Aus dem Buch “Geschichte des Baltikums”  Alexander Schmidt

DIE RUSSIFIZIERUNG

“Ich darf Dir melden, daß der allmächtige Gott und die allerheiligste Gottesmutter Deinen Wunsch erfüllt haben: im Land des Feindes gibt es nichts mehr zu verwüsten. Von Pleskau bis Dorpat, von Riga bis Walk ist alles vernichtet, alle Burgen liegen in Trümmern. Nichts ist geblieben außer Pernau und Reval und hier und da ein Gutshof am Meere”

So etwa mag im Jahre 1705 die meldung des Feldherrn Boris Petrowitsch Scheremetjew (1652-1719) an seinen Herrn und Zaren gegen Ende seines Feldzuges in Livland und Estland im Nordischen Krieg gelautet haben.    Was die russische Armee nich erledigt hatte, das besorgte die Pest,... Nur etwa ein knappes Drittel der gesamten Bevölkerung überlebte den Nordischen Krieg (1700-1720).  Ein teil der Bevölkerung Livlands wurde auf Anordnung der russischen Besatzung in das Innere Rußlands verbracht. ...

Nachdem im August 1710 Pernau (Pärnu) und die estnischen Inseln von Russischen Truppen erobert waren, kapitulierte am 25. September Reval (Tallin) zu etwa den gleichen Bedingungen wie zuvor Riga im selben Jahr. Damit befanden sich ganz Livland und Estland in russischer Hand.... Die Russenzeit begann. Zumindest für Estland und das schwedische Livland. Lettgallen- “Inflantien”- verblieb weiterhin bei Polen-Litauen, das Herzogtum Kurland blieb polnisch-litauisches Lehen bis zu den Polnischen Teilungen. ... der Krieg zog sich noch einige Jahre hin. Zum ersten Mal in der Geschichte erschienen in der Ostsee russische Seestreitkräfte....

Eine entscheidende Wende trat erst nach der Aufhebung der Leibeigenschaft ein, die in Estland am 8. Januar 1817, in Kurland am 30. August 1818 und in Livland am 6. Januar 1820 erlassen wurde. ... Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekommen Esten und Letten in ihrem Land die gleichen Chancen für einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg wie die Deutschen. Die Ausgangsposition ist natürlich im Durchschnitt für viele Deutsche vorerst noch günstiger...

1881, mit dem Regierungsantritt Alexanders III., beginnt eine neue Zeit für die Länder an der Ostsee, eine zeit des Drucks und Bevormundung, die bis in die jüngste Vergangenheit anhalten sollte: die Zeit der Russifizierung. ... Sie ahnten nicht, daß sie ein Jahrhundert später durch eine erneute Russifizierungswelle an den Rand ihrer Existenz als Nation gedrängt werden würden.

Als erste Maßnahme ordnete er (Alexander III - R.A.)eine verstärkte Werbung für den Übertritt zur orthodoxen Kirche an. Die nächste Maßnahme war die Einführung des russischen Polizeiwesens, der russischen Prozeßordnung, was  eigentlich eine Modernisierung bedeutet hätte gegenüber dem bis dahin geltenden ständerecht. Gleichzeitig allerdings wurde das Russische als einzige vor Gericht zugelassene Sprache bestimmt. 1887 wurde das Russische als allgemeine Unterrichtssprache an allen staatlichen Gymnasien vorgeschrieben, 1889 auch für die Privatschulen. ... Schrittweise wurde das Russische als Vorlesungssprache eingeführt. 1883 wurde die stadt Dorpat (Tartu) in Jurjew umbenannt.

Der damalige deutsche Botschafter in Petersburg, von Schweinitz, berichtet von einer Reise in die Ostseeprovinzen: “... Schulen, in welchen Lehrer und Kinder sich nicht verstehen, Ratsversammlungen, in denen russisch gesprochen und geschrieben werden soll, wozu nur die wenigsten Mitglieder fähig sind, Gerichtssitzungen, in denen die Richter sich weder mit den Angeklagten noch mit den Zeugen verständigen können...” (Nach Wittram, 1954, S.222f.)

Litauen

Litauen war, wie Kurland, erst mit der letzten polnischen Teilung 1795 an Rußland gekommen (1795-1915). ... Anders lagen die verhältnisse beim polnischen Aufstand von 1863. Während es 1830/31 darum ging, den alten polnisch-litauischen Staat, die Rzeczpospolita, wiederherzustellen, spielten 1863 auch soziale aspekte eine Rolle. Träger des Aufstands war dieses Mal das Bürgertum.... Doch der Aufstand wurde niedergeschlagen. Die Rache der russischen Macht ließ nicht auf sich warten... Am einschneidensten war eine Maßnahme, die der späteren Russifizierung bereits vorgriff. Es war ab sofort verboten, litauische Texte wie bisher in lateinischer Schrift nach litauischer Rechtschreibung zu drücken. Litauische Bücher, Zeitungen usw. durften nur noch in kyrillischen Buchstaben gedruckt werden. Dazu kamen im Laufe der Zeit weitere Maßnahmen zur Russifizierung des Landes, wie sie sonst erst später, in sowjetischer Zeit, angewandt wurden: z.B. die Ansiedlung russischer Bauern in Litauen, die dann eine bevorzugte Behandlung seitens der Behörden genossen. Ziel war es, die litauische Sprache, das litauische Volk zu überlagern und schließlich zu assimilieren....”

