Studentenpfarrer André Pollmann und Jan-Niklas Collet aus dem Gemeinderat überbrachten die Glückwünsche der Studierendengemeinde. Für die Bewohnerschaft des Marianum sprachen Katharina Sothmann und Thomas Stratmann. „Wer erinnert sich hier im Raum nicht an sein erstes Telefonat mit Johannes Fleer?“ fragten die beiden. Sie dankten dem Theologen Fleer für dessen offene, stets an den Bewohnern und ihren zeitweiligen Sorgen interessierte Art der Hausleitung. Fleer erinnerte daran, dass das Marianum nach dem Zweiten Weltkrieg im Mai 1952 wieder eröffnet worden war. Etwa zeitgleich habe in England Königin Elisabeth II. den Thron bestiegen. Heute könne man von zwei nicht zu übersehenden Parallelen des Wohnheims mit der Queen sprechen: „Beide sind in hervorragender Verfassung und erfreuen sich höchster Anerkennung und Wertschätzung.“ Eine echte Erfolgsgeschichte also.

Tim Schlotmann

Quelle: Kirche und Leben vom 08.07.2012

Wer in Zeiten wie diesen einen Mangel an zivilgesellschaftlichem Engagement gerade unter jungen Erwachsenen beklagt, der wurde von den Bewohnern des münsterschen Studentenwohnheims Collegium Marianum eines Besseren belehrt: Vor, während und auch nach den Feierlichkeiten anlässlich des 60-jährigen Bestehens ihres Hauses stellten zahlreiche Studierende ihre große Einsatzbereitschaft unter Beweis: Kein Wunder also, dass der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, Hermann Kues, in seinem Festvortrag eben jenen Einsatz würdigte und als Merkmal des Zusammenlebens in einem katholischen Wohnheim für Studierende herausstellte. Mit einem festlichen Gottesdienst in der Petrikirche wurde der Festtag mit 300 Gästen, darunter vor allem zahlreiche ehemalige Hausbewohner, begangen. Weihbischof Stefan Zekorn erinnerte in seiner Predigt angelehnt an ein Zitat von Papst Benedikt XVI. daran, dass sich allezeit seiner Wurzeln vergewissern müsse, wer Frucht bringen möchte. Im Magnificat Mariens, der Patronin des Wohnheims, sei das Programm des Marianums in den unmissverständlichen Worten der Gottesmutter formuliert. Gemeinschaft, Solidarität, und Nächstenliebe habe er selbst erfahren dürfen, als er zu Beginn der Neunzigerjahre vorübergehend seine Heimat im Marianum gefunden habe, betonte der Weihbischof. Schon damals sei Johannes Fleer Heimleiter gewesen. Der vielseitig engagierte Telgter erhielt von Zekorn ein Präsent und eine Würdigung für die nun mehr 25 Jahre des Wirkens an der Seite zahlloser Studierender, die er kommen und gehen sah und „die ihn als lieben Kerl zu allen Zeiten zu schätzen gewusst hätten“. Daniela Lohaus und Theresa Sothmann, Bewohnerinnen des Marianums, führen durch das Programm in der Aula der Studierendengemeinde. Sie verlasen auch die Grußworte jener Gäste, die selbst nicht zum Festakt erscheinen konnten. Bischof Felix Genn dankte in seinem Grußwort für die gute Nachbarschaft und erinnerte an die Willkommensgrüße der Studierenden, als er vor drei Jahren sein neues Quartier im Bischofshaus bezogen hatte. Klaus Müller, Dekan der ebenfalls benachbarten Katholisch-Theologischen Fakultät, erinnerte in seiner Grußadresse an zwei bedeutende Bewohner, die einst im Marianum gelebt und von dort aus ihr vielgestaltiges Wirken fortgesetzt hatten: die heilige Edith Stein und der Theologe Karl Rahner. Mit dem aus dem Emsland stammenden CDU-Politiker Hermann Kues war ein Festredner aufgeboten, der nicht nur als Experte im Bereich klassischer familienpolitscher Fragen gelten darf, sondern auch die Perspektiven der vielen in einem katholischen Wohnheim beheimateten Studierenden gut kennt. Er habe einst im Deutschen Studentenheim am Breul gewohnt, seine Frau im heutigen Café Milagro kennengelernt, und eine seiner Töchter wohne in Marianum. „Die Kirche muss den Sinn und die Bedeutsamkeit der Einrichtung wie dieser hier immer wieder erkennen und ernstnehmen.“

 

