Unsere „TOP DOGS“ – Einige Anmerkungen
Wenn man von der Realität überholt wird
Die Umzugskartons auf der Bühne zeugen von der Auflösung einer Scheinwelt: Manager, bis vor kurzem
noch hochangesehene Spitzenkräfte der Wirtschaft, können einpacken. Hatten sie mit ihren schicken
Anzügen, Krawatten und repräsentativen Büros leere Rituale gelebt und nur mit heißer Luft spekuliert?
Am Anfang kam uns das Szenario etwas überzogen vor, und wir fragten: Kann das ein Bühnenthema von
allgemeinem Interesse sein?
Dann wurden wir (alle) Monat für Monat von einer sich steigernden Finanz- und Managementkrise geradezu
überrollt, der Inhalt des Stückes und die gesellschaftliche Realität wurden nach und nach deckungsgleich!
Der Kreis der acht Darsteller in der ursprünglichen Fassung des Stückes wurde auf 25 Personen erweitert.
Die Kursgröße führte dazu, dass Aussagen und Personen austausch-bar wurden.
Der Schock, plötzlich nicht mehr gebraucht zu sein, trifft Männer wie Frauen. In einigen Konstellationen
wird eine Männerrolle durch den Anzug, die Krawatte oder die Frisur angedeutet, aber die Schauspielerinnen
versuchen nicht - außer in ganz bestimmten Situationen - Männer zu imitieren, mit anderen Worten: wir
haben ihnen keine Bärte angeklebt!
Die Erstfassung des Stückes hat Urs Widmer zusammen mit den Schauspielern erarbeitet und aus dieser
Situation heraus wurden die realen Namen der Schauspieler in das Stück übernommen. Wir tragen dem
Rechnung, indem wir den Schauspielern des Camps ihre „echten“ Namen gelassen haben.
Nach außen versuchen die entlassenen Top Dogs cool zu bleiben, doch die Nacht, das Unterbewusstsein
arbeitet unablässig und gibt keine Ruhe, wir hören ihren Herzschlag auf der Bühne, Angstzustände schütteln
ihre Körper, Schreie münden in die „Große Klage“, einen erschütternden apokalyptischen Abgesang.
In der vorletzten Szene, die „Utopie vom Menschen“, wird die Zukunftsvision eines idealen
Gesellschaftsmodells entworfen – wie in der aktuellen Studie „Vision Deutschland“ vom Juni
09: „Auf die Wirtschaftskrise folgt eine Gesellschaft der Gegenseitigkeit, der Abschied von den
Ichlingen“!
Massenszenen gibt es auch beim Fitnesstraining für alle und als Schwertkampf, bei dem
Manager die nötige Körperspannung zu finden suchen. Diese Szenen wurden von Frau Wistokat
choreographiert. Danke!
Das sind im Original zwei separate Blöcke mit jeweils vier bis fünf Texten. Wir haben diese
Texte über das ganze Stück verteilt, um einen bestimmten Rhythmus in die längeren Passagen zu
bringen.
Märchen und Träume erscheinen an vielen Stellen als Flashlights, die uns Zuschauer aus der
laufenden Handlung hinausreißen. Alternative Vorstellungen von „Werten“ wie bei „Hans im
Glück“, der, obwohl er alles verliert, glücklich ist, oder beim „Fischer und seine Frau“ - kennen
Sie noch das Ende?
Die Träume legen die Kindheitstraumata bloß und spülen nach oben, was nicht aufgearbeitet ist:
die Beziehung zur Mutter, die Wut auf den Chef.
- doch ganz anders dargestellt als erwartet, mit Augenzwinkern und Humor, noch einmal
überhöht durch eine Distanz, die uns die Lächerlichkeit dieses eben menschlichen Desasters vor
Augen führt: der Manager, der von seinem Auto gefühlvoller spricht als von seiner Frau, der
irgendwas schenkt, weil er nicht weiß, was seine Frau – „ein echter Kumpel“ übrigens – wirklich
mag. Na gut, vieles vielleicht etwas überzogen, könnte man meinen, aber doch vieles auch, was
jeder irgendwie bei sich wiedererkennen kann(?). Also es geht nicht nur um die anderen…
- am Ende doch von uns allen gemeinsam entwickelt, ein aufregender Prozess mit Krisen und
Rückschlägen, in den letzten Wochen jedoch hin zu Begeisterung, Eifer und Einsatz! Auch die
Technik musste bewältigt werden: Danke, Georg Kiefhaber!
Schülerinnen haben sich unglaublich (hinein)gesteigert in ihre Rollen und jedes Detail mit
Akribie und Herzblut erarbeitet.
Danke dafür – und jetzt: Vorhang auf!