Protokoll

des Treffens grüner JHA-Mitglieder am 29.6.2001 in Münster

Top 1: Gewaltprävention

  1. Referat Herr Kinski, Kinder-Jugend-Beauftragter der Stadt Witten mit 2 Schülern der Arbeitsgruppe "Schule gegen Gewalt" zum Projekt "Gewaltprävention in Schulen"
  2. Im KiJu-Parlament Witten gibt es eine Arbeitsgruppe, die sich mit dem Projekt Gewalt in Schulen beschäftigt. Sie hat die Aktion "Gewaltfreie Tage" in Witten angeregt und miterarbeitet. (Der Bericht über dieses Projekt liegt als Manuskript vor und kann bei uns angefordert werden)

    Weitere Projekte sind geplant: Ähnliche Aktionen in Grundschulen; Streitschlichtungsprogramme, Berichterstattung ausgestiegener Skinheads in den weiterführenden Schulen, Aktion gegen Gewalt in Schulbussen u.a.

  3. Referat von Andreas Vogel von der Beratungsstelle "Männer gegen Männergewalt" in Bielefeld
  4. Herr Vogel und seine Kollegen sind Gewaltberater (3jährige Ausbildung) und arbeiten ausschließlich mit Jungen; nur Männer werden zu den Gewaltberatern für dieses Projekt ausgebildet.

    Dahinter steht das Konzept, daß gewalttätige Jungen ein männliches Gegenüber (konfrontativ- fürsorgende Väterlichkeit) brauchen, um ihre Männlichkeit anders als über Gewalt definieren zu lernen.

    Ein Teil der Arbeit ist jetzt noch die präventive Arbeit an Schulen; auch hier wird nur mit Jungen gearbeitet- denn es sind nicht Mädchen, sondern Jungen, die Gewalt ausüben (Jungengruppenarbeit).

    Die Jungen in diesen Gruppen waren entweder Täter oder Opfer - alle hatten also Gewalterfahrung - insofern keine Präventionsarbeit!

    Es konnte erreicht werden, dass Jungen kognitiv verstanden haben, dass Gewalt nicht die richtige Methode zur Konfliktlösung ist, sondern Kommunikation. Tatsächlich hat sich das Verhalten der Jungen aber nicht verändert, obwohl sie den Wert der Gesellschaft, Konflikte anders zu lösen, erkannt haben.

    Ach dies ist ein Grund dafür, dass man sich zur Zeit überlegt, diesen Arbeits-Bereich aufzugeben zugunsten reiner Einzelarbeit.

    Dieser wichtige andere Teil der Arbeit derBeratungsstelle ist die Einzelarbeit mit Tätern. Dies zeigt insofern meßbare Erfolge, da die Mehrzahl der Täter nicht mehr gewalttätig wird.

    Nur Einzelarbeit macht es möglich, die wichtigen Themen Selbstverantwortung und

    Selbstwahrnehmung erfolgreich anzuschneiden; ersteres ist auch in einer Gruppe noch möglich, letzteres aber nicht, denn dort zeigen die Jungen nicht, wie es wirklich um sie steht, aus Angst, sie könnten sich bloßstellen.

    Als weiterer Schritt steht nach der Selbstwahrnehmung der Erwerb von Grenzkompetenzen, d.h. sich wehren zu lernen gegen Streit und Anmache - und zwar mit angemessenen Mitteln.

    Die Motivation von Gewalttätern, in die Beratungsstelle zu kommen, ist Druck von außen, wenn sie nicht mehr geduldet und/oder abgelehnt werden. Der Einzelarbeit darf auf keinen Fall der Name Therapie gegeben werden, denn das tun nur "Weicheier".

    Die Jungen, die in der Beratung waren und mit dem Thema "durch" sind, bekommen angeboten, in einer Gruppe weiterzumachen, um andere Täter kennenzulernen. Dann wird nach einem Jahr noch einmal Kontakt aufgenommen, wie es ihnen in der Zwischenzeit gegangen ist. 92% sind ohne Rückfall.

    Abbrecher sind bei den Jugendlichen in den ersten 3 Monaten ca. 40. Prozent, bei den Männern 20 %. Die nach drei Monaten noch dabei sind, durchlaufen gewöhnlich das ganze Setting. Entscheidend für Erfolg ist die Eigenmotivartion.

    Die Berater arbeiten "ehrenamtlich" - oft bis an die Grenzen ihrer Kräfte.

    Eine angemessene Finanzierung ist daher dringend nötig - die Beratungsstelle kann sonst nicht mehr existieren, die geplante flächendeckende Arbeit in OWL kommt dann auch nicht vorwärts.

    Eine Krankenkassenfinanzierung ist nicht möglich, da die Berater mit ihrer Ausbildung keine Krankenkassenzulassung haben.

