“ Sieben Hundert Jahren Deutsch-Litauischer Beziehung”     Dr. Wilhelm Storost-Vydunas Originalausgabe 1932 in Tilsit

“Heimatmenschen”

Das Volkstum der Bewohner unserer Heimat

Ihre Sprache und ihr Blut. Nach allgemeiner Ansicht bilden die Deutschen den weitaus größten Teil der Bewohnern unserer Heimat. Die meisten sprächen ja Deutsch. Doch wiederholt haben sich Reisende geäusert, daß offensichtlich ein anderer Menschenschlag den Osten Ostpreußens bewohne.

In der Tat sind die meisten Menschen hier litauischer Abstammung, wie die Besiedlungsgeschichte das beweist. Von den etwa 600 000 Bewohnern unseerer Heimat müssen wohl ¾ Litauer sein. Sie gebrauchen jetzt meistens die deutsche Sprache, weil Schule und Verwaltung, das deutsche Heereswesen und die deutsche Rechtspflege sie dazu zwangen. Allmählich wurde trotz großen Sträubens das Deutschreden eine Gewohnheit.

Die früher zugezogenen Deutschen und andere haben sich anfangs auf Befehl von den Litauer gesondert gehalten. Später aber gingen sie Verbindungen mit ihnen ein, so daß jetzt sehr vielen deutschen auch litauisches Blut eigen ist.

Die Litauer haben bis vor mehreren Jahrzehnten eheliche Verbindungen mit deutschen gemieden. In vielen litauischen Familien gibt es darum selten nichtlitauisches Blut. Dieser Teil der Bevölkerung litauischer Abstammung ist also reinblutig. Von diesen hält ein großer Teil auch noch an der litauischer Sprache fest.

Als Beamte oder auch als Gescheftsleute sind im Laufe der Zeit besonders aber in den letzten Jahrzehnten noch mehr Deutsche aus Deutschland hier hergekommen. Sie bilden nur eine kleine Gruppe, die sich ziemlich deutlich von den länger ansässigen abhebt.

Die Bewohner unserer Heimat sind also der Abstammung nach zu einem kleinen Teil rein deutsch, zu einem größeren Teil gemischten Blutes. Ein ähnlich großer teil ist reiner litauischer Abstammung mit litauischer Sprache, und der größte Teil litauischer Herkunft mit deutscher Sprache.

Mischblutige und Litauer mit deutscher Sprache. Den meisten von ihnen fehlt die Geschlossenheit einheitlicher Menschen. Sehr häufig zeigt sich in ihren Kundgebungen und in ihrer Lebenshaltung ein Mangel an Innerlichkeit. Geradezu affallend ist bei der großen menge eine gewisse Unbestimmtheit im Lebensgefühl. Zu leicht treten sie bald zu dem einen, beld zum andern Volkstum in gegensatz. Ebenso leicht schwanken sie von einer Ansicht, von einer Partei zu einer andern.

Ganz deutlich erweist sich, daß diese menschen keinenAnteil am Erbgut des Deutschtums haben. Auch das deutsche Kulturgut berührt die meisten nur an der äußersten grenze ihres Lebensgefühles. An dem den Litauern zugehörigen Kulturgut haben sie keinen Anteil. Ihr litauisches erbgut lebt durchaus wie betäubt nur im Unterbewustsein. Selten dringt zu ihnen eine Belehrung darüber. Und falls das geschiet, so wird sie meist abgelehnt.

So sind denn diese Leute durchaus keine Förderer des deutschen Lebensgutes, sondern öfter seine Zerstörer. Dies natürlich nicht im äußerlichen Sinne. Sie treten oft leidenschaftlich für das Deutschentum ein. Aber die Art ihres Eintretens ist völlig undeutsch und darum gewöhnlich eine Erniedrigung, eine Entsittichung des deutschtums und darum eine schwächung desselben.

Ein Vergleich mit Deutschen in Deutschland, fällt sehr zu ungunsten der angeblichen Deutschen hier in der Heimat aus, besonders in intellektueller Hinsicht.

Das litauische Element. Schon die Sprache fällt auf. Sie klingt, wie schon bemerkt, mit ihren vielen A-Lauten und den häufigen o und u viel voller, gleichsam ernster, tiefer als das deutsche, und der eigene Rhythmus der Vokallängen  und Kürzen verleiht ihr den Charakter des Getragenen, Schwebenden.

Ebenso macht sich die ganze Art dieser Menschen bemerkbar. Sie hat durchaus das Gepräge der geschlossenen Einheitlichkeit. In der Schicht der wohlhabenden Landbesitzer ist von jeher großes Gewicht darauf gelegt worden, daß eheliche Verbindungen nur unter Litauern eingegangen würden. So zeichnen sich diese Leute gegnüber andern durch ihre schlichte Natürlichkeit aus, die geradezu vornehm wirkt, trotz der verschiedenen Mängel, die ihnen natürlich auch anhaften. Das Denken beweist eine überlegenne Klarheit.

Gegenüber den anderen Bewohnern erscheinen sie als die Menschen besonders von ethischen Werten. Darauf ist wohl auch ihr Selbstgefühl zurückzuführen. Mit einer gewissen Überlegenheit sieht der Litauer auf das Gebaren der angeblichen Deutschen herab. Und doch ist er stets hilfs- und diensbereit. Daß er es sein kann, erscheint ihm als Vorzug.

So tritt nun das litauische Element in unserer Heimat  meist in angenehmer Weise hervor. Und doch beansprucht  es keine bevorzugte Stellung im öffentlichen Leben. Dazu werden ja besonders in jüngster Zeit Leute aus Deutschlandherangezogen. Dem der beobachten kann, fällt an den Litauern das reifere Menschentum auf. Doch, wohlgemerkt, nur dort, wo sich das litauische Volkstum noch ungebrochen in den Menschen darstellt.