Protokoll des Treffens grüner JHA-Mitglieder vom 14.12.01
Schwerpunkttthema:
Mädchenarbeit – Jungenarbeit / Ansätze des Gender mainstreaming
An der Formulierung dieser Leitlinien zur Mädchenarbeit sind beide Landesjugendämter (Westfalen-Lippe und Rheinland) beteiligt; das Modellprojekt läuft bereits seit 2 Jahren.
Ausgangspunkt war ein Projekt des LJA in Kooperation mit dem Kreis Herford "Zur Situation von Mädchen und jungen Frauen in der Jugendhilfe", das die Notwendigkeit einer festen, einheitlichen Verankerung der Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen nahelegte. Daher wurde im Auftrag von Landesjugendhilfeausschuss und Gleichstellungskommission die Erarbeitung dieser Leitlinien in Angriff genommen.
Die Zielsetzung der Leitlinien ist:
Die Leitlinien sind gerichtet an die Leitungsebene der öffentlichen und freien Träger und an die Fachkräfte.
Ausgangslage:
Was Erziehung und Sozialisation von Mädchen/Jungen, die Angebote der
Jugendhilfe und ihre Inanspruchnahme anbetrifft, ist festzustellen:
Solange Mädchen in den Angeboten der Jugendhilfe noch unterrepräsentiert sind, werden die Interessen von Mädchen und Mädchenarbeit in den Leitlinien parteilich behandelt, wenn auch nicht anwaltlich (letzteres will heißen: alle Interessen, die Mädchen äußern, werden sich 100% zu eigen gemacht.) Dennoch sind die geäußerten Wünsche, Interessen und Bedarfe von Mädchen Ausgangspunkt der Leitlinien, denn es soll um die Unterstützung ihrer persönlichen und sozialen Entwicklung gehen.
Strukturelle Verankerung:
Leitfragen für die Erarbeitung der Leitlinien sind und Kriterien für die Qualität der Angebote von Mädchenarbeit sind (stichpunktartig):
Die beiden Landesjugendhilfeausschüsse haben das Konzept der Leitlinien gebilligt; als nächster Schritt soll die Praxisnähe des Konzepts erhöht werden. Demnächst werden die Leitlinien veröffentlicht.
2. Referat von Gabriele Macke zum Thema "MädchenarbeitGabriele Macke war 6 Jahre " im Bereich Mädchenarbeit / Mädchenbildungsarbeit als pädagogische Mitarbeiterin beim freien Träger "Mabilda" tätig und arbeitet jetzt im selben Bereich freiberuflich.
DAS
typische Mädchen gibt es heute nicht mehr, sondern das Bild vom Mädchen ist
sehr vielfältig: Mädchen sind nicht mehr nur schwach und ruhig und
untergeordnet, sie können auch das Gegenteil sein oder besser: Sie sind das
eine und das andere.
Sie sind weiblich und cool, zärtlich und selbstbewußt, wollen klar Bescheid
wissen, haben (in ihrem Selbstverständnis) keine Probleme . Daneben stehen aber
immer noch die traditionellen Rollenbilder von "klein und schwach". In
diesem Spannungsfeld stehen Mädchen...
Die Geschlechterrollen sind sehr aufgeweicht und fließend geworden. Im
Grundsatz wird aber immer noch das Männliche über das Weibliche gestellt.
Mädchen haben zu ihrem Verhaltensrepertoire deshalb sog. männliches
Verhaltensrepertoire hinzugenommen, für Jungen ist es umgekehrt jedoch nicht
interessant, weibliches Verhaltensrepertoire hinzuzulernen.
Freie Träger und Verbände tragen dem
Konzept Mädchenarbeit sehr unterschiedlich Rechnung, es herrscht eine absolute
Vielfalt.
Allgemeine Anforderungen für Mädchenarbeit müssen sein:
Zielsetzung von Mädchenarbeit kann nicht mehr nur das Erreichen definierter emanzipatorischer Ziele sein, sondern es geht vielmehr darum, sich auf einen Prozess mit den Mädchen einzulassen und herauszufinden, was sie wollen. Sie haben konkrete Vorstellungen von dem, was sie wollen, aber sie brauchen Raum, dies zu äußern. Sie lehnen auf der einen Seite die Sonderrolle Mädchen ab, wollen nicht mehr nur als defizitär gesehen werden, wollen gleichberechtigte Teilhabe an aller Jugendarbeit. Das heißt auf der anderen Seite aber nicht, dass sie geschlechtshomogene Gruppen ablehnen; die sind für sie sehr wichtig.
Mädchenarbeit ist kein "Thema", sondern eine "Haltung", die erfordert, dass Mädchen durchgängig in der Jugendarbeit Berücksichtigung finden müssen. Gender Mainstreaming muss ein Instrument, keine Methode sein; neben dem gender Gesichtspunkt bleibt die Notwendigkeit einer spezifische Förderung von Mädchen immer bestehen. Geschlechtsbewußte Koedukation kann Mädchenarbeit nicht ersetzen, sie muß gleichberechtigt daneben stehen.
