Lösungsskizzen für Vorklausuren LK

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Klausurlösung

Nehmen Sie Stellung zu den Aussagen im Text von Hannah Arendt!

Hanna Schmitz – ein Name, der alle Schülerinnen und Schüler der aktuellen Stufe 13 aufhorchen lässt. Gemeint ist der Roman „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink. Hanna spielt dort die Rolle einer Frau, die ihre nationalsozialistische Vergangenheit erfolgreich verdrängt hat und jetzt ein „normales“, bürgerliches Leben führt: Sie tut niemandem etwas zuleide. Doch ist das richtig? Darf sie überhaupt (zumindest am Anfang des Romans) das Gefühl völliger Schuldlosigkeit haben?

Wie können Menschen so zwiegespalten sein? Einerseits so nett, normal in ihrem Privatleben, andererseits aber so grausam und rücksichtslos, wenn sie ihre Arbeit durchführen?

Eben dieser Frage widmete sich Hannah Arendt in ihrem Beitrag „Organisierte Schuld“, der 1946, also direkt nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes, in der jüdischen Zeitschrift „Die Wandlung“ veröffentlicht wurde. Diesem Aufsatz wurde auch in den folgenden Jahren, besonders von Juden, große Bedeutung zugeschrieben.

Hannah Arendt beginnt ihren Aufsatz damit, dass sie den recht provokanten Aufhänger nutzt, dass sie feststellt, was allgemein anerkannt ist, dass nicht alle Deutschen - und auch nicht alle schon seit langer Zeit - Nazis sind und waren.

In ihrer direkt daran anschließenden ersten These macht sie deutlich, dass das Hauptproblem nicht der Fakt ist, dass es so viele Nazis in Deutschland gab, auch nicht darin, dass die „verantwortungslos Verantwortlichen“ (Z.14) – diese Alliteration und Dopplung des Wortes „Verantwortung“ macht deutlich, wie sehr – sich die eigentlich Verantwortlichen nicht darum kümmern, sondern, dass der „Verwaltungsmassenmord“ (Z.17), also die Schuldvergabe an das ganze Volk, der wirkliche Grund für das merkwürdige Bild der Deutschen im Ausland ist. Diese These wird durch einen hypotaktischen Satzbau noch verstärkt. Er verdeutlicht die Komplexität und auch die Zusammenhänge, die dieser Grund mit sich bringt.

Die nächste These schließt sich dann direkt an. Arendt ist der Meinung, dass die Menschen in der Gesellschaft, in der sie lebt (1946), kein „Bedürfnis nach Gerechtigkeit“ (Z.23) mehr haben. Zudem tragen sie alle (zumindest in Deutschland) eine Mitschuld an dem Holocaust, auch wenn sie es nicht so empfinden und dadurch besteht das Problem, dass „Wo alle schuldig sind […] im Grunde niemand mehr urteilen“ (Z.24) kann. Verbrechen müssen, zumindest nach geltendem abendländischen Gerechtigkeitsverständnis, bestraft werden. Dies ist in Deutschland nicht einfach. Auch dadurch kommt es, laut Arendt, zu diesen Problemen.

Im nächsten Abschnitt fordert Arendt, was ihre These des „Verwaltungsmassenmordes“ unterstreicht und unterstützt, nicht eine Konzentration auf die „Triebfelder im Herzen“ (Z.32) der normalen Menschen, die nur „Maschine“ (Z.33) waren. Diese sehr metaphorische und beschönigende Umschreibung macht den Kontrast zu dem „organisatorischen Genie[s] des Mordes“ (Z.39) noch deutlicher. Dieses Argument geht fließend in das normative Argument über, dass die Deutschen nicht von Natur aus so grausam sind, sondern diese Grausamkeit sich darauf zurückführen lässt, dass sie nur noch ein Verantwortungsgefühl sich selbst und ihrer eigenen Familie gegenüber, nicht aber für andere Menschen empfinden. Daraus leitet Arendt ihre nächste These, die die bedeutendste in ihrem Text ist, ein. Die Entwicklung dieses Menschen, der nur noch seine privaten, nicht aber öffentliche oder gar soziale Interessen berücksichtigt. Diese These stützt sie unter anderem, indem sie sich auf die Autorität Bertolt Brecht beruft, einen Autor ihrer Zeit, der sagte: „bedenkt man den Hunger und die große Kälte in diesem Tale, das von Jammer schallt“ (Z.51).

