"Brauchen wir für unsere Lebensgestaltung Visionen?"

Landeswettbewerb Essay - Deutsch für die Oberstufe.

Beim landesweiten Schülerwettbewerb Deutsch für die Oberstufe, der alle zwei Jahre von dem Ministerium für Schule, Jugend und Kinder des Landes NRW in Zusammenarbeit mit der Berkekampstiftung ausgeschrieben wird, gehört Claire Descher aus der Jgst. 12 mit ihrem Essay „Brauchen wir für unsere Lebensgestaltung Visionen?“ zu den zehn Gewinnerinnen. Herzlichen Glückwunsch an Claire, die im Oktober an einem dreitägigen Seminar in Marburg teilnehmen wird.

 

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Brauchen wir für unsere Lebensgestaltung Visionen?

Begleiten wir den Herrn Muster an einem seiner Tage.

Früh morgens steht er auf, duscht, während ihm seine Frau das Frühstück macht. Er zieht einen dunkel-grauen Anzug an und bindet sich eine schlicht blaue Krawatte um, die er letztes Jahr zu Weihnachten bekommen hatte. Während des Essens liest er in der regionalen Zeitung. Seinen Kaffee trinkt er so, wie ihn seine Frau kocht.

Sie sind seit elf Jahren verheiratet, haben zwei Kinder, Hund und weißen Gartenzaun.

Herr Muster arbeitet von acht Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags im Büro. Er verdient durchschnittlich, nicht besonders gut, aber es reicht zum Leben und für einen Familienurlaub pro Jahr, den seine Frau und seine Kinder planen. Er möchte nicht mehr, es geht ja auch so.

Abends isst er entweder mit der Familie oder geht mit Arbeitskollegen in eine Bar. Er trinkt nicht viel, jedoch niemals nichts.

Er hat keine besonderen Hobbys oder Interessen. Er ist freundlich, sympathisch, aber irgendwie auch wieder unauffällig und langweilig. Wenn man ihn fragt, was er sich wünsche, antwortet er mit: „Ich bin wunschlos glücklich.“ oder „Dass die Benzinpreise runter gehen.“

Was er nächstes Jahr mache? „Das gleiche, wie dieses Jahr.“

Und in zehn Jahren? Das wisse er noch nicht.

Was er denn in zehn Jahren gerne machen wolle? Keine Ahnung.

Der Herr Muster ist der Mann ohne Visionen.

In diesem Text beschäftigen wir uns mit dem Satz „Brauchen wir für unsere Lebensgestaltung Visionen?“ oder vielmehr mit dem Thema „Brauchen wir Visionen zum Leben?“. Direkt am Anfang möchte ich auf die beiden zentralen Fragen hinweisen, die sich bei dieser Überlegung stellen.

„Was ist eine Vision?“ und „Was brauchen wir zum Leben?“

Ich möchte Sie dazu einladen, darüber nachzudenken, ob Sie selbst mit Visionen leben und was genau Sie als diese charakterisieren würden. Nehmen Sie sich doch bitte eine Minute des Schweigens und überlegen Sie.

Nun, was haben Sie gesehen? Haben Sie überhaupt etwas gesehen? Etwa Ihren nächsten Sprung auf der Karriereleiter oder das unerhofft gute Abitur? Vielleicht Ihre Traumhochzeit in Weiß oder sogar die Befreiung Tibets? Die übernächste Generation, die auf dem Mond oder in der Tiefsee lebt? Hoffentlich mehr als der Herr Muster.

Der Griff zum Wörterbuch erklärt uns das Wort „Vision“ unter anderem als unsere Invention der Zukunft, der Schülerduden sogar als „realistisches Vorstellungsbild von eindringlicher Wirkung“. Fest zu stehen scheint, dass jeder seine eigene Ansicht von Visionen hat, was die Sache verkompliziert, da Visionen selbst kaum mehr als Bilder sind, oder etwa nicht?

