Vorbemerkung
Projektbeschreibung
Die Vorlage
Die "offizielle"
Fortsetzung
Unsere Fortsetzungen
Aus dem Unterricht heraus ergab sich dieses Projekt im Januar / Februar 1999 in einem Grundkurs Pädagogik der Jahrgangsstufe 12. Es ging um Erzählkunst, das Erzählen von Märchen, Märchen aus der Sicht der Pädagogik ... (s. Projektbeschreibung). Einen Vorläufer gab es schon einmal vor sechs Jahren, als zwei parallele Grundkurse Pädagogik im Februar 1993 ein ähnliches Projekt durchführten. Wir nutzten damals die Gelegenheit zu einer kleinen Einführung in den Umgang mit dem Computer und in Textverarbeitung. Das Projektergebnis wurde mit dem Werkzeug Computer zu einem kleinen Heftchen zusammengestellt und vervielfältigt. Diesmal war eine solche Einführung nicht nötig, der Umgang mit dem PC ist den Oberstufenschüler/innen mittlerweile durchweg vertraut. Und auch die Präsentation hat sich geändert: Als HTML - Dokument ist das Projektergebnis in unsere Schul - Site eingebunden und liegt auf dem Server unseres Intranets.
Der eigentliche Grund, weshalb das Projekt hier auf der Site dokumentiert wird, ist:
H.-J. Ludwig, 20.2.99

Wir sollten unseren Kindern die Bücher vorlesen, damit sie mit uns darüber reden können; sie sehen dann, daß wir ernst nehmen, was wir ihnen zugedacht haben, so Hartmut von Hentig. Besser aber noch: Wir sollten an den Büchern, die wir vorlesen, lernen, wie einfach es ist, Geschichten zu erzählen; kaum eine von zwanzig, die wir kaufen, ist besser als die, die wir erfinden. Weniger - aber das natürlich auch - weil es nützlich ist, daß das Kind dieses oder jenes lernt, sich im Zuhören übt, in Interaktion mit dem Erzähler tritt, zur Imagination und Kreativität angespornt wird; mehr aber, weil sich da jemand Zeit für das Kind nimmt, mit dessen Welt die eigene zu teilen bereit ist, weil man nun in ein Abenteuer aufbrechen kann an der starken Hand eines Weggefährten.
Es mag Erzählungen und Märchen geben, die inhaltlich spannender oder lustiger sind, aber wenn Mutti die Stimme senkt oder Papas Augen listig blinzeln und die Geschichte ihren Anfang in der konkreten Lebenswelt des Kindes und der Familie nimmt, dann dürfen Hexen und Zauberer ruhig böse sein, Tiere und Pflanzen wie Menschen reden und allerlei Unwahrscheinliches passieren: Es besteht große Hoffnung, das Abenteuer zu bestehen.
Erwachsene tun sich schwer, Geschichten zu erfinden und frei zu erzählen, zu sehr ist die Sozialisation fortgeschritten und die Gedankenwelt kanalisiert. Ob wir's noch können, wollten wir (der Grundkurs Pädagogik der Stufe 12) einfach mal probieren, relativ zwanglos nach den Klausuren und direkt nach dem Kursabschnittsende im Januar. Ein modernes Märchen mit offenem Ausgang wurde vorgelesen, und dann brachte jeder zu Papier (Zeitraum: 10 - 20 Minuten, Ausarbeitung als Hausaufgabe), wie er die Geschichte weitererzählen würde. Über die Vielfalt der Variationen und verschiedensten Ideen waren wir selber so erstaunt, daß wir die Fragmente sammeln und für uns festhalten wollten. Es sind sicher nur unvollkommene Anfänge und nicht jedes Kursmitglied konnte oder wollte einen beisteuern (z.T. wurde stattdessen auch die Szene in einem Bild dargestellt, so dass diese Projektpräsentation mit Bildern versehen werden konnte), verständlich, wenn "auf Kommando" ein Märchen erfunden werden soll. Aber es spiegeln sich Kreativität, Erfahrungen, Individualität, Engagement und Lebensfreude wider, bisweilen auch ein wenig der Persönlichkeit der Erzählerin bzw. des Erzählers.
Mag sein, daß so manche Fachdiskussion nun aufgeworfen
ist (welches Menschenbild etwa wird vermittelt? Welche erziehungswissenschaftliche
Grundposition wird vertreten? Was sagt das Bild des Baumes über
das Erziehungsverständnis und über das personale Verhältnis
zwischen den Hauptbeteiligten aus? Welches Verständnis von
Sozialisation liegt vor? ... ) Ebenso wichtig aber, so scheint
mir: Vielleicht ist Gigi Fremdenführer in Michael Endes Momo
doch noch nicht "der letzte große Geschichtenerzähler".
H.-J. Ludwig (Februar 1999)
Heinz Körner
Ein Märchen
(aus: Heinz Körner, Die Farben der Wirklichkeit - Ein Märchenbuch -. lucy körner verlag, 7012 Fellbach 1983)
Es war einmal ein Gärtner. Eines Tages nahm er seine Frau bei der Hand und sagte: "Komm, Frau, wir wollen einen Baum pflanzen." Die Frau antwortete: "Wenn du meinst, mein lieber Mann, dann wollen wir einen Baum pflanzen." Sie gingen in den Garten und pflanzten einen Baum.
Es dauerte nicht lange, da konnte man das erste Grün zart aus der Erde sprießen sehen. Der Baum, der eigentlich noch kein richtiger Baum war, erblickte zum ersten Mal die Sonne. Er fühlte die Wärme ihrer Strahlen auf seinen Blättchen und streckte sich ihnen hoch entgegen. Er begrüßte sie auf seine Weise, ließ sich glücklich bescheinen und fand es wunderschön, auf der Welt zu sein und zu wachsen.
"Schau", sagte der Gärtner zu seiner Frau, "ist er nicht niedlich, unser Baum?" Und seine Frau antwortete: "Ja, lieber Mann, wie du schon sagtest: Ein schöner Baum!"
Der Baum begann größer und höher zu wachsen und reckte sich immer weiter der Sonne entgegen. Er fühlte den Wind und spürte den Regen, genoß die warme und feste Erde um seine Wurzeln und war glücklich. Und jedes Mal, wenn der Gärtner und seine Frau nach ihm sahen, ihn mit Wasser tränkten und ihn einen schönen Baum nannten, fühlte er sich wohl. Denn da war jemand, der ihn mochte, ihn hegte, pflegte und beschützte. Er wurde lieb gehabt und war nicht allein auf der Welt. So wuchs er zufrieden vor sich hin und wollte nichts weiter als leben und wachsen, Wind und Regen spüren, Erde und Sonne fühlen, lieb gehabt werden und andere liebhaben.
Eines Tages merkte der Baum, daß es besonders schön
war, ein wenig nach links zu wachsen, denn von dort schien die
Sonne mehr auf seine Blätter. Also wuchs er jetzt ein wenig
nach links. "Schau", sagte der Gärtner zu seiner
Frau, "unser Baum wächst schief. Seit wann dürfen
Bäume denn schief wachsen, und dazu noch in unserem Garten?
Ausgerechnet unser Baum! Gott hat die Bäume nicht erschaffen,
damit sie schief wachsen, nicht wahr, Frau?" Seine Frau gab
ihm natürlich recht. "Du bist eine kluge und gottesfürchtige
Frau", meinte daraufhin der Gärtner "Hol also unsere
Schere, denn wir wollen unseren Baum gerade schneiden."
Der Baum weinte. Die Menschen, die ihn bisher so lieb gepflegt
hatten, denen er vertraute, schnitten ihm die Äste ab, die
der Sonne am nächsten waren. Er konnte nicht sprechen und
deshalb nicht fragen. Er konnte nicht begreifen. Aber sie sagten
ja, daß sie ihn lieb hätten und es gut mit ihm meinten.
Und sie sagten, daß ein richtiger Baum gerade wachsen müsse.
Und Gott es nicht gern sähe, wenn er schief wachse. Also
mußte es wohl stimmen. Er wuchs nicht mehr der Sonne entgegen.
"Ist er nicht brav, unser Baum?" fragte der Gärtner seine Frau. "Sicher, lieber Mann", antwortete sie, "du hast wie immer recht. Unser Baum ist ein braver Baum."
