Letzte Aktualisierung 25.10.00.

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“ Sieben Hundert Jahren Deutsch-Litauischer Beziehung     Dr. Wilhelm Storost-Vydunas Originalausgabe 1932 in Tilsit

“DAS UMSTÜRMTE BALTENLAND”

War es seit ältesten Zeiten das Ziel friedlicher Fremder gewesen, so wurde das im Mittelalter anders. Da begann die Bekriegung des Baltenstammes. Er mußte sich wehren. Daher mehren sich in den Gräberfunden auch die Waffen, an denen es in alten Zeiten gefehlt hat.

1.

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Q.1.

1. Fläche, in der es viele baltische Hidronimen gibt.                                                                                                       2. Fläche, in der es nicht viele oder zweifelhafte baltische Hidronimen gibt.

Wie eine Insel in dem Meere, so hob sich dieses Land gegen die Nachbarländer ab. Sie waren “christlich” geworden oder im Begriffe es zu werden. Und das Baltenland behielt seine urwüchsige Religion.            Und nun schlugen Wellen von allen seiten an ihr Gestade. Wohl rollten von Norden und Nordwesten die natürlichen Wellen des baltischen Meeres heran. Aber sie brachten Schiffe kühner kriegs- und raublustiger Seefahrer.     Die alten Handelsgegenstände, wie der Bernstein und kostbare Felle, Pferde und Getreide konnten doch unmöglich zu Kriegen veranlassen. Und doch kamen Leute mit den besten Waffen jener Zeit her. Abenteuerlust mag sie geführt haben. Dann aber mußte das Land bekannt sein als eines, wo es Abenteuer geben konnte. Jedenfalls lockte es geheimnisvoll, sagenhaft wie im Altertum.

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Q.1.

Und so erschienen denn an den nördlichen und westlichen Küste des Landes nordische Menschen, nämlich Goten, Angelsachsen, Wikinger, Dänen, Schweden.

Die Goten, die an der Weichsel entlang nach Südosten zogen, gründeten schon früh am Unterlauf derselben zeitweise Niederlassungen. Einen Namen gewann Truso, das am heutigen Drausensee gelegen war. Später, nachdem sie fortgezogen waren, mögen sie, wie erwähnt, unter Ermanarich von Süden her das Land bekämpft haben. Doch war das wiederum nur der Angriff eines Wandervolkes gegen ein Standvolk und mußte ergebnislos bleiben.

Auch die Wikinger, Dänen und andere kamen nur für kurze zeit ins Land. Der Dänenkönig Knud der Große gewann zwar 1020 eine Schlacht im Samlande. Aber schon 50 Jahre später gesteht der Dänenkönig Sween: “Die Semben (die Bewohner jenes Gaues) dulden keine Herren”.      Die Aisten (Balten) drängten die Eindringlinge aus dem Norden immer wieder aufs Meer hinaus, auch wenn sie sich einige Zeit im Lande halten oder gar ansiedeln konnten. Ebenso vermochten die Aisten auch gegen die Weichsel hin schließlich ihr Land immer wieder zu behaupten. 

   Anders aber war es im Osten und im Süden, wo das unmittelbar anschließende Land anderen Stämmen zugehörte. Nach manchen Völkerflutungen waren es die Russen im Osten, die Polen im Süden und schließlich noch slawische Stämme aus dem Südwesten, die herandrängten.   Den Russen gelang es zu Zeiten, ganze Teile des Landes zu besetzen. Ganze Gaue sind ihnen für immer verblieben.  Sprachinseln weit im Osten in der Minsker Gegend deuten darauf hin.

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Q.5.

Die Balten nach der Expansion der Salwen und vor die Kolonisierung durch den Deutschen Orden. 11.-12. Jh. n.Chr.

Das Innere des Landes scheint von den anstürmenden Fremden mit Waffengewalt nie erreicht worden zu sein. Die Kriege tobten nur an den Rändern.     Daß die Aisten nach dem Westen gedrängt worden seien, hat wenig Wahrscheinlichkeit. Sie wohnten dort ganz bestimmt schon seit Urzeiten, wenn vielleicht auch nicht in großer Zahl. sie mögen sich aber der wirksameren Verteidigung wegen oder aus anderen Gründen dort allmählich dichter angesiedelt haben.

Im allgemeinen erwehrten sich die Balten der Russen schließlich wie auch der anderen immer noch. Am erfolgreichsten aber waren sie wohl den Polen und den diesen näher verwandten Slawen gegenüber. Ja, sie wurden letzteren sogar gefährlich. darum riefen diese zu ihre Hilfe eine neue Macht, nämlich die deutsche, herbei, die mit einem unerhörten Unterwerfungswillen das Aistenvolk bekämpfte und nicht nur sich, sondern gerade auch den Slawenvölkern den Weg ins Baltenland und Volk eröffnete.

Genau dasselbe wiederholte sich in der letzten Zeit (Originalausgabe 1932). Früher geschah das unter der Losung fürs Christentum gegen das Heidentum, trotzdem der Krieg im größten Gegensatze zum Christentume steht. In der jetzigen Zeit gibt es keine so ausgesprochene Losung. Doch klingt aus allen Angriffen deutlich genug hervor: Für Kultur gegen Unkultur. Und wiederum steht der Angriff gegen das Aistenvolk in denkbar schroffstem Gegensatz zur Kultur.

So ist das Baltenland seit alter Zeit umstürmt. Und wer alle diese Angriffe erwägt, findet kaum eine befriedigende Antwort. Das Baltenland hat keine Bodenschätze, keine Reichtümer wie andere. Und doch drängt fremder Völkerwille wie Meereswellen gegen dieses Land heran. Man steht wie vor einem Rätsel. Vielleicht ist dem ganzen Europa noch heute das alte Aistenland und Volk ein Geheimnis der Vorzeit.