Am Beginn dieses seit November 1997 laufenden Projekts stand die Einsicht, daß Englischlehrer eigentlich selten wissen, welche Lektüren bei ihren Schülern auf Interesse stoßen. Das ist nicht nur für den Unterricht bedauerlich. Vielmehr fragen Schüler ja auch von sich aus nach interessanten englischen Freizeitlektüren, sei es um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern, sei es aus Spaß am Lesen. Völlig außer Frage steht, daß Jugendliche grundsätzlich durchaus das Bedürfnis verspüren zu lesen.
Greift man zum Angebot der Schulbuchverlage, ist man meist rasch ernüchtert. Schullektüren zeichnen sich zwar durch ein Höchstmaß an moralischer Erbaulichkeit und politischer Korrektheit aus, aber Spannung und Nervenkitzel wird man ihnen nicht nachsagen können. Jedenfalls wird man sich in den seltensten Fällen verleitet sehen, auch nachts mit der Taschenlampe weiterzulesen.
Da sich nun einmal die Leseinteressen von Lehrern und Schülern nicht unbedingt decken, haben wir in unserem Projekt versucht, konsequent bei den Schülern anzusetzen. Schließlich sind sie es ja, die die Bücher lesen sollen. Hierbei ließen wir uns auch von der Überlegung leiten, daß Schüler ohnehin weitestgehend amerikanische oder englische Autoren lesen: John Grisham, Ken Follett, Stephen King, Donna Leon, Joy Fielding, Terry Pratchett, um nur ein paar zu nennen. Die meisten dieser Autoren sind sprachlich leicht zugänglich, auch wenn es manchmal dicke Wälzer sind, die man da zu bewältigen hat. Aber sie sind eben auch spannend.
Ziel des Projekts war es, einen Leitfaden zusammenzustellen, der Schülern der Mittel- und Oberstufe zuverlässige Empfehlungen für ihre private englischsprachige Lektüre an die Hand gibt. Die Titel wurden über mehr oder weniger zufällige Umfragen bei Schülern der Oberstufe ermittelt. Auf diese Weise kamen fast 180 verschiedene Titel zusammen. Überraschend war dabei, daß einige Schüler bereits mehr als ein Dutzend Romane auf Englisch gelesen hatten.
Da das Projekt nur wirklich gegenwartsnahe Bücher umfassen sollte, beschränkten wir uns auf solche Romane und Jugendbücher, die nicht älter als zehn Jahre waren. Damit blieben noch etwa zwei Dutzend Titel übrig. Fast ein Drittel der im Buch vorgestellten 38 Werke erschien erstmals in den Jahren 1996 bis 1998. Bei diesen vergleichsweise strengen Auswahlkriterien kann man dem Projekt sicherlich ein hohes Maß an Aktualität bescheinigen.
Bei den Jugendbüchern konnten wir allerdings nur in Ausnahmefällen auf unmittelbare Leseerfahrungen zurückgreifen, da Schüler in der Mittelstufe im Allgemeinen wenig Zugang zu ganz aktuellen Jugendbüchern haben. Diese Titel wurden daher meist nach verschiedenen Bestseller- und Preisträgerlisten ausgewählt. Hier konnten wir auf die Zusammenstellungen des Amazon Bookstore im Internet zurückgreifen, die allerdings ganz überwiegend amerikanische Titel berücksichtigen.
Grundsätzlich verfolgte das Projekt zwei Ziele: Es sollte
zum einen Schüler ermutigen, englische Romane freiwillig
im Original zu lesen. Die Titel brauchten dabei keinen sonderlich
hohen literarischen Anspruch besitzen: Der Gewinn für die
Fremdsprache stellt sich auch bei Trivialliteratur ein, und außerdem
kann man mit guten Gründen argumentieren, daß das Lesen
von anspruchsloser Literatur nicht selten auch den Einstieg in
das Verständnis komplexerer Texte eröffnet. Ohnehin
kommt es ja immer darauf an, was der Einzelne aus seiner Lektüre
macht. Wenn Schüler sich selbständig reflektierend mit
einem Thriller von Stephen King auseinandersetzen, dann ist dies
sicher anspruchsvoller als das schlichte Wiederkäuen der
einschlägigen Lektürehilfen zu einem Schulklassiker
wie Lord of the Flies.
