“ Sieben Hundert Jahren Deutsch-Litauischer Beziehung” Dr. Wilhelm Storost-Vydunas Originalausgabe 1932 in Tilsit |
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Die tragenden Kräfte. Religiös bewegte Zeiten bringen stets eine größere Kraftfülle in den Menschen zur Entfaltung. Doch sind dann die tätigen Kräfte oft voller Gegensätze. Unter zunehmender Sonne wachsen eben außer lebenfördernden auch giftige Pflanzen. Dr. G. Bujack spricht in seiner angeführten Schrift S. 2 von d e r W e i h e, in welcher die Kämpfer (Kreuzritter) gegen die Heiden (Prußen, Litauer) lebten. Und wem die Ordensgelübde und die Pflichten der Ordensbrüder, ihre Lebensführung unter Andachten und Kultgebräuchen besonders vor ihrem Auftreten an der Grenze des Aistenlandes bekannt sind, der wird wohl geneigt sein anzunehmen, daß die Religion die tragende Kraft im Kampf des Deutschen Ordens gegen die Aisten gewesen ist. Sogleich aber ergibt sich dann die Frage nach der tragenden Kraft der Aisten (Prußen, Litauer) bei ihrer Verteidigung. Es ging angeblich doch auch um ihre Religion. Gaben sie dieselbe auf, so war der Grund zu einem Kriege gegen sie gefallen. Sie aber verteidigten sich mit unerhörtem Mute und einer schier unerschöpflichen Ausdauer gegen die ganze sogenannte Christenheit. War das nun nicht auch Religion, was sie dazu befähigte? Gewiß nicht Religion als mitteilbare Lehre, als eine Summe bestimmter Gebräuche. Es waren vielmehr Urkräfte des Lebensgefühles, die sie zur Abwehr anregten und befähigten, so daß sie dabei sogar ihr Leben opferten. Und das kann nur Religion als Zugehörigkeitsempfinden zu dem erhabenen Schöpferwillen bewirken. Dann aber erhebt sich auch die weitere Frage, ob die Angriffskräfte des Deutschtums von gleicher Innerlichkeit und Tiefe, von gleicher Bewußtheit darüber waren, um was es eigentlich ging. Die Geschichte gibt eine deutliche Antwort darauf. Vor Beginn des Angriffs auf das Baltenland läßt sich der Hochmeister des Deutschen Ordens Hermann von Salza in langen Verhandlungen vom “weltlichen Oberhaupt der Christenheit”, dem Kaiser, alles Land, das er an der Ostseeküste erobern werde, als einen wenigstens von den Polen unabhängigen Besitz zusichern. (Lohmeyer, S. 76.) Vom Papst versprach er sich nicht viel, weil derselbe die Neubekehrten im Norden, in Livland und in Preußen in seinen Schutz nahm und verlangte, daß ihnen die Freiheit gelassen werde. So zeigte sich also von vornherein beim Eintritt des Deutschen Ordens ins Baltenland als tragende Kraf der Wille zur Macht. ‚‚Sie wollten ihre Herrschaft aufrichten und nicht die Lehre Christi verkünden. Es gibt keine Spur dafür, daß sie auch nur versucht hätten, die Lehre dessen zu verkünden, dessen Bild sie im Wappen führten.‘‘ So schreibt August von Kotzebue in seinem Werk, Preußens ältere Geschichte, Buch I S. 150. Infolge der wiederholt aufgenommenen Verteidigung gegen die fremden Eindringlinge, trat immer deutlicher hervor, was die Ordensritter zu ihrem Unternehmen trieb. Sie gerieten allmählich in immer größeren Haß gegen die um ihre Freiheit ringenden Prußen und wurden schließlich zu Todfeinden derselben. Und sonderbarerweise findet man noch heute in deutschen Geschichtsbüchern Wendungen, die das heldenhafte Ringen der Prußen als Böswilligkeit, ja als Verbrechen aufzufassen lehren. Dennoch war es nichts anderes als Widerspruch gegen Vergewaltigung. Die tragende Kraft des Ordens wurde nämlich sehr bald Wille zur Gewalt. Ermüdend wirken die Berichte der Ordenschronisten wie Peters von Dushurg, Wigands von Marburg und Peter Suchenwirts im 14., Johannes‘ von Possilge im 15. Jahrhundert und anderer, wenn sie immer wieder von ‚‚Brand, Verwüstungen und Raub,” den das Ordensheer verübte, berichten, wenn sie schreiben, daß man auch den letzten Mann erschlagen, daß man kein Alter und Geschlecht verschont habe. So geschah das in Tausenden von Fällen. Und im Laufe der Zeit steigerte sich die härte des eindringenden Eroberers. Auch wird, wenn nur immer möglich zu Hinterlist gegriffen.. Die grausige Tat Konrad Wunderlichs ist nur ein besonders auffallendes Beispiel. Der Wille zur Gewalt wurde gar zum ausgesprochenen Vernichtungswillen. Dieser offenbarte sich immer mehr, je weiter der Orden nach Osten vorrückte. Allerdings wäre es trotzdem ein Irrtum, dieses Verhalten des Deutschen Ordens, wie das manchmal geschieht, als Erbübel und Merkmal der Deutschen schlechtweg hinzustellen. Es geht nicht aus der Eigenart eines Volkstums hervor, sondern wird geboren aus einer kosmischen Kraft niederer Ordnung, sobald der Mensch sich ihr wie einer Gottheit weiht. So wird der Wille zur Macht geboren, so wächst er sich zum Willen zur Gewalt und zur Vernichtung aus. Und ihm ist dann jedes Mittel recht, um zum Ziele zu gelangen. Nur wird eine rastlose Art, wie sie germanischen