Thales war ein praktisch und kaufmännisch veranlagter Mensch. Aristoteles berichtet, er habe nämlich auf Grund seiner astronomischen Kenntnisse eine gute Ölernte vorausgesehen und schon im Winter alle Ölpressen in Milet und auf Chios gemietet und auf diese Weise nachher einen großen Gewinn erzielt. (Aristoteles: Politik 1259a 6 - 17)
In wieweit Thales den nach ihm benannten Satz aufgestellt oder bewiesen hat, bleibt im Dunklen. Diogenes Laetius schreibt. "Er hat, wie Pamphile berichtet, zuerst das rechtwinklige Dreieck in den Kreis eingezeichnet." Pamphile war eine Schriftstellerin zur Zeit des Kaisers Nero, von der mathematische Leistungen nicht bekannt sind. Deutlichere Angaben über mathematische Leistungen enthält der Kommentar des Proklos zum ersten Buch von Euklids Elementen, der sich auf die Mathematikgeschichte des Eudemos stützt. Thales habe erkannt und ausgesprochen, dass die Basiswinkel im gleichschenkligen Dreieck gleich sind. Dabei habe er in altertümlicher Weise die maßgleichen Winkel gestaltgleich genannt. Dass Scheitelwinkel gleich sind, habe Thales zuerst gefunden, einen Beweis habe aber erst Euklid für erforderlich gehalten. (Helmut Gericke: Mathematik in Antike und Orient. Wiesbaden 1992 S. 76) Proklos berichtet auch von Sätzen, die zuerst Thales bewiesen habe. Die Sätze des Thales sind sehr einfache, aber grundlegende Sätze. Dabei müssen wir aber berücksichtigen, dass wir sie aus dem Kommentar des Proklos zum ersten Buch von Euklids Elementen kennen. Der "Satz des Thales" müsste erst in einem Kommentar zum dritten Buch Euklids behandelt werden, aber der Kommentar des Proklos ist nur vom ersten Buch überliefert.
Aristoteles berichtet über die ionischen Naturphilosophen: "Es muss einen natürlichen Stoff geben, einen oder mehrere, aus dem das andere entsteht, während er selber erhalten bleibt. Freilich über Zahl und Art dieses Grundstoffs waren sie sich nicht einig: Thales, der Begründer dieses Gedankenganges, behauptete, es sei das Wasser."(Aristoteles: Metaphysik 983b 17 - 32) Thales ist der erste Vertreter des Monismus, der alle Erscheinungen auf eine Ursache zurückführen will. "Die Ansicht, alle Materie sei eins, ist eine ganz achtbare wissenschaftliche Hypothese. Und was die Beobachtung betrifft, so macht die Nähe der See glaubhaft, dass man regelmäßig wahrnehmen konnte, wie die Sonne das Wasser verdunstet, und wie sich daraus Nebel bildet, der sich wieder in Form von Regen auflöst. Die Erde so gesehen, ist also eine Art konzentrierten Wassers. Die Einzelheiten mögen phantastisch genug sein, aber es ist immer noch eine bedeutende Leistung, entdeckt zu haben, daß eine Substanz auch bei verschiedenen Zustandsformen dieselbe bleibt." (Bertrand Russel: Denker des Abendlandes. Stuttgart 1992 S. 28)
Nach Diogenes Laetius wurde Thales gefragt, was am schwersten von allen Dingen sei: "Sich selbst kennen" und was das leichteste sei: "Anderen Rat geben". Thales war kein Schulphilosoph und Lehrer. Sophia meint noch die Geschicklichkeit, ausgehend von der praktischen Fertigkeit zu Erkenntnis zu gelangen.