Der Baum begann zu verstehen. Wenn er machte, was ihm Spaß und Freude bereitete, dann war er anscheinend ein böser Baum. Er war nur lieb und brav, wenn er tat, was der Gärtner und seine Frau von ihm erwarteten. Also wuchs er jetzt strebsam in die Höhe und gab darauf acht, nicht mehr schief zu wachsen.
"Sieh dir das an", sagte der Gärtner eines Tages zu seiner Frau, "unser Baum wächst unverschämt schnell in die Höhe. Gehört sich das für einen rechten Baum?" Seine Frau antwortete: "Aber nein, lieber Mann, das gehört sich natürlich nicht. Gott will, daß Bäume langsam und in Ruhe wachsen. Und auch unser Nachbar meint, daß Bäume bescheiden sein müßten, ihrer wachse auch schön langsam." Der Gärtner lobte seine Frau und sagte, daß sie etwas von Bäumen verstehe. Und dann schickte er sie die Schere holen, um dem Baum die Äste zu stutzen.
Sehr lange weinte der Baum in dieser Nacht. Warum schnitt man ihm einfach die Äste ab, die dem Gärtner und seiner Frau nicht gefielen? Und wer war dieser Gott, der angeblich gegen alles war, was Spaß machte?
Schau her, Frau", sagte der Gärtner, "wir können stolz sein auf unseren Baum." Und seine Frau gab ihm wie immer recht.
Der Baum wurde trotzig. Nun gut, wenn nicht in die Höhe, dann eben in die Breite. Sie würden ja schon sehen, wohin sie damit kommen. Schließlich wollte er nur wachsen, Sonne, Wind und Erde fühlen, Freude haben und Freude bereiten. In seinem Innern spürte er ganz genau, daß es richtig war, zu wachsen. Also wuchs er jetzt in die Breite.
"Das ist doch nicht zu fassen." Der Gärtner holte empört die Schere und sagte zu seiner Frau: "Stell dir vor, unser Baum wächst einfach in die Breite. Das könnte ihm so passen. Das scheint ihm ja geradezu Spaß zu machen. So etwas können wir auf keinen Fall dulden!" Und seine Frau pflichtete ihm bei: "Das können wir nicht zulassen. Dann müssen wir ihn eben wieder zurecht stutzen."
Der Baum konnte nicht mehr weinen, er hatte keine Tränen mehr. Er hörte auf zu wachsen. Ihm machte das Leben keine rechte Freude mehr. Immerhin, er schien nun dem Gärtner und seiner Frau zu gefallen. Wenn auch alles keine rechte Freude mehr bereitete, so wurde er wenigstens lieb gehabt. So dachte der Baum.
Viele Jahre später kam ein kleines Mädchen mit seinem Vater am Baum vorbei. Er war inzwischen erwachsen geworden, der Gärtner und seine Frau waren stolz auf ihn. Er war ein rechter und anständiger Baum geworden. Das kleine Mädchen blieb vor ihm stehen. "Papa, findest du nicht auch, daß der Baum hier ein bißchen traurig aussieht?" fragte es. "Ich weiß nicht", sagte der Vater. "Als ich so klein war wie du, konnte ich auch sehen, ob ein Baum fröhlich oder traurig ist. Aber heute sehe ich das nicht mehr."
"Der Baum sieht wirklich ganz traurig aus." Das kleine Mädchen sah den Baum mitfühlend an. "Den hat bestimmt niemand richtig lieb. Schau mal, wie ordentlich der gewachsen ist. Ich glaube, der wollte mal ganz anders wachsen, durfte aber nicht. Und deshalb ist er jetzt traurig." "Vielleicht", antwortete der Vater versonnen. "Aber wer kann schon wachsen wie er will?"
"Warum denn nicht?" fragte das Mädchen. "Wenn jemand den Baum wirklich lieb hat, kann er ihn auch wachsen lassen, wie er selber will. Oder nicht? Er tut doch niemandem etwas zuleide."
Erstaunt und schließlich erschrocken blickte der Vater sein Kind an. Dann sagte er: "Weißt du, keiner darf so wachsen wie er will, weil sonst die anderen merken würden, daß auch sie nicht so gewachsen sind, wie sie eigentlich mal wollten."
"Das verstehe ich nicht, Papa!"
"Sicher, Kind, das kannst du noch nicht verstehen. Auch du bist vielleicht nicht immer so gewachsen, wie du gerne wolltest. Auch du durftest nicht." "Aber warum denn nicht, Papa? Du hast mich doch lieb und Mama hat mich auch lieb, nicht wahr?"
Der Vater sah sie eine Weile nachdenklich an. "Ja", sagte er dann, "sicher haben wir dich lieb."
Sie gingen langsam weiter und das kleine Mädchen dachte noch lange über dieses Gespräch und den traurigen Baum nach. der Baum hatte den beiden aufmerksam zugehört, und auch er dachte lange nach. Er blickte ihnen noch hinterher, als er sie eigentlich schon lange nicht mehr sehen konnte. Dann begriff der Baum. Und er begann hemmungslos zu weinen.
Bruno Streibel und Heinz Körner
Wie es weiterging
(aus demselben Buch)
In dieser Nacht war das kleine Mädchen sehr unruhig. Immer wieder dachte es an den traurigen Baum und schlief schließlich erst ein, als bereits der Morgen zu dämmern begann. Natürlich verschlief das Mädchen an diesem Morgen. Als es endlich aufgestanden war, wirkte sein Gesicht blaß und stumpf. "Hast du etwas Schlimmes geträumt", fragte der Vater. Das Mädchen schwieg, schüttelte dann den Kopf. Auch die Mutter war besorgt: "Was ist mit dir?"
Und da brach schließlich doch all der Kummer aus dem Mädchen. Von Tränen überströmt stammelte es: "Der Baum! Er ist so schrecklich traurig. Darüber bin ich so traurig. Ich kann das alles einfach nicht verstehen."
.....
...Traurig war er, traurig wie nie zuvor. Der Baum hatte verstanden,
was er alles verpaßt hatte in seinem Leben, welche Freuden
der Gärtner und seine Frau ihm genommen hatten. Von Tag zu
Tag ging es ihm schlechter, seine Blätter wurden braun, er
wurde krank und verlor schließlich gar alle Lebenslust.
Die Vergangenheit hatte ihn eingeholt und ließ ihn nun nicht
wieder los. Da konnte ihn nicht einmal mehr die Sonne aufheitern,
die ihn an den schönen Frühlingstagen immer wieder von
Neuem zu erwärmen und zu erfreuen versuchte. Der Baum malte
sich aus, wie er damals hätte wachsen können und wie
groß er jetzt hätte sein können. Der Gärtner
und die Gärtnerin bemerkten diese Veränderungen beim
Baum. Sie sagten sich: "Das kann doch wohl nicht sein, daß
der Baum im Frühling anfängt, seine frischen, jungen
Blätter zu verlieren. So ist das nicht richtig. So wollen
wir den Baum nicht. Aber, na ja, wir können ja erst einmal
abwarten, ob er sich nicht doch noch wieder erholt."
In dieser Zeit kam das Mädchen den Baum öfters besuchen.
Auch sie bemerkte, daß er immer schwächer wurde. "Was
hast Du", fragte sie ihn. "Warum freust Du Dich nicht
über den schönen Frühling und die lustigen Vögel,
die auf Dir zwitschern?" "Mein ganzes Leben ist doch
sinnlos. Ich habe so viel schönes verpaßt. Damals,
als ich jung war, hätte ich wachsen können, hätte
Spaß haben können am Leben. Aber jetzt bin ich so geprägt
von meinem Gärtner und meiner Gärtnerin, daß ich
gar nicht mehr frei sein kann. Wie soll ich denn mit anderen viel
schöneren Bäumen Spaß haben, wenn ich weiß,
daß ich auch so gut hätte aussehen können wie
sie?" Das Mädchen wußte auch nicht , was sie darauf
antworten sollte. Sie überlegte und sagte schließlich:
"Es ist richtig, daß Du traurig bist; es stimmt, Du
hast wirklich viel verpaßt. Aber überleg doch mal:
Du lebst doch jetzt und auch jetzt kannst Du Spaß haben.
