Letzte Aktualisierung 25.10.00.

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 “SELBSTÄNDIGE ZIVILISATION”

Obwohl Mindaugas zeitweise den katholischen Glauben annahm und damit auch seinem Staat den Status eines christlichen Landes verlieh, blieb diese Christianisierung ohne tiefere Folgen für seine weitere politische entwicklung. Der Staat zerfiel nach dem Tod des Mindaugas nicht, aber die nachfolgenden Herrscher traten nicht zum Christentum über. So fiel das ganze Land, ohne überhaupt vollständig christianisiert worden zu sein, wieder ins Heidentum zurück. Damit aber nahm Litauen im damaligen Europa eine Sonderrolle ein, die in der Wissenschaftlichen Literatur manchmal sogar als selbständige Zivilisation bezeichnet wird, die weder dem lateinischen Westeuropa noch dem byzantinisch-orthodoxen Osteuropa angehörte. Allerdings gab es in Litauen nach Mindaugas keinen einzigen wichtigen Herrscher, der nicht Verhandlungen wegen der Christianisierung des Landes geführt hätte. Diese Frage verlor für Litauen deshalb nicht an Aktualität, weil die Kreuzzüge nicht aufhörten und Litauen insbesondere nach der Unterwerfung des prussischen Volkes im ausgehenden 13. Jh. zunehmend Schwierigkeiten hatte, sich dem ständigen Ansturm des erstarkten Ordens zu erwehren. Da sich aber in der litauischen Führungsschicht inzwischen die Uberzeugung durchgesetzt hatte, dass der Preis für eine Christianisierung durch den Deutschen Orden viel zu hoch war, nahm man Verhandlungen mit anderen katholischen Ländern wie Tschechien, Ungarn und Polen auf. Eine Hinwendung zur Orthodoxie und damit die Anlehnung an Russland kam schon allein deshalb nicht in Frage, weil in diesem Fall die Bedrohung durch den Orden fortbestanden hätte. Der litauische Großfürst Gediminas stand während seiner Regierungszeit von 1316 bis 1346 im Briefwechsel mit vielen Westlichen Ländern. Er hatte ein breites Programm entwickelt, das neben der Christianisierung des Landes Privilegien für ganz verschiedene Zielgruppen, unter ihnen auch die Juden, vorsah. Ziel dieser Politik war es, möglichst viele Händler und Handwerker aus Westeuropa nach Litauen zu ziehen. Dadurch sollte nicht nur Litauen selbst besiedelt und modernisiert werden, sondern es sollten auch kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen mit den abendländlichen Mächten angeknüpft werden. ...

... In den eroberten Gebieten bildete sich mit den Ruthenen langsam ein von den Moskauer Russen unterschiedlicher Slawenzweig heraus, der sich als selbständige ethnische Gruppe innerhalb des Großfürstentums Litauen entwickeln konnte. Die Eroberung slawischer Gebiete eröffneten den Litauern aber auch den Zugang zu einem gut entwickelten Kirchennetz mit einer reichen geistlichen Kultur und vor allen Dingen einem eigenen Schriftum. Dies hatten die Litauer bisher zwar gekannt, aber selbst nicht etabliert.

Die orthodoxe Kultur spielt in der frühen Geschichte Litauens eine sehr große Rolle. In den altslawischen, unter litauischer Oberherrschaft stehenden Ländereien traten die als Statthalter eingesetzten litauischen Fürsten sogar zum orthodoxen Glauben über. Auf diese Weise wurde langsam das Schriftum der Ruthenen zur offiziellen Schriftsprache des Großfürstentums Litauen. ..

... In der zweiten Hälfte des 14. Jh. erreichte der Ansturm des Deutschen Ordens gegen Litauen ein bisher nicht erreichtes Ausmaß: Jahr für Jahr wurden gegen die noch heidnischen Litauer zwischen drei und vier Angriffe unternommen, die meist die Form von Raub- und VernichtungsZügen hatten. Der ständige Abwehrkampf schwächte die litauischen Kräfte und machte die Suche nach einem Ausweg immer dringender. Eine vorteilhafte Lösung der litauischen Probleme ergab sich durch die 1385 in Krevo abgeschlossene Personalunion mit Polen, die den litauischen Großfürsten Jogaila zum König von Polen machte. Jogaila hatte sich seinerseits verpflichtet, das immer noch heidnische Litauen zu christianisieren und das ganze Großfürstentum Litauen an Polen anzugliedern. Nach seiner Rückkehr nach Litauen 1387 nahm Jogaila den katholischen Glauben an und begann das ganze Land zu christianisieren er ließ als heilig geltende Haine und die als heidnische Kultstätten dienenden ewigen Feuerstätten vernichten. Die politischen Vorteile der Christianisierung bestanden darin, dass der Papst den Kreuzzügen des Deutschen Ordens seine Unterstützung entzog, sich sogar gegen diese aussprach. Damit verlor der Deutsche Orden die rechtlich-religiöse Legitimation für seinen Kampf. Da der Kreuzzug jetzt nicht mehr als heilige Pflicht eines jeden Ritters galt, blieb bald auch die Unterstützung aus dem Westen aus. ...

 

Q.12.

“NOCH HEUTE” !?

