Georg
Büchner:
'Kunstgespräch' aus der Novelle "Lenz":
Über Tisch war Lenz wieder in guter Stimmung: man
sprach von Literatur, er war auf seinem Gebiete. Die idealistische Periode fing
damals an; Kaufmann war ein Anhänger davon, Lenz widersprach heftig. Er
sagte: Die Dichter, von denen man sage, sie geben die Wirklichkeit, hätten
auch keine Ahnung davon; doch seien
sie immer noch erträglicher als die, welche die Wirklichkeit verklären
wollten. Er sagte: Der liebe Gott
hat die Welt wohl gemacht, wie sie sein soll, und wir können wohl nicht was
Besseres klecksen; unser einziges
Bestreben soll sein, ihm ein wenig nachzuschaffen. Ich verlange in allem -
Leben, Möglichkeit des Daseins,
und dann ist's gut; wir haben dann nicht zu
fragen, ob es schön, ob es häßlich ist. Das Gefühl,
daß, was geschaffen sei, Leben habe, stehe über diesen beiden und sei
das einzige Kriterium in Kunstsachen. Übrigens begegne es uns nur selten: in
Shakespeare finden wir es, und in den Volksliedern tönt es einem ganz, in
Goethe manchmal entgegen; alles übrige kann man ins Feuer werfen. Die Leute können
auch keinen Hundsstall zeichnen. Da wollte man idealistische Gestalten, aber
alles, was ich davon gesehen, sind Holzpuppen. Dieser Idealismus ist die schmählichste
Verachtung der menschlichen Natur. Man versuche es einmal und senke sich in das
Leben des Geringsten und gebe es wieder in den Zuckungen, den Andeutungen, dem
ganzen feinen, kaum bemerkten Mienenspiel; er hätte dergleichen versucht im
›Hofmeister‹ und den ›Soldaten‹. Es sind die prosaischsten Menschen
unter der Sonne; aber die Gefühlsader ist in fast allen Menschen gleich, nur
ist die Hülle mehr oder weniger
dicht, durch die sie brechen muß. Man muß nur Aug und Ohren dafür haben.
[...] Man muß die Menschheit lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes
einzudringen; es darf einem keiner zu gering, keiner zu häßlich sein, erst
dann kann man sie verstehen; das unbedeutendste Gesicht macht einen tiefern
Eindruck als die bloße Empfindung
des Schönen, und man kann die Gestalten aus sich heraustreten lassen, ohne
etwas vom Äußern hinein zu kopieren, wo einem kein Leben, keine Muskeln, kein
Puls entgegenschwillt und pocht.
Kaufmann
warf ihm vor, daß er in der Wirklichkeit doch keine Typen für einen Apoll von
Belvedere oder eine Raffaelische
Madonna finden würde. Was liegt daran, versetzte er; ich muß gestehen, ich fühle
mich dabei sehr tot. Wenn ich in mir arbeite, kann ich auch wohl was dabei fühlen,
aber ich tue das Beste daran. Der Dichter und Bildende ist mir der liebste, der
mir die Natur am wirklichsten gibt, so daß ich über seinem Gebild fühle;
alles übrige stört mich.
Aufgaben:
1.)
Erarbeiten Sie die im Novellenauszug vorgestellte Kunstauffassung des Ich-Erzählers
und legen Sie dar
a)
welche
Art von Realismus Lenz fordert
b)
gegen
welche Kunstauffassung er sich mit welchen Argumenten wendet
c)
welche
Vorbilder und Beispiele er anführt.
2.)
Klären Sie, ob sich die Theorie des offenen Dramas mit der oben formulierten
Kunstauffassung vereinbaren lässt.
3.)
Gestalten Sie ein Szene aus dem Drama "Woyzeck" in einen Prosatext um.
Erfinden Sie einen Erzähler mit entsprechendem Erzählerstandort und Erzählerverhalten
und wählen Sie eine treffende Erzählweise und Zeitgestaltung.
oder:
Beurteilen
Sie, ob sich Gedankengut Büchners und seiner Zeitgenossen auch noch in der
aktuellen Kunstauffassung wiederfinden lässt.