Sag Dir doch einfach: ,Ich bin so, wie ich bin, und auch, wenn
nicht alles perfekt an mir ist, bin ich gut. Auch ich kann Spaß
haben am Leben - genauso viel Spaß wie alle anderen und
vielleicht sogar noch mehr!' Lieber Baum, Du hast doch so viele
Freunde die vielen Vögel und anderen Tiere, die Du
beherbergst sie mögen Dich alle. Und auch ich mag Dich
Du bist mein Freund. Denk doch nicht weiter über den
Gärtner und die Gärtnerin nach. Denk an die schönen
Seiten des Lebens!"
Diesen Rat befolgte der Baum. Der Gärtner und seine Frau
waren zwar nicht immer zufrieden mit ihm, weil er jetzt wieder
anfing, zu sprießen und zu wachsen. Doch auch durch ihre
Bosheit ließ er sich nicht mehr entmutigen. Er wurde ein
glücklicher Baum, der noch lange lebte.
Ulrike Beuing
... Er begann hemmungslos zu weinen.
Der Baum verstand nun, dass der Gärtner ihn gestutzt hatte,
um ihn anderen Bäumen gleich zu machen. Er sollte nicht anders
sein, sondern so, wie alle anderen Bäume.
Am nächsten Tag ging das kleine Mädchen zu dem Gärtner
und seiner Frau. Sie klingelte an der Türe, und ehe die Schelle
zu Ende geschellt hatte, machte ihr der Gärtner die Tür
auf. "Hallo Gärtner" , sagte das Mädchen.
" Ich habe gestern deinen Baum gesehen und er sieht sehr,
sehr traurig aus. Sag, was habt ihr mit ihm gemacht?" Der
Gärtner zog verwundert eine Augenbraue hoch in die Stirn
hinein und antwortete:" Nichts, kleines Mädchen! Wir
haben unser Bäumchen sehr, sehr lieb und darum auch seine
Äste geschnitten. Sie wuchsen kreuz und quer und er war kein
schönes Bäumchen mehr."
"Aber er war doch bestimmt glücklich, so wie er wuchs",
sagte das Mädchen. " Nun sieht er sehr traurig aus.
Warum darf er nicht wachsen wie er möchte?" Der Gärtner
überlegte eine Weile. Er runzelte seine Stirn und seine buschigen
Augenbrauen hüpften nachdenklich auf und ab. Dann sagte er
:" TH. Meine Frau und ich werden es uns überlegen, ob
wir ihn so wachsen lassen sollen, wie er möchte. Bist du
damit einverstanden?" "Ja!", sagte das kleine Mädchen
und strahlte bis über beide Ohren. Sie war sehr zufrieden.
Glücklich ging sie nach Hause.
Es war schon spät am Abend, als der Gärtner seiner Frau
von dem kleinen Mädchen erzählte, das ihn heute besucht
hatte. Die Frau war verwundert."Wie kann dieses kleine Mädchen
wissen, wie sich unser braves Bäumchen fühlt?"
"Ich weiß es nicht", sagte der Gärtner zu
ihr", aber wir können ja mal zu unserem lieben Bäumchen
gehen. Auch wenn ein braves Bäumchen um diese Zeit schon
schläft, so können wir doch mal versuchen zu erkennen,
ob er traurig ist." Die Frau war einverstanden, zumal es
eine wunderschöne Nacht war. Sie sahen die Sterne funkeln
und der Mond sah aus wie eine leuchtende Banane, die am Himmel
hing. Der Gärtner und seine Frau spazierten gemeinsam über
die große Wiese, an deren Ende der Baum stand. Es war schon
kühl geworden und der Gärtner dachte darüber nach,
ob sein kleines Bäumchen vielleicht frieren würde. "
So, nun lass uns sehn, ob unser geliebtes Bäumchen denn wirklich
so traurig ist", sagte die Frau.
Sie standen nun direkt vor dem Bäumchen. Weil das Bäumchen
einen sehr leichten Schlaf hatte, wachte es von der Stimme der
Frau erschrocken auf. "Huch!", sagte das kleine Bäumchen
zu sich. " Warum sind der Gärtner und seine Frau denn
hier? Mitten in der Nacht. Wo es doch so schrecklich kalt ist."
Und er zitterte mit seinen Ästen, dass seine Blätter
nur so raschelten. Der Gärtner merkte das und sagte: "Frau,
hast du gesehen, wie seine Blätter geraschelt haben? Es weht
kein Wind und doch bewegen sich seine Blätter. Ob er friert?"
" Ich kann es mir nicht erklären", sagte die Frau.
"Hätte Gott gewollt, das Bäume zittern, wenn sie
frieren, hätte er keinen Wind erschaffen müssen."
Der Gärtner überlegte. Wieder runzelte er nachdenklich
seine Stirn. Auf einmal schien es dem Bäumchen, als würde
der Gärtner sich um ihn sorgen. " Frau, was redest du
nur für einen Unfug! Gott hat gewollt, dass jeder Mensch,
jedes Tier und jede Pflanze lebt. Wenn wir unserem Bäumchen
tatsächlich die Freude am Leben nehmen, so müssen wir
das ändern! Unser geliebtes Bäumchen muss nicht nur
leben, sondern auch schöne Sachen ER-leben.!"
Die Frau war sehr erschrocken. Doch dann wurde sie nachdenklich.
Eine Weile sagte keiner von beiden auch nur einen Ton.
Der Baum hielt die Luft an. Noch nie war der Gärtner so aufgebracht
gewesen. Doch das Funkeln in seinen Augen war immer noch da und
das Bäumchen hatte ein ganz und gar merkwürdiges Gefühl
von den Wurzeln bis zu Spitze. "Nun," sagte die Frau,
"du scheinst Recht zu haben. Auch wenn wir Menschen nicht
immer so leben können, wie wir es gerne möchten, so
haben wir doch unseren Spaß am Leben. Nun sag schon, Mann,
was denkst du dir Schönes für unser geliebtes Bäumchen
aus?" Sie schaute den Gärtner neugierig an und nun bemerkte
auch sie, dass der Gärtner schwupp-di-wupp eine geniale Idee
gekriegt hatte.
"Aaalso", sagte der Gärtner und er zog das A so
doll in die Länge, dass das Bäumchen zuerst dachte,
er würde nur gähnen wollen. " Ich finde, - wir
sollten bis zum nächsten Frühjahr unser Bäumchen
wachsen lassen so viel und so hoch es will. Dann laden wir alle
Freunde und Verwandten ein und machen ein riesiges, buntes Frühjahrsfest
in unserem Garten. Und das Bäumchen, das steht mitten in
der Mitte, wo es am meisten Gesellschaft hat." Die Frau war
beeindruckt. So eine verrückte Idee hatte ihr Mann schon
lange nicht mehr gehabt. Er wollte doch tatsächlich für
den Baum ein Fest veranstalten. " Nun", sagte die Frau,
"wenn ich es mir recht überlege ist es zum Frühjahr
noch lange hin. Also lass es uns nocheinmal gut überlegen."
"Moment", sagte der Gärtner, "ich finde wir
sollten unserem Bäumchen zeigen, das er auch geliebt wird,
wenn er nicht völlig gerade ist. Obwohl er uns dann natürlich
besser gefallen würde. Aber wir sind ja auch nicht ganz perfekt."
" Schön, schön", sagte die Frau. " Du
hast mich überzeugt. So dickköpfig wie du, ist nichtmal
ein Elefant. Es nützt nichts, dich aufhalten zu wollen. Geben
wir also ein Fest."
"Hui!", dachte der Baum " Na, wenn das keine Überraschung
ist. Der Gärtner und seine Frau scheinen mich wirklich lieb
zu haben. Sie wollen mich wachsen lassen, so wie ich es möchte!"
Und der Baum freute sich. Er freute sich so sehr, dass er in die
Luft springen wollte. Aber das ging ja nicht. Seine Wurzel wuchsen
tief in der Erde und er wollte auf keinen Fall auf den Gärtner
oder seine Frau fallen.
Die Frau war schon umgekehrt und spazierte Richtung Haus, doch
der Gärtner stand immernoch neben dem Baum. Nachdenklich
ging er um ihn herum. "So, mein Bäumchen. Nun erkläre
mir doch mal, warum ich das nun alles für dich mache."