1905 Revolution im Russischen Reich.  1906 Blutige Niederschlagung der Revolution im Baltikum.  1914-1918 Der Erste Weltkrieg.

1918    Unabhängigkeitserklärungen:  16 Februar-Litauens; 24 Februar- Estlands; 18 November- Lettlands.

1939.08.23. Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der UDSSR. “Zusatzprotokoll”: die baltische Staaten und Finnland kommen zur sowjetischen “Interessensphäre”.  

1940.06.15-17. Besetzung der baltischen Staaten durch sowjetischen Truppen. 1941.06.14 Deportationswelle.

1941-1944 Besetzung durch die deutsche Wehrmacht.

1945 Das Baltikum ist wieder von sowjetischen Truppen besetzt. 1949 Zweite Deportationswelle.

“...Als bedrohlich, vor allem für Estland und Lettland, erweisen sich die während der Sowjetzeit zu Hunderttausenden angesiedelten Zuwanderer, wodurch das ethnische Gleichgewicht innerhalb der Bevölkerung stark verschoben ist. ...

Als die Sowjets die baltische Länder besetzen, sprachen außer der russischen Minderheit nur die älteren Gebildeten russisch. Im Laufe der Jahre lernten notgedrungen immer mehr die Sprache der Besatzungsmacht. Wer es zu etwas bringen wollte, mußte Russisch können. Und nur allzu bald kam man auch im täglichen Leben nicht mehr ohne russische Sprachkenntnisse aus. ...

Die Schulpolitik wurde nicht so rigoros gehandhabt wie unter den Zaren. Es gab neben den russischen, estnische, lettische und litauische Schulen. Doch beklagten sich z.B. in den siebziger Jahren Esten darüber, daß für die Ausbildung von Russischlehrern an estnischen Schulen die Kapazitäten verdoppelt wurden, während die Ausbildung von Estnischlehrern an russischen Schulen eingestellt wurden. So sollten an estnischen Schullen möglichst zwei Fächer nur in russischer Sprache unterrichtet werden, während der Russifizierung unter dem Zaren waren es alle Fächer. ...

Sprache ist ein Faktor der nationalen Identifikation. Mit Gründung der drei Republiken wurden 1918 estnisch, Lettisch und Litauisch im betreffenden Land Staatssprache, Amtsprache.     Bei der Eingliederung der baltischen Staaten 1940 in die Sowjetunion blieben die jeweiligen Landessprachen zwar Amtssprache, es kam aber als zweite Amtssprache das Russische hinzu. Die offiziellen Erklärungen zur Zweisprachigkeit ließen eine Gleichberechtigung der Landessprache mit dem Russischen vermuten. Daß es sich anders entwickelte und auch anders gedacht war, zeigte sich bald. In vielen sozialen und vor allem beruflichen Bereichen wurde das Russische rasch zur einzigen Verständigungssprache, im Verwaltungsapparat, in den Führungen von Industriebetriebe, im Transportwesen, vor allem natürlich im Parteiapparat, in der Schiffahrt, in der Luftfahrt, Gebiete, die im wesentlichen Russen vorbehalten waren, denn man hielt Einheimische im allgemeinen für politisch weniger zuverlässig. Beim sowjetischen Militär war Russisch die einzige Kommandosprache.

Unter diesen Umständen war es eine der dringensten Forderungen, die dei Volksfrontbewegungen in Estland, Lettland und Litauen erhoben, daß die jeweilige Landessprache wieder einzige Amtssprache werde. Tatsächlich wurde noch während der Sowjetherrschaft vom Obersten Rat eines jeden der drei Länder die Landessprache wieder zur einzigen Amtsprache erklärt. Darauf wurde vor allem von russischer Seite, ebenso aber aus anderen Ländern, auch westlichen, die Frage aufgeworfen, warum man nicht das Russische wenigstens als zweite Amtssprache zulassen wolle. Die Antwort ist: wenn man Russisch als zweite Amtssprache einführen würde, wäre es bald wieder zur dominierenden Sprache geworden. Der Großteil der zugewanderten Russen oder russifizierten Angehörigen anderer Völker würde es nach wie vor für überflüssig halten, die Sprache eines kleinen Landes zu erlernen, denn, so wurde betont, diese sei ohnehin zum Aussterben verurteilt.

In allen drei Ländern wird versucht, die Verhältnisse durch ein Sprachengesetz zu regeln. In jedem Fall soll erreicht werden, daß Personen, die mit Publikum zu tun haben, die Landessprache wenigstens in dem Ausmaß beherrschen, wie es ihre jeweilige Aufgabe verlangt.... ... Die Bewertung in den Punkten “ Demokratie und Rechtstaatlichkeit” sowie”Menschenrechte umd Minderheitenschutz” ist für alle drei Länder positv.  Bei der Empfehlung, eine bessere Integration der Zugewanderten zu erreichen, ist offensichtlich nicht berücksichtigt worden, daß zwar ein Teil der Betroffenen bereit ist, sich integrieren zu lassen, ein anderer- nicht geringer- Teil sich aber durchaus nicht integrieren möchte.”