Münster, Lambertikirche

Orgel von Karl Schuke (Berlin) 1989

Die Stadt- und Marktkirche St. Lamberti - Touristen durch die in luftiger Höhe am neugotischen Turm hängenden "Wiedertäuferkäfige" wohlbekannt, besitzt seit 1989 eine neue Orgel, deren architektonische Gestaltung in bemerkenswerter Weise mit dem "reifsten Hallenbau der Spätgotik in Westfalen" (Dehio) harmoniert. Die früheste Nachricht über eine Orgel in St. Lamberti datiert vom 4. Januar 1386, als über die Auszahlung von 8 Pfennigen für den Organisten und den Bälgetreter berichtet wird. Ähnliche Nachrichten sind aus den Jahren 1436 und 1481 überliefert. Während der Wiedertäuferherrschaft wurden alle Orgeln - mit Ausnahme derjenigen im Hause des "Königs" - zerstört. Die anschließende Restaurationsphase bescherte der Kirche schon 1538 wieder eine Orgel. Aus dem Jahr 1573 datiert der Vertrag mit Arndt van Mill alias Lampeler aus 's Hertogenbosch zum Bau einer neuen Orgel, die um wohl um 1580 fertiggestellt war. Das Instrument besaß 25 Register auf Hauptwerk, Oberwerk, Rückpositiv und Pedal mit Springladen. Ein Foto Ludwig Bickells aus dem 19. Jahrhundert dokumentiert das Äußere der Orgel nach ihrer Übertragung in die kath. Kirche Alstätte (Kreis Ahaus).

1821 wurde die 1784 von Melchior Vorenweg (Menden) gebaute Orgel aus der Kirche des inzwischen säkularisierten Minoritenklosters (heutige Apostelkirche) angekauft; sie wurde 1867 durch den Albersloher Orgelbauer Bengesdorf repariert und umgebaut. Nach dem Turmneubau gestaltete Friedrich Fleiter (Münster) diese Orgel bis 1892 grundlegend um. Sie erhielt ein neugotisches Gehäuse; die Schleifladen wurden beibehalten und mit einer pneumatischen Registersteuerung versehen. 1908 verdoppelte Fleiter die Registerzahl auf 50 und elektrifizierte die Traktur.

Bereits  fünf Jahre nach der Kriegszerstörung 1944 lieferte Franz Breil (Dorsten) eine Orgel, die eine Teilrealisierung des von Rudolf Reuter erstellten Dispositionsentwurfs darstellte. Die ungünstigen akustischen Bedingungen auf der nördlichen Seitenempore und das - zeitbedingt - mangelhafte Material führten 1987 zum Entschluß der Gemeinde, eine neue Orgel in Auftrag zu geben.

Ernst, Bittcher, der Leiter der Berliner Orgelbauwerkstatt Karl Schuke GmbH, hatte beim Neubau der großen Orgel in der Lübecker Jakobikirche Erfahrungen mit einem Instrument gesammelt, dessen gotisches Gehäuse auf einer hölzernen Brückenkonstruktion ruhte. Das dort bei der Sanierung des Tragwerks entwickelte Verfahren gab die Anregung, in St. Lamberti Ähnliches zu versuchen. Anhand verschiedener Modelle wurde geprüft, wie sich ein viermanualiges Instrument in den Turmraum einfügen ließ, das nur an vier relativ kleinen Punkten mit dem Bauwerk verbunden ist und an einer "unsichtbaren" Stahlbrücke hängt. Das Ergebnis überzeugt in optischer und akustischer Hinsicht: die Orgel hängt wie ein Edelstein in der Fassung, der Klang kann sich auch über die Seitenschiffe frei in der Hallenkirche ausbreiten. Die aus Stabilitätsgründen in Kupfer ausgeführte Trompeteria stieß in der Planungsphase nicht auf ungeteilte Zustimmung bei allen Beteiligten, wird inzwischen aber in klanglicher Hinsicht als Bereicherung empfunden. Die Disposition entwickelte Prof. Ludwig Doerr (Freiburg), die Schnitzarbeiten stammen von Erich Brüggemann (Winsen/L.)

Seit der Einweihung im September 1989, bei der auch die "Wiedertäufer"-Fantasie (Ad nos, ad salutarem undam) von Franz Liszt sowie die beim Komponisten Tilo Medek in Auftrag gegebenen "Quatember-Feste" erklangen, hat sich in St. Lamberti ein reges Konzertleben entwickelt, das immer wieder auch Besucher von außerhalb nach Münster führt.

Literatur:

Kath. Pfarrgemeinde St. Lamberti (Hg.), 600 Jahre Orgeln in St. Lamberti. Zur Einweihung der neuen Schuke-Orgel in der Stadt- und Marktkirche St. Lamberti, Münster/Westf., am 16. September 1989.

Niels Kranemann, Verkündigung durch Orgelkonzerte, in: Musica Sacra 116 (1996), Heft 1, S.16-18.

II. Manual (Hauptwerk) C-a''' Pedal C-f'
Principal 16' Untersatz 32'
Oktave 8' Principalbaß 16'
Rohrflöte 8' Subbaß 16'
Gamba 8' Oktavbaß 8'
Oktave 4' Gedacktbaß 8'
Koppelflöte 4' Choralbaß 4'
Quinte 2 2/3' Nachthorn 2'
Oktave 2' Hintersatz IV 4'
Cornett V ab f   Posaune 16'
Mixtur major IV-VII 2' Trompete 8'
Mixtur minor IV 2/3' Trompete 4'
Trompete 8'    
Trompete 4'    

 

III. Manual (Schwellwerk)     C-a''' I. Manual (Rückpositiv)   C-a'''
Bordun 16' Principal 8'
Holzprincipal 8' Gedackt 8'
Flûte harmonique 8' Quintade 8'
Salizional 8' Oktave 4'
Voix céleste ab c 8' Blockflöte 4'
Oktave 4' Doublette 2'
Flûte octaviante 4' Sesquialtera II  
Nazard 2 2/3' Larigot 1 1/3'
Octavin 2' Scharff IV 1'
Tierce 1 3/5' Dulcian 16'
Mixtur V-VI 2' Cromorne 8'
Basson 16' Tremulant  
Trompette harmonique 8'    
Hautbois 8' IV. Manual (Trompeteria) C-a'''
Clairon 4' Trompeta magna 16'
Tremulant   Trompeta real 8'
Manualkoppeln: II/II; III/II; IV/II; III/I
Pedalkoppeln: I/P; II/P; III/P; IV/P
Zimbelstern
Registercrescendo
Schleifladen mit mechanischer Spiel- und elektrischer Registertraktur und Setzerkombinationen

CANTATE DOMINO

VIVA VOCE

IVG I TER IVB ILATE

CANT ICIS NOVIS

Singet dem Herrn

mit lebendiger Stimme

preiset ihn allezeit

mit neuen Liedern

Chronogramm von

Hannes Demming

1989

 

Schuke-Orgel der Lambertikirche Münster

Orgel der Lambertikirche Münster

Foto: Michael Hochgartz