Letzte Aktualisierung 01.10.00.

“ Sieben Hundert Jahren Deutsch-Litauischer Beziehung     Dr. Wilhelm Storost-Vydunas Originalausgabe 1932 in Tilsit

Heimatmenschen

Ein deutscher Gelehrter unterscheidet zwischen Stand und Wandervölkern. Das soll für die Urzeit der Menschen gelten. Heute scheint ein jedes Volk seine Heimat zu haben. Und doch zeigen sich auch gegenwärtig bei jedem noch Eigenheiten, die durch die Ausdrücke Stand- oder Wandervolk zusammengefaßt werden können. In jenem herrscht die Beharrung, in diesem die Ruhelosigkeit vor.

Diese Grundmerkmale schließen aber sehr viele andere ein. Das Standvolk lebt mehr in Übereinstimmung mit der Natur. Das Wandervolk neigt dazu, die Naturordnung zu durchbrechen. Da sich aber kein Mensch den Naturgesetzen entziehen kann, ergibt sich daraus etwas Merkwürdiges.

Der Mensch des Standvolkes ist harmonisch, der des Wandervolkes unharmonisch. Jener hat wenig Bedürfnisse, ist maßvoll, genügsam und zufrieden, erfreut sich seines seelischen Gehaltes, dieser hat alle möglichen und unmöglichen Bedürfnisse, ist maßlos und ewig unzufrieden, strebt fortgesetzt nach Erwerb.

Darum aber könnte der Mensch des Standvolkes auch der zurückgebliebene, der des Wandervolkes des mehr entwickelte sein. Der Vorteil in einer Beziehung hebt wohl den Mangel in einer andern auf.

Ganz auffällig ist bei manchen Völkern das Verlangen nach Besitz, nach materiellen Gütern, die leicht gegen andere ausgetauscht werden können. Dieses Verlangen zeigt sich um so deutlicher, je völliger die Menschen heimatlos geworden sind. Es scheint so, als ob das Bewußtsein, keinen eigenen Boden unter den Füßen zu haben, die Sucht erweckt, möglichst viele Güter in die Hände zu bekommen. Aus der Heimatlosigkeit wird der materialistische Sinn geboren.

Nun fragt es sich aber, warum denn wohl die Völker wandern? Die gewöhnliche Antwort, daß der ursprüngliche Wohnort nicht mehr ausreichende Nahrung biete, ist nicht zu begründen. Auch heute noch wandern die meisten Menschen nicht aus diesem Grunde. Man prüfe das nur genauer.

Die Wandernden sind immer Menschen mit besonders lebhaften Wünschen und Erwartungen, mit leicht erregbarer Phantasie, mit mangelnden Überlegung, oft mit starkem Besitz- und Machtverlangen, aber auch mit viel Wagemut. Meist ist ihnen ein Hang zu Abenteuern eigen. Sie haben Lust zum Unbekannten, Lust zur Ferne.

Und heute wandern wohl mehr Menschen als jemals. Wenn früher Völkerhaufen zeitweilig aufbrachen und über Länder zogen, so sind heute wohl beständig einige Millionen von Menschen unterwegs. Die Verkehrsmittel ermöglichen dies. Darum haben wohl auch mehr Menschen als je in unserer Zeit das Verlangen nach Neuem, nach der Ferne. Man könnte fast sagen, ein großer Teil der Menschheit, zum mindesten der europäischen, befindet sich heute fortwährend auf Wanderschaft.

Aber so treten auch immer deutlicher die Unterschiede zwischen den Heimatmenschen und den Eingewanderten hervor. Schon der sonderbare Zustand, den man das Heimweh nennt, scheidet sie. Er kann nur dem Heimatmenschen wirklich eigen sein. Denn sicher beruht dieser Zustand auf einer unverkennbaren Tatsache.

Jede Gegend, jeder Gau muß seine eigenen Schwingungen terrestrischer Kräfte haben. Sonst wäre er nicht eigenartig an Gestaltung, an Pflanzen und Tieren. Und diese Kräfte müssen natürlich auch im Menschen wirksam sein, und um so stärker, je länger er in seiner Geschlechterreihe mit diesem Boden verbunden war.

Darum überkommt den Heimatmenschen in fremdem Land auch dieses merkwürdige Gefühl, als ob ihn alle Kräfte verließen, als ob er hinsinken müßte.

Heimatmenschen empfinden darum aber auch das ganze Leben und den ganzen geistigen Gehalt der Natur und des Daseins viel tiefer und inniger als die Wandernden und als die Eingewanderten. Ja sie kommen gar noch drüber hinaus. Sie fühlen sich im Urgrund des Kosmischen wurzeln. Sie sind die religiösen Menschen.

Von dieser Warte aus sollten wir die Menschen unserer Heimat beurteilen. Sie sind ihrer Abstammung nach Litauer, Deutsche und Juden. Außer diesen gib es dann noch einzelne von anderer Herkunft. Diese aber verlieren sich unter den Lebenskräften der anderen. Solche Menschen mögen daher unberücksichtigt bleiben.

Wegen der andern aber sei die Frage aufgeworfen: Wer sind nun die Heimatmenschen? ... ...

“Das Volkstum der Bewohner unserer Heimat”