Es folgt das nächste Argument für diese These. Arendt nennt ein Beispiel, in dem ein KZ-Häftling einen Soldaten trifft, der ein ehemaliger Schulkamerad war. Dieser sagt jedoch: „Du mußt verstehen – ich habe fünf Jahre Erwerbslosigkeit hinter mir; mit mir können sie alles machen“ (Z.62f.). Dieses Beispiel macht deutlich, dass den Menschen nicht bewusst ist, was sie eigentlich in ihrem Beruf machen. Sie führen Befehle aus, denken jedoch nicht nach, fühlen sich nicht verantwortlich für die Folgen. Die klare Trennung von Privatleben und Arbeitsleben wird sehr deutlich.

Der neue, „moderne Typus Mensch“ (Z.65) orientiert sich, zumindest in Deutschland, nicht an den „klassischen Tugenden“ (Z.68). Dies ist durch die Zerrissenheit in der deutschen Vergangenheit in dem eigenen Staat zu begründen. Dies nimmt den Deutschen die Möglichkeit, sich hinter alten Werten wie „Vaterlandsliebe, deutscher Mut, deutsche Treue usw.“ (Z.75f.) zu verstecken und die Veränderung zu dem modernen Menschen zu verschleiern.

Nach diesem mit Beispielen verstärkten Argument sagt Arendt, dass dieser „moderne Massenmensch“ (Z.82), den sie auch als „Spießer“ (Z.79) bezeichnet, nicht nur in Deutschland vorhanden ist, sondern eine „internationale Erscheinung“ (Z.79) ist. Sie fasst nach dieser Erweiterung ihrer Kernthese noch einmal zusammen, was diesen Menschen ausmacht: Der Schutz des Privaten und eine extreme „Zweiteilung von Privat und Öffentlich, von Beruf und Familie“ (Z.85f.). Die Verbindung sieht er nicht, sogar in sich selbst kann er keine Verknüpfung zwischen beiden Welten erkennen. Eben diese Trennung machte es den Nationalsozialisten so leicht. Die Menschen halten sich nicht für Mörder, wenn es nur ihr Job war, zu töten. Der Mensch würde „aus Leidenschaft […] nicht einer Fliege etwas zu Leide tun“ (Z.91f.), somit fühlt er sich unschuldig.

Das nächste Argument, das Arendt nennt, beruht auf ihrer eigenen Erfahrung. Die Menschen fühlen sich nicht wohl, Deutsche zu sein, sie „schämen“ (Z.94) sich sogar. Diese „Scham […] ist das einzige, was […] von der Solidarität der Internationalen verblieben ist“ (Z.96ff.). Eine Kollektivschuld hilft der Menschheit nicht weiter.

In ihrem letzten Abschnitt sagt Arendt, dass sie fordert, dass alle Menschen gleich behandelt werden, keiner „ein Monopol des Lasters“ (Z.102) bekommt. Dies ist ihrer Meinung nach das Einzige, was das „imperialistische Zeitalter“ (Z.107) beenden und eine Politik verhindern kann, in „der die Nazis wie dilettantische Vorläufer“ (Z.108) betrachtet werden können oder sogar müssen. Die Menschen müssen die Last, die sie selbst für sich darstellen, bezähmen und trotz der aktuellen politischen Lage eine „nicht-imperialistische Politik [zu] machen, eine nicht-rassistische Gesinnung [sich zu] bewahren“ (Z.100f.).

Hannah Arendt ist also der Meinung, dass der „moderne Mensch“, der sein Leben in zwei völlig unabhängige Bereiche trennt, mehr Verantwortung übernehmen muss. Er muss beides wieder verknüpfen, Arbeit und Privatleben, muss wieder ein Bewusstsein erlangen, politisch denken und Rassenwahn verhindern.

Die Deutschen sind nur ein Beispiel dieser imperialistischen Gesinnung, die überall in Europa existiert. Jedoch gab es dort Menschen, die dieses Ausgeliefert-Sein der Menschen für sich in sehr grausamer Weise zu nutzen wussten.

Ist das jedoch auch auf die heutige Zeit noch zutreffend? Haben 60 Jahre die Menschen klüger gemacht? Sind wir dem Weltfrieden zumindest ein Stück weit näher gekommen?