Er bekam keine Antwort, denn der Baum konnte ja nicht sprechen.
Das Bäumchen hätte so gerne gerufen: " Danke! Danke!
Ich weiß nun, wie es ist, WIRKLICH lieb gehabt zu werden!"
Doch der Baum schwieg. Der Gärtner schwieg nun auch. Er schien
etwas Sonderbares zu fühlen, doch er konnte nicht sagen,
was es war.
Plötzlich kam dem Bäumchen eine Idee. Auch wenn es unglücklich
gewesen war, so hatte es dem Gärtner doch eine Freude machen
wollen. Es nahm alle seine Kraft zusammen und schüttelte
den einzigen kleinen Apfel von seinen Ästen, den es trug.
Der Apfel fiel direkt vor die Füße des Gärtners.
Er hob den kleinen Apfel auf und schaute den Baum an. " Ja,
ich glaube, ich weiß, was du mir sagen willst und du sollst
wissen, dass wir dich ganz doll lieb haben." " Ja",
wollte der kleine Baum sagen."Ich habe euch beide auch lieb."
Doch der kleine Baum stand nur schweigend da, denn er konnte ja
nicht sprechen. " Doch auch wenn ich nicht mit euch reden
kann", dachte der kleine Baum. " So hast du doch wenigsten
meinen Apfel." Und das Bäumchen schaute dem Gärtner
nach, der auf das Haus zu ging, und sich nocheinmal zufrieden
umschaute.
Eva Brömmelhaus
...... Als am nächsten Tag die Sonne aufging ,war der
Baum zwar immer noch sehr ,sehr traurig ,doch er konnte nicht
mehr weinen ,weil er keine Tränen mehr hatte .Auf ihrem Spaziergang
kamen der Gärtner und seine Frau an diesem Tag an dem Baum
vorbei und blieben stehen .Der Gärtner sagte zu seiner Frau
: "Der Baum ist nun sehr groß geworden ,er wirft zu
viel Schatten auf die anderen Pflanzen .Wir sollten ihn fällen
und einen neuen ,kleineren Baum pflanzen .Was meinst Du dazu ,liebe
Frau ?" Die Frau antwortete : "Du hast recht ,wir sollten
einen Baum pflanzen ,der die anderen Pflanzen nicht stört
und ihnen nicht das Licht wegnimmt ,lieber Mann ." Daraufhin
wurde neben dem Baum ,der nun noch trauriger geworden war ,ein
Loch gegraben und der Gärtner setzte einen kleineren Baum
mit dünneren Ästen und weniger Blättern in das
Loch und füllte es um den Stamm herum sorgfältig wieder
mit Erde .Dann betrachtete er zufrieden sein Werk und sagte zu
den kleinen Baum : "Hoffentlich werden meine Frau und ich
mit Dir nicht soviel Ärger haben wie mit dem alten Baum ."
In der darauf folgenden Nacht hörte der alte Baum plötzlich
ein leises ,schüchternes Stimmchen flüstern : "He,
Du großer Baum ,was meinte der Gärtner heute ,als er
sagte ,ich solle ihm nicht soviel so viel Ärger machen wie
Du ?"Und der alte Baum erzählte ,wie es ihm ergangen
war .Daß er immer wieder falsch gewachsen war und seine
Äste abgeschnitten worden waren ,obwohl er eigentlich nur
glücklich sein wollte und lieb gehabt werden wollte .Er erzählte
von dem Mädchen ,daß ihm klar gemacht hatte ,daß
niemand so wachsen kann ,wie er es
will ,weil man dann nicht so lieb gehabt wird .Sie redeten sehr
lange miteinander und es wurde schon fast wieder hell ,als der
alte Baum dem jungen Baum den Rat gab ,immer schön gerade
nach oben zu wachsen ,nicht zu schnell und nicht zu langsam und
bloß nicht so ,wie es ihm Spaß macht ,der Sonne entgegen
.Denn sonst würden ihn der Gärtner und seine Frau nicht
mögen .Kurz darauf kam der Gärtner mit einer Axt und
fällte den großen Baum .Dabei weinte und weinte der
Baum .Und auch der Baum war sehr traurig und vergoß viele
Tränen .Der kleine Baum hielt sich immer an den Rat des alten
Baumes und der Gärtner und seine Frau sagten ihm oft ,daß
er ein braver ,schöner Baum sei ,trotzdem war er unglücklich
.Eines Tages kam ein großer Möbelwagen und der Gärtner
und seine Frau räumten ihren ganzen Besitz aus dem Haus in
den Umzugswagen und verschwanden für immer .Am selben Tag
kam ein kleines Mädchen zu dem kleinen Baum und sagte : "Man
, wo sind denn der Gärtner und seine Frau geblieben ,gibt
es niemanden mehr ,der sich um Dich kümmert ,kleiner Baum
? Und wo ist der große ,unglücklich ausschauende Baum
geblieben ? Ist er gefällt ? Aber Du ,kleiner Baum ,scheinst
auch nicht glücklich zu sein !Von jetzt an werde ich jeden
Tag zu Dir kommen und Dich pflegen , damit Du glücklich bist
."Und das tat das kleine Mädchen auch .Sie erklärte
dem Baum ,daß er wachsen dürfe ,wie er möchte
,ob schief oder schnell ,ob krumm oder langsam .Sie hatte ihn
einfach lieb ,so wie er war und sie redete oft mit ihm über
alles ,ihr in den Sinn kam .Nach einer Weile war aus dem kleinen
,unglücklichen Baum ein riesiger , prachtvoller Baum geworden
,an dem alle Leute ,die vorbeikommen stehen blieben und sagten
.: "Guck mal ,welch ein wunderschöner Baum ."Er
war glücklich und zufrieden und machte somit Andere froh
.
Mareike Bücker und Christine Freßmann

... Er begann hemmungslos zu weinen. Der Baum erkannte für
sich, daß seine Jugend vorbei war. Traurig wurde ihm bewußt,
daß er zwar geliebt wurde, aber nur weil er gerade, langsam
und schön gewachsen war. Eines Tages kam das Mädchen
wieder. Leise sprach sie zum Baum: "Ich weiß, daß
du nicht glücklich bist. Ich möchte dir helfen!"
Vorsichtig trennte sie einen Ast ab. Der Baum erschrak. Warum
tat das kleine Mädchen ihm denn jetzt auch noch weh? Er hatte
doch eigentlich Vertrauen zu ihr gefaßt. Das Mädchen
begann zu erklären: "Lieber Baum, ich nehme jetzt deinen
Ast und pflanze ihn in der Nähe des großen Sees ein.
Da hat er Sonne und Wasser, und im Sommer besuchen ihn viele Leute
und freuen sich über den Schatten, den er spendet. Der Baum
sah ein, daß das Mädchen ihm kein Unrecht tun wollte.
Er freute sich, einen eigenen kleinen Baum zu haben, der wachsen
konnte wie er wollte. Überglücklich ließ das Mädchen
ihn zurück. Er selbst konnte seine Situation zwar nicht mehr
ändern, aber er wußte, daß es da einen neuen
Baum gab, der ein Teil von ihm war, und glücklich und frei
wachsen durfte. Schade nur, daß er nicht bei ihm sein konnte!
Kathrin Joostink
... Anarchisten brauchen keinen Grund, um etwas zu tun. Sie
tun es einfach. Sie tun es einfach so, um zu zeigen, daß
sie keinen Grund brauchen, es zu tun. Es gibt keine Regeln, keine
Zwänge, keine Gesetze. Für sie existiert nur die Freiheit.
Von weitem hörte man Feuerwehrsirenen. Ein Kind schrie, einige
Hunde bellten, aber das alles nahm sie kaum wahr. Freiheit? Was
hatte sie sich dabei gedacht? Hatte sie überhaupt gedacht?
Die Anarchisten hatten die Konditorei ihres Vaters in Brand gesetzt.
Alles Chaos. Wie sollte es nun weitergehen? Wie sollte ihr Vater
das monatliche Einkommen sichern? Freiheit?
