Zur Ausstellung von Silja Forck in der Marienschule
vom 6.11. bis zum 30.11.2001
Zur Zeit zeigt die Marienschule eine Ausstellung mit 25 Werken der Künstlerin Silja Forck mit dem Titel "Drahtwerke".
Silja Forck zeigt in der Marienschule verschiedene Werkgruppen. Neben drei Emailbildern werden in allen anderen Objekten Drähte verwendet.
Da gibt es zunächst Objekte, die aus filigranem Feder-Stahldraht gefertigt sind: wie die Zweige von kahlem Gesträuch wirken diese liniendünnen Bündel in der dichten Gruppierung. Teilweise sind kleine Steinchen und Perlen eingefügt. Die farblich abgesetzten Grundplatten verstärken noch den Raumeindruck, der hier nicht als Illusion, sondern tatsächlich als Miniaturraum angelegt ist.
Die meisten Arbeiten benutzen etwas, was im Metallhandel als "punktgeschweißtes, verzinktes Eisendrahtgitter" bezeichnet wird und in unterschiedlicher Breite und Drahtdicke gekauft werden kann.
Silja Forck trennt einige der Drähte mit einer Zange ab und verbiegt die freien Drahtenden.
Auf der rechten Wand hinter der Lehrerzimmertür hängen Arbeiten, die einen sehr flächigen Eindruck erzeugen. Die Gitter sind aus so feinem Draht und die Gitterweite ist so eng, dass die Anmutung einer sehr zarten Bleistiftzeichnung entsteht. Die wenigen Veränderungen im Gitter wirken wie Musterungen und erzeugen einen Wechsel von Hell und Dunkel, so wie unter dem Laubdach von Alleen an einem sonnigen Tag Lichtflecken entstehen.
Die größte hier gezeigte Werkgruppe ist aus gröberem Material gefertigt. Eine Art von räumlichen "Zeichnungen" entsteht, die an Strichmännchen-Bilder erinnert.
Silja Forck beläßt die Figuren zum Teil in der durch die Gitterbahn vorgegebenen Ebene, zum Teil verbiegt sie die Drahtenden so stark, dass die Figuren aus der Ebene herauszuklettern scheinen. Die Strichmännchen wirken, als wollten sie gehen und stehen, tanzen und springen, klettern und hocken, als würden sie stürzen und fallen oder kriechen und sich verrenken. Die Figuren scheinen das Gefüge zu fliehen, aus dem sie entstanden und geformt sind.
Dabei nimmt der Betrachter selten nur eine einzelne Figur wahr: durch die fehlende Individualität der einzelnen Männchen, durch die große Menge und deren Gedrängtheit entsteht eher der Eindruck von Menschenansammlungen, von Massenaufläufen mit teilweise chaotisch oder panisch agierenden Teilnehmern.
Wir scheinen aus einer gewissen Distanz dieses menschliche Treiben zu beobachten. Durch diese Distanz scheint dem Treiben auch eine gewisse Lächerlichkeit und Eitelkeit anzuhaften. Trotz allem Bemühen, wer von den Akteuren kann sich wirklich befreien ?
Wie kam Silja Forck zu ihren Objekten, und wie fand sie das für sie geeignete Material ?
Mir selbst ist der Gitterdraht früher einmal aufgefallen, als ich eine Foliere für die Wellensittiche meiner Kinder bauen wollte, aber zu diesem und zu ähnlichen Zwecken ist das Gitter ja auch hergestellt worden. Mir wäre im Traum nicht eingefallen, in diesem Material nach Gestaltungsmöglichkeiten zu suchen.
Silja Forck hat erzählt, dass sie ihr Studium in Mainz zunächst mit Versuchen zur Schriftgestaltung und zum Schreiben von Texten begonnen hat. Die notwendige, aber auch einengende Ordnung beim Schreiben wurde ihr dabei immer bewußter und schließlich zum eigentlichen Inhalt ihrer gestalterischen Untersuchungen. Für sie war das Drahtgitter, als sie es schließlich für sich und ihre Kunst entdeckte, das treffende Symbol für Ordnungssysteme überhaupt, es wurde zum Objekt, an dem zeichenhaft Auflehnung gegen oder Anpassung an Zwänge sichtbar gemacht werden konnten. Die Drahtgitter wurden für sie zu einem Material, mit dem sie sich wie mit einem Gegenüber auseinandersetzen und mit dem sie kommunizieren konnte.
Mancher wird durch die Objekte an die schrecklichen Ereignisse in New York erinnert, die Arbeiten sind aber schon lange vor dem verheerenden Anschlag fertiggestellt worden. Auch ohne den aktuellen Anlass, in ihrer allgemeingültigen Form spiegeln die Arbeiten unsere Vorstellungen von Katastrophen, von menschlicher Anstrengung und menschlicher Angst wider.
Auch hieran zeigt sich die Offenheit dieser Werke. Silja Forck verwandelt das vertraute Material so, dass es den entstandenen Objekten gelingt, unsere Gedanken zu fesseln und Denkanregungen zu vermitteln.
Die Ausstellung kann täglich während der Öffnungszeiten der Marienschule von 8:30 Uhr bis 16:00 Uhr besichtigt werden.
Herzlich Willkommen!
Ernst Ulrich Gebbers