Da das litauische Volk verhältnismäßig sehr spät christianisiert wurde, haben sich in der litauischen Kultur und Tradition so viele archaische, auf das heidnische Zeitalter zurückgehende Züge erhalten. Diese Züge finden sich auch in den Gebräuchen zu christlichen Festen wie Ostern, Weihnachten und anderen wieder. Man könnte manchmal sogar meinen, dass die heidnischen Sitten und Gebräuche nur äußerlich durch eine christliche Hülle getarnt sind. Die altertümlichen Elemente zeichnen auch die litauische Folklore, den Volksmund und die Volkskunst aus.

Q.12.

Bis ins späte 18. Jahrhundert hinein klagen Vertreter der Kirche über den unter den Letten immer noch lebendigen Perkons-Kult. Die christlichen Pastoren und Priester sahen ihre Aufgabe darin, das Bekenntnis zu diesem Gott und zu den anderen »heidnischen Göttern« auf das schärfste zu bekämpfen und auszurotten. Inwieweit dieser Kampf erfolgreich war, ist bislang nicht mit Sicherheit zu sagen. Das eingangs zitierte Märchen jedenfalls wird in Lettland heute noch erzählt. Die alten Lieder, die Dainas, in denen Pürkons, Laima, Saule und Dievs lebendig sind, werden auch heute noch tradiert  man schreibt ihre Verse auf Weihnachts-, Neujahrs- und Glück- wunschkarten. In Litauen scheinen sich, auf den ersten Blick wenigstens, die vorchristlichen religiösen Bräuche weniger lebendig erhalten zu haben. Das mag daran liegen, daß dort das Christentum nicht mit Gewalt und nicht von Fremden eingeführt wurde. Die katholischen Priester waren von Anfang an Einheimische, ihre Muttersprache war die der Gemeinde und sie hatten den gleichen Gesellschaftlichen und kulturellen Hintergrund wie ihre Pfarrkinder. In Lettland hingegen waren die Pastoren noch im 19. Jahrhundert mit wenigen Ausnahmen Deutsche, Balten-deutsche. Sie hatten zwar Lettisch gelernt, ihre Muttersprache aber war das Deutsche, und ihr kultureller Hintergrund war deutsch. Innerlich standen sie den Gutsherren in der Regel näher als ihren lettischen Gemeindegliedern, sie waren gewissermaßen Vertreter der anderen Seite. Allerdings gab es im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Ausnahmen. Das Verdienst einzelner deutscher Geistlicher an der kulturellen Entwicklung der Letten und Esten wird allgemein anerkannt und gewürdigt. ...

...Der wichtigste Kult für Saule ist das Fest der Sommersonnenwende. Noch heute ist es für die Letten (für die Litauern auch- R.A.) das größte Fest des Jahres, bedeutender als Weihnachten oder Ostern. Infolge der Christianisierung wurde dieses Fest dem Heiligen Johannes zugeordnet. Janu nakts  »Johanninacht«  ist die Nacht vom 23. auf den 24. Juni. ...

Q.7.

DAS WISSENSCHAFTLICHE INTERESSE NIMMT ZU

Man vermutet, dass eben das sesshafte Leben der Litauer viel dazu beigetragen hat, dass sich in der baltischen Mythologie so viele ursprüngliche Elemente der indoeuropäischen Mythologie erhalten haben. Das wissenschaftliche Interesse an der baltischen Mythologie ist bis heute ungebrochen und nimmt sogar zu. Eine sehr große Rolle spielen dabei die in viele europäische Sprachen übersetzten Forschungsarbeiten des berühmten litauischen, nach Frankreich ausgewanderten Semiotikers A. J. Greimas.

Q.12.

Das Brauchtum, die Glaubensvorstellungen, die Mythen und die symbolischen Darstellungen in der Volkskunst der Litauer und Letten weisen ein erstaunliches Alter auf. Die christlichen Bestandteile sind da viel jüngeren Datums und lassen sich leicht aussondern. Für die vergleichende Religionsforschung haben die litauisch-lettische Folklore und Volkskunst die gleiche Bedeutung wie die baltischen Sprachen für die Rekonstruktion der “Muttersprache” der Indoeuropäer. Die vorchristlichen Elemente sind so alt, daß sie zweifellos der prähistorischen Zeit entstammen. Sie reichen nicht nur bis zur Eisenzeit zurück, wie es bei etlichen Eigenheiten der Fall ist, sondern Jahrtausende tiefer bis zu vorindoeuropäischen Vorstellungen und zu den vorindoeuropäischen Ureinwohnern Europas. ...

Die vorchristliche baltische Religion stellte ein eng verflochtenes System dar. Es gab Kultplätze, Tempel, eine hierarchisch geordnete Priesterklasse. Hinzu kam noch die Verehrung zahlreicher Götter und Göttinnen, die sich aufgrund ihres alteuropäischen bzw. indoeuropäischen Ursprungs in zwei Kategorien einteilen lassen. ...

1075 schrieb Adam von Bremen über die Kuren: “Ihre Häuser sind voll von heidnischen Wahrsagern, Zauber         priestern und Geisterbeschwörern, die sogar eine Art Mönchsgewand tragen. Aus allen Teilen der Erde, vornehmlich aus Spanien und Griechenland, kommt man um die Antworten ihrer Orakel ein.”

Q.5.