-Alles Chaos! Die Versicherung würde den Schaden sicher nicht
vollständig ersetzen. Sie fühlte sich schuldig, einsam
und verlassen. Alles war sinnlos, alles war Chaos. Welchen Zweck
hatte es gehabt? Gab es einen Sinn? Ein Gefühl der Leere
breitete sich in ihr aus. War es Leere? Oder war es Verwirrung?
Sie wußte es nicht. Oder wußte sie es doch, und war
bloß zu verwirrt, es zu definieren? Aber wenn es so wäre,
wäre es Verwirrung. Sie hatte Kopfschmerzen, wollte nicht
mehr denken. Alles Chaos. Freiheit? Sie selbst hatte dabei zugesehen,
den Benzinkanister in der Hand und unfähig sich gegen das
Geschehen aufzulehnen. Alles sinnlos. Chaos, Anarchie, war das
Freiheit?
Eine Polizeistreife fuhr an ihr vorbei. Niemand würde sie
verdächtigen. Keiner würde vermuten, daß sie an
der Brandstiftung beteiligt gewesen war, daß sie ihren eigenen
Vater hintergangen hatte. Sie fühlte sich schuldig, fühlte,
wie sich das Gefühl von Leere weiter in ihr ausbreitete.
Leere oder Verwirrung? Oder beides? Aber das schloß sich
aus, denn Verwirrung spürt man, wenn der Kopf zu voll ist.
Alles Chaos. Die Straße war menschenleer. Leer wie ihr verwirrter
Kopf. "Freiheit über alles!" hatten sie gerufen,
bevor sie die Scheiben einschlugen. Freiheit? Was war das eigentlich?
Kann man überhaupt frei sein? Sie sah den Baum auf der anderen
Straßenseite, in einem dieser gepflegten Vorgärten.
Er war in den letzten Jahren kaum gewachsen. Man hatte es ihm
verboten. Sie erinnerte sich, wie sie, als sie noch ein Kind war,
gesehen hatte, wie traurig der Baum darüber war, daß
er nicht so wachsen durfte, wie er wollte. "Niemand darf
wachsen wie er will", hatte ihr Vater damals gesagt. Der
Baum war abgestumpft. Er sah weder traurig noch glücklich
aus. Und sie? War sie glücklich oder sah sie glücklich
aus? Sie war nicht glücklich, aber um traurig zu sein war
sie zu verwirrt. Während sie den Baum ansah, erahnte sie,
was ihr Vater meinte, als er sagte, niemand dürfe wachsen
wie er wolle. Sicher hatte er damit nicht ganz unrecht. Er war
ein guter Vater. Er hatte sich immer darum bemüht, daß
es ihr gut ging. Sie sah den Baum an. Ganz frei sein würde
sie nie, aber das war schließlich auch nicht so schlimm.
Der Baum stand da. Er wirkte etwas starr und unlebendig; - Und
doch, da sah sie ihn ein wenig lächeln.
Eleni Kondakis
... Er begann hemmungslos zu weinen. Der Baum verstand nun, dass der Gärtner ihn mit der Absicht gestutzt hatte, um ihn anderen Bäumen gleich zu machen. Er sollte keine Ausnahme darstellen, sondern gleich allen anderen Bäumen sein. Am nächsten Tag ging das kleine Mädchen zu dem Gärtner und seiner Frau und sagte: "Ich habe gestern Ihren Baum besucht und ich finde, dass er sehr traurig aussieht. Was habt Ihr mit ihm gemacht?" Der Gärtner antwortete: "Nichts! Wir haben ihn lieb und darum auch seine Äste geschnitten. Sie wuchsen kreuz und quer und er war kein schöner Baum mehr." Da fing das Mädchen an zu weinen. "Stellt euch mal vor, ich würde euch die Arme und Beine abschneiden, weil sie nicht gerade und nicht so gewachsen sind, wie ich wollte." Der Gärtner tröstete das Mädchen und versprach, dem Baum nichts mehr abzuschneiden. Daraufhin ging das Mädchen zu dem Baum und erzählte ihm alles. Vor Freude wuchs dieser in die Breite und in die Höhe, so wie er wollte. Und jedesmal, wenn der Vater und das Mädchen dort vorbeikamen, freuten sie sich.
Margarete Niehoff
Luft & Liebe
... Da begriff der Baum und begann hemmungslos zu weinen ...
Er wollte nicht mehr so weiter leben, er wollte nicht mehr gerade
und langsam wachsen, aber er kannte auch keine Alternative. Deshalb
mußte der gute Baum weiter sein ödes Dasein bestreiten.
Eines Tages aber bemerkte er eine Veränderung im Nachbargarten,
die gleichmäßig geschnittene Hecke war verschwunden
und der Rasen war zu einer wildwuchernden Wiese geworden. "Schrecklich",
sagte der Gärtner zu seiner Frau, einen solchen Anblick können
wir doch nicht ertragen, stimmt es nicht, Frau?" "Du
hast Recht, laß uns mal gleich mit unserem neuen Nachbarn
sprechen", erwiderte die Frau. Sie zogen ihre Sonntagskleidung
an und gingen in das mit Efeu überwucherte Haus der Nachbarn.
Der Baum hatte dem Gärtner und seiner Frau aufmerksam zugehört. Irgendetwas muß an den schönen Pflanzen dort drüben im Garten falsch sein, sie dürfen krumm und schief wachsen und wurden nicht zurecht geschnitten."Als es Nacht wurde und alle Menschen schliefen, rief der Baum ganz leise: "Hey, hey, ihr da drüben, könnt ihr mich hören, könnt ihr mich verstehen?" Es kam keine Antwort. "Hallo", rief der Baum erneut, endlich regte sich etwas. "Was ist denn ?", hörte der Baum eine verschlafene Stimme murmeln. "Ich wollte eigentlich nur wissen ,wie ihr es schafft, so fröhlich und so schön zu sein, aber trotzdem geliebt zu werden. "Wir geliebt? Lange Zeit mußten wir gerade stehen und gleichsam wachsen, doch dann verliebte sich unser Hausherr in eine wunderschöne Frau", sagte ein winziger Grashalm. "Genau",rief auch das Efeu, jahrelang durften wir nicht die roten Ziegelsteine der Hauswand bedecken, doch als sich unser Besitzer nur noch um seine Frau kümmerte,wuchsen wir so wie wir es wollten, mal kreuz, mal quer, und als sie heirateten und zusammenzogen, hat die Frau wohl gesagt, daß der Garten so schön sei,wie er sei und daß der Mann ihn doch so wild lassen solle.Da begriff der Baum, der aufmerksam zugehört hatte, und er sagte leise vor sich hin: "Die Liebe, also die Liebe." Er beschloß daher, so zu wachsen,wie er wollte.
Als das Gärtnerehepaar aus den Ferien wiederkam, schauten sie erschrocken auf den Baum. "Was ist das denn?", schrie die Frau entsetzt. In den Ferien hatte sich der Baum ganz feuerrot-grüne Blätter zugelegt, die alten Blätter hatte er sechzehn Jahre getragen, jetzt fand er sie out. Auch die Äste der Krone hatte er ein bißchen durcheinander wachsen lassen. "Der ist ja völlig verwachsen", sagte der Gärtner auf dem Weg zur Garage, nicht mehr zu retten". Er kam mit einer Motorsäge zurück. Als der Gärtner die Säge anstellte, erschrak der Baum, der bis dahin geträumt hatte. "Warum werde ich denn jetzt gefällt, ich habe doch nur das getan ,was die anderen Pflanzen im Nachbargarten auch getan haben! Da fiel der Baum, er hatte wohl nicht erkannt, daß sich der Gärtner und die Frau gar nicht richtig liebten und daß sie ein Herz aus Stein hatten, und so war auch der Baum eines der unzähligen Geschöpfe geworden, die nicht von Luft und Liebe allein leben durften.