Mädchenarbeit braucht Netzwerke. Wichtig ist die Fortbildung von JugendarbeiterInnen und PolitikerInnen, die letzten Endes zu entscheiden haben, ob und wie es Mädchenarbeit geben wird oder nicht.
3. Referat von Michael Drogand-Strud zum Thema "Jungenarbeit"Michael Drogand –Strud ist Referent in der Heimvolkshochschule "Alte Molkerei Frille".
Stichworte zum Vortrag
Jugendhilfeausschuss-Treffen 14.12.01 in Münster
Grundlagen der Jungenarbeit (Manuskript
M. Drogand-Strud)
Geschlechtsbezogene Pädagogik bedeutet
das Einbringen der Kategorie "Geschlecht" in den pädagogischen und
sozialarbeiterischen Alltag – aber keine Sonderform der Jugendhilfe.
Mit dem Gender Mainstreaming als Reform von oben kann die Jungen- und
Mädchenarbeit als ein Instrument zur Durchsetzung von Chancengleichheit
Bedeutung bekommen.
Gender Mainstreaming sagt aus, dass in allen Bereichen des gesellschaftlichen
Lebens die Geschlechterfrage gestellt werden muss - und zwar nicht als
Sonderfrage, sondern als durchgängiges Leitprinzip!
In der Jugendhilfe heißt das dann:
jedes Projekt, jede Einrichtung, jede Beratungsstelle, jedes Jugendhaus, jede
Tagesstätte oder jede Maßnahme der JSA muss sich fragen:
Wenn ich "übersehe", dass
straffällige, hyperaktive, stotternde, gewalttätige oder erziehungsschwierige
Kinder und Jugendliche weit häufiger männlich als weiblich sind, vergebe ich
hier Chancen in der Problemanalyse und der Auswahl pädagogischen
Interventionen.
Ich verschweige den Anteil der Jungensozialisation an dem Problem und auch
seiner Lösung.
Ja, letztlich verhindere ich sogar
Lösungsansätze, in dem ich Probleme individualisiere, die vielleicht auch
strukturelle Ursachen – nämlich die der Normen der Geschlechterrolle
beinhalten.
Dualismen sind geprägt durch das
Prinzip des Entweder – Oder.
Entweder emotional oder rational, Inländer oder Ausländer, schwarz oder weiß,
Freund oder Feind, zivilisierte Welt oder unzivilisierte Welt, normal-beschult
oder sonderbeschult, erwerbstätig oder arbeitslos.....
Dem Dualismus liegt ein sich scheinbar ausschließendes Gegensatzpaar zugrunde.
In dem Schema gibt es nur das eine oder das andere, ein sowohl - als auch bleibt
außen vor.
Auch der Dualismus von Frau-Mann bzw. männlich - weiblich ist Alltag und hat
Einfluss auf unser Handeln. So brauchen wir die sichere Bestimmung des
Geschlechtes einer Person um Sicherheit im Umgang mit der oder dem Anderen zu
erlangen.
Dualismen geben uns eine vermeintliche Sicherheit im Umgang mit Menschen.
Zugleich schränken sie uns ein, weil wir mit diesen Dualismen unbemerkt auch
Wertigkeiten verbinden. Auch beim Dualismus Frau-Mann.
Diese Wertigkeiten sind nicht biologischen Ursprungs, sind nicht im Erbgut
angelegt, sondern sind eine soziale Konstruktion der Gesellschaft, die das
Zusammenleben einmal vereinfacht hat. Aber diese Art der Vereinfachung ist
zumindest heute nicht mehr funktional.
Viele traditionelle Rollenzuschreibungen haben ihre Funktion verloren.
So stellt die Geschlechterdualität eine Einengung dar, weil sie keine
tragfähigen Zuschreibungen mehr bietet.
Das Prinzip des Entweder - Oder prägt unsere Entscheidungen und lässt zu wenig
Spielräume zu.
Es gibt aber nicht nur den Dualismus, sondern zwischen den beiden Polen findet eine Hierarchisierung statt. Wir können in allen Beispielen eine Bewertung finden, die da lautet:
Die Hierarchie fragt nach wahr oder
falsch, oben oder unten, besser oder schlechter.
Zwischentöne werden nicht wahrgenommen oder ignoriert.
Welche Bedeutung hat das System von Dualismus und Hierarchie nun für das
Geschlechterverhältnis?
Den Geschlechtern und ihren Handlungen
wird unterschiedlich viel Wert beigemessen. Im hierarchischen Denken und
Beurteilen wird dem männlichen mit seinen Attributen (groß, stark,
rational, erwerbstätig, aktiv....) mehr Wert zugetragen, als dem weiblichen
mit Attributen wie klein, schwach, emotional, re-produktiv, passiv...).