Visionen prägen unser Leben von klein an. Es sind zunächst nicht die weltbedeutenden Pläne, sondern auch das: „Ich will groß und stark werden, darum würge ich den Spinat hinunter!“

Sie bilden die Grundlage zur Zukunftsplanung, sie geben Hoffnung und Antrieb für das Kommende. Im Gegensatz zu Träumen rechnen wir ihnen eine Plausibilität zu,wenn wir nur fleißig darauf hinarbeiten.

Arbeiten –ein nicht unwesentlicher Bestandteil unseres Lebens. Doch was genau gibt Herrn Muster, was gibt uns die Motivation, morgens aufzustehen und es nicht dem Teppich gleichzutun. Es wäre doch so schön, den ganzen Tag liegen zu bleiben!

Eine Behauptung: Wer allein aus Bedarf nach Kost und Logis arbeitet, bringt eine wesentlich schlechtere Leistung als jemand, der auf ein Ziel hinarbeitet. Ohne Visionen ist es schwer, den Sinn zu erkennen, den eigenen Antrieb zu finden. Wie bei einem Schulkind, das nicht begreifen will, dass es nicht für die Schule, sondern für sich selbst lernt, stapeln sich die ungemachten Hausarbeiten. Man steht auf der Stelle, weil man nicht weiß, welche Richtung man einschlagen soll.

Man sollte kein Träumer sein, aber ich hoffe, dass jeder für sich selbst mindestens ein kleines bisschen Visionär ist, nicht wie Herr Muster mit dem Gesicht halb-unten auf dem Ozean des Lebens schwimmt. Wir brauchen etwas, worauf wir hinarbeiten können, das uns sowohl Ziel als auch Leitfaden ist und uns Kraft zum Leben gibt.

Der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe Erich Fromm (1900-1980) definierte deshalb wie folgt:

„Die Vitalität selbst ist das Resultat einer Vision. Wenn es keine Vision mehr gibt von etwas Großem, Schönem, Wichtigem, dann reduziert sich die Vitalität und der Mensch wird lebensschwächer.“

Eins wollen wir alle –leben; und das ist mehr als aufstehen, arbeiten, essen, schlafen. Wer nur darauf basiert, geht zu Grunde.

Visionen geben Kraft, Großes zu schaffen und sind dabei nicht unabhängig von der Mode. Jedes Jahrzehnt und im Besonderem jede Jugendrevolte hat ihre Vorstellung, was mit der Welt passieren sollte, wie sie sich zu verändern habe oder –vor allem- zu verändern sei. Ob die 68er Bewegung oder der frühe Feminismus der Mitte des 19. Jahrhunderts –sie alle hatten Visionen, haben ihr eigenes Leben und damit auch die Gesellschaft geformt.

Doch trotz der zeitlichen und sozialen Einflüsse zeichnen uns Visionen als Individuum aus. Die Zukunftsplanung ist sehr persönlich. Ein Schulabgänger sollte bei der Entscheidung des Berufsfeldes vor allem auf sich selbst hören, heißt es immer wieder. Aus Interessen und Möglichkeiten bildet sich so die eigene Zukunftsvision. Einen Jugendlichen nach seinem Berufswunsch zu fragen, führt unweigerlich dazu, dass wir ihn kategorisieren. Wer möchte denn Anwalt werden oder doch lieber Gärtner?

Alleine denken wir über das nach, was die Zukunft bringen mag oder soll. Wir sprechen darüber mit guten Freunden oder unserem Lebenspartner, mit Menschen, denen wir vertrauen, das Persönlichste anvertrauen können. Wir erzählen uns von Vorlieben, Wünschen und Zielen, spinnen vielleicht auch einmal ein bisschen herum. Und es sind eben diese Personen, die einen ermuntern oder sogar helfen, das zu erreichen, was man wirklich möchte. Haben wir in unserer Lebensplanung keine Visionen, kann es passieren, dass wir nur versuchen, Erwartungen zu erfüllen, das „ich“, die Stimme unseres Herzens, ignorieren.