Stämmen eigen ist, eher vom Willen zur Macht erfaßt, zumal den Deutschen die Erdhaftigkeit so schwer belastet. So erklären sich denn Berichte wie sie Wigand von Marburg (nach Dr. G. Bujack, S.6.) gibt: “Die Überfallenen erfuhren oft furchtbare Grausamkeit, bisweilen wurde kein Geschlecht verschont.” Oder wie von Baren, Schloß lnsterburg, S. 10 schreibt: “1372 überfielen die Ritter nachts 4 litauische Dörfer, während alle schliefen, töteten alle, groß und klein, jung und alt und zogen heim.” “Gemeinsame Aktion mit dem livländischen Meister fand auch bisweilen statt. Der Schein der brennenden Dörfer in Litauen war das gewöhnliche Signal, das die Nähe des einen Heeres dem andern verkündigte. Überhaupt hatten die livländischen Heere das der Ostsee näher gelegene Gebiet zu ihren Verwüstungen ausersehen, während die preußischen Heere (die des Deutschen Ordens) das Gebiet längs der Memel und ihren Nebenflüssen durchzogen (Dr. G. Bujack, S. 12.> Und Peter Suchenwirt, der den Herzog Albrecht von Österreich im Herbst 1377 nach Litauen begleitete, berichtet ausführlich, wie man 8 Tage lang die schon oft heimgesuchtem Gegenden zu beiden Seiten der Dubyssa verwüstet und die Einwohner scharenweise niedergemacht habe. Man war auf 600 Schiffen mit 30000 Mann (!) gekommen. (Fritz Boldt, Inaugural Diss., S. 27.) Im Februar 1379 überfällt der Landmeister von Livland Niederlitauen an der oberen Minja “und nicht ein Haus bleibt in den überfallenen Dörfern unversehrt.” (Fr. Boldt, S. 33.) “Fast zu gleicher Zeit wird das litauische Hattptland an vier verschiedenen Punkten betreten und die Verwüstungen werden mit größerer Hartnäckigkeit als gewöhnlich ausgeführt.” (Fr. Boldt, S. 33.) Also je weiter der Orden nach Osten vordringt, desto grausiger wird der Krieg geführt. Voigt, VI S .3 heißt es über einen Einfall in Zemaiten im Jahre 1393: “Mehrere Tage ward mit Feuer und Schwert furchtbar geheert, gemordet und geraubt”. usw. Dem gegenüber bewahren die Prußen und Litauer eine bedeutend ruhigere Haltung. Und doch waren sie die Angegriffenen. Wohl heißt es aus der Zeit Winrichs von Kniprode: “Es beginnt jetzt mehr und mehr Sitte zu werden, auch den Heiden gegenüber Ritterlichkeit zu üben” (Lohmever, S. 273.), aber das, worauf hier hingewiesen wird, ist sehr merkwürdig. Im Winter 1352 war ein Führer einer litauischen Schar in der Deime ertrunken, und der Marschall Hennig Schindekopf sandte die Leiche nach Litauen. Das also war die Ritterlichkeit! Etwas anderes bedeutet es natürlich, wenn es heißt, daß die Besatzung einer litauischen Burg nach der Eroberung nicht mehr getötet wurde (Lohmeyer, 5. 277). Also geschah das früher wohl regelmäßig. Dann sagte der erwähnte deutsche Gelehrte weiter: “Menschlichkeit und mildere Sitten, von denen die Heidenkämpfe bisher wenige Spuren sehen ließen, griffen auch hier mehr Platz... Die Ritter und die Gäste begannen auch die heiden als Menschen zu behandeln”. Und doch verbrannte bald darauf Hennig Schindenkopf eine Litauerburg mit 100 Litauern, weil sie sich ihm nicht ergeben wollten. Also war man doch nicht so menschlich, wie das manchem scheint. Und diese Litauer starben wohl lieber in den Flammen, als durch die Hände der Ritter. Solche Helden, wie es diese Litauer waren, behandelten sicher auch ihre Gefangenen anders. Und es ist im höchsten Maße wahrscheinlich, daß dies auch der Anlaß war zu einem ritterlichen Verhalten der Ordensbrüder. Die Litauer töteten ihre Gefangenen nicht, abgesehen vielleicht von einzelnen Fällen, in denen sie Grausamkeiten bestraften. Sie hielten die gefangenen Ritter zum Austausch für gefangene Litauer bereit. Und das wirkte bestimmend auf den Orden. Daher seine “Ritterlichkeit und Menschlichkeit” sogar zu einer Zeit, in der, wie es später deutlicher werden wird, die Roheit im Ordensheere zunahm. Dr. G. Bujack sagt in seiner Schrift S. 15: “Die Ritter aber zeigten sich gegen die Litauischen Bojaren und Großfürsten stets ritterhich. Schon um des Austasches der gefangenen Ritterbrüder wegen hielt man diese Regel ein.” Die Litauer töteten sie also nicht. Und es entsteht dann die Frage: Warum haben es die Ritter nicht stets so von Anfang an gehalten? Offenbar mußten sie das erst von den Litauen, lernen. So zeigt sich also ganz deutlich, wie völlig verschieden die tragenden Kräfte auf beiden Seiten waren. Und der ruhig Überlegende wird nicht umhin können, bei den Überfallenen Werte zu erkennen, die den Ordensbrüdern völlig mangelten. Die Prußen und Litauer wurden zu ihrem Abwehrkampfe offenbar von durchaus edlen Kräften und Beweggründen getragen. Sie waren die Kämpfer, die sich für die höchsten Werte im Leben, für ihre Freiheit, Menschenwürde und Eigenkultur, also für wahres Menschentum sogar bis zur Aufopferung einsetzten. |
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