Protokoll
des Treffens grüner JHA-Mitglieder am 29.6.2001 in Münster
Top 1: Gewaltprävention
Im KiJu-Parlament Witten gibt es eine Arbeitsgruppe, die sich mit dem Projekt Gewalt in Schulen beschäftigt. Sie hat die Aktion "Gewaltfreie Tage" in Witten angeregt und miterarbeitet. (Der Bericht über dieses Projekt liegt als Manuskript vor und kann bei uns angefordert werden)
Weitere Projekte sind geplant: Ähnliche Aktionen in Grundschulen; Streitschlichtungsprogramme, Berichterstattung ausgestiegener Skinheads in den weiterführenden Schulen, Aktion gegen Gewalt in Schulbussen u.a.
Herr Vogel und seine Kollegen sind Gewaltberater (3jährige Ausbildung) und arbeiten ausschließlich mit Jungen; nur Männer werden zu den Gewaltberatern für dieses Projekt ausgebildet.
Dahinter steht das Konzept, daß gewalttätige Jungen ein männliches Gegenüber (konfrontativ- fürsorgende Väterlichkeit) brauchen, um ihre Männlichkeit anders als über Gewalt definieren zu lernen.
Ein Teil der Arbeit ist jetzt noch die präventive Arbeit an Schulen; auch hier wird nur mit Jungen gearbeitet- denn es sind nicht Mädchen, sondern Jungen, die Gewalt ausüben (Jungengruppenarbeit).
Die Jungen in diesen Gruppen waren entweder Täter oder Opfer - alle hatten also Gewalterfahrung - insofern keine Präventionsarbeit!
Es konnte erreicht werden, dass Jungen kognitiv verstanden haben, dass Gewalt nicht die richtige Methode zur Konfliktlösung ist, sondern Kommunikation. Tatsächlich hat sich das Verhalten der Jungen aber nicht verändert, obwohl sie den Wert der Gesellschaft, Konflikte anders zu lösen, erkannt haben.
Ach dies ist ein Grund dafür, dass man sich zur Zeit überlegt, diesen Arbeits-Bereich aufzugeben zugunsten reiner Einzelarbeit.
Dieser wichtige andere Teil der Arbeit derBeratungsstelle ist die Einzelarbeit mit Tätern. Dies zeigt insofern meßbare Erfolge, da die Mehrzahl der Täter nicht mehr gewalttätig wird.
Nur Einzelarbeit macht es möglich, die wichtigen Themen Selbstverantwortung und
Selbstwahrnehmung erfolgreich anzuschneiden; ersteres ist auch in einer Gruppe noch möglich, letzteres aber nicht, denn dort zeigen die Jungen nicht, wie es wirklich um sie steht, aus Angst, sie könnten sich bloßstellen.
Als weiterer Schritt steht nach der Selbstwahrnehmung der Erwerb von Grenzkompetenzen, d.h. sich wehren zu lernen gegen Streit und Anmache - und zwar mit angemessenen Mitteln.
Die Motivation von Gewalttätern, in die Beratungsstelle zu kommen, ist Druck von außen, wenn sie nicht mehr geduldet und/oder abgelehnt werden. Der Einzelarbeit darf auf keinen Fall der Name Therapie gegeben werden, denn das tun nur "Weicheier".
Die Jungen, die in der Beratung waren und mit dem Thema "durch" sind, bekommen angeboten, in einer Gruppe weiterzumachen, um andere Täter kennenzulernen. Dann wird nach einem Jahr noch einmal Kontakt aufgenommen, wie es ihnen in der Zwischenzeit gegangen ist. 92% sind ohne Rückfall.
Abbrecher sind bei den Jugendlichen in den ersten 3 Monaten ca. 40. Prozent, bei den Männern 20 %. Die nach drei Monaten noch dabei sind, durchlaufen gewöhnlich das ganze Setting. Entscheidend für Erfolg ist die Eigenmotivartion.
Die Berater arbeiten "ehrenamtlich" - oft bis an die Grenzen ihrer Kräfte.
Eine angemessene Finanzierung ist daher dringend nötig - die Beratungsstelle kann sonst nicht mehr existieren, die geplante flächendeckende Arbeit in OWL kommt dann auch nicht vorwärts.
Eine Krankenkassenfinanzierung ist nicht möglich, da die Berater mit ihrer Ausbildung keine Krankenkassenzulassung haben.
Ein passendes Finanzierungsmodell könnte eine Mischfinanzierung von Kreisen und Gemeinden sein - und die Jugendarbeit könnte den Zulauf von Jungen, die gewalttätig sind, organisieren, möglichst bevor sie kriminalisiert werden.
Herr Sturezenhecker betont, dass er keine offizielle Position des LJA, sondern seine persönliche Position vertrete.
Die Arbeit zum Thema Gewalt ist sehr wichtig, aber nicht als Prävention. Mit diesem Begriff muß kritischer umgegangen werden.
Der Begriff Prävention beinhaltet eine Krankheitsunterstellung. Wichtig ist bei dieser denkweise immer der Vorgriff auf das, was passieren könnte. Es wird immer vorgegriffen und vorgewarnt und eingegriffen, ehe die Kinder mit ihrer Welt experimentierten können. Zu den Erfahrungen, die junge Menschen machen, sollte auch gehören, dass sie mal Scheisse bauen dürfen, um ihre Grenzen zu erfahren. Der Begriff Prävention unterstellt auch eine Definition Vorstellung von dem, was "normal" ist und normal ist das, was konservative und mächtige Erwachsene so definieren- eine Norm, der die Jugendlichen sich anpassen sollen. Sie dürfen nicht selbst definieren, was sie für normal halten.
Prävention bedeutet Pädagogisierung und Didaktisierung des Lebens Jugendlicher – Programme, die gegen Gewalt werben - sind erwiesenermaßen überdies wertlos: Es wurde herausgefunden, dass etwa Kampagnen gegen Rauchen, oder "Sport gegen Drogen" keinen Einfluss hat darauf, dass hiermit konfrontierte Jugendliche weniger gewalttätig wären als andere.
Alternative Schritte des Handelns von Jugendarbeit im Umgang mit dem Thema Gewalt könnten sein:
Top 2: Bericht aus dem Landtag (Ute Koczy)
Top 3: Berichte aus den örtlichen Ausschüssen
Top 4: Verschiedenes
Der nächste Termin des JHA-Treffens
ist der 26.10.01
Themenvorschläge: Fortsetzung / Vertiefung des Themas
"geschlechtsspezifische Jungenarbeit"
17.07.01 Brigitte von Schoenebeck