Und in dieser eigenständigen Auseinandersetzung lag das zweite
Ziel des Projekts.
Ursprünglich waren 15 Teilnehmer vorgesehen, doch bald stieg die Zahl auf fast das Doppelte. Die insgesamt 26 Schülerinnen und Schüler stammten aus den Jahrgangsstufen 10 bis 13. Die Teilnehmer hatten die Aufgabe, einen Roman ihrer Wahl so zu präsentieren, daß sie ihn auf diese Empfehlung hin selbst gern lesen würden.
Den Schülern lag eine Skizze mit Vorschlägen zur inhaltlichen und formalen Gestaltung vor, später konnten sie auch auf besonders gelungene Beiträge zurückgreifen. Für die Gestaltung der Artikel gab es keine festen Regeln, obwohl sie insgesamt recht homogen sind. Meist sind die Aufsätze zwischen vier und sechs Seiten lang, einige wenige auch länger. In jedem Fall gibt es eine knappe Zusammenfassung oder Einführung in die Handlung, dazu analysierende Beobachtungen sowie Anmerkungen zum Autor.
Vor allem bei den älteren Teilnehmern zielte das Projekt auch darauf ab, den reflektierten Umgang mit dem literarischen Feuilleton zu schulen. Dazu wurden die Literaturbeilagen von Tageszeitungen und Zeitschriften, vor allem aber die einschlägigen Websites des Internet herangezogen. In zwei Fällen gaben auch Autoren selbst in Briefen Auskunft über ihr Werk.
Die erste Aufgabe der Schüler bestand in der selbständigen sprachlichen und inhaltlichen Auseinandersetzung mit einem englischen Roman in der Originalsprache. Hier bestand gewissermaßen die Gelegenheit, die Fähigkeiten in der Textanalyse anzuwenden, die man im Unterricht erworben hat. Der schriftlichen Niederlegung der Ergebnisse ging vor allem bei den Aufsätzen im hinteren Teil des Bandes eine mitunter sehr eingehende Diskussion des jeweiligen Werkes mit mir voraus.
Dieser Gedankenaustausch mit dem Lehrer war ein wichtiges pädagogisches Anliegen des Projekts. Da von Beginn an eine Drucklegung vorgesehen war, wurden die eingereichten Schüleressays einer stilistischen und inhaltlichen Durchsicht unterzogen. In manchen Fällen war fast keine Überarbeitung erforderlich, in anderen bedurfte es stärkerer redaktioneller Eingriffe. Mit Korrekturen, Ergänzungen, Gegenvorschlägen war es ein sehr aufwendiger Prozeß, bis schließlich ein Beitrag als abgeschlossen gelten konnte.
Unser Leitfaden wendet sich an Schülerinnen und Schüler, die seit mindestens fünf Jahren Englisch gelernt haben, sowie an Eltern, die zuverlässige Hinweise auf geeignete Lektüren erhalten und weitergeben wollen. Er ist aber auch für Lehrer gedacht, denn eine Reihe von Titeln eignen sich auch für den Unterricht. Der Leitfaden wendet sich darüber hinaus an öffentliche Büchereien und Bibliotheken, die sich um die Förderung englischsprachiger Literatur bemühen.
