Probeklausur Nr. 2 (Vorschlag B):

Primärtexte: Gerhart Hauptmann (1862-1946): Der Herbstwind heult

                        Rainer Maria Rilke (1875-1926): Herbsttag

                        Georg Trakl (1887-1914): Im Herbst

 

Der Herbstwind heult

Gerhart Hauptmann

 

Der Herbstwind heult, die Blätter jagen,

vom Sturm gescheucht, durch kalte Luft.

Die hüllenlosen Bäume ragen,

Denkmäler einer Totengruft.

 

Des Sommers Gluten blass verlodern,

von Wolkenmassen ausgedrückt,

die Sonne selbst scheint zu vermodern,

vom bleichen Tode angeblickt.

 

Es trieft aus nassen Ästen nieder,

Verwesung birgt ein jeder Hauch.

Und, Quelle meiner jungen Lieder,

Verwesung, scheint es, naht dir auch.

 

Mein Innres krampft sich jäh zusammen,

mein Auge ist von Schleiern schwer,

denn jene tiefgenährten Flammen

des Herzens leichten ihm nicht mehr.

 

 

Herbsttag

Rainer Maria Rilke

 

     Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.

     Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,

     und auf den Fluren laß die Winde los.

    

     Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;

     gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,

     dränge sie zur Vollendung hin und jage

     die letzte Süße in den schweren Wein.

    

     Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.

     Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,

     wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben

     und wird in den Alleen hin und her

     unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

 

 

Im Herbst

Georg Trakl

 

Die Sonnenblumen leuchten am Zaun,

           Still sitzen Kranke im Sonnenschein.

           Im Acker mühn sich singend die Frau'n,

           Die Klosterglocken läuten darein.

          

           Die Vögel sagen dir ferne Mär',

           Die Klosterglocken läuten darein.

           Vom Hof tönt sanft die Geige her.

           Heut keltern sie den braunen Wein.

          

           Da zeigt der Mensch sich froh und lind.

           Heut keltern sie den braunen Wein.

           Weit offen die Totenkammern sind

           Und schön bemalt vom Sonnenschein.


 

 

Aufgaben:

1.        Fassen Sie kurz zusammen, welche Assoziationen und Gedanken das Thema „Herbst“ bei den Autoren auslöst.

2.        Arbeiten Sie für die drei Gedichte den Zusammenhang zwischen Inhalt und Form heraus.

3.        Erklären Sie Ihre Ergebnisse aus Ihrer Kenntnis der Epoche „Jahrhundertwende“.