirkweise. Für etwa 30% der
Brustkrebspatientinnen könnte Herceptin eine Möglichkeit sein, den Wachstumsimpuls der Krebszellen auszuschalten.
Da die Nebenwirkungen noch nicht vollständig dokumentiert sind, wird die Zulassung für Deutschland wohl erst im Frühjahr 2000 erfolgen.
Die Kosten belaufen sich auf ca. 5.000 DM monatlich für die Medikation. In einzelnen Fällen bei metastasierendem Brustkrebs hat es bereits Kostenübernahmen durch die Krankenkassen gegeben.
Herceptin ist kein Wundermittel: dieses Medikament kann Brustkrebs nicht heilen, aber es gibt Fälle, in denen Herceptin den Brustkrebs
aufhalten kann. (s. auch FOCUS Heft 6/99)
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