Seit Mitte Februar beschäftigen wir uns in einer aus fünf
Oberstufenschülerinnen und -schülern bestehenden Arbeitsgemeinschaft
mit dem, was üblicherweise zu den verstaubten Hinterlassenschaften
einer jahrzehntelangen Sammeltätigkeit in den abgelegeneren
Regionen der Schulbüchereien gehört. Neben eher kümmerlichen
Neuanschaffungen besitzt die Fachschaft Englisch nämlich
eine beeindruckende Sammlung an alten Schulbüchern, Lektüren
und Zeitschriften, mit deren Hilfe es möglich ist, ein mehr
oder weniger genaues Bild des Englischunterrichts zu früheren
Zeiten zu rekonstruieren. Und die beginnen beim Gymnasium St.
Mauritz bekanntermaßen bereits kurz vor der Jahrhundertwende,
in einer Zeit also, als sich das Englische durchaus noch nicht
gegenüber dem Lateinischen oder dem Französischen als
Schulsprache durchgesetzt hatte.
Das Projekt
Unter der Leitung von Herrn Dr. Hiltscher haben wir uns vorgenommen, diese Bestände einmal näher zu untersuchen. Der Umfang des Projekts hat sich mittlerweile erheblich ausgeweitet und umfaßt nun auch eine Auswertung der alten Abiturarbeiten seit 1912 sowie eine Reihe von Interviews mit früheren Lehrerinnen der Schule. Außerdem mußten wir bald auch auf die für die Schulgeschichte aufschlußreichen Bestände des Staatsarchivs Münster zurückgreifen.
Das Projekt hat sich bisher als ausgesprochen ergiebig erwiesen, auch wenn es ein erhebliches Engagement aller Mitarbeiter erforderlich macht. Uns wurde im Verlauf der Arbeit überhaupt erstmals bewußt, daß das Schulfach Englisch geschichtlichem Wandel unterliegt, der sich in allen Bereichen des Unterrichts, selbst in einer so scheinbar unverrückbar festgefügten Kategorie wie der Grammatik, niederschlägt.
Das Verfahren
In einer Reihe von Gruppentreffen galt es zunächst einmal, grundsätzliche Methoden und Fragestellungen zu entwickeln, die eine sinnvolle Arbeit an den Quellen erlaubten. Angesichts der Fülle an Material - allein die Zahl der relevanten Bücher beläuft sich auf mehr als 400 - und der zu erwartenden Untersuchungsergebnisse kamen wir schnell überein, unsere Forschungen auch einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, das sich naturgemäß in erster Linie aus den gegenwärtigen und - stärker noch - ehemaligen Angehörigen der Schule rekrutieren dürfte, die aus Anlaß der verschiedenen Jubiläumsveranstaltungen in der Schule zu erwarten sind. Am Ende schälten sich mehrere Themenbereiche heraus, die von jeweils einem oder zwei Mitarbeitern zu bearbeiten sind.
Die Fragen
Die grundsätzliche Untersuchungsfrage lautete schlicht: Welches Bild von England und der englischen Sprache wurde den Schülerinnen an einer katholischen Mädchenschule im Verlauf der letzten einhundert Jahre vermittelt? Wir mußten bald den Zeitraum unserer Untersuchung auf die erste Jahrhunderthälfte bis in die Nachkriegszeit reduzieren; von dort sollte aber immer wieder der Vergleich mit dem modernen Englischunterricht gezogen werden.
Der Unterricht
Einer der zentralen Untersuchungsgegenstände ist die Organisationsform des Fremdsprachenunterrichts an sich. Englisch wurde in der Stundentafel im Laufe der Jahre immer wichtiger; im Dritten Reich war es schließlich erste und einzige Fremdsprache. Auch das Unterrichten selbst erfuhr manche Änderungen, wie aus modellhaften Stundenentwürfen deutlich hervorgeht. Von frühester Zeit an gab es in St. Mauritz englische Assistentinnen zur Verbesserung der Konversationsfähigkeit, später berichten die Jahreshefte der Schule auch gelegentlich von Studienfahrten nach England. Daneben gehörte der Theaterbesuch in Münster zum ständigen Programm des Englischunterrichts; hier ging es dann nicht um die Schulung der Sprache, sondern um die Kenntnis der englischen Literatur.
Die Sprache
Der Sprachunterricht lehnte sich eng an den Lateinunterricht an; beispielsweise wurde bis in die Nachkriegszeit offenbar jeder englische Text vor der eigentlichen Besprechung ins Deutsche übersetzt. Die Grammatik wurde sehr systematisch behandelt, nicht selten auch unter Berücksichtigung der Sprachgeschichte. Die Sicherheit der Schülerinnen in der Grammatik und Orthographie ist aus heutiger Sicht schlechthin beneidenswert, während der Eindruck vom Vokabular zwiespältig ist. Zwar war der Wortschatz außerordentlich groß - viel größer jedenfalls als der heute von Schülern verlangte -, doch wirkt der Stil oft sehr gesucht und unidiomatisch. Man gewinnt den Eindruck, daß der Stil zu einer Blütenlese allerlei seltener Vokabeln gerät. Immer wieder wird auch über die fehlerhafte Aussprache der Schülerinnen geklagt. Dies ist offenbar auch auf die fehlenden technischen Möglichkeiten wie Hörcassette, Radio oder Film zurückzuführen, die uns heute fast beliebig zur Verfügung stehen.