Die Frage der Schuld der Deutschen ist recht eindeutig. Sie haben Schuld an diesem Massaker und ihrer Vergangenheit. 1946 trugen alle Deutschen eine Mitschuld. Heute jedoch wurden die meisten von ihnen bestraft. Somit muss zumindest irgendeine Art Gerechtigkeit möglich gewesen sein. Ich finde es jedoch auch schwierig zu behaupten, in Deutschland habe es nur Täter gegeben. Natürlich, alle trugen eine Mitschuld und diese ist natürlich auch bei denen, die „nur“ Befehle befolgten, geringer als bei denen, die sie gaben. Aber kann der Befehl von den Folgen gänzlich befreien? Ist der Mensch nicht mehr schuld, wenn eine Tat nicht seiner eigenen Planung entspringt? Voll Schuld ist er zumindest nicht. Er hat zwar eine Mitschuld, aber ganz kann er nicht belangt werden, besonders, wenn er sich der Folgen oder Gründe seines Handelns nicht voll bewusst ist. Darf er seine Familie jedoch auch noch mit diesen Grausamkeiten belasten? Dies ist ein Schutzmechanismus, aber warum sollte er sich vor seinen eigenen Taten verstecken können? Schon aus diesem Grunde darf diese gedankenlose Trennung von Privatleben und Beruf nicht passieren. Wenn man seinen Beruf zwar gewissenhaft ausübt, dieser jedoch anderen Menschen ungerechtfertigt schadet, ist dies nicht zu rechtfertigen. In diesem Punkt stimme ich Arendt voll zu.

Diese krasse Trennung hat sich in den letzten Jahrzehnten jedoch massiv verringert. In der Familie wird über Arbeit geredet. Es ist keine völlig andere Welt mehr. Es gibt dafür einfach keinen Grund mehr. Diesen Grund sehe ich in den Grausamkeiten, die in dem Beruf getan wurden, und die Trennung war quasi eine Flucht vor dem Getanen. Ich denke sehr wohl, dass die meisten Wärter von KZs wussten, was sie tun. Vielleicht hat sich gerade deswegen diese Trennung entwickelt.

Dass dieses Phänomen international war, ist auch offensichtlich. Dennoch - in Deutschland muss etwas Besonderes gewesen sein. Ob diese Aggressionen und die Initiative allein auf das „organisierte Genie des Mordes“ zurückzuführen ist, wage ich jedoch zu bezweifeln. Natürlich wollten die Menschen ihre Familien schützen, unternahmen nichts, aber viele haben auch einfach so weggeschaut. Ich könnte mich vor mir selbst nicht so rechtfertigen: „Ich habe gesagt bekommen, töte ihn, also habe ich das auch getan“. Es mag so gewissenlose Menschen geben, mich würde so eine Tat ewig verfolgen.

Der letzte Punkt, den Arendt beschreibt, ist auch heute noch aktuell. Menschen fühlen sich mehr wert, meinen einer „höheren Rasse“ anzugehören. Dies kann und darf kein Mensch von sich denken. Wenn die Politik nicht – zumindest teilweise – diesen Strömungen zuvorgekommen wäre, hätten wir vielleicht schon mehrere solcher grausamen Ereignisse erleben müssen. Der Nationalsozialismus darf nicht wiederholt werden. Es darf nicht noch eine solch grausame Ära in der Weltgeschichte geben. Jedoch machen aktuelle Ereignisse (z.B. Unruhen in Frankreich letztes Jahr; Verfolgung verschiedener Völkergruppen in Afrika usw.) sehr deutlich, dass sich Menschen unterdrückt, nicht gleichberechtigt fühlen und wir auch heute noch weit entfernt sind von einem friedlichen und gleichberechtigten Miteinander. Kriege herrschen, Völker bekriegen sich. Somit hat sich Arendts negative Prognose zwar nicht gänzlich erfüllt, ein Teil jedoch ist leider Wahrheit geworden. Es ist zwar nicht zur weltweiten Eskalation gekommen, in Afrika (Sudan) werden jedoch auch heute Massaker angerichtet. Arabische Volksgruppen müssen sich afrikanischer Rebellen erwehren, die plündernd und mordend durch ihre Siedlungen ziehen. Der Rassenwahn ist also zwar in Europa größtenteils eingedämmt, jedoch nicht verschwunden, aber außerhalb Europas sieht die Situation nicht so berauschend aus.

Ich stimme also Arendt in den meisten Punkten zu, wobei man natürlich immer den zeitlichen Zusammenhang und damit den historischen Kontext, in dem sie diesen Text geschrieben hat, betrachten muss. Dennoch hat sich die Kollektivschuld der Deutschen völlig unbegründeterweise immer noch nicht ganz beseitigen lassen, außerdem sind die Konflikte hier zwar so gut wie verschwunden, schwellen aber dafür in anderen Gebieten auf der Erde weiter. Diese Prognose hatte Arendt auch gegeben, und es wird, um sie noch einmal zu zitieren, auch heute noch „täglich klarer […], was für eine Last die Menschheit für den Menschen ist“ (Z.112f.).

Malte Schmid