Die Stimme des eigenen Herzens zu hören, ist schwer geworden, die Stimmen der Herzen in der Öffentlichkeit zu hören eine Rarität.

Wo sind die großen Utopien der Gegenwart, die Jugendrevolten und Stilumbrüche? Hat unsere Gesellschaft vielleicht leise und scheinbar unbedeutend etwas verloren?

Auf den ersten Blick könnte man meinen, die deutsche Welt sei doch eigentlich ganz in Ordnung. Natürlich, ein paar kleine Problemchen gibt es immer (Wie war nochmal die Sache mit der Integration?), aber im Großen und Ganzen haben doch wir in den letzten Jahren jede Menge bewirkt.

Die soziale Klassenaufteilung entscheidet sich dank diverser Förderprogramme immer seltener bei der Geburt, sondern erst nach der vierten Grundschulklasse. Statt korrupter Politikern haben wir nur noch bestechliche und bestechende Manager und Listen mit inoffiziellen, aber legalen Nebeneinkünften. Die Sexualität ist so offen, dass jedes Kind –egal wie alt- sich nachts auf gewissen Sendern fortbilden kann, die Frauen sind frei – die Männer gefesselt. In zehn bis zwanzig Jahren werden wir alles zum Besten gewendet haben. Hier herrschen keine Zustände wie in Cuba, Tibet oder Russland. Wir sind glücklich und zufrieden, wie man nur sein kann – all unsere Wünsche und Visionen erfüllen sich mit dem Druck auf die Fernbedienung. Auch die Literatur, vollgefressen und satt vor lauter Subventionen und Preisverleihungen, findet nicht mehr viel zum Kritisieren – außer ihrer selbst, wenn sie nicht gerade die sechste Dekade mit Schuldgefühlen der Nazizeit und weiteren Aufarbeitungen von Nachkriegsliteratur aufbläht.

Was Visionen angeht, die mehr als die eigene Existenz betreffen, scheinen wir alle beim Träumen ein bisschen eingeschlafen zu sein. Geben wir uns so zufrieden, wie es läuft? Ignorieren wir Differenzen oder gibt es simpel keine?

Schon fast gefährlich rhetorisch eine solche Frage an die deutsche Öffentlichkeit zu stellen. „Ein wahrer Deutscher ist nur zufrieden, wenn er etwas querulieren und reformieren kann.“ Wir arbeiten hart bis zum Optimum. Wir hängen an unseren Vorstellungen. Wie bisher nun wohl gründlich erläutert, brauchen wir Visionen nicht nur für unsere private Lebensgestaltung, auch für unsere Gesellschaft, für unsere Existenz. Damit wir nicht auf der Stelle treten, wissen wohin wir gehen müssen. Um graue Mustermenschen zu vermeiden und um in Aktion zu bleiben, benötigen wir Ziele und Vorstellungen, Meinungen und Utopien um Stück für Stück voranzukommen.

„Die Vitalität selbst ist das Resultat einer Vision“, behauptet Erich Fromm.

„Visionen selbst sind oftmals die Basis der Vitalität“, behaupte ich.

Wir brauchen Visionen nicht nur für unsere Lebensgestaltung –nein, sie sind sogar ein fester Teil derer. Unvorstellbar weg zudenken, so vielseitig, aber zugleich grundlegend und simpel, etwas Schönes, Unersetzbares. Unersetzbar deshalb, weil Menschen ohne Visionen der Glanz in ihren Leben fehlt. Herr Muster dümpelt von sich hin. Hoffen wir, dass es seinen Kindern besser gehen wird. Und hoffentlich verbleibt auch in uns mindestens ein letztes Stück Kind, Naivität, die Fähigkeit zu visionieren.

Claire Descher