LITERATURTIPPS (Februar 2006) „Man liebt nur, was einen in Freyheit setzt“ Die Lebensgeschichte des Friedrich Schiller von Harald Gerlach; Weinheim 2004 (Neuanschaffung) Aus der Reihe „Erzähltes Leben“ , Biographien im Beltz Verlag, findet Ihr seit neuestem in der Bibliothek einen Band zu Schiller. Aus der Reihe besitzen wir schon einige Bücher, die gerne ausgeliehen werden, so z.B. die Geschichte der Ulrike Marie Meinhof „Lieber wütend als traurig“.. Anders als Goethe war Schiller zeit seines Lebens nicht gerade vom Glück verfolgt. Seinen Ausbildungswunsch „Pastor“ gewährt ihm sein württembergischer Landesherr Herzog Carl Eugen nicht, vielmehr kommt er in eine militärische „Pflanzschule“, die Ludwigsburger Solitude. Dort beginnt der Junge heimlich zu schreiben. Nach seiner Flucht vor dem Herzog plagen Schiller stets finanzielle Sorgen, literarische Misserfolge und auch Krankheiten. Gerlach hat eine gut zu lesende Biographie geschrieben, die auch die Zeit, in der Schiller lebte, lebendig werden lässt. Die Entstehung seiner Stücke, jeweils mit kurzen Inhaltsangaben, wird anschaulich geschildert, ebenso wie die häufig enttäuschenden Reaktionen darauf. Die Darstellung Schillers als Sohn, als Schüler, später als Ehemann und auch als Freund Goethes bietet einen guten Zugang zu seinen Werken. Zwar ist das Schillerjahr gerade vorüber, doch Texte von diesem Dichter werden im Unterricht immer noch oft behandelt, sie sind aber nicht leicht. Diese Biographie kann beim Verständnis helfen. B.Lange Buchempfehlung ab 16 JahreDie Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann, Hamburg 2005 (Neuanschaffung Bibliothek) Mit seinem Roman „Die Vermessung der Welt“ ist Daniel Kehlmann einer der größten Bucherfolge der deutschen Literatur der letzten Jahrzehnte gelungen: Das jüngste Werk des Einunddreißigjährigen wurde in mehr als vierhunderttausend Exemplaren verkauft und soll bislang in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt werden. Die Themen des Buches sind : die Deutschen und das Alter. Kehlmann hat einen Roman über Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß geschrieben. Gegen Ende des 18.Jahrhunderts machen sich zwei junge Deutsche an die Vermessung der Welt. Alexander von Humboldt kämpft sich durch Urwald und Steppe, befährt den Orinoko, besteigt Vulkane und begegnet Menschenfressern. Der andere, Carl Friedrich Gauß, beweist im heimischen Göttingen, dass der Raum sich krümmt. Der Junge aus einfachen Verhältnissen, seine Mutter ist Analphabetin, erweist sich als ein solches Genie, dass Napoleon angeblich seinetwegen Göttingen nicht unter Beschuss nimmt. Humboldt, der große Entdecker, legt bei seinen Fahrten immer wieder seine Uniform an, korrigiert den spanischen Kapitän beim Navigieren, seine Reiseerlebnisse strotzen von speziell deutschen, sehr komischen Situationen und Missverständnissen. Hier wird ein Vertreter der deutschen Klassik ausgesandt, die Weimarer Klassik hinauszutragen und mit diesem Weltbild die Welt zu bereisen: .Entscheidung zur Freundschaft, zur Menschenliebe, zum Humanismus. Dieser Humboldt, der überall war, trifft auf einem Wissenschaftlerkongress den Mathematiker Gauß, der nirgends war. Beide, alt und berühmt und ein wenig sonderbar, blicken auf ihr Leben zurück. Dies ist ein philosophischer Abenteurroman voller Humor, spannend geschrieben und sehr unterhaltsam. BLange
Buchtipp für anspruchvolle Leser ab 14 JahreDie Geschwister Apraksin – Das Abenteuer einer unfreiwilligen Reise von Karla Schneider, München 2006-02-14 ( Neuanschaffung Bibl.) Die Geschichte der Geschwister, sie sind drei Schwestern und zwei Brüder zwischen 15 Jahre und 5 Jahren, verpackt historische Fakten in eine fesselnde Handlung. Es geht um dramatische Ereignisse, die Kinder leben im Russland kurz nach der Oktoberrevolution; Kriegskommunismus und Bürgerkrieg machen das Land unsicher. Nach dem Tod ihrer Eltern verlieren die Kinder ihr Zuhause, ihre Bediensteten und vor allem ihr geliebtes Kindermädchen Njanja Die Geschichte ihrer Flucht vor den Bolschewiken, die Waisenkinder sollten getrennt in unsäglichen Kinderheimen untergebracht werden, führt quer durch Russland Dabei wird die zwölfjährige Polly , die Zweitälteste, ihre Anführerin Sie heckte schon den Fluchtplan aus und sie vermochte es auch, ihre Geschwister davon zu überzeugen. Sie ist es auch, der es gelingt, ihren Geschwistern immer wieder Mut zu machen, wenn sie z.B. auf einem Seelenverkäufer über das Schwarze Meer fahren, bedroht von dem gefürchteten Wintersturm Bora. Aber auch jedes andere der fünf Kinder ist so eigenwillig und so gut beschrieben, dass man kaum glauben kann, dass Karla Schneider sich diese Figuren ausgedacht hat. So rettet z.B. der zehnjährige Ossja durch seinen mitgeschmuggelten Chemiebaukasten die Kinder vor Ausplünderung, oder der neunjährige Fedja liest auf grellen Plakaten „Genossen! Der Händedruck ist abgeschafft“, und er warnt mit diesem neuen Wissen alle, die ihn sich noch nicht abgewöhnt haben. Die Beschreibung der historischen Fakten und die Schilderung der Lebensbedingungen der Menschen lassen ein einprägsames Zeitbild entstehen, das ältere Leser an Dr. Schiwago erinnert. „Es ist, als läse man Dostojewski für Kinder.“ (FAZ vom 13.Febr.2006). Es ist kein Trendbuch, es ist ein wortgewaltiges Abenteuerbuch „das bis in alle Einzelheiten davon erzählt, wie es sich anfühlte, Kind zu sein“ ( FAZ ), während Russland in den Wirren der Revolution liegt . B.Lange |