Jan Nies
..... Das kleine Mädchen lag abends in seinem Bett und
überlegte, wie es den Baum vielleicht glücklich machen
könnte. Lange lag sie wach und grübelte. Kurz bevor
ihr jedoch die müden Äuglein zufielen , kam ihr plötzlich
eine tolle Idee und zufrieden schlief sie ein. Am nächsten
Morgen rannte sie sofort zum Haus des Gärtners und wartete
aufgeregt und voller Zuversicht darauf mit dem Gärtner und
seiner Frau zu sprechen. Diese waren sehr erstaunt ein kleines
Mädchen vor der Tür stehen zu sehen, aber sie hörten
dem Mädchen aufmerksam zu, als es zu sprechen begann. "Wißt
ihr", sagte das Mädchen , "euer Baum, der draußen
am Zaun steht, ist sehr unglücklich". Der Gärtner
und seine Frau wunderten sich sehr. Wie kann ein Baum unglücklich
sein ? Pflanzen haben doch gar keine Gefühle, oder vielleicht
doch ? So ganz sicher waren sie sich nun auch nicht mehr , als
das Mädchen erzählte , daß der Baum so gerne frei
wachsen würde. Und, daß er das Gefühl hätte
keiner würde ihn lieben. "Aber", sagte die Frau,
"der Baum sieht doch so gestutzt viel schöner aus. Er
ist gerade gewachsen, nicht zu breit, aber auch nicht zu schmal".
Das Mädchen aber antwortete: "Jeder Baum ist doch einzigartig
und gerade das ist doch das schöne". Nachdenklich runzelte
das Ehepaar die Stirn. Das Mädchen aber schlug vor, daß
man ja noch einen Baum in den Garten pflanzen könne. Einen
der völlig frei wachsen würde. "Dann schauen wir
nach welcher Baum der schönere ist. Der gerade und traurige
oder der schiefe und glückliche Baum", rief das Mädchen
begeistert. Um sie nicht zu enttäuschen, wurde ein zweiter
Baum neben der ersten gepflanzt. Dieser Baum wurde eifrig von
dem Mädchen bewässert, gedüngt , aber nicht gestutzt.
Oft besuchte das Mädchen auch den alten Baum, der natürlich
von dem Plan des Mädchens wußte und sich auch über
die Gesellschaft des anderen Bäumchens freute. Er fühlte
sich nicht mehr so allein und unverstanden.
Nach einiger Zeit, als das kleine Bäumchen schon sehr gewachsen
war, kamen der Gärtner und seine Frau in den Garten. Da sahen
sie das kleine Bäumchen, das sich zwar ein wenig nach rechts
zur Sonne streckte, aber dafür viel schönere grünere
Blätter hatte. Auch die Blüten strahlten in den schönsten
Farben und das Bäumchen wirkte völlig glücklich.
Von der Ausstrahlung dieses Bäumchen überrascht , sahen
die beiden nun zu dem anderen Baum. "Du hast ja recht",
sagte der Gärtner. "Dieser Baum sieht ja aus wie jeder
beliebige Baum. Aber das kleine Bäumchen ist das schönste
auf der ganzen Straße". "Ja , siehst Du",
sagte das Mädchen , "es ist glücklich so wachsen
zu können wie es will". Die Frau stimmte ihr kopfnickend
zu . "Ja, ja jeder sollte die Freiheit haben sich so zu entwickeln
, wie er es will. Das ist so wichtig, doch die Menschen müssen
immer wieder daran erinnert werden". Und so ließen
sie ihre Pflanzen frei wachsen und auch der Gärtner erzählte
seinen Kunden von der Geschichte seiner Bäume. So brauchten
die Kinder keine traurigen Bäume mehr in dieser Stadt zu
sehen und auch der Baum des Gärtners war sehr glücklich,
weil er nun doch alles hatte was er brauchte.
Anne Riesinger
... Der Baum war so traurig, daß er viele Tage und Nächte
ununterbrochen weinte. Er war enttäuscht von dem Mann und
der Frau, denn er hatte bemerkt, daß sie ihn gar nicht wirklich
lieb hatten. Der Mann und die Frau waren immer nur darauf bedacht,
daß er gerade und richtig wachsen sollte. Wenn er so wuchs,
wie der Mann und die Frau es wollten, sagten sie, daß sie
ihn lieb hätten. In Wirklichkeit jedoch hatten sie den Baum
gar nicht lieb, sondern waren nur mit seiner Gehorsamkeit zufrieden.
Dem Baum wurde klar, daß der Mann und die Frau nie so gemein
zu ihm gewesen wären und ihn hätten stutzen lassen,
wenn sie ihn wirklich lieb gehabt hätten. Er dachte lange
darüber nach und wurde immer trauriger. Der Mann und die
Frau aber bemerkten dies alles nicht. Es erschien ihnen so, als
ob der Baum so weiter wachsen würde, wie sie es wünschten.
Der Baum jedoch hatte keine Kraft mehr so zu wachsen und zu leben
wie früher. Er war sehr gekränkt, und blieb einfach
nur still stehen. Er wurde weder höher noch breiter. Sein
Lebensmut war verschwunden, und von Zeit zu Zeit fing er ganz
langsam an zu schrumpfen.
Eines Tages bekam der Baum Besuch. Das Mädchen, welches schon
einmal mit dem Vater durch den Garten gegangen war, stand vor
ihm. Es war genau das Mädchen, das dem geholfen hatte die
Wirklichkeit über den Mann und die Frau zu entdecken. Das
kleine Mädchen stand lange Zeit einfach nur da und betrachtete
den Baum nachdenklich. Dann fing es an zu reden: "Du armer
Baum, warum bist du so traurig? Was ist los?" Und der Baum
fing wieder an zu weinen und erzählte dem Mädchen schließlich
seine ganze Geschichte von dem Mann und der Frau. Das Mädchen
hörte stillschweigend zu. Es verstand den Baum und wollte
ihm gerne helfen. "Mir kann man nicht mehr helfen!"
sagte der Baum. "Ich habe keine Kraft mehr zum Leben. Es
dauert nicht mehr lange und dann sterbe ich. Meine äußere
Rinde fängt schon bald an zu faulen." Obwohl der Baum
mit dem Mädchen über seinen Tod gesprochen hatte, war
es schön gewesen. Er hatte zum ersten Mal das Gefühl,
daß er ernst genommen wurde und, daß sich jemand für
ihn selbst und nicht nur für sein äußeres Erscheinungsbild
interressierte. So wurden der Baum und das kleine Mädchen
sogar noch Freunde. Den ganzen Tag unterhielten sie sich. Allmählich
bemerkte der Baum aber, daß ihn seine Kräfte verließen.
Es wurde Zeit sich von dem kleinen Mädchen zu verabschieden.
Als der Baum sagte, daß er jetzt bald sterben würde,
wurde das Mädchen auch ganz traurig. Doch plötzlich
hatte es eine Idee. Es umarmte den Baum, gab ihm einen dicken
Kuß und sagte: "Auf Wiedersehen, lieber armer Baum."
Dann brach es einen noch gesunden, mittelgroßen Zweig vom
Baum ab. "Jetzt werde ich einen neuen Baum aus deinem Zweig
pflanzen. Er soll in meinem Garten stehen und so wachsen, wie
er will." Als der alte Baum das gehört hatte, war er
so glücklich wie noch nie. Mit einem letzten Lächeln
im Gesicht sagte er noch: "Danke." Dann gaben seine
Kräfte auf.
Eva Schulze-Roetering
... Der Baum hatte begriffen. Und nun wollte er wieder wachsen
und glücklich Sonne und Regen spüren. Aber er hatte
keine Kraft mehr. Er konnte nicht mehr wachsen! Und deshalb blieb
er weiter ein ordentlicher Baum, und er gefiel dem Gärtner
und seiner Frau ausgesprochen gut.
Bis eines Tages etwas schreckliches passierte. In einem fernen
Land wütete ein furchtbarer Krieg, in dem ein kleiner Junge
seine Eltern verlor. Und weil dieser Junge nun ganz alleine war,
mußte er in das Land reisen, wo seine Verwandten lebten.
Nämlich zu dem Gärtner und seiner Frau.
Aber auch bei dem Gärtner und seiner Frau war der kleine
Junge noch sehr unglücklich. "Wir müssen ihn aufheitern!"
schlug die Frau dem Gärtner vor. Also gingen sie mit ihm
in den Zoo und ins Kino. Sie kauften ihm Spielzeug und kochten
sein Lieblingsessen. "Er will gar nicht glücklich werden!
