Letzte Aktualisierung 01.09.00.

Einige Besonderheiten der Litauischen Sprache

Aus dem Buch “Litauen   Antlitz eines Volkes” von Dr. Victor Jungfer

“Zu den altertümlichen Bestandteilen des Litauischen lassen sich auch die Diminutive oder Verkleinerungsformen rechnen, die wohl in keiner lebenden Sprache in solcher Fülle verwandt werden. Sie umgeben die Sprache wie ein buntes Rankenwerk und sind namentlich aus den Volksliedern nicht wegdenkbar. Während aber z.B. Hochdeutsche heute nur zwei solche Diminutive kennt, ...chen und ...lein, verfügt das Litauische über eine unvergleichlich grössere Anzahl, die nicht nur an Substantive, sondern auch an Adjektive, ja sogar an Verben und Adverbien angehängt werden. Nehmen wir etwa das Wort “klein” - mazas, so finden wir folgende Formen: mazalelis, mazilelis, mazelelis, mazutis, mazytis, maziukas, mazulelis, maziuliukas, mazulytis, mazutelis, maziulis, mazylis, mazuciukas. W. Kalwaitis zählt in seinem “Litauischen Namensschatz”nicht weniger als 66 Verkleinerungsformen für das Wort “mama”- Mutter auf, darunter sogar ein fünffaches Diminutivum mamaituzuzuzele.

... Die gefülswerte der einzelnen Verkleinerungsformen sind, abgesehen von den formelhaft gewordenen, grossenteils sehr verschieden und zeigen alle Schwankungen von zärtlichster Liebe bis zu stärkster Verachtung. Sehen wir das erstere etwa in Koseformen für Mutter: mamele, mamyte, mamaite, mamuzele, motule usw.- die wir im deutschen nur mit liebes, gutes, teures, zartes, trautes, herzinniges Mütterlein wiedergeben können, also mit einem ganzen Schatz von Adjektiven, sodienen andere Verkleinerungsformen zum Ausdruck des Grausigen, Absonderlichen, Bizarren, wie etwa die Suffixe, die wir beim Worte “Teufel”- velnias finden- velniukas, velnykstis, velniukstis. So würde auch die Bedeutung von “varliukstis” (varle-Frosch) nur mit “kleiner armseliger Frosch” wiedergegeben werden können.

... So lässt die Vorliebe des Litauers für Diminutive vieleicht auch den Schluss auf eine gewisse seelische Grundstimmung zu, wie ihn C. Reisig mit den Worten ausdrückt: “Wenn eine Sprache reich ist an Diminutivendungen, so lässt sichdaraus ein gewisser Charakter der Nation erkennen; es liegt darin etwas Freundliches, Scherzhaftes”.

 

Die heutige Sprachwissenschaft weist darauf hin, dass sich in der litauischen Sprache noch die Intonation der indogermanischen Ursprache erhalten habe....

... Er (Rhythmus-R.A.) gehört zu den Bestandteilen der litauischen Sprache, die für einen Ausländer unerfassbar und unlernbar sind. Ich lasse daher, um von seinemWesen wenigstens eine kleine Vorstellung zu geben, Vydunas zu Worte kommen: “ Einen ganz eigenen, für die Gegenwart einzig dastehenden Charakter hat die litauische Sprache in rhythmischer Hinsicht. Sie bewegt sich nämlich unter einer Spannung von zwei parallelenRhythmen, die gleichsam gegeneinander wirken. Der Grundrhythmus ist derjenige des Wechsels von langen und kurzen Lauten oder Silben. dazu kommt der Wechsel zwischen höherem und tieferem Ton. Und zwar fällt der Hochton oft entgegen der Kraft des langen vollen Lautes auf den kurzen Vokal, z.B. bei einzelnen Wörtern: sunus, der Sohn, upe, der Fluss. Der Ton wandert aber in den verschiedenen Fällen der meisten flektierten Wörter von einer Silbe zur anderen ... doch hat der Rhythmus des Tones nur eine sekundäre Bedeutung ... Die Sprache bewegt sich vielmehr schwebend weiter wie ein Gesang. Deshalb hat sich auch der Formenreichtum bisher erhalten. ...” “