Die Landeskunde
Zu den interessantesten Themen gehören die allmählichen oder mitunter auch abrupten Veränderungen in der Darstellung dessen, was man gern als den englischen Nationalcharakter bezeichnete. Als ein Gentleman von Kopf bis Fuß galt der Engländer bereits in den frühesten erhaltenen Schulbüchern des Kaiserreiches. Er hatte feine Manieren, die er sich durchweg über eine Ausbildung an der public school erwarb, deren zentraler Bestandteil weniger die intellektuelle Bildung als vielmehr die Charakterschulung galt. Im Dritten Reich verschiebt sich dieses Bild hin zu einer ausgesprochenen Betonung der Führungsqualitäten des englischen Gentleman, dazu nimmt - in offenkundiger Anlehnung an die deutsche Hitlerjugend - die Erziehung zur körperlichen Tüchtigkeit immer breiteren Raum in den Darstellungen ein. Häufig finden sich auch Bilder und Texte zur deutschen Jugend. In der Nachkriegszeit bleibt der Gentleman noch bis in die 1960er Jahre gesellschaftliches Leitbild in den Schulbüchern.
Weitere lohnende landeskundliche Themen sind das englische Weltreich, das Verhältnis von Demokratie und Monarchie in Großbritannien, die Bedeutung Londons. Interessant ist auch das Bild der Frau, das den Schülerinnen von jungen Jahren an vermittelt wird; hier ist wichtig zu wissen, daß es bis ins Dritte Reich eigene Schulbücher für Mädchenschulen gab. Amerika dagegen begann erst allmählich eine bedeutendere Rolle im Unterricht zu spielen, und selbst dann blieb lange Zeit eine ausgesprochen eurozentrische Sichtweise vorherrschend. Zu den stets wiederkehrenden amerikanischen Themen gehört die Situation der Schwarzen und der Indianer.
Die Lektüre
Als sehr anspruchsvoll erweist sich die Untersuchung der Literatur, die früher im Englischunterricht gelesen wurde. Hier ist die Erfassung des Materials besonders schwierig. Es war und ist daher ein beachtliches Lektürepensum zu absolvieren. Bedeutendster Autor über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg war Shakespeare, und bereits damals war Macbeth das an Schulen beliebteste Drama. Dazu kamen Julius Caesar und The Merchant of Venice. Außerordentlich verbreitet waren auch die beiden Romanschriftsteller Sir Walter Scott und Charles Dickens sowie die Lyriker Tennyson und Byron, dazu der Amerikaner Longfellow. In der späten Weimarer Republik, im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit waren die Dramen und Kurzgeschichten John Galsworthys besonders populär.
Die Behandlung der Literatur im Unterricht war für heutige Auffassung sehr oberflächlich und beschränkte sich - so legen es jedenfalls die Abituraufsätze und Protokolle der mündlichen Prüfungen nahe - auf Reproduktion und Zusammenfassung. Die Ergebnisse waren stets vorhersehbar, eine eigentliche Auseinandersetzung fand nicht statt.
Die Arbeitsgruppe
Katja Uken, Maren Poppenborg, Sarah Koska, Julia Gressmann, Sören Groneuer, Dr. Michael Hiltscher.
29.4.1997
Die von der Schülerarbeitsgruppe Englischunterricht früher
erarbeiteten Ergebnisse liegen jetzt auch als Aufsatzsammlung
vor:
Das 100 Seiten umfassende Buch ist zum Preis von 16,80 DM im Münsteraner Buchhandel, im Sekretariat des Gymnasiums St. Mauritz (Tel. 32036) sowie beim Agenda-Verlag (Tel. 799610) erhältlich.
Michael Hiltscher:
Zur Einleitung
Katja Uken/Michael Hiltscher:
Die Organisation des Englischunterrichts
Maren Poppenborg:
Learning English, the First Steps
Sarah Koska:
This blessed plot, this earth, this realm, this England: England
und die Engländer im Unterricht
Julia Gressmann:
Uncle Tom's Cabin and Hiawatha's Lodge: Finding a Place for African
and Native Americans in German Schoolbooks
Sören Groneuer:
Die Jugend 'moralisch veredeln': Englische Literatur am Gymnasium
St. Mauritz
Michael Hiltscher:
Anna Bienefeld's Shakespeare
Bild des Buchtitels (78 kB)M Hiltscher, 28.8.1997