Bereits 1909 hatten Ordensfrauen vom Orden "Unserer Lieben Frau" und angehende Lehrerinnen den ehemaligen Hülshoffschen Hof bezogen, der fortan Collegium Marianum heißen sollte, um dort zu wohnen und zu studieren. Auch Edith Stein, 1942 wegen ihrer jüdischen Abstammung ermordete und heiliggesprochene Carmeliterin, lebte und lehrte dort. Nachdem das im Jugendstil erbaute Haus 1945 völlig zerstört worden war, erlangte das Marianum ab 1952 eine neue Bedeutung als Studentenheim in kirchlicher Trägerschaft. In der stark zerstörten Stadt Münster fehlte der Wohnraum für die ständig zunehmende Zahl der Studierenden. Tagungen, Feiern und Exerzitien fanden im Marianum statt, und zu den Essensausgaben am Mittag kamen täglich bis zu 270 Gäste. Die Wirtschaftsführung und die Versorgung des Speisesaales wurden dabei bis 1975 von den Ordensschwestern übernommen. Der erste Heimleiter, Studentenpfarrer Egon Schmitt, forcierte die Zusammenarbeit mit der Katholischen Studentengemeinde, die im Erdgeschoss des Hauses untergebracht ist.
Außerdem fand eine enge Zusammenarbeit mit der Katholischen Theologischen Fakultät der Universität statt. So wohnte der große Theologe Karl Rahner während seiner Zeit als Dogmatikprofessor an der Katholischen Theologischen Fakultät von 1967-1971 in einer kleinen Dienstwohnung im Marianum.
Nach der Generalsanierung in den Jahren 1994 und 1995 erfuhr das Marianum eine neue Aufbruchphase. Wie in den Gründerjahren der Nachkriegszeit wurde die enge Kooperation mit der Studentengemeinde wieder neu belebt. Mit dem CafeMilagro der KSHG wurde an die alte Tradition der studentischen "Beköstigung" angeknüpft.
Heute leben im Marianum 100 Studentinnen und Studenten; ein Teil von ihnen kommt aus Ländern der Dritten Welt, größtenteils aus Afrika. Heimleiter Johannes Fleer verweist auf diese internationale Zusammensetzung: "Internationale Solidarität wird im Marianum vor Ort gelebt". Das Gefühl, zur Weltkirche zu gehören, kann hier leibhaftig erfahren werden.
Dem Bistum Münster als Träger geht es in diesem Studentenwohnheim zudem nicht nur um reine Wohnraumbeschaffung. Unter anderem hat es von Anfang an gemeinsame, von Tutoren und Tutorinnen durchgeführte Veranstaltungen gegeben, die auch finanziell unterstützt werden. Dementsprechend lautet die Schlussbestimmung der Haussatzung: " Auftrag des Hauses ist es, den Studentinnen und Studenten ihr Studium zu ermöglichen und sie durch die Gemeinschaft und die Veranstaltungen des Hauses zu fördern!"
Diese Wohnheimkonzeption hat sich in den nunmehr 50 Jahren außerordentlich gut bewährt. Die hohe Anzahl an Bewerberinnen und Bewerbern um einen Wohnplatz bestätigt dies jedes Semester aufs Neue.

Johannes Fleer

Stationen ihres Lebensweges nach Münster:

Die erste Station beantwortet die Fragen: 
Wie ist sie nach Münster gekommen? Wo hat sie gewohnt? 
Nach ihrer Promotion (1916) und ihrer Assistentenzeit bei Prof. Edmund Husserl in Freiburg versucht Edith Stein, sich zu habilitieren. Sie hat mit ihren Versuchen keinen Erfolg, da das Habilitationsrecht für Frauen erst in der Weimarer Republik durchgesetzt werden konnte, übrigens 1920 auf Initiative von Edith Stein!
In die Zeit ihrer freien wissenschaftlichen Arbeit (1918-1922) fällt ihre Hinwendung zum katholischen Glauben und ihre Taufe 1922. Acht Jahre ist sie danach Lehrerin an einem Mädchengymnasium in Speyer, setzt jedoch die wissenschaftliche Arbeit weiter fort. Sie lebt zwar in klösterlicher Zurückgezogenheit: Sie macht sich jedoch einen Namen als Vortragsrednerin zu pädagogischen Fragen, übersetzt das Werk "de veritate" des hl. Thomas von Aquin ins Deutsche und versucht, den Kontakt zur Philosophie der Phänomenologie aufrecht zu erhalten. 1931 gibt sie die Lehrerinnenexistenz wegen Arbeitsüberlastung auf.
Es bedeutet für sie eine glückliche Lösung, dass Prof. Steffes, der Leiter des Deutschen Instituts für wissenschaftliche Pädagogik in Münster, durch die Vermittlung des Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen ihr 1931 eine Dozentur anbot. Im Januar 1932 hielt sie noch eine viel beachtete Vortragsreihe in der Schweiz, ab April tragen ihre Briefe dann den Absender: Münster, Collegium Marianum, Frauenstr. 3.
Schon im Februar war sie nach Münster gekommen. Und da sie so schnell keine Bleibe fand, war sie Gast bei der Familie des Feuilletonredakteurs Dr. Gottfried Hasenkamp in der Jägerstraße. Sie soll sich, der Familienfama gemäß, mit einem großen Korb Äpfel für die Gastfreundschaft bedankt haben.
Im Collegium Marianum wie schon in Speyer lebte sie wieder in klösterlicher Zurückgezogenheit. Damals war das Collegium (gegr. 1899) ein Wohnheim für studierende Ordensfrauen, in dem auch einige weltliche Studentinnen wohnten. Natürlich war die Kapelle der Mittelpunkt des Hauses, und etliche der Mitbewohnerinnen Edith Steins bezeugen, wie oft, wie lange und wie intensiv sie dort im Gebet versunken verweilt hat. Diese Kapelle müsste sie heute eigentlich zur Patronin haben!
Edith Stein kümmerte sich um den Studienfortgang ihrer Mitbewohnerinnen in Wort und Tat. Sie gab wissenschaftlichen Rat, und sie hielt auch Gesprächskreise ab, vor allem zu philosophischen Themen. Aus dem Collegium Marianum stammt auch der einzige Gegenstand aus ihrem persönlichen Besitz, der erhalten ist. Bei ihrem Abschied von Münster im Juli 1933 überreichten ihr die Schwestern Unserer Lieben Frau, die die Heimleitung innehatten, ein Reliquienkreuz, das diese einmal von Bischof Johannes Poggenburg erhalten hatten. Es befindet sich heute im Kölner Karmel. Kardinal Höffner hat es anlässlich der Seligsprechung Edith Steins als Vortragskreuz neu fassen lassen. Es ist Symbol für ihr Leben, und es verbindet uns hier in Münster besonders mit ihr.