Gleichzeitig wird das Männliche zum Maßstab, zur Normalität erklärt (Mann =
Mensch) und Weiblichkeit als die andere Art, die "Sonderform". D.h.
gerade auf dem Schnitt von weiblich und männlich verläuft eine
Hierarchiegrenze die besagt: Männlichkeit ist mehr wert als Weiblichkeit.
In der Realität zeichnet es sich den Herrschaftsverhältnissen, in der
Verteilung von Macht und Einfluss und im ökonomischen System ab.
Das Geschlecht ist eine zentrale und gleichsam verschleierte soziale
Strukturkategorie - so eng mit unserem Alltag verknüpft, dass wir kaum einen
Blick dafür haben, wie umfassend und allgegenwärtig sie ist.
Ziel der Geschlechtsbezogenen Pädagogik ist es, diese Konstruktion aufzudecken
und die damit verbundenen Festlegungen und Zuschreibungen in Frage zu stellen.
Jungen sind laut und leise, aggressiv
und ängstlich, süß und ätzend, sexistisch und einfühlsam. Jedes Verhalten,
jedwede Eigenschaft findet sich bei Jungen wieder.
Doch die öffentliche Wahrnehmung von Jungen ist anders:
Jungen gelten als laut, aggressiv und störend, verhindern ein ruhiges Arbeiten
in der Schule, streiten und verletzen sich und andere.
Das "typisch männliche" Verhalten ist offensichtlich und verdeckt
zugleich den Blick auf leise Jungen und die leisen Anteile, die auch die
"lauten Jungen" haben.
Der einzelne Junge muss die Zugehörigkeit zu seiner Geschlechtsgruppe, dem, was
als "männliche Identität" gilt, ständig neu beweisen. Am sichersten
gelingt ihm dies durch den Rückgriff auf den Anspruch männlicher
Überlegenheit.
Welche Rahmenbedingungen finden Jungen
nun vor?
Jungen erleben lange Zeit weit überwiegend Frauen in ihrem Alltag.
Väter sind im familiären Alltag wenig anwesend, männliche Bezugspersonen
fehlen auch in Kindergärten und Grundschulen.
In der Konsequenz heißt dies:
In den ersten zehn Lebensjahren fehlt vielen Jungen ein konkret erlebbares
männliches Vorbild im Alltagsverhalten.
Konsequenzen hat dies für das Selbstbild von Jungen als werdende
Männer:
Jungen beweisen sich und allen anderen ihre Männlichkeit, durch die
Demonstration keine Frau - kein Mädchen zu sein!
Jungen lernen: Wer weibliches Verhalten ablehnt, beweist damit seine
Männlichkeit.
Damit in Verbindung steht aber auch die ständige Angst der Jungen, als weiblich
zu gelten.
Eine weitere Möglichkeit der Jungen, sich Männlichkeit anzueignen, ist die
Kopie des stereotypen Männerbildes.
Die Jungen konkurrieren so aus Prinzip miteinander.
Jungen erhalten keine Förderung in ihren sozialen Fähigkeiten. Sie werden
nicht darin gefördert, Verantwortlichkeit für sich und andere zu übernehmen!
Ergo: Es gibt eine Ideologie, die aussagt: Männlichkeit bedeutet, keine
Probleme zu haben.. zumindest nicht mit Mann-Sein oder Männlichkeit.
Wir Männer haben gelernt unsere Gefühle uns selber gegenüber zu ignorieren und nach außen eine Fassade zu setzen.
Freithof16MichaelDrogand-Strud
Heimvolkshochschule "AlteMolkereiFrille"
32469Petershagen
Tel.05702/9771
Fax:05702/2295
drogand-strud@hvhs-frille.de
Diskussion
Thema Jungensozialisation: Für viele Jungen ist es besser, der Beste von hinten zu sein, als gar nicht aufzufallen. Wenn sie schon nicht die Besten sein können, das sind oft die Mädchen (Schulleistungen), dann wollen sie wenigstens die Schlechtesten sein.
Jungenarbeit: Lösungsmöglichkeiten müssen in 3 Ebenen angegangen werden:
Mädchenarbeit – Jungenarbeit:
Ko-edukation: Es gibt Modellschulen, wo versucht wird, die Ko-edukation in bestimmten Bereichen wieder zurückzufahren und -in Absprache mit dem RP- wieder geschlechtshomogenen Unterricht einzuführen (naturwissenschaftliche Fächer....). Hier machen manche Eltern und auch älteren Kollegen Schwierigkeiten, die diese Entwicklung ausbremsen, weil sie ihre Notwendigkeit nicht einsehen. Die Gelder für solche Modelle werden immer weiter verringert; so werden die Modelle bestimmt bald auslaufen.
06.02.02 Brigitte von Schoenebeck