    Ein passendes Finanzierungsmodell könnte eine Mischfinanzierung von Kreisen und Gemeinden sein - und die Jugendarbeit könnte den Zulauf von Jungen, die gewalttätig sind, organisieren, möglichst bevor sie kriminalisiert werden.

  5. Referat Dr. Benedikt Sturzenhecker vom Landesjugendamt zum Thema jugendliche Gewalt

Herr Sturezenhecker betont, dass er keine offizielle Position des LJA, sondern seine persönliche Position vertrete.

Die Arbeit zum Thema Gewalt ist sehr wichtig, aber nicht als Prävention. Mit diesem Begriff muß kritischer umgegangen werden.

Der Begriff Prävention beinhaltet eine Krankheitsunterstellung. Wichtig ist bei dieser denkweise immer der Vorgriff auf das, was passieren könnte. Es wird immer vorgegriffen und vorgewarnt und eingegriffen, ehe die Kinder mit ihrer Welt experimentierten können. Zu den Erfahrungen, die junge Menschen machen, sollte auch gehören, dass sie mal Scheisse bauen dürfen, um ihre Grenzen zu erfahren. Der Begriff Prävention unterstellt auch eine Definition Vorstellung von dem, was "normal" ist und normal ist das, was konservative und mächtige Erwachsene so definieren- eine Norm, der die Jugendlichen sich anpassen sollen. Sie dürfen nicht selbst definieren, was sie für normal halten.

Prävention bedeutet Pädagogisierung und Didaktisierung des Lebens Jugendlicher – Programme, die gegen Gewalt werben - sind erwiesenermaßen überdies wertlos: Es wurde herausgefunden, dass etwa Kampagnen gegen Rauchen, oder "Sport gegen Drogen" keinen Einfluss hat darauf, dass hiermit konfrontierte Jugendliche weniger gewalttätig wären als andere.

Alternative Schritte des Handelns von Jugendarbeit im Umgang mit dem Thema Gewalt könnten sein:

  1. Gewalt verstehen: Welchen Hintergrund hat sie - wie trägt das Klima in bestimmten Stadtteilen dazu bei? Welchen Einfluß haben Lebensumstände?
  2. Konflikte bearbeiten: Wie kann JA an bestimmten kritischen Orten tätig werden? Alle Konfliktbeteiligten sollen gleichberechtigt in einen Diskurs gesetzt werden, ohne gleich als die Bösen hingestellt zu sein. Das sollte möglichst geschehen, bevor es in einem solchen Standort "richtig zur Sache geht". Eine Mediation ist nötig, die da einsetzt, wo Konflikte entstehen und nicht erst, wo Gewalt entstanden ist. Bürger, die sich über die lärmende Gruppe auf dem Spielplatz beschweren, sollten mit diesen an einen Tisch, um den Konflikt zu lösen, ehe er wirklich ausbricht.
  3. Jugendliche, die sich als Looser empfinden, sind gewaltbereit. Gewalt ist oft eine Kompensation von Ohnmachtsgefühlen. Sie brauchen Anerkennung, auch auf Mitbestimmungsebene, wo sie ihren Interessen formulieren können: Das muß nicht gleich bedeuten, dass sie in ein KiJU-Parlament gehen müssen, gemeint ist interessennahe Arbeit.
  4. Gewalt entsteht oft in institutionellem Umfeld; Schule ist beispielsweise solch eine Institution. Schule muß eine selbstverantwortlichere Lebenswelt werden, wo auch die andere Partei, die Lehrer, ihre Konfliktbereitschaft unter Beweis stellen müssen.
  5. Streitschlichterprogramme sind für Schulen positiv - aus diesen Programmen entstehen Ansätze zu demokratischen konfliktschlichtenden Diskussionen, wie Schule anders aussehen könnte (Pausenhof, Busse, Unterrichtsthemen, die biographiefördernd sind, Partizipationsprojekte...) Jugendliche, die mitwirken können in ihrem Umfeld, werden weniger gewaltbereit sein, weil sie anerkannt werden.
  6. Agrression gehört zum Jugendlichsein, zur Pubertät, zum Ausprobieren der Körperlichkeit dazu und muß ausprobiert werden. Es muß nur in den angemessenen Bahnen geschehen.

Top 2: Bericht aus dem Landtag (Ute Koczy)

Top 3: Berichte aus den örtlichen Ausschüssen

Top 4: Verschiedenes

Der nächste Termin des JHA-Treffens ist der 26.10.01
Themenvorschläge: Fortsetzung / Vertiefung des Themas "geschlechtsspezifische Jungenarbeit"

17.07.01 Brigitte von Schoenebeck