JÜRGEN KOTTSIEPER 

Radierungen

 

Unsere Ausstellung zeigt Kaltnadelradierungen von Jürgen Kottsieper, der sonst mit sehr großformatigen Zeichnungen hervorgetreten ist. In diesen Zeichnungen verarbeitet Kottsieper Anregungen, die er auf vielfältige Art und Weise erhalten hat: er reist häufig, und da er öffentliche Verkehrsmittel benutzt, hat er genügend Zeit zur Betrachtung der Gegenden, durch die er fährt. Die Eindrücke und Anregungen, die er dabei erhält, fließen in die erst später ausgeführten Bilder ein.

Es sind keine unmittelbare Zeichnungen nach der Natur, sondern die Reflexionen über Gesehenes, Erlebtes und durch das Studium anderer Künstler Angeregtes.

Die vorliegenden Radierungen schöpfen aus den selben Quellen. Man hat allerdings das Gefühl, als würde das für Kottsieper neue Medium der Kaltnadelradierung zusätzlich ein konzentrierteres Beobachten der ungewohnten Möglichkeiten der Linie und der anderen spezifischen grafischen Möglichkeiten auslösen, als würde noch reflektierter das zeichnerische Vokabular zum eigentlichen Inhalt der Bilder werden.

Die Technik der Kaltnadelradierung erzeugt eigene, zusätzliche Gestaltungsanreize: der scharfe Radierstahl gleitet nicht so mühelos über die Kupferoberfläche, wie es dem Bleistift auf dem Papier gelingt, der Strich muss energischer kontrolliert werden, um das Ergebnis zu bestimmen - und um nicht von der Technik bestimmt zu werden.

Außerdem muss das Ergebnis des Zeichnens noch gedruckt werden, um sichtbar zu sein.

Hier nur ein kurzer Hinweis auf die Drucktechnik: die gravierte Kupferplatte wird so mit Tiefdruckfarbe eingerieben, dass vor allem in die durch das Ritzen entstandenen Vertiefungen Farbe gelangt. Dann wischt der Drucker die Farbe wieder von der Oberfläche der Druckplatte weg, und bemüht sich, die Farbe in den Vertiefungen zu belassen. Die so vorbereitete Platte wird mit einem angefeuchteten Kupfertiefdruckpapier und einem Druckfilz bedeckt, und Platte und Papier werden unter hohem Druck durch eine Druckpresse bewegt, wodurch die Farbe aus den Vertiefungen der Kupferplatte auf das Druckpapier übertragen wird. Bei diesem Verfahren können zahlreiche Faktoren beeinflusst werden, die die Wirkung des Endergebnisses mitbestimmen: zB. ob und wie stark der "Plattenton" sichtbar bleiben soll, wie ausgeprägt der spezielle Kaltnadelcharakter betont werden soll und vieles mehr.

Aus den vielen Gesprächen, die ich seid der Hängung der Bilder hören konnte, weiß ich, wie rätselhaft den meisten Betrachtern die Arbeiten erscheinen. Vielleicht genügt der Hinweis auf die gemeinsame Wurzel der Begriffe ZEICHNEN und ZEICHEN und ZEIGEN, um nicht in die Sackgasse der Suche nach etwas Wiedererkennbarem zu geraten. Die Inhalte der Bilder stehen zunächst nur für sich selbst, die Linie und der Punkt nur für Linie und Punkt. Dem Einfühlsamen mögen dennoch Ähnlichkeiten auffallen, wenn sich zB. zwei Formen langsam annähern, parallel verlaufen oder sich voneinander trennen.............

Da meine eigene Formulierfähigkeit den Radierungen gegenüber an ihre Grenze stößt, möchte ich gerne einen Schriftsteller zu Wort kommen lassen, der verblüffender Weise ähnliche Gestaltungsprobleme vorausgeahnt zu haben scheint.

Es handelt sich um Gottfried Keller, aus dessen Roman von 1879/80 "Der Grüne Heinrich" ich aus dem Kapitel "Der Grillenfang" zitieren möchte: (S.496 ff.).......

"......Fröstelnd schleppte ich, um eine Zuflucht zu suchen, einen neuen, kaum angefangenen Karton hervor, eine auf den Rahmen gespannte graue Papierfläche von mindestens acht Schuh Breite und entsprechender Höhe. Es war nichts darauf zu sehen als ein begonnener Vordergrund mit je einem verwitterten Fichtenbaume zu beiden Seiten des künftigen Bildes, dessen Idee ich damals vor Monaten aufgegeben und die mir gänzlich aus der Erinnerung geschwunden ist. Um nur etwas zu tun und vielleicht meine Gedanken zu beleben, machte ich mich daran, den einen der zwei mit Kohle entworfenen Bäume mit der Schilffeder auszuführen, gewärtig, was dann weiter werden wollte. Aber kaum hatte ich eine halbe Stunde gezeichnet und ein paar Äste mit dem einförmigen Nadelwerke bekleidet, so versank ich in eine tiefe Zerstreuung und strichelte gedankenlos daneben, wie wenn man die Feder probiert. An diese Kritzelei setzte sich nach und nach ein unendliches Gewebe von Federstrichen, welches ich jeden Tag in verlorenem Hinbrüten weiterspann, so oft ich zur Arbeit anheben wollte, bis das Unwesen wie ein ungeheures graues Spinnennetz den größten Teil der Fläche bedeckte. Betrachtete man jedoch das Wirrsal genauer, so entdeckte man den löblichsten Zusammenhang und Fleiß darin, indem es in einem fortgesetzten Zuge von Federstrichen und Krümmungen, welche vielleicht Tausende von Ellen ausmachten, ein Labyrinth bildete, das vom Anfangspunkte bis zum Ende zu verfolgen war. Zuweilen zeigte

sich eine neue Manier, gewissermaßen eine neue Epoche der Arbeit; neue Muster und Motive, oft zart und anmutig, tauchten auf, und wenn die Summe von Aufmerksamkeit, Zweckmäßigkeit und Beharrlichkeit, welche zu dem unsinnigen Mosaik erforderlich war, auf eine wirkliche Arbeit verwendet worden wäre, so hätte ich gewiss etwas Sehenswertes liefern müssen. Nur hier und da zeigten sich kleinere oder größere Stockungen, gewisse Verknotungen in den Irrgängen meiner zerstreuten gramseligen Seele, und die sorgsame Art, wie die Feder sich aus der Verlegenheit zu ziehen gesucht, bewies, wie das träumende Bewusstsein in dem Netze gefangen war. So ging es Tage, Wochen hindurch, und die einzige Abwechslung, wenn ich zu Hause war, bestand darin, dass ich, mit der Stirne gegen das Fenster gestützt, den Zug der Wolken verfolgte, ihre Bildung betrachtete und indessen mit den Gedanken in der Ferne schweifte. .................."

Anmerkung: Die von Keller zT. ironisch gemeinten Seitenhiebe auf abstrakte künstlerische Tendenzen sehe ich als eine zeittypische Meinung des Schriftstellers, dessen Roman gleichwohl lesenswert bleibt. Auf die Arbeit von Jürgen Kottsieper aber möchte ich Kellers Wertung keineswegs übernommen wissen...

 

Ernst Ulrich Gebbers