Matthäus Prätorius  Geschichtsschreiber der Preussischen Kultur             Leben, Werk, und Wissenschaftliches Schafen

Inge Luksaite

Zusammenfassend könnte man sagen, daß Prätorius in seiner Preussischen Schaubühne verschiedene wissenschaftliche Probleme aufgeworfen hat. Die wichtigsten davon konnten wegen des mangelhaften Niveaus der damaligen humanistischen Wissenschaft nicht gelöst werden, doch von besonderem Wert ist ihre Formulierung durch Prätorius.

Die Kritik an der Preussischen Schaubühne, die ihren Druck vom 18. bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verhinderte, rührte sowohl von den Mängeln als auch - so paradox es auch erscheinen mag - von ihren Vorteilen her, die am Ende unseres Jahrhunderts ersichtlich sind.Weder zu Prätorius‘ Lebzeiten noch später, als sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Königreich Preußen die Weltanschauung vom aufgeklärten Absolutismus gefestigt hatte, war das Auffassungsparadigma der preußischen Vergangenheit, die der Historiker formuliert hatte und sie zu verwirklichen suchte, akzeptabel. Der hartknochschen Auffassung ist es in mancher Hinsicht ähnlich, doch auch eigenartig. Hartknoch, der die preußische Vergangenheit in zwei Perioden  die alte, pruzzische, und die neue, die der deutschen Staatlichkeit  eingeteilt hatte, war hinsichtlich der politischen Konjunktur ziemlich korrekt. Der sogenannten Landesidee konnte die Auffassung, daß der alte Zeitabschnitt zwar bestand, doch längst unwiederbringlich vorbei war, nachdem sich das alte Preußen in dem neuen aufgelöst hatte, von Nutzen sein. Diese Art der Vergangenheitsauffassung behinderte die Bereitschaft zur schnellen Integration aller Nationalitäten in die deutsche Gesellschaft des Königreichs Preußen nicht. Prätorius, der die Geschichte und Kultur der alten Pruzzen zu seinem Untersuchungsgegenstand gemacht hatte und den Pruzzen eine langjährige Existenz (eine unmittelbare Kontinuität seit der Antike) sowie politische Aktivität und das Recht zur eigenen Kultur zuerkannte, war hinsichtlich der politischen Konjunktur unbequem. Dieser stand aber zu, über die Herausgabe des Manuskripts zu entscheiden. Kurz und gut entsprach die Grundkonzeption des Werkes nicht der vorherrschenden Strömung der damaligen politischen deutschen Geschichtsschreibung.

Das Werk von Prätorius war originär in seinem Versuch, sowohl die Politik als auch die Kulturgeschichte zu umfassen, wobei letztere mit Vorzug behandelt wurde. Ein anderes Modell beim Verständnis der preußischen Vergangenheit  (Lebensart und Spracherscheinungen werden für genauso wichtig wie die politische Geschichte gehalten; Einsicht in die Wichtigkeit der sprachlichen Kultur) war ein Zeichen dafür, daß Prätorius mit seinem Werk die Grenze zum Gebiet der sich als Wissenschaft herausbildenden Ethnographie überschritten hatte. Das Bestreben, der alten pruzzischen Kultur einen besonderen Wert und das Ausmaß einer Zivilisation zuzumessen, die große Distanz zwischen dem vom Historiker gestalteten Auffassungsparadigma der Vergangenheit und dem Erkenntnisstand der damaligen humanistischen Wissenschaften machte sein Werk in methodologischer Hinsicht äußerst verletzlich. Trotz vieler Mängel ist die Preussische Schaubühne von Prätorius mit seiner Auffassung der preußischen Vergangenheit eines der originellsten und eigenständigsten Denkmäler in der Geschichtsschreibung, das in vieler Hinsicht eine unersetzliche Quelle der Geschichte, vor allem der Kulturgeschichte, darstellt.

”SIEBEN HUNDERT JAHREN DEUTSCH-LITAUISCHER BEZIEHUNGEN”                                                      Dr. Wilhelm Storost- Vydunas   Original Ausgabe 1932 in Tilsit

Anlaß zur Abfassung und Herausgabe dieses Buches

Wurde das Litauertum seit jeher seitens vieler Deutscher mit Mißachtung behandelt, so steigerte sich diese nach dem großen Kriege ins Schrankenlose. Besonders machte sich das in Preußisch-Litauen fühlbar. Auch das Heimatrecht, so hieß es, sollen die preußischen Litauer nicht besitzen. So erhoben sich von selber die Fragen nach der Heimat, nach seinen Bewohnern, nach dem Wesen des Deutschtums und Litauertums, nach dem, was wahre Deutsche über beide geäußert haben, wie die Beziehungen beider begannen und wie sie sich im Laufe der Jahrhunderte gestaltet haben. Und das Nachdenken darüber ergab bestimmte Betrachtungen und Zukunftserwägungen. Daß damit, wie Deutsche dem Litauertum mit Wort und Tat begegnet sind, der wahre Gehalt des Deutschtums nicht zum Ausdruck gekommen ist, unterliegt wohl keinem Zweifel. Dennoch wird zu den meisten  Ausführungen in diesem Werke deutsches Schrifttum benutzt. In ihm gibt es durchaus auch viel Bejahendes für das Litauertum. Das mag gegenüber dem unerhörten deutschen Angriff auf dieses beiden Seiten eine Genugtuung gewähren und sie zu einer ruhigen Beurteilung des wahren Sachverhaltes veranlassen.