Es lasen, deuteten und schrieben:
Miriam Benassi (Stufe 13)
Ulrike Beuing (Stufe 11)
Anne Bolling (Stufe 10)
Barbara Brüggemann (Stufe 13)
Anne-Kristin Buchholz (Stufe 11)
Anneke Fuchs (Stufe 13)
Bettina Gerbert (Stufe 13)
Fabian Gerwert (Stufe 11)
Sören Groneuer (Stufe 13)
Friederike Hundeiker (Stufe 10)
Kathrin Joostink (Stufe 11)
Thomas Kliegel (Stufe 12)
Ben Klümper (Stufe 12)
Sarah Koska (Stufe 13)
Helena Kosmann (Stufe 11)
Sarah Lückener (Stufe 11)
Eva Lütkebohmert (Stufe 13)
Dominik Menning (Stufe 10)
Carolin Nordloh (Stufe 10)
Julia Rath (Stufe 10)
Anne Riesinger (Stufe 11)
Geraldine Spaan (Stufe 12)
Viola Stahl (Stufe 12)
Felix Tappe (Stufe 11)
Katharina Tepper (Stufe 11)
Nicole Tessmer (Stufe 12)
M. Hiltscher (15. September 1998)
Das knapp 160 Seiten umfassende Buch ist im Münsteraner Buchhandel und beim Agenda-Verlag (Tel. 025179 96 10) zum Preis von 24,80 DM erhältlich, im Sekretariat des Gymnasiums St. Mauritz (Tel. 025114 19 10) für 20 DM (inkl. Porto und Verpackung).
Michael Hiltscher:
Zur Einleitung
Fabian Gerwert:
"A boy needs a father": Jim Lesters Fallout
Dominik Menning:
Gegen Klassenschranken und Gruppenzwang: Eve Buntings SOS Titanic und Jumping the Nail
Fabian Gerwert:
High School Sports: Thomas J. Dygards The Rebounder und Infield Hit
Anne-Kristin Buchholz:
Jane Johnson v. Jennie Spring: Caroline B. Cooneys The Face on the Milk Carton, Whatever Happened to Janie? und The Voice on the Radio
Kathrin Joostink:
Töchter und Eltern: Eve Buntings Sharing Susan und Julie Johnstons Adam and Eve and Pinch-Me
Friederike Hundeiker/Anne Bolling:
"Where do I fit in this mess?": Marie G. Lees Finding My Voice und Necessary Roughness
Anne Riesinger:
Aus Erfahrung klug: Philip Pullmans The White Mercedes und The Broken Bridge
Helena Kosmann:
"Live fast, die young": Melvin Burgess' Junk
Katharina Tepper:
Zukünftige Schrecken: Lois Lowrys The Giver und Paul Austers In the Country of Last Things
Ben Klümper:
Discworld Shakespeare: Terry Pratchetts Wyrd Sisters
Barbara Brüggemann:
"Room to dance again": Robert James Wallers The Bridges of Madison County
Ulrike Beuing:
"Nothing in that other world can touch us here": Nicholas Evans' The Horse Whisperer
Viola Stahl:
Ein Mann fürs Leben: Terry McMillans Waiting to Exhale
Bettina Gerbert:
Mord an einer heilen Welt: Joy Fieldings Don't Cry Now
Carolin Nordloh:
Tod in Venedig: Donna Leons Death at La Fenice und Acqua Alta
Julia Rath:
Über Gift und Gott: Nigel Williams' The Wimbledon Poisoner und They Came from SW19
Felix Tappe:
Zwischen Gericht und Gerechtigkeit: John Grishams A Time to Kill und The Partner
Sarah Lückener:
"Nature or nurture?": Ken Folletts The Third Twin
Nicole Tessmer/Geraldine Spaan:
Der schwarze Christus: Stephen Kings The Green Mile
Sören Groneuer:
Rückkehr ins rauhe Paradies: E. Annie Proulx' The Shipping News
Thomas Kliegel:
Die Entdeckung der Britischen Inseln: Christopher Hopes Darkest England
Sören Groneuer:
Unter Aborigines: Bruce Chatwins The Songlines und Marlo Morgans Mutant Message Down Under
Anneke Fuchs:
"Things can change in a day": Arundhati Roys The God of Small Things
Sarah Koska:
Mord als Kunstwerk: Peter Ackroyds Dan Leno and the Limehouse Golem
Miriam Benassi:
Identitätssuche unter dem Mond: Paul Austers Moon Palace
Eva Lütkebohmert:
"Anything can happen": Paul Austers Leviathan
M. Hiltscher 23.10.1998
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