Es ist wie mit unserem schönen Baum damals, der wollte auch
immer anders als wir." beklagte sich der Gärtner. Inzwischen
war der kleine Junge in den großen Garten hinausgegangen
und bewunderte die Pflanzen und Tiere. Und so kam er auch zu dem
Baum, der so ordentlich und brav gewachsen war, wie der Gärtner
und seine Frau das wollten. Er schaute den Baum traurig an, so
wie er alles traurig anschaute, seit er seine Eltern verloren
hatte. Der kleine Junge aber hatte eine besondere Gabe. Das heißt,
so besonders war sie gar nicht, denn viele Menschen bekommen sie-
das Vertrackte ist bloß, daß nur wenige Menschen die
Stille und die Zeit finden, sie zu entdecken. Der kleine Junge
konnte nämlich die Pflanzen und Tiere verstehen, ebenso,
als sprächen sie zu ihm. Er mußte nur ganz, ganz leise
und aufmerksam werden.
"Hallo Baum!" sagte er.
"Warum bist du denn so komisch gewachsen?" Er schaute
sich den Baum an, und lächelte ein klein wenig. "Oh,
früher, da wollte ich so wachsen, damit ich richtig bin,
und der Gärtner mit mir zufrieden ist." antwortete der
Baum. Der Junge hörte aufmerksam zu, und fragte dann: "Und
nun? Willst du immer noch so sein?" "Nein." sagte
der Baum und er weinte schon ein bißchen. "Ich kann
nicht mehr wachsen. Ich sollte jetzt anfangen zu blühen und
bald Früchte tragen. Aber ich schaffe es einfach nicht!"
Der kleine Junge lehnte sich an den Baumstamm und streichelte
die Rinde ein wenig. "Ich glaube, ich weiß, warum du
nicht Blühen kannst. Schau mal, die anderen Bäume, die
aus meiner Heimat kenne," und jetzt weinte auch der kleine
Junge ein wenig, weil er an die schönen Bäume dachte,
die seine Freunde gewesen waren, "die Bäume haben alle
ein Licht. Es kommt aus der Erde und tanzt bis in die Blätter
hinauf. Du hast aber kein Licht, das dich froh macht." Leise
flüsternd fügte er hinzu: " Und ich habe auch keines
mehr." Lange Zeit schwiegen die Beiden. Sie wurden Freunde.
" Vielleicht können wir ein neues Licht finden."
schlug der Baum vor. " Ja, das kann sein." sagte der
kleine Junge. Sie suchten viele Tage und manche Nacht, denn die
Suche nach dem eigenen Licht ist wirklich eine schwierige Sache.
Im Sommer hatte der kleine Junge Geburtstag. Der Gärtner
und seine Frau fragten ihn also, was er sich wünsche. "Ich
möchte den Baum haben, der so ordentlich gewachsen ist."
sagte er. "Oh ja, das ist eine gute Idee!" meinte der
Gärtner. " Vielleicht wird er eines Tages auch so ein
guter Gärtner wie ich. Früh übt sich, was ein Meister
werden will." , erklärte er seiner Frau. "Ich kann
ihm ja helfen, damit alles richtig wird." Sie waren beide
sehr stolz auf ihre guten Einfälle.
In der Nacht vor seinem Geburtstag konnte der kleine Junge nicht
schlafen. Er ging in den Garten, um den Baum zu besuchen. Es war
sehr dunkel. " Hallo mein lieber Baum!" Er lehnte sich
an den starken Stamm und konnte beruhigt einschlafen. Die Sterne
leuchteten, und ein paar Glühwürmchen summten in der
Nacht.
Plötzlich wachte der kleine Junge auf und er sah eine leuchtende
Gestalt am anderen Ende des Gartens stehen. Sie schritt über
den Rasen zu ihnen. Wie eine Königin. Vor dem Jungen kniete
sie sich hin und begrüßte ihn mit einer sehr warmen
und klaren Stimme: " Guten Abend! Ich hoffe, ich störe
nicht." "Nein wirklich nicht, ich habe meinen Freund
besucht und bin dann eingeschlafen." Der Junge hatte keine
Angst. "Auch ich möchte deinen Freund besuchen, denn
ich habe ein Geschenk für ihn." Der Junge stand auf
und schaute das Wesen neugierig an. "Was hast du denn?"
"Schau!" flüsterte es und zeigte ihm seine geöffneten
Handflächen. Der Junge staunte. "Oh, wie wunderschön!"
hauchte er. In den Händen lag ein Licht, schöner, als
er es je gesehen hatte.
"Guten Abend Baum! Ich habe hier etwas, das du vor vielen
Jahren verloren hast. Ich habe es für dich aufbewahrt, bis
du wieder stark genug bist, um es selbst zu hüten. Es ist
deins... dein Licht." Es legte seine Hände an die Wurzeln
und gab ihm sein Licht zurück. "Danke". Der Baum
freute sich und er spürte, daß er es nun schaffen würde-
das Blühen und das Früchte tragen, um allen, besonders
aber dem kleinen Jungen- eine Freude zu bereiten. Er würde
nun wirkliche Freude schenken können, nicht mehr nur Gefallen.
Und der Junge? Er wurde Gärtner. Ein richtig guter. Er verstand
ja, wie die Pflanzen sein wollten und er half ihnen zu leben.
Das machte ihm Freude. Sein Licht aber hat er immer noch nicht
gefunden. Das Wesen hatte in jener Nacht zu ihm gesagt: "Dein
Licht, Junge bewahrt auch jemand für dich auf. Allerdings
wirst du es lange nicht bekommen, damit du ein Suchender bleibst.
Aber du wirst es ab und zu erahnen, und wissen, wo es ist. Und
wirklich, manchmal meinte der Junge es zu sehen. In den Sternen,
der Sonne und in den Blüten seines Baumes. Er wachte nun
über den Baum, so daß der Gärtner und seine Frau
zähneknirschend zusehen mußten, wie der Baum krumm
und alt wurde und schrumpelige Äpfel bekam. Aber mit der
Zeit schmeckten ihnen diese Äpfel immer besser, und sie vergaßen
langsam, wie ein "richtiger" Baum aussehen muß.
Auch blieb der Junge nicht allein, denn er traf viele Menschen
in seinem Leben, die, wie er, ihr Licht verloren hatten.
Katharina Tepper
... Dann begriff der Baum und begann hemmungslos zu weinen.
Er stand lange einfach nur so da und nahm nichts mehr um sich
herum wahr.
Nicht den warmen Druck der Erde um seinen Wurzeln, nicht die Strahlen
der Sonne und auch nicht den Regen, der seine Blätter umspülte.
Tage kamen und gingen, doch dem Baum war alles egal. Der Gärtner
und seine Frau waren hoch erfreut, daß der Baum sich nun
so gut fügte. Er tat nichts mehr, was sie dazu bewegt hätte,
ihn stutzen zu müssen. Dabei fiel ihnen gar nicht auf, daß
die Blätter des Baumes immer blasser wurden und die Äste
nur noch kraftlos herunterhingen. Sie waren einfach froh, daß
er so war wie sie es wollten.
In dem Baum selbst jedoch herrschte eine große Leere. Er
fühlte sich schrecklich einsam und verlassen.
Sie hatten doch immer zu ihm gesagt, daß sie ihn lieb hätten
und sie doch nur wollten, daß er ein rechter und anständiger
Baum wird!
Doch als der Baum das Gespräch zwischen dem Mädchen
und seinem Vater mitbekommen hatte, war ihm plötzlich klar
geworden, daß es dem Gärtner und seiner Frau nie um
sein Wohlergehen gegangen war, sondern nur darum, was andere Leute
von ihm dachten. Warum hätten sie sonst auch immer gesagt,
daß Gott das so nicht will oder daß es sich einfach
nicht gehört? Warum war es ihnen wichtig gewesen, was der
Nachbar sagt? Warum hatten sie ihn nicht einfach wachsen lassen,
wie er es wollte?
Sie wollten wohl einfach nicht, daß er glücklich war.
Nachdem ihm diese Erkenntnis gekommen war, hatte sich der Baum
vor der Außenwelt verschlossen. Anscheinend wollte ihn ja
niemand so, wie er einfach von seiner Natur aus war.
Es waren nun einige Wochen vergangen und noch immer war der
Baum furchtbar traurig. Alles erschien ihm sinnlos.
Dann jedoch regte sich ein Gedanke in ihm. Der Vater hatte zu
seiner Tochter gesagt, daß niemand so wachsen dürfe,
wie er es wolle, da sonst die anderen sehen würden, daß
auch sie einmal die Möglichkeit hatten, anders zu wachsen,
als sie es getan haben.
Aber war man denn jemals ganz ausgewachsen?
Der Baum begann darüber nachzudenken. Er wußte, daß
er noch weiter wachsen konnte, wenn man ihn nur lassen würde.
Und in diesem Moment beschloß der Baum, es einfach zu tun.
Er würde mit aller Kraft so wachsen, wie er selbst es für
richtig hielt. Er wußte zwar, daß der Gärtner
und seine Frau versuchen würden, ihn daran zu hindern, aber
er würde einfach immer und immer weiter wachsen. Selbst wenn
sie ihm wieder Äste abschneiden würden, er wollte endlich
so sein, wie er eben einfach war und er war nun einmal kein Baum,
der gerade, nicht zu breit und nicht zu schnell wuchs. Er würde
ihnen zeigen, daß er ein rechter und anständiger, aber
zugleich auch besonderer Baum war, der sich von allen anderen
Bäumen unterschied.
Die anderen, von denen der Vater gesprochen hatte, hatten doch
auch noch die Möglichkeit, sich zu verändern. Man konnte
schließlich niemanden verbieten zu sein, was man sein will.
Er würde immer ein Baum bleiben, das war ihm klar, aber er
würde dafür sorgen, daß aus ihm ein glücklicher
Baum wird. Irgend jemand würde ihn dann schon lieb haben,
dessen war er sich sicher.
Der Baum begann zu wachsen. Langsam wand er sich der Sonne
zu und wuchs so Stück für Stück nach links. Zugleich
begann er sich zu strecken und weiter in die Höhe zu wachsen.
Dabei wurde er auch breiter.
Während er so wuchs bildeten sich immer mehr Äste. Zuerst
fiel das dem Gärtner und seiner Frau überhaupt nicht
auf, denn seit der Baum so brav gehorcht hatte, hatten sie ihn
fast gar nicht mehr beachtet. Warum auch? Er war ja ein perfekter
Baum gewesen, um den man sich ja daher nicht zu kümmern brauchte.
Irgendwann jedoch bemerkte der Gärtner, daß der Baum
nicht mehr so schön gerade und schlank war, wie er es doch
sein sollte. Sofort holte er seine Frau und fragte sie: "Frau,
meinst Du nicht auch, daß unser Baum sich gar unschön
verändert hat?" Die Frau nickte bejahend mit dem Kopf.
"Er ist gar nicht so, wie ein rechter und anständiger
Baum sein sollte. Schau, Frau. Die Nachbarn sehen auch schon herüber.
Nein, nein, so kann daß nicht bleiben. Denkst Du nicht auch,
daß wir ihn zurechtstutzen sollten?"
Die Frau antwortete dem Gärtner: "Oh ja, er muß
wirklich wieder gestutzt werden. Gott will sicher nicht, daß
ein Baum so aussieht wie der unsere."
"Du hast wieder einmal recht, Frau.", sagte der Gärtner,
holte sogleich seine Gartenschere und begann die Äste, die
sich eifrig der Sonne entgegenstreckten, abzuschneiden. Es tat
dem Baum sehr weh, aber diesmal wurde er nicht traurig deswegen.
Nachdem der Gärtner fertig mit dem Schneiden war, hatte er
noch zum Baum gesagt, daß er das nur täte, weil er
ihn so lieb hätte. Der Baum hatte leise gelacht und war,
als der Gärtner wieder fort war, einfach weitergewachsen.
So kam es nun, daß der Gärtner wieder und wieder kam,
um den Baum zu stutzen, denn dieser dachte gar nicht daran, damit
aufzuhören zu wachsen. Der Gärtner und seine Frau wurden
richtig böse auf den Baum, aber das störte diesen überhaupt
nicht. Er hatte nämlich mittlerweile schon neue Freunde gefunden.
Ein Schwalbenpärchen hatte sich in seinen Ästen, die
immer zahlreicher wurden, ein Nest gebaut. Schon bald würden
die Jungen schlüpfen. Ebenso hatte es sich ein Eichhörnchen
in einem Loch im Stamm bequem gemacht. Der Gärtner ärgerte
sich furchtbar über dieses Loch, aber es befand sich so hoch
oben am Baum, daß er es nicht erreichen konnte, um es zu
verschließen. Immer mehr Tiere kamen und suchten sich ein
Zuhause im Geäst des Baumes und auch die anderen Bäume
im Garten und in den Gärten der Nachbarn, begannen nun so
zu wachsen, wie sie es wollten. Der Baum des Gärtners hatte
ihnen Mut gemacht.
Der Gärtner und seine Frau verzweifelten fast, als sie sahen,
daß alle Bäume plötzlich so wuchsen, wie sie es
doch gar nicht sollten.. Eines Tages dann brach die Gartenschere
des Gärtners, als er einen der Bäume mit aller Macht
stutzen wollte, entzwei. Der Gärtner und seine Frau bekamen
es mit der Angst zu tun und verkauften schließlich ihr Haus
samt Garten. Die Bäume und Tiere im Garten freuten sich sehr,
denn dem neuen Besitzer gefiel der Garten so, wie er war und er
pflanzte sogar noch mehr Büsche und Bäume, die er einfach
wachsen ließ. Unter diesen neuen Bäumen befand sich
auch ein junges Baummädchen, in das sich der Baum sofort
verliebte.
Viele Jahre später kam das kleine Mädchen, welches
sich damals mit seinem Vater über den Baum unterhalten hatte,
wieder an dem Garten vorbei. Es war nun eine junge Frau aus ihr
geworden und sie hatte selbst schon Kinder.
Als sie an dem Garten vorbeiging, zog ihre kleine Tochter sie
plötzlich an der Hand.
"Sieh nur Mama! Ist das nicht ein wunderschöner Baum?
So viele Äste und schau doch, da ist sogar ein Eichhörnchen."
Aufmerksam betrachtete die Mutter den Baum.
"Du hast recht, mein Kind. Das ist wirklich ein außergewöhnlicher
Baum. So groß und breit. Mir scheint fast, daß dies
ein sehr glücklicher Baum sein muß."
"Wie meinst Du das, Mama? Ein glücklicher Baum? Wie
kann denn ein Baum glücklich sein?" Der kleine Junge
schaute mit großen Augen zu seiner Mutter hinauf. Auch das
Mädchen sah seine Mutter zweifelnd an.
"Ich weiß es nicht genau. Wißt ihr, als ich selbst
noch so klein war wie ihr es seit, fiel es mir viel leichter zu
erkennen, ob ein Baum glücklich ist oder nicht. Es war einfach
ein Gefühl. Jetzt, wo ich groß bin, erscheint es mir
nicht mehr so deutlich. Als Kind habe ich vielleicht einfach mehr
sehen können. Bei diesem Baum aber merke ich es sogar jetzt
noch. Dies ist ein Baum, wie es ihn sicher nur einmal gibt. Er
ist so, wie ein Baum sein muß: eben einfach ein Baum. Er
ist nicht perfekt, aber gerade dadurch ist er etwas besonderes.
Seht ihr? Weil er sich ein wenig nach links geneigt hat, konnte
sich unter einer seiner Wurzeln ein Kaninchen einen Bau graben.
Wenn er keine Löcher im Stamm hätte, könnte auch
das Eichhörnchen nicht auf ihm leben und wenn er nicht so
viele Äste hätte, wäre überhaupt kein Platz
für die Vögelnester. Für all diese Tiere ist er
sehr wichtig, weil er ihnen ein Zuhause gibt."
"Die Tiere haben den Baum sicher sehr lieb, nicht wahr, Mama?"
Der kleine Junge schaute lächelnd auf den Baum.
"Ich bin sicher, daß sie das tun. Wer könnte diesen
Baum nicht lieben?"
Das kleine Mädchen trat näher an den Baum heran.
"Es stimmt, Mama. Dieser Baum ist glücklich."
Christina Wewer

Grundkurs 12 Pädagogik
Gymnasium St. Mauritz
Februar 1999